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Globalisierung gestalten – Was tun die Kirchen? - Dietmar

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Globalisierung gestalten – Was tun die Kirchen?
Referat von Dietrich Weinbrenner
auf der Tagung der Solidarischen Kirche Westfalen / Lippe
am 7. November 2009
Liebe Schwestern und Brüder,
die Themenformulierung „Globalisierung gestalten – was tun die Kirchen?“ impliziert die
Feststellung, dass die Kirchen etwas tun, dass sie Globalisierung gestalten - nur was tun
sie und wie tun sie es? Und was tun sie vielleicht nicht?
Diese Feststellung ist mir deshalb wichtig, weil sie die alte Erkenntnis zum Ausdruck
bringt, dass wir etwas tun, auch wenn wir meinen, nichts zu tun, dass wir etwas sagen,
auch wenn wir meinen, nichts zu sagen. Anders gesagt: wer schweigt, stimmt zu und wer
nicht handelt, stabilisiert die bestehenden Verhältnisse. Das vermeintlich unpolitische
Verhalten ist politisch.
So gesehen, haben die Kirchen schon immer Globalisierung mit gestaltet, von den
Anfängen an, durch Schweigen und Untätigkeit oder durch Reden und Handeln.
Globalisierung ist ja kein neues Phänomen, es gab sie schon in neutestamentlicher Zeit.
Worum es heute geht, ist ihre moderne Form, geprägt durch blitzschnelle Kommunikation
und Transport, durch Märkte und Finanzmärkte, durch Spekulation mit allem, was Gewinn
verheißt, durch entfesselten Kapitalismus, durch steigenden Reichtum – bis zum extremen
Reichtum und durch sich immer weiter ausbreitende Armut – bis zur extremen Armut. Die
aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat ungezählten Menschen Hoffnungslosigkeit, Leid
und Tod gebracht, überwiegend im Süden der Welt. Einige konkrete Beispiele dafür finden
sich im aktuellen Rundbrief der Solidarischen Kirche.
Der Glaube an den Markt mit seinen Selbstheilungskräften ist vielen verloren gegangen.
Viele, die die neoliberale Ideologie propagiert und umgesetzt haben, sind quasi über Nacht
zu ihren Kritikern geworden – verbal jedenfalls. Denn allzu viel hat sich bisher nicht
geändert. Das Kasino dreht sich schon wieder.
Was tun die Kirchen angesichts der gegenwärtigen „planetarischen Notlage“ (Geiko
Müller-Fahrenholz)?
Ich habe mein Referat wie folgt gegliedert:
1.
2.
3.
1.
Die Kirche schreibt und spricht
Die Kirche macht Lobbyarbeit / Bewußtseinbildung
Die Kirche handelt selbst
Die Kirche schreibt und spricht
Ich möchte in diesem Teil nicht nur auf unsere westfälische Kirche blicken – oder auf die
deutsche Situation, sondern auch die ökumenische Bewegung in den Blick nehmen. Hier
sind die Fragen nach der Globalisierung oft am deutlichsten gestellt worden, hier ist oft am
drängendsten nach Antworten gesucht worden.
2
„Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan“, das war das Motto der ersten
Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam. Das könnten
wir auch als Motto für die gesamte Arbeit der ÖRK verstehen: Die Welt genau
wahrnehmen, ohne Scheuklappen, und diese Analyse der Welt in das Licht des
Evangeliums stellen, um von dort Orientierung zu bekommen.
Der ÖRK sowie die konfessionellen Weltbünde haben durch die Jahrzehnte zu den
drängenden Fragen der Menschen und der Erde gearbeitet und sich immer wieder zu
Wort gemeldet. Die gegenwärtigen Äußerungen der Kirchen zur Globalisierung sind auch
eine Fortführung des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der
Schöpfung, der 1983 in Vancouver angestoßen wurde: Jesus Christus – das Leben der
Welt, das war das Motto in Vancouver, eine Variation des Mottos von 1948, könnte man
sagen.
Dieser Zusammenhang ist mir wichtig, wenn wir über die Stellungnahmen der Kirchen
heute zur Globalisierung sprechen. Wir stehen in einer ökumenischen Geschichte, aus der
wir schöpfen können.
Es gibt eine große Einigkeit in den ökumenischen Äußerungen zur gegenwärtigen
neoliberalen Ausprägung der wirtschaftlichen Globalisierung. Sie sind unterschiedlich
radikal, haben unterschiedliche Schwerpunkte, aber sie bekräftigen, dass diese Ideologie
und Praxis, die dem Markt und seinen „Bedürfnissen“ alles unterordnet, mit christlichen
Grundüberzeugungen und christlichem Menschenbild unvereinbar ist. Kirche ist hier also
nicht dem weltweiten mainstream in Politik und Wirtschaft verhaftet.
Dazu einige Beispiele:

Auf der Vollversammlung des ÖRK in Harare 1998 wurde gesagt: „Die Logik der
Globalisierung muß durch ein alternatives Lebenskonzept der Gemeinschaft in Vielfalt
in Frage gestellt werden“

In einem Dokument der Versammlung des Reformierten Weltbundes von 1997 heißt
es: „Ökonomische Globalisierung ist nicht einfach nur ein argloser Prozess, durch den
die Strukturen und Vorteile der Wirtschaft der Industrieländer auf die südliche
Hemisphäre ausgeweitet werden. Die Folgen dieses Prozesses haben in vielen Teilen
der Welt vielmehr zu Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Tod geführt“.
Wenn das so ist, wird dann gesagt, ist diese Situation eine ernste Anfrage an unseren
Glauben und an unser christliches Bekenntnis: „Heute rufen wir die Mitgliedskirchen
des Reformierten Weltbundes ... zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden
Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens bezüglich wirtschaftlicher
Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung auf“.
Die Beschäftigung mit diesen Fragen ist also hier nicht ein Luxus, den man sich
erlauben kann oder auch nicht. Sondern es geht um den Kern des Glaubens, um die
Wahrheit des Bekenntnisses. Reformierte Kirchen des Südens sagen es noch
deutlicher: „Die in den Ländern des Südens dramatisch erlebten „Dynamiken von Tod
und Ausschließung ... haben eine gemeinsame Grundlage: die neoliberale
Deregulierung des kapitalistischen Marktes auf allen Ebenen – vorangetrieben durch
eine grenzenlose Gier nach Geld und absoluter Macht, die diesen Markt zu einem
Götzen werden lässt ... Dieses System stellt eine strukturelle Sünde dar“.

Die Generalversammlung des Reformierten Bundes in Accra 2004 hat diese
Überlegungen weitergeführt und ebenfalls klargestellt, dass die neoliberale
wirtschaftliche Globalisierung und die Haltung dazu den Glauben berührt:
3
„In biblischen Begriffen wird ein solches System der Anhäufung von Reichtum aus
Kosten der Armen als Treuebruch gegenüber Gott angesehen, das verantwortlich ist
für vermeidbares menschliches Leid und Mammon genannt wird. Jesus sagte, wir
könnten nicht zugleich Gott und dem Mammon dienen (Lk16,13) ... Wir glauben, dass
die Integrität unseres Glaubens auf dem Spiel steht, wenn wir uns dem heute
geltenden System der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung ausschweigen oder
untätig verhalten“.

AGAPE – heißt Liebe, ist aber auch eine Abkürzung für ein weiteres wichtiges
ökumenisches Dokument: „Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und
Erde“, ein Aufruf in Gebetsform, der der ÖRK – Vollversammlung in Porto Alegre 2006
vorgelegt wurde. Ein umfangreiches Hintergrunddokument dazu sucht nach
Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem. Handels- und Finanzstrukturen
werden analysiert, es wird gewarnt vor deregulierten Finanzmärkten, spekulativen
Blasen und Finanzkrisen. Hier wird deutlich, dass Kirchen weitsichtiger waren als die
sog. Finanzexperten.
In Porto Alegre wurden zwei Beschlüsse gefasst, die für unser Thema wichtig sind:
1.
2.

