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Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung

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Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale
Arbeitsteilung für Wohlfahrtsstaaten oder: Was lässt die
nationale Sozialpolitik in die Globalisierungsfalle gehen?
Von Dr. Bernd Reet, Kassel
1. Einleitung
Die so genannte Globalisierung 1) und speziell ihr Verhältnis zur Sozialpolitik2) hat
in den 1990er Jahren gerade auch die Geister von Sozial wissenschaftlern mächtig bewegt. Erstaunlicherweise, so ist jedenfalls mein Eindruck, spielt die Frage nach dem
wechselseitigen Zusammenhang zwischen der Erweiterung und Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung (die ein Element der "Globalisierung" ist) einerseits
und nationaler Sozialpolitik andererseits in den aktuellen Diskussionen um "HartzGesetze", "Agenda 2010", "Gesundheitsreform" usw. explizit keine herausragende
Rolle, - in einer Zeit also, in der die sozialpolitischen Zeichen auf Sturm stehen!
Möglicherweise liegt das daran, dass die Vorstellung, die Globalisierung erzwinge
sozialpolitische Anpassungen, womit meistens die Rücknahme von Sozialleistungen
gemeint wird, die Köpfe so sehr beherrscht, dass sie schlicht nicht mehr zur Sprache
I) Ich beschränke mich hier auf den ökonomischen Aspekt der Globalisierung und verstehe darunter die Ver.
tiefung und Erweiterung internationaler Arbeitsteilung, die sich in einem zunehmenden grenzüberschreitenden Handel mit Konsum- und Investitionsgütern und einem starken Wachstum der internationalen Finanzbezi~hungen (bei zugleich erheblich gestiegener Flexibilität und Geschwindigkeit der Kapitalflüsse)
äußert. DIe Frage, ob angesichts der tatsächlichen Entwicklungen der Weltwirtschaft überhaupt von einer
derartigen Globalisierung gesprochen werden darf, ist umstritten. Ich werde diese Frage hier jedoch nicht
weiter verfolgen und möchte lediglich anmerken, dass ich selbst, angesichts der Konzentration sowohl des
internationalen Güterhandels als auch der grenzüberschreitenden Transfers von Finanzkapital auf die so
genannte "Triade" den Ausdruck "Internationalisierung" der Ökonomie für geeigneter halte. - Aktuelles
Datenmaterial zur Globalisierung insgesamt und speziell zur Position Deutschlands ist in den Berichten
der Bundestags-Enquete-Kommission ,.Globalisierung der Weltwirtschaft - Herausforderungen und Antworten" und in diversen Gutachten, die im Auftrag der Kommission erstellt worden sind und unter
www.bundestag.de/gremien abgerufen werden können, aufbereitet worden (Deutscher Bundestag 2001,
2002).
2) Unter Sozialpolitik werden hier verstanden alle Interventionen in den Marktmechanismus und damit in die
private Konsumenten- und Produzentenautonomie, die der Staat zum Zweck der Armutsvermeidung, Lebensstandardsicherung und/oder (über Armutsbekämpfung hinausgehende) Einkommens- und/oder Vermögensumverteilung unternimmt. Diese Interventionen können ansetzen an der gesamtwirtschaftlichen
Einkommensentstehung (z. B. über Zwangsabgaben finanzierte Sozialleistungen, staatliche Lohnfestsetzungen), an der Einkommensverwendung (z. B. Sozialversicherungspflicht, d. h. Verpflichtung von Bürgern und Bürgerinnen zur Risikovorsorge) oder an der Einkommensentstehung (z. B. diverse staatliche
Regulierungen von Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmermitbestimmungsregelungen). In der Bundesrepublik Deutschland stehen die Sozialversicherungen im Kern der Sozialpolitik. Sie bewirken v. a. erzwungene
intertemporale, intrapersonelle Einkommensumverteilungen, weniger interpersonelle UnIVerteilungen
von Markteinkommen. Gleichwohl wird es in diesem Aufsatz v. a. um solche interpersonellen Umverteilungen gehen, da diese möglicherweise im Zuge der Globalisierung zugleich notwendiger und schwerer
durchführbar werden.
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gebracht, geschweige denn kritisch hinterfragt wird. 3) Einen sachlich~n Grund
dafür, dass die tatsächlichen oder vermeintlichen Zwänge internationaler Okonomie
als Rechtfertigungsgründe heute weniger als noch vor ein paar Jahren für Einschnitte ins soziale Sicherungsnetz herhalten müssen, kann ich nicht erkennen: Weder haben sich das weltwirtschaftliche Umfeld Deutschlands und dessen Einbettung
darin innerhalb weniger Jahre dramatisch verändert, noch wirken die (freilich derzeit etwas schwächeinden) Kräfte der internationalen Ökonomie heute anders auf
die sozialen Verhältnisse hierzulande und die Möglichkeiten der Sozialpolitik, damit
umzugehen, als noch vor kurzer Zeit. Grund genug also, das problematische Verhältnis zwischen Globalisierung und Sozialpolitik weiter im Blick zu behalten!
Die Meinungen zu diesem Thema, wen wundert es, sind geteilt. "Optimisten" versprechen sich von der Globalisierung weltweite Wohlfahrtsgewinne, wovon auch die
in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen profitieren könnten und
würden (z. B. Weizsäcker 1999). Die Aufgabe der Politik und darunter v. a. der Sozialpolitik sei es, sich in Zurückhaltung zu üben und den (Welt-)Marktmechanismus
nicht zu behindern, Wohlfahrt für alle zu generieren_ Andere, die "Pessimisten",
fürchten hingegen, dass Globalisierung einerseits soziale Probleme verschärfe, sei es
(wie in Europa) in Form von Arbeitslosigkeit, sei es (wie in den USA) in Gestalt von
Armut trotz Erwerbstätigkeit ("working poor") insbesondere für beruflich.gering
qualifizierte Menschen, andererseits aber die Fähigkeit des Nationalstaates untergrabe, diese Probleme mittels Sozial- und Beschäftigungspolitik zu lösen. In ein
Schlagwort gefasst heißt dies, die beschriebenen Staaten befänden sich in einer
"Globalisierungsfalle" (Martin/Schumann 1996; zusammenfassend: Seeleib-Kaiser
1997, S. 89-91): Globalisierung erzeuge Probleme, welche der politischen, gerade
auch sozialpolitischen Lösung bedürften, die aber gerade aus derselben Ursache heraus erschwert werde.4) Zwischen "Optimisten" und "Pessimisten" kann man vielleicht noch eine dritte Position, einen "verhaltenen Optimismus", ansiedeln, der
zwar den ersten Teil der "G1obalisierungsfallen"-Hypothese teilt, dass also Globalisierung in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Staaten zu sozialen Problemen in Gestalt von Arbeitslosigkeit und/oder Einkommensarmut führe. Den zweiten Teil bezüglich 'des Autonomieverlustes nationaler (Sozial-)Politik bestreitet er jedoch:
Durch G10balisierung bewirkte soziale Probleme könnten durchaus durch gezielte
politische Maßnahmen gelindert oder sogar bewältigt werden. Wieder andere sehen
Sozialpolitik nicht ausschließlich als wehrloses Opfer der fortschreitenden Internationalisierung der Ökonomie, sondern umgekehrt als deren Basis, ohne die sich in
3) Martin Seeleib-Kaiser kommt denn auch nach seiner Analyse insbesondere der sozialpolitischen Debatten
im Deutschen Bundestag seit denl970er Jahren zu dem Ergebnis, dass zur Mitte der 1990er Jahre die Idee,
der zunehmende internationale Konkurrenzdruck erzwinge eine Senkung der "Lohnnebenkosten" (undals Hebel dazu - eine Senkung von Sozialleistungen), um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in der
forcierten internationalen Standortkonkurrenz zu behaupten oder wiederherzustellen, die. ideologische
Hegemonie jedenfalls unter den im Parhiment vertretenen Parteien erlangt habe (Seeleib-Kaiser 2001,
S.123).
4) "Wegen der weltweiten Niedriglohnkonkurrenz wächst einerseits der Bedarf nach sozialstaatlichem
Schutz. Andererseits verringert sich die Möglichkeit, solchen Schutz zu gewähren. Die Lohn- und Verteilungspolitik kann daran nichts ändern, ohne die Probleme noch zu vergrößern." (Sinn 2002).
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Demokratien das Bedürfnis nach Schutz vor Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und vor Entwertung beruflicher Qualifikationen in Folge internationaler Konkurrenz andere Ventile suchen und finden würde: E. Rieger und St. Leibfried haben
am Beispiel der USA dargelegt, wie eine protektionistische AUßenwirtschaftspolitik
jenes Bedürfnis zu befriedigen sucht, wenn keine hinreichenden sozialen Sicherungsnetze gespannt sind, um die (tatsächlichen oder vermeintlichen) negativen Folgen intensivierter und verbreiteter grenzüberschreitender Verflechtungen der Güter- und Kapitalmärkte für bestimmte als Wähler bedeutsame Gruppen aufzufangen
(Rieger/Leibfried 2001).
Im Folgenden möchte ich das wirtschaftswissenschaftliche Fundament der verschiedenen Positionen beleuchten. Ich werde zunächst die (der Diskussion um die Globalisierung häufig unausgesprochen unterliegende) "neoklassische" Sicht der Globalisierung und ihrer Wohlfahrtseffekte darstellen (Kapitel 2.1). Ökonomen teile ich
damit nichts Neues mit. Um aber auch denjenigen Lesern der ZSR, die in anderen
(sozial-)wissenschaftlichen Disziplinen ausgebildet sind und denen die Wirtschaftswissenschaften weniger vertraut sind, einen Einstieg in das Thema zu erleichtern, referiere ich die neoklassische Außenwirtschaftstheorie etwas ausführlicher. Sollten
mir die Seiten dieses Kapitels zu lehrbuchhaft geraten sein, möge man mir das bitte
nachsehen. Wer das alles kennt, kann selbstverständlich direkt zum Kapitel 2.2 übergehen. Dort werde ich die neoklassische Außenhandelstheorie mit einigen (allerdings nicht erschöpfenden) kritischen Anmerkungen versehen.
