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Luft & Liebe" erschienen in Chorzeit - das Vokalmagazin, Oktober

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ch habe von Montag bis Freitag jeden Abend zwei Chöre», sagt Matthias Merzhäuser, seit 32 Jahren Chorleiter im Siegerland und im
Westerwald. In dieser Region hat beinahe jeder Ort eigene Gesangvereine, da lässt sich auch im ländlichen Raum eine Existenz auf der
Chorleitungsarbeit aufbauen.
Das tun in Deutschland schätzungsweise zehn bis 20 Prozent aller ChorleiterInnen. Die meisten leiten einen oder mehrere Chöre nebenberuflich oder
sogar ehrenamtlich und finden anderswo ihr Hauptauskommen, etwa als
SchulmusikerIn. Kaum ein Chor stellt seine künstlerische Leiterin oder seinen
künstlerischen Leiter an. Viele freiberufliche ChordirigentInnen geben auch
Instrumental-, Gesangs- oder Dirigierunterricht, haben Lehraufträge an Hochschulen oder eine Teilzeitstelle als KirchenmusikerIn, sie leiten Instrumentalensembles oder haben Engagements als Gastdirigenten. Was Merzhäuser tut,
kommt für viele KollegInnen gar nicht in Frage: Sie wollen sich zwei, maximal
drei Chören intensiv widmen können.
«Bis vor drei, vier Jahren», sagt Merzhäuser, «gab es in unserer Gegend zehn
Berufschorleiter, die von der Chorarbeit leben konnten». Aktuell schrumpften aber die Vereine, und die Menschen seien weniger bereit, sich das Hobby
Chorsingen etwas kosten zu lassen – dessen Qualität nun mal wesentlich von
der Motivation und der Qualität der Person abhängt, die vor dem Chor steht.
Inzwischen könne er niemandem mehr empfehlen, die Chorleitung freiberuflich als Haupteinnahmequelle anzustreben, sagt Merzhäuser. Bei einem
durchaus üblichen Mitgliedsbeitragssatz von 60 Euro im Jahr könne man keinen engagierten und qualifizierten Chorleiter finanzieren. «Und selbst zehn
Euro im Monat sind zu wenig.» Früher habe es die Regel gegeben, dass jedes Vereinsmitglied monatlich den Betrag eines Stundenlohns zahle. Das sei
aufgegangen.
Wieviel er selbst verdient, sagt Merzhäuser nicht, gibt aber Empfehlungen
für den Raum NRW , Rheinland-Pfalz und Hessen: «Wenn man wöchent-
19 Chor zei t~ O KT 2014
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Von Nora-Henriette Friedel
C h or ze i t~ OKT 2014 18
Was ein Chor musikalisch auf die Beine stellt, hängt maßgeblich
von seiner künstlerischen Leitung ab. Aber was lassen sich Chöre
ihre DirigentInnen kosten? Höchste Zeit, über Geld zu reden
C h or ze i t~ OKT 2014 20
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lich eineinhalb Stunden mit einem Chor probt, gute aber konkret Empfehlungen. Gegenüber der Chorzeit
Ideen hat und auch junge Leute zu locken versteht, begründete man das mitunter sogar ausdrücklich dadann sind 450 bis 650 Euro in unserer Region durchaus mit, dass es eben ein schwieriges Thema sei.
Manche Landesverbände empfehlen, sich an den
üblich.» Konzerte und Sonderproben müssten extra
vergütet werden. Außerdem sollten Berufschorleiter Honorarsätzen für kirchenmusikalische Vertretungslaut Merzhäuser, der sich als Vorsitzender des Inter- dienste zu orientieren, die aber je nach Landeskirche
beziehungsweise Diözese
nationalen Chorleiterverstark variieren. So zahlt
bands (ICV ), der gut 100
etwa die evangelische
Mitglieder zählt, für die
Kirche in Berlin-BrandenBelange seiner KollegInburg 36 Euro für eine zweinen einsetzt, ein dreizehntes Monatshonorar erwarstündige Chorprobe, die
ten sowie sechs Wochen
Württembergische LanUrlaub und Honorarfortdeskirche je nach QualifiMarcel Dreiling,
zahlung im Krankheitskation 64 bis 125 Euro.
Musikdirektor des Schwäbischen Chorverbands
fall. Für viele Angestellte
Der Chorverband Berselbstverständlich, birgt
lin startete jüngst eine
das allerdings bei Freiberuflern die Gefahr, bei der Befragung unter den ChorleiterInnen der Hauptstadt,
Rentenversicherungsanstalt den Scheinselbständig- um sich ein Bild von deren finanzieller Situation zu
keitsverdacht auf sich zu ziehen.
machen und eigene Richtlinien entwickeln zu könWas Merzhäuser rät, ist wohl für die meisten frei- nen. Thomas Hennig, Vizepräsident des CV Berlin und
schaffenden ChorleiterInnen utopisch. Das lässt ein selbst Chordirigent, sagt über seinen ersten Eindruck
Blick auf die Statistik der Künstlersozialkasse (KSK ) zu den Ergebnissen: «Die gezahlten Honorare sind
erahnen, nach der freiberufliche MusikerInnen die am sehr unterschiedlich und zum Teil eklatant niedrig.»