Die Dekade zur Überwindung von Gewalt mit einer Internationalen
Friedenskonvokation abzuschließen, also in Jahr 2011.
die Mitgliedskirchen aufzufordern, eine Ökumenische Erklärung zum gerechten
Frieden zu erarbeiten.
An einer solchen Erklärung wird zur Zeit gearbeitet.
Der Zentralausschuss des ÖRK am 2. September dieses Jahres stellte fest, das
globale Finanzsystem habe zwar einigen Menschen Reichtum gebracht, einer weitaus
größeren Anzahl von Menschen jedoch geschadet und ihnen Armut, Arbeitslosigkeit,
Hunger und Tod gebracht und habe die Kluft zwischen Arm und Reich noch breiter
werden lassen. Er forderte die Mitgliedskirchen dazu heraus, sich nicht aus ihrer
prophetischen Rolle zurückzuziehen und schlug neue Fortschrittsindikatoren für die
Wirtschaft vor.
Auf EKD –Ebene ist zuerst das Wirtschafts- und Sozialwort aus dem Jahr 1997 zu
nennen. Auf dieses Wort bezog sich dann zustimmend die EKD – Synode 2001, die das
Schwerpunktthema „Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten“ hatte. Dieses Sozialwort
hat schon vor 12 Jahren viele der Fragen aufgegriffen, die uns heute noch drängender
beschäftigen: Armut und Reichtum. Ökologie und Nachhaltigkeit, Kapitalmärkte, soziale
und politische Menschenrechte
Die EKD – Synode sagte damals 2001: „Kirchliche Arbeit muß politischer werden“.
In unserer westfälischen Kirche haben wir uns, angestoßen durch den Soesterbergbrief an
die Kirchen in Westeuropa aus dem Jahre 2002, seit dem Jahr 2004 auf allen
Landessynoden mit dem Thema Globalisierung befasst, bis hin zu Hauptvorlage
„Globalisierung gestalten“. Dabei wurden viele konkrete Beschlüsse gefaßt, Empfehlungen
und Aktionsvorschläge vorgelegt, die der Gestaltung der Globalisierung dienen können.
4
Einige Beispiele:










Umweltmanagement in Kirchengemeinden und Kirchlichen Einrichtungen (Grüner
Hahn)
Mitarbeit in der Erlassjahrkampagne
Mitarbeit in der Kampagne für Saubere Kleidung, Berücksichtigung von
Sozialstandards in der Produktion
Mitarbeit im Fairen Handel und entsprechender Einkauf fair gehandelter Produkte
Einbringung von Globalisierungsthemen in die kirchlichen Partnerschaften (Klima,
Mikrokredite)
Anlage kirchlicher Gelder bei Oikocredit (Material – Tisch)
Umweltbewusste Entscheidungen bei Privat- und Dienstreisen (Atmosfair), Bauund Renovierungsvorhaben
Mitarbeit im Aktionsbündnis gegen HIV / AIDS
Engagement im Blick auf den G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007
Und die Hauptvorlage mit vielen konkreten Anregungen
Ein zentrales Thema war u.a. der Umgang mit Kirchlichen Finanzmitteln.
Der Soesterberg-Brief hatte gefragt:
„Wie gehen unsere Kirchen mit ihrem eigenen Geld um, mit ihren Pensionskassen,
Investitionen und Immobilienbesitz? Sind Banken, mit denen unsere Kirchen verbunden
sind, verwickelt in Steuerflucht, in ethisch nicht verantwortbare Investitionen, spekulative
Praktiken sowie andere Aktivitäten, die die Fähigkeit von Staaten untergraben, für das
Gemeinwohl zu sorgen?“
Ein Ergebnis dieser Diskussion war der Leitfaden zu nachhaltigen Geldanlagen in
Kirchlichen Haushalten.
Sie haben die Stellungnahme des Umweltausschusses unserer Kirche zum Thema
„Globalisierung gestalten“ gelesen, er ist im Rundbrief abgedruckt. Eine deutliche Analyse
der Klimakatastrophe, deutliche Worte („krasses Politikversagen“), klare Forderungen
(Ausstieg aus der Atomenergie, kein Neubau weiterer Kohlekraftwerke), und eigenes
kirchliches Handeln (grüner Hahn, Zukunft einkaufen).
Neben den genannten Stellungnahmen und Äußerungen gibt es viele weitere zu
globalisierungsrelevanten Themen. Zwei will ich hier nennen:


Ernährungssicherung vor Energieerzeugung. Kriterien für die nachhaltige Nutzung
von Biomasse. Eine Stellungnahme der Kammer der EKD für nachhaltige
Entwicklung
Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung in Zeiten des Klimawandels. Eine
EKD – Denkschrift. Hier werden Konsequenzen für die Kirche und
Handlungsmöglichkeiten konkret benannt (S. 146 ff). Ein Beispiel, das im Kleinen
beginnt, aber große Auswirkungen hat: Unser Fleischkonsum. Die Denkschrift regt
dazu an, weniger Fleisch zu essen. Allein die Tierhaltung verursacht 18 % der
Treibhausemissionen. Ein Rind stößt aus seinem Darm täglich etwa 150 bis 250
Liter Methan aus, ein Treibhausgas, das in seiner klimaschädlichen Wirkung viel
stärker ist als Kohlendioxid. Lord Nicholas Stern, ein führender Experte zur globalen
Erwärmung, sagt dazu: „Fleisch essen wird einst so verpönt sein, wie betrunken
Auto fahren“.
5
Doch nicht nur auf der Ebene der Landeskirche gab es diese Diskussionsprozesse, viele
Kreissynoden haben Fragen der Globalisierung diskutiert und dazu Beschlüsse gefasst.
Daß kontinuierlicher Druck von unten auch Erfolg haben kann zeigt das Thema ethisches
Investment. Der Kirchenkreis Hagen hat auf seiner Synode im Jahr 2005 folgenden
Beschluß gefasst: „Die Kreissynode erwartet von der KD-Bank, als Hausbank, dass diese
darauf hinwirkt, dass bei sämtlichen Anlage- und Kreditgeschäften der Bank ethische
Gesichtspunkte berücksichtigt werden (Ethik-Filter) und darüber gegenüber den Kunden
Rechenschaft abgelegt wird.“ Dieser Beschluß und ähnliche anderer kirchlicher Gremien
hat dazu geführt, dass die KD-Bank inzwischen zu einer der wenigen Ethik-Banken in
Deutschland geworden ist.
Ein kurzer Blick noch auf die beiden jüngsten Dokumente der Kirchen auf oberer Ebene,
die auf der Einladung zu dieser Tagung erwähnt werden.

Da ist einmal das Wort des Rates der EKD zur globalen Finanzmarkt- und
Wirtschaftskrise „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“, das im Rundbrief von Franz
Segbers als ein „erstaunlich klares Wort zur Lage“ gewürdigt wurde. Erstaunlich
vielleicht deshalb, weil die kurz zuvor erschienene Denkschrift der EKD
„Unternehmerisches
Handeln
in
evangelischer
Perspektive“
dem
wirtschaftspolitischen mainstream huldigte und dementsprechend von vielen Seiten
herbe Kritik erfuhr. Der Kirchenkreis Recklinghausen wird auf der Synode in der
nächsten Woche einen Antrag vorlegen, dem „sich an den Neoliberalismus
anpassenden denken dieser EKD-Denkschrift entgegenzutreten und auf eine
Überprüfung der EKD-Denkschrift hinzuwirken“.
„Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ findet wirklich klarere Worte, wenn dort
gefordert wird: „In Zukunft bedarf es sowohl einer robusten Regulierung der
Weltfinanzmärkte als auch einer wirksamen Regelung für die Haftung der
„Verantwortlichen“.