Kernaussage der Neoklassik und speziell der neoklassischen realen Außenhandelstheorie ist, dass die Öffnung der Grenzen für internationalen Handel und/oder für
internationale Bewegungen von Arbeitskräften, Produktionsmitteln und Finanzkapital zwar für einige Gruppen zunächst Nachteile in Form von Einkommensverlusten mit sich bringen kann, dass sie aber zugleich (unter bestimmten Voraussetzungen) Effizienzgewinne realisieren kann, aus denen die Gewinner der Globalisierung
die Verlierer so kompensieren können, dass im Endeffekt immer noch alle einen
Vorteil daraus ziehen können. Insofern würde die Globalisierung in eine "win-winSituation" münden, in der alle besser gestellt werden können als in einem Zustand
mit Beschränkungen internationalen Handels und Kapitalverkehrs. Diese Argumentation übersieht jedoch allzu schnell, dass solche in den Lehrbüchern der Ökonomik möglichen oder sogar angeratenen Umverteilungen an praktischen, politischen Hindernissen scheitern können, die selbst mit der Globalisierung entstanden
sind. Umverteilungen müssen nämlich von der Politik durchgesetzt werden, und es
ist fraglich, ob dieses unter den Bedingungen globalisierter Ökonomie bei weiterhin
nationalstaatlich segmentierter Macht der (Sozial-)Politik möglich ist. Wenn nicht,
befindet sich die Sozialpolitik tatsächlich in der oben beschriebenen "Globalisierungsfalle", in der eben nicht alle von der fortschreitenden Internationalisierung der
Märkte profitieren, sondern im Gegenteil einige, die sowieso schon relativ wenig haben, noch mehr verlieren werden, ohne dass ihre Verluste an Markteinkommen
durch Sozial transfers kompensiert werden könnten. Mit der Frage, ob die Aussichten tatsächlich so düster sind, und wenn ja, warum, wird sich das dritte Kapitel befassen.
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2. Wohlfahrtsgewinne oder mehr soziale Probleme durch Globalisierung?
2.1 Die Antworten der Neoklassik
"Globalisierungsoptimisten" können wenigstens einen Teil ihrer Argumente aus
derselben Theorie schöpfen (und tun dies auch) wie "Globalisierungspessimisten",
nämlich aus der neoklassischen Ökonomik. Dies erscheint nur auf den ersten Blick
als Widerspruch, dessen Auflösung aber in Sicht ist, wenn man erkennt, dass die einen eher auf Effizienzwirkungen, die anderen eher auf Verteilungswirkungen einer
fortschreitenden Internationalisierung von Tausch, Produktion und Investition abstellen.
Die neoklassische Allgemeine GleichgewichtstheorieS) hat (mit beträchtlichem mathematischen Aufwand) bewiesen, dass unter bestimmten Voraussetzungen, welche
u. a. die Präferenzen der Individuen, die Produktionstechniken und die Marktformen betreffen, der Marktmechanismus in der Lage ist, die ökonomischen Handlungen der unübersehbar vielen Individuen und Unternehmen so zu koordinieren, dass
sämtliche Angebots- und Nachfragepläne aller Wirtschaftsakteure realisiert werden;
darüber hinaus hat sie gezeigt, dass in dem damit hergestellten totalen Konkurrenzgleichgewicht die Ressourcen effizient im Sinne des Pareto-Kriteriums6) genutzt
werden. Es gibt allerdings nicht nur eine mögliche Pareto-effiziente Allokation, sondern theoretisch unendlich viele. Je nach dem, wie im Ausgangszeitpunkt die vorhandenen Ressourcen auf die Individuen verteilt sind (je nach "Anfangsausstattung" der Individuen), wird der Marktmechanismus zu einer anderen Pareto-effizienten Allokation führen.
Aus den Prämissen der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie folgt, dass eine Behinderung des grenzüberschreitenden Güteraustausches und des grenzüberschreitenden Verkehrs von Produktionsfaktoren bzw. Finanzierungsmitteln durch staatliche
Vorschriften (Zölle, nichttarifäre Handelshemmnisse, Kapital- und Devisenverkehrsbeschränkungen, Wanderungsbeschränkungen) im Regelfall einer in jenem
Sinne effizienten Allokation im Wege steht. Denn in einem langfristigen Konkurrenzgleichgewicht werden gemäß dieser Theorie die so genannten Marginalbedingungen Pareto-effizienter Allokation?) realisiert werden, wenn sich die Marktteilnehmer in ihren Entscheidungen an für alle gleiche und gegebene Preisverhältnisse
orientieren. Die Folge von Behinderungen der Güter- und Faktormobilität wird je') Die Allgemeine Gleichgewichtstheorie ist eine von Leon Walras begründete '.l"radition innerhalb des neoklassischen Paradigmas. Daneben gibt es noch andere wie die so genannte "Osterreichische Schule". Mit
der konsequent mikroökonomisch angelegten Allgemeinen Gleichgewichtstheorie nicht ohne weiteres
vereinbar sind makroökonomische Varianten der Neoklassik wie der so genannte Monetarismus oder die
neoklassische Wachstumstheorie.
6) Nach dem Pareto-Kriterium ist eine Allokation (d. h. eine bestimmte Zuordnung der Ressourcen zu verschiedenen Verwendungszwecken und eine bestimmte Verteilung der Güter auf die Individuen) effizient,
wenn niemandes Wohlfahrt durch eine Um lenkung von Ressourcen in andere Verwendungsmöglichkeiten oder durch eine Umverteilung von Gütern erhöht werden kann, ohne dass mindestens ein anderes Individuum Wohlfahrtseinbußen erleidet.
.
7) Die Marginalbedingungen Pareto-effizienter Allokation lauten für ein statisches einfaches Modell mit zwei
Gütern, zwei Produktionsfaktoren und zwei Personen, .
(1) dass das Verhältnis der Grenzprodukte der beiden Faktoren in allen Verwendungen übereinstimmt
(Produktionsoptimum),
908
909
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doch sehr wahrscheinlich sein, dass in verschiedenen Ländern verschiedene Preisverhältnisse bestehen. Das heißt, die Konsumenten und Produzenten des einen Staates richten ihre Entscheidungen an anderen Preisrelationen aus als die Konsumenten und Produzenten eines anderen Landes. Das hat schließlich zur Konsequenz,
dass die Weltwirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt: Durch eine Reallokation
der Ressourcen und Güter könnte die Wohlfahrt einiger Menschen gesteigert werden, ohne dass irgendein anderer Mensch Wohlfahrtseinbußen erleiden müsste.
Wie können diese potenziellen Wohlfahrtsgewinne realisiert werden? Ein Weg besteht in der Ermöglichung internationaler Faktorbewegungen. Dafür prognostiziert
die neoklassische Theorie folgenden Ablauf: Die Produktionsfaktoren werden solange dorthin wandern bzw. gebracht werden, wo sie die höchste Entlohnung erzielen, bis die (zunächst unterschiedlichen) Faktorpreisverhältnisse und damit die Verhältnisse der Faktorgrenzprodukte weltweit in allen Verwendungen übereinstimmen. Damit werden zugleich die ursprünglichen internationalen Unterschiede in
den absoluten und relativen Güterpreisen eingeebnet, so dass die Marktsignale die
unabhängig voneinander entscheidenden Marktakteure zur weltweit effizienten
Nutzung der Güter und Ressourcen führen können.
Wenn allerdings tatsächlich Produktionsfaktoren vollkommen mobil sind, so dass
der skizzierte Ablauf eintreten kann, gäbe es in der neoklassischen Ökonomik keinen Anlass zu internationalem Tausch. Nun gibt es aber internationalen Handel, so
dass man (wenn man von dem Handelsmotiv der Ausnutzung von Größenvorteilen
absieht, die aber im neoklassischen Modell nicht vorkommen) in ihm ein untrügliches Indiz für Beschränkungen der Faktormobilität erkennen kann. Tatsächlich ist
die Annahme, dass Produktionsfaktoren, sobald alle politisch aufgebauten Mauern
(Importkontingente, Zölle etc.) geschliffen worden sind, ohne Verzögerung dahin
wandern bzw. gebracht werden können, wo ihren Eigentümern die größte Entlohnung winkt, wenig realistisch: Arbeitskräfte sind offenkundig nicht vollends mobil,
und selbst Realkapital (Maschinen, Geräte, Fahrzeuge, Bauten etc.) kann zwar
leichter als früher, aber immer noch nicht (falls überhaupt) ohne beträchtliche Kosten an einem Ort abgebaut und an einem beliebigen anderen Ort wieder aufgebaut
werden. Mit der Frage nach den Mustern und Effekten internationalen Handels unter der Annahme international immobiler Produktionsfaktoren befasst sich die neoklassische reale Außenhandelstheorie.8) Auf ihr v. a. beruhen explizit oder implizit
(2) dass die dem Verhältnis der Gr~nznutzen umgekehrt proportionale Grenzrate der Substitution im Konsum zweier Güter bei allen Konsumenten gleich ist (Tauschoptimum) und
(3) der Grenzrate der Transformation in der Produktion der beiden Güter entspricht (optimale Produktionsstruktur).
Eine Voraussetzung dafür, dass sie über den Marktpreismechanismus realisiert werden, ist, dass alle
Marktteilnehmer weltweit ihre Entscheidungen auf Basis derselben Preisverhältnisse treffen. Eine andere
Voraussetzung ist vollkommene Konkurrenz auf allen Märkten.
") Eine spezifische Außenhandelstheorie macht unter dem neoklassischen Paradigma nur unter der Voraussetzung internationaler Im mobilität der Produktionsfaktoren Sinn. Andernfalls nämlich ließen sich alle für
eine abgeschlossene Tauschwirtschaft abgeleiteten Ergebnisse der neoklassischen Mikroökonomik ohne
weiteres auf den Fall internationalen Handels übertragen. (Heine/Herr 2003, S. 615).