Der Chorverband der Pfalz macht auf Anfrage
schlechtesten verdienenden Kreativen sind. Unter den
KSK -Mitgliedern liegen sie aktuell mit einem jährli- Vorschläge für die Vergütung nebenberuflicher Chorchen Durchschnitteinkommen von 12 .625 Euro um leiterInnen je nach Abschluss und musikalischem
Zwei- bis Sechstausend Euro hinter den KollegInnen Anspruch des Chores. Für wöchentlich 90 Minuten
aus den Bereichen Wort, bildende und darstellende Proben beträgt das empfohlene monatliche Honorar
Kunst. Das Monatseinkommen liegt damit – vor Abzug bei einem C-Abschluss zum Beispiel 250 bis 450 Euro
von Sozialversicherungsbeiträgen und Altersvorsor- zuzüglich Konzerten.
ge – nur rund 200 Euro über dem GrundsicherungsbeDer Schwäbische Chorverband empfiehlt, ein
trag des Arbeitslosengelds II . Auffällig an der KSK -Sta- Stundenhonorar von 25 Euro anzusetzen, das je nach
tistik ist zudem, dass Musikerinnen rund 25 Prozent Grad der Ausbildung oder Länge der Berufserfahrung
höher liegen könne. Außerdem solle man – was in der
weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.
Praxis allerdings selten berücksichtigt wird – monatKAUM EIN VERBAND GIBT KONKRETE
lich vier bis fünf Stunden für Vor- und NachbereiHONORAREMPFEHLUNGEN
tung von Proben berechnen. Das macht zusammen
Die ChorleiterInnenvergütung ist eine diffizile Angele- 350 Euro im Monat. Konzerte und Sonderdienste wie
genheit, gibt es doch Stimmen, die schrumpfende und etwa auch Sitzungen kämen noch hinzu.
kaum mehr finanzkräftige Vereine auch von zu hohen
«Eine Vereinheitlichung der Honorarsätze, verForderungen seitens der ChorleiterInnen bedroht se- gleichbar mit denen der Landeskirchen, ist bei uns
hen. Auf die Chorzeit-Anfrage bei den Landesverbän- nicht möglich», sagt Marcel Dreiling, Musikdirektor
den des Deutschen Chorverbands, was regional übli- des Schwäbischen CV . Anders als bei Kirchenmusicherweise monatlich an ChorleiterInnen gezahlt werde, kerInnen würde eine Vergütungsstaffelung entsprereichten die Antworten von ehrenamtlich über 50 Euro chend des Ausbildungsgrades bei ChorleiterInnen im
bis 700 Euro. Nicht viel anders sieht es auch bei den weltlichen Bereich schon an der höchst heterogenen
Konzertchören aus, die im Verband Deutscher Kon- Ausbildungssituation in Deutschland scheitern (Die
Chorzeit berichtete im April 2014 ).
zertchöre organisiert sind, wie der Verband mitteilt.
Immer wieder treten Chöre mit Beratungsbedarf
Daher bleibe es immer eine Verhandlungssache
an ihre Landeschorverbände heran. Kaum einer gibt zwischen Chor und LeiterIn. Die Qualität der Ausbil-
«Auch Leiter großer, leistungsfähiger Chöre werden mitunter
recht bescheiden entlohnt.»
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dung oder der Anspruch der aufgeführten Chormusik
sei aber längst kein Anhaltspunkt für die Honorar­
höhe. «Da erlebt man Überraschungen», sagt Dreiling.
«nämlich dass auch Leiter großer, leistungsfähiger
Chöre recht bescheiden entlohnt werden». Entscheidend sei letztlich, wie finanzkräftig ein Chor sei.
und zahlen, bis die Krankenkasse nach sechs Wochen
das Krankengeld auszahlt. In Anspruch nehmen musste das Blumenthal allerdings erst einmal. «Als Freiberufler sitzt einem immer diese Angst im Nacken: Man
darf eigentlich nicht krank werden. Bisher hat das
ganz gut funktioniert – Bewegung hält ja schließlich
gesund», sagt die Dirigentin.
MAN DARF EIGENTLICH NICHT
Ihr Siegerländer Kollege Merzhäuser fordert, dass
KRANK WERDEN
ChorsängerInnen einen guten Leiter wertschätzen
Diese Beobachtung bestätigt Johanna Blumenthal. Die lernen und die Aufwendungen für ihr Singhobby ins
Dirigentin ist seit 37 Jahren als Laienchorleiterin in Verhältnis setzen zu anderen Freizeitbeschäftigungen:
Berlin und Brandenburg tätig. Es sei eben das Honorar «Für Hundeschule oder Tennisclub gibt man selbstverdrin, das die Chöre verkraften könnten. Sie selbst leitet ständlich 60 bis 80 Euro im Monat aus. 15 Euro für den
sieben Chöre. Die Honorarbandbreite liegt in ihrem Chor scheinen einigen aber schon zu viel.»
Fall zwischen 130 und 250 Euro monatlich pro Chor,
Apropos Freizeit: Die geselligen Aspekte des Chorzuzüglich Auftrittshonoraren. Sie erhält fast überall lebens können problematisch werden, findet Dirigent
zwölf Mal im Jahr ihr Honorar, hat also einen regel- Thomas Hennig. «Sänger machen manchmal einen
mäßigen Geldfluss. Viele Chöre zahlen jedoch in der wichtigen Unterschied nicht – während der Chor in
probenfreien Zeit kein Honorar, befürchten sie doch ihrer eigenen Freizeit stattfindet, ist das für den künstlerischen Leiter Arbeitszeit. Das ist kein soziales Endie Scheinselbständigkeitsfalle.
Ihre Chöre leitet Blumenthal zum Teil schon seit gagement, sondern sein Job.»
über 20 Jahren, da haben Vorstände auch schon mal
Die Autorin ist Redakteurin der Chorzeit.
von sich aus nachgebessert beim Honorar. Sogar im
Krankheitsfall zeigen sich einige ihrer Chöre kulant
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