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Die Akzeptanzkrise der Wirtschaft – was tun - CONTUR GmbH

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Die Akzeptanzkrise der Wirtschaft – was tun?
Vortrag auf der Mitgliederversammlung
des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie e. V.
am 6. Juni 2008 in München
von Prof. Dr. Dr. Karl Homann, LMU München
1. Die Lage
Die Wirtschaft in Deutschland steckt in einer tiefen Akzeptanzkrise. Die
Zustimmungswerte bewegen sich in Umfragen gerade noch im zweistelligen
Bereich. Wie auch die Berichte über den Katholikentag in Osnabrück zeigen
(FAZ vom 26.05.08), befinden wir uns mitten in einer Systemdiskussion, die
sich auch bereits auf die politischen Kräfteverhältnisse, Stichwort: Linksruck,
auswirkt. Die Jusos haben soeben ein Positionspapier mit der Forderung nach
Überwindung des Kapitalismus verabschiedet.
Die Folgen sind alarmierend. Das Ansehen der Wirtschaftseliten ist auf einen
Tiefstpunkt in der Nachkriegszeit angelangt. Deutschland verliert an
Attraktivität als Industriestandort. Das System der Sozialen Marktwirtschaft
droht zu einer sozialistischen Marktwirtschaft zu verkommen, und auch der
Wertschöpfungsprozess in den Betrieben wird durch Demotivierung der
Mitarbeiter in Mitleidenschaft gezogen.
Im Vergleich zur letzten großen Systemdiskussion in den Jahren nach 1968 ist
die heutige Krise bedrohlicher: Damals blieb die Kritik auf bestimmte
intellektuelle Kreise beschränkt, heute sind breite Kreise der Bevölkerung von
tiefem Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft erfasst, wie die Umfragen
zeigen, und sogar führende Unionspolitiker äußern öffentlich Unmut über
Entscheidungen der Wirtschaft und über das Verhalten der Manager.
Bei der Frage nach einer ursachenadäquaten Gegenstrategie muss man sich
zunächst vor Augen halten, dass die Kritik an der Wirtschaft nicht auf
ökonomischen, sondern auf zutiefst moralischen Bedenken gründet: Markt
und Wettbewerb prämierten Egoismus und Materialismus, sie zerstörten die
Solidarität und würden die soziale Gerechtigkeit untergraben. Die Menschen
stellen auch heute – wie immer in Umbruchzeiten – moralische Fragen, und
solche Fragen können grundsätzlich nicht mit dem Hinweis auf ökonomische
Performance beantwortet werden. Dass wir eine Million Arbeitslose weniger
haben als vor zwei Jahren, hilft der Wirtschaft im öffentlichen Diskurs so gut
wie gar nichts. Moralische Fragen verlangen moralische Antworten, und hier
liegen die größten Defizite. Die Unternehmen sind in allen Krisen und
Skandalfällen der letzten Jahrzehnte „moralisch stumm“ geblieben, wie der
Kollege Guido Palazzo, jüngster Max-Weber-Preisträger für Wirtschaftsethik,
in einer empirischen Untersuchung festgestellt hat.
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Die Menschen verstehen sich als moralische Subjekte, und wenn ihre
moralischen Orientierungsfragen nur mit dem Hinweis auf ökonomische
Erfolge beantwortet werden, fühlen sie sich provoziert, weil sie sich nicht als
moralische Subjekte anerkannt sehen. Der Bundespräsident hat in seiner
Rede zur Verleihung des Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik in der letzten
Woche gefordert, dass sich die Führungskräfte der Wirtschaft „an der
gesellschaftlichen Wertediskussion beteiligen. Das ist mir eigentlich fast das
Wichtigste: Sie sollen Flagge zeigen. Sie sollten den Dialog nicht scheuen,
sondern vielmehr kämpfen für die Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft.
Das gelingt nur, wenn sie zeigen, dass sie ernst nehmen, was die Gesellschaft
beschwert und wenn sie vorleben, dass Anstand und Aufrichtigkeit eine
Bedingung dafür bilden, nachhaltig Werte zu schaffen.“
Was ist zu tun?