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Befürchtungen, dass einige Grup~en, wenn nicht absolut, so zumindest in Relation
zu den anderen Gruppen wegen der Globalisierung an Wohlfahrt einbüßen würden
und dass sich speziell in wirtschaftlich fortgeschrittenen Staaten wie z. B. der Bundesrepublik Deutschland die Position v. a. von Menschen mit geringen beruflichen
Qualifikationen innerhalb der Einkommenshierarchie deutlich verschlechtern
werde und dass für alle Lohnabhängigen unabhängig vom Qualifikationsniveau die
Arbeitsplatz- und damit die Einkommensunsicherheit deutlich zunehmen würden
(Fuest 2000, S. 67). Die neoklassische reale Außenhandelstheorie basiert auf dem
sogenannten Heckscher-Ohlin-Samuelson-(HOS-)Modell, in weIchem Paul A. Samuelson Überlegungen Eli Hekschers und Bertil Ohlins systematisiert hat, die ihrerseits die ursprünglich von David Ricardo (1772-1823) formulierte Idee komparativer Kostenvorteile als Motiv internationalen Handels aufgegriffen haben (Ohlin
1971; Samuelson 1971a, 1971b; Stolper/Samuelson 1971; zusammenfassend Ethier
1997, S. 137-211). Wegen seiner zentralen Bedeutung in der Diskussion möchte ich
das Modell im Folgenden kurz darstellen.
Das HOS-Modell versucht unter bestimmten Annahmen (darunter Produktionsfunktionen mit den üblichen "neoklassischen" Eigenschaften, vollkommene Konkurrenz, international immobile Produktionsfaktoren) zu erklären, warum und in
weIcher Weise Länder miteinander handeln, deren Menschen zwar im Wesentlichen
über das gleiche technische Wissen (über die gleichen Produktionstechnologien,
m. a. W. Produktionsfunktionen) verfügen und ähnliche Bedürfnisse und Vorlieben
(Präferenzen, Nutzenfunktionen) haben, die aber sehr unterschiedlich mit Produktionsfaktoren ausgestattet sind. Außerdem untersucht es die Wohlfahrtseffekte, die
vom internationalen Handel auf die Menschen der beteiligten Länder ausgehen. Es
impliziert folgende fundamentale Theoreme:
a) Das Heckscher-Ohlin- oder Faktorproportionentheorem besagt, dass ein Land gegenüber einem anderen Land einen komparativen Kostenvortei(J) in der Produktion
desjenigen Gutes aufweist, in dessen Herstellung derjenige Produktionsfaktor relativ intensiv genutzt wird, mit welchem es relativ reich ausgestattet ist, und dass es sich
deshalb auf Produktion und Export dieses Gutes spezialisieren wird. Ein komparativer Kostenvorteil, den ein Land in Bezug auf ein Gut gegenüber einem anderen
Land hat, impliziert immer einen komparativen Kostennachteil jenes Landes gegenüber diesem Land in Bezug auf andere Güter.
Zur Verdeutlichung dieses Theorems kann man sich zwei Länder vorstellen, z. B. Vietnam und Deutschland, in denen nur zwei Güter, z. B. Schuhe und Autos, produziert und konsumiert werden; die verschiedenen eingesetzten Produktionsfaktoren
(Arbeitskräfte verschiedener Qualifikationen, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe
usw.) seien in zwei Gruppen zusammengefasst: Arbeit einerseits und Kapital l;llldererseits. Vietnam ist im Verhältnis zum dort vorhandenen Kapital deutlich reichhaltiger mit gering qualifizierter Arbeitskraft ausgestattet als Deutschland. Das bedeutet umgekehrt, dass in Deutschland relativ zur hier verfügbaren Menge gering qualifizierter Arbeitskraft mehr Sachkapital und qualifizierte Arbeitskraft vorhanden
9) Vgl. zum Theorem komparativer Kostenvorteile Ethier 1997, S. 7-82.
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I',
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ist als in Vietnam. Des Weiteren wird angenommen, dass wegen der Beschaffenheiten der (in bei den Ländern identischen) Technologien ein Paar Schuhe in bei den
Ländern bei jedem Faktorpreisverhältnis mit mehr Arbeitseinsatz in Bezug auf eine
eingesetzte Kapitaleinheit hergestellt wird als ein Auto.
b) Das so genannte Faktorpreisausgleichstheorem besagt nun; dass der internationale Handel unter engen Voraussetzungen nicht nur zu einem Ausgleich der Güterpreisverhältnisse, sondern auch zu einem Ausgleich der (nominellen) Faktorpreisverhältnisse führen wird, dies selbst dann, wenn die Produktionsfaktoren immobil
sind (also z. B. Kapitalverkehrsbeschränkungen den Kapitalverkehr über die Grenzen hinweg behindern oder ausschließen und die Grenzen auch für Arbeitsmigranten weitgehend dicht sind): Denn infolge der Spezialisierung eines Landes auf das
Gut, bei dessen Produktion der relativ reichlich vorhandene Produktionsfaktor relativ intensiv genutzt wird, werde die Nachfrage nach diesem Faktor steigen, damit
auch sein nomineller Preis in diesem Land. Gleichzeitig würden die Nachfrage nach
dem relativ wenig vorhandenen Faktor und damit dessen nomineller Preis infolge
der Spezialisierung fallen. In Vietnam wird also unter den oben getroffenen Annahmen die Produktion des relativ arbeitsintensiven Gutes steigen, damit die Nachfrage
nach Arbeitskraft, damit deren nomineller Preis (der Nominallohn); die Produktion
des relativ kapitalintensiven Gutes wird zurückgehen, damit die Nachfrage nach Kapital, damit dessen nomineller Preis (der nominale Zins). In Deutschland verhielte
es sich umgekehrt: Hier würden die Nominallöhne sinken, während die nominale
Entlohnung für das Zurverfügungstellen von Kapital steigen würde. In diesem Prozess würden sich unter bestimmten Voraussetzungen die Faktorpreisverhältnisse
beider Länder auch bei immobilen Produktionsfaktoren einander angleichen.
Wegen des relativen Arbeitsreichtums in Vietnam werden dort Arbeitskräfte im
Verhältnis zum Preis für Kapital (Zins)IO) schlechter entlohnt als in Deutschland.
Nun kann das arbeitsintensive Gut im Vergleich zum kapitalintensiven Gut um so
billiger hergestellt und auf den Märkten angeboten werden, je schlechter der Faktor
Arbeit im Verhältnis zum Faktor Kapital entgolten wird, je niedriger also die LohnZins-Relation ausfällt. Da diese in Vietnam kleiner ist als in Deutschland, ist (vor
Handelsaufnahme) das Verhältnis zwischen dem Preis für das arbeitsintensive Gut
und dem Preis für das kapitalintensive Gut in Vietnam geringer als das entsprechende Preisverhältnis in Deutschland. ll )
Genau diese "doppelte" Relation (das Verhältnis der Kosten bzw. Preise in Vietnam
im Vergleich zu dem entsprechenden Verhältnis in Deutschland) begründet die
wechselseitigen komparativen Kostenvorteile: Ein Land hat nämlich dann einen
komparativen Kostenvorteil in der Produktion eines Gutes gegenüber einem anderen Land, wenn das Verhältnis der 'Kosten zur Herstellung einer Einheit dieses
Gutes zu den Kosten der Herstellung jeweils einer Einheit anderer Güter kleiner ist
als in dem anderen Land. Vietnam hat somit einen komparativen Kostenvorteil in
der Herstellung von Schuhen, Deutschland einen komparativen Kostenvorteil in der
Herstellung von Autos.
I'
Nach Öffnung der Grenzen für internationalen Handel und ggf. nach erforderlichen
Anpassungen der Devisenkurse oder der innerstaatlichen Faktorpreisverhältnisse,12) wird Vietnam Schuhe nach Deutschland exportieren, Deutschland Autos
nach Vietnam. Im Zuge des internationalen Handels werden sich die bei Autarkie
unterschiedlichen Verhältnisse der Güterpreise einander angleichen. Das impliziert,
dass in Deutschland der Preis des kapitalintensiver hergestellten Gutes (Autos) im
Verhältnis zum Preis des arbeitsintensiver hergestellten Gutes (Schuhe) ansteigen
wird, während in Vietnam dieses Preisverhältnis abnehmen wird.
1") In der neoklassischen Makroökonomik gilt der Zinssatz als Preis für Kapital. Diese Annahme ist mit erheblichen Problemen behaftet, die letztendlich aus der zweifelhaften Konstruktion einer makroökonomischen Produktionsfunktion resultieren (Heine/Herr 2003, S. 220 ff.).
") In derneoklassischen Theorie wird unterstellt, dass im langfristigen Gleichgewicht bei vollkommener Konkurrenz der Preis eines Gutes gerade dessen Herstellungskosten deckt. Unter dieser Annahme kann man
unmittelbar vom Lohn-Zins-Verhältnis auf das Verhältnis zwischen dem Preis für das arbeitsintensive Gut
(Schuhe) und dem Preis für das kapitalintensive Gut (Autos) schließen.
12) Sollte Vietnam zunächst beide Güter absolut billiger produzieren und auf dem Weltmarkt anbieten können als Deutschland, müssen dessen komparative Kostenvorteile und Vietnams komparative Kostennachteile erst über den Devisenpreismechanismus oder über den Faktorpreismechanismus in absolute Kostenvorteile bzw. -nachteile transformiert werden, bevor es zu wechselseitigen Im- und Exporten kommen
kann. Dazu sind natürlich flexible Wechselkurse oder flexible Faktorpreise erforderlich. Im o. a. Beispiel
wird die Nachfrage beider Länder nach Handelsaufnahme auf das (billigere) Angebot bei der Güter aus Vietnam übergehen. Damit wird zugleich in Deutschland.die Nachfrage nach Devisen Vietnams und damit
deren Preis ansteigen. Das heißt, die Währung von Vietnam wird aufgewertet, diejenige Deutschlands abgewertet. Damit werden auch die Preise der Importgüter aus Vietnam in Deutschland, ausgedrückt in
912
c) Das so genannte Stolper-Samuelson- Theorem behauptet schließlich, dass der im
Zuge des internationalen Handels (unter bestimmten Voraussetzungen) in einem
Land eintretende Anstieg des Preises eines Gutes im Verhältnis zum Preis des anderen Gutes zur Folge hat, dass der Preis für den in der Produktion dieses Gutes relativ intensiv genutzten Faktor, also für den relativ reichhaltig vorhandenen Faktor,
im Verhältnis zu den Preisen bei der Güter steigen werde, während der Preis des reWährung des importierenden Landes, steigen und umgekehrt die in der Währung des Landes Vietnam ausgedrückten Preise für Exportgüter aus Deutschland in Vietnam fallen. Dieser Prozess wird solange anhalten, bis,(wenn er keine Finanzkapitalexporte und -importe der Länder gibt) die Handelsbilanzen der beiden Länder wieder ausgeglichen sein werden, das heißt, bis die Importnachfrage Deutschlands nach Waren aus Vietnam wertmäßig dem Export von Waren aus Deutschland nach Vietnam entspricht. Im Verlauf
dieses Prozesses wird der zunächst nur komparative Kostenvorteil Deutschlands in der Produktion von Autos über den Mechanismus flexibler Devisenkurse in einen absoluten Kostenvorteil verwandelt. Da Vietnam auch nach Aufwertung seiner Währung Schuhe billiger herstellen und auf dem Weltmarkt anbieten
kann als Deutschland, wird es das Angebot von Schuhen aus Deutschland ganz oder teilweise vom nun gemeinsamen Markt verdrängen, das heißt nach Deutschland exportieren. Die (inländische und ausländische) Nachfrage insgesamt nach Schuhen aus Vietnam wird steigen. Umgekehrt kann Deutschland Autos
nach Abwertung seiner Währung zu geringerem Preis auf dem Weltmarkt anbieten als Vietnam, so dass es
zusätzliche Nachfrage nach Autos, die vor Handelsaufnahme durch Produktion des Gutes in Vietnam
selbst befriedigt worden ist, auf sich ziehen wird. Es wird also Autos nach Vietnam exportieren und mehr
Autos als bisher produzieren. - Sind die Devisenkurse fixiert, sind f1exible'Faktorpreise erforderlich, damit beide Länder überhaupt Handel aufnehmen können. Unter dieser Voraussetzung wird die steigende
Nachfrage nach Giltern aus Vietnam die Preise für die dortigen Produktionsfaktoren erhöhen, während
die Produktion des anderen Landes zunächst keinen Absatz mehr findet, so dass dort die Nachfrage nach
Produktionsfaktoren und damit deren Preis fallen werden. Dieser Prozess wird anhalten, bis die Produktionskosten für Autos in Vietnam über die Kosten für Autos in Deutschland gestiegen sein werden (vgl.
