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DIE O-ANTIPHONEN Von Theodor Schnitzler In „Was das

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DIE O-ANTIPHONEN
Von Theodor Schnitzler
In „Was das Stundengebet bedeutet“ Herder 1980 S. 193-207
Wir alle lieben die „Großen Antiphonen“ die O-Antiphonen. Jedes Jahr im Advent nehmen sie unsere
Frömmigkeit in Anspruch und nähren unser Gebet.
Doch müssen wir zugeben, dass wir all zu wenig von diesen großen Texten wissen. Darum mögen diese
Überlegungen ein wenig zu tieferem Verständnis helfen und zugleich ein Beispiel der Textinterpretation des
Stundengebetes liefern, die eigentlich mehr Aufmerksamkeit und Ausbreitung verdient.
Von der Geschichte der O-Antiphonen
Der Ursprung der Antiphonae Maiores lässt sich bisher nicht feststellen. Stammen sie aus Griechenland, aus
Rom, aus altem gallischem Erbe?
Wir wissen nur ein Tatsache: Von Abt Alkuin von Tours (730 – 804) und „Kultusminister“ Karls des Großen
und sein und seiner Familie Lehrer (* 730 in England, + 804) wird berichtet, er habe die Antiphon „O clavis
David“ besonders geliebt.
Unter Alkuins Schüler Bischof Amalar von Metz-Trier (gest. 850) nehmen die O-Antiphonen ihren heutigen
Raum und Rang ein. Daher kann man vermuten, dass sie aus dem benediktinischen Mönchtum der
Karolingerzeit stammen, wenigstens was ihre Übernahme in den Gebrauch betrifft.
Die O_Antiphonen haben eine nahe Verwandtschaft in Form und Stil mit den Antiphonen des 1. Januar. Sie
atmen die Schriftnähe und Freude am Alten Testament. Beide lieben es Florilegien von Schrifttexten zusammen
zu stellen.
Eine geistige und stilistische Verwandtschaft möchte man auch mit dem „Pontifcale Romano-Germanicum“
annehmen, das, wenn wir an Weihe und Kirchweihe u. a. denken, ähnlichen Gestaltungsprinzipien folgt.
Setzt man den Ursprung der adventlichen O-Antiphonen um 800 an, so entdecken wir interessante
Zusammenhänge. Zwar bietet die „karolingische Renaissance“ eine Epoche der Kultur, des Kultes und des
Friedens.
Doch 799 wurde Leo III. in Rom überfallen, geprügelt und musste nach Paderborn zu Kaiser Karl fliehen. 846
wurde die St. Peter-Vorstadt in Rom von den Sarazenen besetzt, geplündert, zerstört. Dass die Araber 732 bei
Poitiers nicht weit von Paris standen, war nicht allzu lange her.
Von daher können wir die beiden Grundzüge der O-Antiphonen verstehen: höchste liturgische und dichterische
Kultur und zugleich intensive Parusie-Erwartung.
Diese Zeit des vermutbaren Ursprunges der O-Antiphonen ist eine Zeit der Innerlichkeit. Kloster um Kloster
wurde gegründet. Das lateinische Erbe, von England her übergetragen, wird in den Abteien lebendig. Die
benediktinische Lebensform wird zum Richtmaß religiösen Aufbaus. Die monastische Kultur schafft
Fluchtburgen für die bedrängende Not der Tage.
Dies alles könnte man in den adventlichen Großen Antiphonen wie im Spiegel sehen.
Hier lebt eine reiche tiefe Inwendigkeit; hier drücken sich Menschen aus, die die Heilige Schrift, auch die des
Alten Testaments, kennen und aus ihr das Destillat ihrer Gebetstexte schaffen.
Hier walten dichterische und kompositorische Begabung. Hier wird ein poetisches und liturgisches Kunstwerk
höchsten Ranges geboten.
Vorüberlegung über O und veni (komm!)
Vor dem Text der einzelnen Antiphonen seien diese beiden auffallenden und immer wiederkehrenden Worte
betrachtet.
Der Name lautet Antiphona O. Da stehen A und O nebeneinander. Soll das vielleicht auf den Hinwiesen, der das
Alpha und Omega (Offb 22,13 „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“) ist, der
Erste und der Letzte, der kam und kommen wird?
Will das A – O sagen, dass dies Christuslieder sind?
O ist das Wort des lebhaften Affektes in der lateinischen Sprache und in vielen anderen Idiomen. Aus der
deutschen Sprache wurde es grausam verbannt. In den Gebetbüchern ist es verpönt.
Dennoch lebet es in zahlreichen Ausrufen der Umgangssprache. Es ist ein sehr rascher, ein tiefer menschlicher
Laut. Es sieht und hört sich an wie ein offener Mund, der noch nicht weiß, ob er klagen oder staunen soll.
Veni! Komm! Dieser Ruf spielt eine große Rolle in den verbreiteten Rufliedern der Antike, die so etwas wie
Volkslied und Kinderlied und gebet waren, verwandt mit dem Kinderlied, das Augustinus im Garten hörte:
„Nimm und lies“. (Konfessiones VIII, 12,29)
Urerlebnis der Menschen ist die Ankunft, das Kommen. Der einsam wohnende Mensch, etwa auf einer Insel,
hält Ausschau nach dem Schiff, das am Horizont sichtbar wird. Er wartet gespannt. Er empfängt von dem, der
kommt, Nachrichten und ernste und frohe Botschaften, allerlei Gaben und Güter, und die Heimkehr wird
angebahnt.
