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Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?

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Konzept des Workshops:
Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?
Ein Gespenst geht um in den Wissenschaften - das Gespenst der Critical Time Studies.
Scheinbar noch nicht zum Stande einer wie auch immer gearteten Institutionalisierung
gekommen, spukt dieses neue gesellschaftswissenschaftliche Feld seit einigen Jahren unter
den diskursiven Decken der Universität. Trotz einer Vielzahl von Zeitdiagnosen und
Zeitkritik konnte sich bislang, quasi an der Wurzel, kein kritischer Begriff durchsetzen, der
die über Zeitverhältnisse ausgeübte Herrschaft gesellschaftlicher Gruppen überzeugend
zusammenfasst. Dabei beruht die Form der Regulierung individueller Zeit auf
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, Prozessen und Konstruktionen, die in ihrer Tiefe,
Kontingenz und Brutalität nur teilweise durch das Alltagswissen erfasst werden, jedoch oft
und größtenteils einen metaphysischen Status inne haben. Der alljährliche Kalender mit den
imperialen Flaggenposten seiner Feiertage, die religiös auferlegte Siebentage-Woche, die
Handelszeiten des auf Selbstzwang aufgebauten Arbeitstages sowie die Mittlere GreenwichZeit erscheinen überhaupt erst als geschichtliche Sedimentationen von zeitlichen
Imperialismen im Horizont der Critical Time Studies und erfahren hierdurch ihre
Dekonstruktion. Andererseits fungiert Zeit als symbolisches System auch selbst als Geld und
Kapitalform, organisiert strukturelle Investitionsstrategien und gebietet, vermehrt und
vermindert zu werden.
Zeit ist also Gegenstand sozioökonomischer Kontroversen und Kontraversionen. Dass es sich
bei zunehmenden Ideen, den Umgang mit der Zeit auf den Begriff zu bringen, nicht etwa um
ein modisches Vorhaben handelt, verrät die Masse an neueren wie älteren Texten aus
wissenschaftlich-akademischen und künstlerisch-außeruniversitären Zusammenhängen.
Trotzdem sollte ein eigenes Feld für eine gesellschaftskritische Zeitwissenschaft in Form der
Critical Time Studies stärker vorangetrieben werden als bisher, indem vor dem Hintergrund
dieses Feldes Autor*innen wie Elias, Rosa, Assmann, Postone, Michalitsch, Derrida,
Benjamin, Haugg und andere diskutiert werden.
Leitend für unseren Workshop wird deshalb der Versuch sein, einen Anstoß zur Kritik der
Zeitherrschaft zu geben, der als Feld der Critical Time Studies, als Zeitherrschaft(en), als
"Tempismus", "Timeismus" oder "Tempozentrismus" auf den Begriff gebracht zu werden
verdient. Zeitkritische wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Beispiele
gesellschaftlicher Zeitregime geben genügend Anlass zu solcherlei Diskussionen und
Differenzierungen um die Verbindungen von Zeit und Herrschaft.
Die kritische Auseinandersetzung mit impliziten und expliziten Vorstellungen von
gesellschaftlicher Zeit, von konkreter und abstrakter Zeit sowie die Vergeschlechtlichung von
Zeit wird im Hinblick auf eine Auswahl aus Zitaten geleistet, die wir im Workshop
diskutieren möchten.
"Der Gedanke […] ist, die Leute mit verschiedenen Auftrittsweisen der Zeit zu konfrontieren.
Es besteht eine Gefahr in Dingen, die natürlich erscheinen oder so wahrgenommen werden,
wozu auch diese zeitliche Disziplin gehört, nach der wir leben. […] Es besteht eine
Befangenheit in jeglicher Zeitberechnung. Was ich meine ist, dass man ein Muster von
Chauvinismus und Imperialismus betrachtet, wenn man sich Zeitsysteme und -regeln, denen
wir folgen, vor Augen führt. Das geht von jüdisch-christlichen über britische bis hin zu
kapitalistischen, usw. Und du und ich und jeder andere wird sich ihnen beugen, sie
verinnerlichen und sein ganzes Leben Systemen widmen, an deren Erschaffung wir gar
keinen Anteil hatten. […] Noch einmal: Zeit handelt auch von Macht! Ein spürbarer Aspekt
diesbezüglich ist Zeit als Währung oder Ware. Wenn Zeit wie Geld ist, dann muss es auch
Zeitreiche und Zeitarme geben. Und das wiederum bezieht sich direkt auf die
Zugriffsmöglichkeiten, die man hat. Daher scheint mir dieser Aspekt der wichtigste zu sein,
auch wenn er etwas kompliziert ist."
