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1 Gymnasiasten in Auschwitz Von Eberhard Herr (Weimar) Was ist

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Rosa-Luxemburg-Stiftung –Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung - Seminarmaterialien
Gymnasiasten in Auschwitz
Von Eberhard Herr (Weimar)
Was ist da schon besonderes daran? Eigentlich gar nichts, denn dorthin fahren jährlich viele
Menschen, darunter natürlich auch deutsche Gymnasiasten. Aber mit denen, über die ich
schreibe, hat es doch etwas besonderes.
Es sind solche aus zwei Schulen, eine aus dem Osten und eine aus dem Westen. Mit der
Wende 1989, die manches veränderte, entstanden auch intensivere Ost-West-Beziehungen auf
so manchen Ebenen. Erste Kontakte kamen 1989 zwischen der damaligen EOS „Geschwister
Scholl“ in Apolda und dem „Friedrich-Ebert-Gymnasium“ in Mühlheim/Main zustande.
Die jungen Leute von hüben und drüben hatten es offensichtlich einfacher miteinander zu
kommunizieren als manche andere, die sich auch heute, nach 12 Jahren deutscher Einheit,
noch schwer tun. Schnell war man sich einig: „Machen wir was gemeinsam.“
So waren die Projektwochen in Auschwitz ins Leben getreten und heute, 12 Jahre danach,
gibt es sie immer noch.
Natürlich geht so etwas nicht ohne Lehrer, denn es trafen sich zwei Gleichgesinnte. HansDieter Riel aus Apolda und Jürgen Bartholome aus Mühlheim, die das Ganze in die Hand
nahmen. Die Projektwochen fanden nun jährlich immer im September statt, jeweils 15 aus
Apolda und 15 aus Mühlheim und so sind schon fast 400 Gymnasiasten in Auschwitz
gewesen. Sie erlebten nun hautnah einen Teil der Vergangenheit ihres Volkes, der zu den
wohl schlimmsten Auswüchsen faschistischer Machtbesessenheit zählt, nämlich das
Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Unter „Vernichten“ stellt man sich gewöhnlich vor,
wenn etwas zerstört wird, meistens sind es materielle Dinge oder Gegenstände. Aber die
Faschisten in Gestalt der SS, der Gestapo, des SD vernichteten hier mehr als 2 Millionen
Menschenleben. Erst ins Gas, dann ins Krematorium und übrig blieb nur Asche. Es war eine
perfekt ausgearbeitete und funktionierende Maschinerie und damit wurden die 16 - 18jährigen
Gymnasiasten das erste Mal in ihrem Leben direkt konfrontiert. Die Reaktionen waren und
sind vielfältig. Eine Erfahrung von Besuchen in Auschwitz-Birkenau besagt, daß man als
junger Mensch das erste Mal besser in einer Gruppe damit konfrontiert wird. Später kann man
auch mal allein gehen und das auf sich wirken lassen. Deshalb werden die Schüler zunächst
durch ehemalige Häftlinge geführt und betreut. Sie entscheiden sich dann für die Arbeit in
Gruppen wie Foto und Video, Literatur, Frauen im Lager, Musik, Kunst, Theater,
Archivarbeit u.a. So haben sie die Möglichkeit, ihre Eindrücke zu verarbeiten und eigene
Sichtweisen auszudrücken. Es ist schon erstaunlich, wieviel Talent und Kreativität sich dabei
im Verlauf der 12 Jahre offenbaren. Neben der deutsch-deutschen ist da ja auch noch die
Zusammenarbeit mit Gymnasiasten eines polnischen Lyzeums in Auschwitz. Diese helfen
ihren deutschen Freunden dabei, Land und Leute kennenzulernen und vor allem die Stadt zu
durchstreifen. Dazu gehören auch der Aufenthalt in polnischen Familien und gemeinsame
Ausflüge z. B. nach Krakau und zu anderen Sehenswürdigkeiten.
Es entstand Lyrik und Prosa, es wurde fotografiert, gemalt und gezeichnet, gedichtet und
getextet und vor allem viel diskutiert. Viele haben ihre Gedanken einem Tagebuch anvertraut.
Ab 1994 bestand auch die Möglichkeit, vieles in den Computer einzugeben. Manchmal
wurden richtige Dispute geführt. Daraus wurden dann ab 1996 die Computertagebücher, eine
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wahre Fundgrube und man erschloß sie. Es entstand u.a. von 1990 - 92 ein Triptychon über
den Faschismus, entworfen und angeregt von Karlheinz Glock, dem 1992 verstorbenen
Jugendpfleger aus Mühlheim. Der Kulturpreis der Stadt Mühlheim war der Lohn dafür.