Socher Art ist die Erwartung, aus der wir zu Christus rufen: „Veni!“ Wenn er kommt, hört alle Einsamkeit auf.
Das Veni macht die O-Antiphonen zu einem Inkarnations- und Erlösungsgebet, zu einem Weihnachts- und
Parusieruf. Es wird zum Grundton jener Lieder, die nichts anderes sind als Variationen über den Schluss der
Geheimen Offenbarung (Offb 22, 16.17.20):
„16Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der glänzende Morgenstern.
17
Wer hört, der spreche: Komm!
Wer dürstet möge kommen…
20
Der dies bezeugt, Spricht: Ja, ich komme bald.
Amen. Komm, Herr Jesu!“
Die einzelnen Antiphonen
O Sapientia,
quae ex ore Altissimi prodiisti,
attingens a fine usque ad finem,
fortiter suaviterque disponens omnia:
veni ad docendum nos viam prudentiae.
O Weisheit,
aus dem Munde des Höchsten bist du hervorgegangen
und wirkst mit Macht von Ende zu Ende,
und lieblich ordnest du alles.
Komm und lehre uns den Weg der Klugheit.
Zum Text:
Die Antiphon besteht aus mehreren Teilen.
Der Beginn stammt aus Jesus Sirach 24, 3: „Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor / und wie Nebel
umhüllte ich die Erde.“
Die Fortsetzung ist aus der Weisheit Salomons 8, 1: „Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem
Ende zum andern / und durchwaltet voll Güte das All.“
Die Bitte ist formuliert nach Psalm 25, 4: „Zeige mir, Herr, deine Wege, / lehre mich deine Pfade!“ verflochten
mit Sprichwörter 9, 6: „Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, / und geht auf dem Weg der
Einsicht!“ Anders übersetzt „/ und schlagt den Weg der Klugheit ein!“
Zu beachten sind noch folgende Textvergleiche: Offenbarung 1,16 () „In seiner Rechten hielt er sieben Sterne
und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll
strahlende Sonne.“ Und Offb 19,15 „Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert“;
vergleicht man mit Hebräer 4,12: „Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes
zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es
richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens;“, so ergibt sich die Gleichung: Weisheit = Schwert.
-Weisheit 12,1(„Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach;
du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich
glauben, Herr…“) spricht vom Geist, der „bonus et suave (gut und süß)“; daran knüpft an Matthäus 11,30(„Denn
mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“) mit der Versicherung, das Joch des Herrn sei „suave (leicht)“:
Exodus 13,3(„Mose sagte zum Volk: Denkt an diesen Tag, an dem ihr aus Ägypten, dem Sklavenhaus,
fortgezogen seid; denn mit starker Hand hat euch der Herr von dort herausgeführt.“) liefert die Formulierung von
der starken Hand des Herrn, der sein Volk führt.
-Im Gesamtductus entspricht die Antiphon dem Gebet Salomos um Weisheit (1 Kön 8, 15-16 „Gepriesen sei der
Herr, der Gott Israels. Seine Hand hat ausgeführt, was sein Mund meinem Vater David verheißen hat, als er
sprach: Seit dem Tag, da ich mein Volk Israel aus Ägypten führte, habe ich aus keinem der Stämme Israels eine
Stadt für den Bau eines Hauses erwählt, um meinen Namen dort wohnen zu lassen. David aber habe ich zum
Herrscher über mein Volk Israel erwählt.“)
Zum Verständnis des Textes
Die Weisheitsbücher, die in den beiden letzten Jahrhunderten vor Christus in Alexandrien geschrieben wurden,
sehen in der Weisheit, dem Gegenstück der Torheit, eine personifizierte Eigenschaft Gottes und schildern sie in
poetischen Bildern.
Die Theologen und Beter der Christenheit setzen die Weisheit mit dem Logos – Christus gleich.
Aus dieser Gedankenwelt stammt die Anrufung und Darstellung Mariens als „Thron der Weisheit“. Die wohl aus
karolingischer Marienverehrung stammenden Messformulare am Mariensamstag gehen einen Schritt weiter und
sehen in der „Weisheit Maria“.
In unserem Zusammenhang ist „O Weisheit“ eindeutig ein Ruf an Christus. Christus wird hier geschaut als der
neben dem Vater thronende Sohn, der Logos.
Nach der Anrede wird der Text zu einem vielfältigen Netzwerk verschiedener Schriftzitate und Allusionen, die
nur zu verstehen sind als Verdeutlichung der Anrede an Christus oder als Christushymnus, der die Bitte einleitet.
Zur Entfaltung des Textes
Der erste Vers „aus dem Munde des Höchsten bist du hervorgegangen“ fügt sich im Sinne der Gleichung
Weisheit - Logos unmittelbar an die Anrede an. Doch kann der Vers nicht nur als Herkunftsangabe des
göttlichen Wortes verstanden werden. Er will verdeutlichen und verschärfen durch die Anspielung auf
Offenbarung und Hebräerbrief: Die Weisheit ist das schneidende Schwert aus Gottes Mund, sie ist unbequem,
sie trennt Mark und Bein (Hebr 4,11-12 „Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes
anvertraut; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber
nicht erkennen; / hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, / damit sie sich nicht bekehren / und ihnen nicht
vergeben wird.“ vgl. Mal 3,2 „Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? / Wer kann bestehen, wenn er
erscheint? Denn er ist wie das Feuer im Schmelzofen / und wie die Lauge im Waschtrog.“), sie fordert heraus zu
letzter Konsequenz und Selbstaufgabe.
