close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

"Was du wolle

EinbettenHerunterladen
"Was du wolle?" / In seiner Autobiografie beschreibt der farbige Thomas
Usleber den alltäglichen Rassimus in Deutschland
Von Annette Vielhauer – FR 04.10.2002
Deutsch und schwarz. Wie schwierig es ist, als Farbiger in Deutschland aufzuwachsen und zu
leben, schildert Thomas Usleber, der in Dietzenbach lebt und in Frankfurt als Leiter der
Kommunalen Ausländervertretung arbeitet.
DIETZENBACH. "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Thomas Usleber
hat sich Brechts Worte zum Leitsatz gemacht und sich für das Kämpfen entschieden. Das Leben des
42-jährigen Leiters der Geschäftsstelle der Kommunalen Ausländervertretung in Frankfurt ist ein
täglicher Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung. Beruflich wie privat. Wird der farbige Deutsche
auf der Straße oder in der Bäckerei gefragt "Wo du komme?" oder "Was du wolle?", kann dem
ansonsten so humorvollen Beamten schon mal das Lachen vergehen. Doch der Wahl-Dietzenbacher
Usleber hat gelernt zu kontern. Als er während seiner Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten
(eine Berufsbezeichnung, die nur die deutsche Sprache zu kreieren vermag) einmal im Aufzug gefragt
wurde, ob er denn die Kopien, die er gerade angefertigt hatte, auch lesen könne, gab er die Antwort:
"Natürlich. Können Sie denn auch lesen?"
Nein, um Antworten verlegen ist der selbstbewusste Sohn einer ungarndeutschen Mutter und eines
afroamerikanischen Soldaten nicht. Das war nicht immer so. Aufgewachsen in Idar-Oberstein in armen
Verhältnissen, seinen Vater nicht kennend, seiner Hautfarbe wegen tagtäglich beäugt und
angefeindet, hatte sich Usleber in seiner Kindheit und Jugend immer weiter zurückgezogen, um nicht
mehr so verletzbar zu sein. Bis er sich entschied, auf die Menschen zuzugehen, Freunde zu suchen,
den eigenen Weg zu finden. Dieser Weg führte ihn nach Frankfurt, wo er die Beamtenlaufbahn
einschlug und zuletzt im Amt für multikulturelle Angelegenheiten arbeitete, bis er in diesem Sommer
zur Kommunalen Ausländervertretung wechselte.
Mit seiner Frau Marlene und seiner Tochter Denise lebt er seit 1987 in Dietzenbach. Der Wechsel
dorthin war für ihn eine Befreiung. Hier, wo dreißig Prozent Ausländer leben, war er - der vermeintliche
Ausländer - nicht mehr das "Wesen von einem anderen Planeten", als das er sich in Idar-Oberstein
gefühlt hatte. Was er an seiner Wahlheimat besonders mag, ist das Miteinander der
unterschiedlichsten Kulturen. Usleber, der sich in erster Linie als Mensch und nicht als Deutscher
definieren will, beschreibt sein Menschenbild als "quantenmechanisches": "Kein Mensch lebt für sich
allein, all sein Handeln und sein Denken hat Auswirkungen auf jeden anderen Menschen, mit dem er
in Kontakt tritt." Wie groß - im Positiven wie im Negativen - diese Auswirkungen sein können, schildert
er in seinem kürzlich erschienenen Buch Die Farben unter meiner Haut.
Was mag wohl einen Verleger an einem Beamten interessieren, der bereits mit Anfang Vierzig seine
Autobiografie verfasst? Volkhard Brandes vom Frankfurter Brandes & Apsel Verlag bringt es auf den
Punkt: "Das, was Thomas Usleber zu sagen hat, ist bislang einmalig" und meint damit die Darstellung
des alltäglichen Rassismus in Deutschland und die große Aufrichtigkeit der persönlichen Schilderung.
"Die Farben unter meiner Haut" ist ein schmales Buch, das seinen Lesern die Augen dafür öffnet,
welche Hindernisse ein Farbiger trotz seines deutschen Passes zu überwinden hat. Wie die vielen
kleinen schmerzhaften Erlebnisse, mögen sie manchmal noch so banal sein, zu einer nur mühsam
heilenden Wunde werden können, das wird hier auf unspektakuläre Weise spürbar.
Aber vor allem zeigt Usleber, dass es eine Alternative zu Hass und Anklage gibt: die Zuwendung zu
anderen Menschen, die zur wahren Heimat werden.
• Die Farben unter meiner Haut - Autobiografische Aufzeichnungen, im Verlag Brandes & Apsel
erschienen. Preis: 12,90 Euro.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
12
Dateigröße
77 KB
Tags
1/--Seiten
melden