- Nick Shaw (Sänger der Band „Buried Inside“ in seiner Auseinandersetzung mit Zeit)
Aufbau des Workshops:
Dauer: 180min in 2 Blöcken mit einer 30minütigen Pause
1. Zeitverkettung – 80min
35 min Einführungs-Input Anna Newspeak:
a.) Ein „Anfang“ und ein Chronoklasmus (=Zeitenbruch) für die Critical Time Studies. Die
ungerade Neuschöpfung des Tempismus als strukturelle Kategorie der Gewalt, exemplifiziert
anhand des intertextuell-künstlerischen Werkes "Chronoclast - Selected Essays on TimeReckoning and Auto-Cannibalism" der Gruppe Buried Inside.
b.) Weder v.Chr./n.Chr. noch v.u.Z./n.u.Z.: Die Errungenschaft einer antitempistischen
Zeitwissenschaft? Praktische Fußnote zur Dekonstruktion der christlichen Zeitrechnung.
25 min Erweiterungs-Input Julian Möhring:
Nicht Zeitkritik, sondern "Fetischcharakter des Zeitbegriffes" - Norbert Elias kritische
Perspektive auf die Herrschaft eines falschen Zeitverständnisses in Wissenschaft und
Gesellschaft.
20 min Diskussion
30 min Pause
2. Zeitverkettung 100min
Julian Möhring und Anna Newspeak:
40min: Temporale Schlachtfelder der Zeitsektion(en): Querschnitt theoretischer Positionen,
Differenzen der Zeitherrschaft, offene Fragen und Möglichkeit der Zeitkritik
Hierfür stellen wir eine interaktive Powerpoint Präsentation vor, die Bezüge zu einschlägigen
und aktuellen Theorien der Zeit anhand von Zitaten herstellt – die jeweiligen Positionen
können direkt diskutiert werden.
40min Zeitanalytische Differenzen, Querschnitt II: Quellen zum Zeitverständnis:
Ethnologische Berichte, künstlerische Ausgestaltung in Musik und Literatur, historische
Quellen
Hierfür stellen wir eine interaktive Powerpoint Präsentation vor, die jeweiligen Positionen
können direkt diskutiert werden.
20min Abschlussdiskussion: Stunde Null: Kann es die Critical Time Studies und einen
Begriff von Tempismus, Timeismus oder Tempozentrismus geben?
________
"Die Stunde Null spielt auch in wissenschaftlichen Experimenten eine wichtige Rolle. Auf sie
läuft der Countdown zu, mit dem global inszenierte Raketenexperimente in den Weltraum
starten. In der Epidemiologie wird mit dem Indexpatienten 0 das Auftreten einer neuen,
bisher unbekannten Krankheit festgelegt. Von umfassender Bedeutung ist die religiöse Stunde
Null, die den westlichen Kalender organisiert: die Epochenschwelle der Geburt Christi, die
die ganze Menschheitsgeschichte in ein Vorher und ein Nachher einteilt. [...] Die Fiktion des
Anfangs, so dürfen wir verallgemeinern, ist der zentrale Gründungsmythos der Neuzeit. [...]
Aber im Gegensatz zur Tafel, die ausgewischt, und zum weißen Papier, das neu beschrieben
werden kann, ist das menschliche Gedächtnis immer schon beschrieben. Hier gibt es gerade
keinen absoluten Anfang und auch kein totales Vergessen, sondern immer nur Akte des
Weiterschreibens, Umschreibens und Überschreibens."
-Aleida Assmann
Ankündigungstext:
Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?
Ein Gespenst geht um in den Wissenschaften - das Gespenst der Critical Time Studies.
