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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Hungern

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Hungern für ein Menschenrecht
Was ein Beispiel aus Deutschland über Israels Palästinenser Politik erzählt
Autorin:
Rebecca Hillauer
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Freitag, 10.12.10 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
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1
MANUSKRIPT
Atmo: Stimmen, ab und zu ein Verkehrsgeräusche
Erzählerin:
Ein regnerischer Tag Ende August. Schräg gegenüber der israelischen Botschaft in
Berlin sitzt Firas Maraghy unter einer großen Linde auf einem Campingstuhl. Der
hagere Mann ist im Hungerstreik - seit 32 Tagen.
Firas Maraghy:
Ich bin hier wegen meinem Recht, wegen Grundrecht.
Erzählerin:
Firas Maraghy, 39 Jahre alt, ist Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Dort wurde er
geboren, dort leben seine Eltern, seine Großeltern, und dort lebten seine
Urgroßeltern. Im September 2007 heiratete er in Berlin eine Deutsche und ist seit
acht Monaten Vater einer Tochter.
Firas Maraghy:
Ich bin hier wegen diesem Grundrecht für mich, für meine Familie.
Erzählerin:
Im Mai 2009, bei einem Besuch in Jerusalem, wollte Firas Maraghy seine Ehe in
seinem neuen Reisedokument eintragen lassen. Die israelischen Behörden
verlangten Schulzeugnisse sowie Telefon- und Stromrechnungen auf seinen Namen
- als Nachweis dafür, dass er in Ost-Jerusalem lebe. Da er solche Papiere nicht
vorlegen konnte, lehnten sie die Registrierung seiner Ehe ab. Stattdessen teilten sie
ihm mit, nach Ablauf seines Reisedokuments im Mai 2011 müsse er für mindestens
anderthalb Jahre in Ost-Jerusalem bleiben, andernfalls würde er sein Rückkehrrecht
für immer verwirken.
Firas Maraghy:
Das Recht nur, dort zu wohnen, sie wollten das von uns nehmen.
Erzählerin:
Daran änderte auch die Geburt von Tochter Zaynab im Dezember 2009 nichts. Im
Gegenteil: Im April dieses Jahres lehnte die israelische Botschaft in Berlin auch Firas
Maraghys Antrag ab, seine Tochter in sein Reisedokument einzutragen.
Firas Maraghy:
Ich wollte für meine Tochter ein israelisches Reisedokument wie ich habe. Ich wollte
mit meiner Tochter nach meiner Heimat fahren.
Erzählerin:
Doch die israelischen Behörden blieben hart. Firas Maraghy konnte es kaum fassen:
Er sollte Frau und Tochter in Berlin zurück lassen - oder in seiner Heimat künftig nur
noch ein Besucher sein. Verzweifelt begann am 26. Juli seinen Hungerstreik.
2
Firas Maraghy:
Das für mich Frage das Leben und Tod - wirklich. Das ich kann nicht vorstellen mein
Leben ohne das Recht, in meiner Heimat zu leben.
Erzählerin:
Nachts und bei Regen zieht Firas Maraghy sich in ein Auto zurück, das Anwohner
ihm für diesen Zweck zur Verfügung gestellt haben. Tag für Tag kommen mehr
Sympathisanten zu dem Mann unter der Linde, Firas Maraghy ist kaum eine Minute
allein.
Firas Maraghy:
Manche sie bringen Blumen. Auch heute habe ich diese Heizung für die Füße
bekommen. Eine Frau sie hat das für mich gekauft. Wirklich das gibt mir so viel Kraft.
Erzählerin:
Aus Solidarität mit dem hungernden Palästinenser hat eine Gruppe deutscher Juden
und in Deutschland wohnhafter Israelis seit dem Vortag 24 Stunden lang ebenfalls
nichts gegessen. Gerade packen ein paar junge Israelis, die sogar die Nacht hier im
Freien auf der Erde verbrachten, ihre Schlafsäcke zusammen.
