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Bruno Murer vermisst, was wir sehen

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Mittwoch, 15. Juli 2009 / Nr. 161
K U LT U R 9
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Ausstellung
Bruno Murer vermisst, was wir sehen
Das Sehen ist Medium und
Thema in der Kunst des
Luzerners Bruno Murer. Eine
Ausstellung lässt seine
Erforschung von Leben und
Welt nachverfolgen.
VON URS BUGMANN
Erst waren es kleine, handliche Notizbücher, die in einer Jackentasche leicht
Platz fanden: Bruno Murer zeichnet seit
30 Jahren seine Beobachtungen in bis
heute über 100 «Feldbüchern» auf.
Heute sind es grossformatige Arbeitsbücher, an denen der Künstler in seinem Atelier in Kriens sitzt. In diese
klebt er gelegentlich Skizzen von unterwegs ein, notiert Gedankengänge oder
fügt auch einmal die Reproduktion
eines Gemäldes ein, wie beispielsweise
Max Pechsteins «Zurückgekehrte Kähne», die sich im Feldbuch 88 von 2006
finden.
Ein Forschungsinstrument
Dieses Bild des Brücke-Malers wird
Bruno Murer zum Ausgangspunkt einer
Paraphrase, die sich mit den Grenzen
zwischen Himmel, Wasser und Strand
auseinandersetzt und das Erlebnis des
Sehens als malerisches Ereignis, als ein
Aufbäumen und Abgrenzen von Farben
zu fassen versucht.
Die Feldbücher knüpfen an Bruno
Murers vormaligen Beruf als Vermessungsingenieur und Raumplaner an.
Sie sind Arbeitsbücher, die anders als
Skizzenbücher nicht Vorstufen von Gemälden und Werken enthalten, sondern eine Art Forschungsinstrument
darstellen, mit dem der Künstler seine
Kunst fortentwickelt.
Die Ausstellung in der Graphischen
Sammlung der ETH in Zürich zeigt die
Einzelblätter des 2001 zur Faksimilierung auseinandergetrennten Feldbuchs
59 als Fries an den Wänden und in den
Vitrinen eine Auswahl aufgeschlagener
weiterer Feldbücher, die nach Themen
gruppiert sind: «Luft – Boden», «Sich
sehen», «Vorbilder – Prägungen», «Tiersicht», «Why not America», «Körpergrenze – Todesnähe».
meint er. «Man kann ja nur weiterarbeiten, wenn man alles vergisst und sich
vom einmal Gefundenen wieder löst.»
Nicht nur das Sehen sieht Bruno
Murer in seinen Feldbüchern befragt
und zum Thema seiner Erkundungen
gemacht. Dieses Sehen sucht er an
seinen Ursprung zurückzuführen, dorthin, wie es im Organ der Wahrnehmung,
im Auge, das Bild entstehen lässt.
Verblüffende Lösungen
«Es wären auch ganz andere Schwerpunkte, Themen und Variationen denkbar gewesen», sagt Bruno Murer. Die
Auswahl besorgte Michael Matile, Konservator der Graphischen Sammlung der
ETH. «Er hat verblüffende Lösungen
gefunden und mich mit meiner eigenen
Arbeit überrascht», erklärt der Künstler,
«ich bin in der Ausstellung selber ins
Staunen gekommen.» Ihm selbst wäre
die Auswahl gar nicht möglich gewesen,
Zeitliche Dimension
Dieses Zurückführen setzt der Künstler überall dort ins Werk, wo Sehen sich
ereignet, sei es in einem Stollen der
Neat-Baustelle, sei es während eines
Flugs über den Atlantik oder in den
Strassen Manhattans, die Bruno Murer
während eines Stipendiatenaufenthalts
in New York erkundete. An diesem
Zurückführen enthüllt sich die zeitliche
Dimension des Sehens und Wahrnehmens.
