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Kapuzinerorden in Deutschland »Jetzt weiß ich, was ich will

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Employer Branding
Kapuzinerorden in Deutschland
»Jetzt weiß ich, was ich will!«: Erfahrungen
mit der Weckung von Ordensberufungen
Terwitte, Bruder Paulus
Ein Mann betritt einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Hastig fragte er
ihn: »Was verkaufen Sie hier?« Der Engel antwortete freundlich: »Alles, was Sie
wollen.« Der Mann begann aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller
Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft,
Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen,
mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche, eine bessere Welt für alle, mehr
Frieden, freundlichere Mitmenschen, eine gerechtere Verteilung der Güter dieser
Welt, folgsamere Kinder, mehr Verständnis für Jugendliche bei den Erwachsenen, mehr Menschlichkeit und ... und ...«
Da fällt ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen nur den Samen.«
1
Wir können nicht für Nachwuchs werben
Wie können die Kapuziner attraktiver werden für junge Männer? Über diese
Frage haben wir lange nachgedacht. Dann aber ist uns etwas aufgegangen. Wir
können, das lehren schon die Gesetze der Kommunikation, nicht dafür sorgen,
dass uns junge Menschen als Institution attraktiv finden. Was wir auch zeigen,
kann von ihnen genau anders verstanden werden. Wir zeigen unsere Klöster – sie
sehen Reichtum. Wir zeigen unser Ordensgewand – sie denken an »Der Name
der Rose«. Wir zeigen einen Bruder im Sprechzimmer – sie denken an Gehirnwäsche. Wir zeigen einen Bruder in Indonesien – sie denken an Manipulation
fremder Kulturen. Wir zeigen einen Bruder, der in einer Rockband spielt – sie
denken, wir seien total angepasst am Zeitgeist. Wie wir uns auch zeigen – wir
können nicht ihre Gefühle oder Gedanken steuern. Alles, was wir von uns zeigen, werden sie auf ihre Weise interpretieren. Generell sind alle Kommunikationsvorgänge in dieser Hinsicht von dieser grundsätzlichen Ohnmacht geprägt.
Und die Bemühungen zur Weckung von Ordensberufungen allemal. Und das ist
auch gut so.
Denn als Ordensmann zu leben ist ja nicht nur ein Beruf. Es ist eine Berufung, eine
Passion. Sie schlummert im Herzen von etwa 150 jungen Männern in Deutschland. Sie zu finden und ihnen zu sagen, dass sie, genau sie, aufhören sollen, sich
alles Mögliche vorzustellen, was sie werden sollen, ist unsere Leidenschaft geworden. Deswegen gehen wir nicht mehr den Weg, zu zeigen, was man bei uns alles
machen kann, haben kann oder werden kann. Wir werben nicht mehr für unsere
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Erfahrungen mit der Weckung von Ordensberufungen
Lebensform, sondern suchen Männer, in denen das gleiche Feuer brennt wie in
uns. Und denen, würden sie uns finden, ein ganzer Christbaum aufgehen würde
über den Sinn ihres Lebens. Wir suchen keine Männer, die sich für sich etwas ausrechnen, sondern solche, mit denen Gott und die Menschen rechnen können, weil
sie selbst mit Gott und uns Brüdern allein zu rechnen bereit sind.
Es geht in diesem Artikel um einen speziellen Ansatz des Findens von Ordensnachwuchs. Seit 2006 hat der Kapuzinerorden in Deutschland sich auf dieses Finden ganz neu eingestellt. Ich wurde für diese Aufgabe freigestellt. In diesem Artikel
möchte ich Grundüberlegungen, die mich leiten, darstellen. Meine Erfahrungen
mit Rundfunk und Fernsehen fließen mit ein. Über den Relaunch unseres Informationsmaterials werde ich sprechen. Kernstück dieser Neuorientierung ist eine
Veranstaltungsreihe für Einsteiger, der weitere differenzierte Angebote folgen. Sie
werden erfahren, wie wir auf der Suche nach Nachwuchs selbst gelernt haben.
2
Wer Nachwuchs sucht, zweifelt mehr. Und findet mehr.
Ein Mönch ist kein Mönch, und im Kloster steht keine Brauerei: Es gibt viele
Hindernisse im Kopf auf dem Weg zum Ordensleben. Deswegen haben wir Kapuziner, ein katholischer Orden, unsere Nachwuchswerbung umgestellt. Wir
machten uns dabei erst einmal selbst auf den Weg. Gar nicht so einfach für alle.
