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03-16-09-Wer weiß, was aus mir geworden wäre.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Wer weiß, was aus mir geworden wäre
Wie ein Heim Kriegskindern eine Chance gab
Autorin:
Redaktion:
Regie:
Antje Leetz
Nadja Odeh
Maria Ohmer
Sendung:
Wiederholung:
Montag 17.03.08 um 10.05 Uhr in SWR2
Montag, 16.03.09 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst
in Baden-Baden erhältlich.
Bestellungen über Telefon: 07221-929-6030
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MANUSKRIPT
Erzählerin singt:
"Ein Kind von viereinhalb Jahr, das eine Waise war, ein Kind von viereinhalb Jahr,
halb Jahr, das eine Waise war... Sie ging zu Mutters Grab, und bohrt mit dem Finger
ein Loch, ach Mutter, so sprechet doch, ja doch, ach, Mutter, so sprechet doch..."
Das ist Kinderfolklore. Was haben wir für Tränen vergossen, wenn wir abends in
unseren Betten dieses Lied sangen. Dabei war ich gar kein Waisenkind. Meine
Mutter wollte mich nach einem halben Jahr wieder aus dem Kinderheim Königsheide
abholen, wenn sie mit ihrer Doktorarbeit fertig war.
Treffen der alten Königsheider, vor dem Tor des Kinderheims.
Uschi G.:"Uschi. Und Natascha! Wir haben uns beide immer die Hände geben
müssen, wenn Delegationen kamen… Sowjetvolk und DDR-Volk... Bild für Götter."Ingrid G.:" Sag mal, is det Stempor! Det gibt’s ja nich... Der Name sagt mir was."
Erzählerin:
Neulich haben wir uns wiedergetroffen. Wir standen vor dem Eingangstor und
erkannten uns langsam wieder. Fünfzig Jahre waren vergangen. Ingrid G., mit
Spitznamen "Giesemops", gehörte zur großen Mädchengruppe, genauso wie
Uschi G..
Treffen der alten Königsheider, vor dem Tor des Kinderheims.
Inge H.: "Ich wundere mich sowieso, dass überhaupt... Eigentlich müssten wir schon
alle tot sein, wa? Ich hab mir aufm Herweg überlegt, dass es vor 50 Jahren war. Als
ich in der Königsheide war, das war vor fünfzig Jahren."...
Susi S.:"Ja, ich auch."
Erzählerin:
Inge H., damals Inge H., und Susi Sch. waren die Erzieherinnen von Ingrid und
Uschi.
ATMO 04: auf dem Gelände:
Dieter E.: "Es wird heute wie folgt ablaufen... Wir sind ja auch immer die Kleensten
gewesen."
Erzählerin:
Der sich da auf einen Stein stellt, ist Dieter E., Heimkind von 1953 bis 1955. Er hat
das Treffen organisiert. Inge, Susi, Ingrid und ich sind in Haus I gegangen. Hier
wohnte die Gruppe der großen Mädchen.
Im Haus:
Inge H.: "Der Tagesraum."
Susi S.:" Da mussten wer die Wäsche immer in die Wäscherei geben. Det hab ich
och schon hundertmal erzählt. Da ham die die Schlüpfer durch die Mangel. Und da
kriechte die Ingrid solche Schlüpfer. Die raste wie eine Begaste hier den Flur lang.
"Die soll mir passen! Kiek ma, kiek ma, kannste noch mit rin."
2
Inge H.: "Hier war unsre Gruppe. Hier hast du geschlafen, hier hat Hanne
geschlafen.
Ingrid G.: "Ick hab hier geschlafen. Hier hab ick geschlafen. Da! In der Ecke!"
Susi S.: "Und Hanne muss hier irgendwo..."
Inge H.: "Du hast manchmal geweint."
Ingrid G.: "Oft hab ick jeweent, janz oft."
Erzählerin:
Ingrid hatte 12 Kinderheime hinter sich, als sie 1953 in die Königsheide kam und
Inge H. und Susi Sch. ihre Erzieherinnen wurden.
Wir gehen durch die Räume und vergessen die Zeit. Es sieht alles noch genauso aus
wie damals, nur sind die Zimmer leer. Hier rennen keine Kinder mehr durch den
Korridor. Es riecht immer noch nach Bohnerwachs und Desinfektionsmitteln. Dass
sich dieser Geruch so lange hält!