Der zweite Vers: „Sie erstreckt sich von einem Ende zum anderen, das All durchwaltet sie kraftvoll“ verstärkt
die Schilderung der Weisheit: Sie ist allumfassend, voll Kraft und Tat; sie verglüht nicht in Gedanken, sondern
ist von der Wirksamkeit, die in der scholastischen Gottesaussage, Gott sei der actus purus, liegt.
Der dritte Vers möchte verbessern. Die Weisheit ist nicht geräuschvoller Aktivismus! Sie durchwaltet alles suaviter, in milder, menschenfreundlicher Güte und Zartheit. Das Christusbild schlägt um in seine zarten innigen
Farben.
So kann der Hymnus an Christus zusammengefasst werden in die Litanei: Christus - Weisheit- Logos Weltenlenker - Kraft - Güte!
Der vierte Vers beginnt den Bittabschnitt mit dem lapidaren Wort „Komm!“. Die besondere Bitte, die dem Veni
angehängt wird, heißt: „Lehre uns den Weg der Klugheit!“ Statt Klugheit sollte man im Sinne der Vorlage besser
„Weg der Einsicht“ sagen, sie ist ja der erste Schritt der Klugheit. Wer einsichtig zu sein sich bemüht, ist auf
dem Weg der Klugheit und auf dem Weg Gottes. Einsicht ist aber das Gegenteil von uneinsichtig, verbohrt,
verkehrt, verblendet, introvertiert. Einsicht ist das Abwerfen der Scheuklappen.
Die Aktualität des Textes
ergibt sich auf den ersten Blick. Der ‚Moderne‘ lehnt die Einsicht ab und ruft nach Revolution, begründet sie mit
Theologie der Revolution. Der ‚Moderne‘ steht in der Masse und bedarf nicht des Kommens eines anderen, er
ist autark und erlöst sich selbst. Der ‚Moderne‘ bedarf keiner Führung, er weiß selber den Weg der
Forschung und der Natur, der genügt. Der ‚Moderne‘ bedarf keines göttlichen Logos, er lehnt Johannes und
Nicaea ab, er kennt Christus als ‚Revolutionär‘ und als ‚Hippie‘, aber nicht als Weltordner und
Weltweisheit. Nun kann die Antiphon zur Betrachtung, zum Gespräch, zur Bewältigung des Alltages
werden. Ein Christuslied in die moderne Welt hinein!
O Adonai,
et dux domus Israël,
qui Moyse in igne flammae rubi apparuisti,
et ei in Sina legem dedisti:
veni ad redimendum nos in brachio extento.
O Adonai,
Herr und Führer des Hauses Israel,
der du dem Mose in der Feuerflamme des
Dornbusches erschienst
und ihm auf Sinai das Gesetz gegeben hast.
Komm und erlöse uns mit ausgestrecktem Arm.
Zum Text
Der Titel Adonai ist nachzuweisen Jesaja 1,24 („Darum - Spruch Gottes, des Herrn der Heere“). Er kommt
von Adon = Kyrios = Herr = Kaiser. Eine gebräuchliche Götter- und Herrscheranrede! Die Endsilbe
besagt: mein.
Das Wort Führer - dux des Hauses Israel ist uns geläufig aus Matthäus 2,6: „Du, Betlehem im Gebiet von
Juda, / bist keineswegs die unbedeutendste / unter den führenden Städten von Juda; / denn aus dir wird ein
Fürst hervorgehen, / der Hirt meines Volkes Israel." Der Evangelist zitiert den Propheten Micha 5, 1(„Aber
du, Betlehem-Efrata, / so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, / der über Israel
herrschen soll.“).
Es ist zu beachten, dass das Wort dux gern gebraucht wird im germanischen Bereich, wo der Träger der
Macht Herzog oder Dux heißt.
Die Erinnerung an den brennenden Dornbusch (Exodus 3) beschwört die Initialvision der Herausführung
aus der ägyptischen Knechtschaft, die Herzmitte der alttestamentlichen Offenbarung.
In rascher Verknüpfung wird nun die Gesetzgebung auf Sinai genannt, wobei der Name des Berges in der
Form „Sina“ dem Galaterbrief 4,24.25 („24 Darin liegt ein tieferer Sinn: Diese Frauen bedeuten die beiden
Testamente. Das eine Testament stammt vom Berg Sinai und bringt Sklaven zur Welt; das ist Hagar - denn
Hagar ist Bezeichnung für den Berg Sinai in Arabien - und ihr entspricht das gegenwärtige Jerusalem, das
mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.“, der Vulgata und der Liturgie entspricht. Hier geht es um den
großen alttestamentlichen Bundesschluss.
Wenn dann die Bitte, eröffnet von dem Ruf „Komm“, um Erlösung „mit ausgestrecktem Arm“ folgt, dann
wird wiederum ein gefeiertes alttestamentliches Bild verwendet, dessen erste Form Deuteronomium 5,15
bietet: „Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und
hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den
Sabbat zu halten.“ Das Bild ist antikem Kampfzeremoniell entnommen; der ausgestreckte Arm trägt Speer oder
Schwert, um loszuschlagen.