Mittlerweile haben schon viele der Brüder eingesehen, dass junge Männer an uns
wenig erkennen können, was denn so faszinierend sein soll an unserer Lebensweise. Die Meisten bleiben beim Nicht-heiraten-dürfen hängen. Andere meinen,
bei uns müsste man den Verstand an der Garderobe abgeben.
Es ist gar nicht so einfach, nach innen hin für solche einseitigen Fremdwahrnehmungen zu sensibilisieren. Wir müssen wissen, für was wir gehalten werden. Erst
dann werden wir auch miteinander sprechen, warum das so ist und was wir vielleicht daran ändern müssen.
Ich gehe dazu die einzelnen Gemeinschaften besuchen. Das ist der schwerste Teil
meiner Arbeit. Ich höre dann, dass manche Brüder klagen, der Nachwuchsmangel sei eine Folge des gesellschaftlichen Wandels, was immer das sein soll. Andere
sind selbst nicht mehr davon überzeugt, was ihr Leben als Ordensmänner angeht. Ich muss als Beauftragter für den Ordensnachwuchs in den eigenen Reihen
das Feuer entdecken helfen, das uns verbindet. Es geht uns um Liebe. Und die
kann bekanntlich erkalten.
Die Arbeit, Nachwuchs zu suchen, stellt mich selbst ganz ordentlich in Frage.
Mittlerweile habe ich es für mich wieder klar: Ich finde es höchst attraktiv, was
wir wollen. Es geht um ein spirituell erfülltes Leben, um eine Gemeinschaft, in
der es jeden Tag um Brüderlichkeit geht und nicht um persönlichen Gewinn, um
Einsatzmöglichkeiten zur Verbesserung der Welt. Die Palette reicht von der Fürsorge in der Armenküche bis zum Fondsmanagement für Projekte des gerechten
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Employer Branding
Welthandels. Es geht, und das ist besonders schwer zu vermitteln, eben nicht um
die Frage: Was bringt es mir?, sondern tatsächlich um Gott. Und dass dieser Gott
für seine Welt Menschen braucht, die auf Besitz, Familie und Eigenwilligkeit verzichten, damit es zu gemeinsamen Projekten Gottes kommen kann.
3
Die Kernidee und ein Turn-around
Das hört sich nicht nur fromm an. Das ist auch so gemeint. Wir sind ein Unternehmen der speziellen Art. Ein Unternehmen Gottes. Ohne Ihn gäbe es uns
nicht. Vielleicht sind wir deswegen mittlerweile wieder öfter gesucht. Krisenzeiten sind Fragezeiten. Hat man sein eigenes Leben wirklich sicher gebaut? Kann
man überhaupt sicher bauen? Wenn ein Zertifikat nicht sicher ist, warum dann
die Bank, die es mir anbot? Wenn jeder verdienen will, will jeder auch an mir verdienen. Die große Vertrauenskrise in fast allen gesellschaftlichen Bereichen
macht es plötzlich gar nicht mehr so weltfremd, wenn wir Kapuziner von einem
Vertrauen sprechen, das nicht von dieser Welt ist. Bei uns steht eine Verbindlichkeit im Vordergrund, die ihre Wurzeln nicht im Vorteil hat, den der eine beim
anderen sucht. Wir laden vielmehr zu einem Weg der Liebe ein. So verbraucht
dieser Begriff auch sein mag: Es geht im Ordensberuf um die Liebe. Die Gottesliebe. Und die Nächstenliebe.
Diese Kernidee muss in die heutige gesellschaftliche Realität vermittelt werden.
Das ist schwer, wo es doch in Deutschland gerade einmal noch etwa dreißig Kapuziner unter fünfzig gibt und einhundertdreißig über fünfzig. Letztere gaben in
der Realität vor dreißig, fünfzig, sechzig Jahren ihre Antwort. Erstere haben mit
dem zu tun, was davon heute noch übrig geblieben ist. Schon längst sind einst
mit Stolz geführte Institutionen verloschen. Andere müssen von den vergleichsweise wenigen Brüdern, die noch aktiv sind, aufgelöst oder zumindest substantiell verändert werden. Der demografische Faktor ist bei uns schon lange angekommen. Wir sind im Durchschnitt jetzt schon so alt wie Deutschland in fünfundzwanzig Jahren alt sein wird. In der Sorge um die vielen Alten und mit der
Sehnsucht, die franziskanische Idee für heute zu leben, müssen wir den Turnaround schaffen. Dafür brauchen wir Mitarbeiter. Besser: Brüder.