Ethier 1997, S. 22 f.).
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Reet, Grenzen der Wohltahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
lativ weniger intensiv genutzten, weil relativ knappen Faktors im Verhältnis zu den
Güterpreisen sinken werde. Für Deutschland bedeutet das: Der nominale Preis für
Arbeit wird im Verhältnis zu den Preisen der beiden Güter fallen. Damit werden
aber auch die Reallöhne der Arbeiter fallen. Umgekehrt wird hier der Preis für Kapital im Verhältnis zu den Güterpreisen, damit das Realeinkommen der Kapitalbesitzer steigen. In Vietnam wird es sich genau anders herum verhalten. Internationaler Handel bewirkt also, flexible Güter- und Faktorpreise vorausgesetzt, eine Umverteilung von den Eigentümern der Produktionsfaktoren, mit denen das Land reladv zu den anderen Faktoren und relativ zu anderen Ländern knapp ausgestattet
ist, zu den Eigentümern von Produktionsfaktoren, mit denen das Land relativ reichlich ausgestattet ist (in Deutschland also von Arbeit zu Kapital, in Vietnam hingegen von Kapital zu Arbeit).
Eine (hier nicht weiter verfolgte) theoretische Kritik kann die Folgerichtigkeit einer
Argumentation betreffen. Während die logische Stringenz der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie meines Wissens nicht bestritten, sondern im Gegenteil eher bewundert wird, steht die Konsistenz der neoklassischen Außenhandelstheorie durchaus in
Frage. 13) Eine andere Kritik problematisiert den Realitätsgehalt der Prämissen der
Neoklassik im Allgemeinen bzw. der neoklassischen Außenhandelstheorie im Besonderen. Den Schöpfern der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie selbst war sehr
wohl bewusst, dass deren Aussagen und damit auch deren Implikationen in Bezug
auf internationalen Verkehr von Gütern und Produktionsfaktoren nur unter z. T.
sehr engen Voraussetzungen gelten und dass mit ganz anderen Resultaten zu rechnen ist, wenn einige dieser Voraussetzungen nicht realisiert sind. 14) Z. B. gibt es in
der Wirklichkeit, entgegen den Annahmen der Theorie, vermachte te Märkte, auf
denen sich einzelne Anbieter und einzelne Nachfrager nichtals Preisnehmer und
Mengenanpasser verhalten, sondern mit ihren Mengenentscheidungen bewusst und
absichtlich die Preise zu beeinflussen versuchen. Dann gilt aber die o. a. Prämisse
nicht mehr, dass die Preisverhältnisse ihnen zugrunde liegende Kostenverhältnisse
reflektieren, und die daraus gezogenen Folgerungen treffen damit möglicherweise
ebenfalls nicht zu. (Andererseits ist zu bedenken, dass die Möglichkeit internationalen Handels und damit ausländischer Konkurrenz Monopol~ oder Oligopolpositionen gerade auch aufbrechen kann.) Monopolistische oder oligopolistische Marktstrukturen können aus steigenden Skalenerträgen resultieren, die mit der Annah~e
so genannter linear-homogener Produktionsfunktionen aus den neoklassischen Modellen ausgeschlossen werden, obwohl sie tatsächlich einen großen Teil des internationalen Handels, den so genannten intraindustriellen Handel zwischen Ländern mit
ähnlichen Faktorausstattungen, verursachen. 15) In den Modellen ebenfalls nicht vor-
Internationaler Handel gleicht also unter bestimmten Voraussetzungen (darunter
keine vollständige Spezialisierung der Länder auf die Herstellung bestimmter Güter) das Fehlen internationaler Faktorbewegungen in dem Sinne aus, dass sich dennoch die zunächst unterschiedlichen absoluten und relativen Faktor- und Güterpreise der einzelnen Länder einander angleichen. Umgekehrt gilt genauso, dass
grenzüberschreitende Faktorbewegungen mit denselben Ergebnissen an die Stelle
internationalen Handels treten können. Das heißt, wenn wenigstens einer der Produktionsfaktoren (z. B. Kapital) ohne Hindernisse die Staatsgrenzen passieren kann,
während der transnationale Güterverkehr aus irgendwelchen Gründen blockiert
wird, werden genau dieselben Effekte auf Preisrelationen und Einkommensverteilung eintreten, die das HOS-Modell für den Fall internationalen Handels ohne
grenzüberschreitende Faktorbewegungen voraussagt (Ohlin 1971; vgl. auch Ethier
1997, S. 342-347).
Auch erzeugen internationaler Handel und internationale Faktorbewegungen die
gleichen Wohlfahrtseffekte: Indem sie weltweit gleiche absolute und relative Güterund Faktorpreise durchsetzen, schaffen beide auf ihre Weise die Basis, von der aus
der Marktmechanismus die Unternehmen und Individuen zur effizienten Nutzung
der weltweit vorhandenen Ressourcen leitet. Mit anderen Worten: offene Grenzen
erlauben es, weltweit mehr Güter zu produzieren als autarke nationale Ökonomien
zusammengenommen. Das HOS-Modell zeigt darüber hinaus, dass jedes einzelne
Land, das sich dem internationalen Handel öffnet, seinen Bürgern mehr Konsummöglichkeiten bietet, als wenn es sich der internationalen Arbeitsteilung verschließt.
2.2 Ansätze einer Kritik
Was können die Neoklassik und speziell die neoklassische Außenhandelstheorie zur
Erklärung und Bewertung der Effekte fortschreitender internationaler Arbeitsteilung etwa auf die sozialen Verhältnisse in Deutschland beitragen? Ich kann hier
keine ausführliche Kritik leisten und muss es daher bei einigen Andeutungen bewenden lassen. Ich möchte mit einigen theoretischen Überlegungen beginnen und
anschließend die auf deutsche Verhältnisse bezogenen Aussagen der neoklassischen
Außenhandelstheorie mit einigen empirischen Daten konfrontieren.
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13) Die Zweifel entzünden sich an der Annahme nur eines einzigen, homogenen Kapitalgutes bzw. an der Ag-
gregation unterschiedlicher Kapitalgüter mittels monetärer Größen im insofern makroökonomischen
HOS-Modell. Dadurch unterscheidet es sich (trotz Unterordnung beider Theorien unter das neoklassische
Paradigma) deutlich von der mikroökonomisch argumentierenden Allgemeinen Gleichgewichtstheorie
und gelangt zu Schlüssen und wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die aus dieser nicht unbedingt gewonnen werden können (vgl. im Einzelnen zu dieser fundamentalen, eI)dogenen Kritik der neoklassischen Makroökonomik überhaupt und zur neoklassischen Außenwirtschaftstheorie im Besonderen HeinelHerr
2003, Kap. 3, insbesondere Kap. 3.2, sowie Kap. 7.3, insbesondere S. 639 ff.).
14) Fr. Hahn bspw., der mit Kenneth J. Arrow eines der zentralen Werke der Theorie verfasst hat, mokiert sich
über vergröbernde und oberflächliche Lehrbuchdarstellungen, die, unter Berufung auf die Allgemeine
Gleichgewichtstheorie, z. B. behaupten, "dass ein Freihandelsgleichgewicht pareto-effizient für die Welt
als Ganzes ist. Äußerst selten geben die Lehrbücher vollständig und genau an, was erforderlich ist, um zu
diesem Ergebnis zu gelangen, insbesondere die Abwesenheit zunehmender Skalenerträge und eine vollständige Menge von Arrow-Debreu-Märkten. Würden sie diese Annahmen anführen und erörtern, so würden sie weniger dazu neigen, den Freihandel als ,optimal' zu erklären. Es zeigt sich, dass ihre Konzentration auf den Zwei-Güter-Fall- aus ,Darstellungsgründen' - sie vergessen lässt, dass dieser Kunstgriff sie
von der Erörterung intertemporaler Fragen abhält, das bedeutet aber, von mindestens der Hälfte der Geschichte". (Hahn 1984, S. 158)
") Intraindustrieller Handel erfolgt nicht aus dem Motiv heraus, komparative Kostenvorteile auszunutzen,
sondern um die Möglichkeit steigender Skalenerträge auszunutzen. In moderner Definition wird (für den
Fall des Ein-Produkt-Unternehmens) von steigenden Skalenerträgen gesprochen, solange die Durchschnittskosten mit wachsendem Output fallen. Nationale Märkte sind oft zu klein, um diese Größenvor-
915
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
gesehene Präferenzen der Individuen, z. B. für bestimmte Marken oder Anbieter,
können einzelne Marktsegmente unter Umständen so sehr gegeneinander abschotten, dass ausländische Konkurrenz trotz besserer Qualität und niedrigerer Preise
keine Chance hat. Berücksichtigt man die in den Modellen ignorierten Transportkosten, wird ein vollständiger weltweiter Ausgleich der Güter- und Faktorpreise
nicht erfolgen. Dass die Marktteilnehmer keineswegs, wie ebenfalls von neoklassischen Ökonomen unterstellt, über alle relevanten Informationen verfügen, sondern
im Gegenteil permanent unter Unsicherheit bezüglich zukünftiger Ereignisse entscheiden müssen, führte J. M. Keynes zu seiner fundamentalen Einsicht, dass der
Marktmechanismus allenfalls ausnahmsweise ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht
generieren könne, während Unterbeschäftigung der Ressourcen der Regelfall sei
(Keynes 1994). Aus dieser Sicht erscheinen internationaler Handel und mehr noch
unbeschränkter internationaler Kapitalverkehr keineswegs als Wohlfahrtsgaranten,
sondern auch als ständige Gefährdung weltwirtschaftlicher Stabilität bzw. als Quelle
tiefgreifender ökonomischer Krisen.