Scheinbar noch nicht zum Stande einer wie auch immer gearteten Institutionalisierung
gekommen, spukt dieses neue gesellschaftswissenschaftliche Feld seit einigen Jahren unter
den diskursiven Decken der Universität. Egal, ob als unbeachtete Sektion "Zeit" in den
Intersektionalitätsdebatten, als Zeitkapital in wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionen, als
soziale (Zeitab-)Spaltung in queer-/feministischen Re-/Produktionsdiskursen, als Kategorie
struktureller Gewalten, als Zeitbudget-Studien oder als fortschrittsgebende Beschleunigung die soziale Konstruktion, Wirkung und Konstitution von Zeit kennt kein Jenseits.
Der Workshop will den kleinen Versuch wagen, Interessierte aller Disziplinen zu versammeln
und der Frage nach dem Verhältnis von Zeit zu Herrschaft endlich zur weiteren Diskussion zu
verhelfen. Das vorwiegende Interesse gilt möglichen Begriffen, die diesen Zusammenhang
als kritischen Begriff zusammenfassen können "Tempismus", "Timeismus" und
"Tempozentrismus" sind erste Ideen, die zwar allesamt zeitliche Herrschaftsformen
bezeichnen, aber bislang weitestgehend ohne inhaltliche Füllung und deshalb ohne Wirkung
geblieben sind. Auch soll die Diskussion über die Möglichkeit und eines Forschungsfeldes
der „Critical Time Studies“ und dessen Limitierungen angestoßen werden. Zwei einführende
Kurzvorträge und vor allem die im Anschluss diskutierten theoretischen Positionen und
Quellen zur Zeitkritik werden den Interessierten einen guten Einblick in die Thematik geben
und ausgiebig Zeit zur Diskussion zur Verfügung stellen.
Termin: 16.12.2014 n.h.c.Z., 14.00 – 18.00 Uhr
Ort: Frankfurt a. M., Campus IG Farben
Raum 5G018, PEG Gebäude
Kontakt: criticaltimestudies [ä t t] gmx.de
Literatur:
(Folgende Literaturangaben sind ergänzend und stellen keinerlei notwendige Grundlage zur
Teilnahme am Workshop dar!)
- Frigga Haug et. al. (1987): Klassenkämpfe um Zeit, in: Das Argument Nr. 164, Argument
Verlag, Berlin
- Aleida Assmann (2013): Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der
Moderne, Carl Hanser Verlag, München
- Muhammad Aurang Zeb Mughal (2014): Time, Space and Social Change in Rural Pakistan:
An Ethnographic Study of Jhokwala Village, Lodhran District, Durham theses, Durham
University, abrufbar unter: http://etheses.dur.ac.uk/9492/1/Mughal_PhD.pdf, Stand: 20.
November 2014
- Gabriele Michalitsch (2013): Markt-Verfügung: Das neoliberale Zeit-Regime, http://
www.gbw.at/oesterreich/artikelansicht/beitrag/markt-verfuegung-das-neoliberale-zeit-regime,
Stand: 5. Juli 2014
- Flore Senarillos Gumiter (2012): Tempocentrism, abrufbar unter: http://docslide.net/
documents/tempo-centrism.html, Stand: 20. November 2014 (Urheber*in der Publikation
nicht sicher)
- Ursula Timea Rossel (2012): Die archäologische Obsession, erschienen auf dem
Literaturblog “Begleitschreiben”, abrufbar unter: http://www.begleitschreiben.net/diearchaeologische-obsession/, Stand: 20. November 2014
- Paul Huebener (2012): The Cultural and Literary Construction of Time in Canada,
McMaster University, Hamilton, Ontario, abrufbar unter: https://macsphere.mcmaster.ca/
bitstream/11375/11993/1/fulltext.pdf, Stand: 20. November 2014
- Julia T. S. Binter (2009): We shoot the world: Österreichische Dokumentarfilmer und die
Globalisierung, Lit-Verlag, Wien/Münster, darin auch: Werner Zips: Vorwort. Magie der
Ohnmacht – Zur filmischen Sozialkritik an Globalismus und Tempozentrismus, S. 8-15
- Nick Srnicek, Alex Williams (2014): Beschleunigungsmanifest für eine akzelerationistische
Politik
- Armen Avanessian et. al. (2013): #Akzeleration, Merve-Verlag
- Buried Inside (2005): Chronoclast – Selected Essays on Time-Reckoning and AutoCannibalism, LP, Lyrics + Interviews
- Buried Inside: Interview mit Nick Shaw, abrufbar unter: http://powermetal.de/content/
artikel/show-BURIED_INSIDE__Interview_mit_Nick_Shaw,5491-1.html, Stand: 5. Juli
2014
- Andrew Niccol (2011): In Time – Deine Zeit läuft ab. Film.