4
Eine Schwerpunktsetzung: Entdecken, wer Kapuziner
werden soll
Die Suche nach neuen Brüdern hat bei aller Bedrängnis durch die aktuelle Situation der Gemeinschaft eine Voraussetzung, die uns total entspannt. Wenn Gott
will, dass es auch in Zukunft in Deutschland Kapuziner gibt, hat er auch Männer
dafür vorgesehen. Sie leben mitten in dieser Gesellschaft. Ihre Biografie und Fähigkeiten sind schon geformt. Jetzt müssen wir ihnen zeigen, dass sich alles, was
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Erfahrungen mit der Weckung von Ordensberufungen
sie ausmacht, in der Lebensform der Kapuziner entfalten kann. Und wenn es
nach Gott geht, auch entfalten soll. Wir sagen bewusst: Soll. Denn wir verstehen
Freiheit anders als viele Zeitgenossen. Es bedeutet für uns nicht in erster Linie
Unabhängigkeit, die keinen mehr braucht. Frei ist nach unserer Überzeugung,
wer ratifiziert, was Gott ihm vorgibt. Gottes Vorgabe zwingt den Menschen
nicht, wohl aber tut der Mensch gut daran, sie in Freiheit zu bejahen.
Wenn es also Gottes Sache ist, Menschen für unsere Berufung vorzubereiten,
müssen wir auch in Erwägung ziehen, dass Gott gar keine Kapuziner mehr neu
berufen will und wir deswegen auch keinen Nachwuchs für den Orden finden
werden. Wir müssen uns mit der These beschäftigen, dass es Gottes Wille sein
könnte, dass wir in einigen Jahrzehnten in Deutschland aussterben. Der Gedanke
ist nicht angenehm. Er löst sofort Fragen aus, die aus unserem Herzen heraus
gleichzeitig Gebete sind: War denn dann alles umsonst, was wir geleistet haben?
Womit haben wir das verdient? Der drohende Tod des Ordens zumindest hier in
Deutschland stürzt uns bei allem Willen zum Glauben durchaus in eine Sinnkrise.
Meine Beauftragung für den Entdeckungsdienst junger Brüder ist die Konsequenz aus der Frage, ob Gott noch eine Zukunft für den Orden vorsieht. Ich verstehe mich als Feldforscher und Erkundungsreisender und sehe mich eher im
Entdeckungsdienst als in der Nachwuchswerbung. Kirchlich nennt sich das, was
ich mache, Berufungspastoral. Wir möchten junge Menschen aufwecken, ihre eigene Bestimmung zu entdecken. Wir möchten uns als Begleiter anbieten, die
»Stimme« zu hören, die sie zum Engagement einlädt und sie auch zu verstehen.
So können sie mit der Zeit den Ruf entdecken, der zu ihrer Bestimmung führt. Uns
ist das gleich, was dann daraus wird: Sie sollen Gott hören lernen, der sie zu einem
ganz bestimmten (!) Leben ruft.
Es ist wichtig, das zu vermitteln. Wir möchten junge Leute nicht über den Tisch
ziehen oder ihnen gar das Blaue vom Himmel herunter lügen. Damit sie sich für
die Frage nach der eigenen Lebenswahrheit – und um nichts anderes geht es! –
öffnen, zeigen wir uns ihnen mit unserer Bestimmung. Mit unserer Überzeugung, dass wir den Platz eingenommen haben, den Gott uns zugewiesen hat.
Sie sollen verstehen, was uns bewegt. Über www.kapuziner.tv können sie in
Kurzfilmen einzelne Brüder kennen lernen. In einem eigens für Interessenten erstellten Buch1 können sie genau nachlesen, wie wir uns verstehen. Dort sind
auch Stimmen von Brüdern über unser Leben gesammelt. In einem eigenen
Image-Prospekt zeigen wir Charakterköpfe aus dem Orden, die überraschendes
Engagement zeigen. Wir gestalten eine eigene Internet-Seite für junge Leute
www.kapuziner-jugend.de, auf denen sie in der Endstufe der Seite eine eigene
Community bilden können, die sich über Fragen des Glaubens und der Lebensführung austauschen kann.