Dieter E:
Ich bin ein Kriegskind. Jahrgang 1940. 1945 in Berlin ausgebombt.
Erzählerin:
Dieter E., der Junge aus der Königsheide. Wir sitzen bei ihm zu Hause.
Dieter E.:
Vater war noch in Kriegsgefangenschaft, kam aber dann irgendwie kurze Zeit später
nach Berlin. Mein Vater fing denn an zu trinken. Verbunden mit vielen Schlägen.
Wenig zu essen. Das bisschen Geld, was er nach Hause gebracht hat, hat er dann
anschließend versoffen. Meine Mutter hat sich denn entschlossen, mit mir Vater zu
verlassen. 1948. Wir sind dann von Berlin-Neukölln nach Berlin-Treptow gezogen.
Mutter hatte keine Arbeit, hat dann aber Arbeit bekommen als Straßenbahnfahrerin.
Naja, sie war ooch fast nie zu Hause. Schichtdienst.
Erzählerin:
Dieter weint leise. Ich will das Mikrofon abstellen, aber er erzählt weiter.
Dieter E.:
Denn bin ich so langsam ausgeufert. Wir ham denn ne Einzimmerwohnung jekricht.
Im dritten Hinterhof in der Kiefholzstraße. Toilette war eine Treppe tiefer. Na, ich bin
denn nich mehr zur Schule gegangen oder oft gefehlt. Naja. Klaun gegangen. Von
der Polizei aufgegriffen. Und dann stand die Frage: Was wird aus mir?
Erzählerin:
Dieter kam 1950 ins Kinderheim Siethen bei Berlin, das aber bald geschlossen
wurde. Wieder die Frage, wohin? Das Kinderheim Oberspree in Berlin war die
nächste Station.
Dieter E.:
Waren furchtbare Zustände in diesem Heim. Wenig zu essen. Das hing damit
zusammen, dass die Größeren uns das Essen immer weggenommen haben. Und
denn bin ich da abgehaun.
3
Erzählerin:
Am Alexanderplatz, im Zeitkino, ließ sich Dieter abends einschließen, bis ihn eines
Tages die Reinigungsfrau fand. Also wieder nach Oberspree? Niemals! Zufällig hatte
er von einem neuen Heim in der Berliner Königsheide erfahren. Und eines Abends,
im Oktober 1953, saß er mit seiner Mutter im Arbeitszimmer des Direktors Günther
Riese.
Dieter E.:
Mutter hat gesagt, der Dieter möchte gerne hier, Königsheide. Ist zweimal abgehaun
aus Oberspree. Da sagte Günther Riese, das geht nicht so ohne Weiteres. Die
ganzen Unterlagen sind. Ich kann dich nicht so einfach hier aufnehmen. Meine
Mutter hat denn gesagt, der Junge bleibt hier! Da hat der Günther Riese gesagt, "Na
gut, denn bleibt er hier." Denn hat er jemand jerufen, ne Erzieherin, groß, blond,
Fräulein Schreiber, hat sie sich vorgestellt. Die hat mich dann rübergenommen in
Haus IV, Gruppe 4. Und so bin ich in der Königsheide gelandet. Und das war ein
Fünfer im Lotto.
Hatte mein eigenes Bett, in meinem Zimmer waren noch drei andere Kameraden. Ick
hatte einen eigenen Schrank jehabt. Weiße Bettwäsche. Besser konnt’s einem ja
nich jehn. Wir haben pünktlich unser Essen jekriegt, ausreichend. Freitags konnten
wer baden, in der Badewanne.
Dieter E.: (über Eingangsbuch)
Ich bin an diese Liste 2004 gekommen, die man nicht veröffentlichen darf... Ich habe
sie durch einen Zufall erhalten, habe sie mir bei jemandem kopiert.
Erzählerin:
Dieter zeigt mir das Eingangsbuch der Königsheide. Hier sind alle Kinder
eingetragen, die ab 1953 ins Heim kamen. Mit Eingangstag, Namen, Geburtsdatum,
letzter Wohnadresse und dem Grund für die Einweisung. In Berlin gab es damals
21.000 Straßenkinder. 600 fanden in der Königsheide Platz.
Dieter E. und Autorin:
Dieter E.: "Du stehst auch drinne."
