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Broschüre 42 - Was leitet uns - Korrekturvorlage 3 - CDU

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Dr. Bernd Althusmann
Ralf Meister
Dr. Hans-Joachim Jaschke
Prof. Dr. Detlef Horster
Lothar C. Rilinger
„Was leitet uns?
Die religiöse Grundlage in Staat und
Gesellschaft als wertbildendes Moment“
42
Rechtspolitik in der Diskussion
LACDJ
Landesarbeitskreis
Christlich-Demokratischer Juristen
1. Auflage
Redaktion dieses Heftes:
Rechtsanwalt Lothar C. Rilinger, Hannover
Herausgegeben von der CDU in Niedersachsen
X/2012
-2-
Dr. Bernd Althusmann
Niedersächsischer Kultusminister
Ralf Meister
Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Hannover
Dr. Hans-Joachim Jaschke
Weihbischof im römisch-katholischen Erzbistum Hamburg
Prof. Dr. Detlef Horster
em. Professor an der Leibniz Universität Hannover
Lothar C. Rilinger
Rechtsanwalt
„Was leitet uns?
Die religiöse Grundlage in Staat und
Gesellschaft als wertbildendes Moment“
-3-
Inhalt:
I. Einführung
von Lothar C. Rilinger................................................................... Seite 5
II. Staat ist kein religionsleerer Raum
Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Kultusminister............ Seite 9
III. Was leitet uns?
Ralf Meister, Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Hannover. Seite 17
IV. Religion schafft Heimat
Dr. Hans-Joachim Jaschke, Weihbischof im römisch-katholischen
Erzbistum Hamburg........................................................................ Seite 21
V. Werte müssen vorgelebt werden.
Prof. Dr. Detlef Horster, em. Professor an der Leibniz-Universität
Hannover........................................................................................ Seite 31
VI. Autoren...................................................................................
-4-
Seite 37
I. Einführung
von Lothar Christian Rilinger
Gehen wir als „Orientierungswaisen“ durch unser Leben? Dieses Frage
des Philosophen Hermann Lübbe charakterisiert die Lage, in der wir uns
befinden. Nach seiner Auffassung nehme die soziale Ungleichverteilung
des handlungsrelevanten Wissens unbeschadet hochhomogener Medieninformiertheit ständig zu, und aus diesem Grunde würden sich
fortbildende Systemen integraler Lebensorientierung kulturell und
individuell objektiv schwieriger erhalten.
Die tradierten denkerischen Bindungen sind gelockert oder haben sich
sogar vollständig aufgelöst. Das Christentum, das das Abendland
wesentlich geprägt hat, wurde zurückgedrängt, im Judentum gibt es die
verschiedenen Strömungen, in der die Einheitlichkeit überwunden worden
ist, der Islam soll nach einer Feststellung des ehemaligen Bundespräsidenten zu Deutschland gehören, Agnostiker und sogar Atheisten
gewinnen an Boden. Sich ausbreitende negative Erfahrungen im Umgang
der Menschen untereinander, Angst, defensive Verhaltensweisen, Zerfall
der Höflichkeit (Gerhard Schmittchen) taten ein übriges. Der
ursprüngliche, sich aus der griechisch-römischen, jüdischen und
christlichen Kultur entwickelte gesellschaftliche und staatliche Konsens
erudiert, immer mehr geistige Strömungen wollen die Grundlage unser
verfassten Gesellschaft sein. Eine Fragmentierung des gesellschaftlichen
Konsenses ist eingetreten.
Die sogenannte „68 - Bewegung“ und mit ihr die Kritische Theorie stellte
alles in Frage, überwand das bestehende, teilweise tradierte
Wertesystem, wusste aber nicht, was anstelle der außer Kraft gesetzten
Werte folgen sollte. Herbert Marcuse, einer der führenden Vertreter dieser
Denkrichtung, erkannte das Dilemma und kommentierte es mit der schon
beinahe als tragisch zu beurteilenden Feststellung, die Möglichkeiten
einer neuen Gesellschaft seien zu abstrakt, das heißt zu entfernt vom
etablierten Universum und zu unvereinbar mit ihm, als dass ein Versuch
gelingen könnte, sie mit den Begriffen dieses Universums ausfindig
machen zu können. Und da alle Werte aufgehoben sein sollen, gilt
nunmehr das Diktum des „anything goes“, des „Alles geht“, des „Alles ist
möglich“, schließlich trägt nach Paul Feyerabend auch der „theoretische
Anarchismus“ zum Fortschritt in jedem Sinne bei.
Doch wir brauchen etwas, was uns leitet und was uns Orientierung bietet ja, wir benötigen eine Richtschnur, an der wir uns und unser Leben
ausrichten können.
-5-
Der Papst hat jüngst in seiner Rede vor dem Bundestag darauf
hingewiesen, es sei für die Entwicklung des Rechts und der Humanität
entscheidend gewesen, dass „sich die christlichen Theologen gegen das
vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der
Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für
alle gültige Rechtsquelle anerkannt“ hätten und dass deshalb der
Relativismus und damit einhergehend der Positivismus nicht die
Grundlage eines Staates und einer Gesellschaft sein dürften, schließlich
stünden Werte, die sich aus diesen Denkrichtungen ergäben,
korrespondierend zum wissenschaftlichen Fortschritt zur jederzeitigen
Disposition durch die Menschen, es wäre lediglich eine Mehrheit
notwendig. Und was nicht wissenschaftlich verifizierbar oder falsifizierbar
wäre, was darüber hinaus auch eine metaphysische Begründung
aufweise, eine Begründung, die in der Transzendenz angesiedelt wäre,
könnte und vor allem dürfte auch nicht akzeptiert werden. Werte
unterlägen aber dann der Beliebigkeit, könnten jederzeit geändert oder in
anderer Weise interpretiert werden und gäben deshalb nur die
Vorstellungen des genius temporis, des Zeitgeistes, und des mainstream
wider, nur die Entwicklung und den jeweiligen Fortschritt der
Wissenschaft.
Werte müssen aber beständig sein und dürfen nicht in jedem Fall durch
die Mehrheit festgelegt werden. Es gibt Werte, die schlicht und einfach
nicht disponibel sind und die deshalb auch nicht durch eine Mehrheit
außer Kraft gesetzt werden dürfen. Dies sind die unteilbaren
Menschenrechte, die sich gerade in der Würde des Menschen, im Recht
auf Leben und in der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht
manifestieren. Dass sich die Mehrheit aber auch in politischen
Entscheidungen irren kann, ist in der Geschichte oft genug aufgetreten gerade wir Deutschen brauchen da nur an das Jahr 1933 denken, in dem
der Verderber Deutschlands legal an die Macht gekommen ist, nicht aber
durch einen Putsch oder eine Revolution, nicht durch Gewalt, die es uns
ermöglicht hätte, einen Entschuldigungsgrund für dieses Versagen der
Welt zu präsentieren - wenigstens einen einzigen.
Die Religion setzt sich aus dem Offenbarungswissen, also aus dem
Glauben, und aus dem Handlungswissen, also aus der Ethik zusammen.
Auch wenn in unserem Staat die Trennung von Staat und Kirche
vollzogen worden ist - allerdings nur relativ - , so ist aber nicht die Ethik
vom Staat getrennt und damit ist der Staat noch mit der Religion
verwoben. Auch wenn in der Aufklärung Gott aus dem gesellschaftlichen
und staatlichen Diskurs herausdifferenziert werden sollte - in dem
Kant`schen Sittengesetz, das ja den Dekalog ohne Gottesbezug und ohne
göttliche Gesetze wiedergibt, ist nach wie vor das religiöse Wissen von
-6-
über 2000 Jahren eingeschlossen. Deshalb konnte Horkheimer auch
sagen, dass die Politik, die Theologie nicht in sich bewahre, wie geschickt
sie auch sein mag, letzten Endes Geschäft bleibe, und damit meinte er,
das erst die religiöse Dimension die Politik zu einer gelungenen werden
lässt, schließlich gründe alle Moral, zumindest in den westlichen Ländern,
in der Theologie - wie sehr man sich auch bemühen möge, die Theologie
behutsam zu fassen.
Was also leitet uns? Können die Kirchen die denkerische Grundlage vermitteln, die der Staat und die Gesellschaft so dringend benötigen? Und ...:
Kann die religiöse Grundlage in Staat und Gesellschaft als wertbildendes
Moment dienen?
Diese so überaus wichtige Frage wollen wir in den nachfolgenden
Aufsätzen diskutieren. Die uns gestellte Frage halte ich für eine der
wichtigsten, die wir im politischen Diskurs stellen müssen.
-7-
-8-
II. Staat ist kein religionsleerer Raum
von Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Kultusminister
Das Christen- und das Judentum haben ohne Zweifel unsere Kultur und
Geschichte zutiefst geprägt. Unser Denken, unsere Sprache, unser
Weltbild, ja unsere Welt, sie sind bis heute durchdrungen von diesem
Erbe. Unser Grundgesetz!
Aber prägt Religion, prägen religiöse Bezüge unsere Gesellschaft heute
wirklich noch? Was hält uns zusammen? Welches gemeinsame
Wertefundament existiert? Wir leben in einer Welt, die mit den Begriffen
Individualisierung, Säkularisierung und Pluralisierung, vielleicht auch
Medialisierung zutreffend beschrieben ist. D.h., sie ist von Tendenzen
gekennzeichnet, die den Ansprüchen der Religion nach Absolutheit und
Einheitlichkeit im Sinne von Allgemeingültigkeit geradezu entgegenlaufen.
Anders gefragt: Was kann und soll Religion als sinnstiftendes,
orientierendes, wertegebendes Fundament, sozusagen als „Kitt“, in
unserer modernen pluralistischen und säkularen Gesellschaft leisten?
Von zwei überkommenen Auffassungen der Religion können wir heute
absehen:
1. In einer säkularen, autonomen Welt hat der Glaube an einen
gebietenden Gott und an heilige Texte, aus denen sich sein autoritativer
Wille in Form von Dogmen und Geboten direkt ableiten lässt, die für alle
verbindlich sind und die das individuelle, aber auch das gesellschaftliche
und politische Leben in seinen Einzelheiten bestimmen, keinen Platz.
Schon das Mittelalter kannte den Dauerkonflikt zwischen Kaiser und
Papst, und früher wie heute sind „Gottesstaaten“ bestenfalls schlecht
kaschierte Diktaturen.
2. Religion kann auch nicht Lückenfüller für die „weißen Flecken“ unserer
Wissenslandkarte
und
die
„blinden
Flecken“
unseres
Erkenntnisvermögens sein. Etwa nach dem Motto: Was ich nicht, oder
besser, noch nicht weiß oder was ich nicht wissen oder erklären kann,
überlasse ich dem Reich der Religion. Dann wäre religiöser Glaube
gleichgesetzt mit Nicht-Wissen – eine Gleichsetzung, die dem Phänomen
der Religiosität nur unzureichend gerecht wird.