1
KAPUZINER – Ein Franziskanischer Lebensentwurf, Eigenverlag, zu beziehen über den Autor
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Employer Branding
So können sie sich prüfen und sich in der Begegnung mit uns klarer fragen, was
denn ihr eigener Lebensentwurf sein soll. Sie sollen durch unsere Angebote den
Durchblick bekommen. Sie sollen die äußeren Faktoren des Kapuzinerordens
nicht so wichtig nehmen, sondern das Herz entdecken, das darin schlägt.
5
Weniger suchen, mehr finden
Neben den medialen Angeboten machen wir konkrete Vorschläge, wie sich die
jungen Männer bei uns andocken können. Wir sind uns bewusst, dass sie sich, so
viel ihnen auch offen steht, mit der Frage quälen, was sie denn aus der Fülle der
Möglichkeiten wählen sollen. Zu groß erscheint ihnen die Gefahr, die Weichen
falsch zu stellen. Das verlockt sie dazu, am Bahnhof »Jugend« oder »Praktikum«
zu verweilen. Sie lassen sich von einer Werbe- und Wertewelt dazu verführen,
den entscheidenden Schritt auf später zu verschieben.
Sie haben Angst, im Leben nicht genug zu bekommen. Wer allein lebt, sucht die
perfekte Beziehung. Wer einen Partner hat, schielt danach, ob nicht noch was
Besseres im Angebot ist. So jedenfalls hörte sich die Antwort des 28-Jährigen an,
den ich fragte, warum er denn seine Freundin nicht heirate, mit der er seit acht
Jahren zusammenlebte: »Es könnte ja noch was Besseres kommen!« Arbeiter
und Angestellte träumen sich vom Heute in den Urlaub. Dort erst könnte man
endlich richtig leben, meinen sie. Und wer ohne Arbeit ist, sucht nicht nur eine
Anstellung. Es muss jetzt sofort der Traumjob her. Und der perfekte Chef. Oder
man möchte selbst endlich einer sein. Und wer es dann irgendwie bis oben hin
geschafft hat, findet – wie könnte es anders sein – »dass es die da unten viel besser
haben«.2
An diesem Punkt wollen wir ansetzen. Die jungen Männer sollen verstehen, dass
man die besten Jahre seines Lebens nicht mit Suchen und Zaudern verbringen
sollte. Nach unserer Auffassung sollte die Hauptkraft darauf verwandt werden,
zu vertiefen und auszubilden, was man gefunden hat.
6
Schmerzpunkt: Entscheidung
Wir gehen deswegen auf die jungen Leute zu. Wir werben nicht mit Schnupperangeboten. Wir kreieren auch nicht Events, die sich dem Geschmack der jungen
Leute anpassen. Wir möchten vielmehr, dass sie von Anfang an erfahren, welche
Brüder wir ihnen sein wollen: Männer des Evangeliums, die Klartext reden. Das
Kernstück unserer Angebote ist der monatliche TREFF-Punkt Entscheidung. Er
findet samstags von 10 Uhr bis 18 Uhr an wechselnden Orten statt, immer in ei2
Terwitte, Bruder Paulus: Das Leben fängt heute an. Ein Anschlag auf die Vertröstungsgesellschaft, Hamburg 2009, Vorwort
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Erfahrungen mit der Weckung von Ordensberufungen
nem Kloster. Da können die jungen Männer prüfen, ob sie »stark genug sind für
das Evangelium«. Mit diesem Text in unseren Anzeigen und Rundbriefen möchten wir jene treffen, die abenteuerlustig genug sind, sich auf unsere Lebensform
zuzubewegen. Und wir möchten damit alle abhalten, zu uns zu kommen, die vor
lauter Suchen schon ganz weich geworden sind in ihrer Ausrichtung auf eine eigene Lebenszukunft. Die Tagesveranstaltung umfasst Gruppendynamik, Unterricht in Ordensdingen, Gebetseinheiten und Gesprächsrunden. Am Ende steht
eine klare Ansage, ob wir mit dem Interessenten weitergehen möchten oder
nicht – und er mit uns. Da die Interessierten an diesem Tag auch andere Brüder
kennen lernen, mit ihnen beten und bei Tisch sind, ergibt sich eine relativ große
Sicherheit im Urteil. Auf beiden Seiten.