Autorin: "Hast du dich selbst auch gefunden?"
Dieter E.: "Aber wo ich das jetzt hingelegt habe? Hier bin ich! Jaa! Ich bin das
19. Kind 1954."
Inge H.:
Als ich dort gearbeitet habe in der Königsheide, es war Anfang der fünfziger Jahre...
Erzählerin:
Inge H., die Erzieherin von Ingrid G.
Inge H.:
...da war alles noch voller Hoffnungen, voller Träume, voller Illusionen, dass man aus
diesem Land ein Land machen könnte, in dem es gerecht zugeht. Es war die Zeit
nach dem Krieg, wo große Hoffnungen waren für dieses Land. Und da ist die
Geschichte der Königsheide auch ein bisschen die Geschichte der DDR.
4
Dieses Heim wurde geleitet von Günther Riese und von Hanna Riese. Günther Riese
war wirklich ein Pädagoge. Das war kein Beruf, sondern es war eine Berufung. Ein
Pädagoge, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Und er war für die Kinder damals
eine Art Vaterfigur. Und solange Günther Riese dieses Heim geleitet hat, waren da
auch. Natürlich gab es immer Probleme, wenn da so viele Kinder sind. Und es ist ja
ein großes Heim gewesen, das größte Kinderheim Europas, glaube ich. Es ist neu
gebaut worden und war eigentlich eine wunderschöne Anlage. Die Kinder fühlten
sich da auch gut, und fühlten sich da auch wohl. Und wir, die wir damals gearbeitet
haben, in der Zeit, wir haben. Das war unser Leben, wir haben das nicht als Job
gemacht, sondern wir haben mit den Kindern gelebt. Und die Kinder, die am
Wochenende nach Hause gehen konnten, die sind manchmal da geblieben, weil wir
immer viel mit den Kindern unternommen haben. Wir sind an die Ostsee gefahren,
wir haben in der Scheune geschlafen. Wir haben mit den Kindern eben auch
Abenteuer gemacht. Es war nicht ein Beruf, dem man nachging, sondern det war
unser Leben. Wir waren damals ja selber noch sehr jung.
Ingrid G.:
Da sind wer zusammen an der Ostsee. Als wer mit Inge immer an der Ostsee warn...
Und hier Frau Holle. Hat Inge doch mit uns immer Frau Holle aufgeführt. Und da spiel
ick ne Nachbarin. Das war auf dem Podium in der Königsheide im Speisesaal. Das
war natürlich auch unsre große Theaterbühne.
Hier is nämlich unser Kletterschiff in der Königsheide gewesen. Man sieht nur noch
Reste... Selbst gebaut. Det setz ick jetz voraus komischerweise. Det ham wir alles
selbst gebaut.
Erzählerin:
Wir sitzen bei Ingrid G. zu Hause. Sie zeigt mir alte Fotos von der Königsheide. Die
sind so klein, dass man die Kinder kaum erkennt.
Ingrid G.:
Ja, det is hier Rerik. Guck mal, wo ick hier oben uff der Düne stehe. Hier. Det is
Rerik. Da is Inge immer mit uns hingefahrn. Det war für uns natürlich janz toll... Und
die is doch dann mit uns immer zum FKK-Strand jejangen, wat ja eigentlich nich
erlaubt war. Det muss man sich mal vorstellen. Det war 55. Da war es selbst in der
DDR mit der Freikörperkultur noch nich so weit, obwohl es sie schon gab, sonst wärn
wer ja nich hinjejangen.
