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Alles, was da hängt - taz.de
12.03.11 22:32
12.01.2009
Alles, was da hängt
Mit doppeltem Reißzahn, zweiter Haut und brauner Springflut:
Volker Lösch hat in Stuttgart Shakespeares "Hamlet" in Szene
gesetzt
VON JÜRGEN BERGER
Der Dänenprinz also, und zwar an dem Wochenende, an dem
Heiner Müller 80 geworden wäre. "Mein Drama findet nicht mehr
statt" ist der zentrale Satz in Müllers "Hamletmaschine". Volker
Lösch, so konnte man annehmen, wird am Stuttgarter
Staatsschauspiel der müllerschen Dekonstruktion folgen und dem
Drama des intellektuellen Zauderers jegliche Dramatik austreiben.
Interessanterweise geschieht aber das genaue Gegenteil. Hamlet
schreit mit jeder Faser seines Körpers: "Mein Drama findet schon
wieder statt." Er heißt Till Wonka und rammt in der zentralen Szene
eine Menge Plastikflaschen in den Torf des fauligen Staates
Deutschland.
Die Bühne ist eine schwarz-braune Schlammwüste und jede
Flasche der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen
Konzerns. Stuttgarts Hamlet weiß, welche Vorstandsflasche im
Aufsichtsrat welches Konzerns sitzt und dort eigentlich nicht sitzen
dürfte, da er ja sowieso keine Zeit hat. Das ist eine fulminante
Szene und Wonka ein Hamlet, der sich in der Krabbelgruppe
genauso heimisch fühlt wie im Wirtschaftsteil der FAZ. Plötzlich
allerdings hält er inne, spricht unvermittelt den "Seins"-Monolog
und nimmt ihn denkend auseinander, wie man das selten hört.
Wonka ist Löschs Geheimwaffe im Kampf mit Shakespeare. Dass
Lösch auch diesmal wieder Deutschlands zähester Provokateur ist,
versteht sich von selbst. Da hat er in Hamburg gerade mit seiner
Milliardärsschelte unter Verwendung von Peter Weiss'
"Marat/Sade" die Gemüter erhitzt, schon präsentiert er in Stuttgart
den Staat so nackt und korrupt, wie er nun mal ist.
Mit der Nacktheit ist das allerdings so eine Sache. Da es im
"Hamlet" um die Scheinwelt der Lüge, Intrige und des
investigativen Schauspiels geht, besteht die erste Großtat des
Überrumpelungskünstlers darin, Nacktheit als Fake auszustellen.
Lösch ist nicht Gosch, also stürmen die Schauspieler in
Körperkostümen als dänische Neandertaler die Bühne. Alles, was
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da hängt, wird vom Kostüm der Nacktheit wie ein zweite Haut
abgebildet. Dass Hamlet ein anderer ist, sieht man allein schon
daran, dass bei ihm alles noch ziemlich straff baumelt und er sofort
solitär in der Ecke steht. Notwendig ist das insofern, als Till Wonka
die Entdeckung des Abends ist und gut in dieser Halbdistanz zu
einigen Regieanfällen Volker Löschs lebt.
Etwa wenn sich der dänische Intrigantenstadel zum Gruppenbild
formiert und Elmar Roloff die händeringende Genderqueen Gertrud
gibt, während sich Katharina Ortmayr als Polonius auf den
Schenkeln des Claudius räkelt. Polonia ist wie Gertrud nicht mehr
als eine Karikatur, während Sebastian Kowski als Claudius ein
ernst zu nehmender Widerpart des Hamlet ist. Zu sehen ist das vor
allem im Spiel im Spiel, in der "Mausefalle", in die der
Brudermörder Claudius tappen soll. Das hat schon was, wie die
Stuttgarter Dänen da ins Publikum runtersteigen, Till Wonka oben
im Bühnenkasten den investigativen Hamlet gibt, im
entscheidenden Moment aber Claudius auf die Bühne bittet,
Sebastian Kowski ein souveräner Mörder an der Spitze des Staates
ist und lächelnd den Giftmord spielt.
Ist ja sowieso alles nur Spiel, sagt das Lächeln, und Lösch ist bei
der zentralen Problematik seines Provokationstheaters gelandet.
Nicht umsonst lässt er Hamlet die Frage stellen: "Wie macht man
einen Skandal?" Und nicht umsonst ist Till Wonka dann ungeheuer
stark, wenn er abseits jeglichen Skandalons ein junger Rebell sein
darf, der gern Anarchist wäre, steckte in ihm nicht dieses
Muttersöhnchen, das nach dem Poloniusmord dann doch wieder an
Gertruds Brust nuckelt. Bliebe noch der Chor. Wo bitte bleibt dieses
Mal das Schleef-Implantat, aus dem Lösch so gerne einen
Reißzahn im Arsch des bürgerlichen Publikums machen möchte?
Keine Angst: Es gibt ihn, sogar in doppelter Ausführung.
Da wäre zum einen der Geist von Hamlets Vater in Gestalt von
neun Filbinger-Imitaten. Skandieren die den Text der väterlichen
Erscheinung, ist das insofern konsequent, als jeder
vernunftbegabte schwäbische Hamlet mit dem Geist der Väter
immer auch den grinsenden Marinerichter und Ministerpräsidenten
beschwört. Da ist aber auch dieser zweite Chor, der wie eine
schicke neonazistische Welle von hinten auf die Bühne quillt. Ein
grandioses Bild ist das schon, wirft aber doch die Frage auf,
warum die braune Springflut ausgerechnet ein 52facher Fortinbras
sein soll und nicht etwa Rosenkrantz und Guildenstern, die zuvor
wie Hündchen um Claudius schwänzelten. Der Rest wäre
Schweigen, bastelte Volker Lösch unter Umständen nicht bereits
an den nächsten Neonazis der dramatischen Weltliteratur.
Volker Löschs erste Großtat: Er steckt die Schauspieler in
Körperkostüme und stellt ihre Nacktheit damit als Fake aus
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Seele and Geist
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