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1 Grundlegende Begriffe: Was ist Versicherung?

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1
Grundlegende Begriffe: Was ist Versicherung?
1.1
Wurzeln der heutigen Versicherungswirtschaft
Entstehung und Entwicklung der Versicherungswirtschaft lassen sich auf drei historische
Wurzeln zurückführen:
Wurzeln der heutigen Versicherungswirtschaft
genossenschaftliche
Zusammenschlüsse
z.B. Brandgilden,
Zünfte, Laden
staatliche
Initiative
kaufmännisches
Interesse
z.B. Hamburger
Feuerkontrakte
z.B. Seeversicherung
im Mittelalter
Versicherungsverein auf
Gegenseitigkeit
VersicherungsAktiengesellschaft
öffentlichrechtliche
Versicherer
Abb. 1: Wurzeln der heutigen Versicherungswirtschaft
Die heutige Struktur des Versicherungswesens und viele seiner Praktiken und
Besonderheiten sind leichter zu verstehen, wenn man sich an diese Ursprünge erinnert.
Das versicherungswissenschaftliche Museum in Gotha unterstützt dabei
(http://www.versicherungs-geschichte.de).
1.1.1
Genossenschaftliche Zusammenschlüsse
zur gegenseitigen Unterstützung
Die genossenschaftlich orientierte Versicherung geht auf das Gildewesen im nordeuropäischen Raum, vor allem England, Skandinavien und Norddeutschland zurück.
In Norddeutschland taten sich im 15. bis 17. Jahrhundert gleichartig bedrohte Familien,
Sippen und Dorfgemeinschaften zusammen und leisteten sich in Notfällen aller Art, z.B.
bei Brandschäden oder Viehverlusten, gegenseitig Hilfe. Im 16. Jahrhundert wurden in
Schleswig-Holstein Brandgilden gegründet, die als Ursprung der Feuerversicherung
gelten.
Fraglich ist, ob man bei diesen Selbsthilfeeinrichtungen schon von "Versicherungsunternehmen" sprechen kann, da weder Beiträge erhoben wurden, noch - außer der
moralischen Verpflichtung - ein Rechtsanspruch auf Beistand im Notfall bestand.
7
Auch die mittelalterlichen Zünfte der Handwerker unterstützten ihre Mitglieder und deren
Familien in Notfällen wie Krankheit, Invalidität, Alter und Tod des Ernährers. Die
Leistungen waren unter anderem an Beiträge in bestimmter Höhe gebunden, insofern
kann man hier schon von "Versicherung" sprechen.
Aus dem Fürsorgewesen der Zünfte sind im Laufe der Zeit selbständige Kassen –
sogenannte 'Laden' - entstanden, die auch nach dem Niedergang der Zünfte weiterbestanden. Sterbekassen, Witwen- und Waisenkassen, Heiratskassen und sonstige
Unterstützungskassen, die von Handwerkern und Kaufmannsgehilfen getragen wurden,
waren während des 18. Jahrhunderts in ganz Deutschland verbreitet.
Die Kassen arbeiteten jedoch ohne jede mathematische Grundlage und konnten
deshalb nicht immer ihren Zweck erfüllen. Aus diesem Grunde verbot 1786 der Rat der
Stadt Nürnberg die Gründung neuer Kassen und verpflichtete alle bereits bestehenden,
sich zur Prüfung anzumelden. Dieses Verbot kann man als erste aufsichtsrechtliche
Anordnung im deutschen Versicherungswesen sehen.
Heute setzt sich der genossenschaftliche Versicherungsgedanke im Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVaG) fort.
1.1.2
Staatliche Initiativen zur Schadensbegrenzung und -finanzierung
Wenn Versicherungen durch staatliche Initiative gegründet wurden, dann aus
verschiedenen Anlässen:
ƒ wegen der Notwendigkeit, bestehende Versicherungsverhältnisse neu zu organisieren
Die Hamburger Feuerkasse, zum Beispiel, entstand 1676 durch eine Anordnung des
Rates der Stadt Hamburg. Diese Anordnung hob die im Stadtgebiet bestehenden
Feuerkontrakte auf und fasste sie in einer gemeinsamen ‘General-Feuer-OrdnungsCassa’ zusammen. Anlass für diese Maßnahme war, dass einzelne der ca. 40
Feuerkontrakte bei größeren Bränden überfordert waren und keinen ausreichenden
finanziellen Ausgleich bieten konnten.
