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Gibt es eine Moral des Marktes? Was macht der Kapitalismus aus

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DIE ZEIT
20
SCHWARZ
S. 20
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magenta
WIRTSCHAFT
yellow
20. August 2009 DIE ZEIT Nr. 35
Gibt es eine Moral
des Marktes?
Was macht der Kapitalismus
aus dem Menschen?
Nein, antwortet der Privatbankier Konrad Hummler dem Literaturkritiker IJOMA MANGOLD. Nach Werten müsse man woanders suchen
Geld ist des Teufels, Geschäfte untergraben die Moral. Warum die schöne Literatur so skeptisch auf die
Wirtschaft schaut VON ADAM SOBOCZYNSKI
DIE ZEIT: Sie haben ja noch eine richtige
Schalterhalle in Ihrer Bank!
KONRAD HUMMLER: Ja, das ist ein bisschen ein
Relikt, aber wir haben viele alte Kunden, deren Augenlicht nicht mehr so gut ist und die
man nicht an einen Geldautomaten schicken
kann. Die kommen hier gerne her.
ZEIT: Da gibt es ein bisschen Ansprache.
HUMMLER: Genau. McKinsey würde das natürlich sofort als ineffizient wegrationalisieren,
nur um das Fünffache der eingesparten Kosten sodann in ein Kundenbindungs-Projekt
zu stecken.
ZEIT: Ist diese menschliche Komponente
Marketing?
HUMMLER: Überhaupt nicht. Ich würde im
Gegenteil sagen: Wenn man beginnt, die
Kundenbeziehung zu kapitalisieren, dann begeht man Verrat an ihr. Das ist ein Glaubenssatz im Hause Wegelin & Co.
ZEIT: Ein Haus, das den Kapitalismus repräsentiert, beschließt: »Wir dürfen nicht alles
der Logik des Kapitals unterwerfen«?
HUMMLER: Ja. Ich sehe auf Schritt und Tritt,
dass viele erfolgreiche Unternehmungen genau dann kaputtgehen, wenn diese Kapitalisierung der Kundenbeziehung stattfindet.
Dann muss man dem Kunden teure Produkte aufs Auge drücken oder ihn durch Gebühren ausnehmen. Bei Wegelin & Co. gibt es
deshalb keine Budgetvorgaben für unsere
Berater, dass sie, wie man so schrecklich sagt, »auf dem Kunden« so und
so viel verdienen müssen. Im Übrigen
sind Kunden, «auf denen« man wenig
verdient, in Krisenzeiten die risikoärmsten. Das ist für das langfristige
Überleben viel wichtiger.
ZEIT: So gesehen, würden sich Ethik
und Ökonomie in diesem Fall gegenseitig begünstigen. Stört es Sie eigentlich, dass das Bankwesen, an sich eine
Branche der Diskretion, seit der Finanzkrise so stark der öffentlichen
Beobachtung ausgesetzt ist?
HUMMLER: Sagen wir so: Ich kann damit leben. Gleichwohl gehört Geld nebst einigen anderen Sachverhalten im Leben wie
Gesundheit und religiöse Empfindungen zu
den Dingen, die Individualität und Privatheit
beanspruchen. Insofern hoffe ich schon, dass
das Pendel, das jetzt so stark in Richtung
Transparenz ausschlägt, auch wieder einmal
zurückschwingt.
ZEIT: Nach dem Untergang der Sowjetunion
wurde es still um die Kapitalismuskritik. Das
ist seit einem Jahr völlig anders. Der Kapitalismus steht in massiver öffentlicher Kritik.
Wird er davon profitieren?
HUMMLER: Ich glaube, dass bei dieser Kapitalismuskritik etwas nicht richtig gesehen wird:
dass der Kapitalismus gar keiner war. Der sogenannte Kapitalismus war durch zwei große
Asymmetrien verzerrt: Es profitierten zu viele
Leute davon, die kein eigenes Verlustrisiko
trugen, die Bankmanager, die als Agenten
auftraten, die zwischen Eigentum und Eigentümer geschaltet waren. Die zweite Asymmetrie entstand durch die implizite Staatsgarantie, die einem großen Teil des Bankensystems gewährt wurde. Und die nie abgegolten worden ist durch diese Institute. Ich
meine, wenn man eine Garantie gestellt bekommt, dann müsste man ja auch etwas dafür bezahlen. Aber weder die Citigroup noch
die UBS, noch die Deutsche Bank haben ihrem impliziten Garanten namens Öffentlichkeit je einen roten Heller bezahlt.