Hava Oz:
The reason I think xx that we as Israeli citizens came here…………….… I think we
are all responsible.
Sprecherin Overvoice Hava Oz:
Der Grund, warum wir israelischen Staatsbürger heute hergekommen sind, ist: Wir
denken, wir haben eine Mitverantwortung dafür, was passiert.
Erzählerin:
Die Studentin Hava Oz ist erst seit kurzem in Deutschland. Der Komponist Eliav
Brand hingegen schon seit zehn Jahren.
Eliav Brand:
Ich denke, dass die rassistische Politik, die diese Fall zeigt, gefährdet die Juden auch
in Israel und auch hier, nicht nur die Palästinenser, und machen die Dialog zwischen
Palästinenser und Israelis und Juden sehr schwierig. Deswegen bin ich hier. Und ich
hoffe natürlich, dass Firas bekommt seine Dokumente für seine Tochter, wie er
genau will. Und auch in Zukunft diese Art von Diskriminierung geht nicht mehr weiter.
Erzählerin:
Mit dem so genannten Jerusalem-Gesetz von 1980 annektierte Israel den im
Sechstagekrieg 1967 eroberten Ostteil der Stadt - völkerrechtswidrig. Danach
verwirken Palästinenser, die länger als sieben Jahre ihren Lebensmittelpunkt nicht
mehr in Ost-Jerusalem haben, ihr Recht, dort dauerhaft zu leben. So das
geschriebene Gesetz. Das praktizierte Recht sieht offenbar anders aus: Firas
Maraghy zum Beispiel kam erst kurz vor seiner Heirat im September 2007 nach
Deutschland. Im Mai 2011 werden gerade mal drei und halb Jahre vergangen sein,
seitdem er seine Heimat verließ.
3
Eliav Brand:
Also stellen Sie sich vor, wenn Sie zwei Jahre oder drei Jahre gehen nach Mexiko
oder USA oder der Schweiz - und zurückkommen das vielleicht wäre nicht mehr
möglich. Das ist einfach ein menschliches Recht, die hier einfach ist verletzt.
Hava Oz:
This is a terrible pressure upon somebody……..think this makes our security worse.
Sprecherin Overvoice Hava Oz:
Das ist ein schrecklicher Druck für einen Menschen, wenn man ihm sagt, wenn du
deine Heimat verlässt, kannst du nicht mehr zurück kommen. Mit welchem Recht tun
wir so etwas?
Hava Oz:
Diese Argument immer, dass Israel macht nur, was ist für ihre Sicherheit - es ist
falsch. xx Ich finde, die Besatzung ist nicht gut für unsere Sicherheit.
Eliav Brand:
This doesn't give us security. ………It gave me maybe certain power - but not a
security.
Sprecher Overvoice Eliav Brand:
Die Besatzung garantiert uns keine Sicherheit. Ich bin in Israel als Jude
aufgewachsen und kann sagen: Sie gibt uns vielleicht Macht - aber keine Sicherheit.
Hava Oz:
Wenn jemand drückt die Leute zu viel, dann kommt die Gewalt.
Erzählerin:
Der Ansicht ist auch Ruwen Moskowitz. Er ist 82 Jahre alt, hat die Nazi-Verfolgung in
Europa überlebt und danach in Israel das jüdisch-muslimisch-christliche Friedensdorf
Neve Schalom gegründet.
Ruwen Moskowitz:
Ich bin gekommen als zionistischer Sozialist nach Israel, einen Kibbuz mit gegründet.
Aber ich wurde empört von der Tatsache, dass die Palästinenser, unser
Nachbarvolk, wurde manches getan, was mir als Verfolgung getan worden ist. Ich
glaube, dass was man den Palästinensern macht, ist nicht nur anti-palästinensisch:
Es ist anti-jüdisch. Es ist anti jüdischen Glaubens, ist anti des jüdischen
Humanismus'.