Meiner Überzeugung nach kann eine zeitgemäße Definition der Religion
sich auf folgende zwei Aspekte stützen:
-9-
1. Religion soll dazu beitragen, das Geheimnis unseres Lebens, also den
Ursprung, den Sinn und das Ziel unserer Existenz auszuloten. Das ist das
sinnstiftende und haltgebende Element der Religion, das m.E. auch heute
seine Berechtigung hat.
2. Auch der autonome, radikal säkular und diesseitig ausgerichtete
moderne Mensch des 21. Jahrhunderts steht vor dem Anspruch einer
Moral, über die er nicht vollständig verfügt. Papst Benedikt XVI. hat im
September des vergangenen Jahres in seiner Rede vor dem Bundestag
versucht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. „Auf den Grund“ im
wahrsten Sinn des Wortes. Moral be-„gründen“ kann man nach den
Worten von Immanuel Kant, nur unter Anerkennung der Postulate „Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit“. Oder, negativ ausgedrückt, mit Dostojewski
„Ohne Gott wäre alles erlaubt“. Oder frei: nehmt den Menschen Ihren
Glauben, Ihr werdet eine Horde wilder Tiere um Euch haben.
Das ist das orientierende und motivierende Element der Religion, von
dem wir auch heute nicht absehen dürfen.
In dieser Weise bietet Religion auch heute Sinn, Orientierung und
Motivation.
Am deutlichsten ist das abgebildet im gebieterischen Monotheismus
Israels - „Ich bin der Herr, Dein Gott“ - und seinen zehn Geboten – „Du
sollst…“. Im Evangelium ist dieses Bekenntnis dann zusammengefasst im
Doppel- bzw. Dreifachgebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe.
Beide zusammen, das Gebot des Alten und das Gebot des Neuen
Bundes, haben, auf dem Weg von Kanaan, Jerusalem über Kleinasien
und Rom nach Mitteleuropa und später nach Amerika, den westlichen
Kulturkreis entscheidend geprägt und sind auch heute klar im
Bewusstsein der Menschen präsent.
In der Tat ist das Phänomen der Religion auch heute höchst lebendig.
Weltweit spielen die Religionsgemeinschaften nach wie vor eine Rolle.
Nicht nur die großen Religionen finden in vielen Teilen der Welt mehr
Anhänger, sondern auch kleinere Bewegungen.
In Deutschland sind die christlichen Kirchen trotz Mitgliederschwund noch
fest in der Gesellschaft verankert. So umfassen die beiden großen
christlichen Konfessionen in Deutschland immer noch gut 60 Prozent der
Bevölkerung. Die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger übersteigt bei
weitem die Zahl der Fußballstadionbesucher an Wochenenden.
- 10 -
Mit etwa 5 % stellt inzwischen
Religionsgemeinschaft in Deutschland.
der
Islam
die
zweitgrößte
Und von den etwa 30-35 % der Bevölkerung, die offiziell keiner
Religionsgemeinschaft angehören, schätzt sich rund ein Drittel selbst als
„religiös“ ein.
Die Religionen verlieren insgesamt also nicht an Bedeutung, sondern
bleiben wesentliche Faktoren der menschlichen Sinn- und
Orientierungssuche – auch wenn die institutionelle Bindung
zurückgegangen ist. Die Vielfalt der Religionen hat aber Auswirkungen
auf
den
Zusammenhalt
unserer
Gesellschaft.
Die
gleiche
Religionszugehörigkeit
ist
in
unserer
Gesellschaft
keine
Selbstverständlichkeit mehr. Sie kann nur noch bedingt als gemeinsamer
Bezugspunkt wirken.
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein weltanschaulich neutraler Staat,
d.h. der Staat vollzieht seine hoheitlichen Aufgaben ohne Beachtung der
Vorschriften einer bestimmten Religion – in diesem Fall des Christentums,
auch wenn dieses zahlenmäßig dominiert und tief in der Tradition des
Landes verwurzelt ist und es entscheidend geprägt hat.
Diese Neutralität ist die Voraussetzung dafür, dass alle Bürger unseres
Landes ihren Glauben - und das heißt jeden Glauben, also auch ihren
"Nicht-Glauben" - frei leben können.
Art. 4 des Grundgesetzes garantiert die Freiheit des Glaubens, des
Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
Bekenntnisses.
Die Neutralität unseres Staates führt aber nicht zu einem religionslosen
Raum. Der Staat ist vielmehr den Religionen gegenüber offen. Dies zeigt
sich am deutlichsten in der sogenannten „invocatio dei“ in der Präambel
unseres Grundgesetzes: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott
und den Menschen…“
Diese "Religionsoffenheit" unterscheidet unseren Staat sowohl von den
protestantischen Staatskirchen etwa Englands oder der skandinavischen
Länder als auch vom laizistischen Staat Frankreichs, in dem alles
Religiöse aus dem öffentlichen Leben verbannt ist.
Der weltanschaulich neutrale demokratische
religionsoffen und religionsfreundlich.
- 11 -
Staat
dagegen
ist
Dies zum einen, weil er seinen Bürgerinnen und Bürgern Religionsfreiheit
gewährt und will, dass verschiedene und sogar gegensätzliche Religionen
unter seinem Dach friedlich koexistieren können.
Zum anderen aber auch, weil er die sinnstiftende Kraft und das
werteorientierende Vermögen der Religion und dessen meist positiven
Einfluss auf die Haltung und Motivation seiner Bürgerinnen und Bürger
anerkennt und schätzt.
Es ist jedenfalls durchaus nicht so, dass nur religionsfreie säkulare
Gesellschaften demokratische Gemeinwesen sein können. Immerhin
haben moderne Demokratien gerade dort eine lange Tradition, wo es
noch heute Staatskirchen gibt; ich nannte bereits als Beispiele England
und Skandinavien. Und umgekehrt waren dezidiert säkulare Staaten oft
undemokratisch und autoritär-totalitär, beispielsweise die ehemaligen
Sowjetstaaten.
Wir alle kennen den inzwischen zum Gemeingut gewordenen Satz des
ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst Wolfgang Böckenförde:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er
selbst nicht garantieren kann.“ Nach Böckenförde ist dies „das große
Wagnis, das der Staat um der Freiheit Willen eingegangen ist.“ Er
verzichtet auf eine letztbegründende Legitimation und autoritative
Verankerung in einem transzendenten Gott, der über Jahrtausende zur
Legitimation fürstlicher Gewalt und Vollmacht herhalten musste. Dieses
vermeintliche und angemaßte „Gottesgnadentum“ der Herrscher aber
hatte fast durchweg eine selbstherrlich-willkürbehaftete Gnadenlosigkeit
gegenüber der Masse der Beherrschten, also Unfreiheit und Abhängigkeit,
zur Folge. Ein Zustand, den aufzuheben der Menschheit erst in der
modernen Demokratie, im System der Gewaltenteilung und der Garantie
der Menschenrechte, gelang!
Es lohnt sich, den weiteren Kontext dieses bekannten Zitats zu lesen.
Denn dass der „säkularisierte, weltliche Staat letztlich aus inneren
Antrieben und Bindungskräften leben muss, die der religiöse Glaube
seiner Bürger vermittelt“, bedeutet für Böckenförde, „dass die Christen
diesen Staat in seiner Weltlichkeit nicht länger als etwas Fremdes, ihrem
Glauben Feindliches erkennen, sondern als die Chance der Freiheit, die
zu erhalten und zu realisieren auch ihre Aufgabe ist.“
Damit ist das „Rezept“ beschrieben für erfolgreiche Integration, für das
friedliche Zusammenleben verschiedener kultureller Traditionen und
religiöser Überzeugungen in einer Gesellschaft.
- 12 -
Wir Europäer haben in vielen Jahrhunderten schmerzvoll gelernt, dass für
Toleranz nur wenig Platz ist, wenn mit dem religiösen ein politischer
Wahrheitsanspruch einhergeht. Deshalb achtet unser Staat die Autorität
der Religionen, behauptet zugleich aber seine Autorität zur Regelung des
Zusammenlebens. Das Grundgesetz gewährt die Freiheit der Glaubenden
und grenzt sie zugleich auch ein. Die Religionsfreiheit entbindet
niemanden von der Treue zur Verfassung.
Alle Menschen sind aufgefordert, sich für den Erhalt und Aufbau des
Staates einzubringen. Ohne das Sich-Einbringen der Bürgerinnen und
Bürger kann kein Staat bestehen.
Ein Staat, in dem alle nur nebeneinander leben, muss scheitern! Aber der
Staat braucht noch andere Fundamente, damit er mit Leben erfüllt wird:
Es bedarf der Akzeptanz jedes einzelnen Bürgers.
Nicht die Nivellierung der unterschiedlichen Einstellungen und
Überzeugungen, sondern die Achtung, Toleranz und Anerkennung der
verschiedenen Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen macht
eine pluralistische Gesellschaft nicht nur lebendig, sondern auch
lebensfähig.
Eine pluralistische Gemeinschaft kann nur dann zusammenhalten, wenn
alle Menschen, gleich welcher Religion – ob Muslime, Christen, Juden,
aber auch Atheisten – bereit sind, den Staat und seine freiheitlichdemokratische Grundordnung auch mit den Werten zu unterstützen, die
sie aus ihrem jeweiligen religiösen Glauben oder ihrer Weltanschauung
erhalten.
Das sind die „Verfassungserwartungen“, von denen Böckenförde spricht,
die der Staat nicht mit Zwang einfordern kann, auf die er jedoch für seine
Existenz angewiesen ist. Denn erst wenn dies gelingt, werden
unterschiedliche Religionen eine Gesellschaft nicht trennen, sondern
werden sogar zur Voraussetzung für friedliches Zusammenleben.
Das Christentum hat unser Land, unsere kulturelle, gesellschaftliche und
politische Geschichte unzweifelhaft geprägt. Gleichzeitig erleben wir
derzeit in Deutschland einen Wandel der religiösen Wirklichkeit.
Mit etwa 4 Millionen Muslimen ist der Islam in Deutschland inzwischen zur
größten Religion nach den beiden christlichen Kirchen geworden.
Der zunehmende religiöse Pluralismus in unserem Land ist auch für den
Staat eine große Herausforderung.
- 13 -
Deshalb hat die Bundesregierung im Jahr 2006 mit der Einberufung der
Deutschen Islamkonferenz ein eigenes Dialogforum geschaffen.
Teilnehmer sind Vertreter des Bundes, der Länder und Kommunen sowie
Muslime.
Die Deutsche Islamkonferenz ist kein singuläres Ereignis oder die Summe
in sich geschlossener Einzelveranstaltungen, sondern ein länger
anhaltender Prozess.
