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07.01.13: US-Wahlkampf: Eine Klarstellung, was ein Amerikaner ist

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Die Analyse des GEGENSTANDPUNKT-Verlags in Radio Lora Muenchen vom 7. Januar 2013
Womit es Barack Obama gelungen ist,
zum zweiten Mal als Präsident der USA eingeschworen zu werden:
Eine Klarstellung, was ein Amerikaner ist, braucht und will
Der amerikanische Wahlkampf war – wie es sich für die größte und mächtigste Demokratie gehört –
wieder einmal vorbildlich. Sowieso, was das Geld angeht: Zu betrachten war, wie dieser Höhepunkt
des demokratischen Lebens, bei dem der Bürger sich als der große Souverän fühlen darf, eine Angele ­
genheit organisierter Geldmacht der jeweiligen Parteien ist, die diese für ihre Propaganda-Inszenierun­
gen aufzubieten vermögen. Auch wieder sehr gelungen die von der Öffentlichkeit genussvoll aufberei­
teten weltrekordverdächtigen Orgien an politischem Fundamentalismus, Bigotterie, Heuchelei und Ge­
hässigkeit, mit denen der demokratische und der republikanische Präsidentschaftsanwärter sich bei ih­
rem Stimmvolk in Szene gesetzt haben, um sich als Führer glänzend und ihren Gegner jämmerlich
aussehen zu lassen. Was aber besonders hervorstach, war die typisch amerikanische Schnörkellosig­
keit, mit der Obama und sein Herausforderer von den Republikanern ausgebreitet haben, was der gan­
ze Inhalt der demokratischen Freiheit ist, die alle Wähler während und zwischen den Wahlen ausleben
dürfen.
Diese Freiheit wird in Amerika über alle Parteigrenzen hinweg mit drei Namen ausgelobt: „Jobs,
Jobs, Jobs!“
Ein „Job“ – das ist der Inbegriff gelebter amerikanischer Freiheit. Einen solchen zu suchen, zu finden
und nach Kräften auszufüllen, ist das Recht und die Pflicht jedes freien Amerikaners – schon gleich,
wenn im Land Krise ist. So kümmert er sich um nichts als sich selbst und alles, was ihm wichtig ist:
Das im Job erworbene Einkommen ist, egal wie hoch oder niedrig es ausfällt, sein Eigentum, von dem
er mit seiner Family autonom lebt. Abgesehen von der Bank, an die er seine Kredite abstottert, ist er
der Herr über sein per Einkommen aus seinem Job bezahltes Home, das mit seiner Gun zu verteidigen
sein verfassungsmäßiges Recht ist.
Der US-Amerikaner ist also ganz und gar seines Glückes Schmied – und als diesen sprachen ihn die
Präsidentschaftskandidaten an. Und sie versprachen ihm, dass sie mit all der Macht, die in dem von ih­
nen verteidigten bzw. angestrebten Amt liegt, dafür sorgen würden, dass der hart arbeitende Amerika­
ner die Gelegenheit bekommt, sich einen Job zu suchen, in dem er dann hart arbeiten und Geld verdie­
nen kann. Das ist doch einmal ein Wahlversprechen von entwaffnender Klarheit.
Die großartige Autonomie der freien Eigentümer soll es nämlich nur dann geben, wenn mächtige Män­
ner sich ihrer annehmen. Wenn die Wahlkämpfer sich in ihrer Werbung an das Wahlvolk wenden, dann
betrachten und behandeln sie die Umworbenen als eine Ansammlung ohnmächtiger Gesellen. Als
Hanswurste, die auch und gerade in ihrem elementarsten Lebensinhalt – dem Konkurrenzkampf um
einen Job – vollständig abhängig sind von den Bedingungen, die die Politik ihnen dafür serviert. Auf
ihre Führer sollen sie angewiesen sein, wenn sie einen Job behalten oder überhaupt erst bekommen
wollen. Ohne mächtige Führung also kein Job. Und ohne den ist im Reich marktwirtschaftlicher Frei­
heit keine Existenz zu haben. Diese Ideologie verbreiteten Barack Obama und sein Herausforderer
Mitt Romney im Wahlkampf unisono:
„Für euren Job braucht ihr mich an der Macht“!“
Noch jeder „presidential hopeful“ im „land of the free“ macht die Leute, die ihm zujubeln, als welche
an, die nichts anderes sind als abhängige Objekte der Entscheidungen staatlicher Amtsträger. Als Mit­
bürger, die über nichts von dem selbst zu bestimmen haben, was ihnen an Umständen und Mitteln ih­
res Lebenskampfes entgegentritt. Regiert werden ihre Lebensverhältnisse von den Mächtigen der
Politik, die ihre Macht dafür einzusetzen versprechen, dass der gute Amerikaner in seiner Ohnmacht
wieder eine Perspektive hat und „Jobs geschaffen“ werden – von tüchtigen amerikanischen Unterneh­
mern. Das ist die zweite, ebenso fundamentale und umfassende Abhängigkeit, auf die Obama und
Romney ihr Publikum mit allem Nachdruck gestoßen haben: Die ganze zupackende Art, die die Ame ­
rikaner in ihren eigenen Augen zu dem der ganzen Welt überlegenen Volk macht, lebt davon, dass sie
sich für irgendeinen kapitalistischen Gewinn nützlich machen kann. Ohne einen Kapitalisten, der ihn
für sein Business benutzen kann, steht der Amerikaner dumm da und auf der Straße – mit all seinem
GegenStandpunkt Analyse vom 7. Januar 2013
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Tatendrang, seiner unverletzlichen Freiheit und mitten in dem ganzen Reichtum des reichsten Landes
der Welt. Das soll aber überhaupt nicht gegen diese Unterordnung aller Anstrengungen unter die Ge ­
winnkalkulation kapitalistischer Unternehmen sprechen, sondern dafür, dass die Unternehmer dann
auch alles vorfinden, was sie brauchen, um ihren Dienst als nationale Job-Maschine leisten zu können.