Erzählerin:
Anders als die Palästinenser in der Westbank oder auf israelischem Staatsgebiet
besitzen die arabischen Einwohner Ost-Jerusalems weder die palästinensische noch
die israelische Staatsangehörigkeit. Sie sind vielmehr staatenlos. Als „ständige
Einwohner“ erhalten sie jedoch einen israelischen Personalausweis. Wenn sie Israel
verlassen wollen, müssen sie bei den Behörden ein so genanntes „Laissez-Passer“
beantragen, eine Art Reisepass, der für eine begrenzte Zeit gültig ist. Ob er danach
verlängert wird - oder nicht, liegt im Ermessen der Behörden.
4
Eliav Brand:
Firas ist natürlich nicht ein einzelner Fall. Gibt es mehrere Fälle.
Erzählerin:
Einer davon steht direkt neben ihm und heißt Lafi Khalil. Wie Firas Maraghy ist er in
Ost-Jerusalem geboren und aufgewachsen, und kam als Student nach Berlin. Nach
sieben Jahren hätte er nach Jerusalem zurückkehren müssen, um sein
Reisedokument zu verlängern. Aus Angst, die israelischen Behörden würden ihm
dies verweigern und könnte danach nicht mehr ausreisen, blieb er in Deutschland und verlor damit sein Rückkehrrecht in seine Heimat.
Lafi Khalil:
Ich hatte keinen Hungerstreik angetreten damals, aber ich hatte Protestbriefe
geschrieben, gemeinsam mit dem damaligen Konsul in Berlin an das
Innenministerium, dass ich mein Laissez Passer verlängern möchte und gerne würde
ich zurückkehren. Und dann zweimal bekam ich die Ablehnung, dass es nicht
möglich ist, weil ich mein "Lebenszentrum", nennen sie das durch das Gesetz, nicht
mehr in Jerusalem befindet. Ich kann als Besucher, also als Tourist dahin für drei
Monate. Dort leben kann ich nicht. Diese Möglichkeit ist mir genommen worden.
Erzählerin:
Wenn Aviram Shamir Geschichten wie diese hört, fühlt er sich fast beschämt. Der
Übersetzer ist wie Firas Maraghy mit einer Deutschen verheiratet und lebt seit zwei
Jahren in Berlin. Als jüdischer Israeli genießt er jedoch die vollen staatsbürgerlichen
Rechte und Reisefreiheit.
Aviram Shamir:
Ich als Israeli kann, immer wenn ich will, hin und zurück fahren ohne Begrenzungen.
Ich kann, wenn ich ein Kind hier habe, einfach ihn registrieren. Ich darf meine Frau
natürlich auch registrieren. Ich kann im Voraus wissen, dass wenn ich zurück nach
Israel mit einer deutschen Frau fahre, dann ich bin fast sicher, dass es keine
Probleme gibt. Und Firas hat nichts von diesen Versprechungen.
Hava Oz:
Weil er ist aus Ost-Jerusalem, weil er ist Palästinenser - und kein Jude.
Eliav Brand:
Kann man noch dazu sagen, dass wenn jemand ein Jude ist, das niemals in Israel
war, kann er xx diese Rechte sofort bekommen. Aber wenn Firas, der in Jerusalem
geboren ist, sein Vater in Jerusalem geboren, Großvater in Jerusalem - plötzlich das
ist nicht seine Heimat. Das finde ich total absurd.
Ruwen Moskowitz:
Das Ziel ist das Prinzip der ethnischen Säuberung. Das Prinzip, nicht zu
ermöglichen, dass die Palästinenser sich vermehren in Israel. Irgendwie jede
Gelegenheit, ein paar Palästinenser los zu werden, wird wahr genommen.
Lafi Khalil:
Durch diese erschwerende bürokratische Weg wollen sie einfach die Leute raus
ekeln.
