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KuBus 67: Der plötzliche Abstieg – Was es heißt, arbeitslos zu sein

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KuBus 67:
Der plötzliche Abstieg – Was es heißt, arbeitslos zu sein
Autor: Per Schnell
00'00" BA
00’01“
Euskirchen, eine Kleinstadt in Nordrhein Westfalen. Der 43jährige Bernd Brück, Vater von zwei
Kindern, auf dem Weg zum Arbeitsamt. Seit fünfzehn Monaten ist er, abgesehen von einer kurzen
Unterbrechung, ohne Arbeit. Eine Nummer ziehen und anstellen. Was geht in Jemandem vor, der so
lange arbeitslos ist, hat er überhaupt noch Hoffnung?
00’25“
O-Ton Bernd Brück
„Spätestens dann, wenn man wieder zu Hause ankommt fragt man sich: na ja, was hat der Besuch heute
bewirkt, bewirken können?
Die Frau wartet zu Hause schon ganz gespannt, ob es irgendwelche
Neuigkeiten gibt hinsichtlich des Jobs. Die Kinder – man weiß nicht, was man ihnen sagen soll, wo man
war – verstehen sie es schon?“
00’48“
Eigentlich war die Welt der Familie in Ordnung. Bernd Brück hatte eine feste und sichere Anstellung bei
der Sparkasse. Es ging ihnen gut, doch irgendwann hatte er das Gefühl, dass das nicht alles gewesen sein
kann. Er kündigte seinen sicheren Arbeitsplatz und fing etwas ganz neues an. Er war zufrieden, doch
das Glück dauerte nur drei Monate, dann verlor er seine Arbeit. Schon bald musste er erkennen, wie
schwer es ist, auf dem freien Markt Arbeit zu finden.
01’17“
O-Ton Carmen Rosen (Psychologin)
„Wenn so ein Familienvater sagt: ich such mir jetzt wieder eine Arbeit, ich will das auch machen, dann
kommt erst einmal – er ist ja nicht mehr der, der er mal vor zehn Jahren war, als er zum ersten Mal
einen Job gesucht hat, er hat ja diese Erfahrung im Nacken und er hat den natürlich den Druck viel
mehr im Nacken: ‚Wie stehe ich jetzt da, wenn ich zurückkomme, und habe wieder nichts gefunden,
glauben die mir, dass es nichts gibt oder denken die doch, ich bin ein Versager und es liegt an dir!’ Das
wird ihn natürlich sehr unter Druck setzen und er muss es zu Hause auch noch erklären. Das macht es
für ihn sicherlich nicht leichter.“
02’00“
O-Ton Bernd Brück
„Wenn man sieht, wie man selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft durch Kleinigkeiten ausgegrenzt
wird. Ganz banales Beispiel: Sommertag, schönes Wetter, na ja hab ich gedacht, gehst du ein wenig raus
und putzt dein Auto. Irgendwie, unglücklicherweise waren wohl ein paar Wasserspritzer aufs
Nachbargrundstück gelangt und es dauerte keine zwei Minuten, da trat meine Nachbarin vor die Tür
und meinte: ‚Muss da den jetzt sein, du bist doch arbeitslos, du hast doch wirklich genügend Zeit, an
anderen Tagen dein Auto zu waschen!’ Als ich das gehört habe, da habe ich wirklich gedacht, jetzt
bekommst du es hier auch schon zu spüren.“
02’47“
O-Ton Ruth Brück (Ehefrau)
„Als mein Mann mit der Nachricht nach Hause kam, dass er seine Arbeit verloren hat, da glaubt man,
die Welt stürzt ein, man bekommt unheimliche Ängste, Existenzängste und hofft natürlich, dass er
schnellstmöglich wieder einen Job findet. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich alles nur noch um
Stellenanzeigen, um Bewerbungen, die jeden Tag rausgehen. Absagen kommen rein - es ist einfach
frustrierend.“
03’20“
O-Ton Bernd Brück
„Dieser Satz – ich kannte ihn schon fast auswendig: ’tut uns leid, aber wiederum nach reiflichen
Überlegungen müssen wir ihnen mitteilen, dass wir derzeit keine geeignete Stelle in unserem Haus zu
besetzen haben!’ und wie immer der Satz zum Schluss: ‚Wir bitte um ihr Verständnis. Wir wünschen
ihnen alles Gute für die Zukunft und verbleiben mit freundlichen Grüßen.’“
03’42“
O-Ton Ruth Brück (Ehefrau )
„Ja, es gab auch Existenzängste, denn je länger die Arbeitslosigkeit dauert, um so mehr ist das was wir
uns aufgebaut haben, bedroht. Man hofft immer nur, dass der Zustand bald ein Ende haben möge und
dass er wieder eine Stelle findet, dass es hier weiter gehen kann.“
04’04“
O-Ton Theresa Brück (Tochter, 10 Jahre)
„Manchmal hatte ich schon so ein bisschen Angst, dass wir aus dem Haus raus müssen, weil Papa kein
Geld mehr hat. Aber das war eigentlich nicht so schlimm, weil ich da nicht so stark drüber nachgedacht
habe.“
04’15“
O-Ton Christoph Brück (Sohn, 13 Jahre)
„Hatte ich eigentlich Angst, das wir weniger Geld haben und so und dass wir nicht so viel einkaufen
können. Und es war ja auch schwer, das Geld zusammen zu halten, wir mussten ja sehen, dass wir von
irgend etwas leben.“
04’36“
Wenn seine Sorgen es zulassen, widmet Bernd Brück sich den Kindern.