ZEIT: Würden Sie sagen, dass dem Management diese Garantie immer bewusst war?
HUMMLER: Absolut, und ich würde auch sagen, alles wurde so gelenkt, dass diese Garantie immer mehr zum Tragen kommt. Alle
Anreize waren und sind auch nach der Krise
immer noch so ausgelegt, dass es sinnvoll ist,
immer größer zu werden, um immer mehr
too big to fail zu werden.
ZEIT: Und die Öffentlichkeit ließ sich das gefallen?
HUMMLER: Sie wurde über den Tisch gezogen.
Das war nicht Kapitalismus, sondern ein sehr
verzerrter Markt. Eine Kartellbildung der
Großen gegen die Öffentlichkeit und gegen
die Kleinen.
ZEIT: Die hohen Boni für Banker werden
immer damit gerechtfertigt, dass man so
kompetente Leute eben hoch bezahlen müsse, um sie zu bekommen. Sehen Sie einen
Zusammenhang zwischen den Bankerbezügen und der erbrachten Leistung?
HUMMLER: Überhaupt nicht. Was ist denn die
Leistung? Die Leistung ist genau diese Kartellisierung. In einem Kartell, das halb kriminelle Züge hat, sahnt der, der schamlos genug ist,
sauber ab. Ich habe mal eine Untersuchung
gemacht, wie sich das Verhältnis von Gewinnen der sogenannten Realwirtschaft zu den
Gewinnen der Finanzindustrie verhalten hat
über die vergangenen 25 Jahre. Der Anteil des
Finanzsektors ist von 15 Prozent auf über
35 Prozent angestiegen. Fast 40 Prozent der
gesamten Gewinnschöpfung der Wirtschaft!
ZEIT: Geht das auf Kosten der Realwirtschaft?
HUMMLER: Natürlich, weil das Kapital teurer
wird. Ein Kartell ist immer ineffizient für
die, die auf das Kartell angewiesen sind.
ZEIT: Haben Sie die Hoffnung, dass sich an
diesen Strukturen jetzt etwas ändern wird?
HUMMLER: Da bin ich ziemlich pessimistisch.
Ich habe allenfalls den Hoffnungsschimmer,
dass Teile der Welt, die neu ins Wirtschaftssystem gekommen sind, diese Fehler nicht
wiederholen und so wettbewerbsfähigere
Strukturen entstehen. Und ich habe Hoffnung, weil man sich eine Kapitalallokation
ohne Banken vorstellen kann.
ZEIT: Wie findet dabei der Investor zum Unternehmer?
HUMMLER: Über das Internet zum Beispiel.
ZEIT: Gibt es das schon in Ansätzen?
HUMMLER: Es gibt das sogenannte Peer to Peer
Financing: Jemand sucht Kredit und stellt
sich so Facebook-mäßig ins Internet, und auf
der anderen Seite gibt es Leute, die ihm Kredit geben wollen. Von den Aufsichtsbehörden
wird das heftigst bekämpft, weil man sagt, das
sei nicht reguliert. Da wehrt sich eben eine
alte Struktur gegenüber einer neuen Idee. In
China werden so schon Studiendarlehen vergeben.
ZEIT: Sie als Bankier entwerfen also
eine Welt ohne Banken!
HUMMLER: Ja, das tönt vielleicht sehr
visionär, aber ich vermute tatsächlich,
dass dieses Banksystem in den Abfalleimer der Geschichte gehört.
ZEIT: Erzürnt es Sie, dass Ihr Berufsstand durch die Krise so in Verruf
geraten ist?
HUMMLER: Ich bin Gott sei Dank kein
typischer Vertreter meines Berufsstands.
ZEIT: Sie leiden nicht unter dem Ansehensverlust der Branche?
HUMMLER: Überhaupt nicht.
ZEIT: Weil Sie sich nicht als ein Teil davon
sehen?
HUMMLER: Weil wir bei Wegelin & Co. die
Dinge immer glaubwürdig anders gemacht
haben. Zum Beispiel haben wir bewusst auf
die Versuchung verzichtet, selber Investmentbanking zu betreiben. Wir haben immer gesagt, wir sind Berater des Kunden, der im
ganzen Finanzuniversum anlegen kann. Dabei geht es nicht, dass wir diese Anlagen auch
noch produzieren. Das ist unethisch.
ZEIT: Was ist Ihre spontane Reaktion, wenn
Sie das Wort Unternehmensethik hören?