Ziel ist es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu
fördern, die Teilhabe der hier lebenden Muslime zu stärken,
gesellschaftlicher
Polarisierung
und
Abschottungsphänomenen
entgegenzuwirken und Extremismus zu verhindern.
Dazu dienen vor allem die Einführung von bekenntnisorientiertem
islamischem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und die
Etablierung islamisch-theologischer Lehrangebote an deutschen
Hochschulen. Sie sind für die institutionelle Integration des Islams von
zentraler Bedeutung.
Sie zeigen auch im Bezug auf den Islam: Deutschland ist ein
religionsoffenes Land, ja Deutschland ist ein religionszugewandtes Land.
Diese „fördernde Neutralität“ unseres Staates ist daher mehr als die
Toleranz eines Staates, der die Freiheit des Glaubens schützt.
Aber eine freiheitlich-tolerante Gesellschaft zeichnet sich gerade auch
dadurch aus, dass sie bewusst Grenzen setzt.
Gegenüber – auch religiös begründetem – totalitärem Gedankengut, das
sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Staates
oder die Freiheit anderer Bürger wendet, kann und darf es keine Toleranz
geben. Toleranz ist keine Einbahnstraße.
Wir dürfen in unserer offenen Gesellschaft die Zwangsheirat ebenso
wenig dulden wie die Verhinderung medizinischer Hilfe für Angehörige,
den häuslichen Arrest und die Genitalverstümmelung von Mädchen –
auch wenn die Handelnden sich dabei auf traditionelle kulturelle
Eigenheiten berufen.
Eine schrankenlose Freiheit kann es nicht geben. Wer für sich selbst ein
Freiheitsrecht – wie z.B. das Recht auf Meinungsfreiheit, auf
Versammlungsfreiheit und freie Religionsausübung – einfordert, der muss
dieses Recht auch allen anderen Menschen zubilligen.
- 14 -
Eine freiheitliche Gesellschaft lebt davon, dass die Bürgerinnen und
Bürger ihre Freiheit eigenverantwortlich und selbstbestimmt leben. Dazu
bedarf es grundsätzlicher ethischer Werte und Orientierung. Jeder
Mensch braucht Werte, nach denen er sein eigenes Leben richtet.
Dies gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft und den Staat. Wir
brauchen einen Konsens über die Grundwerte, an denen sich unser
Zusammenleben ausrichtet und die uns als Handlungsmaxime leiten.
Die Religion, die schon in der Vergangenheit Quelle wichtiger geistiger
und gesellschaftlicher Strömungen war, ist auch – und gerade – in
unserer Zeit der Umbrüche immer noch eine wertvolle Quelle individueller
und gemeinschaftlicher Werte.
Die alles entscheidende Frage lautet aber: Woran orientieren wir uns?
Was ist der Kompass für unser Handeln?
Die Antwort ist aus meiner Sicht einfach. Dreh- und Angelpunkt unseres
Handelns ist die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dies war die Lehre,
die unsere Verfassungsväter und -mütter aus der Menschheitskatastrophe
der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs gezogen haben.
Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist aber letztlich nur aus
einem transzendent-religiösen Menschenbild ableit- und begründbar. Und
das bestmögliche Begründungsfundament hierfür bildet m.E. die jüdischchristliche Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Diese
Ebenbildlichkeit leitet sich aus dem Schöpfungsakt ab und findet ihre
Resonanz in der antwortenden Fähigkeit des Geschöpfes, in der Liebe,
die gleichzeitig die höchste moralische (Nächstenliebe auf Basis der
Selbstliebe) und religiöse (Gottesliebe) Fähigkeit des Menschen darstellt.
Und auch wer diese Begründung in ihrer konkreten religiösen, nämlich
jüdisch-christlichen Ausprägung nicht teilen möchte oder kann, ist doch zu
überzeugen: Der gemeinsame Nenner von der Unantastbarkeit der
Menschenwürde ist ein gemeinsamer Bezugspunkt, auf dem sich eine
freie und friedliche Gesellschaft bauen lässt.
Nicht umsonst hat man die Lehre von der Menschenwürde und den
unveräußerlichen Menschenrechten als die „Religion der säkularen
Moderne“ bezeichnet. M. E. nicht ganz zu Recht, aber unbestritten ist: ihre
begründende Wurzel liegt in der Lehre vom Menschen als geliebtem
Geschöpf Gottes. Dieses erhält seinen Wert und seine Würde direkt aus
eben dieser von Gott frei gestifteten und in der Erlösungszusage als
unzerstörbar garantierten Beziehung. Und genau das ist das jüdischchristliche Erbe unserer säkularen, demokratisch-freiheitlichen Moderne.
- 15 -
Das heißt aber nicht, die Politik müsse das Geschäft der Religion
betreiben. Es ist nicht Aufgabe der Politik, den Menschen zu ihrem Heil –
schon gar nicht ihrem Seelenheil – zu verhelfen! Aufgabe der Politik ist es,
Rahmenbedingungen zu schaffen, die die eigenverantwortliche Entfaltung
des einzelnen Menschen fördern. Es geht darum, erträgliche und
möglichst gerechte Bedingungen unseres Miteinanders zu gestalten.
„Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die
Hölle“, so hat es der Philosoph Karl Popper formuliert. Wohin
pseudoreligiöse irdische Heilsversprechungen und Ideologien führen,
haben uns drastisch Kommunismus und Nationalsozialismus vor Augen
geführt.
Und so sind wir, so ambivalent und spannungsreich das Verhältnis der
verschiedenen Religionen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft
auch sein mag, gut beraten, auch heute Religion nicht aus dem
öffentlichen Leben zu verbannen. Im Rahmen der demokratischen
Grundordnung ist es jedem erlaubt, seine Religion oder Nichtreligion frei
auszuüben.
Denn Religionen hüten einen Erfahrungsschatz der Menschheit und
rühren an eine Kraft im Menschen, auf die wir auch heute nicht verzichten
müssen, nicht verzichten wollen - und vielleicht auch nicht verzichten
dürfen?
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III. Was leitet uns?
von Ralf Meister, Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Hannover
Vor einigen Jahren habe ich eine Aufführung des Stückes „Berlin geht
Baden“ im Berliner Grips-Theater gesehen. Ich habe viel dabei gelacht
und über Berlin gelernt, aber auch viel Nachdenkliches erlebt. Es gibt in
diesem Stück eine Szene, in der eine junge Frau ein Portemonnaie stielt.
Ihr Freund mahnt sie: „Du darfst nicht stehlen!“.„Wer sagt das?“, fragt sie
zurück. Diese kleine Szene zeigt zweierlei. Erstens, wie fragwürdig
manche selbstverständlichen Dinge geworden sind. Stehlen ist ein
extremes Beispiel. Aber eine ganze Reihe von gewohnten Dingen, die
unsere Kultur prägten und das Miteinander von Menschen regelten, sind
brüchig geworden. Ob Sonntagsruhe oder die Achtung vor dem Eigentum
des anderen, selbstverständlich sind diese Haltungen schon lange nicht
mehr. Das zweite, was diese Szene lehrt: Eine Ethik, die zurückführt auf
unsere Verantwortung vor Gott, ist für viele Menschen völlig abwegig. Die
junge Frau hatte keine Ahnung von den 10 Geboten. Hier liegt die
Herausforderung für uns als Kirche.
Es wird darauf ankommen, dass wir den Zusammenhang zwischen einer
religiösen Begründung ethischer Positionen und ihren Auswirkungen in
dieser Welt plausibler machen. Wenn man auf die Frage: „Was soll ich tun
oder besser nicht?“, keine Antwort mehr geben kann, oder wenn diese
Antworten nicht mehr allgemein begründet werden können, zerfällt eine
Gesellschaft. Werte und - wie es hier heißt – wertbildende Momente sind
mehr als individuelle Meinungen und Überzeugungen. Sie sammeln sich
zu einem Ethos oder einer ausformulierten Ethik und sie finden eine
Gestalt im Recht ausformulierten Ethik und sie finden eine Gestalt im
Recht. Und sie sind damit in den Verschiedenheiten der Geschichte und
der Kulturen immer mehr als eine Meinung. Ich möchte, bezogen auf die
Evangelische Kirche, ein paar Anmerkungen machen zu dem Titel, der
vorgeben ist. Und zwar deshalb, weil dieser Titel in sich eine Spannung
enthält - die Spannung in den Begriffen Staat und Gesellschaft. Ich habe
den Titel nicht so verstanden, dass ein Bischof zur Gesellschaft redet und
der Landesminister zum Staat, sondern, dass wir genau schauen, was die
Kirche in der Gesellschaft und in Richtung des Staates als wertbildendes
Moment formulieren kann. Es hat einen besonderen Hintergrund, wenn
man das als evangelischer Christ und als Bischof macht, weil nämlich die
evangelische Kirche eine spezifische Geschichte mit dem Staat hat. In der
Säkularisierung des Staates seit dem späten Mittelalter bis ins XIX.
Jahrhundert hat die Evangelische Kirche in einer besonderen Nähe zur
weltlichen Obrigkeit existiert. Sie hat - kann man zugespitzt sogar sagen eine gewisse Blindheit gegenüber der Gesellschaft entwickelt. Sie hat ihr
- 17 -
Profil primär in der Gemengelage Kirche - Staat, Kirche – Obrigkeit
ausgeprägt Das war eine gewisse Einschränkung der Perspektive, die
oftmals auch zum Schaden der Kirche gewesen ist.
Die Evangelische Kirche in den wertbildenden Momenten im
Gegenüber zum Staat und im Gegenüber der Gesellschaft.
Im Gegenüber zum Staat erlebe ich die Kirche als wertbildendes Moment
in drei Punkten. Die Würde des Menschen, in Fragen der Gerechtigkeit
und im Begriff der Freiheit. Die Würde des Menschen ist wahrscheinlich
die wichtigste Markierung als wertbildendes Moment der Kirchen
überhaupt. Eine Ableitung, die einen Schutzmechanismus für die
Menschen formuliert, der nicht aus dieser Welt erklärt werden kann.
Inzwischen gibt es auch viele kritische Anfragen an diese
Würdekonzeption, die sich ursprünglich ableitet aus dem Schöpfungshandeln Gottes, der den Menschen zu seinem Angesicht schafft. Diese
Gedanken sind eine Schutzfunktion für das Leben jedes Menschen - des
behinderten, des armen, des reichen, auch dessen, den ich nie sehe,
auch dessen, der kommen wird, übrigens auch dessen, der gewesen ist.
Diese Schutzmomente erleben wir markant als wertbildendes Moment in
großen ethischen Debatten. Das war spürbar in der Debatte um die
Präimplantationsdiagnostik, aber auch bei ärztlicher Assistenz bei der
Selbsttötung. Das sind Fragen, die direkt eingreifen in das Lebensrecht
des Menschen und die den Würdebegriff aufrufen. Die Kirche markiert am
klarsten diesen Grundgedanken als wertbildendes Moment, auch im
Gegenüber zum Staat.