2. Die Ursachen
Bevor man eine Therapie ansetzt, denkt man sinnvoller Weise erst einmal
über die Ursachen der Krankheit nach. Da es sich, wie soeben festgestellt, um
eine Krise handelt, die das moralische Welt-, Wirtschafts- und
Selbstverständnis der Menschen betrifft, müssen wir besonders auf diese
Dimension fokussieren. Allerdings müssen moralische Werte/Ideale immer
unter konkreten empirischen Bedingungen umgesetzt werden, so dass es
genau dieses Zusammenspiel von ethischen und empirischen Faktoren ist, das
bei den Menschen solche moralischen Fragen und Widerstände hervorruft.
1.
Viele Menschen, auch viele Intellektuelle, Kirchen- und Medienvertreter
und sogar Politiker, verstehen die funktionalen Zusammenhänge von
Marktwirtschaft und Globalisierung nicht. So kommt es zu Angstreaktionen,
artikuliert im weit verbreiteten Betroffenheitsjargon. Insbesondere verstehen
diese Menschen die Funktion von Gewinnstreben und Wettbewerb nicht, sie
sehen nicht die Vorteile der Globalisierung, obwohl sie sie täglich bei ihren
Einkäufen
mitnehmen,
usw.
In
aller
Regel
haben
sie
das
Nullsummenparadigma im Hinterkopf, mit dem die Marktwirtschaft nun
wirklich nicht zu begreifen ist. Und der permanente Strukturwandel sowie das
Fehlverhalten einzelner Führungskräfte bestärkt die Menschen in ihrer
Ablehnung des Systems.
2.
Vor allem verstehen sie nicht, dass die Marktwirtschaft mit
Gewinnstreben, Wettbewerb und permanentem Strukturwandel eine
moralische Qualität haben soll. Eine solche moralische Qualität hat sie, weil
diese Mechanismen einen breiten Massenwohlstand hervorgebracht haben, an
dem jeder mehr oder weniger partizipiert. Was den Menschen abverlangt
wird, sind Einsichten, die unseren natürlichen Empfindungen häufig direkt
zuwiderlaufen. So ist Wettbewerb – unter einer geeigneten Rahmenordnung –
nicht unsolidarisch, wie sehr viele Menschen meinen, sondern solidarischer als
Teilen und damit ein sittlicher Imperativ: Man denke an den Wettbewerb auf
dem
Telefonmarkt,
der
allen,
auch
den
Armen,
neue
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Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet hat. Marktwirtschaft ist im Ergebnis
institutionalisierte
Nächstenliebe
–
freilich
ohne
die
emotionalen
Komponenten, die wir gemeinhin mit dem Wort „Liebe“ verbinden.
3.
Es kommt noch schlimmer: Häufig verwenden die Befürworter der
Marktwirtschaft Argumente, die bei genauerer Betrachtung das Wasser auf die
Mühlen der Gegner leiten, kurz und in der aktuellen Sprache des Sports: Die
Verteidiger fabrizieren Eigentore. Zwei Beispiele dazu:
Wer z. Bsp. argumentiert, die Marktwirtschaft werde erst durch den Zusatz
„sozial“ moralisch akzeptabel – so die weit verbreitete Meinung bis hinauf in
die Politik –, behauptet im Umkehrschluss, dass die Marktwirtschaft als solche
unmoralisch ist. Außerdem macht er das Ausmaß der Sittlichkeit vom Ausmaß
der sozialen Korrekturen an der Marktwirtschaft abhängig – und plädiert,
durchaus wider Willen, für solche Korrekturen, bis von Markt und Wettbewerb
wenig oder nichts mehr übrig bleibt.
Das andere Beispiel: Oft wird gesagt, man könne nur verteilen, was zuvor
verdient wurde. Das ist trivial richtig. Wenn dieses Argument aber zur
ethischen Rechtfertigung der Marktwirtschaft verwendet wird, dann wird die
Moral dominant oder gar allein auf das Verteilen, auf das Umverteilen, auf die
Gewinnverwendung gestützt, wofür man – bedauerlicherweise – das Erzielen
von Gewinnen in Kauf nehmen müsse. Damit teilt man aber genau die
Hintergrundvorstellungen der Kritiker der Marktwirtschaft. Es wird
preisgegeben, dass die moralische Qualität der Marktwirtschaft primär und
absolut vorrangig in der Versorgung der Allgemeinheit mit guten, preiswerten,
innovativen Produkten und Dienstleistungen liegt, also in Tätigkeiten, die mit
der Gewinnerzielung verbunden sind und nicht mit Verteilen und Umverteilen.
In der Marktwirtschaft kann, wenn sie richtig konstruiert ist, nur der Gewinne
machen, der seinen Mitmenschen etwas zu bieten hat, was diese wünschen.