Ingrid G.:
Inge kam ja jung, schön zu uns in die Gruppe und hatte ja eigentlich überhaupt keine
Ahnung. Die hat ja noch nie als Erzieher vorher gearbeitet. Wenn ich’s richtig
erinnere, hatte sie zu dieser Zeit aber Psychologie studiert und kam nun in die
Königsheide. Als sie kam, da liebten wir die alle! Alle, sofort, fanden wir die alle sofort
natürlich toll. Und wie man das so gemacht hat, ich vor allen Dingen, hab mich sehr
in den Mittelpunkt versucht zu bringen, indem ich furchtbar frech war und furchtbar
aufsässig war. Und ich kann mich aber erinnern, dass sie das sehr mit Wärme
gemacht hat. Wir fanden das natürlich immer toll, wenn sie Frühdienst hatte, weil sie
dann immer an jedes Bett gekommen ist. Wir sind nicht aufgestanden, wenn es hieß,
also uffstehn, Türen uff und uffstehen. Wir haben dann immer mit dem Kopp unter
der Decke gelegen und gewartet, bis sie an jedes Bett kam. Hat sie auch gemacht.
Und darauf haben wir natürlich auch immer gewartet.
5
Erzählerin:
Ingrid G. war mit einer dicken Akte in die Königsheide gekommen: Aus allen
12 Heimen bisher weggelaufen. Seit dem sechsten Lebensjahr.
Ingrid G.:
Ick wollte bloß immer weg. Det war ja och janz spannend. Denn hab ick mich uffn
LKW raufgeschmuggelt unter Weißkohlköppe. Da hab ick dann irgendwo in der Ecke
gesessen und hab die Weißkohlköppe vor mir aufgebaut. Und dann haben sie mich
ja nicht gesehn, erst als sie die Kohlköppe dann abgeladen haben, haben sie mich
dann gesehen und haben mich dann natürlich irgendwo abgeliefert und haben mich
dann irgendwo hingebracht, wo was frei war. Ick wäre heute sicher ein furchtbar
verhaltensgestörtes Kind. Mich wollten sie ja auch in den Jugendwerkhof bringen.
Aber Günther Riese und Inge H., die haben mich da gerettet. Ich hatte
wahrscheinlich ein riesengroßes Glück in der Königsheide.
Erzählerin:
War das ihr persönliches Glück, dass sie Inge als Erzieherin hatte? Oder hing ihr
Wohlbefinden mit der ganzen Atmosphäre in der Königsheide zusammen?
Ingrid G.:
Ne, ne, das war schon die Atmosphäre, denn wir hatten ja so was wie eine
Schülerselbstverwaltung. So was Ähnliches. Hat der Günther Riese ja aufgebaut. Da
war Dieter E. auch mit drin. Die haben schon sehr viel gemacht. Das war auch sehr
demokratisch. Die wurden ja auch zu sehr vielen Dingen rangezogen. Ich glaube,
das war alles so was, was denen nachher nicht mehr gepasst hat. Der Riese hat
immer die Kinder mit einbezogen. Immer. Regelmäßig gab es
Heimvollversammlungen, wo alle ihre Meinung gesagt haben. Schade, dass man das
damals noch nicht mit Video aufnehmen konnte.
Dieter E.:
Guck mal, da ist ja Günther Riese! Ein Vater von 600 Kindern ist die Unterschrift
unter diesem Bild... Ach, hier sind auch die Pullover und die Hemden, die wir alle
anhatten. Diese karierten Pullover. Jeder wusste, dass wir aus der Königsheide sind,
wenn sie uns mit diesen Hemden gesehen haben außerhalb des Geländes.
Erzählerin: Sie waren also die "Königskinder!
Dieter E.:
Wir waren ja die "großen Jungs". Aber er hat uns sehr gut mit einbezogen, zum
Beispiel so Patenschaften zu übernehmen gegenüber die Lütten aus dem
Vorschulhaus. Ich kann mich da an so ein Mädchen erinnern, so blond. Und wir
hatten damals 1954 angefangen, ein Planschbecken zu bauen.
Das ist dann 1955 eingeweiht worden. Und da war so ein kleines Mädchen, was sich
nie so richtig getraut hat, da ins Planschbecken reinzugehen. Und die hab ich dann
mir gegriffen und ich war denn ihr Freund, ihr großer Bruder.
Die rief mich eines Tages zu Hause an und sagte, ich bin die Carmen, ich war in der
Königsheide, ich kenn dich, ich hab die Telefonnummer von der Elke bekommen,
und Mensch, is ja prima. Ich sage: "Woher kennst du mich?" "Na", sagt sie, "du warst
doch derjenige, der mit mir immer zum Planschbecken gelaufen ist." 50 Jahre
danach. Ich konnte mich daran gar nicht mehr erinnern, aber sie konnte sich
erinnern.