7
Noch ein Schmerzpunkt: Nur bis 35 Jahre
In der Anfangsphase haben wir uns noch offen gehalten, welches Alter die Interessenten haben sollen, mit denen wir uns näher beschäftigen wollen. Mittlerweile sind wir da schlauer geworden. Es haben sich zu Beginn meiner Öffentlichkeitsarbeit viele eingefunden, die vierzig und älter sind. Nach einigen Brüchen
im Leben meinten sie, im Kloster endlich die nötige Ruhe finden zu können. So
kamen zu den siebzehn TREFF-Punkt Entscheidung-Veranstaltungen etwa fünfundsechzig Männer, von denen fast vierzig über fünfunddreißig Jahre alt waren.
Man kann sich vorstellen, dass die wenigen unter Fünfunddreißigjährigen sich
ziemlich verloren vorkamen in der Runde der Ü-Vierziger.
Deshalb schlug ich vor, wir sollten die Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen
ansprechen. Die Sechsundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen würden von alleine kommen. In der Gemeinschaft wurde das intensiv diskutiert. Die Argumente haben schließlich überzeugt: Wir nehmen in der Regel keine Männer
mehr auf, die älter als 35 Jahre alt sind. Diese Entscheidung bringt manchem
schmerzlich zu Bewusstsein, dass die Zukunft schon hinter ihm liegt, von der er
dachte, sie würde noch vor ihm sein. Trotz der klaren Altersbeschränkung
kommt es fast jeden Monat zweimal vor, dass ein Mann anruft und sich dafür interessiert, in den Orden aufgenommen zu werden. Wenn ich ihn frage, wie alt er
sei, und er antwortet: Vierzig! weise ich ihn auf diese Grenze hin und erhalte
prompt zur Antwort: Ich fühle mich aber noch so, als wäre ich dreißig.
8
Zielführend Interessenten begleiten
Uns ist wichtig, die jungen Männer ernst zu nehmen, die zu uns kommen. Wir
führen den Prozess des Erstinteressenten rasch zum Ziel. Er muss an mindestens
zwei der TREFF-Punkt-Entscheidung-Veranstaltungen teilnehmen. Danach
darf er daran nicht mehr teilnehmen; entweder verabschiedet er sich von uns
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Employer Branding
oder wir verabschieden ihn – oder er entschließt sich mit unserer Zustimmung,
als offizieller Interessent für das Ordensleben zu gelten. Für ihn gibt es Vertiefungswochenenden und die Berechtigung, in unserem Zentrum für Berufungspastoral für einige Tage mitzuleben. Spätestens nach solchen Intensivtagen, die
wir übrigens auch in unserem Ausbildungshaus für die Grundausbildung in
Salzburg anbieten, kommt der Schritt, dass sich die jungen Männer bewerben –
oder sich verabschieden. Die Brüder, die an diesen Schritten der Interessenten
beteiligt sind, stehen in gutem Kontakt zueinander. Wir tauschen uns aus, was
der eine bemerkt hat und was der andere empfehlen würde. Die Verantwortung
für diesen Prozess habe aber ganz klar ich als der Beauftragte für die Berufungspastoral.
9
Klare Struktur bis zur offiziellen Aufnahme
Wenn sich ein Interessent beim Leiter der Kapuziner in Deutschland beworben
hat, fragt der zunächst bei mir nach, ob der Bewerber sich im Laufe der Veranstaltungen, bei der wir ihn schon kennen lernen konnten, als geeignet erwiesen
hat. Damit ist der junge Mann aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. Er bekommt nun drei Brüder vorgeschlagen, die mit ihm ein Aufnahmegespräch führen. Jeder Bruder redet mit dem Bewerber zu einem Schwerpunktthema: Religiöse Entwicklung. Gesellschaftliches Engagement in den letzten Jahren. Psychologische Belastbarkeit. Diese Gespräche sind verbunden mit einem Wochenendaufenthalt in dem Kloster, in dem das jeweilige Gespräch mit dem Bruder
stattfindet. So können weitere Brüder vor Ort um Eindrücke gefragt werden.
Diese gehen mit dem Ergebnis des Aufnahmegespräches an den Leiter der Kapuziner. Wenn er die drei Rückmeldungen erhalten hat, lädt er den Bewerber zum
abschließenden Gespräch, an dessen Ende dann die Zusage oder Absage steht.