Die moralische Qualität der Marktwirtschaft liegt in diesem Dienst an den
Mitmenschen begründet.
4.
Als weitere bedeutende Schwierigkeit für die Akzeptanz der
Marktwirtschaft kommt hinzu, dass die Kenntnis der Funktionsweise und der
Spielregeln nicht schon garantiert, dass die Menschen sie auch einhalten. Es
ist durchaus menschlich, dass unter dem Druck der Verhältnisse
(Wettbewerb) und der alltäglichen Erfahrung, dass andere mit scheinbar
guten Gründen Ausnahmen von den Regeln in Anspruch nehmen, die Regeln
aufgeweicht und ihr Sinn permanent wieder „vergessen“ wird – zumal wenn –
im politischen Wettbewerb – immer Politiker auftreten, die die Menschen in
ihrer Meinung, man müsse die marktwirtschaftlichen Prinzipien aufweichen,
bestärken. Auf diese Weise ist das Leitbild der Marktwirtschaft permanent von
Erosion bedroht. Kurz: Man „lernt“ Marktwirtschaft nicht ein für alle mal,
vielmehr müssen Funktionsweise, moralischer Sinn und das Festhalten an
ihren Prinzipien permanent erneuert, aufgefrischt, gestärkt und im
öffentlichen Diskurs präsent gehalten werden. – Diese Diskussion ist seit
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Jahrzehnten schwer notleidend, ja, die permanente Gefahr der Erosion wird
nicht einmal in der Wissenschaft immer wahrgenommen.
5.
Wir können die tiefere, die geistige Ursache der Akzeptanzkrise sehr
holzschnittartig auch wie folgt bestimmen: Unsere grundlegenden
Vorstellungen von Moral sind historisch vor dem Hintergrund vormoderner
Gesellschaften entstanden, und in diesen Vorstellungen sind wir sozialisiert
worden. Inzwischen leben wir aber in modernen Gesellschaften, für die diese
Vorstellungen – etwa vom Teilen und vom Maßhalten – so einfach nicht mehr
passen. Es gilt, die Prinzipien der christlich-abendländischen Moral, also vor
allem Freiheit und Würde des Einzelnen und die Solidarität aller, für die völlig
anderen Strukturen moderner Gesellschaften umzuformulieren. Daraus
ergeben sich dann so kontraintuitive Sätze wie: Wettbewerb ist solidarischer
als Teilen, oder: Gewinnstreben der Unternehmen ist sozialer als Umverteilen.
Auf den ersten Blick laufen diese Gesetze unseren moralischen Intuitionen
zuwider, und es erfordert ökonomische und ethische Einsicht, sie voller
Überzeugung akzeptieren zu können.
3. Die Therapie – allgemein
Wie Sie sehen, ist eine geistig-moralische Neuorientierung nötig, die in tiefe
Schichten des öffentlichen und sogar des privaten Bewusstseins reicht – und
diese Neuorientierung verfolgt den Zweck, die grundlegenden moralischen
Prinzipien unserer Kultur unter den veränderten Bedingungen lebendig zu
erhalten. Bei einer solchen Aufgabe sind schnelle Erfolge nicht zu erwarten.
Aber auch lange Wege müssen mit vielen kleinen Schritten zurückgelegt
werden.
Ich will Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, wie die gegenwärtig
kulminierende Akzeptanzkrise der Wirtschaft in Deutschland überwunden
werden kann. Dieser Vorschlag ist, wie meine Ausführungen heute insgesamt,
mit einer Reihe führender Persönlichkeiten der Wirtschaft, auch aus der
Chemieindustrie, in einer ersten Runde schon einmal andiskutiert und als
Grundlage weiterer Überlegungen für brauchbar befunden worden. Bevor
einzelne Maßnahmen zur Sprache kommen, soll die Strategie der Therapie in
allgemeiner Weise formuliert werden.
Notwendig sind verstärkte Investitionen in die wirtschaftsethische
Gestaltungs- und Kommunikationskompetenz der Führungseliten und der
Nachwuchsführungskräfte.
Es geht um wirtschaftsethische Kompetenzen, also ganz entschieden um die
Integration ökonomischer und ethischer Kompetenzen, weil moralische Fragen
der Menschen nicht mit Hinweisen auf ökonomische Erfolge beantwortet
werden können.