Einige Bedingungen der Neoklassik bzw. des HOS-Modells im Besonderen können
allerdings in der Realität verletzt sein, ohne dass deshalb das ganze Theoriegebäude
in sich zusammenfällt. So setzen die oben beschriebenen zentralen Aussagen des
HOS-Modells vollkommen flexible Güter- und Faktorpreise oder flexible Wechselkurse voraus. Eines von beiden ist erforderlich, damit, wenn im Ausgangszustand eines der beteiligten Länder in allen Produktionen absolut höhere Kosten aufweist als
das andere, Handel zum beiderseitigen Vorteil überhaupt zustande kommen kann
(siehe oben). Tatsächlich scheint aber die Flexibilität insbesondere der Löhne und
der Güterpreise vor allem in Europa, weniger in den USA, eingeschränkt zu sein.
Dies widerlegt jedoch nicht unbedingt die neoklassische Außenwirtschaftstheorie,
sondern führt nur zu anderen Resultaten. Solange Anpassungen der Wechselkurse
Leistungsbilanzungleichgewichte zwischen zwei Ländern ausgleichen können, ist
zwar trotz beschränkter Flexibilität der Güter- und Faktorpreise beidseitiger Handel möglich. Jedoch wird die Ihtensivierung der Konkurrenz der Unternehmen auf
den Weltgütermärkten (neben der Standortkonkurrenz um Realkapital und hochqualifizierte Arbeitskräfte) weniger Preis- und Einkommenseffekte gemäß dem
Stolper-Samuelson-Theorem hervorrufen als Mengeneffekte in Gestalt zunehmender Arbeitslosigkeit insbesondere für gering qualifizierte Arbeitskräfte. "Relativ gering Qualifizierte müssen also entweder eine Verschlechterung ihrer relativen Einkommensposition hinnehmen, so wie es in den USA zu beobachten ist, oder sie werden arbeitslos, so wie wir es zur Zeit in Deutschland erleben." (Dieckheuer/Lueb/
Plaßmann 1998, S. 315) Ist darüber hinaus der Wechselkursmechanismus, wie innerhalb der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, außer Kraft gesetzt,
werden weitere negative Beschäftigungseffekte in dem Land eintreten, welches auf
teile vollständig abzuschöpfen. Dies ermöglicht oft erst der internationale Handel, mit dem die Märkte erweitert werden, Steigende Skalenerträge und deren Folgen für die Marktstruktur (Monopol) passen jedoch
nicht zu den Prämissen der Neoklassik (linear-homogene Produktionsfunktionen und damit konstante
Skalenerträge, vollkommene Konkurrenz) und können deswegen von dieser nicht begriffen werden (vgl.
Schumann 2000, S. 89-93).
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
Grund höherer Produktionskosten nach Öffnung der Grenzen für Handel viele
Weltmarktanteile verlieren wird.
Über den Realitätsgehalt der Prämissen und da~it über. ~ie Releva!1z der neokl~s­
sischen Außenhandelstheorie muss letztendlich dIe Empme entscheIden. Ohne hIer
die vorliegenden Daten in der gebotenen Gründlichkeit aufbereiten ~u kÖ!1nen,
kann immerhin festgestellt werden, dass einige Fakten auf den e~ste~ Bhck ~lIt ?en
Implikationen des neoklassischen Außenhandelsm?d~lIs z. B. ~ur dIe Ve.rhaltl11~se
in Deutschland übereinstimmen: Die Bundesrepubhk Ist (noch) Im VergleIch zu vIelen Entwicklungs- und Schwellenländern, bezogen auf das Arb~i~s~ngebot we~ig
qualifizierter Personen, reichhaltig mit Sachkapital und gut qua~lflzlerten A~~elts­
kräften ausgestattet. Der neoklassischen Außenwirtschaftst~eo~le zufolge mussten
in Deutschland im Zuge des Handels mit solchen Ländern dIe Emkomm.en ~on Kapitaleignern und hoch qualifizierten Arbeitskräften steigen, währe~d dIe E~nko~­
men gering Qualifizierter relativ oder so~ar a~solut ab~e~men ~usst~n. Smd dIe
Löhne nicht hinlänglich flexibel, müsste SIch dIe Globahslerung m steIgender Arbeitslosigkeit gering Qualifizierter auswirken.
Tatsächlich sind beruflich gering qualifizierte Arbeitskräfte deutlich überpr?P?rtional von Arbeitslosigkeit betroffen. 16) Spiegelbildlich zur überdurchsc~l11tthchen
Zunahme der Arbeitslosigkeit unter gering Qualifizierten ist der AnteIl von Erwerbstätigen mit Berufsausbildung, Fachschul-, Fachhochsch~.I-. oder Hochschul~b­
schluss an allen Erwerbstätigen gestiegen, der von ErwerbstatIgen ohne derartIge
formale Qualifikationsnachweise gesunkenY) Zu den Vorhersagen des HOS-Modells passt auch, dass die (personelle) yerteilung der .Markteinkomm~~ wie au~~ der
Netto-Einkommen, gemessen an bestImmten VerteIlungsmaßen (~ml-Koef~lzlent,
Atkinson-Maß), deutlich ungleicher geworden ist. Bemerkenswert ISt, .dass dIe Ungleichverteilung der Markteinkommen bereits in den 1970er Jahren, dIe der ~~tto­
Einkommen erst in den 1990er Jahren stark zugenommen haben (Bundesmmlsterium für Arbeit und Sozialordnung 2001, I, S. 22, II, S. 45-48). Die relative Einkommensarmut ist nach diversen Messkonzepten v.a. in den 1980er und 1990e~ Jahren
ebenso deutlich gestiegen wie Zahl und Quote der Empfänger laufe!:lder HIlfe z~m
Lebensunterhalt nach dem BSHG (ebd., I, S. 26 f., 75 f., II, S. 126). UberproportlOnal sind von Sozialhilfe-s"edürftigkeit betroffen wiederum Personen ohne Schulabschluss und/oder Personen ohne Berufsabschluss. 18)
Die spezifischen Arbeitslosenquoten von Personen ohne Ausbildungsabschluss lagen 1998 im Westen
Deutschlands bei 25 3 Prozent (Männer) und 21,2 Prozent (Frauen), im Osten sogar bei 51,5 Prozent bzw.
55,4 Prozent (Deuts~her Bundestag 2002, S. 214 f.). Im alten Bundesgebiet hatten ~5,5 Prozent der Ende
September 1999 registrierten Arbeitslosen keine Berufsausbildu~g. abg~schlossen; I~ den neu~n Bundesländern betrug der entsprechende Anteil 21,0 Prozent (Bundesmmlstenum filr ArbeIt und SozIalordnung
2001,11, S. 171, 173).
.
.
'h
IT
17) z. B.: Während im Zeitraum von 1980 bis 1995 Br~nc~en ?,it hohem Aus~lldungsmveau ~ re Besc 1~ t~gung
um 20 Prozent erhöhten, reduzierten Branchen mIt mednger HumankapItalausstattung Ihre Beschaftlgung
um 19 Prozent (Deutscher Bundestag 2001, S. 132; vgl. auch Deutscher Bu~destag 2002, S. 213 ff.).
18) Personen ohne Schulabschluss machten Ende 1998 13,3 Prozent der Empfanger von HIlfe zum Lebensunterhalt im Alter von 15 bis unter 65 Jahren aus, aber nur 2,6 Prozent aller Erwerbspers.onen, d: h. der B~­
völkerung im Alter von 15 bis unter 65 Jahren, und Personen ohne Berufsabschluss hIelten emen AnteIl
16)
916
917
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
Die Frage ist, inwieweit diese Phänomene tatsächlich von der gewachsenen internationalen Arbeitsteilung verursacht worden sind. Sicher ist nur, dass es unzulässig ist,
aus der zeitgleichen Zunahme von Arbeitslosigkeit, Armut (v. a. unter gering QuaIifizierten) und Einkommensdifferenzen mit der Erweiterung und Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung und insbesondere mit dem wachsenden Gewicht einiger Schwellenländer auf den Weltmärkten in den 1990er Jahren einen kausalen Zusammenhang derart zu konstruieren, dass die Arbeitsmarktprobleme in der EU bzw.
