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"Was machen wir hier überhaupt?"

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ihb 9/92 S. 4
"Was machen wir hier überhaupt?"
Eine Betrachtung zum Auftritt Joseph Weizenbaums an der TH Ilmenau am 25.5.92
Eine Viertelstunde vor Beginn des angekündigten Vortrags von Professor Weizenbaum ist der
Große Hörsaal bis zum letzten Platz gefüllt, und
dabei ist erst die Hälfte der Hörerschaft da. Die
Luft hat mittlerweile die Konsistenz von Tapetenkleister.
Magnifizenz Professor Köhler eröffnet die Veranstaltung mit einigen launigen Worten, stellt
den Gast, der als Mahner und Kritiker von Wissenschaft und Gesellschaft mindestens ebensoviel Berühmtheit erlangt hat wie als Forscher
und Computer-Pionier, kurz vor und reklamiert
geistige Verwandtschaft mit ihm, da er sich wie
dieser als "Mitvater" um seine "Kinder" (die
Forschungsergebnisse) weiter kümmere. Zumindest gelingt es beiden mühelos - jedem auf
seine Weise - , das Auditorium zum Lachen zu
bringen, ohne daß Frohsinn dabei aufkäme.
Ich weiß nicht, wer Joseph Weizenbaum dazu
überredet hat, über seinen frühen Werdegang
und die Anfänge der Rechentechnik zu referieren. Er tut dies zwar in sympathisch lockerer
Weise, dennoch bin ich anfangs enttäuscht - ich
hatte irgendwie mehr die große Offenbarung erwartet, über das Jetzt und Morgen (und wohl
nicht nur ich). Aber vielleicht betrügen wir uns
damit ja selbst? Das einfache Rezept für die Lösung aller Probleme wird es nicht geben. Und
just da ich nicht mehr auf große Botschaften
lauere, höre ich sie plötzlich: die kleinen, aber
bohrenden Fragen, die Scherze, die einen eher
erschrecken machen. Und man begreift, diesen
Mann, der da unten plaudert, muß man ernst
nehmen. Und das hängt wohl auch damit zusammen, daß er selbst sich nicht so ernst nimmt
Dies gibt ihm offenbar die Freiheit, seine Gedanken über den eigenen Gartenzaun hinaus zu
denken und noch ein erhebliches Stück weiter,
als die meisten dies zu tun bereit oder fähig
sind.
Und er führt uns noch einmal vor, wie simpel es
sein kann, der Menschheit ein 'X' (z. B. ELIZA) für ein 'U' (z. B. maschinelle Intelligenz)
vorzumachen, und wie wenig dabei das 'X' zum
'U' wird. Sein Plädoyer für Ehrlichkeit in der
Wissenschaft ist eindringlich. In der Tat Wo die
Professor Joseph Weizenbaum
Begriffe immer kleiner definiert werden, damit
das Werk umso größer erscheint ist äußerstes
Mißtrauen geboten. Dies gilt wohl nicht nur in
der "KI". Als deren Hauptproblem charakterisiert er die Eitelkeit ihrer Protagonisten. Herzerfrischend, wie Weizenbaum mit wenigen, aber
genau treffenden Argumenten und Beispielen
den pseudowissenschaftlichen Zinnober unserer
Zeit von der Bildfläche fegt (zur Aussagekraft
des sogenannten Intelligenzquotienten etwa:
"Was immer Intelligenz auch sein mag - es ist
mit Sicherheit nichts Eindimensionales ... Ein
IQ, der vorgibt Intelligenz auf einer linearen,
eindimensionalen Skala messen zu können, ist
lächerlich!").