HUMMLER: Also erst mal läuten da bei mir die
Alarmglocken. Darüber reden meist die, die
das größte Problem damit haben. Was ich
hasse, sind diese pseudoreligiösen Gottesdienste, wie sie in Davos stattfinden. Wenn
schon, dann muss sich die Unternehmensethik durch Haltung ausdrücken und nicht
durch gemeinsame Bekenntnisse.
ZEIT: Gäbe es aber trotz der Gefahr der Phrasenhaftigkeit für Sie so etwas wie einen Tugendkatalog?
HUMMLER: Es gibt ihn schon. Man könnte
ihn vielleicht mit ein paar Grundsätzen des
bürgerlichen Gesetzbuches benennen. Treu
und Glauben zum Beispiel. Ich glaube, im
konkreten Fall kann man in Geschäftsbeziehungen immer sagen, was das richtige Verhalten gemäß Treu und Glauben ist.
ZEIT: Würden Sie sagen, der Kapitalismus hat
eine Moral?
HUMMLER: Per se als Mechanismus hat er keine Moral. Aber versehen mit ein paar zusätzlichen Werteorientierungen, kann er eine
moralisch vertretbare Wirkung entfalten.
ZEIT: Ist das nicht ein problematisches Defizit, wenn der Kapitalismus aus sich heraus
moralfrei abläuft?
HUMMLER: Es ist ein Mechanismus, der von
Menschen betrieben werden muss, die Werthaltungen haben, und dem durch das Rechtssystem und alle unausgesprochenen Verhaltensregeln Rahmenbedingungen gesetzt werden, die dann moralischen Grundsätzen entsprechen.
ZEIT: Die Finanzkrise hat man gerne mit der
Gier erklärt. Ist das die entscheidende anthropologische Größe für den Kapitalismus?
HUMMLER: Also Gier hat ja eine negative Konnotation. Mein Menschenbild ist weniger
aufgeregt. In der menschlichen Geschichte
ist die Gier immer präsent. Es geht darum,
ob man der Gier eine Gelegenheit gibt.
ZEIT: Ist Geld selber sinnstiftend?
HUMMLER: Nein.
ZEIT: Wenn aber eine Branche ihren Erfolg
nur durch Geld ausdrückt, wird dieses zum
letzten Bewertungsmaßstab.
A
uf Gewinnstreben blicken
Dichter gern mit Abscheu. Sie
sind geradezu manisch darin
vernarrt, Gier zu karikieren,
Geiz zu brandmarken, den
Händler zum Sünder zu stempeln. »Denn kein so schmählich
Übel, wie des Geldes Wert, / Erwuchs den Menschen«, heißt es bereits in Sophokles’ Antigone,
und dies wird unzählige Male variiert.
Nichts scheint ausgemachter als die Vermutung, Geld verderbe den Charakter. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem König,
der trotz großen Reichtums seine Goldgier nicht
zu zügeln vermag. Er bittet Dionysos darum, alles in Gold zu verwandeln, was er berührt. So
verwandelt sich auch das Essen in des Königs
Mund zum kalten Metall, und es bedarf keiner
großen Anstrengung, sich die Moral hinzuzudenken: Geld befriedigt die elementarsten Bedürfnisse nicht. Es ist etwas Abstraktes, gegen die
Natur Gewandtes. Vor allem aber verführt es
zum Bruch mit der Kardinaltugend der temperantia, der Mäßigung.
Die Christen hatten verkündet bekommen,
dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gelangt
als ein Reicher in den Himmel; man könne nicht
zugleich Gott und dem Mammon dienen, weshalb auch Wucher, das Verleihen auf Zins, verpönt, wenn nicht verboten war. Die Todsünde
der avaritia, also die der Habsucht, spielte der
Typenkomödie literarisch in die Hände. Molières
alter Harpagon, der Geizige im gleichnamigen
Stück, wird mit dem Satz »Er hat den Teufel im
Leibe« eingeführt. Harpagon lässt, obgleich vermögend, seine Pferde verhungern, setzt Gästen
Armenküche vor, erhebt monströs hohe Zinsen,
sucht seiner Tochter und seinem Sohn das Liebesglück zu verweigern, indem er ihnen greise,
aber betuchte Gatten zuweisen möchte. Am
Ende ist Harpagon reich, aber einsam, dem falschen Leben erlegen. Die Kinder aber feiern nach
einiger komödiantischer Verwicklung und List
6
Frage
Nr. 35 DIE ZEIT
Das ist ein großes Problem.
Wie motiviert man sich dann?