Die ersten Feuerkontrakte wurden in Hamburg schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts gegründet. Es handelte sich hierbei um Absprachen zwischen jeweils etwa
100 Hauseigentümern, die sich zur gegenseitigen finanziellen Hilfeleistung im Falle
von Brandschäden an Gebäuden verpflichteten.
Schon frühzeitig versuchte man, nur solche Häuser in einem Feuerkontrakt zusammen
zu fassen, die nicht in unmittelbarer Nähe zueinander standen (Versuch der
Vermeidung von Kumulschäden). Dennoch gab es immer wieder Finanzierungsprobleme. 1676 entschloss man sich schließlich, eine einheitliche Feuerordnung für
Hamburg zu entwerfen, per Gesetz alle Feuerkontrakte aufzuheben und die
Hamburger Feuerkasse zu gründen. Risikoträger wurde damit die Stadt Hamburg, und
so entstand die erste öffentlich-rechtliche Versicherung.
ƒ aufgrund der Fürsorgepflicht des Landesherren
1718 gründet Friedrich Wilhelm I. von Preußen die Berliner Feuersozietät. Auch
anderswo in Deutschland entstanden staatliche Pflichtversicherungen im Bereich
Gebäudebrandversicherung mit den Zielen:
- Hilfe in finanziellen Notlagen aufgrund von Feuer zu bieten,
- die Erhaltung des Gebäudebestands zu sichern,
- den Realkredit zu schützen,
- Brandbettel zu bekämpfen.
8
ƒ zur Finanzierung der Landesherren
Zur Sanierung der französischen Staatsfinanzen schlug der neapolitanische Arzt
Lorenzo Tonti 1653 dem damaligen Finanzminister Kardinal Mazarin vor, der
französische Staat solle durch die Einrichtung von Tontinen (= Leibrentengesellschaften) größere Anleihen aufnehmen und die Kapitalgeber mit Leibrenten
entschädigen, also mit lebenslang zahlbaren Renten. Die Ansprüche auf die Leibrente
werden auf die Überlebenden vererbt, was dazu führt, dass die später Sterbenden
höhere Renten erhalten. Derartige versicherungsähnliche Einrichtungen waren im 17.
und 18. Jahrhundert weit verbreitet und gelten als Vorläufer der Rentenversicherung.1
Öffentlich-rechtliche Versicherungsanstalten entstanden zunächst in den
städten (= Sitz des Landesherren). Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden
Feuer- und Lebensversicherung auch weitere Versicherungszweige in
rechtlichen Versicherungsunternehmen betrieben, z.B. Hagelversicherung
versicherung.
Residenzneben der
öffentlichund Tier-
Daneben muss man der Einführung der Sozialversicherung als öffentlich-rechtliche
Pflichtversicherung für die Risikobereiche Krankheit, Unfall, Alter und Invalidität eine
besondere Bedeutung zuordnen. Der entscheidende Durchbruch gelang Bismarck mit
der von ihm verfassten Kaiserlichen Botschaft am 1. November 1881. In ihr kündigt
Kaiser Wilhelm I. „den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit“ an und erklärt, dies sei „eine
der höchsten Aufgaben eines jeden Gemeinwesens, welches auf den sittlichen
Fundamenten eines christlichen Volkslebens steht“.
Die Sozialversicherung nahm ihren Anfang mit der Krankenversicherung 1883, der
Unfallversicherung 1884 sowie der Invaliditäts- und Altersversicherung 1898. 1911
erfolgte eine erste Zusammenfassung des gesamten Rechts durch die Reichsversicherungsordnung (RVO).