Damit hatte der Wahlkampf seinen fix und fertigen Inhalt: Obama und Romney haben ihre autonomen
„fellow Americans“ darauf angesprochen, dass sie nichts weiter sind als unselbständige Anhängsel
staatlicher Macht und privatkapitalistischer Gewinnrechnungen. Das ganze Lebensglück, der jedem
Amerikaner in der Verfassung garantierte „pursuit of happyness“ was aus ihrer gelebten amerikani­
schen Freiheit herausspringt, ergibt sich ganz und gar aus der staatlichen und unternehmerischen Defi­
nitions- und Entscheidungsmacht. Die Konkurrenten um den Posten des „Commander-in-Chief“ der
Freien Welt haben ihrem Staatsvolk diese seine Abhängigkeit nicht nur hingerieben als sein ureigenes
Bedürfnis nach „Jobs“: Sie haben ihm auch hingerieben, dass sie sich mit ihrer Herrschaft zusam­
menschließen müssen, damit die alles vorfindet, was sie für ihre Zwecke benötigt – „Amerika braucht
Arbeitsplätze“ verkündete Romney. Insofern braucht nicht nur jeder Amerikaner seinen Job, sondern
macht mit seinem Bedürfnis zugleich sein eingeborenes Recht auf die Konkurrenzüberlegenheit ame­
rikanischer Unternehmen und die totale Überlegenheit und Unangreifbarkeit amerikanischer Staats­
macht weltweit geltend: Die Kandidaten haben sich darin überboten vorzuführen, dass in ihren – und
nur in ihren – Händen die Gleichung zwischen der ganz persönlichen Verwirklichung des eigenen
Glücks jedes US-Menschen und der durchschlagenden Macht amerikanischer Kapitale und amerikani­
scher Gewalt auf dem gesamten Globus gewährleistet ist. Was das im Einzelnen ist und wie das geht,
war völlig nebensächlich im Wahlkampf – Titelverteidiger und Herausforderer haben dem Volk immer
wieder vorgebetet, dass es nicht anderes will und nichts anderes braucht als Machthaber, die ihre
Macht genauso zu gebrauchen wissen, wie es ein jeder USA-Mensch von ihnen verlangen darf: Total
mächtig eben, unangegriffen von irgendwelchen Bedenklichkeiten oder Rücksichtnahmen worauf oder
auf wen auch immer und einzig orientiert am Wohl von „our great nation“ und ihrem starken Kapita­
lismus.
Auf allen Kanälen und rund um die Uhr haben die Kandidaten sich als die fleischgewordene Sach­
kenntnis über die Abhängigkeiten, auf die der normale „hardworking American“ von Staat und Wirt­
schaft festgelegt wird, inszeniert, und zugleich als Professionals der Ausübung von Gewalt ihren unbe­
dingten Willen demonstriert, bei der Ausübung ihres Amtes die Macht der größten Supermacht der
Weltgeschichte weiter zu pflegen und zu mehren.
Eines fürs andere sprechen zu lassen: Dafür hat Romney sich als smarten, auf Erfolg abonnierten Fi­
nanzunternehmer vorgeführt, der sich in Gelddingen und beim Job-Schaffen auskennt, und in Sachen
Wirtschaft und Handel für jede Beendigung irgendwelcher Rücksichten auf Klima oder China eintritt.
In seinen Wahlkampfreden ist er von da aus bruchlos zur Ankündigung höherer Militärausgaben und
eines alsbaldigen Krieges gegen den Iran geschritten. Dafür hat sich umgekehrt Obama als Kenner der
Nöte seiner von der Krise gebeutelten Amerikaner in Szene gesetzt, der mit aller geldpolitischen
Macht fürs gute Klima beim Job-Schaffen sorgen will, ihnen sogar eine Krankenversicherung ver­
schafft hat – und selbstverständlich auch im Kampf gegen den Terror und für den Respekt der ganzen
Welt vor der amerikanischen Supermacht nichts anbrennen lässt.
Einig waren sich die Kandidaten – die sich nach Aussage kenntnisreicher Beobachter den „teuersten,
härtesten und schmutzigsten US-Wahlkampf der Geschichte“ lieferten – untereinander und mit ihrem
Publikum, dass eine verringerte Abhängigkeit der USA von Energieimporten essentiell wichtig und
nützlich dafür sei, „die Ökonomie anzukurbeln und neue Jobs zu schaffen …“, und „entscheidend ist
für die nationale Sicherheit“ – als ob beides für sich und beides zusammen das Selbstverständlichste
von der Welt wäre.
Verlangt ist von einem US-amerikanischen Stimmbürger also, dass er zwei Sachen immer gleichzeitig
und austauschbar denken kann: Die Einsicht in seine totale Abhängigkeit und der grenzenlose Stolz
auf alles, wovon er abhängt. Auf den Punkt gebracht hat das Obamas „running mate“, der Vizepräsi­
dent Joe Biden mit der jedem Bürger des „land of the free“ unmittelbar einleuchtenden Siegesmel­
dung: „General Motors is alive and Osama bin Laden is dead – General Motors lebt und Osama bin
Laden ist tot“. Das braucht und will der Amerikaner, „hard worker“ und Patriot, der er ist und als den
seine politischen Herren ihn feiern.
GegenStandpunkt Analyse vom 7. Januar 2013
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