Das zweite Dokument, das in der Einladung erwähnt wird, ist die jüngste Enzyklika
von Papst Benedikt XVI „Caritas in Veritate – Liebe in Wahrheit“, eine
Sozialenzyklika, die den Anspruch hat, Wegweisendes zur Globalisierung und zur
aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise zu sagen. Ein kleiner Exkurs in die
katholische Welt.
Ich habe zum ersten Mal eine Enzyklika ganz gelesen – als Vorbereitung auf dieses
Referat – und ich brauchte einige Zeit, um mich „einzulesen“. Der Papst ist sich dort
vieler Probleme bewusst, er spricht über Grundrechtsverletzungen in freien
Exportzonen, über die Problematik des Shareholder-Value-Denkens, über die
Gefahren der Spekulation, über Grenzzölle mit negativen Auswirkungen für die
Entwicklungsländer. Was fehlt ist eine systemische politische Analyse,
entsprechende (wirtschafts)politische Forderungen und Konsequenzen für die
eigene Kirche. Bei Benedikt liegt das Hauptproblem der Krise im einzelnen
fehlbaren Menschen. Deshalb liegt auch dort die Problemlösung. So kann er sagen:
„Die Finanzmakler müssen die eigentlich ethische Grundlage ihrer Tätigkeit
wiederentdecken“. Es geht um Verantwortungsbewusstsein, um Solidarität, darum,
dass sich „alle für alle verantwortlich fühlen“. „Das entscheidende Problem ist das
moralische Verhalten der Gesellschaft“ – so der Papst.
Durch die ganze Enzyklika zieht sich wie ein roter Faden die Angst, dass der
Mensch die Transzendenz verliert, die göttliche Dimension, die Angst, dass man
bei der Globalisierungsproblematik nur das Materielle sieht. Hier klingt die Stimme
Kardinal Ratzingers durch, der die Befreiungstheologen zum Schweigen bringen
wollte. So weit der Exkurs in die katholische Welt.
6
 Auf der Landessynode in der nächsten Woche wird der Präses eine Studie
vorstellen, die von der Landessynode 2006 in Auftrag gegeben wurde. Ihr Titel: „Die
Soziale Marktwirtschaft ethisch weiterdenken“. Diese Studie will einen Impuls für
die gesellschaftliche Debatte in unserem Land wie auch für die weltweite
ökumenische Diskussion geben. In den Leitthesen der Studie wird ein nationaler
und internationaler Ordnungsrahmen im Bereich Wirtschaft und Finanzen gefordert,
der den Primat der Politik wieder herstellt. Eine „gesellschaftlich, global, ökologisch,
sozial und kulturell“ eingebettete Marktwirtschaft wird als Gegenmodell zur
selbststeuernden Marktökonomie vorgestellt.
Die Studie nimmt auch die Kirche selbst in die Verantwortung: „Sie muß durch ihr
Anlage- und Einkaufsverhalten ethische Kriterien umsetzen, sie muß in ihrer
diakonischen Unternehmenspolitik „ihrem Auftrag entsprechen“. Wir können auf die
Studie gespannt sein.
2.
Die Kirche macht Lobbyarbeit / Bewußtseinsbildung
Dieser Bereich wird oft kaum wahrgenommen, und ist doch sehr wichtig. Hier wird mit
finanzieller und personeller Unterstützung zivilgesellschaftliche Arbeit gefördert. Es wird
deutlich, dass Kirche sich als Teil der Zivilgesellschaft versteht. In Krisenzeiten sind
Nichtregierungsorganisationen und Bündnisse vermehrt auf solche Unterstützung
angewiesen.
Ich nenne einige Beispiele:

Von Beginn an engagieren sich die Kirchen im Erlassjahr – Bündnis. Dieses
Engagement bleibt weiterhin unverzichtbar, sind es doch die Länder des Südens,
die Menschen in den Ländern des Südens, die die Hauptlast der Krise zu tragen
haben. Ein aktuelles Thema sind die sog. Illegitimen Schulden, die an Diktatoren
vergeben wurden und nicht den Menschen zugute kamen. Ein Beispiel sind
Schulden Indonesiens bei der Bundesregierung, die aus einem Deal der KohlRegierung mit dem Soeharto-Regime stammen. Damals wurden Kriegsschiffe der
ehemaligen DDR-Marine an ein Militärregime verkauft, das sie vertragswidrig auch
militärisch eingesetzt hat. Illegitime Schulden, für deren Erlass sich auch unsere
Kirche einsetzt. Es ist sicher nicht selbstverständlich, dass ein Bischof zu diesem
Thema eine Pressekonferenz gibt, wie es unser Präses gemacht hat.

Klimabündnis / Klimaallianz. Kirchen, Entwicklungsdienste und Missionswerke
haben eine Klimaplattform formuliert, in der die Hauptverursacher des
Klimawandels in die Verantwortung genommen werden: Reduzierung der
Emissionen um 80% bis zum Jahr 2050 – Basisjahr der Berechnung 1990. Der Titel
der Klimaplattform lautet „Klima der Gerechtigkeit“ und will sagen, dass die
Klimafrage und die Frage der wirtschaftlichen Gerechtigkeit nicht zu trennen sind.
Auch am Prozeß „Countdown to Copenhagen“, der dassselbe Ziel verfolgt, sind die
Kirchen beteiligt.
Die westfälische Kirche spricht sich klar gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke aus,
Präses Buß hat bekanntlich auf einer entsprechenden Demonstration gesprochen.

