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20 Minuten Online - «Was ist denn an der Faulheit so schlecht

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20 Minuten Online - «Was ist denn an der Faulheit so schlecht?» - News
Wieso arbeiten wir?
Der Mensch ist ein tätiges Wesen. Unser Denken würde sich gar
nicht entwickeln, wenn wir untätig wären. Erfahrungen mit
Waisenkinder haben gezeigt: Wenn man sie im Spital nur mit
Nahrung versorgt, ihnen aber keine Beschäftigung gibt,
verkümmern sie in kürzester Zeit. Zusätzlich gilt: Wir leben in
unserer arbeitsteiligen Gesellschaft auch davon, dass wir für
unseren Beitrag zum Allgemeinwohl Anerkennung bekommen.
Umfrage
Was würde passieren, wenn es ein
bedingsloses Grundeinkommen gäbe?
●
●
●
●
Ich würde weiterarbeiten und die meisten anderen auch.
Ich würde weiterarbeiten aber die meisten anderen nicht.
Ich würde faulenzen - und
die meisten anderen auch.
Ich würde faulenzen, aber
die anderen würden
weiterarbeiten.
abstimmen
Dennoch: Würde ein
garantiertes
Grundeinkommen nicht
faul machen?
Nein. Wir sind alle
Sinnsuchende. Selbst in
unserer
Leistungsgesellschaft suchen
sich viele Leute Bereiche
Theo
ausserhalb des
Wehner (63) ist seit 1997 Professor für
Arbeitsplatzes, wo sie ihre
Arbeits- und Organisationspsychologie
ureigensten Bedürfnisse
an der ETH Zürich.
entfalten und etwa
hervorbringen können.
Wieso leisten sie denn gemeinnützige Arbeit am Abend – in einer
Zeit, in der sie auch drei Überstunden absitzen und zusätzliches
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Geld verdienen könnten? Viele Menschen bekommen am
Arbeitsplatz nur durch den Lohn eine Form von Anerkennung.
Die Anerkennung für Leistungen in der Familie, im
Freundeskreis oder in einem Verein befriedigt uns viel mehr. Das
Grundeinkommen wäre eine Möglichkeit, solche Leistungen
auch finanziell zu honorieren. Um grundsätzlich auf Ihre Frage
zurückzukommen: Was ist denn an der Faulheit so schlecht?
Sie widerspricht unserem modernen Arbeitsethos.
Ja, genau. Wir haben die Faulheit in unserer Arbeitsgesellschaft
abgewertet. Dabei sind Musse und Müssiggang alles andere als
ein Übel. Wenn wir auf Dauerleistung schalten, überfordern wir
uns selber. Wir müssen eine Balance finden zwischen Spannung
und Entspannung. Das Denken, das Fantasieren sind beim
Faulenzen ja nicht abgeschaltet. Das sieht man am besten bei
kreativen Leuten.
Schön und gut. Aber zeigt nicht gerade das heutige
System auf, dass es sich viele Leute lieber mit dem
Arbeitslosengeld bequem machen, als beim Generieren
von Wohlstand zu helfen?
Doch. Aber genau aus diesem Grund brauchen wir ein neues
Verhältnis zur Arbeit. Die heutige Gesellschaft hat auch Leute
hervorgebracht, die antriebslos sind. Ihnen bekommt die
Routine am Arbeitsplatz nicht. Sie klinken sich aus der
Leistungsgesellschaft aus, werden krank und arbeitslos. Es
stimmt: Diese Leute nutzen die Zeit häufig nicht, um Kreatives
auf die Beine zu stellen. Aber das liegt vor allem daran, dass sie
gesellschaftlich ausgegrenzt werden und mit dieser Kränkung
fertig werden müssen. Wir sind nicht dazu geboren,
Sozialschmarotzer zu sein und den ganzen Tag in der Kneipe zu
sitzen. Wir wollen etwas produzieren.
Diese Lust am Produzieren hat bei uns auch ohne
Grundeinkommen zu einem hohen Wohlstand geführt.
Wir arbeiten heute doppelt so effizient wie vor dreissig Jahren.
Aber der Produktivitätsgewinn wird nicht gerecht an die
Gesellschaft verteilt. Die Vollbeschäftigung ist ein Mythos, an
dem Politiker hartnäckig festhalten. Die Unternehmer haben
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daran gar kein Interesse: Je weniger Leute sie anstellen müssen,
umso höher ist ihr Gewinn. Das Grundeinkommen würde für
eine gerechtere Verteilung des Wohlstands sorgen.
Gegner des Grundeinkommen bemängeln, dass
niemand mehr die unattraktiven Jobs machen würde.
Wieso sollte auch jemand für 3000 Fr. putzen gehen,
wenn er ohne Arbeit schon 2500 Fr. bekommt?