1.1.3
Kaufmännische Absicherung des Handelsverkehrs
Die Versicherung auf kaufmännischer Grundlage verdankt ihre Entstehung dem
Handelsverkehr. Sie entstand im 14. Jahrhundert in den oberitalienischen Seestädten
und baute dort vor allem auf dem schon weit entwickelten Bankwesen und der
Buchhaltung auf.
Kaufleute oder Bankherren vereinbarten von Fall zu Fall, allein oder mit Partnern,
zunächst Seeversicherungsverträge gegen Prämie. Da keine große Zahl von Verträgen
abgeschlossen wurde, konnte der Verlust von Schiffen nicht immer durch die
vereinnahmten Prämien ausgeglichen werden. Dennoch kam es bald nach der
Entstehung der vertraglichen Seeversicherung auch zum Abschluss von LandTransport-Versicherungsverträgen.
Auch die moderne Lebensversicherung hat einen ihrer Ursprünge in der damaligen Seeversicherung, denn es konnte auch ein Lösegeld vereinbart werden für den Fall, dass
Schiffsleute oder Reisende von Seeräubern gefangen genommen werden. Hieraus
entwickelte sich die Versicherung auf das Leben von Reisenden. Die vertraglich
1
Im 20. Jahrhundert dürfen Tontinen wegen des damit verbundenen moralischen Risikos in
Deutschland nicht angeboten werden. Erst mit der Einrichtung des Europäischen Binnenmarkts
für Versicherungen Mitte der 1990er Jahre können deutsche Lebensversicherer wieder die
Erlaubnis zum Betrieb von Tontinengeschäften beantragen (§ 1 Abs. 4 VAG).
9
vereinbarten Geldbeträge wurden bei Tod der Versicherten an die Erben oder Gläubiger
ausbezahlt.
Abb. 2: Verbreitung der kaufmännisch orientierten Versicherung mit dem Handelsverkehr
Von Italien aus kam der Versicherungsgedanke über Spanien und Portugal nach
England und in die Niederlande. Auch in England wurde die Seeversicherung
überwiegend von Einzelassekuradeuren betrieben. Londoner Geschäftsleute trafen sich
seit Ende des 17. Jahrhunderts regelmäßig in einem Kaffeehaus, das Edward Lloyd
gehörte und brachten bei dieser Gelegenheit ihre Seeversicherung unter. Dies ist der
Ursprung von ‘Lloyds of London’, das auch heute noch eine Börse ist, an der ‚Names’
(privat haftende Investoren) sich zu spezialisierten ‚Syndikaten’ (für Rückversicherung,
Luftfahrt, etc.) zusammenschließen, um Versicherungsschutz zu verhandeln.
Über Hamburg führten die Holländer dann die Seeversicherungspolice nach
Deutschland ein. Dort, wo größere Handelsunternehmen, Banken und Industrieunternehmen angesiedelt waren, wurden bald auch Versicherungsaktiengesellschaften
gegründet, die ersten in Hamburg. Bis vor kurzem war Hamburg in Deutschland noch
Versicherungsstandort Nummer eins. Gemessen an der Beschäftigtenzahl und der Zahl
dort ansässiger Unternehmenszentralen ist Hamburg inzwischen aber von Köln und
München überholt worden.
Während es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland nur kleinere und
regional tätige Versicherungskassen und öffentlich-rechtliche Gebäude-Brandversicherungsanstalten gab, führte die Gründung kaufmännisch orientierter Versiche-
10
rungsunternehmen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts schließlich zu
einer Blüte der Versicherungswirtschaft. Allein in Hamburg sind in dieser Periode 37
Assekuranz-Companien gegründet worden, von denen die meisten aber nicht mehr
bestehen.
Der Sachversicherungsbedarf wurde zunächst noch überwiegend durch englische und
französische Versicherer gedeckt. Diese hatten sich in den Küstenstädten und entlang
des Rheins angesiedelt. Im Anschluss an die Napoleonischen Kriege bildete sich jedoch
ein stärkeres Nationalbewusstsein in Deutschland heraus und man versuchte,
einheimische Sachversicherer aufzubauen, um den entsprechenden Versicherungsbedarf bei diesen decken zu können. 1846 wurde in Köln dann die erste Rückversicherungsgesellschaft der Welt gegründet.