Das West-Papua-Netzwerk ist ein Zusammenschluß von Kirchlichen und
Nichtkirchlichen Organisationen, die zu West-Papua, der östlichsten Provinz
Indonesiens, arbeiten. Die Papuas sind seit Jahrzehnten Erniedrigung und
Unterdrückung durch die indonesischen Sicherheitskräfte ausgesetzt, einschließlich
7
Folter und Mord. Die Bodenschätze des Landes werden rücksichtslos
ausgebeutet. Das WPN macht Menschenrechts- und Lobbyarbeit – und könnte das
nicht ohne die Unterstützung auch aus der EKvW tun. Die Kirchenkreise Schwelm
und Hattingen-Witten pflegen langjährige Partnerschaften mit der Kirche in WestPapua. Doch auch wir alle haben mit der Situation dort zu tun, stehen doch
Produkte aus Tropenholz in unseren Baumärkten und Parkettgeschäften.
3.

Ein Beispiel für erfolgreiche Lobbyarbeit der Kirche ist die Zusammenarbeit mit der
Kampagne für Saubere Kleidung anlässlich einer Katastrophe im Jahr 2005.
Damals stürzte in Bangladesh eine Textilfabrik ein, in der u.a. auch Karstadt-Quelle
produzieren ließ. Bei diesem Unglück starben 64 ArbeiterInnen, viele weitere
wurden z.T. schwer verletzt. Um Karstadt-Quelle zur Beteiligung an einem
Entschädigungsfonds für die Familien der Opfer zu bewegen, wurden auf der
Weltkirchenkonferenz in Porto Alegre Unterschriften gesammelt, danach gab es ein
Gespräch mit Kirchenleitungsmitgliedern aus Westfalen und dem Rheinland mit
Vorstandsmitgliedern von Karstadt-Quelle. Ergebnis: Karstadt-Quelle zahlte
100.000 Euro in einen Fonds, der auch von anderen Firmen mitgetragen wurde, die
in dieser Fabrik arbeiten ließen.

Die Kirchen unterstützen Einrichtungen wie z.B. das Institut Südwind, ein Institut für
Ökonomie und Ökumene. Dort wird Forschungsarbeit zu Themen wie
Verschuldung, ethischen Geldanlagen, Welthandel, Frauen und Wirtschaft
betrieben und es werden Studien veröffentlicht, die politische und private
Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Denken Sie nur an die beiden Studien zu
Arbeitsbedingungen bei ALDI – Zulieferern oder die Studie „Chancen und
Entwicklungsmöglichkeiten für ein Aktives Aktionärstum in Deutschland. In Kürze
wird eine Studie erscheinen, die die ethischen Standards von Textilfirmen
untersucht – eine Hilfestellung für unseren bewussten Einkauf.

Nennen möchte ich auch das Aktionsbündnis gegen HIV und AIDS, in dem die
Kirchen von Beginn an mitgearbeitet haben.