Allerdings darf und muss der christliche Beter auch an die ausgestreckten Arme des gekreuzigten Erlösers
denken.
Gebetswerte des Textes
Die Anredelitanei beginnt mit einem österlichen Ruf. Denn "Adonai" gleicht dem Thomasgebet "Mein Herr und
mein Gott!" Sie erinnert mit dem Titel "dux - Führer - Herzog" an die große Ostersequenz des Wipos („Dem
Osterlamm, das geopfert wurde, weiht, ihr Christen, das Opfer des Lobes! / Das Lamm erlöste die Schafe.
Christus, der ohne Schuld, / versöhnte die Sünder mit dem Vater. / Tod und Leben stritten im Kampf, wie nie
einer war: / Der Fürst des Lebens, der starb, regiert als Lebendiger.“) „dux vitae“.
Mit äußerst kühner Konsequenz wird Christus angeredet als der, der im brennenden Dornbusch erschien. Die
Kühnheit ist berechtigt, da das Johannesevangelium gilt: „Ich und der Vater sind eins!“ (Joh 10,30) Aber der
Dichter der Antiphon dachte wohl auch an die drei Jünglinge im Feuerofen (Dan 3,1-97), Vorbilder des
Ostergeheimnisses: im brennenden Dornbusch seiner Passion (vgl. auch Psalm 118 [117], 12“Die Völker
umschwirren mich wie Bienen,/ wie ein Strohfeuer verlöschen sie/ ich wehre sie ab im Namen des Herrn“) wird
die göttliche Herrlichkeit Christi offenbar.
Ebenso kühn ist die Übereignung der Gesetzgebung auf Sinai an Christus. Sicherlich hat der Verfasser ebenso an
den Berg der Bergpredigt gedacht wie an den Sinai.
Eine christusbezogene Gottesaussage geschieht auch in der Bitte: „Erlöse uns mit ausgestrecktem Arm!“ Sie
wird auf den Gekreuzigten gerichtet, wird unter den ausgespannten Armen des Gekreuzigten gesprochen.
Die Antiphon des hohen Advents wird zur Osterantiphon. Im Adventsdunkel erscheint das Osterbild des
gekreuzigten und auferstandenen Herrn wie eine Vision dessen, der einstmals kam, und dessen, der kommen
wird.
Zugleich bleibt der Kern dieses Osterhymnus ein Weihnachtslied.
Denn der brennende Dornbusch, der nicht verbrennt, wird von der Liturgie des 1. Januar auf Mariens
Mutterschaft gedeutet (O Dornbusch, den Mose schaute! Brennend verbranntest du nicht. In dir erkennen wir ein
Gleichnis der seligen Jungfrau, die unversehrt gebar. Gottesmutter, bitte für uns [3. Antiphon zur ersten Vesper
vom 1. Jan]): Licht ohne Leidenschaft. Mutterwürde ohne Schwäche und Schuld. Der Christus
des Ostermysteriums kommt aus Mariens Schoß.
O Radix Jesse,
qui stas in signum populorum,
super quem continebunt reges os suum,
quem gentes deprecabuntur:
veni ad liberandum nos,
jam noli tardare
O Wurzel Jesse,
gesetzt zum Zeichen für die Völker,
vor dir verstummen die Könige,
die Heiden flehen dich an.
Komm und erlöse uns, verweile nicht länger.
Zum Text
Die Anrede entstammt dem Propheten Jesaja 11,1: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, /
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“. und 11,10: „An jenem Tag wird es der Spross aus der
Wurzel Isais sein, / der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; / sein Wohnsitz ist
prächtig.“ Sie wird zitiert auch vom Römerbrief 15, 12: „Und Jesaja sagt: Kommen wird der Spross aus der
Wurzel Isais; / er wird sich erheben, / um über die Heiden zu herrschen. / Auf ihn werden die Heiden hoffen.“
Vergleichbar sind auch Offenbarung 5,5(Da sagte einer von den Ältesten zu mir: Weine nicht! Gesiegt hat der
Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids;) und 22,16 („Ich, Jesus, habe meinen Engel
gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der
strahlende Morgenstern.“
Doch besonders interessant ist die Verwendung von Jesaja 11,10 bei Lukas 2,34: „Und Simeon segnete sie und
sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und
viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ Als ergiebig erweist sich auch der Vergleich mit Jesaja 7, 14: „Darum wird euch der Herr von sich aus ein
Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den
Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“
"Vor dir verstummen die Könige" wäre besser zu übersetzen: "Vor dir verhüllen die Könige den Mund!" Denn
hier wird kulturgeschichtlich an den Brauch erinnert, dass der Untergebene seinen Mund mit der Hand oder mit
dem Gewand zuhält, damit sein Atem den höheren Herrn nicht belästigt. Das Sätzlein ist aus Jesaja 52,15 („Jetzt
aber setzt er viele Völker in Staunen, / Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie
erzählt hat, / das sehen sie nun; was sie niemals hörten, / das erfahren sie jetzt.“) zitiert, will also die königliche
Oberhoheit des Gottesknechtes über die Herrscher rühmen.
Im Gegenteil zur Herrlichkeit der ‚Wurzel Jesse‘ wird bald danach - Jesaja 53,2 („Vor seinen Augen wuchs er
auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, /
sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, / dass wir Gefallen fanden an ihm.) - der Gottesknecht
als ‚dürres Reis aus trockener Erde‘ bezeichnet.