Die durch die industrielle Entwicklung bedingten neuen Gefahren schufen einen Bedarf
nach entsprechendem Versicherungsschutz: So brachte der zunehmende Verkehr mit
Eisenbahnen 1853 die Einführung einer Unfallversicherung für Bahnpassagiere mit sich;
die Automatisierung von Betrieben machte eine Verschärfung der Haftpflicht für
Arbeitgeber gegen Arbeitsunfälle und deren finanzielle Deckung erforderlich (1871); die
Verbreitung von Wasserinstallationen ist der Ursprung der LeitungswasserVersicherung; die zunehmende Nutzung privater Kraftfahrzeuge führte zur KfzVersicherung, welche die Gefährdungshaftung daraus deckt; mit dem Bau von
Großraumflugzeugen in den 1960er/70er Jahren wurde der Luftpool eingerichtet, usw.
Die Lebensversicherung moderner Art entwickelte sich erst, nachdem mathematischstatistische Grundlagen für diese Sparte geschaffen worden waren. 1693 veröffentlichte
der englische Mathematiker und Astronom Halley in einem Aufsatz erstmals eine
Sterbetafel, die er auf Basis der vom Breslauer Pfarrer Caspar Neumann gesammelten
Daten über Geburts- und Todesfälle in dessen Gemeinde ausarbeitete. Diese
Sterbetafel wurde zunächst kaum beachtet. Erst 1762 betrieb dann die EQUITABLE in
London das Lebensversicherungsgeschäft auf mathematisch-statistischer Grundlage.
Nach 1860 wurden auch in Deutschland mathematisch fundierte Lebensversicherungen
angeboten. Dies führte zu einer Ablösung der ohne eine solche Grundlage arbeitenden
genossenschaftlichen Kassen.
Parallel zur technischen und mathematisch-statistischen Entwicklung bildeten sich
weitere Methoden zur Risikobeurteilung heraus. Als Beispiel seien die Sanborn-Karten
erwähnt, mit denen schon im 19. Jahrhundert Kumule und Ansteckungsgefahren in der
Gebäudeversicherung visualisiert wurden, was die Einschätzung der objektbezogenen
Versicherbarkeit erleichterte. Dazu erfasste man die Standorte der Gebäude, ihre
Grundfläche, die beim Bau verwendeten Materialien, aber auch die Distanz zu
Brennstofflagern, Gasleitungen oder Schmieden als Indikatoren der Gefährdung.
Andererseits wurde die im Brandfall wichtige Nahe zu Feuerhydranten, Feuerwehren
und Flüssen vermerkt. Auch die vorherrschende Windrichtung und die Straßenbreiten
wurden als risikorelevante Merkmale festgehalten.
11
Abb. 3: Sanborn-Karte von Reno aus dem Jahr 1893;
Quelle: http://www.edrnet.com/reports/key.pdf
1.1.4
Eckdaten des rechtlichen Rahmens der Individualversicherung
ƒ -1901
Einführung der materiellen Staatsaufsicht
durch das Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG)
ƒ -1908
Erlass des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG);
VAG und VVG gelten in veränderter Form auch heute noch.
12
-1994
Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit
im Rahmen des Europäischen Binnenmarktes
ƒ -2002
Zusammenführung der Aufsicht über das Versicherungswesen
mit der Aufsicht über das Kredit- und Börsenwesen
Versicherungsunternehmen mit Sitz in Deutschland werden von der Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beaufsichtigt, wenn sie von größerer
wirtschaftlicher Bedeutung sind bzw. als öffentlich-rechtliche Versicherer über die
Grenzen eines Bundeslandes hinaus tätig werden.
Die Aufsichtsbehörden der Länder werden für öffentlich-rechtliche Versicherer tätig,
deren Geschäftsgebiet auf das jeweilige Bundesland beschränkt ist sowie für jene
privatrechtlichen Versicherer, die wirtschaftlich von geringerer Bedeutung sind.