Das stimmt. Aber genau das wäre der grosse Fortschritt: Dass
niemand des Geldes wegen einen Job ausüben muss, der seinem
Anspruch nach Sinn nicht entspricht. Es gäbe drei
Möglichkeiten, was mit unattraktiven Jobs passieren würde.
Erstens: Sie würden wegrationalisiert. Zweitens: Wir müssten
das Unangenehme selber erledigen. Oder drittens: Die
«schlechten» Jobs müssten finanziell und von den
Arbeitsbedingungen her so aufgewertet werden, dass sich Leute
finden, die sie erledigen wollen. Heute können sich nur die
privilegiertesten Leute erlauben zu sagen: Danke fürs Angebot,
aber der Job ist einfach nicht attraktiv genug.
Sie selber haben Zweifel geäussert, ob der heutige
Mensch überhaupt reif für die Utopie eines
bedingungslosen Grundeinkommens ist – ist das ein
ähnliches Problem wie jenes des Kommunismus, der
sich einen neuen Menschen auch erst hätte erschaffen
müssen?
Im real existierenden Soziaismus gab es viele Fehler. Einer der
gravierendsten war, dass die Menschen hätten umerzogen
werden müssen, was etwa zu den Verheerungen der chinesischen
Kulturrevolution führte. Dem Grundeinkommen liegt ein
anderes Menschenbild zugrunde: Dass grundsätzlich jeder in der
Lage ist, Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu
übernehmen. Und dass es nicht weniger Wert hat, die eigenen
Kinder zu erziehen, als im Büro Karriere zu machen. Aber klar
ist: Würde das Grundeinkommen derzeit eingeführt, wären wir
heillos überfordert. Wir sind anders sozialisiert. Die Schweizer
von heute haben ja schon Angst vor sechs Wochen Ferien, weil
sie nicht wissen, was sie mit der zusätzlichen Zeit anstellen
würden – oder befürchten, dass es die Wirtschaft nicht
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verkraftet.
Wenn die Schweizer schon für eine zusätzliche
Ferienwoche zu «vernünftig» sind: Was bringt dann
derzeit überhaupt eine Debatte zum viel weiter
gehenden Grundeinkommen?
Niemand ist so blauäugig zu glauben, dass die Initiative heute
eine Chance hat. Aber utopische Ideen brauchen immer Zeit. Die
Idee eines Grundeinkommen ist seit 500 Jahren – seit Thomas
Morus’ Utopia – in der Welt, viele Ökonomen haben sich seither
Gedanken dazu gemacht. Die Initiative gibt Denkanstösse: Wie
gehen wir mit unserem Wohlstand um – und wie mit einer
Arbeitswelt, die viele von uns unglücklich macht? Die Schweiz ist
aufgrund ihrer direkten Demokratie, die den Bürger einbindet,
prädestiniert dazu, diese Debatte zu führen. Es geht dabei nicht
um die absolute Wahrheit, sondern um die kritische Abwägung
der Argumente. Es ist deshalb nicht zielführend, wenn Politiker
das Begehren reflexartig ablehnen. Ich bin als Arbeitspsychologe
an einer Humanisierung der Arbeit interessiert. Es ist nicht
human, wenn 30 Prozent der spanischen Jugendlichen keinen
Job haben. Und wenn Frauen noch immer weniger Geld für den
gleichen Job erhalten.
Und da ist das bedingungslose Grundeinkommen ein
Allheilmittel?
Solche Ungerechtigkeiten wären zumindest schwerer
aufrechtzuerhalten. Aber auch ich habe meine Zweifel. Das
Grundeinkommen setzt sehr stark auf das Individuum und stellt
sich damit in die Tradition einer fortschreitenden
Individualisierung, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm.
Vorher war klar, dass der Metzgersohn Metzger wurde und
welche Frau er heiraten sollte. Das ist heute zum Glück anders.
Doch eine Gesellschaft hat nicht nur die Aufgabe, die Freiheit des
Einzelnen zu sichern. Sie muss auch Wege finden, einen starken
gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen. Der ging in den
letzten Jahrzehnten etwas verloren – etwa durch die
Ausgrenzung der Armen oder von Ausländern. Ich bin nicht
sicher, ob das Grundeinkommen die Individuen wirklich wieder
solidarischer macht; der Anspruch jedoch ist formuliert.
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Und auch die Finanzierung eines Grundeinkommen ist
ein grosser Knackpunkt.
Die Milliarden für die Behebung der von den Banken
verschuldeten Finanzkrise waren auch da. Die Ökonomen, aber
auch andere Wissenschaftsgattungen sind jetzt gefordert,
Antworten auf die Frage zu finden: Was bedeutet die
Provokation eines bedingungslosen Grundeinkommens für
meine Disziplin?
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