HUMMLER: Ich habe immer gesagt, ein Bankier,
der ein guter Berater sein möchte für seine
Kunden, darf keine Freude am Geld haben.
Das trifft bei mir in hohem Maße zu.
ZEIT: Wie drückt sich Ihre Unfreude am Geld
aus?
HUMMLER: Es ist absolut irrelevant für meine
Sicht auf die Gesellschaft, die Menschen oder
die Welt. »Wie viel hat der?«, diese Frage, die
in Kreisen von Neureichen häufig zu hören
ist, ist für mich eine Kategorie, der ich mich
total verschließe. Natürlich gilt auch da: Man
kann das predigen, aber man muss es dann
auch tun. Und da habe ich eine sehr klare
Lebensgestaltung vorgenommen.
ZEIT: Verraten Sie, wie die aussieht?
HUMMLER: Ich habe das Glück gehabt, dass ich
ein bisschen Geld verdient habe. Nun bin ich
fortlaufend dabei, meine Familie systematisch
zu enterben. Ein großer Teil meines mir zugefallenen Reichtums wird eingesetzt für ein
kulturelles Projekt.
ZEIT: Was für ein Projekt?
HUMMLER: Das ist die Johann Sebastian Bach
Stiftung St. Gallen, die das Vokalwerk von
Bach aufführt und aufnimmt in Ton und
Bild. Es ist die erste Ton-Bild-Gesamteinspielung von Bach, die es gibt. Auf höchstem
Niveau – mit Dirigenten wie Ton Koopman
und John Eliot Gardiner. Ein gigantisches
Projekt, weil Bach über 250 Vokalwerke geschaffen hat, und wir sind jetzt bei der Nummer 25 angelangt.
HUMMLER:
ZEIT:
KONRAD HUMMLER ist
geschäftsführender
Teilhaber der Schweizer
Privatbank Wegelin & Co.
S.20
SCHWARZ
ihr Liebesglück, das nicht austauschbar und
unkäuflich ist.
Geld aber ist des Teufels. Geld steht in Konkurrenz zu Liebe, die Münze in Konkurrenz zur
Hostie. Die Sprache des Geldes selbst ist der
Religion abgerungen, der Kredit dem Credo,
der Preis der Lobpreisung, die ökonomische
Messe der heiligen. Der Handel, sobald ihn Literaten entfalten, ist daher fast immer ein Teufelspakt. Der Peter Schlemihl des Adalbert von
Chamisso verkauft seinen Schatten an Satan,
der ihm im Gegenzug einen Säckel überreicht,
der immer prall ist. Wann immer Schlemihl hineingreift, sind Goldstücke drin. Der Preis ist
gewaltig, der Schattenlose wird gemieden, selbst
von seiner Geliebten. In Shakespeares Kaufmann von Venedig verlangt der teuflische Geldverleiher Shylock als Sicherheit ein Pfund Menschenfleisch, und er vermag gar den Tod seiner
Tochter zu verschmerzen, wenn er nur die ihm
von ihr gestohlenen Juwelen wiedersehen könnte. Es werden gar Seelen verkauft an den Teufel,
den Händler, der Faust mit unzweideutiger Aufforderung auf den Hexenberg treibt: »Fasse wacker meinen Zipfel! / Hier ist so ein Mittelgipfel,
/ Wo man mit Erstaunen sieht, / Wie im Berg
der Mammon glüht.«
Das teuflische Geld, das sich qua Zinsen wundersam vermehrt, stellt, wie der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch plausibel machte, weibliche Prokreationskraft nach. Es arbeitet und
vermehrt sich frauenlos, nach einem
männlichen, wenn man Goethe radikal
folgt, homosexuellen und damit sündigen
Prinzip.
Bei aller Satanei, aller Sodomie: Der
Wucherer als Figur war über Jahrhunderte
recht machtlos gewesen gegen religiös legitimierte Liebe, gegen ständische Ehrenkodizes und gegen einen Herrscher, den
man sich über lange Zeit – bei aller ritualisierten Hofkritik – als patriarchal, gütig
und von Gottes Gnaden denken wollte.
Der Wucherer aber mit seinem unheilbringenden Gewinnstreben hatte eine
dankbare literarische Funktion. Er wurde
instrumentalisiert, um die verfolgte Unschuld – die
Kinder Harpagons oder die Liebe Peter Schlemihls
– als besonders schützenswert darzustellen.