5
Erzählerin:
Iris Hefets, die Israel vor acht Jahren aus politischen Gründen verließ und seither mit
ihrem deutschen Mann und ihren vier Kindern in Berlin lebt, nickt zustimmend. Später
in ihrer Wohnung erzählt sie ausführlicher von einem Fall aus ihrer eigenen Zeit in
Jerusalem, der sie besonders bewegt hat.
Iris Hefets:
Als ich Pharmareferentin war zum Beispiel, war ich einmal in Shar Ezedik, das ist ein
Krankenhaus in Jerusalem. Und da kam auf mich eine Ärztin zu und sie meinte, eine
ihrer Patientinnen die hat Eierstockkrebs. Und mitten in der Chemotherapie wurde
ihre Residenz in Jerusalem aberkannt. Das bedeutet, sie hat nach drei Zyklen dieser
Chemotherapie keine Gesundheitsversicherung mehr. Sie musste das bezahlen aus
eigener Tasche. Das kostete 6.000 Dollar pro Zyklus - nur das Medikament, nicht mal
dass man das Krankenhaus bezahlen muss. Und das war Gang und Gäbe in
Jerusalem. Das ist nicht, dass es ein Einzelfall ist.
Erzählerin:
Mit der Aberkennung ihres Status als ständige Einwohnerin von Ostjerusalem, so
erläutert Iris Hefets, verlor sie gleichzeitig auch ihr Anrecht auf die
Krankenversicherung. Um eine neue Krankenversicherung zu bekommen, hätte sie
in die Westbank ziehen müssen, wo die Familie ursprünglich lebte. In den Augen von
Iris Hefets ist jeder einzelne dieser Fälle eine willkürliche Menschenrechtsverletzung
durch die israelischen Behörden.
Iris Hefets:
Zum Beispiel sie waren einen Monat in Ramallah zu Besuch bei einer Familie - dann
kann man ihnen sagen, ok, jetzt wollen wir die Rechnungen aus den letzten zwanzig
Jahren sehen, dass sie Steuern hier in Jerusalem bezahlt haben. Hat man diese
Unterlagen jetzt nicht aufgehoben, kann man seine Residenz verlieren und muss
nach Ramallah umziehen. Dadurch wird Jerusalem judaisiert. Das heißt, auf der
einen Seite wird die Zahl der Palästinenser, die in Ost-Jerusalem leben, reduziert.
Auf der anderen Seite versucht man, die Zahlen der Juden, die in Jerusalem leben,
zu erhöhen. Wider völkerrechtlich. Rassistisch. So ist es aber.
Erzählerin:
Wer deswegen die israelische Regierung kritisiert, tut nach Ansicht von Iris Hefets
nur seine Pflicht als bewusster Staatsbürger und Mensch. Auch Eliav Brand sieht
darin eine gerechtfertigte Kritik - und keinen Antisemitismus.
Eliav Brand:
People in Germany xx many times feel uncomfortable speaking……...... to have a
little bit more courage - and to speak up, as you think.
Sprecher Overvoice Eliav Brand:
Die Menschen in Deutschland fühlen sich oft unwohl, Kritik zu äußern, weil sie
fürchten, als Antisemiten eingeordnet zu werden. Schweigen hilft aber keiner der
beiden Seiten in Israel - nicht den Palästinensern und nicht den Israelis. Auch nicht
den Juden außerhalb Israels. Wir, die wir solche Juden sind, würden uns wünschen,
wenn die Deutschen etwas mutiger wären und offen sagen, was sie denken.
6
Erzählerin:
Davon ist auch Ruwen Moskowitz, der den Nationalsozialismus in Rumänien
überlebte, überzeugt.
Ruwen Moskowitz:
Die jüdische Krankheit ist die Opfermentalität: Egal, was wir machen, sind wir die
ultimativen Opfer. Die deutsche Krankheit ist die Schuldidentität: Egal, was Israel
macht - aus Grund unserer Schuld müssen wir den Mund halten. Und ich glaube, das
ist kontraproduktiv.