Versicherungsunternehmen mit Sitz in einem anderen EU-Staat oder einem
Vertragsstaat des EWR, die im Wege des Dienstleistungsverkehrs Geschäfte in
Deutschland betreiben, unterliegen primär der Aufsicht durch ihren Herkunftsstaat. Die
BaFin schreitet in Absprache mit der ausländischen Aufsichtsbehörde aber ein, wenn sie
Verstöße gegen allgemeine deutsche Rechtsgrundsätze feststellt.
1.2
Sozioökonomische Bedeutung der Versicherungswirtschaft
1.2.1
Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt und Versicherungsdichte
im internationalen Vergleich
Die schwieriger gewordenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben in den letzten
Jahren dazu geführt, dass der frühere Wachstumsvorsprung der Assekuranz gegenüber
der Gesamtwirtschaft nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Der Anteil des
Beitragsaufkommens am Bruttoinlandsprodukt2 (= Versicherungsdurchdringung) steigt
noch immer langsam und lag im Jahr 2007 bei 6,7 Prozent. Anfang der sechziger Jahre
hatte der Anteil der Beitragseinnahmen allerdings erst 2,9 Prozent, 1980 4,6 Prozent
und 1990 5,6 Prozent betragen.
Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine durchschnittliche Versicherungsdurchdringung auf. Der wichtigste Grund dafür ist das größere Gewicht, das der privaten
Lebensversicherung im Ausland für die Altersvorsorge zukommt.
Die Versicherungsdichte wird als Verhältnis von Versicherungsprämieneinnahmen p.a.
zur Zahl der Einwohner in diesem Beobachtungszeitraum gemessen. Für 2007 ergeben
sich für Deutschland etwa € 1982 pro Kopf, 2000 waren es ca. € 1597, 1991 € 989.
Mehrere Länder - Schweiz, USA, Frankreich, Niederlande, u.a. – weisen eine höhere
Versicherungsdichte auf.3 International führend ist Japan mit gegenüber Deutschland
fast dreimal so hohen Versicherungsbeiträgen je Einwohner. Hier wirkt sich vor allem
aus, dass Japans Sozialsystem weniger stark als das deutsche entwickelt ist.
2
Ergebnis aller Produktionsprozesse innerhalb der geographischen Grenzen eines Landes, unabhängig
davon, ob sie von Inländern oder Ausländern erbracht wurden.
3
Vgl. die Tabellen mit internationalen Vergleichszahlen im Statistischen Taschenbuch, das vom GDV
herausgegeben wird.
13
Die neuesten Daten zur Versicherungsdichte bzw. Versicherungsdurchdringung können
dem ‚Statistischen Taschenbuch’, das vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) jährlich neu herausgegeben wird, entnommen werden
(www.gdv.de).
1.2.2
Beitragseinnahmen und Versicherungsleistungen
ausgewählter Versicherungszweige in Deutschland
Eine Schlüsselbranche der Versicherungswirtschaft ist die Kraftfahrzeug-Versicherung,
insbesondere die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung. Vor allem dort führte der heftige
Tarif- und Preiswettbewerb seit der Deregulierung 1994 zu deutlichen Umsatzeinbußen.
Die Rabattvielfalt für Risikogruppen mit günstigem Schadenverlauf war der wichtigste
Grund für das sinkende Beitragsniveau. Steigende Beitragseinnahmen ab dem Jahr
2002 konnten die Einbußen wieder kompensieren.
Die längerfristigen Entwicklungen der einzelnen Versicherungszweige lassen sich im
Statistischen Taschenbuch des GDV gut verfolgen, z.B. anhand der Tabellen zu
Beitragseinnahmen, Schadenhäufigkeit, Schadenaufwand und Schadenquoten. Das
ebenfalls jährlich neu aufgelegte ‚Jahrbuch der Deutschen Versicherungswirtschaft’
kommentiert die Geschäftsentwicklung aus Sicht der Branche.
Auf der Schadenseite zeigt sich das für die letzten Jahre symptomatische Bild:
ƒ Die Schadenhäufigkeiten (gemessen als Zahl der Schäden pro 1000 Fahrzeuge) in der
Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung sind weiter rückläufig;
ƒ der Schadendurchschnitt (Versicherungsleistungen für die gemeldeten Schäden,
dividiert durch die Anzahl der gemeldeten Schäden) verteuert sich leicht.