Schüler des Staatlichen Gymnasiums Bergschule Apolda gestalteten nach Peter Weiß „Die
Ermittlung“ ein Theaterstück über die Auschwitzprozesse 1963. Es wurde 1994 aufgeführt.
Das Thüringer Kultusministerium zeichnete die Projektgruppe 1997 für ihre sehr gut
gelungene Präsentation über Auschwitz mit dem „Thüringer Schülerfriedenspreis“ aus.
Im Regionalwettbewerb „Jugendengagement“, den das Regierungspräsidium von Darmstadt
ausschrieb, errangen die Auschwitzfahrer einen der drei Preise.
Ein besonderer Höhepunkt war die Einladung zum Symposium. „Deutsche Einheit“. 1998
durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Die Apoldaer und Mühlheimer
Teilnehmer daran kehrten mit guten Ideen und Anregungen an ihre Schulen zurück. Nicht
weit von Apolda befindet sich das ehemaliger faschistische KZ Buchenwald. Auch an diesem
Ort fand jährlich seit 1998 eine Projektwoche statt. Besonders das tragische Schicksal des
aufrechten Antifaschisten und Theologen Pfarrer Paul Schneider hat die Schüler aus Apolda
angeregt, ein Theaterstück darüber zu schreiben. Unterstützung erhielten sie von Pädagogen,
von der Gedenkstätte Buchenwald und von Dramaturgen des Deutschen Nationaltheaters
Weimar. In etwa 80 Minuten agierten 18 Schüler und stellten in Szenen die Situation im KZ
Buchenwald bis zum Tod von Pfarrer Schneider 1939 dar. Dieses Theaterstück hatte
beachtliche Erfolge. Es fanden insgesamt 19 Aufführungen in mehreren Bundesländern statt.
Besonders ergreifend war der Auftritt in Hochelheim, einer Wirkungsstätte von Pfarrer Paul
Schneider
Auf Einladung von Familie Fischer und Herrn Schneider, dem Sohn von Paul Schneider,
wurde „Bewegte Geschichte“ in der voll besetzten Stadtkirche Stuttgart Vaihingen mit
großem Erfolgt aufgeführt.. Man hatte 1994 erstmals einen Computer nebst Drucker mit nach
Auschwitz genommen. In den folgenden Jahren waren es dann immer 2. Daran zu arbeiten,
Dispute zu führen oder nur einfach lyrische Gedanken oder Prosa einzugeben, erfreute sich
immer größerer Beliebtheit. Alles, was in so einer Projektwoche eingegeben wurde, bestand
nun nach der Rückkehr zu Haus in Apolda und in Mühlheim als Computertagebuch.
Besonders die aus den Jahren 1997 - 1999 sind sehr umfangreich und inhaltlich gut geworden.
1999 kamen diese Computertagebücher ausgerechnet in die Hände einer Werkstatt
schreibender SeniorInnen. Die Werkstattmitglieder, nachdem sie das alles gelesen hatten,
waren echt begeistert davon, machten Vorschläge für Veröffentlichungen und beauftragten
ihren Leiter, das in die Hand zu nehmen. Seitdem ist einiges geschehen.
Als erstes wurde eine Zusammenstellung von Lyrikbeiträgen gemacht. Sie erschien als
kleines Lyrikbändchen mit dem Titel „Lyrik der Nachgeborenen“. Der Ehrenpräsident des
Internationalen Auschwitzkomitees, Kurt Julius Goldstein, hat in diesem Lyrikbändchen
einen menschlich bewegenden Nachsatz veröffentlicht und den jungen Leuten gedankt für das
Engagement für die Menschlichkeit. Die Lyrikbändchen wurden in Apolda und Mühlheim
verkauft. Nun ist ein zweites Bändchen mit Lyrik in Vorbereitung.
Ein Prosaband und eine Fotodokumentation sind ebenfalls in Aussicht genommen. Eine
Schülergruppe aus einer 9. Klasse begann im Oktober 2000 mit der Produktion eines
30minütigen Features „Dort ist nur Asche“. Es wurde gemeinsam mit der Thüringer
Landesmedienanstalt gestaltet und mehrfach gesendet. Die Schülergruppe hat das Feature
auch als Lesung in Veranstaltungen vorgetragen.
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Die gleiche Gruppe arbeitet nun an einem Hörspiel. Es heißt „Die Flucht“ und stellt die
bravouröse und tollkühne Flucht von vier politischen Häftlingen aus dem TWL
(Truppenwirtschaftslager), unweit vom Stammlager Auschwitz, dar.