Bei einer solchen Herkules-Aufgabe schaut man sich zweckmäßiger Weise
nach Mitstreitern um. Doch da sieht es düster aus: Die Krise besteht gerade
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darin, dass die Wirtschaft allein da steht. Die Politik z. B. leidet selbst unter
einer Akzeptanzkrise und versucht, bis tief in die Unionsparteien hinein,
dadurch Boden gut zu machen, dass sie sich opportunistisch über die
Entscheidungen der Wirtschaft und ihrer Führungskräfte öffentlich und
medienwirksam empört. NGOs und Medien leben davon, dass sie
Betriebsschließungen, Standortverlagerungen und das Fehlverhalten Einzelner
anprangern. In den Kirchen wird zum Teil ganz offen die Systemfrage wieder
gestellt, wie der Katholikentag in Osnabrück etwa gezeigt hat, und auch die
meisten Gewerkschaften stimmen in alter Klassenkampf-Rhetorik und -Praxis
in dieses Konzert ein – mit Ausnahme der IGBCE, auf die ich später noch
einmal zurückkomme.
Daraus folgt: Die Wirtschaft muss ihre ethische Akzeptanz in eigener Regie
organisieren.
Dazu ist es erforderlich, im Laufe der Zeit zu einem fest vereinbarten Lernund Diskursprozess unter wissenschaftlicher Begleitung zu kommen.
Allererste Schritte dazu sind gemacht. Um den Prozess auf Dauer zu stellen,
sind jedoch weitere personelle, organisatorische und finanzielle Ressourcen
nötig, um die ich hier ausdrücklich bitten möchte.
4. Die Therapie – konkret
In diesem Teil meines Vortrags stelle ich ein Bündel von Maßnahmen vor, die
– ohne Anspruch auf Vollständigkeit – auf mittlere bis lange Sicht Erfolge zu
versprechen scheinen. Diese Maßnahmen müssen strategisch gesehen
werden: Einzelaktivitäten, die vielleicht sogar nur punktuell und unkoordiniert
ergriffen werden, nützen nicht nur nichts, sondern schaden häufig sogar: So
wird der Griff nach dem rettenden Strohhalm CSR inzwischen bereits als eine
Form modernen Ablasshandels etikettiert.
Ich beginne mit Maßnahmen, die sich an die Industrie selbst richten, bevor ich
dann solche aufzeige, die andere Adressaten einbeziehen.
1.
Mir leuchtet sehr ein, dass sich die Industrie zunächst auf gemeinsame
Werte verständigen muss – auf einige wenige, nicht auf einen ganzen
Katalog, der alles enthält, „was gut und teuer ist“, aber dann ohne
Wirksamkeit bleibt. Diskutiert wird z. Z. mit vier Werten: Leistung,
Nachhaltigkeit, Glaubwürdigkeit und Solidarität.
2.
Die ethische Gestaltungskompetenz der Industrie wird dadurch
gestärkt, dass Ethik in die Unternehmensstrategie integriert wird. Neben
technischen, ökonomischen und politischen Risiken gibt es auch moralische
Risiken, wie einige Unternehmen in der Vergangenheit schmerzlich erfahren
mussten. Moral in Form integerer Unternehmensführung und guter –kultur ist
eine Ressource, und es ist Aufgabe des Managements, diese Ressource zum
Wohl des Unternehmens – und damit zum Wohl der Allgemeinheit – zur
Entfaltung zu bringen. Es ist zu untersuchen, an welchen Stellen Moral i. w. S.
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in den Wertschöpfungsketten zur Geltung gebracht werden kann. Nur wenn
die Bemühung darum nachhaltig praktiziert und entsprechend kommuniziert
wird, können Unternehmen auch darauf rechnen, dass ihnen Fehler, die bei
ihnen wie bei allem menschlichen Tun vorkommen, von der Öffentlichkeit
auch „verziehen“ werden. Kurz: Es ist eine strategische Aufgabe des
Managements, Moral von einem Kostenfaktor zu einem Produktionsfaktor zu
entwickeln.
3.
Die z. Z. wohl größten Defizite liegen in der wirtschaftsethischen
Kommunikationskompetenz der Führungskräfte. Der wesentliche Grund liegt
darin, dass diese Kompetenz in keinem Ausbildungsgang für Führungskräfte
vermittelt wird – von den ganz wenigen Hochschulen abgesehen, die seit
einigen Jahren Wirtschaftsethik anbieten. Und dass diese Kompetenz nicht
trivial ist und allein mit persönlichem „guten Willen“ nicht erfolgreich
praktiziert werden kann, habe ich oben gezeigt. Es bedarf dafür einer
belastbaren theoretischen Grundlage, und auch die haben wir bis vor wenigen
Jahren nicht gehabt. (Vgl. Karl Homann: Ethik in der Marktwirtschaft, Köln
und München 2007; zu beziehen beim Roman-Herzog-Institut e.V. in
München.)