- Als weitere Preisung wird vom Messias gesagt: Die Heiden werden ihn anflehen.
Die Bitte, eröffnet vom "Komm", lautet: „Erlöse uns!“ - besser: „Mach uns frei.“
Die parallelen Schriftstellen sind überaus zahlreich, gemeint ist das Freimachen von Sklavenketten, von
Knechtschaft. Natürlich wird von der Knechtschaft der Sünde -gesprochen.
Diese Bitte wird bekräftigt von dem drängenden Ruf: „Zögere nicht länger!“ Man wird hier erinnert an Hebräer
10,37: „Denn nur noch eine kurze Zeit, / dann wird der kommen, der kommen soll, / und er bleibt nicht aus.“,
oder an den 2. Petrusbrief 3,9: „Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die
von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass
alle sich bekehren.“
Gebetsworte
Wenn die Antiphon ,,O Adonai" als österliches Lied erkannt wurde, bietet sich ,, O radix Iesse" als
weihnachtlicher Gesang dar.
Hier klingt schon das Weihnachtslied auf. „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart ... Von Jesse kam
die Art.“ Wir sehen vor uns die zahlreichen Darstellungen des Mittelalters, die den schlafenden Jesse zeigen, aus
dessen Leib der Stamm mit den Bildern der davidischen Familie aufwächst, in ihrer Mitte Maria mit dem Kinde.
Die weihnachtliche Thematik setzt sich fort im Lichtmess-Thema:
Christus, das Zeichen, dem man widerspricht!
Zugleich kommen wieder österliche Töne hinzu; sie klingen auf in der Fortsetzung und Wortverbindung Wurzel
Jesse - Völkerkönig, Wurzel Jesse - Löwe von Juda. Vor ihm versinken in schweigender Anbetung die Herrscher
der Welt.
Der österliche Klang hat tiefe Untertöne der Passionserinnerung:
Reis Jesse und Reislein, Gräslein aus dürrem Erdreich, Wurzel Jesse und Wurzel ohne Schönheit und Gestalt.
Die Melodien werden immer klarer zum Mariengesang: Das Zeichen für die Völker ist Mariens jungfräuliche
Mutterschaft.
Aus diesen weihnachtlichen, österlichen, passionalen, marianischen Gedankenverbindungen wächst nun die Bitte
hervor: Komm, mach uns frei - von Schuld und Not, löse, was uns fesselt und unfrei macht.
Die Bitte um Freiheit wird stürmisch, ungeduldig: Zögere nicht länger! Es ist die Ungeduld des Bittenden, die
Sehnsucht des Lieben- den, nicht die Hast und Hektik der Leidenschaft. Es ist nicht die Ungeduld des
Wartenden, sondern, im Sinne des Hebräerbriefes, die Ungeduld des Wissenden, dass nur noch „eine kleine
Weile“ zu überstehen ist
(vgl. Hebr 10,37 7 Denn nur noch eine kurze Zeit, / dann wird der kommen, der kommen soll, / und er
bleibt nicht aus.“
2 Pt 3,9 „Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von
Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht,
sondern dass alle sich bekehren.“
und Jo 16,16 „Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet
ihr mich sehen“).
O Clavis David,
et sceptrum domus Israël, qui aperis,
et nemo claudit,
claudis, et nemo aperuit:
veni, et educ vinctum de domo carceris,
sedentem in tenebris,
et umbra mortis
O Schlüssel Davids
und Zepter des Hauses Israel!
Du öffnest - und keiner schließt mehr zu.
Du schließest zu - und keiner kann öffnen.
Komm und führe aus dem Kerker den Gefesselten,
der da sitzt in Finsternis und Todesschatten.
Geschichtliche Zusammenhänge
Im Jahre 735 schickte der aus Griechenland stammende Papst Gregor IH. an Karl Martell einen goldenen
Schlüssel zur Confessio des heiligen Petrus in Rom. Er gab ihm damit Macht über die Mitte Roms und lud ihn
zum Kommen ein. Ein Vorspiel der Krönung Karls des Großen zu Weihnachten 800.
Alkuin hat diese O-Antiphon besonders geliebt. Vielleicht dachte er an dieses Ereignis seiner frühen Jugend
(geb. 730). Vielleicht fand er darin seine Impulse, die Krönung Karls des Großen zu betreiben.
Zum Text
Der Schlüsseltext ist Jesaja 22,22: Der Prophet droht dem ungetreuen Vorsteher des königlichen Hauses. Dann
verkündet er, dass der Priester Eljakim das Vorsteheramt empfangen wird: „Ich lege ihm den Schlüssel des
Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand
öffnen.“ Dieses Prophetenwort wird, auf Christus angewendet, von Offenbarung 3; 7-8 „An den Engel der
Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, / der
öffnet, sodass niemand mehr schließen kann, / der schließt, sodass niemand mehr öffnen kann: Ich kenne deine
Werke, und ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann.“ Schlüsselträger ist also
Christus.
Das Prophetenwort wird von Christus in der geschichtsmächtigen Stelle Matthäus 16,19 paraphrasiert und auf
Petrus gemünzt: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird
auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ Dabei
ist auch die Parallele Matthäus 18, 18 („Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird
auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst
sein.“ zu beachten.