Der zweite Begriff ist der Begriff Gerechtigkeit. Aus der großen Tradition
der Prophetie, entsteht eine klare Suche nach Gerechtigkeit in der Kirche.
Diese Suche hat die Kirche nie aufgegeben, sie findet sich in der Arbeit
von Jesus, in seinem Handeln und Reden, sie findet sich in den
Aufforderungen der paulinischen Briefe. Und wer sich ein bisschen in der
Geschichte der Armenfürsorge der letzten zweitausend Jahre auskennt,
der weiß, dass es bis zur Gründung des modernen Sozialstaates in den
westlichen Gesellschaften eine Suche nach einer Gerechtigkeit mit den
Armen immer ausgehend vom Handeln der Kirche gegeben hat. Bis heute
bleibt das sichtbar auch in der Diakonie unserer Kirche.
Und als letztes der Begriff der Freiheit im Gegenüber zum Staat. Das ist
eine besondere evangelische Notiz. Sie ist nicht einfach, weil die
Evangelische Kirche eine - wie das Wort Protestantismus sagt - eine
Protestkirche ist. Sie hat seit ihrer Gründungsgeschichte immer eine
Institutionskritik immanent. Sie lässt sich nicht einschüchtern von
- 18 -
Institutionen. Allerdings muss man deutlich sagen, die Evangelische
Kirche hat gut vierhundert Jahre dafür gebraucht, um das zu verstehen.
Dieses Lehrstück bleibt wirkungsvoll. Ich nenne nur ein Moment, ich
könnte viele nennen. Wer sich intensiver mit der Bewegung der
Evangelischen Kirche im Sozialismus beschäftigt und die Grundlegung
der Bewegung in den evangelischen Gemeinden in der Zeit der späten
DDR erlebt hat, der weiß, dass dieser Freiheitsgedanke eine wichtige
Dynamik im Gegenüber zum Staat war. Ansonsten hätte es das, was
dann geschehen ist, so nicht gegeben. Drei kurze Punkte noch im
Gegenüber der Kirche zur Gesellschaft.
In einer frühen Schrift von Karl Marx, der einen ganz besonderen
Religionsbegriff hatte - man muss gestehen, einen sehr eingeschränkten,
sagt er, in der Säkularisierung des Staates wandert die Religion in die
Gesellschaft aus. Da ist sie heute angekommen.
Drei Begriffe: Barmherzigkeit, ein Gespür für das Heilige und der Trost. In
der Barmherzigkeit findet sich wieder, was ich über die Armutsfürsorge
gesagt habe. Wir leben nach wie vor in einer Landschaft der
Barmherzigkeit. Ich glaube nach wie vor, dass das ein wertbildendes
Moment ist, was weitestgehend in dem Symbol des barmherzigen
Samariters beheimatet ist. Es gibt diese wunderbare, auch muss man
sagen: tragische Geschichte, dass als Mutter Theresa einen HinduTempel in Indien benutzte, um todkranke Leprakranke zu pflegen es
massive Proteste der religiösen Hindus gab. Als die politische Obrigkeit
davon erfuhr, erklärte sie den Protestierenden:
Wenn ihr einen anderen Ort findet und dort selbst die Todkranken pflegen
wollt, dann nehmen wir Mutter Theresa den Tempel fort. Niemand war
dazu bereit. Die Landschaft der Barmherzigkeit ist ursprünglich und
fortdauernd ein Wert der christlichen Überzeugung.
Das Zweite: Die Kirche öffnet ein Gespür für das Heilige. Sie vermittelt die
Wertschätzung für etwas geheimnisvolles, das andere Haltungen und
Gesten ermöglicht. Kirche bewahrt die Gesellschaft vor ihrer totalen
Entblößung. Und die führt mich direkt in das Letzte, was ich den Trost
nenne.
Wir erleben es an vielen Stellen, dass Menschen wie religiös - musikalisch
sie auch immer sind, in bestimmten Situationen Orte suchen, Texte
suchen, Personen suchen, die nicht nur Erklärungsmodelle aus dieser
Zeit und aus dieser Welt bereithalten, sondern die eine Sphäre öffnen für
andere Orte, für andere Zeiten und für religiöse Texte. Ich will damit
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enden, ein ganz aktuelles Beispiel zu erzählen, dass uns in
Niedersachsen sehr tragisch berührt hat. Ich war kurze Zeit nach dem
Mordfall zwei Tage in Emden. Als über den flash mob , mit Hilfe einer
facebook - Initiative einer jungen Frau, viele Emder zusammengekommen
waren, unmittelbar nach diesem furchtbaren Ereignis standen sie dort
schweigend; Keiner wusste etwas zu sagen und alle suchten nach ein
paar tröstenden Worten. Schließlich meinte der Bürgermeister zum
Superintendenten: „Sagen Sie was...!“ Das ist auch ein entscheidender
Wert in Bezug auf eine Gesellschaft, die eine Sprache sucht, dass einer
das Wort ergreift und von Trost und Hoffnung spricht.
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IV. Religion schafft Heimat
von Dr. Hans-Joachim Jaschke, Weihbischof im römischkatholischen Erzbistum Hamburg
1. Europa ohne Gott?
Oft denke ich an ein Gespräch zurück, das ich vor gut zwei Jahren mit
jungen Imamen geführt habe. Sie waren aus Aserbaidschan, dem Irak
und anderen Ländern des Mittleren Ostens nach Hamburg eingeladen
und suchten unter anderem auch das Gespräch mit einem Bischof der
Katholischen Kirche. Ich saß im Kreis von jungen, sympathischen Leuten,
mühsam verständigten wir uns auf Englisch und suchten Begegnung und
Austausch. Den jungen Gottesmännern erschien manches fremd im
säkularisierten Westen, in einer so vom Geist des Säkularismus
geprägten Stadt wie Hamburg. Wie steht es um eine Präsenz der
Christenheit, die über die imposanten Kirchenbauten aus alten Zeiten
hinausgeht? Wie können Christen in einer säkularen Welt leben und sie
sogar gutheißen? Längere Zeit hindurch diskutierten wir über die offene
Zurschaustellung von Sex und Pornographie. Viele Fragen gab es zur
Stellung der Kirche zu Homosexualität und öffentlich anerkannten
Lebensformen. Am Ende des Gesprächs stellte mir ein etwas eifernder,
aber durchaus sympathischer Imam die Frage, mit der Bitte um eine
Antwort mit Ja oder Nein: Herr Bischof, wollen Sie für die Zukunft ein
Europa ohne Gott oder dann doch lieber ein von Muslimen geprägtes
Europa?
Eine Antwort kann natürlich nicht mit einem Wort, dafür oder dagegen,
gegeben werden. Ich sorge mich mit Muslimen und vielen Anderen um die
Grundlagen unserer Gesellschaft, um Werte und Perspektiven, die sie
bestimmen. Gott als Grund und Aussicht zu verlieren, muss einen
schweren Schaden für die Gesellschaft und für die öffentliche Kultur
bedeuten. Die islamische Alternative mag einen jungen, stürmerischen
Imam faszinieren, hat aber doch ihr konkretes Bild in real existieren
islamischen Gesellschaften mit Unfreiheit, religiös gerechtfertigter Gewalt,
einer tatsächlichen Doppelmoral und institutionalisierter Heuchelei, so
dass sie abschreckend und nicht als überzeugend erscheinen muss. Die
angesprochene Alternative kann also nicht gelten, wohl aber weist sie in
ihrer Zuspitzung die Religionen auf ihre Rolle und Verantwortung in der
modernen Welt hin. Einer Welt ohne Gott können Religionen nicht
teilnahmslos begegnen. Sie muss eine Herausforderung, ein
Schreckensbild und auch eine Anklage gegen die Religionen, bezüglich
ihrer Kraft und Glaubwürdigkeit bilden.
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Von christlicher Seite halten wir als Vorraussetzung für den Dialog fest,
was das Abendland im Lauf der Jahrhunderte in mühsamen Prozessen
gelernt hat und was allen Rückschlägen zum Trotz im Weltbewusstsein
zunehmend Akzeptanz findet. Religionsfreiheit im negativen (Verzicht auf
Druck und Zwang) wie im positiven (Möglichkeiten zur Ausübung in den
konkreten Gesellschaften) Sinn, stellt ein Menschenrecht dar. Dazu muss
auch die Freiheit gehören, nicht zu glauben. Das Konzil stellt verbindlich
fest, dass „die Wahrheit nicht anders Anspruch erhebt als Kraft der
Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt“
(DH1). Religion muss jede Form von Zwang ablehnen. Nur auf dem
Boden von Freiheit kann Glaube wachsen. Das Christentum hat, ebenfalls
in komplexen Prozessen, gelernt, geistliche und weltliche Ordnungen zu
unterscheiden und ihre Eingeständigkeit zu respektieren. Es lehnt einen
Säkularismus ab, der den Weg für die Gottlosigkeit preisgibt und Religion
und Christentum bekämpft. Es fordert eine Gesellschaft heraus, sich ihrer
geistigen, sittlichen, moralischen Grundlagen zu vergewissern, und tritt für
diese ein. Aber das Christentum respektiert eine Schöpfungsordnung in
der Eigengesetzlichkeit weltlicher Bereiche. Es anerkennt und achtet eine
säkulare Ordnung, die das Leben für alle ordnet und ihm gerecht zu
werden sucht, ohne dass ein religiöses Recht im engeren Sinn staatlich
umgesetzt wird oder den Maßstab für staatliche Gesetzgebung bilden
muss. In diesen Fragen sind insbesondere mit dem Islam sorgfältige
Klärungen notwendig. Schließlich machen sich Christen es zur
besonderen Aufgabe, wach dafür zu bleiben, dass Religionen sich nicht
für die Rechtfertigung und Durchsetzung politischer Interessen
missbrauchen lassen dürfen. Nur mit äußerer und innerer Unabhängigkeit
können Religionen ihrem guten Wesen entsprechen. Sie tragen
gemeinsam Verantwortung für Frieden in der Welt, indem sie Feindbilder
überwinden helfen und Menschen vor Ideologisierung bewahren.
2. Religionen
Viel Aufmerksamkeit hat im Jahr 2007 die große Bertelsmannstudie
gefunden, die weltweit dem religiösen Bewusstsein nachgeht und es in
klarer Methodik darstellt. 80 % der Deutschen erklären, die Religion habe
einen Wert für sie. Ein erstaunlich großer Teil auch unter jungen
Menschen bekennt sich zu dem bedeutenden Wert der Religion.
Offenbar gehört zum Menschen die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“
(Horkheimer). Wir möchten im Ganzen zuhause sein, Heil erfahren. Auch
die Ahnung, dass Gut und Böse, Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit einen tieferen Grund haben
müssen, führt in die Dimension des Religiösen. Von Dostojewski ist das
Wort überliefert: „Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt“.