Die vier, welche im TWL in den Magazinen und in der Garage arbeiteten, kannten sich
bestens aus in der Örtlichkeit. Mit Nachschlüsseln verschafften sie sich Zugang zum
Kleidermagazin, und in der Waffenkammer staffierten sie sich als SS-Angehörige aus, einer
trug sogar die Uniform eines Obersturmführers, also eines Oberleutnants. Den vierten
Häftling führten sie als Tarnung für eine Überführung mit. Aus der Garage „besorgten“ sie
sich ein Auto Typ „Steyr 220“ und überwanden tatsächlich mit einen „echten“ Passierschein
den SS-Kontrollpunkt. Alle vier konnten sich nach Warschau durchschlagen und drei
überlebten den 2. Weltkrieg.
Diese Thematik wird gegenwärtig gestaltet mit Unterstützung des OKJ (Offener Kanal Jena).
Ziel ist, das Hörspiel am 27. Jan., dem Befreiungstag des KZ Auschwitz durch die
Sowjetarmee, zu senden. Seit einigen Jahren wird immer zum 27. Januar von den
Teilnehmern der Projektwoche des abgelaufenen Jahres ein öffentliches Programm gestaltet.
Hier fließen die Ideen und Vorstellungen der Schüler ein und werden in szenische
Gestaltungen, mit Musik, Film und Video, umgesetzt.
Das Programm wird gemeinsam vorbereitet und sowohl in Apolda als auch in Mühlheim
aufgeführt. Am 27. Jan. 2002 nahm in Apolda auch der Vizepräsident des Internationalen
Auschwitz-Komitees, der ehemalige Auschwitzhäftling Kazimierz Smolen´ teil, der auch eine
Ansprache hielt. Er war fast 30 Jahre Direktor der Gedenkstätte Auschwitz und des Museums.
Mit den Apoldaern und Mühlheimern verbindet ihn eine langjährige Freundschaft und da er
gut deutsch spricht, führt er die Gruppen während der Projektwochen. Nun hat der Landrat
des Landkreises Weimar-Land die Projektgruppe von Sept. 2002 gebeten, wiederum ein
Programm für die zentrale Veranstaltung des Landkreises anläßlich des 27. Januar 2003 in
Apolda vorzubereiten und aufzuführen. Daran arbeiten nun die Auschwitzfahrer aus beiden
Schulen. Es ist natürlich so, daß nicht alle Teilnehmer an den Projektwochen gleich ihre
Gefühle und Denkweisen offenbaren. Manche vertrauen sich nur ihrem Tagebuch an. Aber
das Mitglied der Gruppe Literatur Carsten Albrecht schreibt am dritten Tag folgende Zeilen
für alle lesbar im Computer:
„Gefühle zeigen, was ist das?
Sie wirklich zeigen, wer macht das?
Sagen, was ich fühle,
fühlen, was ich sage,
sagen, was ich denke.
Denken, Fühlen, Sagen.
Wer will das schon?
Die Nazis fühlten, was keiner kann. Oder?
Sie stellten das Unfaßbare auf die Beine.
Holten ihre Opfer von den Beinen. Wofür?
Kann ich den Tod meines Opfers fühlen?
Kann ich die Kälte meiner Peiniger fühlen?
Die Nazis machten das Unfühlbare.
Das Schlimmste, manche tun es noch.
Andere tun es auch so wie er.
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„Als ich das erste Mal in Auschwitz und Birkenau war“, so schreibt Mandy Schaffner, damals
Schülerin, heute Studentin, „hat man uns vorher gefragt: ‘Kennst du Oswiecim?’ Darauf
antworteten wir mit ‘Nein’. Danach haben wir mit ‘Ja’ geantwortet, denn nun kannten wir
auch die Stadt. Wir waren ja auch nicht auf Klassen- oder zu einer Vergnügungsfahrt da, nein
wir waren wegen unserer deutschen Vergangenheit im 20. Jahrhundert dort. Hier in
Auschwitz, diesen Namen gaben ihr übrigens die deutschen Besatzer wieder und machten
daraus einen Ort des Grauens und des Schreckens; hier in Auschwitz kannst du Schrecken
und Enttäuschung miterleben, das ist nicht alles so wie du es dir vielleicht vorstellst. Die
Stadt selbst ist ganz ordentlich, aber an ihrem Rande, da lernst du die eigentliche Wirklichkeit
1940 - 1943 im ehemaligen KZ Auschwitz und noch schlimmer, einige Kilometer weiter in
Birkenau in aller Brutalität kennen. Denn erst wenn du die Zahlen und die Hintergründe
kennst, wird es um so unvorstellbarer und schrecklicher werden. Erst durch eine Reise dorthin
wirst du lernen, was Auschwitz im 3. Reich wirklich war.“
Dem großen Engagement der Pädagogen aus Apolda und Mühlheim sowie vielen
ehrenamtlichen Mitarbeitern ist es zu verdanken, daß die Projektwochen in Auschwitz bisher
eine beachtliche Ausstrahlungskraft, über die 12 Jahre, hatten. Wünschen wir den Akteuren
Kraft für weitere Jahre.
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