Wenn dem Unternehmer im 18. Jahrhundert
hier und da ein vorteilhaftes Antlitz gegeben wurde, dann zumeist unter Preisgabe seines ökonomischen Ehrgeizes. In Abkehr von den üblichen antisemitischen Anklängen am Gewinnstreben (Shakespeares Shylock war selbstverständlich ein Jude) ist
Nathan der Weise in Lessings gleichnamigem
Toleranzstück derart freigebig, dass man sich wundert, weshalb er nicht pleitegeht. Der Kapitalist ist
ehrenwert nur als pervertierter, als antikapitalistischer Kapitalist: Die Geschäftstüchtigkeit des
Bourgeois und die Tugend des Citoyens sollten in
eins fallen.
Von der Hoffnung auf großmütige Gesinnung, die dem aufsteigenden Bürgertum unterstellt wurde, war man rasch geläutert. Goethe
ahnte, dass bald »alles Ständische und Stehende
verdampft« (Marx), alles Heilige entweiht würde: »In diesem Zeichen«, heißt es im Faust über
das Papiergeld, »wird nun jeder selig.« Verdreht
und verhöhnt wird damit das konstantinische
Diktum In hoc signo vinces (»Unter diesem Zeichen wirst du siegen«). Damit war einst das
Kreuz gemeint, das nun dem Kapitalismus als
Ersatzreligion wich.
Schriftsteller, vor allem die des realistischen
Romans in Frankreich, konnten sich den Menschen, der sich dem neuen Gott unterwarf, gar
nicht hässlich genug denken. Nicht die Liebe,
nicht Ruhm, nicht Ansehen, Geld allein ist die
alles entscheidende Triebkraft der Figuren in
Balzacs Menschlicher Komödie: all die Spekulanten, Kaufleute und Parvenüs der nachnapoleonischen Ära, der beflissene Karrierist mit seinem
»zwiebelartigen Gesicht«, die Pensionsvorsteherin, die den Bewohnern je nach der Höhe ihrer
Miete »Zuwendung mit mathematischer Genauigkeit« zumisst. Der entflammte Wettbewerb
schlägt tiefe Furchen in die Physiognomien, ihnen ist der Siegeszug des Geldes eingeschrieben,
der Siegeszug der Zahl über das Alphabet, des
Mittels über den Zweck.
Der Wert eines Menschen bemisst sich danach, ob sich ein Vorteil aus der Bekanntschaft
mit ihm herausschlagen lässt. Die Literatur des
19. Jahrhunderts entfaltet Charaktere, die sich
immerzu ihrer wechselseitigen Verzweckung absichern. Gottfried Keller lässt in seiner Novellensammlung Die Leute von Seldwyla drei Gesellen um die Übernahme eines Kammachergeschäfts wetteifern, bis nur noch die »Regung
der Eifersucht, der Besorgnis, der Furcht« regiert. Die Figuren werden austauschbar, verkennbar, Doppelgänger ihres Nächsten, so wie
das Geld Güter immerzu in gleichgültige Beziehungen zueinander setzt.
Dem Aufsteiger des 19. Jahrhunderts wird
zur Selbstverständlichkeit, dass er mit hässlich
zuckender Oberlippe die Leiter hinter sich weg-
stößt, mit der er nach oben gelangte; dem Absteiger aber droht ewiger Selbsthass. Es wird
miteinander gesprochen, als hätte es die aufklärerische Zuversicht nach Transparenz im Umgang nie gegeben. Man fällt zurück in die negative Anthropologie, die man einst der höfischen
Kultur vorgehalten hatte: Keine Miene, kein
Satz verrät mehr die Absicht des Aufsteigers Julien in Stendhals Rot und Schwarz.
Trotzdem blieb der Reiz der neuen Warenwelt
nicht unbemerkt. Wenngleich die Liebe unter die
Räder der Profitoptimierung gerät, die neuen
Kleider und Hüte blitzen doch in der Sonne. »Die
Satansherrschaft des Geldes« (Thomas Mann), sosehr sie für umfassende Deformierung einsteht,
sorgt für ein belebendes Aphrodisiakum. Ein
Witwenherz lässt sich durch »pralle, fleischige
Waden«, sofern sie zur Ausstattung eines reichen
Nudelfabrikanten gehören, durchaus erweichen
(so in Balzacs Vater Goriot).
Da nun nicht jeder in die oberen Ränge hineinheiraten kann, der Wohlfahrtsstaat unterentwickelt bleibt, man Wirtschaftskrisen erleidet,
soziale Konflikte sich zuspitzen, kurzum: Elend
in breiten Schichten der Gesellschaft herrscht,
sieht man verarmte Weber auf der Bühne (Gerhart
Hauptmann) und allerlei revolutionäre Dialektik
(Bertolt Brecht).