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Religion bedeutet vom Wortsinn her „Bindung“. Der religiöse Mensch weiß
sich gebunden an den unbegreiflichen, immer größeren Gott. Er findet
Halt in ihm. Der Mensch muss sich nicht zum kleinen Gott der Welt
aufschwingen, sondern darf im Offenstehen, für die größere Realität
Gottes leben. Er lebt in der Haltung des Vertrauens, des Glaubens, der
Pietas, der Ehrfurcht. Er weiß sich in der Erkenntnis dessen, was Recht
ist, durch „Gottes Gebot“ gebunden, eine Weisung, die nicht von außen
kommt, sondern im Herzen des Menschen aufgehen kann.
Rückgebunden an Gott, weiß sich der religiöse Mensch verbunden mit der
Gemeinschaft der Glaubenden. Den konkreten Ort des Glaubens stellt für
Christen die Kirche dar.
Die Ökumene der christlichen Kirche muss unter dieser Rücksicht eine
der obersten Pflichten der Christenheit bleiben. Die ökumenische
Bewegung hat kräftige Fahrt genommen und ein neues Bewusstsein in
der Christenheit geweckt. Die Schwerfälligkeit unter der sie zur Zeit leidet,
mag auch damit zu tun haben, dass man sich so nahe gekommen ist,
dass Konsequenzen folgen müssten; und vor denen mag man Angst
haben. Seitens der katholischen Kirche gilt der Weg der Ökumene als
unumkehrbar. Ökumene bleibt eine unaufgebbare Verpflichtung. Die
katholische Kirche will den Weg zu einer Einheit der Kirche beschreiten,
die sichtbare Gestalt gewinnt, eine Gestalt, die wir uns jetzt noch nicht im
Einzelnen vorstellen können, die aber auf der einen Seite Uniformität,
äußerliche Vereinheitlichung, Gleichmacherei und auf der anderen Seite
Beliebigkeit und untereinander nicht zu vermittelnde Vielfalt ausschließt.
Der Weg dahin kann nur über das Einüben von Gemeinsamkeit über das
Lernen einer gemeinsamen Sprache im Blick auf die Eckpunkte des
christlichen Glaubens, über das Bemühen um ein authentisches Zeugnis
der Christenheit in der säkularen Welt, über die Erfahrung von Vertrauen
gefunden werden.
Ein Wesenselement alles Religiösen muss immer die Freiheit sein.
Christen haben mühsam gelernt, dass Religion nur im Raum der Freiheit
gedeihen kann. Wahrheit darf nie mit dem Anspruch von Druck und
Gewalt auftreten. Nur so kann sie den Geist des Menschen erreichen und
in ihm wirksam werden. Wir müssen religiöse Freiheit gewähren, nicht
notgedrungen, sondern aus innerer Überzeugung. Wir müssen religiöse
Freiheit fordern, und das mit Nachhaltigkeit und Nachdruck besonders in
Ländern der islamischen Welt. Zur Freiheit gehört immer auch die Freiheit
des Nichtglaubens.
Staat und Religion bilden verschiedene Ordnungen. Unter der Weisung
Jesu Christi, dem Kaiser zu geben, was das Seine ist, und für Gott
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freizuhalten, worauf er allein Anspruch hat, hat die christliche Kirche in
ihrer wechselvollen Geschichte das Miteinander, aber auch die
Unabhängigkeit von Kirche und Staat, entwickelt. Ein säkularer Staat,
nicht aber ein säkularistischer, das wäre ein Staat der religiösen
Traditionen und den gewachsenen Grundüberzeugungen keinen
öffentlichen Raum gibt, gehört zum guten, unverzichtbaren Erbe Europas.
Staat und Gesellschaft beruhen auf Grundlagen und Grundwerten, derer
wir uns immer neu versichern. Der Staat beteiligt Kirche und Religion an
Aufgaben und Diensten zum Wohl der Menschen. Immer steht der Staat
in der Pflicht, allen zu dienen. Ein Staatskirchentum lässt sowohl die
Religion als auch den Staat Schaden nehmen.
3. Christen und Muslime - Dialog
In Deutschland gehören zwar gut 60 % der Menschen den beiden großen
christlichen Kirchen an, aber die religiöse Vielfalt ist eindeutig gewachsen,
vor allem das Bewusstsein für die Pluralität der Religionen. Die Zahl von
über 3 Millionen Muslimen stellt für die Gesellschaft und dann für die
Christen eine besondere Herausforderung dar. Beide Kirchen haben ihre
Einschätzungen in Texten und Stellungnahmen beschrieben und definiert.
Seitens der Kirchen haben wir die Pflicht, für die Rechte der Religionen in
unserem Land einzutreten. Es muss unser Interesse sein, mit den
anderen Religionen zusammen zu kommen, damit wir voneinander lernen
und uns im Gemeinsamen versichern. Den Menschen, die das tägliche
Leben miteinander teilen, tut es gut, wenn ihre religiösen Vertreter
Verständigung und Vertrauen entwickeln.
Ich habe als katholischer Bischof ein pastorales Interesse daran, dass –
ich spreche vor allem von Muslimen – die Menschen in unserem Land
ihren Glauben nicht verlieren. Sie kommen in ein für sie in vieler Hinsicht
fremdes Land, geben ihre Wurzeln auf, die sie in kleinteilig ländlich
strukturierten Gesellschaften hatten, bekommen es mit einer fremden
Sprache und einer fremden Kultur zu tun, erleben eine säkulare Welt mit
der ganzen verwirrenden Vielfalt von Möglichkeiten und Eindrücken.
Glaube, Religion, eine religiöse Kultur bilden unter diesen Gegebenheiten
wichtige Elemente für die Stiftung und Bewahrung der Identität der
Einzelnen und ihrer Gruppen. Ja, die Religion mit allem was zu ihr gehört,
wird in einem zusammenwachsenden Europa und darüber hinaus in einer
globalen Welt ohne Grenzen und geschützte Räume immer stärker die
Aufgabe haben, dem Menschen eine überschaubare, ihm angemessene
Heimat zu geben. Religion schafft Heimat in der Weite und
Überübersichtlichkeit der modernen Welt. Und das wird der Christ nicht
allein unter religionssoziologischer, volkspädagogischer Rücksicht
verstehen. Er sorgt sich um das „Seelenheil“ eines jeden Menschen, das
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im Glauben, im Offenstehen für Gott und einem entsprechenden Leben
seinen Grund hat.
Christen unterstützen Muslime bei angemessenen Forderungen nach
Moscheebauten und helfen bei der Suche nach einvernehmlichen
Lösungen. Christen fördern das Anliegen eines islamischen
Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen nach dem Beispiel des mit
den Kirchen abgestimmten Unterrichts. Christen helfen mit ihren
Einrichtungen zur Integration, die nicht zum Verlust der eigenen Identität
führt. Christen können verstehen, dass Muslime über ihre Verbände auf
Anerkennung und Förderung von Seiten des Staates drängen. Aber
Christen müssen besonders das Gefühl und die Erfahrung von religiöser
Gemeinsamkeit wecken. Als religiöse Menschen, die im Aufblick zu Gott
leben wollen, sitzen Christen und Muslime in einem Boot. Sie ermutigen
sich gegenseitig und halten in der modernen Welt die Gotteserinnerung
wach.
Überall auf der Welt müssen sich die Religionen mit Respekt und in
gegenseitiger Wertschätzung begegnen. Sie fördern das friedliche
Zusammenleben vor Ort, sie achten darauf, dass religiöse Minderheiten
ihre Chancen bekommen, sie bewahren Menschen, die ihre Heimat
verlassen haben und sich neue Heimaten aufbauen, davor, wurzellos zu
werden. Sie begleiten Menschen, die über Religionsgrenzen hinweg
heiraten. Begegnungen und der Dialog unter den Religionsvertretern vor
Ort werden immer mehr zu einer guten Übung. All dies braucht Pflege,
immer neue Impulse, neues Interesse aneinander und gegenseitige
Sympathie. Ich rufe zum Austausch über die religiöse Praxis der Partner,
über religiöse Sichten, Urteile, auch Vorurteile auf. In solchen Prozessen
kann Vertrauen wachsen, nicht nur in der Förderung der jeweiligen
Interessen wie Moscheebau, Religionsunterricht u.ä. Deshalb gewinnt das
Beten unter den Religionen, die gemeinsame Erfahrung des Betens eine
besondere Bedeutung. Hier treffen wir uns im Kernbereich des Religiösen,
spüren aber auch zugleich die Unterschiede und Fremdheiten.
Gelegenheiten vor Ort bestehen in vielfältiger Form: im Kindergarten, in
der Schule, bei öffentlichen Anlässen wie Einweihungen, bei öffentlicher
Trauer, beim Bestehen von Unglücken und Katastrophen. Christen, die in
Deutschland
die
Mehrheitsgesellschaft
bilden,
werden
verständlicherweise auf ihre Traditionen und eine von diesen geprägte
Kultur achten. Aber Christen zeigen gerade dadurch Größe und Stärke,
dass sie andere Religionen respektvoll, fair und angemessen beteiligen.
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4. Werte – der Dienst der Religionen
Der Ruf nach Werten bildet ein Signal. Menschen suchen nach dem, sie
brauchen das, was für sie wertvoll ist, was sie tragen und bestimmen
kann. Das ist heute nicht mehr so selbstverständlich, wie es vielleicht
früher einmal war, vorgegeben durch Traditionen und ein allgemeines
Bewusstsein. Wir müssen uns neu in dem versichern, was wertvoll ist und
es festhalten. Das gilt für uns ganz persönlich, das betrifft eine
Gemeinschaft verantwortlicher Menschen, das gilt in der einen Welt, in
der wir alle leben und die uns gemeinsam aufgegeben ist.
Wo finden wir das, was wertvoll ist? Wert hat mit einer personalen
Grunderfahrung zu tun. Ich kann mich freuen, ich spüre Stimmigkeit, darf
mich wohlfühlen, gern haben. Das Kind bildet sich durch die Sorge und
Liebe seiner Eltern, seiner Familie zu einem wertvollen Menschen. So
lernt es, den Wert der Anderen zu erfahren und zu schätzen. Es erfährt
den Wert des Lebens, der Natur, der Geschöpfe, der Dinge die uns
umgeben. Es übernimmt, was seinen Bezugspersonen wertvoll ist. Der
erwachsene Mensch lernt, seinen Selbstwert zu erfahren, in dem was ihn
ausmacht. Er entwickelt seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes
verantwortliches Urteil, lernt seine Fähigkeiten zu entdecken und mit
ihnen umzugehen. Und dazu gehört immer die unverwechselbar eigene
persönliche Geschichte, die das Leben eines Menschen prägt.
