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FRIEDEN, FREUNDSCHAFT ODER FREIHEIT: WAS IST DIR

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FRIEDEN, FREUNDSCHAFT
ODER FREIHEIT:
WAS IST DIR WICHTIGER?
Tim, 14, kommt ziemlich genervt in deine
Gruppenstunde. Er war beim Geburtstagskaffee seiner Oma und musste wieder
eine Moralpredigt über sich ergehen lassen: „Ihr Jungen habt nur noch Konsum
und Spaß im Kopf. Verantwortung und
Rücksicht sind wohl Fremdworte für euch.
Von Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein hast du noch nichts gehört, oder?
Überhaupt könntest du dich öfter mal bei
mir blicken lassen. Mein Geld nimmst du
gerne, aber sonst willst du von mir nichts
wissen. Früher da war alles besser. Da haben die Kinder noch Respekt vor den
Großeltern gehabt ...“ Die anderen Leute
aus der Gruppe nicken zustimmend. Ja,
das kennen sie auch. Was sollen sie auch
machen, außer die Moralpredigt kommentarlos über sich ergehen lassen? Wenn sie
ehrlich sind und sagen, was sie denken,
ist die Oma bestimmt auch nicht glücklich.
Also ehrlich sein und möglicherweise einen Familienkrach heraufbeschwören oder
unehrlich, aber friedlich? Was ist wichtiger?
Hier stehen zwei Werte, Ehrlichkeit und Friedfertigkeit, miteinander im Konflikt. Was spricht für Ehrlichkeit, was für Friedfertigkeit? Und welche Rolle
spielen Werte generell für unser Handeln? Im Folgenden stellen wir dir verschieden Übungen vor,
wie du das Thema „Werte/Was ist dir wichtig?“ in
der Gruppenstunde behandeln kannst.
Einstieg ins Thema
Für den Einstieg ins Thema empfehlen wir dir eine
Begriffsklärung. Zum Beispiel mit der Übung „Was
sind Werte?“
Ziel:
• einheitliches Verständnis des Begriffs
„Wert“ entwickeln,
• die Teilnehmer/innen sollen wissen,
dass jede/r unterschiedliche Empfindungen, Erfahrungen und Meinungen
zum Thema hat
Material: Karteikarten und Stifte
Omas Moralpredigt ruhig ertragen oder
die eigene Meinung sagen?
Ablauf:
Bitte die Teilnehmer/innen, Paare zu bilden und den Begriff „Wert“ in einem
Satz ohne tausend Nebensätze zu definieren.
Dann schließen sich je zwei Zweiergruppen zu einer
Vierergruppe zusammen und fassen die zuvor erstellten Definitionen wiederum in einem Satz zusammen. Nun bilden sich Achtergruppen und so
weiter, bis die ganze Gruppe wieder vollständig ist
und eine Definition der Gesamtgruppe vorliegt.
Besprich die Übung mit deiner Gruppe. Wie war
es? Was war leicht? Was war schwer? Sind alle mit
dem Ergebnis zufrieden?
Wenn du magst, kannst du deiner Gruppe jetzt
auch noch folgende Definition vorstellen: „Ein Wert
ist, was jemand als gut, positiv, angenehm, erstrebenswert usw. empfindet. Er ist etwas radikal Subjektives und wird letztlich im Gewissen erspürt.“
G L -S E I T E N
Werte
G L -S E I T E N
Diese Definition stammt vom österreichischen Jugendrotkreuz (siehe Literaturtipp) und hebt hervor,
dass Werte etwas Subjektives sind. Jeder Mensch
hat seine eigenen Werte. Sie können sich deutlich
von denen der Mitmenschen unterscheiden. Dennoch gibt es natürlich Werte, die viele Menschen
miteinander teilen, zum Beispiel Frieden oder Freiheit.
Wertebarometer
Was für Werte gibt es eigentlich? Sammle dazu mit
deinen Gruppenmitgliedern im Brainstormingverfahren alle Werte, die ihnen einfallen. Schreibe jeden Wert auf ein extra Blatt Papier. Falls einige klassische Werte wie Frieden, Wahrhaftigkeit, Rücksichtnahme, Toleranz, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit,
Pflichtbewusstsein, Nächstenliebe, Zufriedenheit,
einfaches Leben, Gemeinschaftsgefühl, soziales
Verantwortungsbewusstsein, Streben nach persönlicher Weiterentwicklung oder Gesundheit dabei
nicht auftauchen, dann füge sie noch hinzu. Leite
im zweiten Schritt die Übung „Wertebarometer“ an:
Ziel:
• die Auseinandersetzung mit dem Wertebegriff vertiefen,
• den Teilnehmer/innen die Möglichkeit
geben, andere Wahrnehmungen bzw.