6
Erzählerin:
Mit der Entstehung des Planschbeckens ist eine besondere Geschichte verbunden die sogenannte Nudel-Geschichte. Dreimal in der Woche nämlich gab es
Nudeleintopf. Und der hing natürlich allen zum Hals raus.
Dieter E.:
Wir haben gleich ganz hinten an der Essenklappe gesessen.
Die Gruppe 4, Haus IV. Haben wir mit dem Löffel aus dem Mund die Nudeln an die
Decke oben. Da haben die da gehangen. Und das kriegte Günther Riese mit. Am
andern Tag nach dem Essen stand er dann auf, hat denn in unsere Richtung und hat
uns denn Maß genommen und hat denn gesagt zu uns: Also, eure überschüssigen
Kräfte werden wir anders einordnen. Wir bauen ein Planschbecken. Denn haben wir
dann mit Spaten und Schubkarre die große Grube des Planschbeckens ausgehoben.
Uns gefiel das nicht. Denn hatten wir im Deutschen Theater, ... wurde uns von dem
damaligen Intendanten das Lied von den Moorsoldaten vorgesungen.
Dieter E.:
Langhoff. Wolfgang Langhoff. Und dieses Lied haben wir dann zu unserer Hymne
erkoren. Immer wenn der Arbeitseinsatz beendet war, haben wir die Schippe über die
Schulter und dann sind wir in Richtung Haus IV marschiert und haben das Lied von
den Moorsoldaten gesungen. Da hat uns Günther Riese zusammengenommen und
hat uns die eigentliche Bedeutung dieses Liedes erklärt. Das ist ja im KZ gesungen
worden. In der Lüneburger Heide, wo Wolfgang Langhoff war. Und dann haben wir
das Lied nicht mehr gesungen. Er hat uns eigentlich ein Stück Antifaschismus in
kindgemäßer Form erklärt. Und ich kann mich 50 Jahre danach erinnern an diese
Situation.
Erzählerin:
So fröhlich die Kinder in der Königsheide waren, nachts fühlten sie sich oft
schrecklich allein. Und wenn dann keiner da war, der sie tröstete, und schwere
Träume sie plagten... Dieter kannte einen...
Dieter E.:
...der hat mit 14 noch ins Bett gepinkelt. Und der hat's in seinem Zimmer nicht
einfach gehabt. Ich weiß noch, wie sie ihn gehänselt haben und wie ich hin bin, und
wenn ihr damit nicht aufhört. Da hat die Faust regiert. So was tut weh. Ich kann mich
noch entsinnen, viele haben an den Fingernägeln... Das ist so ein Ersatz Liebesersatz.
Inge H.:
In unserer Gruppe hatten wir das nicht, aber bei den kleinen Jungs war das. Und da
gab’s auch Kinder, die Bettnässer waren. Und das war für die Kinder furchtbar,
denen das passierte, und die haben sich auch geschämt dann. Da kam Günther
Riese in die Gruppe und hat zu denen gesagt: "Also hört mal zu, Jungs! Damit das
jetzt hier alles geklärt ist. Hier könnt ihr einschiffen soviel ihr wollt! Und wenn ihr Lust
habt, ins Bett zu pissen, dann könnt ihr das machen!" Und dann hat er mit der
Wirtschaftserzieherin gesprochen und hat gesagt: "Da wird die Bettwäsche
gewechselt ohne ein Wort!" Und mit den Erziehern auch: "Es gibt kein Wort des
Vorwurfs! Es wird überhaupt nicht darüber geredet! Die können ins Bett pissen soviel
sie wollen!" Und dann hörte das auf mit den Bettnässern. Das war eine ganz
einfache Sache eigentlich. So was ist ein guter Pädagoge.