Zusammengefasst: es geht um die Schlüsselgewalt im Gottesreich des Neuen und Alten Bundes. Diese Aussage
wird verstärkt von dem Wort „Zepter des Hauses Israel“. Es beruht auf Genesis 49,10: „Nie weicht von Juda das
Zepter, / der Herrscherstab von seinen Füßen, / bis der kommt, dem er gehört, / dem der Gehorsam der Völker
gebührt.“
Vielleicht denkt der Antiphonendichter auch an das Zepter und seine Funktion im Buche Ester (z. B. 5,2 „Als der
König die Königin Ester im Hof stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Der König streckte ihr das
goldene Zepter entgegen, das er in der Hand hielt. Ester trat näher und berührte die Spitze des Zepters“. oder 8, 4
“ Der König streckte Ester sein goldenes Zepter entgegen und Ester stand auf und trat vor den König.“): Wer
vom Zepter berührt wird, findet Gnade vor dem König.
In der Bitte wendet sich der Komm-Ruf von der Herrlichkeit des Königs ab und zeigt auf die Verlassenheit der
Gefangenen. Die Gedankenbrücke könnte sich aus Matthäus 18,18 („Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf
Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das
wird auch im Himmel gelöst sein.“) ergeben: Die Schlüsselgewalt dient zur Befreiung des Sünders, der im
Kerker seiner Schuld sitzt. Dieser Kerker ist kein gewöhnliches Gefängnis, sondern die geistige Gefangenschaft
in Finsternis und Todesschatten: Da werden nun Jesaja 42,7 („blinde Augen zu öffnen, / Gefangene aus dem
Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, / aus ihrer Haft zu befreien“) und Lukas 1,79-79 („Durch die
barmherzige Liebe unseres Gottes / wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, / um allen zu
leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, / und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des
Friedens.“) zitiert.
Gebetsworte
Das ,,O clavis" dürfen wir ein ekklesiales Lied nennen, ein Lied von der Schlüsselgewalt und Versöhnung, die
von den Händen Christi in die Hände der Kirche gelegt wurden. Darin wird ein wichtiger Advents- und
Weihnachtsgedanke ausgesprochen: Es geht nicht, ohne dass man sich den Schlüsseln der Versöhnung, auch im
Bußsakrament, stellt.
,,O clavis" ist ein Petruslied, in das sich die Melodien vom Petrusgrab hinein gesungen haben. Er mahnt zur
Einheit mit der Kirche so, wie in jeder Messe die Commemoratio Papae, das Sich-Berufen auf die Einheit mit
dem Papst, vollzogen wird.
,,O clavis" ist ein Ruf an alle Mächtigen, dass sie ihr Werk der Versöhnung und Befreiung dienstbar machen.
O Oriens,
splendor lucis aeternae,
et sol justitiae,
veni, et illumina sedentes in tenebris
et umbra mortis.
O Aufgang,
Glanz des ewigen Lichtes
und Sonne der Gerechtigkeit!
Komm und erleuchte, die in Finsternis
und Todesschatten sitzen.
Zum Text
Die Loblitanei ist verschiedener Provenienz. ‚Oriens‘ stammt aus Sacharja 3,8[„Höre, Hoherpriester Jeschua: Du
und deine Gefährten, die vor dir sitzen, ihr seid Männer, die Wahrzeichen sind. Denn siehe, ich will meinen
Knecht kommen lassen, den Spross.“] (verglichen mit Lukas 1,78 [„Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll
ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter.“]): Dem
Hohenpriester der Zeit der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft ruft der Prophet zu: „Seht, ich führe
meinen Knecht, den Aufgang, herauf!“ (Übersetzung nach der Septuaginta) Kann ‚Aufgang‘ hier auch die
Bedeutung von ‚Spross‘ oder „Abkömmling“ haben, so ist im Lied des neutestamentlichen Zacharias die
Bedeutung von „Sonnenaufgang“ klar.
„Lichtglanz“ stammt aus Hebräer 1,3(„er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines
Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich
dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt.“) damit .aus der Weihnachtsepistel: Christus ist der
Lichterglanz, der vom Vater ausstrahlt.
„Sonne der Gerechtigkeit“ ist ein Zitat aus Maleachi 3,20 („Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, /
wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen / und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und
Freudensprünge machen, / wie Kälber, die aus dem Stall kommen.“) Da ist die Rede vom Gottesgericht,
dessen Erfolg ist, dass allen, die den Herrn fürchten, die Sonne der Gerechtigkeit strahlt.
Die Bitte „Komm und erleuchte“ wandert in die Antiphon aus Lukas 1,79: „ ... das Licht aus der Höhe, um
denen aufzuleuchten, die im Finstern und Todesschatten sitzen“, und aus Jesaja 9,2: „Das Volk, das im
Finstern wandelt, sieht ein großes Licht." Zu vergleichen sind Johannes 1, 5 (Licht in der Finsternis) und
Psalmen 27 (26),1(„Der Herr ist mein Licht und mein Heil: / Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr
ist die Kraft meines Lebens: / Vor wem sollte mir bangen?“) 9 („Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; / weise
deinen Knecht im Zorn nicht ab! / Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, / du
Gott meines Heiles!“) und 87 (86),7 („Am Tag meiner Not rufe ich zu dir; / denn du wirst mich erhören.“),
107 (106), 14-16 („die er herausführte aus Dunkel und Finsternis / und deren Fesseln er zerbrach: / sie alle
sollen dem Herrn danken für seine Huld, / für sein wunderbares Tun an den Menschen, / weil er die
ehernen Tore zerbrochen, / die eisernen Riegel zerschlagen hat.)