die wachsende Zahl von "working poor" in Nordamerika hauptsächlich durch die
Konkurrenz aus Niedriglohnländern verursacht seien. Es kann nur darum gehen,
herauszufinden, welcher Anteil z. B. an der in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Arbeitslosigkeit auf die G10balisierung bzw. auf die gestiegene grenzüberschreitende Mobilität von Gütern und Kapital zurückgeführt werden kann und
welcher Anteil anders erklärt werden muss. Eine halbwegs präzise Quantifizierung
globalisierungsbedingter Effekte auf den deutschen Arbeitsmarkt steht insbesondere vor der Schwierigkeit, dass die Zunahme der Beschäftigungsrisiken überhaupt
und speziell für gering Qualifizierte genauso gut auch mit anderen Gründen als der
Konkurrenz aus Niedriglohn-Ländern erklärt werden kann (Deutscher Bundestag
2002, S. 213 ff). Aus neoklassischer (und neoliberaler) Sicht kommen als Ursache in
Betracht: (auch ohne Konkurrenz aus den Niedriglohnländern) zu hohe (und sich
nicht schnell genug an ein auch technologisch verändertes Umfeld anpassende)
Reallöhne, staatliche Interventionen in die Arbeitsmärkte, womit deren Flexibilität
behindert werde, eine unzureichende Realkapitalakkumulation und - nicht zuletzt
- Fehlanreize des sozialen Sicherungssystems selbst auf die Bereitschaft zur Aufnahme gering entlohnter Beschäftigungen. Andere Ökonomen, die in J. M. Keynes
ihren geistigen Ahnen sehen, mögen die Hauptursache der Arbeitslosigkeit in einer
das Güterangebot nicht vollständig absorbierenden effektiven Nachfrage erkennen
und dies u. a. mit dem gesunkenen Anteil der Einkommen aus abhängiger Beschäftigung am gesamten Nationaleinkommen erklären. Die absolute und relative Zunahme der Arbeitslosigkeit unter Personen mit eher geringen beruflichen Qualifikationen kann auch auf Verdrängungseffekte zurückgeführt werden: In Zeiten insgesamt hoher Arbeitslosigkeit nehmen vergleichsweise gut Qualifizierte auch weniger anspruchsvolle Tätigkeiten auf und drängen die bisherigen, geringer qualifizierten Arbeitsplatzinhaber in die Erwerbslosigkeit ab.
die Kapitalrenditen im Inland relativ gering, werden im Inland erzielte Gewinne
eher in Ländern mit hohen Kapitalrenditen investiert werden. Dies reduziert natürlich die im Inland verfügbaren Investitionsmittel und damit die Möglichkeiten, über
Realkapitalakkumulation Arbeitsplätze zu schaffen. Auch kann arbeitssparender
technischer Fortschritt durch die Konkurrenz aus Staaten mit relativ niedrigen Arbeitskosten und Abgabenbelastungen forciert worden sein. In diesem Zusammenhang ist davor zu warnen, von einer sich z. B. in anhaltend hohen Exportüberschüssen ausdrückenden hohen Konkurrenzfähigkeit19) in Deutschland produzierender
Betriebe darauf zu schließen, dass Globalisierung überhaupt keine Rolle spiele und
mit den akuten Problemen auf dem Arbeitsmarkt und im sozialen Gefüge gar nichts
zu tun habe. Denn es ist durchaus möglich und m. E. sogar wahrscheinlich, dass viele
Betriebe, die in wirtschaftlich fortgeschrittenen Staaten ansässig sind, ihre "ability to
seil" (Ohr 1999) auf den Weltgütermärkten nur halten konnten, indem sie die (Arbeits-)Produktivität durch technischen Fortschritt permanent erhöhten (G1obalisierung als "Produktivitätspeitsche"), um auf diese Weise Nachteile gegenüber den
Schwellen- und Transformationsländern bei den absoluten Arbeitskosten zu kompensieren und so trotz höherer absoluter Arbeitskosten zu gleich hohen oder sogar
geringeren Stückkosten produzieren zu können. Diese Produktivitätssteigerungen
werden aber v. a. erreicht durch arbeitssparenden technischen Fortschritt, in dem
Arbeitskraft durch Kapital ersetzt wird. Dies führt jedoch, falls das Produktionswachsturn mit dem Anstieg der Arbeitsproduktivität nicht mithält, zwangsläufig zu
Beschäftigungsabbau.2o)
Zu beachten ist, dass diese verschiedenen möglichen Ursachen der Beschäftigungsprobleme in Deutschland mehr oder weniger in Wechselwirkung mit der zunehmenden potenziellen internationalen Güter- und Faktormobilität stehen können,
was es noch komplizierter macht, interne und externe, globalisierungsbedingte
Gründe für Arbeitslosigkeit oder Reallohnverluste analytisch auseinanderzuhalten.
So hat bspw. die Erleichterung des transnationalen Kapitalverkehrs einen Einfluss
auf die Realkapitalbildung im Inland: Je mobiler das Kapital, desto mehr stehen die
verschiedenen Staaten, genauer: Die dort ansässigen immobilen Produktionsfaktoren in Konkurrenz um das mobile Kapital (Freytag/Meier/Weiß 1998, S. 21 f). Sind
von 52,8 Prozent an den Hilfeempfängern im erwerbsfähigen Alter und von 20 Prozent an allen Erwerbspersonen (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung2oo1, I, Tab. 11.2 und 11.3, S. 82 f.).
918
Gegen eine allzu hohe Veranschlagung der Aussagekraft des HOS-Modells spricht
die tatsächliche räumliche Struktur der Außenhandelsverflechtung der Bundesrepublik Deutschland_21 ) Die neoklassische Außenhandelstheorie mag zwar gute
Gründe dafür liefern, warum Staaten, deren relative Faktorausstattungen sehr unterschiedlich sind, miteinander Handel treiben (interindustrieller Handel). Nun konzentriert sich der Außenhandel der Bundesrepublik Deutschland aber auf Staaten
(EU, USA), deren relative Faktorausstattung derjenigen Deutschlands sehr ähnelt.
Dieser so genannte intraindustrielle Handel kann aber vom HOS-Modell nicht erklärt werden. Zwar stellt dieser Mangel jene Ergebnisse in Bezug auf den interindustriellen Handel nicht grundSätzlich in Frage, schmälert aber angesichts des nach
19) Zum Begriff der internationalen Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes vgl. Ohr 1999, S. 51-68, sowie
Deutscher Bundestag 2002, S. 202-2m. Die dort wiedergegebenen empirischen Befunde zu verschiedenen
Indikatoren lassen eher auf eine nach wie vor hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit des "Standortes
Deutschland" schließen.
20) So auch G. Dieckheuer et al.: "Es darf aber nicht übersehen werden, dass die vergleichsweise niedrigen
Lohnstückkosten in Deutschland nicht auf geringe Lohnkosten zurückzuführen sind, sondern in den neunziger Jahren insbesondere durch Produktivitätszuwächse, Rationalisierung und Kapitalintensivierung erreicht wurden. So sind zwar die deutschen Unternehmen international noch relativ wettbewerbsfähig, aber
eben nicht die Arbeitskräfte, deren Lohnkosten im internationalen Vergleich zu hoch sind. Diese wurden
und werden folglich arbeitslos." (Dieckheuer/LueblPlaßmann 1998, S. 317).
21) Über zwei Drittel der deutschen Ausfuhren gingen in Länder der EU, die Vereinigten Staaten oder nach
Japan und aus diesen Staaten karnen mehr als 70 Prozent der Einfuhren Deutschlands (Deutsche Bundesbank 2003, S. 55 ff.).
919
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
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wie vor weit überwiegenden Anteils des intraindustriellen Handels am Welthandel
deren Relevanz.
setzt werden kann. Zweifel daran drückt der zweite Teil der "GlobalisierungsfallenThese" aus. Damit wird sich das nächste Kapitel beschäftigen.
.
2.3 Zwischenfazit
Die Neoklassik im Allgemeinen und die neoklassische Außenwirtschaftstheorie im
Besonderen nähren, jedenfalls wenn man die z. T. sehr speziellen und problematischen Annahmen ihrer Modelle ignoriert, die Hoffnung auf zumindest potenzielle
Wohlfahrtsgewinne für alle Weltbürger, wenn sich nur alle Staaten dazu durchringen würden, sämtliche Schranken der Mobilität von Gütern oder Produktionsfaktor~n (sowie v?n Finanzierungsmitteln) niederzureißen. Jedoch ist fraglich (wenn man
emmal für emen Augenblick die oben skizzierten Aussagen für wahr hält), ob auch
alle Mensc~en tatsächl~ch von den Effi~ienzgewinnen der G10balisierung profitieren
werden. Die NeoklassIk behauptet mcht, dass sich die Früchte effizienterer Verwendung der Ressourcen quasi automatisch gleichmäßig auf alle Menschen verteilen würden. Im Gegenteil: Das HOS-Modell stützt Befürchtungen, dass sich insbesondere beruflich relativ gering qualifizierte Menschen in ökonomisch fortgeschrittenen Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland darauf einstellen müssten dass
sie durch die gestiegene Konkurrenz auf den internationalen Güter- und Fi~anz­
märkten zu Reallohneinbußen gezwungen oder in die Arbeitslosigkeit getrieben
werden. Ins~esondere die .neoklassische Außenwirtschaftstheorie ist allerdings, wie
oben beschneben worden Ist, v. a. wegen der z. T. wenig realistischen Prämissen umstritten. Ein Blick auf die empirischen Fakten erlaubt es indessen nicht, ihr jede Aussagekraft abzusprechen.
Muss man a~f jene Effi~ienzgewinne durch internationale Arbeitsteilung verzichten,
wenn man diese Verteilungseffekte nicht will? Theoretisch könnten die Gewinner
der Globalisierung die Verlierer so kompensieren (z. B. durch Umverteilung von
Markteinkommen), dass sich kein Weltbürger in einer offenerl Ökonomie schlechter gestellt sieht als unter einem protektionistischen Außenwirtschaftsregime. Wenn
sich die Konsummö?lichkeiten nicht nur weltweit, sondern sogar in jedem beteiligten Land, also auch m Deutschland, durch internationalen Handel erweitern lassen
könnten theoretisch sogar in jedem einzelnen Land diejenigen, die allein auf Grund
der Marktgesetzmäßigkeiten an Wohlfahrt einbüßen würden, von den Gewinnern
so entschädigt werden, dass diese dennoch einen Vorteil behalten. 22) Da nicht damit
zu rechnen ist, dass eine solche Kompensation freiwillig zu Stande kommt, muss sie
vom ~taat veranl~sst w~~den ..Dies ist di.e klassische Aufgabe der staatlichen (umverteIlenden) Sozialpolitik. Die entscheidende Frage ist aber, ob eine theoretisch
d:nkbare Kompensati?n der Globalisierungsverlierer durch die Globalisierungsgewmner unter den Bedmgungen eben dieser Globalisierung in der Praxis durchge") Auf di.esen W~g vertrösten auch Paul A. Samuelson und Wolfgang F. Stolper die Verlierer des Freihandels. S~e schr~lben, "dass der Verlust, der durch Freihandel dem einen Faktor zugefügt wurde, zwangsläufl~ ~Iemer sem musste, als der Gewinn, den der andere erzielte. Dann ist es immer möglich, den benachtelhgten Faktor durch Subventionen oder andere redistributive Maßnahmen so zu unterstützen dass sich
als Ergebnis des Freihandels alle Faktoren besser stehen". (StolperlSamuelson 1971, S. 431). '
920
3. Einschränkung nationalstaatlicher sozialpolitischer Autonomie durch Globalisierung?
Eine eminent wichtige Frage ist also, ob die ggf. zur Linderung globalisierungsbedingter sozialer Probleme erforderliche Einkommens- oder Vermögensumverteilung tatsächlich durchsetzbar ist. 23) Einige Autoren sind diesbezüglich pessimistisch.