Erzählerin:
Firas Maraghy auf seinem Campingstuhl wünscht sich nichts sehnlicher als
dauerhaften Frieden und Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis.
Firas Maraghy:
Wir können Südafrika als Modell nehmen und machen, was die Südafrikaner - die
Weißen und die Schwarzen - haben gemacht. Das wirklich das bringt Frieden für
das Land und für die ganze Welt auch.
Erzählerin:
Hinter sich, an den Baumstamm der Linde, hat Firas Maraghy ein Plakat gehängt.
Darauf steht der Wortlaut von Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte: Er erkennt jedem Menschen einen selbstbestimmten Aufenthaltsort
und das Rückkehrrecht an seinen Geburtsort zu. Dieses Recht will Firas Maraghy
nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine kleine Tochter. Denn nur mit einem
Eintrag in seine Papiere erhält sie das Recht, sich später - vielleicht - einmal in OstJerusalem niederzulassen. Den Vorwurf von israelischer Seite, er gehöre womöglich
einer radikalen Organisation an und verfolge ideologische Ziele, weist Firas Maraghy
energisch zurück.
Firas Maraghy:
Ich brauche nicht Propaganda gegen Israel zu machen - sie machen so viel [lacht]
falsche Sachen. Die Menschen sie brauchen nicht eine Person hier sitzen, um eine
Propaganda gegen Israel.
Erzählerin:
Firas Maraghys Frau sitzt derweil zu Hause fast den ganzen Tag am Telefon oder
vor dem PC, um Interviewanfragen und besorgte Nachfragen von Freunden und
Bekannten zu beantworten. Eigentlich wollte sie ihre Magisterarbeit publizieren - aber
dazu findet Wiebke Diehl keine Zeit. Solange ihr Mann abwesend ist, muss sie die
kleine Tochter allein versorgen. Jeden Tag fährt sie mit ihr zur israelischen Botschaft,
da das Mädchen ihren Vater schrecklich vermisst.
Atmo:zu Hause, Babystimme
Wiebke Diehl:
Das hängt auch damit zusammen, dass er einfach auch so ein Vater ist, der natürlich
viel mit ihr macht, und mit ihr auf den Spielplatz gegangen ist, stundenlang mit ihr
draußen war. Dann hat sie natürlich einfach mehr gemerkt, dass da was fehlt.
7
Erzählerin:
Wiebke Diehl, die Islam- und Politikwissenschaften studiert hat und fließend Arabisch
spricht, will demnächst mit ihrer Doktorarbeit anfangen. Sie lernte ihren Mann vor
zehn Jahren in Jerusalem kennen, als sie nach dem Abitur einen freiwilligen sozialen
Dienst in einer Wohneinrichtung für behinderte Kinder leistete, in der Firas Maraghy
als Pfleger arbeitete.
Wiebke Diehl:
Wir kennen uns seit 2000 und haben bis 2007 gewartet, an einem Ort zusammen zu
leben genau deshalb, weil wir wussten, dass die Gefahr besteht, dass mein Mann
seine Papiere verlieren könnte. Als wir uns entschieden haben, dass er nach
Deutschland kommt, da haben wir immer gesagt, wenn ihm seine Papiere entzogen
werden sollen, dann müssen wir darum kämpfen. Es würde einfach unsere ganze
Familie zerreißen, wenn er für zwei Jahre dorthin zurückkehren muss - wir aber nicht
dürfen, weil unsere Ehe ja nicht eingetragen ist.
Erzählerin:
Allenthalben könnte Wiebke Diehl dann ihren Mann mit einem Touristenvisum
besuchen - ohne Garantie auf eine Verlängerung oder darauf, überhaupt ins Land
gelassen zu werden. Sie hofft daher, dass ihr Mann wenigstens einen Kompromiss
mit den israelischen Behörden erreichen kann. Jetzt, Ende August, wünscht sie sich
allerdings vor allem, er möge seinen Hungerstreik bald beenden. Darauf hoffen auch
alle Sympathisanten, die sich weiter Tag für Tag bei Firas Maraghy vor der
israelischen Botschaft einfinden.