Eine Studie, die Sie sicher alle zur Kenntnis genommen haben – wenn Sie vielleicht
auch nicht alle 609 Seiten gelesen haben – ist die Studie „Zukunftsfähiges
Deutschland in einer globalisierten Welt – Ein Anstoß zur gesellschaftlichen
Debatte“, diese Studie wurde u.a. von Brot für die Welt und dem Evangelischen
Entwicklungsdienst herausgegeben. Sie greift alle wichtigen Themen auf, gibt
Orientierungshilfe und Anstöße.
Die Kirche handelt selbst
Reden, schreiben, sowie finanzielle und personelle Unterstützung geben, Lobbyarbeit
machen, das ist natürlich auch „Handeln“ der Kirche. In diesem dritten Teil meines
Referates möchte ich nun Einiges nennen, was die Kirche selbst im eigenen Bereich tut,
jetzt auf unsere EKvW bezogen.
Da ist zuerst die strukturelle Verankerung von Globalisierungsthemen in Einrichtungen wie
dem Institut für Kirche und Gesellschaft, im Amt für MÖWE, auch in anderen Ämtern und
Werken. Da sind die entsprechenden Ausschüsse der Landeskirchen und der
Kirchenkreise. Da ist die VEM mit ihren vielen Partnerschaften, Programmen und
Abteilungen wie z.B. der Abteilung für Menschenrechte.
8
Da sind Veranstaltungen, Konsultationen und Projekte zu den globalen Themen:
Gerade ist eine Konsultation zum Thema „Kinderarmut“ zu Ende gegangen. Hier hat die
EKvW Experten aus unseren Partnerkirchen eingeladen, die mit ihren Augen und auf dem
Hindergrund ihrer je eigenen Erfahrung unsere Situation in Deutschland angesehen
haben. Globalisierung gestalten durch Ökumenisches Lernen ist ein wichtiges Prinzip und
unsere ökumenischen Partner spielen dabei eine unverzichtbare Rolle.
Die Evangelische Jugend in der EKvW führte ihre diesjährige Konferenz zum Thema
Globalisierung durch: „Globales und ökumenisches Lernen – wir leben auf einem
Planeten“, so hieß das Motto.
Kirche gibt jungen Menschen die Möglichkeit, ein freiwilliges Jahr im Ausland abzuleisten
auch dieser wichtige Bildungsansatz gehört dazu. Dies ist sowohl über die VEM als auch
über die EKvW möglich.
Wie geht unsere Kirche mit ihrem eigenen Geld um?
Die EKvW hat einen kleinen Teil ihrer Gelder, 5 Mio Euro, in einem Nachhaltigkeitsfonds
angelegt, der vor einigen Jahren von der Bayerischen Kirche angestoßen wurde (die
Bayern sind dort mit 80 Mio Euro dabei). Dieser Fonds hat immer wieder Kritik
herausgefordert, weil dort auch Unternehmen vertreten sind, die Nachhaltigkeits- und
Menschenrechtskriterien nicht standhalten, wie RWE oder ADIDAS. Das Grundprinzip der
Fondsverwaltung heißt „best in class – Ansatz“. Dies bedeutet, dass die besten 15 % einer
Branche aufgenommen werden können. Immer wieder versuchen Anleger, Einfluß auf die
Geschäftspolitik der jeweiligen Unternehmen zu nehmen, was z.B. bei dem Plan von
RWE, in Rumänien ein Kernkraftwerk zu bauen, gelungen ist – dies in Zusammenarbeit
mit vielen anderen Kritikern dieses Planes. Der INIK – Fonds schließt
Rüstungsunternehmen aus, sowie Tabakproduzenten und Unternehmen der embryonalen
Stammzellenforschung.
Bei der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit hat die EKvW Anteile im
Wert von über 400.000 Euro. Auch viele Kirchenkreis und Kirchengemeinden sind hier
engagiert. Seit einiger Zeit arbeite ich im Vorstand des Westdeutschen Förderkreises von
Oikocredit mit, auch dadurch wird die Unterstützung durch die westfälische Kirche
sichtbar.
Was den Bereich Umwelt und Klima angeht, hat sich die EKvW auf der Landessynode
2008 selbst verpflichtet, den eigenen CO2 – Ausstoß bis 2020 um 40% zu verringern –
entsprechend der internationalen Forderungen. In vielen Einrichtungen und Gemeinden
wird der Grüne Hahn umgesetzt, das kirchliche Umweltmanagement.
Ein relativ neues Projekt heißt „Zukunft Einkaufen“. Es ist ein ökumenisches,
bundesweites Projekt und wird von den Umweltbeauftragten der Kirchen federführend
geleitet. Hier geht es darum, die gesamte Beschaffung der Kirchen, einschließlich ihrer
diakonischen Einrichtungen, auf den Prüfstand zu stellen.