Sie befürchten, dass die Globalisierung nicht nur erhebliche negative Auswirkungen
auf die sozialen Verhältnisse u. a. in Deutschland habe, sondern darüber hinaus die
Autonomie der Nationalstaaten über deren Wirtschafts- und Sozialpolitik unterminiere, so dass sozialpolitisch motivierte Umverteilungen von relativ Reichen zu relativ Armen im Zuge der Globalisierung immer schwieriger werden würden und auf
diesem Wege eine Kompensation der "Globalisierungs-Verlierer" kaum mehr möglich sei. M. a. W.: die wirtschaftlich fortgeschrittenen Gesellschaften wären in eine
"Globalisierungsfalle" hineinmanöveriert worden. Im Einzelnen sehen die Argumentationsschritte, mit denen diese These begründet wird, ungefähr so aus (vgl. Seeleib-Kaiser 1997, S. 89-91; Eekhoff 1998, S. 201 ff.): Lehnt man eine verstärkteindirekte Besteuerung etwa über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer (abgesehen vielleicht von höheren indirekten Steuern auf Luxusgüter) zur Finanzierung von Sozialleistungen wegen ihres regressiven Verteilungseffektes ab, müsse man auf direkte
Abgaben24) zurückgreifen. Das Problem einer direkten Belastung von Faktoreinkommen 'mit Abgaben bestehe jedoch darin, dass Eigentümer von Produktionsfaktoren, die mobil seien, sich der Belastung v. a. durch Abwanderung entziehen könnten. 25 ) Diese Option stehe insbesondere großen Teilen des Faktors Kapital offen.
Mobiles Kapital könne sich zum einen der Abgabenerhebung entziehen, indem Unternehmen ihre Gewinne nicht an den Standorten ausweisen würden, an denen sie
produzierten oder ihre Produkte absetzten, sondern an Betriebsstandorten mit geringer Abgabenbelastung (Eekhoff 1998, S. 201 f.). Wesentlich problematischer für
ein Land sei es, wenn Kapital sich auf dem zweiten möglichen Weg der Abgabenerhebung entziehe, auf dem Produktionsstandorte ins Ausland verlagert würden (was
wegen "versunkener Kosten" allerdings nicht kostenlos möglich ist) oder NeuInvestitionen im Ausland erfolgten. Wenn es im Zuge der Globalisierung zunehmend schwieriger werde, die Ausgaben des Staates, der Kommunen und der Sozial23) "Entscheidend ist nun die Frage, ob dieser wachsende Bedarf an sozialstaatlicher Absicherung auch finanziert werden kann, ob also die Steuerpolitik unter den Bedingungen der Globalisierung die für ein effizientes Sozialsystem erforderlichen Finanzmittellangfristig aufbringen wird. Dabei stellt sich das grundlegende Problem, dass mit der Globalisierung - vereinfachend formuliert - auch die internationale Mobilität der Globalisierungsgewinner zunimmt. Das erschwert den steuerlichen Zugriff auf jene, die wachsende Lasten staatlicher Sozialpolitik schultern könnten - es stellt sich das Problem des Steuerwettbewerbs." (Fuest 2000, S. 70).
24) "Abgaben" umfassen neben Steuern an die Gebietskörperschaften auch Sozialversicherungsbeiträge.
25) Dieses Problem stellt sich im HOS-Modell nicht, da es international immobile Produktionsfaktoren unterstellt.
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versicherungen über Zwangsabgaben auf Kapital zu finanzieren, und wenn diese
Ausgaben weder vermindert noch über Kredite, d. h. über wachsende Staatsschulden beglichen werden sollen, müsse die entstehende Finanzierungslücke durch eine
stärkere Abgabenbelastung der Einkommen aus abhängiger Arbeit geschlossen
werden. Fraglich sei zum einen, inwieweit auch Arbeitskräfte der Steuer- und Sozialversicherungsbeitragspflicht insbesondere durch Abwanderung in Staaten mit geringerer Abgabenbelastung der Arbeitseinkommen entkommen könnten oder wollten. Zum anderen: Würde es den Arbeitnehmern gelingen, eine Erhöhung der Abgaben durch entsprechende Nominallohnsteigerungen zu kompensieren, würde dies
cet. par. die Wettbewerbsposition im Inland ansässiger Betriebe auf den WeItgütermärkten verschlechtern und eine Betriebsverlagerung in ein Ausland mit geringerer
Kostenbelastung forcieren. Treffen diese Überlegungen zu, kann in der Tat als Fazit festgehalten werden, "dass die Globalisierung es den einzelnen Staaten schwerer
macht, in großem Umfang Mittel umzuverteilen". (Eekhoff 1998, S. 214) Das würde
aber eine Sozialpolitik, die über Armutssicherung auf niedrigem Niveau und daneben bloße Lebensstandardsicherung hinausgehen will, vor erhebliche Schwierigkeiten stellen.
ternehmensvermögen als Bemessungsgrundlagen) und damit nach dem Quellenlandprinzip. Das heißt, eine Besteuerung von Unternehmensgew'innen oder -substanz wird tatsächlich immer schwieriger, je leichter Kapital Grenzen passieren
kann. Die Mobilität von realem und erst recht von Finanzkapital ist ohne Zweifel in
den letzten beiden Jahrzehnten rasant gestiegen, wenngleich das Ausmaß der Realkapital mobilität durch so genannte versunkene Kosten bestehender Anlagen begrenzt wird und damit keineswegs vollkommen ist. Zu fragen ist jedoch, ob die Einbußen an Unternehmenssteuern nicht kompensiert werden können durch eine
höhere Besteuerung von Kapitaleinkommen im Rahmen der persönlichen Einkommenssteuer und damit am Wohnsitz des Kapitaleigentümers.
Fraglich ist aber erstens, ob die Kapitaleigentümer tatsächlich ihr Vermögen
und/oder ihre Kapitaleinkommen in einem Maße der Besteuerung entziehen können, dass sie praktisch zur Finanzierung von Sozialleistungen ausfallen. Und selbst
wenn dies zutrifft, ist zweitens zu prüfen, ob daraus tatsächlich folgt, dass Sozialpolitik im bisherigen Umfang nicht mehr bezahlbar ist.
Zunächst zur ersten Frage: M. E. leidet die oben skizzierte Argumentation darunter, dass die Fähigkeit, Kapitaleinkommen in Form von Zinsen, Dividenden oder
Unternehmensgewinnen oder die Kapitalsubstanz der nationalen Steuer zu entziehen, zu wenig differenziert dargestellt, wenn nicht überschätzt wird (vgl. zum Folgenden Fuest 2000, S. 70 ff.). Sie versäumt es nämlich, zu beachten, ob die Besteuerung nach dem Quellenland- oder nach dem Wohnlandprinzip erfolgt, und, falls
Letzteres zutrifft, ob die Kapitaleigentümer ihren Wohnsitz verlagern können oder
wollen. In diesem Zusammenhang muss begrifflich genau zwischen der Mobilität des
(Real- oder Finanz-)Kapitalseinerseits und der Mobilität der Kapitaleigentümer andererseits unterschieden werden, was ebenfalls in der Literatur oft unterlassen wird.
Eine wachsende Mobilität des Kapitals erschwert nämlich (von illegalen Steuerausweichreaktionen abgesehen) den Zugriff der nationalen Finanzämter auf Kapitaleinkommen und/oder -bestand v. a. dann, wenn die Besteuerung nach dem Quellenlandprinzip erfolgt. In diesem Fall kann der Kapitaleigentümer seine Kapitaleinkommen bzw. sein Vermögen der nationalen Steuer relativ leicht durch Investition
in ausländischen Staaten mit geringerer Besteuerung entziehen. Bei einer Besteue, rung nach dem Wohnlandprinzip müsste er dazu seinen Wohnsitz ins steuergünstige
Ausland verlegen, was ihm jedoch wahrscheinlich erheblich schwerer fallen würde
als eine bloße Verlagerung von Investitionen. Faktisch erfolgt die Besteuerung von
Kapital hauptsächlich zum einen im Rahmen der persönlichen Einkommenssteuer
und damit nach dem Wohnlandprinzip, zum anderen auf Unternehmensebene (mit
den Unternehmen als Steuerschuldnern und Unternehmensgewinnen und/oder Un922
Angenommen, die Besteuerung von Kapitaleinkommen am Wohnsitz sei tatsächlich
wegen schwer kontrollierbarer Ausweichreaktionen kaum durchführbar. Bedeutet
dies wirklich das Ende der Sozialpolitik, wie wir sie kennen? Die Suche nach Antworten auf diese Frage ist gleichbedeutend mit der Suche nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten. Konkret geht es darum, zu überprüfen, ob Sozialleistungen
im bisherigen Umfang auch über Umverteilung allein innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer bzw. allein über die Umverteilung von Einkommen aus (v. a. abhängiger) Arbeit erbracht werden können. 26) Deutschland weist ja nicht in allen arbeitsintensiven Produktionsbereichen komparative Kostennachteile auf, sondern speziell in solchen arbeitsintensiven Branchen, die allenfalls geringe Qualifikationsanforderungen an ihre Beschäftigten stellen. Nicht die gesamte Gruppe der Arbeitnehmer verliert im Globalisierungsproiess, sondern v. a. die Lohnabhängigen mit
geringen Qualifikationen, während die gut qualifizierten Arbeitnehmer neben den
Kapitaleigentümern zu den Gewinnern zählen. Das heißt, die durchschnittlichen
Reallöhne je Beschäftigter sinken keineswegs zwangsläufig, sondern können im Gegenteil zunehmen, wobei jedoch die Reallöhne hochqualifizierter Arbeitnehmer
überproportional steigen, diejenigen gering qualifizierter Arbeitnehmer fallen.