Vorstellungen kennen zu lernen,
• Vorurteile verdeutlichen
Material: Kreppband oder Seil für das Barometer;
Papierkarten, auf denen die verschiedenen Werte geschrieben sind
Ablauf:
Mit dem Seil teilst du den Gruppenraum
in zwei Pole ein. Die eine Seite ist
„Wichtig für mich“, die andere „Nicht
wichtig für mich“. Zwischen die beiden
Pole kannst du auch noch eine Skala
von 1 bis10 einfügen. Lies nun die zuvor
gesammelten Werte vor und bitte die
Teilnehmer/innen, sich entlang des Barometers entsprechend zu platzieren.
Mit ihrer Platzierung machen sie deutlich, wie wichtig der genannte Wert für
sie ist. Notiere das Ergebnis auf einem
Flipchart oder klebe an die Stelle, an
der die Teilnehmer/innen stehen, eine
Moderationskarte pro Person hin. Wichtig ist, dass du für jeden Wert andersfarbige oder anders geformte Moderationskarten hast.
Besprich im Anschluss an die Übung die Einschätzung der Gruppenmitglieder. Folgende Fragen können dabei hilfreich sein:
• Was ist euch aufgefallen?
• Wo gab es Gemeinsamkeiten und Unterschiede?
Was sind die Ursachen dafür?
• Gab es etwas, das neu für euch war?
Alternativ kannst du diese Übung auch als Gruppenübung machen. Ziel der Übung ist es, dass sich
die Teilnehmer/innen auf ein gemeinsames Ergebnis
einigen. Dazu legst du die vorbereiteten Schlagwortkarten auf den Boden. Die Teilnehmer/innen
sollen sich jetzt darüber verständigen, wie wichtig
ihnen dieser Wert ist und die Karte gemeinsam zwischen die beiden Pole legen. Sie haben bis zu einem bestimmten Zeitpunkt die Möglichkeit, diese
Karten entlang der Pole zu verschieben. Dann solltest du die Übung mit den Teilnehmer/innen auswerten. Folgende Fragen können dabei hilfreich
sein:
• Was ist euch aufgefallen?
• Konntet ihr euch leicht einigen?
• Wenn nein, warum nicht?
• Gibt es Werte, die in eurem Alter nicht so wichtig
sind? Wenn ja, welche? Sind das vielleicht Werte,
die für eure Großeltern wichtig sind?
Werte entwickeln,
aber wie?
Menschen orientieren sich in ihrem täglichen Handeln an Werten. Werte helfen uns dabei, Entscheidungen zu treffen, geben uns Halt und sind für eine
positive Entwicklung und Lebensgestaltung unerlässlich. Eltern, Verwandte, Freunde, Erzieher/innen,
Lehrer/innen oder Gruppenleiter/innen vermitteln
Kindern und Jugendlichen bestimmte Werte. Beispielsweise durch ihr Handeln bei verschiedene An-
Dilemma-Geschichten
Nachdem deine Gruppe weiß, was ein Wert ist und
welche Werte für jeden einzelnen wichtig sind,
kannst du nun in die Dilemma-Geschichten einsteigen. Das sind Geschichten, in denen konkrete Alltagskonflikte geschildert werden.
Ziel:
Die Teilnehmer/innen müssen sich zwischen zwei Werten entscheiden. Sie müssen abwägen, welche Argumente für oder
gegen eine bestimmte Handlung sprechen. Im Folgenden findest du acht Beispiele:
1) Ein guter Kumpel bietet dir ein hochwertiges
Mountainbike (Listenpreis 950 Euro) für 200 Euro
an. Du vermutest, dass es gestohlen wurde. Wie
verhältst du dich?
2) Du entdeckst, dass dein Bruder in Betrügereien
(wertlose Aktien-Anlagefonds) verwickelt ist. Dabei
werden Menschen um ihr Geld betrogen. Er will nicht
mit dir darüber reden und es ist ihm egal, wie du
denkst und was du meinst. Wie würdest du handeln?
Menschen orientieren sich an Werten. Neben
Eltern, Verwandten und Erziehern sind Freunde für
Kinder und Jugendliche wichtige Vorbilder
Auf Druck des Freundes abtreiben
oder das Baby bekommen?
3) Eine Frau ist todkrank, sie braucht dringend ein
sehr teures Medikament, das die Krankenkasse
nicht bezahlt. Die finanzielle Situation der Familie
lässt nicht zu, das Medikament aus eigener Tasche
zu finanzieren. Der Ehemann bricht in seiner Verzweiflung nachts in eine Apotheke ein und stiehlt
das Medikament. Wie beurteilst du dieses Vorgehen? Sollte der Mann, wenn er erwischt wird, bestraft werden?
4) Bei einem anonymen AIDS-Test im Gesundheitsamt erfährst du, dass du HIV-positiv bist. Würdest
du deinen Freundinnen und Freunden davon erzählen? Wird sich dein Sexualverhalten ändern?
5) Bei einer Party geht ein teurer DVD-Player zu
Bruch. Niemand weiß, wer dafür verantwortlich war.
Die Gastgeber wissen, dass du eine Haftpflichtversicherung hast und bitten dich, deiner Versicherung
den Schaden zu melden. Ihre eigene Versicherung
kommt für den Schaden nicht auf. Wie würdest du
reagieren?