7
Ingrid G.:
In Erinnerung habe ich noch, dass der ganz warm war und ganz lieb war. Es kann
aber natürlich auch sein, dass ich so vieles durcheinanderbringe, als ich dort
gearbeitet habe und als Kind. Das vermischt sich natürlich. Am Tage konnte man ihn
immer im Heimgelände sehen. Da ist er immer die große lange Straße lang und hatte
sofort zich Kinder um sich rum. Und das Beeindruckende war, dass der Riese alle
Kinder mit Namen kannte. Das will ja was heißen in so einem Riesenheim. Und hat
zu jedem Kind eine Geschichte verbunden. Da hatte er immer die kleinen
Vorschulkinder um sich rum, die ja zu ihm "Papa" gesagt haben. Alle! Die immer:
"Papa, Papa!", und dann sind sie ihm entgegengerannt. Und dann hat er aus seiner
Hosentasche sein riesengroßes Taschentuch gezogen. Und dann hat er erst mal
allen, mit demselben Taschentuch natürlich, die Nase geputzt. Aber ich glaube nicht,
dass davon einer krank geworden ist, sondern das fanden alle sehr schön.
Erzählerin:
Viele Jahre später, bei der Feier zum 10. Geburtstag der Königsheide im Oktober 63,
zu der die ehemaligen Kinder und Erzieher und auch Ingrid G. eingeladen waren,
sagte Günther Riese ...
Ingrid G. :
Da sagte er, er findet ja, dass die Leute, die in der Königsheide als Kinder waren und
nun Erzieher sind, eigentlich wieder in die Königsheide zurück müssten.
Erzählerin:
Zwei Monate später arbeitete Ingrid G. in der Königsheide. Aber sie war nicht lange
mit Günther Riese zusammen.
Ingrid G.:
Der ist von einem Tag auf den andern... musste er gehen.
Erzählerin:
Was waren das für Menschen, die einem Mann wie Günther Riese das Leben so
schwer machten, dass er von sich aus 1965 das Heim verließ und es nie wieder
betrat? Was waren das für Menschen?
In Bertolt Brechts Vorbemerkung zu "Turandot" aus dem Jahr 1953 steht:
"Unüberzeugt, aber feige, feindlich, aber sich duckend begannen verknöcherte
Beamte wieder gegen die Bevölkerung zu regieren."
Dieter E.:
Wenn du fragst, wie Günther Riese und warum Günther Riese, heute würde man
sagen, weggemobbt worden ist. In der Tat hat sich das auch so vollzogen.
Erzählerin:
Dieter sucht in seinen Unterlagen ein Papier über den Weggang Günther Rieses. Vor
einiger Zeit hat er im Landesarchiv Berlin ein Dokument vom Mai 1962 gefunden die Berichterstattung einer sogenannten Kontrollbrigade.
Dieter E.:
Da kam mir entgegen, dass man Günther Riese vorgeworfen hat, dass er sich zu
wenig um die staatsbürgerliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen gekümmert
hat. Er hätte sich zu stark um Versorgungsfragen gekümmert.
8
Da muss man sich mal zurückerinnern! 1962, nach Abschluss des sozialistischen
Frühlings in der Landwirtschaft, gab es große Versorgungsprobleme in der
damaligen DDR. Es gab keine Kartoffeln. Unter anderem ist der Nudelsalat damals
erfunden worden. Aber in der Königsheide gab’s täglich Kartoffeln. Gab's genügend
Fleisch. Und das wirft man dem Günther Riese vor. Ich meine, 600 Kinder mit
entsprechenden Lebensmitteln zu versorgen, das war zu dem damaligen Zeitpunkt
eine enorme Leistung.
Erzählerin:
Einige Zeit davor hatte eine ausländische Delegation das Heim besichtigt.
Dieter E.:
Der eine Mitarbeiter, der diese Delegation begleitet hat, der warf Günther Riese vor:
Es ist alles ganz schön und gut, aber er vermisse die Wandzeitungen in den
Gruppen. Da hat Günther Riese geantwortet: "Würdest du in deiner Wohnung auch
eine Wandzeitung aufhängen?" Es waren ja unsere Wohnhäuser.