Wenn aber die Durchschnittsreallöhne in Folge der Globalisierung steigen, dann
kann diese in der Tat den Umverteilungsspielraum erhöhen, selbst wenn die Besteuerung von Kapitaleigentümern schwieriger wird. Nur würde die Globalisierung
dazu führen, dass sozialpolitisch motivierte Umverteilungen zunehmend innerhalb
der Gruppe der abhängig Beschäftigten stattfinden müssten,27)
4. Schluss
Beruflich relativ gering Qualifizierte gehören zu den besonders von Arbeitslosigkeit
und Armut betroffenen oder bedrohten Gruppen der Gesellschaft. Ein Grund dafür
ist die so genannte Globalisierung, wenn gleich niemand weiß, mit welchem Anteil
sie dafür verantwortlich ist bzw. mit welchen Anteilen andere Faktoren in Frage
kommen. Sicher ist auch, dass Einkommensumverteilungen zur Abfederung negati") Genau diesen Weg schlägt C. Chr. v. Weizsäcker vor (Weizsäcker 1999).
27) In der Tat sind die Finanzierungslasten des Sozialstaates in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich auf die
Arbeitnehmer verschoben worden, sei es über gestiegene Sozialversicherungsabgaben, über einen deutlich
gewachsenen Anteil der Lohnsteuer am gesamten Steueraufkommen, sei es über die Erhöhung indirekter
Steuern.
923
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
Reef, Grenzen der Wohlfahrtsgewinne durch internationale Arbeitsteilung ...
ver Globalisierungsfolgen bei offenen Grenzen für internationalen Kapitalverkehr
schwieriger werden, wenn vielleicht auch nicht unmöglich.
Fuest, Clemens (2000); Wird der Sozialstaat ein Opfer des Steuerwettbewerbs? , in:
Detlef Aufderheide/Martin Dabrowski (Hrsg.), Internationaler Wettbewerb nationale Sozialpolitik?, Berlin, S. 63-82
.
In diesem Aufsatz sind v. a. ökonomische Aspekte der Globalisierung betrachtet
worden. Diese Perspektive ist freilich nicht die einzig relevante. Beispielsweise hat
Fr. Ortmann (Ortmann 1997) vor einigen Jahren in dieser Zeitschrift aus einer anderen Warte die wichtige Frage aufgeworfen, ob die in Zeiten der Globalisierung
vielleicht mehr als zuvor benötigte Solidarität mit den weniger Begüterten überhaupt noch mobilisiert werden kann in einer Gesellschaft, in der nahezu alle Lebensbereiche vom Zweck-Mittel-Denken durchdrungen zu sein scheinen und in der
Menschen sich immer weniger als Angehörige einer bestimmten Gruppe mit bestimmten tradierten Normen und immer mehr als Individuen begreifen, die ihr eigenes Leben selbst entwerfen müssen (infolge der auch durch Globalisierung verschärften Konkurrenz um knappe lukrative Erwerbsmöglichkeiten) und (mit einem
System sozialer Sicherung im Rücken) können.
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verschiedenen Facetten, in: Juergen B. Donges/Andreas Freytag (Hrsg.), Die
Rolle des Staates in einer globalisierten Wirtschaft, Stuttgart, S. 9-36
924
Ohr, Renate (1999), Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft:
Zur Aussagefähigkeit ausgewählter Indikatoren, in: Hartmut Berg (Hrsg.), 010balisierung der Wirtschaft: Ursachen - Formen - Konsequenzen, Berlin, S. 51-68
Opielka, Michael (2002), Sozialpolitik und Globalisierung, in: Dietrich Lange/Karsten Fritz (Hrsg.), Soziale Fragen - Soziale Antworten, Neuwied/Kriftel
Ortmann, Friedrich (1997), Der Sozialstaat in der Globalisierungsfalle?, in: ZSR,
Jg. 43,S. 585-596
Rieger, ElmariStephan Leibfried (2001), Grundlagen der Globalisierung, Perspektiven des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt a. M.
Samuelson, Paul A. (1971), Der Ausgleich der Faktorpreise durch den internationalen Handel, in: Klaus Rose (Hrsg.), Theorie der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, KölnIBerlin (3. Aufl.), S. 69-90
Samuelson, Pillll A. (1971), Der internationale Faktorpreisausgleich - noch einmal,
in: Klaus Rose (Hrsg.), Theorie der internationalen Wirtschaftsbeziehungen,
KölnIBerlin (3. Aufl.), S. 91-105
Schumann, Jochen (2000), Sozialstaat und internationaler Steuerwettbewerb, Anmerkungen zum Beitrag von Clemens Fuest, in: Detlef Aufderheide/Martin
Dabrowski (Hrsg.), Internationaler Wettbewerb - nationale Sozialpolitik? Berlin,S.89-93
Seeleib-Kaiser, Martin (1997), Der Wohlfahrtsstaat in der Globalisierungsfalle, Eine
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Renzensionen
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Sinn, Hans Werner (2000), In der Zwickmühle. Die Globalisierung ist gut und gefährlich zugleich, in: Die Zeit vom 2. März 2000
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Wolfgang F.IPaul A. Samuelson (1971), Zollschutz und Reallöhne, in: Klaus
Rose (Hrsg.), Theorie der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, KölnIBerIin
(3. Aufl.), S. 413-431
Renzensionen
Formale Struktur der Analyse
Der ganz überwiegende Teil des Buches (Kapitel 2) befasst sich mit der Analyse des
Status quo in der Bundesrepublik Deutschland, wobei der Autor von den zum 1. J anuar 2002 geltenden Regelungen ausgeht. Dargestellt werden insgesamt drei wesentliche Bereiche, nämlich
•
Sozialabgaben und direkte Steuern
•
Kindbedingte Steuerfreibeträge und vorleistungsunabhängige Sozialleistungen
•
Förderung von Altersvorsorge, Wohneigentum und Vermögensbildung.
An diese Darstellung schließt sich eine vergleichende Gegenüberstellung der institutionellen Regelungen an sowie eine Analyse des Haushaltsnettoeinkommens und
der effektiven Grenzbelastungen für ausgewählte Familien- und Haushaltstypen.
REZENSIONEN
Brt/no Kaltenborn: Abgaben und Sozialtransfers in Deutschland. Rainer Hampp
Verlag, München und Mering, 2003.177 Seiten. € 22,80.
Mit dem Titel "Abgaben und Sozial transfers in Deutschland" spricht Bruno Kaltenborn einen Themenkomplex an, der in der öffentlichen Diskussion weit oben rangiert. Die Veröffentlichung ist ein Gutachten des Verfassers im Auftrag des Bundesministeriums für Finanzen, das unter dem Titel "Abgaben und Sozialtransfers in
Deutschland - eine empirische Analyse ihrer Wechselbeziehungen im Hinblick auf
verteilungspolitische Effizienz und Arbeitsanreize" erstellt wurde.
Die ausstehende Reform des deutschen Steuer-Transfer-Systems wird zwar von der
überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als notwendig erachtet, weniger klar ist
jedoch, wie im Einzelnen die unterschiedlichen Personen und -gruppen hiervon betroffen sein werden. Der Grund hierfür liegt in der sehr komplexen Struktur, die zwischen direkten Steuern, Abgaben und Sozialtransfers besteht. Um eine Abschätzung
der Wirkungen alternativer Reformszenarien so realitätsnah wie möglich zu erreichen, ist es zunächst erforderlich, die wichtigsten Komponenten des Steuer-Transfer-Systems zu erörtern und aufzuzeigen, in welchen Abhängigkeiten - qualitativ
und quantitativ - die einzelnen Komponenten zueinander stehen.
Nachdem die wesentlichen Komponenten des Systems dargestellt und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten erörtert wurden, schätzt Kaltenborn die Konsequenzen
verschiedener Reformszenarien auf den Fiskus, die Erwerbsneigung und die Einkommensverteilung ab. Als Datengrundlage hierfür dient das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (mW) erstellte Sozio-ökonomische Panel (SOEP) mit
den Wellen von 1986 bis 1999 für Westdeutschland und von 1991 bis 1999 für Ostdeutschland.
926
Der zweite Teil der Analyse (Kapitel 3) führt eine Sensitivitätsanalyse für ausgewählte Parameter des Steuer-Transfer-Systems durch und schätzt ihre Wirkungen
auf den Fiskus, die Erwerbsneigung und die Einkommensverteilung ab. Die
Reformoptionen werden relativ knapp, aber gleichwohl ausreichend, im vierten Kapitel diskutiert. Abschließend findet im fünften Kapitel eine Bewertung der Reformszenarien statt.
Alle technischen Details und Schätzergebnisse sowie die Beschreibung des Datensatzes finden sich im Anhang "Methodik der empirischen Analyse". Diese Vorgehensweise erlaubt es auch dem ökonometrisch weniger interessierten Leser die wesentlichen Inhalte des Buches "in einem Guss" durchzulesen. Personen, die zusätzlich an methodischen Fragestellungen interessiert sind, werden auf die entsprechenden Teile des Anhangs verwiesen.
Insgesamt enthält das Buch von Kaltenborn 25 Tabellen im Textteil und weitere 13
Tabellen im Anhang; ferner enthält das Buch 24 Abbildungen, die zur Verdeutlichung der Materie dienen. Einen Überblick über die wesentlichen Inhalte und
Schlussfolgerungen des Buches liefert eine etwas über achtseitige Kurzfassung, die
dem ersten Kapitel vorangestellt ist.
Sensitivitätsanalyse ausgewählter Parameter
Die zentrale Fragestellung Kaltenborns ist: Kann durch materielle Anreize im Rahmen des bestehenden Steuer-Transfer-Systems die Erwerbsneigung verbessert werden? Da die Beantwortung dieser Frage aufgrund der Ausgestaltung des deutschen
Steuer-Transfer-Systems nicht eindeutig möglich ist, führt Kaltenborn verschiedene
Sensitivitätsanalysen durch, die Aufschluss liefern sollen, wie eine Veränderung von
ausgewählten Parametern sich auf die Erwerbsneigung auswirkt, welche fiskalischen
Kosten mit der Maßnahme verbunden sind und wie sich die Verteilung von Be- und
Entlastungen nach Einkommensklassen untergliedert verändert.
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Seele and Geist
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