Atmo: Stimmen, leise Verkehrsgeräusche
Erzählerin:
Inzwischen ist das Wetter herbstlich-kühl geworden - und der Mann unter der Linde
immer schmaler. Dennoch ist er entschlossen, bis zu einem positiven Bescheid der
israelischen Behörden weiter zu hungern. Besorgt fragen sich die Menschen um ihn
herum, wie lange er das noch durchstehen kann. Auch Bundestagsvizepräsident
Wolfgang Thierse redet dem Hungerstreikenden zu, als er ihn auf seinem
Campingstuhl besucht:
Wolfgang Thierse:
Wie lange sind Sie jetzt schon im Hungerstreik - 33 Tage las ich. FM: 35.
WT: 35 Tage. Da fängt es an, gefährlich zu werden. Sie wissen das.
Erzählerin:
Firas Maraghy weiß das sehr wohl. Ein befreundeter Arzt schaut regelmäßig nach
ihm. Der Mediziner hat ihn davor gewarnt, das lange Hungern könnte den
Herzmuskel schädigen, und ihm dringend empfohlen, ein paar Vitamine in sein
Trinkwasser zu geben. So will Firas Maraghy es noch eine Weile auf seinem
Campingstuhl aushalten.
Firas Maraghy:
Ist ok. Manchmal meine Füße ist kalt, aber bringen für mich warme Flasche ,
Warmflasche, und das hält mich ok.
8
Erzählerin:
Endlich, eine Woche später, am 4. September, beendet Firas Maraghy seinen
Hungerstreik - nach 41 Tagen. Alle atmen auf. Die israelische Botschaft hat ihm
zugesagt, er könne in Jerusalem mit dem für zivile Angelegenheiten zuständigen
Abteilungsleiter im Innenministerium sprechen, mit dem Ziel - Zitat - „für sein
Anliegen eine Lösung zu finden“.
Der CDU-Politiker Rupert Polenz, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des
Bundestags, vereinbart mit den israelischen Behörden einen Gesprächstermin und
will mit nach Jerusalem reisen. Iris Hefets, die sich vor acht Jahren entschieden hat,
Israel endgültig zu verlassen, ist dennoch skeptisch:
Iris Hefets:
Der israelische Botschaft hat klar gesagt , dass sie keine Präzedenzfall haben
wollen. Und es ist klar, wenn ein Palästinenser jetzt einen Hungerstreik macht und
Druck macht, dann sind die Chancen nicht so gut - weil das könnte ein Präzedenzfall
sein. Die Rechtsanwälte, die diese Lage kennen, sie sagen, höchstwahrscheinlich
werde er zugelassen zu diesem Amt - und sie werden ihm das Gesetz noch mal
erklären.
Erzählerin:
Auch Firas Maraghy hat Zweifel. Doch er will seinen guten Willen beweisen.
Deswegen hat er das Angebot der israelischen Behörden angenommen und will
nach Jerusalem fliegen. Zunächst muss sich der vom Hungerstreik geschwächte
Mann allerdings erst einmal erholen. Nach dem Beenden des Hungerstreiks ist er
zuerst zu einem Gesundheitscheck sechs Stunden im Krankenhaus und erst um 1
Uhr nachts wieder zu Hause.
Atmo: Babygeplapper und -lachen, Stimme Firas Maraghy
Erzählerin:
Firas Maraghy ist glücklich, wieder zu Hause zu sein. Auch Tochter Zaynab strahlt
über das ganze Gesicht, als ihr Vater sich zu ihr auf den Fußboden setzt und ein Lied
vorsingt. Wie immer die israelischen Behörden am Ende entscheiden werden: Firas
Maraghy will sein Möglichstes für seine Tochter getan haben - auch wenn er nicht
weiß, ob seine Tochter das Recht, um das er kämpft, je wahrnehmen würde, sogar
falls sie es noch erhielte.