Inge H.:
Es ist genau, wie es dann überhaupt in der DDR gewesen ist - es ist irgendwie alles
zerbröselt und zerbrochen. Günther Riese war natürlich auch ein sehr eigenwilliger
Mann. Der hatte dafür gesorgt, dass nach 1945 die Jugendwerkhöfe offen wurden,
dass die keine geschlossenen Anstalten mehr waren. Das war einer von diesen
guten Leuten, die nach '45 was Neues schaffen wollten. Und der kam in Konflikte mit
der Administration und mit den Bürokraten, die da in den Ämtern waren. Er ist den
Anweisungen nicht gefolgt, die er kriegte. Und dann musste er irgendwann auch
weggehen. Und dann ist in der Königsheide - Ich habe das nicht mehr erlebt, ich
habe das nur gehört -. Dann hat sich auch die Atmosphäre in der Königsheide
verändert. Zu der Zeit, als ich da war, waren die Kinder glücklich und hatten eine
glückliche Zeit dort.
Ingrid G.:
Ich muss mal gucken, wo ich das habe. Vielleicht find ich’s gleich.
Erzählerin:
Ingrid G., die als Kind in der Königsheide war, hat von 1964 bis 1972 selbst dort als
Erzieherin gearbeitet. Sie sucht für mich das Tagebuch ihrer Gruppe, in das die
Kinder alle Theaterbesuche, alle wichtigen Ereignisse aufgeschrieben haben. Ingrid
hat die guten Traditionen der Königsheide weiterzuführen versucht. Ganz ist es den
verknöcherten Beamten nicht gelungen, Günther Riese zu verdrängen. Er starb
1985, existiert aber noch heute in den Köpfen und Herzen aller "Königskinder", die
ihn erlebt haben.
Ingrid G.:
Das hüte ich wie meinen Augapfel. Und im Testament werde ich hinterlassen, dass
das eines meiner Heimkinder dann kriegt. Guck mal mit Fotos! Da waren wir bei
Helene Weigel. Bericht über den Besuch bei Helene Weigel. Das muss ich dir
vorlesen, das ist herrlich.
Wir drei sollten zu Helene Weigel fahren, Ruth, Jürgen und ich. Wir fuhren zuerst mit
der S-Bahn bis Friedrichstraße. Dann stiegen wir aus und liefen bis zum Berliner
Ensemble. Wir fragten, wo wir Helene Weigel finden können.
9
Der Pförtner gab uns zur Antwort: "Da müsst ihr die Treppe hochgehen und links um
die Ecke." Da kam uns eine Frau entgegen und fragte, wo wir hinwollten. "Zu Helene
Weigel." Die Frau sagte: "Sie ist schon zu Hause." Jürgen fragte: "Wo ist das
Sekretariat?" Da sagt sie: Gleich lings." Links mit "g".
Als wir im Sekretariat waren, fragte uns eine Frau, wo wir hinwollten. Da sagten wir:
"Zu Helene Weigel. Da sagte eine Frau: "Das bin ich. Kiek mal, die haben sich nich
abschrecken lassen von der, die gesagt hat, die ist zu Hause! Is det nich toll! Ick
finde det toll. Da kann man doch halten von wat man will! Aber det is doch toll!"
Erzählerin:
1972 haben Ingrids Kinder das Kinderheim Königsheide verlassen.
Ingrid G.:
Also, ich muss sagen, die waren alle sehr kräftig. Es ist niemand von denen kriminell
geworden. Keiner. Es ist niemand vor Gericht gelandet. Ganz im Gegenteil, die sind
alle ihren Weg gegangen.
Erzählerin:
Stolz ist Ingrid auf diesen pädagogischen Erfolg. Sie hatte aus ihrem eigenen
Schicksal gelernt. Als sie mit 14 Jahren nach der 8. Klasse die Königsheide verließ
und Pädagogin werden sollte, kam sie ohne den Schutz des Heims nicht zurecht. Sie
schmiss die Ausbildung und strauchelte.
Ingrid G.:
Und bin dann ins Mädchenwohnheim Blum-Straße gekommen. Dann begann für
mich wirklich ein Horrortrip.
Erzählerin:
Kaum zu glauben, dass sie es doch geschafft hat. Heute arbeitet Ingrid als
Sonderpädagogin in einer therapeutischen Praxis und hat schon einigen Kindern
geholfen, die einen Selbstmordversuch hinter sich haben. Vielleicht versteht sie diese
Kinder deshalb so gut, weil sie das alles am eigenen Leib erlebt hat.
Ingrid G.:
Ich war auch sehr labil und sehr instabil. Mich hätte man auch nach allen Seiten
hinreißen können. Wenn einer gekommen wäre und gesagt hätte: Komm, wir gehen
jetzt Automaten knacken, hätte ich mitgemacht.