So wie die Dinge liegen, wird diese Kompetenz wohl am besten in speziellen
Seminaren für (Nachwuchs-)Führungskräfte erworben werden können, wofür
wir vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik Angebote machen. Ohne ein
Grundwissen, wie sich die Marktwirtschaft mit Gewinnstreben und Wettbewerb
als ethisch geboten rechtfertigen lässt, werden die Führungskräfte
weitreichende Einzelentscheidungen der Belegschaft und der Öffentlichkeit
gegenüber kaum glaubwürdig vermitteln können. Vor allem werden sie nicht
in der Lage sein, in moralischem Gewand daher kommende Ansinnen mit
guten, d. h. mit ethischen Gründen zurückzuweisen. Ein solches Ansinnen z.
B. ist die Erwartung breiter Kreise der Öffentlichkeit, große Gewinne für den
Erhalt nicht mehr marktgerechter Arbeitsplätze zu verwenden. Was sagen Sie
dazu? Führungskräfte, die nicht nachvollziehbar zeigen können, dass die
Unternehmen auch in unpopulären Entscheidungen noch der Allgemeinheit
dienen und nicht nur den Shareholdern, werden in der öffentlichen Kritik nicht
bestehen können.
4.
Wenn wir uns den Maßnahmen zuwenden, die auch externe Adressaten
einbeziehen, so sind natürlich zuerst PR-Kampagnen zu nennen. Sie sind
unverzichtbar. Aber wenn solche Kampagnen, wie häufig in der
Vergangenheit, mehr oder weniger allein stehen, schaden sie mehr als dass
sie nützen: Ohne eine entsprechende Untermauerung in der Praxis und ohne
belastbare, theoretische, d. h. ethische Fundierung halten sie der Kritik nicht
stand und untergraben dann die eigene Glaubwürdigkeit.
5.
Viel wichtiger sind Dialogveranstaltungen und Hintergrundgespräche
mit Führungseliten anderer gesellschaftlicher Organisationen und mit
Meinungsführern der Gesellschaft, also der Kirchen, NGOs, Medien, Politik.
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Wichtig ist vor allem auch das Gespräch mit den Gewerkschaften, wo dieses
möglich ist.
Hier kann gerade die Chemieindustrie auf ein herausragendes Beispiel
verweisen,
den
Wittenberg-Prozess
der
Chemie-Sozialpartner
„Verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft“.
Der Prozess wurde im vergangenen Jahr mit einem Kongress in Berlin
eröffnet. Inzwischen haben Arbeitstagungen in Wittenberg stattgefunden zu
folgenden Themen: Marktwirtschaft braucht nachhaltigen unternehmerischen
Erfolg; Globalisierung; gute Arbeit; Humankapital fördern und „Responsible
Care“. Die bisherigen Ergebnisse werden am 14. August 2008 in Berlin
vorgestellt, und die Fortsetzung des Prozesses ist bereits verbindlich geplant.
Bei diesem Prozess der Sozialpartner in der Chemieindustrie handelt es sich
um eine grundlegende soziale Innovation. Ein Kollege vom MIT, der in
Beratungsprozesse in den USA involviert ist, zeigte genau daran größtes
Interesse. Für den Kongress im August hat der Bundespräsident sein Kommen
zugesagt – und bereits jetzt detaillierte Unterlagen angefordert. Schließlich
gibt es Überlegungen, ähnliche Prozesse der Sozialpartner in anderen
Industriezweigen durchzuführen – was aber natürlich mit Gewerkschaften, die
weiter der Klassenkampf-Ideologie frönen, nicht möglich ist.
6.
Es ist zweckmäßig, solche Dialog-Prozesse durch externe Fachleute
bzw. Organisationen moderieren oder beraten zu lassen, durch Fachleute und
Organisationen, die über die erforderliche wirtschaftsethische Kompetenz
verfügen. Zentraler Gedanke muss sein, dass Moral und Eigeninteresse nicht
gegeneinander ausgespielt werden – in was für Varianten auch immer. Der
Wittenberg-Prozess der Chemie-Sozialpartner wird vom Wittenberg-Zentrum
für Globale Ethik begleitet.