Firas Maraghy:
Am Anfang ich habe gesagt, was Brecht hat gesagt: Wer kämpft, kann verlieren. Wer
nicht kämpft, hat schon verloren. Ich wollte auch, meine Tochter dass sie denkt, ok,
ihr Vater hat gekämpft für sie. Nicht Vater hat akzeptiert, dass sie können unser
Recht nehmen und danach wir schlafen und weinen zu Hause. Das, was sie wollten
von uns.
Erzählerin:
Obwohl der Arzt vor möglichen Gesundheitsschäden gewarnt hat, fliegen Firas
Maraghy und Wiebke Diehl am 10. Oktober mit ihrer Tochter nach Jerusalem. Dafür
haben sie Klein Zaynab einen deutschen Pass ausstellen lassen. Zuvor hatte das
israelische Innenministerium in einer Pressemitteilung verlautbart, ein deutscher
Pass werde einer Eintragung in die Papiere ihres Vaters nicht im Weg stehen.
9
Bei dem Gespräch in Jerusalem mit dem verantwortlichen Abteilungsleiter Adel Arbel
sind noch drei weitere Mitarbeiter des Innenministeriums und einer aus dem
Außenministerium anwesend. Es kommt, wie Iris Hefets vorausgesagt hat:
Wiebke Diehl:
Ja, letztendlich haben sie uns ihre Gesetze im Detail erklärt. Und mein Mann hat
dann irgendwann gefragt, ob sie jetzt unsere Ehe und unsere Tochter eintragen
wollen oder nicht. Und da hat der Herr Arbel gesagt, ob wir denn wollten, dass sie
gegen ihre eigenen Gesetze verstoßen. Woraufhin mein Mann dann auch gesagt
hat, wir sind ja hierhergekommen, weil hier eine Lösung gefunden werden sollte .
Und da hat er gesagt, er hätte noch nie was davon gehört, dass hier eine Lösung
gefunden werden soll. Als wir dann noch was von Artikel 13 der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte gesagt haben, hat er gesagt, davon hätte er auch
noch nie was gehört.
Erzählerin:
Nach nur einer knappen halben Stunde verlassen Wiebke Diehl und ihr Mann
enttäuscht das Innenministerium. Enttäuscht rufen sie den mitgereisten CDU-Politiker
Rupert Polenz an, der mit nach Jerusalem gereist ist. Er empfiehlt, Firas Maraghy
solle trotzallem nochmals offiziell die Eintragung seiner Ehe und Tochter in seine
Papiere beantragen.
Wiebke Diehl:
Mein Mann ist zu dem Amt gegangen und hat zwei Anträge gestellt. Die Anträge
wollten sie nicht annehmen. Woraufhin er gesagt hat, er bleibt hier solange, bis er
eine schriftliche Antwort bekommt. Und die hat er dann nach längerem Hin und Her
auch bekommen. In der steht, er hätte einen neuen Ausweis beantragt, damit die
Eintragungen vorgenommen werden da drin - und den bekommt er nicht, weil er dort
nicht lebe. [Babylallen] Sie haben dann natürlich gesagt, wir müssten dann länger
dort bleiben. Was ja gar nicht geht, wenn sie unsere Ehe nicht eintragen.
Erzählerin:
Eine paradoxe Situation. Wiebke Diehl und ihr Mann kehren mit leeren Händen nach
Berlin zurück. Rupert Polenz kritisiert in einem Interview mit der Süddeutschen
Zeitung die israelischen Behörden. Deren fehlende Kooperationsbereitschaft wertet
er inzwischen als politisches Kalkül und als einen Beweis dafür, wie mit
unterschiedlichem Maß gemessen werde. Zitat:
Sprecher:
Die Weigerung ist selbst mit dem israelischen Jerusalem-Gesetz nur schwer in
Einklang zu bringen.