04’45“
O-Ton Theresa Brück
“Ich kann mich noch erinnern, als der Papa nach Hause kam und gesagt hat, dass er arbeitslos ist und
jetzt nicht mehr arbeiten geht. Da habe ich erst mal gedacht: ‚Wie, der geht jetzt nicht mehr arbeiten!’
und dann habe ich darüber nachgedacht, dass der ja jetzt öfter zu Hause ist bei uns, da habe ich gedacht,
das ist ja eigentlich ganz gut. Aber später haben wir gemerkt, dass Papa auch bedrückter war. Als er sich
dann eine neue Arbeit gesucht hat, waren wir schon froh.“
05’24“
Sechs Monate waren vergangen, mehr als 135 Bewerbungen hatte Bernd Brück verschickt, dann kam
ihm der Zufall zu Hilfe. Er hatte einen Artikel über eine Landmaschinenfirma in Süddeutschland gelesen
und sich spontan an den Geschäftsführer gewandt.
05’40“
O-Ton Bernd Brück
„Auf einmal hieß es für mich von heute auf morgen: ‚In zwei Wochen treten sie ihre neue Stelle an!’,
aber nicht wie bisher, in gewohnter Umgebung - für mich hieß es 650 Kilometer entfernt von zu Hause
nach Süddeutschland in eine für mich völlig unbekannte neue Situation. Neue Menschen, neue
Mentalitäten, irgendwo alles neu, neue Landschaften. Aber eins war sicher und eins war wichtig: ich
hatte eine neue Stelle.“
06’08“
O-Ton Ruth Brück
„Wir waren ja erst einmal unheimlich froh, dass er wieder die Chance hat, Arbeit zu haben und das sich
die Situation wieder ändert. Andererseits – man ist alleine in dem Haus mit den Kindern, das sind alles
ungewohnte Situationen. Wir leben hier am Dorfende, im Hintergrund ist gleich das Feld und ich muss
sagen, ich habe kaum eine Nacht gehabt, wo ich wirklich durchgeschlafen habe. Um den Preis des Jobs
akzeptiert man das halt.“
06’49“
Bernd Brück hatte sich wirklich bemüht, hatte durch Eigeninitiative die Stelle in Süddeutschland
bekommen, hatte die Entbehrungen einer Wochenendbeziehung in Kauf genommen, doch dann waren
es die Banken, die dem jungen Unternehmen die Kredite nicht verlängerten und das hieß Insolvenz.
Wieder war er arbeitslos.
07’08“
O-Ton Bernd Brück
„Auf der ganzen Rückfahrt stellte ich mir immer wieder die Frage: ‚Wie sage ich es bloß meiner Frau,
wie bringe ich es ihr schonend bei, wie kann ich es ihr so begreiflich machen, dass sie es versteht? Es lag
nicht an mir, es konnte nicht an mir gelegen haben. Aber trotzdem, ich hatte ein Gefühl der Ohnmacht,
ich wusste bald nicht mehr, wie ich es ihr noch erklären sollte.“
07’33“
O-Ton Ruth Brück
„Ich glaube, ich habe versucht, es nicht zu zeigen, ihm gegenüber nicht zu zeigen, wie groß eigentlich
die Angst ist vor dem totalen Absturz. Man fragt sich wirklich, was passiert, wenn nicht bald eine
Änderung eintritt.“
07’54“
Bernd Bück ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. So oft er kann besucht er mit seinen Kindern das
elterliche Gehöft.