Der Berliner Soziologe Hans Joas, der über die „Entstehung der Werte“
(Suhrkamp 1997) gearbeitet hat, erklärt: Werte bilden sich für den
Erwachsenen besonders dadurch, dass er sich in Bewegung bringen
lässt, sich öffnet, sich berühren lässt. Er bleibt nicht stehen in dem, was er
kennt, sondern setzt sich neuen Erfahrungen aus. Besonders in der
Begegnung mit Anderen, auf die wir uns verlassen, die wir lieben,
kommen wir mit dem in Berührung, was für sie wertvoll ist und können uns
selber damit auseinandersetzen. So kann uns aufgehen was Treue,
Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Sympathie, Solidarität bedeuten. Ein Wert
scheint auf in Grenzerfahrungen, in enthusiastischer Begeisterung, aber
auch in den negativen Grenzerfahrungen von Unglück, Krankheit,
Verletzlichkeit. Im Kontrast können wir erfahren, was wertvoll bleiben
muss.
Werte entstehen und bilden sich im Raum eines gemeinsamen
Menschseins. Sie stehen in einem großen Traditions- und
Überlieferungszusammenhang. Sie bilden sich in gemeinsamen
Erfahrungen. Darum brauchen sie die immer neue Vergewisserung, den
Diskurs, den Dialog von Menschen und Gruppen, die den Werten
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Ausdruck geben. So kann uns ein Himmel wahrhaftiger, tragfähiger Werte
aufgeben, unter dem ein humanes Menschenleben wachsen kann.
Was macht Europa als geistige Form aus? Welche Rolle als
Wertegemeinschaft kann Europa in der globalen Welt spielen? Wir sind
Zeugen des Ringens um die europäische Verfassung. Unter deutscher
Präsidentschaft haben wir erlebt, wie die Berliner Erklärung zu einer
Grundlage europäischer Gemeinsamkeit geführt hat. Das sind
notwendige, mühsame Prozesse. Um so wichtiger wird in ihnen unsere
Vergewisserung in dem, was eine lebendige europäische Kultur und
Werteordnung ausmacht. In der Präambel zur Grundrechtecharta der EU
– sie soll mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon im Jahre 2009
rechtsverbindlich werden – lesen wir: „Die Völker Europas sind
entschlossen, auf der Grundlage gemeinsamer Werte eine friedliche
Zukunft zu teilen, indem sie sich zu einer immer enger werdenden Union
verbinden. In dem Bewusstsein ihres geistig religiösen und sittlichen
Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte
der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.
Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der
Rechtstaatlichkeit. Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt ihres
Handelns, indem sie die Unionsbürgerschaft und einen Raum der Freiheit,
der Sicherheit und des Rechtes begründet“. Das sind gute Worte. Wir
müssen sie mit Inhalt füllen, damit sie konkret werden können. Wir hätten
uns unbedingt einen ausdrücklichen Gottesbezug gewünscht. Das war,
auch im Blick auf unterschiedliche Traditionen in Europa, nicht möglich.
Aber im Kirchenartikel des Vertrages werden alle Regelungen zwischen
Kirche und Staat, die in einzelnen Ländern bestehen, ausdrücklich
bestätigt und in den Verfassungsrang erhoben.
Was also sind spezifische europäische Werte?
1. Benennen wir zuoberst das geistig-religiöse Erbe, dass der Mensch
im Licht Gottes steht. Unser deutsches Grundgesetz ist „im
Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen“
formuliert und stellt den Grundsatz an den Anfang, dass die „Würde
des Menschen unantastbar“ ist. Religionsfreiheit und Toleranz sind
notwendig mit dieser Einsicht verbunden. Auch die Differenzierung
von Staat und Religion gehört unabdingbar zum geistig-religiösen
Erbe Europas.
2. Der zweite europäische Grundwert besteht in der Einsicht der
unantastbaren Würde eines jeden Menschen. Der Mensch ist
Person, er hat ein Recht auf seine individuelle Freiheit. Wir
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respektieren die natürliche Gleichwertigkeit aller Menschen. Wir
treten für die Menschenrechte weltweit ein. Wir gewähren Schutz für
Minderheiten.
3. Wir wissen uns zur Solidarität verpflichtet, zur verantwortlichen
Sorge füreinander. Das Modell einer sozialen Marktwirtschaft –
dynamisch verstanden und kreativ weiterentwickelt – will und kann
einen Ausgleich von notwendigen wirtschaftlichen Gegebenheiten
und sozialer Gerechtigkeit leisten. Europa gewährt in der Grundidee
einer sozialen Marktwirtschaft faire und gerechte Handelsbedingungen auf einem weltweiten, globalen Markt.
4. Europa tritt für eine Gesellschaft der Teilhaber ein, die einzelne
Gruppen am Ganzen beteiligt und von diesem Einsatz lebt. Der
Staat macht nicht alles, sondern übt die Tugend der Subsidiarität.
5. Europa weiß um den humanen Wert der Ehe und der Familie. Als
natürlicher Lebensort für Kinder, die immer die Zukunft einer
Gesellschaft sein müssen, brauchen Ehe und Familie Unterstützung
und Förderung. Das schließt die Verpflichtung und Sorge dafür ein,
dass andere Lebensformen und Sondersituationen im menschlichen
Leben gerechte und verlässliche Regelungen erhalten.
6. Europa übernimmt mit seinen Möglichkeiten Verantwortung in der
internationalen Ordnung. Es leistet Hilfe zur eigenen Entwicklung
und stellt sich in Einsätzen für die Sicherung des Friedens und den
Schutz der Menschen in der Welt zur Verfügung.
Hiermit sind einleuchtende Werte und Werthaltungen benannt, die ein
humanes Leben ausmachen – in Deutschland und in der einen Welt. Die
Kirchen bilden Räume und Orte, an denen solche Werte in besonderer
Weise gepflegt und gelernt werden sollen. Kirchen melden sich in allen
Fragen zu Wort, die die Würde und den unersetzlichen Wert eines jeden
Menschenlebens betreffen. Sie wollen ein Bewusstsein dafür schaffen,
dass wir nicht alles machen dürfen, was wir machen können, dass wir den
Entwicklungen nicht freien Lauf lassen.
Die Kirchen tragen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens bei. Sie
unterhalten Einrichtungen und Schulen. Sie begleiten und verfolgen die
Politik. Christenmenschen, Männer und Frauen der Kirche sind in den
Parteien vertreten. Arbeitskreise helfen zur Bewusstseinsbildung und
nehmen Einfluss auf die demokratischen Entscheidungen.
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Die Kirchen erteilen in ihrer Verantwortung, abgestimmt mit dem
staatlichen Schulwesen, Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen.
Sie helfen auf ihre Weise jungen Menschen, eine sichere Orientierung für
ihr Leben zu finden. Indem sie – immer auch vor der Vernunft
verantwortete – Rechenschaft für den Glauben geben, dienen sie sowohl
dem christlichen Glauben, der sich immer neu in der Welt zu bewähren
hat, als auch einer Gesellschaft, die Gefahr läuft, sich selber zu verlieren
und ihre Aussicht aufzugeben.
Deutschland ist wie der große Teil Europas von einer christlichen Kultur
mit vielen Traditionen geprägt: von Bräuchen, Feiertagen, Festzeiten.
Kirchen und Religionen tun – immer unter den Vorzeichen der
Religionsfreiheit, auch der Freiheit, nicht religiös zu sein – das ihre, um
die gewachsene Kultur lebendig zu erhalten.
5. Leben mit Aussicht
Religionen erinnern an die Würde und Ehre des Menschen. In der
Erhebung zu Gott im Aufblick zu ihm erfährt er, wer er ist. Im Licht Gottes
gewinnt sein Leben Gestalt, erkennt er seine Aufgaben und Pflichten.
Religionen halten die wunderbare Kehrseite unserer Wirklichkeit, den
Himmel offen. Dass sich Menschen aller Religionen an die Hand nehmen,
diese Erfahrungen bezeugen und in einer Welt zur Geltung bringen, die
sich selber genügen möchte, macht ihnen Ehre und dient unserer
Menschheit.
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V. Werte müssen vorgelebt werden.
Prof. Dr. Detlef Horster, em. Professor an der Leibniz Universität
Hannover
1. Werte dienen der Orientierung
Herr Rilinger zitierte in seinem Einladungsschreiben – wie ich annehme,
nicht zustimmend – das Bonmot von Hermann Lübbe, dass wir alle als
„Orientierungswaisen“ durchs Leben gingen. „Orientierungswaise“ ist
natürlich ein sehr griffiges und populäres Schlagwort, das viele gerne
aufgegriffen haben. Doch kann man den Befund, auf den Hermann Lübbe
damit hindeuten will, bestätigen? Das sicher nicht, denn unsere Werte
sind es, die der Orientierung dienen. Es ist aber die Frage, ob das die
christlichen Werte sind. Es gab ein denkwürdiges Treffen am 19. Januar
2004 zwischen Jürgen Habermas und dem Papst, der seinerzeit noch
Kardinal Ratzinger war. (Vgl. Horster 2006, 41 ff.) Schon früher hatte der
Kardinal die Auffassung vertreten, dass der Staat erkennen müsse, „daß
ein Grundgefüge von christlich fundierten Werten die Voraussetzung
seines Bestehens ist“. (Ratzinger 1987, 196) Dass unsere Werte vom
Christentum stammen, daran hatte auch Habermas keinen Zweifel
gelassen. Dennoch ist er der Auffassung, dass sich der säkulare
demokratische Verfassungsstaat inzwischen von diesen seinen
unbestrittenen Bestandsvoraussetzungen abgenabelt habe. Er sieht das
so: „Denken Sie an die politisch-ethischen Diskurse über Holocaust und
Massenkriminalität: sie haben den Bürgern der Bundesrepublik die
Verfassung als Errungenschaft zu Bewusstsein gebracht. Das […] zeigt,
wie sich verfassungspatriotische Bindungen im Medium der Politik selbst
bilden und erneuern.“ (Habermas 2005, 111) Die These ist, dass der
demokratische Staat sich seine Wurzeln durch die Verfassung selbst
gegeben hat. Der Papst hingegen ist der Auffassung, dass man das
Religiöse nicht als Tradition ins Museum abschieben könne, sondern dass
es immer noch Grundlage von Staat und Gesellschaft sei. Sonst
entstünde ein Staat, „der von allen geschichtlichen Wurzeln gelöst ist und
dann auch keine moralischen Grundlagen mehr kennen kann.“ (Ratzinger
2005, 136)
Nach meiner Überzeugung müssen wir in diesem Streit nicht zu einer
Entscheidung kommen, sondern lediglich konstatieren, dass wir
Orientierung gebende Werte haben, genauso wie wir konstatieren, dass
es die Gravitation gibt, ohne die Frage nach ihrer Herkunft zu stellen. Auf
diesen Vergleich werde ich noch zurückkommen. Welche Werte sind es,
die uns Orientierung geben? Es sind solche, die zum Wohlergehen der
Menschen beitragen, wie Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Freundschaft,
Familie, Schutz des Lebens, Schutz der physischen und psychischen
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Unversehrtheit. 81% der Jugendlichen in Deutschland gaben 1994
solchen Werten folgende Rangfolge:
1. Eine Welt in Frieden,
2. Familiäre Sicherheit,
3. Innere Harmonie,
4. Wahre Freundschaft,
5. Freiheit.“ (Merten 1994, 234)
Ein Vergleich verschiedener Untersuchungen zeigte übrigens die völlige
Übereinstimmung der 13-29jährigen ost- und westdeutschen
Jugendlichen in ihren Wertorientierungen. (Vgl. Merten 1994, 236) Neuere
Daten in der Shell Jugendstudie von 2006 bestätigen diese Befunde. Die
Autoren sind der Auffassung, dass die Jugendlichen ein stabiles
Wertesystem haben. (Vgl. Gensicke 2006, 175) Mit hoher Präferenz
werden von Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren die Werte
Freundschaft, Partnerschaft, Familienleben, Eigenverantwortung genannt.