Erzählerin:
Und Ingrid wurde mit dem Funkwagen nach Alt-Stralau gebracht, in das gefürchtete
Heim für gefallene Mädchen, in dem auch die spätere Schauspielerin Eva Maria
Hagen war. Die Direktorin kannte Ingrid als behütetes Kind aus der Königsheide und
war verwundert.
Ingrid G.:
Die hat dann der Polizei gesagt: "Wo sind denn die Unterlagen vom Jugendamt?" "Wir ham hier nischt! Wir sollen die hier nur abjeben!" Und da habe ich das erste Mal
in meinem Leben gedacht, ick bring mich um!
10
Erzählerin:
Wieder fühlte sich Ingrid wie ein herumgestoßenes Waisenkind. Sie träumte
manchmal von der Königsheide und dachte an ihre Erzieherin Inge.
Ingrid G.:
Als ich nach Stralau kam, da wusste ich nicht mehr, wo sie ist, was mich damals sehr
traurig gemacht hat. Die Zeit, als ich in Stralau war, da habe ich manchmal gedacht:
Ah, wenn sie das wüsste, würde sie mir helfen.
Erzählerin:
Ich besuche Ingrid in ihrer sonderpädagogischen Praxis in Berlin-Friedrichsfelde.
Die Kinder kommen aus allen Himmelsrichtungen. Ingrid kennt die Bedürfnisse ihrer
kranken Seelen.
Ingrid G.:
Die sind arm an Emotionen und arm an Zuwendung. Denen fehlt Liebe. Keine
Nintendos. Warum leben denn so viele Kinder auf der Straße. Die holen sich von sich
selber die Liebe, aus ihren Gruppen. Ich denke, das ist einfach eine verrohte
Gesellschaft. Die werden schon mit Aggressionen groß. Das sehe ich ja in der
Praxis. Wenn diese Gesellschaft - ich will gar nicht vom Staat sprechen, weil das
Quatsch ist, wer ist der Staat? - wenn diese Gesellschaft nicht mehr sich wirklich,
und das ist das, was ich bei Riese immer fand, wirklich, mit wirklicher Anteilnahme
den Kindern zuwendet, dann wird das noch mehr aus dem Ruder laufen. Und ich
muss wirklich sagen, ich bin kein Mensch, der die DDR zurück haben will, zu denen
gehöre ich überhaupt nicht, gar nicht, aber wenn man hätte das geschafft und
gewollt, vor allem, wenn man’s gewollt hätte, dann hätte man es auch geschafft, sich
hätte am Anfang zusammengesetzt und auch noch zwei Jahre, drei Jahre, vier Jahre
später wäre das gegangen, und hätte gesagt: So, jetzt ist Schluss. Jetzt gucken wir
mal, wat war denn toll hier, wat war da toll. Und jetzt suchen wir mal zusammen, was
können wir jetzt umsetzen. Dann wärn wir heute weiter.
Erzählerin:
Dieter und ich stehen vor dem schmiedeeisernen Eingangstor der Königsheide. Es
weht ein kalter Wind, und Dieter hat weder Jacke noch Schal. Er friert. Die Kiefern,
die die Kinder Anfang der fünfziger Jahre gepflanzt haben, sind groß und knorrig
geworden. Ein wunderschönes Waldgebiet. Mitten in der Stadt. Aber seit 1997 sind
die Gebäude leer, ohne Leben.
Aus einem Brief von Günther Riese an eine Erzieherin:
Zitator:
Ja, wir hatten doch so etwas wie eine andere Atmosphäre der besonderen Art. Wo
immer Du unter den Kindern und unter uns warst, trotz nicht vergessener
Schmerzen, hast Du die Welt freundlicher gemacht.
In all den Jahren schwerer Verantwortung wusste ich immer, Du trägst sie mit und
machst sie damit leichter. Und was unser Lied "Wahre Freundschaft" angeht ..
...neige ich dazu zu glauben, dass sie uns alle berührt und in manchem Kinderherz
ein Fünkchen gezündet hat, das, ins Leben gewachsen, Liebe heißt. Ein nicht zu
unterschätzendes Therapeutikum.
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