08’13“
O-Ton Bernd Brück
„Wenn ich meine derzeitige Situation mit der meines Bruders vergleiche, der hier den elterlich Hof
übernommen hat, überfällt mich Wehmut und ich denke, was wäre gewesen, wenn du doch diesen
Bauernhof von deinen Eltern hättest übernehmen dürfen. Aber wie gesagt, es war nur ein Traum und
ich würde mich manchmal freuen, ich könnte die Zeit zurückdrehen, weil es einfach immer mein Leben
war, hier als Sohn in der vierten Generation diesen Hof zu übernehmen.“
08’47“
In Berlin lebt Peter Kleimeier, auch er ist arbeitslos und das ist bitter, denn er war einmal ganz oben,
Topmanager in einem Dienstleistungs-konzern. Als man ihn bat, sich räumlich zu verändern, war er der
Meinung, dies nicht nötig zu haben und kündigte seinen hoch dotierten Job.
09’05“
O-Ton Peter Kleimeier
„Es gibt den schönen Satz: ‚Hochmut kommt vor dem Fall!’ - das war auch bei mir der Fall. Und dann
begann die Katastrophe, aber die kommt natürlich nicht mit einem Schlag, sonder das ist ein langsamer
Prozess, wo man da hinein gleitet und wo es dann immer schlimmer wird. Ich habe am Anfang
natürlich sehr viel Energie gehabt, habe gedacht, jetzt nimmst du dir erst einmal eine Auszeit um zu
schauen, wo ich eigentlich hin will. Da passierte nichts. Da habe ich Menschen, die etwas davon
verstehen, gefragt: ‚Mache ich etwas verkehrt?’ und sie habe gesagt ‚nein’. Und ich weiß nicht, ob sie es
gesagt haben, um mich zu trösten.“
09’49“
O-Ton Peter Kleimeier
„Aber das hat mich im Grunde noch verzweifelter gemacht, weil ich jetzt nicht mehr wusste, was ich
noch tun kann. Das ist überhaupt der schlimmste Punkt, die unendlich viele Zeit die man hat. Es ist
ziemlich schrecklich, wenn man keine Bestätigung hat und wenn man nicht weiß, was man eigentlich
tun soll, wenn man sich Beschäftigungen suchen muss, wenn das Einkaufen quasi in den
Terminkalender eingetragen wird und man sagt: ‚da habe ich etwas zu tun!’“
10’36“
O-Ton Peter Kleimeier
„Du hast keinen Sinn, keine Aufgaben, du bist zwar vielleicht
einigermaßen intelligent, du kannst was, aber es braucht dich keiner –
und das hat mich krank gemacht.“
10’54“
O-Ton Peter Kleimeier
„Und da zweifelt man – also ich hab daran gezweifelt, ob ich
überhaupt weiterleben soll.“
11’05“
O-Ton Carmen Rosen (Psychologin)
"Wenn dann da keine anderen Quellen sind, die das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein stärken,
dann ist das ein richtig heftiger Absturz und es ist nicht einfach, aus diesem Loch wieder
herauszukommen. Ich denke, je höher die Identifikation mit dem Beruf, mit dem Job, umso stärker der
Absturz.“
11’28“
Peter Kleimeier wollte arbeiten, er hat alles versucht, 170 Absagen auf 170 Bewerbungen erhalten, er
hat erst dick aufgetragen und ist später bescheiden daher gekommen – es hat ihm alles nichts genutzt.
Zweieinhalb Jahre hat es gedauert – eine Anstellung hat er nicht
gefunden. Dennoch hat er es geschafft: selbständig bietet er heute seine Fähigkeiten auf dem freien
Markt an, macht in eigener Regie das, was er früher für seinen Konzern tat.
12’02“
O-Ton Peter Kleimeier
„Thomas Mann hat mal - ich glaube im ‚Zauberberg’ - diesen schönen Satz geschrieben: ‚Es gibt keinen
hoffnungsvolleren Augenblick als den, wenn man ganz unten angekommen ist!’ weil, dann geht es nur
noch nach oben.
Also ich glaube, dass die Bescheidenheit, dieses neue Lernen von Bescheidenheit meiner Persönlichkeit
sehr gut getan hat und dass mir auch das Verständnis für andere Dinge – also, wenn man im
Management arbeitet, irgendwo verliert man den Bezug, man verliert den Bezug zu einer bestimmten
Ebene – nicht zur Realität, das will ich nicht sagen, es ist eine andere Realität – und das ist etwas, was
ich wieder habe lernen müssen.“
12’53“ Bildende
http://www.goethe.de/kubus
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Seele and Geist
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