10 Ein Jahr Vorbereitungszeit bis zur Aufnahme in den
Orden
Der Vollständigkeit halber erwähne ich auch die Zeit, die dem Noviziat, der eigentlichen Lehre, vorausgeht. Die zugelassenen Kandidaten werden einmal im
Jahr in das sogenannte Postulat aufgenommen. Es ist eine einjährige Intensivzeit
der Vorbereitung auf den Ordenseintritt, an deren Ende dann die Aufnahme in
den Orden erfolgt. In diesem Jahr werden die Männer, die mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen kommen, auf ein gemeinsames Niveau eingeladen in Sachen Bibelwissen und Glaubenswissen, Kultur der Begegnung in Gemeinschaft
und Kultur der persönlichen Lebensführung. Auch hier hat es sich als Vorteil gezeigt, dass wir eine Altersgrenze gezogen haben. Da immer mehr Bewerber aus
Ein-Kind-Familien kommen, ist der Schwerpunkt in diesem ersten Jahr meis312
Erfahrungen mit der Weckung von Ordensberufungen
tens die Einübung des Lebens in Gemeinschaft. Selbstverständlich gehört auch
die praktische Erfahrung der Sorge für die Armen in einem Praktikum zum Ausbildungsprogramm der Postulanten. Sie lernen Kochen, Waschen und Putzen,
soweit das noch nötig ist. Und schließlich werden sie eingeführt in das Leben mit
Gott in Gottesdienst, Meditation und gemeinsamen Gebetszeiten.
Nach diesem Jahr folgt dann die Aufnahme in den Orden. Erst dann sind die
Männer richtige Kapuziner. Und dann spätestens wird es ernst damit, dass das
Ordensleben kein einfacher Beruf, sondern die Berufung in eine Lebensform ist.
11 Ob Beruf oder Berufung: Passion gefragt
Für uns ist es am schwierigsten, die Motivation zu hinterfragen, die Männer zu
uns führt. Erst langsam schält sich heraus, was sie wirklich wollen. Am schwierigsten für sie ist es, zu verstehen, dass wir auf eine Fähigkeit achten, die ich gern
mit dem Wort Passion umschreibe. Es geht um die Fähigkeit zur selbstverlorenen Hingabe an Gott, an die Menschen und an die Aufgabe, die einem gestellt
wird. Hier ist Vertrauen gefragt. Und vor allen Dingen müssen die jungen Männer vergessen, bei uns irgendetwas erwarten zu wollen, was Geldwert hätte oder
ihnen sonst einen Vorteil bringen würde. Darin unterscheiden wir uns sicher
von reinen Firmen, die nach geeigneten Mitarbeitern Ausschau halten.
Trotzdem ist der Wert der Hingabe an die Arbeit und gar an die Firma und damit
an die Menschen, die diese Firma ausmachen, eine Qualifikation, die sich in jeder Hinsicht auszahlt. Eine Firma ist nicht die Summe ihrer Mitarbeiter, sondern
die Summe der Hingabe, mit der die Mitarbeiter im Miteinander den kreativen
Prozess der Leistungserbringung gestalten. Da hat jeder seine Aufgabe, sei es an
der Werkbank, sei es am Schreibtisch. Statt ständig zu fragen: Wie geht es mir?
muss die Lust an der Frage: Wie geht es dir? geweckt werden.
12 Test per Telefon, E-Mail und beim Abspülen
Ich gebe deswegen gern zu, dass ich beim ersten Zusammentreffen mit den Bewerbern gern mit ihnen zum Spülen und Abtrocknen gehe. Wie sie dort das
Handtuch halten oder eher nicht, wie sie nach dem rechten Ort für’s Geschirr
fragen oder einfach planlos alles abstellen, welche Themen sie von sich aus ansprechen oder ob sie stillschweigend abwarten, dass sie angestoßen werden –
nichts offenbart mehr als fünf Minuten Alltäglichkeit. Eine halbe Stunde gemeinsame Arbeit im Klostergarten oder das Putzen des Autos sind weitere Aufgaben, die schnell zeigen, ob jemand die Passion hat, sich mit ganzer Kraft im
Augenblick einzubringen. Es ist erstaunlich, wie meine Brüder und ich schon
nach einigen Stunden uns einig sind, ob wir mit jemandem weitergehen wollen
oder doch lieber nicht. Dabei spielt der Bauch eine Rolle: Das Gefühl für jeman313
Employer Branding
den oder gegen jemanden. Aber auch der Kopf: Was hat er gesagt und wovon hat
er nicht geredet. Und die Sinne: Was sagt die Stimme? Was spricht seine Körperhaltung? Manchmal sind es die ersten fünf Sekunden, in denen alles klar wird.