(Vgl. Gensicke 2006, 177)
2. Moralische Normen
Moralische Normen nun schützen oder realisieren diese Werte: Das
menschliche Leben beispielsweise ist für uns ein hoher Wert. Er wird
verteidigt dadurch, dass man Leben behüten oder bewahren soll. Dieser
Wert wird zusätzlich verteidigt durch das Gebot, nicht töten zu sollen.
Moralische Normen, die uns besonders wichtig sind, werden darüber
hinaus als Rechtsnormen formuliert und dadurch mit Nachdruck versehen,
wie in diesem Fall beispielsweise die §§ 211 und 212 StGB. Auch
moralische Normen haben die Funktion der Orientierung, denn in einer
Gesellschaft, die aus autonomen Individuen besteht, hat jeder Mensch
unendlich viele Handlungsmöglichkeiten und sein Gegenüber auch. Damit
die Handlungskoordination bei diesen vielen Wahlmöglichkeiten, die jeder
einzelne Mensch hat, nicht scheitert, muss es soziale Regeln geben. Das
sind moralische und rechtliche Normen, aber auch Konventionen. Werden
die Regeln eingehalten, werden die wechselseitigen Erwartungen und
Erwartungserwartungen erfüllt und dadurch das Handeln der Menschen
koordiniert. Diese Regeln erzeugen Rechte und Pflichten, die
symmetrisch verteilt sind. Sie sind zwei Seiten ein und derselben
Medaille. Wenn man beispielsweise die moralische Pflicht hat, jemandem,
der mit seinem Auto in der Nacht in den Straßengraben geraten ist, zu
helfen, hat man in der umgekehrten Situation das moralische Recht, dies
von jemand anderem zu fordern.
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3. Wie lernt man moralische Regeln?
Wir wissen durch die Säuglingsforschung, dass Kinder im Alter von 1 ½
Jahren die wichtigsten moralischen Regeln kennen. Die jungen
Erdenbürger orientieren sich bei ihrer Weltaneignung an den
Bezugspersonen. Säuglinge explorieren beispielsweise gern ihre
Genitalien. Durch Videoaufnahmen weiß man, dass sie dabei zuallererst
in das Gesicht der Bezugspersonen blicken und dort Zustimmung oder
Ablehnung erkennen. Oder, um ein anderes Beispiel aus dem nicht
moralischen Bereich anzuführen: Lässt man einen blinkenden Roboter ins
Zimmer fahren, sieht das Kind zunächst in das Gesicht der Bezugsperson.
Hat diese selbst ein ambivalentes Verhältnis zu technischen Dingen,
schmiegt das Baby sich an sie. Hat die Bezugsperson allerdings ein
offenes Verhältnis zu technischen Dingen, krabbelt das Kleinkind vom
Schoß und nähert sich dem Roboter interessiert. (Vgl. Stern 1996, 189f.)
Kinder lernen diese Regeln genauso wie die Gesetze der sie
umgebenden Natur. Sie nehmen das Fallen von Äpfeln wahr und lernen
später in Sozialisation und Erziehung, dass dahinter ein Naturphänomen
steht, nämlich die Gravitation, und es dahinter wiederum ein Gesetz gibt,
das Gravitationsgesetz. Moralische Regeln sehen sie zunächst in dem
Handeln der Bezugspersonen. Später lernen sie, dass es moralische
Regeln gibt und ein ganzes System von moralischen, rechtlichen und
konventionellen Regeln, kurz ein ganzes System von sozialen Regeln.
4. Das Erkennen von moralischen Regeln
Unser Instrument für das Erkennen von moralischen Regeln ist die
Intuition. Das ist das Pendant zur Wahrnehmung bei Naturdingen. Doch
genauso wie man sich bei Wahrnehmungen irren kann, kann man sich bei
Intuitionen irren. Wie schützt man sich davor? Jede einzelne Intuition
muss mit den moralischen Überzeugungen, die wir haben, kompatibel
sein. Nehmen wir als Beispiel den Fall Wolfgang Daschner. Der
Frankfurter Polizeivizepräsident hatte einen Polizisten angewiesen, dem
Magnus Gäfgen Folter anzudrohen, damit er das Versteck seines
Entführungsopfers Jakob von Metzler preisgibt. Würde jemand in dem Fall
die Überzeugung bestreiten, dass es schlecht sei, andere Menschen zu
schädigen, dann müsste er die These vertreten, dass es moralisch gut
sei, andere Personen zu bedrohen. Doch um der Kohärenz seiner
moralischen Überzeugungen willen, vertritt er die Auffassung, dass es
moralisch nicht vertretbar ist, andere Menschen zu bedrohen. Und so
wissen wir, dass unsere Intuition, dass es falsch ist, andere zu bedrohen,
uns nicht in die Irre geführt hat. Wir müssen unsere Intuitionen zu ihrer
Überprüfung immer dem Kohärenzkriterium unterwerfen. Ich sage und
betone es noch einmal, dass alle Gesellschaftsmitglieder die moralischen
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Regeln kennen müssen, weil sie zusammen mit den rechtlichen und
konventionellen Regeln das Handeln der Menschen in einer
individualisierten Gesellschaft koordinieren. Egal, welcher Gemeinschaft
man angehört, man muss die moralischen Regeln der Gesellschaft
beachten, die für alle ausnahmslos gelten. Die Mitglieder jeder
partikularen Gemeinschaft sind stets zugleich Mitglieder der Gesellschaft.
Es ist so, wie wenn man aus der Haustür eines Gemeinschaftshauses auf
die Straße tritt. In diesem Moment hat man die öffentlichen Regeln zu
befolgen. In einem Haus gelten bestimmte Werte und Regeln, die für die
Bewohner verbindlich sind, beispielsweise im Haus der christlichen
Gemeinschaft. Das halte ich für plausibel und richtig. Treten die
Menschen allerdings aus dem christlichen Haus auf die Straße, dann
gelten die für alle verbindlichen moralischen Regeln, egal, aus welchem
Haus die Menschen gerade kommen.
5. Supererogation
Soviel zu der in der Gesellschaft geltenden Moral mit symmetrischen
moralischen Rechten und Pflichten. Was aber ist mit der christlichen
Moral? Dazu ein Zitat von Jürgen Habermas: „Die christliche Liebesethik
wird einem Element der Hingabe an den leidenden Anderen gerecht, das
[...] in einer intersubjektivistisch begriffenen Gerechtigkeitsmoral zu kurz
kommt. Diese beschränkt sich nämlich auf die Begründung von Geboten,
denen jeder unter der Bedingung folgen soll, daß sie auch von allen
anderen befolgt werden. [...] Ein supererogatorisches Handeln, das über
das hinausgeht, was auf der Basis der Gegenseitigkeit jedermann
zugemutet werden kann, bedeutet die aktive Aufopferung legitimer
eigener Interessen für das Wohl oder die Minderung des Leidens des
hilfsbedürftigen Anderen.“ (Habermas 2001, 192 f.) Eine solche
supererogatorische Moral haben wir in unserer Gegenwartsgesellschaft
nicht. Sie ginge über das hinaus, was in unserer Gesellschaft gilt, denn
die Supererogation ist mehr als das reziproke Verhältnis von moralischen
Rechten und Pflichten.
Zunächst zur Supererogation. Woher kommt der Begriff? In der
lateinischen Vulgatafassung der Bibel heißt es bei der Wiedergabe des
Gleichnisses vom barmherzigen Samariter: „Curam illius habe, et
quodcumque supererogaveris ego cum rediero reddam tibi.“ „Sorge für
ihn, und wenn du deine Pflicht in einem Übermaß erfüllen wirst, werde ich
es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.“ Rufen wir uns in Erinnerung:
Der Mann aus Samarien erfüllte zunächst nur seine Pflicht in der von mir
eben genannten Weise einer gesellschaftlichen Moral, die der Priester
und der Levit zuvor versäumt hatten. Die supererogatorische Situation
beginnt im Samaritergleichnis erst am anderen Morgen, als der Mann aus
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Samarien zwei Denare aus der Tasche zieht und sagt, dass er das
Übermaß an Pflichterfüllung bezahlen werde. Eine solche Moral, die über
die Pflicht der Wechselseitigkeit hinausgeht, ist Gegenstand der
Moralerziehung in christlichen Schulen. Hier ist das Haus der christlichen
Gemeinschaft angesprochen im Gegensatz zur gesellschaftlichen Moral,
die gilt, wenn man aus dem christlichen Haus auf die gesellschaftliche
Straße tritt. Zur Moralerziehung gehört auch, dass man als Pädagoge
Vorbild ist und damit Orientierung gibt. Vorbild zu sein bedeutet, dass man
wahrhaftig ist, also so handelt, wie man spricht. Wenn beides auseinander
fällt, so merken das die Schülerinnen und Schüler sehr schnell. Man kann
nicht Moral vermitteln wollen und selbst nicht nach diesen Regeln leben.
Das ist unwahrhaftig und nicht vorbildlich, so wie bei den
Missbrauchsfällen, die uns alle vor zwei Jahren erschüttert haben. So ist
man kein Vorbild und kann keine Orientierung geben. Die Pädagogen
wurden dadurch auch dem christlichen Bildungsanspruch nicht gerecht.
Es ist für eine bessere Zukunft der christlichen Bildung, Erziehung und
Orientierung gut, dass die Missbrauchsfälle ans Licht gekommen sind und
Aufmerksamkeit erregt haben.
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VI. Autoren
Dr. Bernd Althusmann
• Studium der Pädagogik an der Universität der Bundeswehr in Hamburg,
Ergänzendes Studium der Betriebswirtschaft an der Süddeutschen
Hochschule (FH) für Berufstätige in Lahr
• Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Potsdam
• Mitglied des Niedersächsischen Landtages vom 21. Juni 1994 bis 16.