Die Kirchen als zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands (3 Mio Haupt- und ehrenamtliche
Beschäftigte) haben ein Beschaffungsvolumen in Milliardenhöhe. Sie haben ca. 120.000
Dienstwagen oder dienstlich genutzte Autos. Allein in der EKD gibt es 21.000 Kirchen,
12.000 Gemeindehäuser, 24.000 Pfarrhäuser, 9.000 Kindertagesstätten, 8.400
Verwaltungshäuser, 400 Krankenhäuser, 3.500 Einrichtungen der stationären Alten- und
Behindertenhilfe. Überall dort wird eingekauft! Doch was wird gekauft – und nach welchen
Kriterien? Zukunft Einkaufen bedeutet, bei der Entscheidung über den Einkauf ökologische
9
und soziale Kriterien mit einzubeziehen. Die große Nachfragemacht der Kirchen soll
nachhaltiges Wirtschaften befördern, den Markt beeinflussen und auch Impulse für den
privaten Konsum geben.
Für mich ein faszinierendes und zukunftsweisendes Projekt.
Daß die EKvW dies nicht nur als Möglichkeit anbieten will, sondern es zum Grundprinzip
ihres Handelns machen will zeigt der Wortlaut des Beschlusses von 2008:
Die Landessynode beschließt:
Die Landessynode beauftragt die Kirchenleitung ein Energiespar- und Klimaschutzkonzept
für die Landeskirche zu entwickeln. Dieses Klimaschutzkonzept
sollte folgende Komponenten beinhalten:
• Die Einsparvorgaben müssen den Zielvorgaben wirkungsvollen Klimaschutzes
entsprechen und alle Bereiche kirchlichen Handelns umfassen.
Das bedeutet konkret eine Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2020 um 40%
auf der Basis von 1990.
• Das Konzept muss über ein indikatorengestütztes Controlling und über unabhängig
zertifizierte CO2-Kompensationsprojekte verfügen.
• Das kirchliche Umweltmanagement „Der Grüne Hahn“ und die Initiative
„Zukunft – einkaufen“ sollen dabei vom Projekt zum Prinzip kirchlichen Handels
entwickelt werden.
• Die Kirchenleitung möge die Gemeinden und Kirchenkreise darin unterstützen,
die Potentiale der kirchlichen Entwicklungs- und Partnerschaftsarbeit für
den Klimaschutz zu stärken und auszubauen.
Resumee
Was ist das Resumee? Globalisierung gestalten – was tun die Kirchen?
Kirche schwimmt in vieler Hinsicht nicht mit dem Strom, das ist ermutigend.
Und es ist ein langer Prozess, diese Kräfte zu stärken.
Es wird viel gesprochen und geschrieben – wir sind auch Kirche des Wortes.
Es wird viel beschlossen und es wird viel getan.
Sicher könnte mehr getan werden.
Wir sind als Kirche auch Teil und Spiegel der Gesellschaft.
Wir sehen, dass im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren gesellschaftspolitische
Themen weniger Konjunktur haben. Es gibt einen deutlichen Trend zur Individualisierung.
Wir haben als Kirche in unserer Gesellschaft eine Stimme, die gehört wird. Wir sollten das
nicht unterschätzen – aber auch nicht überschätzen. Wir können Stachel im Fleisch sein,
Sand im Getriebe – biblisch gesprochen: wir können weiterhin prophetisch reden und
handeln.
Wir sind Kirche – die Fragen die wir an die ‚Institution Kirche richten, sollen wir auch an
uns selbst stellen. Wie lebe ich? Im Kleinen. Was ist mein Beitrag zur Lösung der großen
Probleme? Wo liegen meine Gaben und Fähigkeiten? Achten wir unsere eigenen
Möglichkeiten nicht zu gering! Sie sind unverzichtbar – auch für Veränderungen im
Großen.
10
Es wird gleich Arbeitsgruppen geben.
Vielleicht könnte dort eine Frage sein:
Wie werden Äußerungen, Schriften und Aktivitäten der Kirchen wahrgenommen?
Von wem werden sie wahrgenommen?
Nach meiner Kenntnis sind die erwähnten Dokumente wie auch viele andere aus der
Ökumene und aus der eigenen Kirche selbst in vielen Presbyterien noch unbekannt.
Warum werden sie in Presbyterien und Gemeinden so wenig diskutiert?
Wie viele Presbyterien haben z.B. den Soesterbergbrief diskutiert?
Wo ist der Leitfaden zu nachhaltigen Geldanlagen besprochen worden?
Wo wurden daraus Konsequenzen gezogen?
Wo gibt es Ansatzpunkte zur Veränderung?
Ich danke Ihnen.
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