NACHRICHTEN
Vatikan lobt
Harry-Potter-Film
Rom – Gute Noten für den jüngsten
Harry-Potter-Film aus dem Vatikan:
«Harry Potter und der Halbblutprinz» mache den alten Kampf zwischen Gut und Böse deutlich,
schrieb der «L’Osservatore Romano»
in einer Kritik. Selbst die Liebesgeschichten zwischen den Internatsschülern in Hogwarts kommen bei
der katholischen Kirche gut weg.
Der Film habe hier «die richtige
Balance» gefunden, hiess es. Er sei
die bislang beste Umsetzung der
Bücher von J. K. Rowling über ihren
Zauberlehrling. (ap)
Wagner-Festspiele
von Streik bedroht
Bayreuth – ap. Erstmals in ihrer
Geschichte sind die Wagner-Festspiele in Bayreuth von einem Streik
bedroht. Elf Tage vor der für 25. Juli
angesetzten Eröffnung des Opernspektakels unterbrachen die Gewerkschaft ver.di und die Festspielleitung ihre Tarifverhandlungen ergebnislos. Falls keine Einigung erzielt wird, droht die Gewerkschaft
mit Streik. Der Sprecher der Festspiele, Peter Emmerich, betont dagegen, dass die Premiere auf jeden
Fall stattfinden wird. (ap)
Arbeitsbücher, in denen der Künstler seine Kunst fortentwickelt: Bruno Murer mit einem seiner Feldbücher im Atelier in Kriens.
Die Zeit ist neben dem Sehen das Gangvitrinen der Graphischen Sammzweite Kernthema in Bruno Murers lung hängen. Ihre Ausdehnung fasst ein
Arbeit, das diese Ausstellung im ETH- längeres Zeitkontinuum im simultanen
Hauptgebäude in Zürich eindrücklich Zugleich, lässt sich aber nicht auf einvor Augen führt. Nicht allein stellen die mal erfassen und verlangt vom Betrachgezeigten Feldbücher ein Konzentrat ter sein eigenes Mass an Zeit und
Wahrnehmung.
von 30 Jahren künstDiese
Zürcher
lerischer Arbeit dar.
«Ich bin in der Ausstellung
Ausstellung des 1949
Jedes einzelne Blatt,
in Beckenried gedas oft in kurzer Zeit
selber ins Staunen
borenen, heute in
entstanden ist und
gekommen.»
Kriens lebenden und
doch wie im ZeitrafBRUNO MURER
arbeitenden Künstfer eine lange Zeit
lers erlaubt einen gedes Erlebens, Sehens
und Reflektierens in sich fasst, er- nauen und aufschlussreichen Blick mitschliesst mehrere Ebenen und Dimen- ten hinein in ein Schaffen, das, indem
es das Sehen zum Zielpunkt seines
sionen von Zeit.
Fragens macht, Auskunft darüber
sucht, wie der Mensch sich in seiner
Das eigene Mass
Das machen auch die beiden neun Welt verortet, wo er sich und was er in
und viereinhalb Meter langen, auf Pack- seiner Umgebung vorfindet, wie sich
papier gedruckten Holzschnitte «Flug ihm im Sehen, Denken und Gestalten
über den Atlantik» deutlich, die in den die Welt erschliesst.
BILD ROGER GRÜTTER
EXPRESS
Die Graphische Sammlung
der ETH Zürich zeigt Bruno
Murers (60) «Feldbücher».
Der Luzerner Künstler
entwickelt darin seine
Themen und Formen.
HINWEIS
Graphische Sammlung der ETH. Hauptgebäude,
E52, Rämistrasse 101, Zürich. Bis 28. August.
Mo–Fr 10–17 Uhr, Mi 10–19 Uhr.
Katalog: Bruno Murer. Feldbücher. Mit einem Text
von Michael Matile, 80 Seiten, Fr. 20.–.
www.graphischesammlung.ch
Als Faksimile liegt im Verlag Martin Wallimann,
Alpnach, das Feldbuch Nr. 59 vor (205 Seiten,
Fr. 88.– ).