Erzählerin:
Ein Sprecher der israelischen Botschaft in Berlin teilt hingegen mit, Firas Maraghy
könne das Problem nicht "wie mit einem Zauberstab" lösen. Zitat:
Sprecher:
Wir sind keine Bananenrepublik, es gibt Gesetze, und an die muss man sich halten,
auch Herr Maraghy.
10
Erzählerin:
Nach den Erfahrungen von Iris Hefets legen die israelischen Behörden die
bestehenden Gesetze stets in ihrem Sinn aus. So sprächen sie etwa von einem Zitat - "natürlichen Wachstum" der jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten.
Derweil sie die Wohnsituation für palästinensische Familien in Ost-Jerusalem so weit
wie möglich erschwerten.
Iris Hefets:
Die politische Kultur in Israel ist nicht so gesetzgebunden. Man kann die Leute schon
schikanieren. Auch wenn es um Häuser von Palästinensern geht: Sie wollen einen
Balkon schließen, weil sie jetzt noch drei Kinder in der Familie haben und sie
brauchen irgendeinen noch Raum. Da werden keine Genehmigungen gegeben, für
diese Balkon schließen. Und xx machen sie das, wenn sie irgendeinen Raum
brauchen, dann wird es von den Israelis zerstört, weil sie sagen, das hat er illegal
gemacht.
Erzählerin:
Firas Maraghy und Wiebke Diehl haben für ihr Gefühl genug Schikane erlebt. Zwar
haben sie noch Hoffnung, denn Rupert Polenz will ihren Fall bei den nächsten
deutsch-israelischen Regierungsgesprächen im Januar ansprechen. Doch fragt das
Ehepaar sich mittlerweile auch, inwieweit die Bundesregierung überhaupt Einfluss
auf Entscheidungen der israelischen Regierung hat.
Wiebke Diehl:
Andererseits glaube ich auch nicht, dass es im Interesse der israelischen Botschaft
oder der israelischen Regierung ist, wenn sich mein Mann einfach wieder da hinsetzt
und Hungerstreik macht. Oder man dann einfach auch andere Formen des Protests
wählt. Man könnte sich zum Beispiel fragen, warum eigentlich noch nie ein
Palästinenser aus Ost-Jerusalem in Den Haag geklagt hat vor dem Internationalen
Gerichtshof. Weil das natürlich nach internationalem Recht überhaupt nicht geht,
ein Land zu annektieren und die Bevölkerung nicht mit zu annektieren bzw. denen
keine ordentlichen Papiere auszustellen.
Erzählerin:
Einen kleinen Hoffnungsschimmer sieht Firas Maraghy aber doch. Immerhin
verlautbarte das israelische Innenministerium in einer Pressemitteilung, es hege Zitat - „keine Absichten, seinen Status als ständiger Einwohner zu annullieren“. Der
Familienvater will deshalb das Risiko eingehen und im Mai nach Jerusalem fliegen,
um sein Reisedokument verlängern zu lassen. Sollte die Behörde ihm dies trotz der
Presseerklärung verweigern, könnte er Israel nicht mehr verlassen, ohne sein
Rückkehrrecht für immer zu verlieren.
Firas Maraghy:
Ich weiß, das schwer. Ich kann zwei Stunden weg von meiner Tochter nicht sein.
Aber ich kann nicht akzeptieren, mein Recht in Jerusalem zu verlieren. Das ist für
mich, mein Leben zu verlieren. Babystimme] Wie gesagt am Anfang, sie müssen
akzeptieren, dass es gibt ein Volk, er hat dort gewohnt. Und die Menschen sie
können nicht akzeptieren, ganz einfach sagen [lacht]: die Heimat - Tschüss. Das ist
ungerecht.
11
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