Bei diesem Textgeflecht sind fast alle Zitate unmittelbar der Liturgie, und zwar der Weihnachts- und
Adventsliturgie, entnommen.
Gebetsworte
Man kann der Antiphon „O Oriens“ den Namen geben „Morgenlied“. Dabei ist vor allem an den
adventliehen und weihnachtlichen Sonnenaufgang gedacht, der den Morgen Christi herbeiführt.
Ähnlich dem kostbaren urchristlichen Morgenlied „Du freundliches Licht“ lehrt uns die Antiphon „O
Oriens“ die Freude über den Beginn des Lichtes der Erlösung im Dunkel der Zeit.
Dabei wird das zentrale Thema angeschnitten, das in die Weihnacht gehört: Christus, unser Licht. Johannes
spricht davon in seinem Prolog zum Evangelium („Das Licht leuchtet in der Finsternis“) ebenso wie der
fromme Dichter und Konvertit Angelus Silesius („Ich will dich lieben, schönstes Licht“), ebenso wie die
weihnachtlichen Messtexte („Das Licht leuchtet heute über uns“ u. a.). Hier geht es aber nicht um
gleißendes Mittagslicht, sondern um das Licht, das noch aufgeht, das wächst, das noch mit der Dunkelheit
kämpft. Hier ist die Rede von einem abhängigen, aus den Tiefen Gottes leuchten- den „Abglanz“ des
Lichtes, dessen letzte Wirklichkeit wir erst drüben schauen, während jetzt noch unsere, gewiss vom Licht
erfüllte Situation unfertig ist.
Der ‚moderne‘ Mensch, der angeblich alles schaut, alles durchforscht, alles hell macht, sitzt doch noch im
Dunkel und muss des Lichtes Christi warten.
O Rex Gentium,
et desideratus earum, lapisque angularis,
qui facis utraque unum:
veni, et salva hominem,
quem de limo formasti
O König der Völker,
du von allen Ersehnter, du Eckstein,
der das Getrennte eint.
Komm und errette den Menschen,
den du aus Erde gebildet.
Zum Text
Hier wird der Gewebecharakter der Worte besonders offenbar. „Rex gentium“ entspricht etwa Sacharja 9,9:
(„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft;
er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“) Sieh, dein König wird
kommen, aber die Zahl der Vergleichsstellen ist Legion. Doch man bleibt deshalb beim Propheten Sacharja
stehen, weil Haggai 2,6-7(„Denn so spricht der Herr der Heere: Nur noch kurze Zeit, dann lasse ich den
Himmel und die Erde, das Meer und das Festland erbeben und ich lasse alle Völker erzittern. Dann strömen
die Schätze aller Völker herbei und ich erfülle dieses Haus mit Herrlichkeit, spricht der Herr der Heere.“
das Nachbarwort liefert: „Destderatus cunctis gentibus - von allen (Völkern) Ersehnter". Das gleiche Thema
erklingt schon Genesis 49,10 im Jakobssegen: „Kommen wird der Herzog, der Ersehnte der Völker.“ Den
Kontrapunkt gibt Lukas 22,15: „Mit Sehnsucht habe ich danach verlangt, mit euch das Ostermahl zu halten.“Der Ersehnte sehnt sich nach uns.
Eine ähnliche Kontrapunktik liegt im Ruf: „Du Eckstein, der das Getrennte eint!“ Hier lieferte Psalm 118
(117),22 das Bild: „Der Stein, den die Erbauer verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.“
Christus selber hat diesen Psalmvers bald nach der Tempelreinigung zitiert: „Der Stein, den die Bauleute
verwarfen, er ist zum Eckstein geworden ... Wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden, auf wen er
aber fällt, den wird er zermalmen. „ Offenkundig wird hier das Psalmenzitat vereint mit Daniel 2,34-35 („Du
sahst, wie ohne Zutun von Menschenhand sich ein Stein von einem Berg löste, gegen die eisernen und
tönernen Füße des Standbildes schlug und sie zermalmte. Da wurden Eisen und Ton, Bronze, Silber und
Gold mit einem Mal zu Staub. Sie wurden wie Spreu auf dem Dreschplatz im Sommer. Der Wind trug sie
fort und keine Spur war mehr von ihnen zu finden. Der Stein aber, der das Standbild getroffen hatte, wurde
zu einem großen Berg und erfüllte die ganze Erde“). und 2,45(Du hast ja gesehen, dass ohne Zutun von
Menschenhand ein Stein vom Berg losbrach und Eisen, Bronze und Ton, Silber und Gold zermalmte. Der
große Gott hat den König wissen lassen, was dereinst geschehen wird. Der Traum ist sicher und die
Deutung zuverlässig.“): Der losgerissene Stein zertrümmert und zermalmt das große Standbild.
Daniel ist sich darin einig mit Jesaja 8,14: „Der Herr wird wie ein Stein des Anstoßes, ein Block des Strauchelns
für die beiden Häuser Israels ... Dort stoßen sich viele, zerschmettern sich im Fall.“
In diesem Sinne zitiert der Römerbrief (9,32.33 [„Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus
Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am «Stein des Anstoßes», wie es
in der Schrift heißt: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man
zu Fall kommt. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“]) die Prophetenstelle.