Deswegen bereite ich mich darauf auch am meisten vor. Ich bin hellwach bei der
ersten Begegnung, weil darin alles liegt, was sich später meistens nur noch bestätigt. Es hat sich gezeigt, dass diese erste Aufmerksamkeit samt Telefonat vor der
ersten Begegnung und E-Mail-Austausch uns erspart, zu lange mit ungeeigneten
Bewerbern einen Weg gehen zu müssen.
13 Die Berufenen finden
Wir müssen niemanden von unserem Leben überzeugen. Es braucht auch keiner
geworben zu werden. Wenn einer ein Herz von Gott erhalten hat für die Sache
der Kapuziner, muss er uns entdecken. Und wir müssen ihn entdecken. Ich bin
deswegen auf Berufsinformationsmessen präsent und zeige mich bei Jugendveranstaltungen. Und das möglichst immer mit einem zweiten Bruder. So wird
noch deutlicher, dass hier eine Lebensmöglichkeit ist im Kloster, der sich schon
mehrere angeschlossen haben. Die Präsenz im Internet und bei Facebook, werkennt-wen, Xing und anderen Netzwerken ist selbstverständlich. Mittlerweile
meldet sich jede Woche ein Interessent und wir kommen in einen guten Austausch. Viele gehen weiter; sie haben sich etwas anderes vorgestellt. Mancher
aber bleibt. Es wird einige Kontakte noch brauchen. Dann aber wird er, wie
schon sechs andere in den letzten zwei Jahren, sagen: Jetzt weiß ich, was ich will.
14 Die Gefundenen ihren eigenen Weg gehen lassen
Wenn sie dann wirklich zu uns kommen, dürfen sie uns herausfordern. Wir sind
nicht attraktiv durch die Posten, die wir anzubieten haben; wir werden ihnen
nur gerecht, wenn sie bei uns weiter entwickeln können, was in ihnen grundgelegt ist. Nachwuchs für den Betrieb Orden brauchen wir nicht und können ihn
auch nicht finden; denn der Orden wird morgen anders aussehen und übermorgen vielleicht wieder anders. Die jungen Männer, die zu uns finden, müssen uns
abnehmen, dass wir es ernst nehmen mit unserer Berufung, als Kapuziner zu leben. Dann werden auch sie ernsthaft daran arbeiten, ihre Art zu finden, Kapuziner zu sein. Wir lernen dabei auch von ihnen. Denn mit dem Feuer, das auch uns
bewegt, kommen sie zu ganz anderen Schlüssen, was die konkreten Strukturen
und Aufgaben unseres Ordens angeht. Während wir sie ernst nehmen, lernen sie
bei uns, wie sie den Samen der Berufung wachsen und pflegen lassen können. So
werden sie ihre Frucht bringen. Damit nähren sie uns, die wir von gleichem Feuer erfüllt sind wie sie. Und alle, denen wir mit ihnen Kapuzinerbrüder sein wollen.
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Erfahrungen mit der Weckung von Ordensberufungen
Terwitte, Bruder Paulus trat 1978 direkt nach dem Abitur in
den Kapuzinerorden ein. Nach dem Theologiestudium und
der Priesterweihe arbeitete er als Seelsorger, Ausbilder und
ehrenamtlicher Helfer in der Hospizarbeit und Telefonseelsorge. Seine gestalttherapeutische Ausbildung nutzte er auch
für Coaching und Supervision in mittelständischen Unternehmen auf dem sozialen Sektor. Als Gastreferent und Diskussionspartner, auch in TV-Polit-Talk-Formaten, stellt er
sich den Fragen zur Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft. Er
ist Moderator einer eigenen Talksendung (N24 Ethik),
Kolumnist und Buchautor und verfasst eigene Beiträge für
Rundfunk und Fernsehen. In seinen Büchern leitet er zu einer
christlichen Lebensführung an. Seit 2006 ist er von seinem Orden eingesetzt als Beauftragter für Berufungspastoral.
Kontakt: paulus.terwitte@kapuziner.org
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Seele and Geist
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