Dass der Kapitalist aus sozialistischer Sicht
nicht einfach bösartig ist, sondern selbst Opfer
einer als System gedachten, zu überwindenden
Wirtschaftsordnung, sehen nicht alle.
Heinrich Mann karikiert, so grob es irgend
geht (überdies mit antisemitischen Anklängen), in seinem Roman Im Schlaraffenland das Bankiersehepaar Türkheimer, wo
»das Geld unter den Tischen umherrollt«,
aber das Herz verroht.
Es erschien vielen Literaten der Bundesrepublik, etwa Peter Weiss, nur allzu
folgerichtig, in den Hauptbefürwortern
und Organisatoren des Nationalsozialismus maßgeblich deutsche Industrielle
und Bankiers am Werk zu sehen. Die
Annahme einer verschworenen Allianz
aus Faschismus und bürgerlichem Kapitalismus, der in der Bundesrepublik fortwirke,
gab der Protestkultur in den sechziger Jahren
bekanntlich ihr Feuer – mit der unheilvollen
Konsequenz, dass die bisweilen flexibilisierungsresistenten, unökonomisch behäbigen Lebensgewohnheiten, die sich als bürgerliche Restbestände erhalten hatten, beseitigt wurden: ein
zutiefst ritualisierter Tagesablauf, der Sonntagsspaziergang, die Mittagsruhe, ein Leben in der
handyfreien Zone.
Die Bedrohung, letzte Rückzugsmöglichkeiten in einer unter Effizienzgesichtspunkten organisierten Gesellschaft zu verlieren, wird in der
Gegenwartsliteratur durchaus lebhaft verhandelt; sei es aus den schwermütigen Augen eines
Grabredners in Uwe Timms Roman Rot oder in
Ralf Rothmanns nostalgischen Rückblicken auf
das Ruhrgebiet.
Nur wenige Schriftsteller wagen allerdings
einen genauen Blick auf die Finanz- und Managerwelt, wie es Ernst-Wilhelm Händler tut. Der
dringt in seinem Roman Wenn wir sterben in die
Innenwelt eines mittelständischen Unternehmens vor. Es wird von drei Frauen geführt – und
zwar mit Ehrgeiz, mit Lust an Risiko und Rendite. Die Kehrseite ist eine immer wiederkehrende, schöpferische Zerstörung des Reichtums,
die bisweilen zur Introspektion verleitet. »Nie
habe ich innegehalten, ich habe keine Erschöpfung an mich herangelassen, denn nur die Erschöpfung hätte es mir ermöglicht, endlich zu
bestimmen, vielleicht auch zu träumen, festzusetzen, wer ich bin.« Doch ist dies Rollenprosa. Händler moralisiert nicht. Die entfesselte
Wirtschaft, sosehr sie alltägliche Beklemmungen, vergebliche Euphorie und seelische Verrohung evoziert, sie ist nun einmal die Grundlage, auf der wir unser Leben gestalten. Der
Ausweg ist versperrt.
Dass die Literatur, von einigen Ausnahmen
abgesehen, den Kapitalismus als großen Zerstörer von Moral und Tradition darstellt, selten
aber seine friedensstiftende Funktion erhellt
(wer miteinander Handel treibt, wird bekanntermaßen kriegsmüde), dass Literatur seit je einen Hang dazu hat, den Kaufmann zum Teufel,
den Handel zum Teufelspakt auszuschmücken,
liegt nicht nur an einer grausamen Wirklichkeit,
die in den Werken sich spiegelt.
Denn die Literatur selbst steht in einer verborgenen Konkurrenz zum Kaufmann, der seinen
Reichtum zu vermehren begehrt. Literatur selbst
ist der Überfluss, den sie wortreich in der ungerechten Dekadenz der Wohlhabenden beklagt.
»Bin die Verschwendung«, heißt es in Goethes
Faust II, »bin die Poesie; / Bin der Poet, der sich
vollendet, / Wenn er sein eigenst Gut verschwendet. / Auch ich bin unermeßlich reich.«
Wer die Literatur danach befragt, was der Kapitalismus aus dem Menschen macht, kann sich
bisweilen sicher sein: Er demütigt ihn dort mehr,
als er es in der Realität vermag.
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Illustrationen: Daniel Stolle für DIE ZEIT/www.d-stolle.de; Foto: dpa (u.)
Nr. 35
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Seele and Geist
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