7.
Ein ganz wesentliches Element in der Strategie, die verloren gegangene
Akzeptanz zurück zu gewinnen, ist die Integration wirtschaftsethischer Fragen
in das gesamte Ausbildungssystem ab Sekundarstufe I. Ein Problem sind die
Lehrer: Sie sind größtenteils in den Jahren nach 1968 ausgebildet worden,
und Lehrpläne und Schulbücher strotzen von moralisierenden, zwischen den
Zeilen oft antimarktwirtschaftlich unterlegten, Appellen an den „guten Willen“;
in berufsbildenden Schulen ist es nicht anders.
Optimistisch stimmt hier die Arbeit des Instituts für ökonomische Bildung in
Oldenburg: Übers Internet werden die Lehrer für Sozial- und Wirtschaftskunde
nachgeschult; das Modul „Wirtschaftsethik“ habe ich mit einem Mitarbeiter
erstellt. 8 Bundesländer machen bereits mit, und Übersetzungen ins Russische
und Chinesische sind in Arbeit.
Ohne das Wissen um die grundlegenden Funktionszusammenhänge der
Marktwirtschaft und ihre letztlich moralische Qualität wird man die
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nachwachsende Generation nicht gewinnen können. Erste Erfolge dieser
Maßnahme, wenn man mit den Kultusbehörden – ein weiteres Problem –
überhaupt Einvernehmen erzielen kann, werden sich erst in 8 – 10 Jahren
einstellen. Aber man sollte sich vor Augen halten, dass die gegenwärtige Krise
ihrerseits das Ergebnis von jahrzehntelangen Versäumnissen auf diesem
Gebiet ist. Eine Gesellschaft, die in ihren Moralvorstellungen gegen Markt und
Wettbewerb, gegen Eigeninteresse und Gewinnstreben eingestellt ist, wird
aufgrund emotionaler und kognitiver Dissonanzen bei den Menschen im
globalen Wettbewerb zurückfallen.
8.
Gleiches gilt für die Generation der Erwachsenen. Auch denen fehlt das
Verständnis der Funktionszusammenhänge der Marktwirtschaft und die
Einsicht in ihre moralische Qualität. Diese Menschen erreicht man natürlich
nicht mehr über die Schulen, sondern nur noch über die Medien. Wir haben
heute
hervorragende
Fernsehsendungen
über
naturwissenschaftlichtechnische Zusammenhänge, aber es gibt nichts dergleichen über
wirtschaftsethische Fragen: Die kommen nur in wirtschaftskritischen
Magazinen und Talkshows vor. Es ist eine strategische Aufgabe ersten
Ranges, dieses Feld nicht populistischen Kritikern zu überlassen. Natürlich
gehört zu jeder Wissenschaft auch Kritik, aber solange sie sachlich begründet
ist, sollte die Industrie sie nicht fürchten, sondern begrüßen: Zu jedem
Lernprozess gehören Kritikfähigkeit und aktive und passive Kritikbereitschaft.
5. Schlussbemerkungen
Um Konrad Adenauer zu zitieren: Die Lage ist ernst. Sie ist ernster als nach
1968, weil heute breite Schichten der Bevölkerung dabei sind, unserem
Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die Legitimation zu entziehen.
Es wird nicht helfen, die Krise aussitzen zu wollen und darauf zu warten, dass
sich die Stürme legen. Bloße PR-Kampagnen helfen auch nicht. Mitstreiter aus
anderen gesellschaftlichen Organisationen sind nicht in Sicht. Die Industrie ist
also auf sich allein gestellt.
Ich wollte mit meinen Ausführungen zeigen, dass man die Sache strategisch
angehen muss. Dabei dürfte die größte Schwierigkeit darin bestehen, eine
solche Strategie zu organisieren. Schließlich handelt es sich um ein
Kollektivgut, und da ist jeder versucht zu denken: Hanemann, geh’ Du voran!
Eine kleine Kerngruppe hat sich gebildet – springen auch Sie über Ihren
Schatten und helfen Sie mit personalen und finanziellen Ressourcen. Es steht
nicht weniger auf dem Spiel als der Industriestandort Deutschland.
Ihr Ansprechpartner in der CONTUR:
Volker Maschmeyer
Tel.: 0511 9 69 68 21
mail: v.maschmeyer@contur-online.de
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