Charakteristisch und unvergeßlich erscheint
mir folgender Wortwechsel: Er wird gefragt
welche Auffassung er zu den zehn Dogmen der
KI habe, und er antwortet "Zehn Dogmen der
KI? Nie davon gehört!" Weizenbaum ist nicht
derjenige, der Lehrsätze für Wissen nimmt. Interessant: Dogma ist ein Wort der Kirche, und
der Gedanke, daß die Wissenschaft streckenweise schon den Charakter einer Religion angenommen und ihre Hohepriester hat ist gar nicht
so abwegig. Weizenbaum ist ein Ketzer in die-
sem Sinne. Technikgläubigkeit ist ihm ebenso
fremd wie naive Verharmlosung. Die Macht der
Computer ist eben die, die wir Menschen an sie
abgeben und abgegeben haben, sagt er und beweist, daß wir eben nicht mehr "einfach den
Stecker aus der Dose ziehen" können. Wir
schaffen uns Systeme der Abhängigkeit die wir
immer weniger beherrschen. "Ich meine nicht
daß niemand etwas davon versteht Aber ganz
und gar durchschauen kann man sie nicht
mehr", mahnte er andernorts ("Kurs auf den
Eisberg").
Eine der brisantesten Fragen an ihn betrifft die
Legitimität des Ausschlusses von Militärforschung an einer öffentlichen Einrichtung (der
Wissenschaftliche Rat der TH Ilmenau verabschiedete bekanntermaßen einen dahingehenden
Appell) hinsichtlich der Freiheit der Wissenschaft Und Weizenbaum zeigt anhand der Endlichkeiten menschlicher Existenz gegenüber der
Unendlichkeit der Wissenslücken, daß Prioritäten unverzichtbar sind, daß die Frage "wie dient
Forschung unserer Welt?" nicht nur legitim,
sondern essentiell ist. Und daß da an den Prioritäten einiges ganz und gar nicht stimmt
Alle Forschung habe zwei Seiten, sei mehrdeutig, also sei es egal, was wir tun, könnte man
meinen. Falsch, sagt Weizenbaum und bleibt
die Beispiele nicht schuldig, daß außer Grauzonen auch genügend klare Fälle existieren.
"Wertfrei" bleibe da wenig, und die Frage nach
dem Geldgeber könne den Nebel spürbar lichten.
Schade und doch kaum verwunderlich, daß diejenigen hier, die sich sonst öffentlich kaum
scheuen, seine Haltung nicht zu teilen, sich an
ihm nicht reiben wollten. Vielleicht lesen sie ja
wenigstens in Zukunft Weizenbaums Schriften.
Und nicht nur diagonal, und nicht nur den Titel.
Aber wird es helfen?
Die bohrende Frage "Was machen wir hier
überhaupt?" kenne ich nicht erst seit Weizenbaums Besuch an der TH Ilmenau. Aber ich
werde sie in Zukunft noch seltener verdrängen
können. Oder kann mir irgendwer erklären,
wieso wir haufenweise Geld für die Erfindung
überflüssiger Annehmlichkeiten elitärer Minderheiten, für immer neue Waffensysteme, deren Zielscheiben man selber hervorbringt und
für Dinge, die immer mehr Energie und Rohstoffe fressen, kurzum "Wachstum" und "Entwicklung" ausgegeben werden, während täglich
ebendeswegen Tausende Menschen verhungern,
quadratkilometerweise Wald irreversibel zerstört wird und Tausende Tonnen immer neuen
Mülls ihr "Endlager" suchen? Weizenbaum hat
mich darin bestärkt daß Widerstand doch nicht
nur gegen Stalinismus-Dirigismus legitim ist.
Schon unsere Kinder werden von klein auf in
der Trennung zwischen dem Tun und den Konsequenzen dieses Tuns erzogen (sagt Weizenbaum und hat in beunruhigender Weise recht).
Werden wir uns noch rechtzeitg darauf besinnen, daß man Geld nicht essen kann, bevor man
uns mit CyberSpace die Augen endgültig verschließt? Solange wir selbst es nicht begreifen,
kann auch die Demokratie die Mächtigen nicht
in die Verantwortung zwingen.
Dr.-Ing. Kay Gürtzig
Fakultät für Informatik und Automatisierung
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Seele and Geist
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