Juni 2009, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion von Februar 2003 bis Juni 2009
• von Juni 2009 bis April 2010 Staatssekretär im Niedersächsischen
Kultusministerium
• seit 27. April 2010 Niedersächsischer Kultusminister
Ralf Meister
•
1983 bis 1985 Studium der Evangelische Theologie an der Universität
Hamburg.
Im Rahmen eines Stipendiums des Arbeitskreises „Studium in Israel“
Studienaufenthalt an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit dem
Schwerpunkt Judaistik und Biblische Archäologie.
•
Juni 1989 Erstes Theologisches Examen. Im Anschluss wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Hamburg
•
1990 bis 1992 Vikar in Lauenburg/Elbe
•
28. Mai 1992 Ordination zum Dienst eines Pastors in der Nordelbischen
Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Hamburger St. Michaelis-Kirche
•
•
Von 1992 bis 1996 Tätigkeit in der Arbeitsstelle „Kirche und Stadt“ am
Seminar für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. In dieser
Zeit entstanden zahlreiche Veröffentlichungen zu religions- und
stadtsoziologischen Fragestellungen.
Seit 1994 Rundfunkautor für Morgenandachten im Norddeutschen
Rundfunk (NDR) und Deutschlandfunk (DLF).
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•
•
Von 1996 bis 2001 Leitung der Redaktion des Evangelischen
Rundfunkreferates der norddeutschen Kirchen am Landsfunkhaus
Schleswig-Holstein in Kiel.
2001 Berufung zum Propst des Kirchenkreises Lübeck der
Nordelbischen Kirche. Unter seiner Leitung bis 2008 hat der
Kirchenkreis als erster der Landeskirche die Gemeindereform
umgesetzt und Großgemeinden eingeführt.
•
Von 2004 bis 2010 als Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ in der ARD
engagiert.
•
Von 2008 bis 2010 Generalsuperintendent des Sprengels Berlin in der
Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz
•
26. März 2011: Einführung als Landesbischof der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers
•
Seit 1. Januar 2012 Vorsitzender des Rates der Konföderation
Evangelischer Kirchen in Niedersachsen.
Dr. Hans-Joachim Jaschke
• 1967 Priesterweihe im Dom zu Osnabrück
• 1967 bis 1970 Vikar an der Probsteikirche St. Johann in Bremen
• 1970 bis 1974 Promotionsstudium in Regensburg bei Professor Joseph
Ratzinger: "Der Heilige Geist im Bekenntnis der Kirche - eine Studie zur
Pneumatologie bei Irenäus von Lyon"; Promotion 1974
• 1974 bis 1983 Leitung des Niels-Stensen-Kolleg in Münster
• 1983 bis 1989 Pfarrer in Quakenbrück
• 18. November 1988 Ernennung zum Weihbischof von Osnabrück,
Titularbischof von Tisili
• 8. Januar 1989 Bischofsweihe im Dom zu Osnabrück
• seit 1989 Weihbischof in Hamburg und Schleswig-Holstein
• 1995 Ernennung zum Bischofsvikar im Erzbistum Hamburg
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Prof. Dr. Detlef Horster
• Studium in Köln und Frankfurt/Mai
• 1973 erstes jur. Staatsexamen am OLG Düsseldorf
• 1976 Promotion zum Dr. phil. im Fach Soziologie
• 1979 Habilitation mit der venia legendi für "Sozialphilosophie"
• 1984 bis 2007 Professor für Sozialphilosophie an der Leibniz-Universität Hannover
• Gastprofessuren u.a. in der Schweiz und Südafrika
Lothar C. Rilinger
• Studium der Rechtswissenschaften und der Philosophie
• Rechtsanwalt
• Vorsitzender des Landesarbeitskreises
Juristen (LACDJ) in Niedersachsen
Christlich-Demokratischer
• Mitglied des Vorstandes des Bundesarbeitskreises Christlich-Demokratischer Juristen (BACDJ)
• Kooptiertes Mitglied des Landesvorstandes der CDU in Niedersachsen
• Fachanwalt für Arbeitsrecht
• Stellv. Mitglied des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes
• Verantwortlicher Redakteur der Schriftenreihe "Rechtspolitik in der
Diskussion"
• Veröffentlichungen: Aufsätze zur Politischen Philosophie, über medizin-
ethische Fragen und über Rechtspolitik
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Reihe „Rechtspolitik in der Diskussion“
1
Eigentumsrechtliche Fragen im Zuge der Wiedervereinigung
Christian Wulff MdL, Dr. Wolfgang Knippel, Lothar Rilinger,
Rainer Robra, Prof. Dr. Wolfgang Frhr. v. Stetten MdB, Albrecht Wendenburg:
2
Integration von Ausländern und doppelte Staatsbürgerschaft“
Christian Wulff MdL, Senator Ralf H. Borttscheller MdBB, Gabriele Erpenbeck,
Prof. Dr. Axel Frhr. v. Campenhausen, Prof. Dr. Hans-Hugo Klein, Lothar Rilinger:
3
Erfolg vor dem Niedersächsischen Staatsgerichtshof – Entscheidungen ohne
Wirkung?
Bernd Busemann MdL
4
Steuern. 21 Thesen zur Steuerpolitik in Deutschland
Friedrich Merz MdB
5
Sozialstaat 21- Sicherheit und Verantwortung
Christian Wulff MdL
6
Die Einheit Deutschlands - Erfahrungen und Prognosen
Ministerpräsident Prof. Dr. Kurt H. Biedenkopf MdL
7
Neuorientierung in der Strafvollzugspolitik. Kann Privatisierung nützlich sein?
Minister Dr. Christean Wagner MdL
8
Gesetzliche Rentenversicherung im Umbruch
Ausgangsbedingungen, Reformversuche, Anpassungsmaßstäbe
Dr. jur. Günther Schneider
9
Die Justiz als Standortfaktor in einem sich erweiternden Europa
Minister Prof. Dr. Kurt Schelter
10 Thesen zur Kriminalpolitik.
Christian Wulff MdL, Prof. Dr. Hans-Dieter Schwind, Adolf Stange
11 Die Zukunft der EU
Minister Prof. Dr. Kurt Schelter, Dr. Norbert Röttgen MdB
12 Zuwanderung Begrenzen – Integration fördern. Zwei Reden zu einer
umstrittenen Frage
Ministerpräsident Peter Müller
13 Die Kriminalitätsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland nach Öffnung
der Ostgrenzen und im Vorfeld der geplanten EU-Osterweiterung
Ingmar Weitemeier, Direktor des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern
15 Wohin steuert die EU?
Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP
16 Europapolitische Aspekte nach der deutschen Bundestagswahl
Christian Wulff MdL
17 Der EU- Ausschuss des Deutschen Bundestages in der 14. Wahlperiode
Dr. Friedbert Pflüger MdB
18 Europa - Wunsch und Wirklichkeit
Dr. h.c. Hans von der Groeben . Ein Gespräch mit Lothar C. Rilinger
19 Herausforderungen an die Innere Sicherheit 2003
Minister Dr. Günther Beckstein MdL
- 42 -
Reihe „Rechtspolitik in der Diskussion“
20 Was können wir von der Justiz fordern? Gedanken über eine Strukturreform
Ministerin Elisabeth Heister-Neumann
21 Aktueller Diskussionsstand zum Zuwanderungsgesetz
Minister Uwe Schünemann MdL
22 Aufbruch oder Stillstand - Wie kommt die Wirtschaft in Deutschland wieder
in Fahrt?
Dr. Jürgen Großmann
23 Justizpolitik aus Thüringer Sicht
Minister Harald Schliemann
24 Dr. Ernst Albrecht - Reden anlässlich seines 75. Geburtstages
Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Dr. h.c.Bernhard Vogel, Ministerpräsident Christian Wulff MdL
25 Halbzeitbilanz: Niedersachsen - solide finanziert
Minister Hartmut Möllring MdL; Mit einem Grußwort von Ministerpräsident Christian Wulff MdL
26 Europäischer Auftrag und nationale Interessen
Ministerpräsident Christian Wulff MdL
27 Viel erreicht - viel zu tun. Drei Jahre CDU/FDP-Regierung in Niedersachsen
David McAllister MdL
28 Justizreform: Mehr Effizienz und Transparenz
Minister Harald Schliemann, Ministerin Elisabeth Heister-Neumann, Dr. Jürgen Gehb MdB, KarlHelge Hupka, Dr. Ulrich Scharf
29 Das Attentat vom 20. Juli 1944
Ministerpräsident Christian Wulff MdL, Dr. Axel Smend
30 Gerechte Strafe – verantwortlicher Vollzug
Justizministerin Elisabeth Heister-Neumann
31 Wirtschaft, Bildung und Familie. Politik auf klarem Wertefundament
Ministerpräsident Dieter Althaus MdL
32 Das Vermächtnis der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 - Der Aufstand des
Gewissens und seine Wirkungsgeschichte
Ministerpräsident Christian Wulff MdL, Dr. Axel Smend, Prof. Dr. Johannes Tuchel, Hanno Graf v.
Kielmansegg, Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber, Christian Schleicher, Lothar C. Rilinger
33 Rechts- und justizpolitische Vorstellungen für die laufende Legislaturperiode
Justizminister Bernd Busemann MdL
34 Politik in der Vertrauenskrise
Stefan Dietrich
35 Das Christliche in der Politik und die Integration des Islam
Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble MdB
36 Der Weg Deutschlands zur Ratifikation des Vertrags von Lissabon
Staatssekretär Dr. Lothar Hagebölling, Chef der Nds. Staatskanzlei
37 Der Bologna-Prozess - wie geht es weiter?
Justizminister Bernd Busemann MdL, Staatssekretär Dr. Josef Lange, Prof. Dr. Erich Barke,
Präsident des OLG Dr. Peter Götz von Olenhusen, Justizminister a.D. Harald Schliemann
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Reihe „Rechtspolitik in der Diskussion“
38 Überzeugungen prägen die Gesellschaft. Das Denken und Handeln der
Männer des 20. Juli 1944 als Vorbild heute
Ministerpräsident Christian Wulff MdL, Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP
39 Extremismus und politische Gewalt. Herausforderungen und Perspektiven für eine
wehrhafte Demokratie
Dr. Stephan Walter
40 Nationale Sicherheitsvorsorge im Zeichen krimineller und extremistischer
Bedrohungen
Minister Uwe Schünemann MdL
41 Die Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus im wehrhaften Rechtsstaat
Minister Uwe Schünemann MdL
1. Auflage 2012
Diese Dokumentationen können bezogen werden von der
CDU in Niedersachsen
Tel.: 0511-29771-41
Wilfried-Hasselmann-Haus
Fax: 0511-27991-42
Hindenburgstraße 30
e-Mail: lacdj@cdu-niedersachsen.de
30175 Hannover
Die Broschüren stehen ab Heft 11 unter www.cdu-niedersachsen.de/lacdj zum download bereit.
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Seele and Geist
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