- Hartmut Rosa (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne,
Frankfurt/Main.
- Wolfgang Streek (2012): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen
Kapitalismus
- Walter Benjamin (2007): Über den Begriff der Geschichte, in: Erzählen. Schriften zur
Theorie der Narration und zur literarischen Prosa, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main,
abrufbar unter: http:// http://www.textlog.de/benjamin-begriff-geschichte.html, Stand: 5. Juli
2014
- Paul Celan (2000): Corona, in: Mohn und Gedächtnis, Stuttgart, abrufbar unter: http://
http://www.lyrikline.org/de/gedichte/corona-67#.U7gCG0C25VM, Stand: 5. Juli 2014
- Moishe Postone (2010): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue
Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Ça IRA Verlag, Freiburg
- Alfred Schütz, Thomas Luckmann (1975): Die zeitliche Struktur der alltäglichen
Lebenswelt. In: Strukturen der Lebenswelt, S. 81-98.
- Kerstin Jürgens (2009): Arbeits- und Lebenskraft. Reproduktion als eigensinnige
Grenzziehung, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
- Salvador Dalí (1931): Die Beständigkeit der Erinnerung
- Timetrap (1984): Watch out!, Lyrics. Abrufbar unter: http://timetrapnyhc.bandcamp.com/,
Stand: 20. November, 2014
- Richard Lewis (2014): How Different Cultures Understand Time, abrufbar unter: http://
http://www.businessinsider.com/how-different-cultures-understand-time-2014-5?IR=T,
Stand: 5. Juli 2014
- Dialektikgruppe “politikumzeit” (2011): Politik der LINKEN – Politik um Zeit, abrufbar
unter: http://politikumzeit.wordpress.com/2011/09/06/hello-world/, Stand: 5. Juli 2014
- Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld, Hans Zeisel (1933): Die Arbeitslosen von Marienthal.
Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Hirzel,
Leipzig
- Norbert Elias (1984): Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II, Frankfurt am Main
- Robert Heim (2005): Das verlorene Objekt der Zeit. Überlegungen zur Zeit-Diagnostik der
Depression, in: Depression – zwischen Lebensgefühl und Krankheit, S. 99-124, Westfälisches
Dampfboot, Münster.
- E.P. Thompson (1967): Time, work-discipline and industrial capitalism. Past & Present 38
(1), S. 56–97, als PDF abrufbar unter: https://libcom.org/files/
timeworkandindustrialcapitalism.pdf, Stand: 16. November 2014
- Jeremy Rifkin (1988): Uhrwerk Universum. Die Zeit als Grundkonflikt des Menschen,
Kindler, München
- Anthony Aveni (1989): Empires of Time. Calendars, Clocks and Cultures, Basic Books,
New York
- Rita Felski (2000): Doing Time: Feminist Theory and Postmodern Culture, New York
University Press, New York
- Robert Textor (1980): A Handbook on Ethnographic Future Research, Stanford University
Press, Stanford
- Samuel Gerald Collins (2008): All Tomorrow’s Cultures: Anthropological Engagements
with the Future, Berghahn Books, k.O.
- Johannes Fabian (1983): Time and the Other: How Anthropology Makes Its Object,
Columbia University Press, New York
- Hans Meyerhoff (1955): Time in Literature, University of California Press, London
- Werner Zips (2005): TEMPOZENTRISMUS – Eine vernachlässigte Kategorie zur Kritik
der Beschleunigungsfalle am Beispiel von „Österreich 2005“, S. 131-164, abrufbar unter:
http://web.stanford.edu/~rbtextor/Future%20of%20Austria%20Original%20Essays%20in
%20German.pdf, Stand: 20.11.2014
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