close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

China Spindel

EinbettenHerunterladen
„Tradition in der Wiener Moderne“
„Sie verehren die Tradition. […] Sie möchten das alte Werk der Vorfahren für
ihre neuen Zeiten richten. Sie möchten es auf die letzte Stunde bringen. Sie
wollen, wie jene, österreichisch sein, aber österreichisch von 1890“, so Hermann
Bahr in seinem programmatischen Aufsatz Das junge Österreich, in dem er die
Literaten des ‚Aufbruchs‘ in die Wiener Moderne (Rieckmann) als Gegenbild zum
traditionskritischen, revolutionären Jungen Deutschland zu positionieren und
ihre spezifische Qualität in der Verbundenheit mit der Tradition zu fassen sucht.
Sie hätten eine Erneuerung im Lichte der Tradition im Sinn, und so heißt es bei
Bahr, dem „Mann von Übermorgen“ (Maximilian Harden), in seinem
retrospektiven Selbstbildnis nicht zufällig: „Mein Zukunft mit Ungeduld
verlangender Blick kehrt seit je doch am liebsten bei längst entschwundenen
Vergangenheiten ein, da hole ich mir die Zukunft.“
Literarische Produktion als selektive Mnemotechnik (Le Rider), durch die das
Neue, Originäre erst in der produktiven Wieder-Holung hervorgebracht wird.
Das Vergangene wird so auch als etwas vertrautes Fremdes im Archiv der Zeit
bewahrt (Niefanger). In Hofmannsthals Vorstellung von der Antike als einem
„magischen Spiegel, aus dem wir unsere eigene Gestalt in fremder, gereinigter
Erscheinung zu empfangen hoffen“, wie er im Buch der Freunde formuliert,
scheint dies anschaulich dokumentiert. Ein vertrautes Fremdes, das Sicherheit
gibt in der unvertrauten Moderne, einer Welt, in der „alle Sicherheit und
Herrschaft über das Leben rätselhaft vermindert“ ist, wie Hofmannsthal im
D’Annunzio-Essay
schreibt,
„bei
immerwährendem
Anwachsen
des
Problematischen und Inkommensurablen“. Eine Diagnose, die heute noch und
heute wieder Gültigkeit beanstanden kann.
In der geschichtlichen Rückwendung, dem historistischen Zugriff auf das
grenzenlose Zeichenmaterial der Vergangenheit, scheint sich indes auch ein
eklatanter
Mangel
an
Eigenem
zu
offenbaren.
In
„Erfüllung
seiner
Traditionspflicht“ habe Wien, wie Hermann Broch in Hofmannsthal und seine Zeit
schreibt, „Museumshaftigkeit mit Kultur“ verwechselt. Dieses „österreichische
Verfallszeichen“ (Broch) wirke, so Richard Schaukal, bis in die Wiener Wohnung
hinein, deren Ausgestaltung eine „Mixtum-Komposition aus den Exkrementen
einer mit unverdauter ‚Historie‘ überfütterten ‚Dessin‘-speicherphantasie“ sei,
wie es in seinen Bemerkungen zur ästhetischen Wohnungsnot heißt. Eine
„unverdaute“ Historie, die das Leben der bildungsaffinen Literaten der Wiener
Moderne überformt und überfordert – „ fremde Gedanken denken in einem, alte,
tote, künstliche Stimmungen leben in einem, man sieht die Dinge wie durch
einen Schleier, wie fremd und ausgeschlossen geht man im Leben herum“, so
Hofmannstal in einem Brief an Karg von Bebenburg.
Die Konferenz „Tradition in der Moderne“, die vom Ludwig Boltzmann Institut
für Geschichte und Theorie der Biographie in Kooperation mit dem Institut für
Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der
Universität Wien und der Wienbibliothek veranstaltet wird, soll eben jene
Dialektik von Tradition und Moderne, Modernität und Antimodernität mit Blick
auf wichtige Vertreter der Wiener Moderne in der Frühphase ihres
schriftstellerischen Schaffens, Leopold von Andrian, Hermann Bahr, Hugo von
Hofmannsthal, Karl Kraus, Richard Schaukal und Arthur Schnitzler in den Blick
nehmen.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
319 KB
Tags
1/--Seiten
melden