Dagegen sprechen Petrus (Apg 4,11[„Er (Jesus) ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der
aber zum Eckstein geworden ist.“]) und Paulus (Eph 2,20[„Ihr seid auf das Fundament der Apostel und
Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“]) nur von der fundamentierenden und einigenden
Kraft des Steines.
Der Komm-Ruf eröffnet die Bitte: „Errette (heile) den Menschen, den du aus Erde (Lehm, Ton) gebildet!“ Hier
denkt der Dichter an Genesis 2,7 („Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies
in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“), aber auch an Daniel2: Der
Mensch, ebenso wie die Füße der Statue, die der König Nebukadnezzar sah, sind aus Lehm und Töpferton, sie
werden zermalmt von der strafenden Gerechtigkeit; aber Christus kann retten und heilen.
Gebetsworte
Man kann die O-Antiphon ,,0 Rex gentium“ vielleicht ein Palmsonntagslied nennen. Damit harmonisiert die
Tatsache, dass im Mittelalter vielerorts das erste Adventsevangelium vom Palmsonntag genommen wurde. Der
König hält seinen Einzug in der Feier von Advent- Weihnacht-Epiphanie-Parusie. In Sehnsucht gehen wir ihm
und er uns entgegen. Er wird zum Halt, der uns eint, wenn wir uns an seinen heiligen Tisch setzen. Er wird zum
zermalmenden Stein, wenn wir seine Sehnsucht überhören, die zum Tisch ruft. So wird das Palmsonntagslied zur
symphonischen Dichtung von erster und zweiter Ankunft des Herrn, Advent und Parusie, Palmsonntagseinzug
und Abendmahlsentscheidung.
Deshalb ist der Ruf so demütig: Wir sind doch nur Staub und Lehm! Hilf uns!
O Emmanuel,
Rex et legifer noster,
expectatio gentium, et salvator earum:
veni ad salvandum nos,
Domine, Deus noster.
O Immanuel,
unser König und Gesetzgeber,
Erwartung und Retter (Salvator) der Heiden
(Völker), komm und erlöse uns,
Herr, unser Gott.
Zum Text
Der Titel "Immanuel" entstammt der Prophetie des Jesaja 7,14: In der Drohverheißung an König Achas
heißt es: „Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und ihn Immanuel nennen- Gott mit uns!“
Den Titel "Immanuel" übernimmt Matthäus 1,23 in der Botschaft des Engels an den zweifelnden Josef:
„Dies ist geschehen, damit erfüllt werde, was von dem Herrn durch die Propheten gesprochen war, der sagt:
‚Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, / einen Sohn wird sie gebären, / und man wird ihm den
Namen Immanuel geben‘,“ (wörtlich das Zitatat aus Jesaia übernommen)
Sachlich wird der Name Immanuel verwendet im paulinischen Hohenlied der Liebe Gottes (Röm 8,31): „Wenn
aber Gott mit uns ist, wer ist dann wider uns?“ Die gesamte Anrufung der Antiphon liest sich wie eine Parallele
zu Jesaja 33,22: „Der Herr wird unser Richter sein, der Herr nur unser Fürst, der Herr nur unser König, der uns
helfen wird.“
Die Worte ‚Salvator – Erlöser‘ und ‚Erlöse uns‘ wanderten herbei aus Jesaja 45,8: „Es öffne sich die Erde und
sprosse den Heiland (Erlöser) hervor!“ über Matthäus 18,11: „Der Menschensohn kommt, um zu erlösen, was
verloren war“, hin zu Titus 3,4 (Weihnachtsepistel): „Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit unseres
Erlösers und Gottes.“
Der Schluss des Bittrufes „Herr, unser Gott“ gleicht wieder dem Thomasbekenntnis: „Mein Herr und mein
Gott!“
Gebetsworte
Von allen O-Antiphonen ist ,,O Immanuel“ die berühmteste, im Text übersichtlichste, insgesamt einfachste und
doch wichtigste. Man möchte sie die typischste nennen: die O-Antiphon der O-Antiphonen.
Wir hören, wie mit uns das Immanuel-Lied singen Jesaja und Matthäus, Josef und Paulus; und Thomas schließt
sich ihnen mit seinem Gebet an: „Mein Herr und mein Gott!“
O Immanuel, hier beginnt das Hohelied der Gottesliebe, das Paulus im Römerbrief singt (8,31-39): „Wenn Gott
mit uns (Immanuel) ist, wer ist dann gegen uns? Er, der seines eigenen Sohnes nicht geschont, vielmehr ihn für
uns alle dahingegeben hat, wie sollte dieser uns nicht mit ihm alles geben? .. (Niemand) wird uns scheiden
können von der Liebe Gottes, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn.“
Die ‚Moderne‘ liebt das Wort Nietzsches: ‚Gott ist tot!‘ Die O-Antiphon antwortet: „Gott ist mit uns!“
Der liberalistische Deismus sagt: ‚Gott ist fern!‘ Die O-Antiphon entgegnet: „Gott ist da!“
Die christliche Innigkeit, wie sie etwa Tauler in seiner Lehre vom Herzensgrund zum Ausdruck bringt, ändert
und vertieft: Gott ist nicht nur da, nicht nur mit uns, er ist in uns! Gott aber ist - das Kind von Betlehem.
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