6) Deine Freundin ist 17 und bekommt von ihrem
Freund ein Kind. Sie will das Kind abtreiben. Ihr
Freund hat sie dabei bestärkt. Doch du spürst, dass
das nicht ihre eigene Entscheidung ist, sondern die
ihrer Umwelt. Welche Möglichkeiten siehst du, wie
würdest du die Situation einschätzen?
7) Du hast wesentlich mehr als 0,5 Promille Alkohol
im Blut. Auf dem Heimweg von der Disco beschädigst du beim Ausparken ein anderes Auto. Du hast
deinen Führerschein noch auf Probe, niemand hat
den Unfall gesehen. Wie wirst du reagieren?
G L -S E I T E N
lässen. Dadurch können Kinder und Jugendliche
die Werte konkret erleben und nachvollziehen. Häufig stehen mehrere Werte im Konflikt miteinander.
Dann müssen wir uns entscheiden, was uns wichtiger ist. Und das ist in der Regel gar nicht so einfach.
G L -S E I T E N
8) Du bist Azubi in einem kaufmännischen Betrieb.
Eine Übernahme nach der Abschlussprüfung ist
nicht möglich. Dein Chef belästigt ständig eine
junge Kollegin. Du warst zweimal zufällig Zeuge
solcher sexuellen Belästigungen. Deine Kollegin will
den Chef bei der Polizei anzeigen. Sie bittet dich
eine Zeugenaussage zu unterschreiben. Dein Chef
verspricht dir, dich nach der Ausbildung zu übernehmen, wenn du schweigst. Was würdest du
machen?
Ablauf:
Erkläre den Teilnehmer/innen, was Dilemma-Geschichten sind. Gebe jedem
Gruppenmitglied vier Geschichten und
bitte sie oder ihn, in Einzelarbeit für jede
Geschichte folgende Fragen zu beantworten:
• Wie würdest du in diesem Fall reagieren?
• Warum würdest du so reagieren? Welche Gefühle,
Gründe, Werte, Gesetze oder Normen sprechen
dafür oder dagegen?
• Könntest du auch anders reagieren? Was würde
dafür, was dagegen sprechen (Pro- und ContraArgumente)?
Nach dieser Einzelarbeit, die circa dreißig Minuten
dauern wird, sollen die Teilnehmer/innen, die die
gleichen Geschichten bearbeitet haben, zu einer
Gruppe zusammen kommen. Die Jugendlichen sollen sich nun in der Gruppe ihre Ergebnisse vorstellen und Gemeinsamkeiten, Unterschiede sowie die
Hintergründe für ihre Entscheidung auf ein Plakat
schreiben. Je nach Alter der Teilnehmer/innen empfehlen wir dir, in die Kleingruppen zu gehen und diese zu moderieren. Solltest du die Gruppe alleine leiten, ist es ratsam, pro Kleingruppe ein Gruppenmitglied zu bestimmen, das die Diskussion und die Ergebnisse später in der Großgruppe vorstellt.
Jede Gruppe präsentiert jetzt ihre Ergebnisse in der
Großgruppe. Danach fragst du die Teilnehmer/innen
aus der anderen Gruppe nach ihrer Einschätzung.
Wie hätten sie reagiert? Können sie die Entscheidung der andern Gruppe nachvollziehen?
Nach der Präsentation solltest du die Übung mit
den Jugendlichen auswerten. Folgende Fragen
können dir dabei helfen:
• Was war für euch schwierig?
• Was ist euch leicht gefallen?
• Gab es Argumente, die euch überzeugt haben,
eventuell anders zu reagieren?
Vielleicht wollt ihr auch wissen, ob sich Erwachsene
anders entscheiden würden als ihr. Befragt doch
beispielsweise eure Eltern und Großeltern und wertet die Befragung anschließend aus. Folgende Fragen können bei der Auswertung hilfreich sein:
• Gibt es einen Unterschied zwischen den Entscheidungen der Erwachsenen und unseren
eigenen? Wie sehen diese aus?
• Was könnten Gründe dafür sein?
• Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und
Frauen? Falls ja, wie sieht er aus?
Ausblick
Wenn deine Gruppe weiter zu diesem Thema arbeiten möchte, kannst du dir weitere Dilemma-Geschichten ausdenken oder die Teilnehmer/innen
dazu auffordern. Du könntest auch „Experten“ zur
Gruppenstunde einladen, beispielsweise Ärzte,
Rechtsanwälte, Richter, Erzieher oder Priester.
Dann könnt ihr sie zu Dilemmas in ihrem Beruf und
ihrem Umgang damit befragen.
Michaela Roeder
Literaturtipp:
Weitere Anregungen und Geschichten bekommst du auch
in der Publikation des österreichischen Jugendrotkreuzes
„Gibt es nur einen Weg? Informations- und Unterrichtsmaterialien zur Friedenserziehung und Konfliktarbeit im
Sinne der Genfer Abkommen und des humanitären Völkerrechts, Band 2“. Das Heft ist 1998 erschienen und im
Buchhandel erhältlich (ISBN-3-215-13560-4).
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