Peter Handke
Als Autor so betörend wie verstörend
Schriftsteller Peter Handke
(66) reiste erneut nach Serbien. Das Buch «Die Kuckucke von Velika Hoca» ist das
fragwürdige Ergebnis.
lingsstimmung um Velika Hoca. Das
sind kreative Wortgebilde wie «Blauwolke» für Schmetterlingsschwärme;
man hört «Turteltaubentuten» oder
«Unheimlichkeitslaute», schaut ins
«Blauen» des Himmels. Erfährt vom
«Kuckuckswelttreffen oder -konzil»
beim Serbendorf.
Eine Idylle? Nein. Die Kuckucksrufe
erklingen in einer geisterhaften Stille.
Es fehlen die Arbeitsgeräusche von
Menschen. Genau wie im albanischen
Nachbardorf. Alle sind verarmt, kriegsversehrt. Und die Kontakte bleiben
gestört zwischen den Volksgruppen.
Wie betörend dieser Peter Handke
schreiben kann! Aus unscheinbaren Zuständen in Natur und Menschen-Beziehungen holt er poetische Valeurs heraus wie nur je ein Romantiker. Und wie
töricht schreibt derselbe Handke, wenn
es um «seine» Serben geht! Ihnen ist
offenbar im unseligen Kosovo-Krieg
grösstes Unrecht zugefügt worden. Die
westliche Presse hat dies laut Handke
stets geleugnet. So wiederholt er es seit
seiner ersten Parteinahmen in «Eine
winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder
Gerechtigkeit für Serbien» von 1996.
Eine Reise im Mai
Im neuesten Buch «Die Kuckucke von
Velika Hoca» findet sich beides, poetisch Betörendes und politisch Törichtes. Handke schildert hier eine Mai-Reise 2008 ins Dorf Velika Hoca – serbische Enklave im albanischen Kosovo.
Ursprünglich wollte er handfeste Interviews machen. Bald lässt er Stift und
Der österreichische Autor Peter Handke
nimmt Partei für die Serben.
REUTERS
Papier sinken und «seine» Serben einfach reden. Nennt das Kuckucksbuch
deshalb «Eine Nachschrift».
Das Betörende – das ist die von
Handke hinreissend geschilderte Früh-
Parteilichkeit ist Programm
Handke seinerseits wendet sich parteiisch nur «seinen» Serben zu. Die
Porträts etwa des Dorfpopen Milenko,
seiner Frau Rada und anderer zeichnet
er voller Empathie. Gern nimmt man
teil am Leben dieser Dörfler. Zumal der
Autor sie liebevoll in ihren kleinen
Macken schildert und dabei durchaus
auch mal Distanz hält, was er mit
Humor und Ironie erreicht.
Aber wie hält Handke es mit den
Albanern? Einmal geht er ins (warum?)
namenlose albanische Nachbardorf
von Velika Hoca. Er trifft dort eine alte
Frau, die schockverstummt mit Augen
voller Angst und Grauen auf ihn starrt –
und kehrt wieder um. Flieht. Kneift? Mit
den Serben jedenfalls leckt er solidarisch die Wunden des Krieges.
Das Recht der Wörter
Vor westeuropäischen Journalisten
kneift Handke jedoch keineswegs. Gnadenlos zieht er etwa über eine Reporterin des «Spiegel» her, unterstellt ihr
blinde Parteinahme für die Kosovo-Albaner – seinerseits schlägt er sich verblendet auf die Serben-Seite.
Und dies alles innerhalb eines
Sprachgestus, der immer wieder behutsam die eigenen Beobachtungen hinterfragt – wenn es um die Natur oder
Dinge geht! Eben: betörend. Nicht in
den törichten politischen Verlautbarungen, sondern in Handkes Sprache
selbst jedoch scheint sich eine leise
Wandlung anzudeuten. Der Sprachartist hält auffällig oft serbischen Wörtern
die entsprechenden albanischen entgegen: Gerechtigkeit im Verbalen. «Kuckucke» heisst serbisch «kukavice», albanisch «quyque».
Ob Peter Handke weiss, dass viele
Volksmythen den Kuckuck mit Tod und
Teufel assoziieren?
HEIKO STRECH
HINWEIS
Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoca.
Eine Nachschrift. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am
Main 2009. 99 Seiten, Fr. 27.50.
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Seele and Geist
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