In der Voll- und Teilkaskoversicherung gingen die Schadenhäufigkeiten bis 2007
ebenfalls zurück, parallel zum abnehmenden Schadendurchschnitt.
ƒ Aufgrund des harten Prämien- und Leistungswettbewerbs liegen die Schadenquoten,
die als Relation der Bruttoaufwendungen für Versicherungsfälle eines Geschäftsjahres
zu den Bruttoprämienerträgen im selben Zeitraum ermittelt werden, insgesamt sehr
hoch.
Auch für andere Versicherungszweige lassen sich die Leistungen der
Versicherungswirtschaft anhand des Statistischen Taschenbuchs und des Jahrbuchs
des GDV gut nachvollziehen - sowohl im Längsschnitt- als auch im Querschnittsvergleich. Besonders interessant ist die Ermittlung jenes Anteils, den die
Lebensversicherung zum Altersvorsorgevolumen der Bevölkerung beisteuert. Ferner
lässt der Umfang der Kapitalanlagen und deren Struktur in den verschiedenen
Versicherungszweigen auf Charakteristika des zugrundeliegenden Geschäfts schließen.
14
1.3
Gesamtwirtschaftlicher Nutzen von Versicherung
1.3.1
Versicherungswirtschaft als Kapitalsammelbecken
Die Kapitalanlage überbrückt den Zeitraum vom Prämieneingang bis zur Fälligkeit der
Versicherungsleistung in Geld und ermöglicht gleichzeitig, Erträge aus den
Kapitalanlagen zu erwirtschaften. Volumen, Qualität und Struktur der Anlagen sind ein
wichtiger Faktor für die Erfüllbarkeit der Leistungsversprechen gegenüber den
Versicherungsnehmern.
Das Anlagevermögen der Individualversicherung entsteht vor allem aus der Investition
der Prämieneinnahmen sowie aus der Wiederanlage der Kapitalerträge und der
Unternehmensgewinne. Zwar ist der Erwerb von Kapitalanlagen nicht das eigentliche
Ziel der Produktion von Versicherungsschutz, doch ohne die Anlage könnten die hohen
Leistungsversprechen nicht gehalten werden.
Mit der Einführung des Euro erhöhten sich die Anlagechancen der Versicherungsunternehmen zunächst deutlich. Dies kommt nicht nur der Sicherheit der Kapitalanlagen
zugute, sondern wirkt sich auch positiv auf die Überschussbeteiligung der
Versicherungskunden aus. Eine gegenläufige Wirkung ging in den Jahren 2000 bis 2003
vom schwachen Kapitalmarkt und von dem seither relativ niedrigen Zinsniveau aus.
Infolge der Kapitalmarktkrisen fielen die Marktwerte einiger Kapitalanlagepositionen
unter den Wert, zu dem sie erworben wurden – aus zuvor gebildeten stillen Reserven
wurden dadurch stille Lasten. Dies kann dann zu Problemen führen, wenn diese
Kapitalanlagen zur Finanzierung von hohen Entschädigungsleistungen veräußert
werden müssen.
Die Kopplung mit dem versicherungstechnischen Geschäft führt je nach
Versicherungszweig zu spezifischen Anlagestrukturen. Aufgrund der langfristigen
Verträge, die neben der Risikoprämie häufig auch Sparprämien vorsehen, sind die
Lebensversicherer die bedeutendsten Kapitalanleger der Branche. Außerdem
investieren sie ihre Mittel - im Vergleich zu Komposit- und Rückversicherern - über einen
größeren Zeitraum, da sie von längeren Vertragslaufzeiten und von weitgehend
bekannten Wahrscheinlichkeiten über den Fälligkeitszeitpunkt und die ungefähre Höhe
der Versicherungsleistungen ausgehen können. Deshalb dominieren bei den Lebensversicherern
längerfristige
Anlagen,
zum
Beispiel
Hypothekenund
Schuldscheindarlehen, gegenüber kurzfristig liquidierbaren Titeln. In den anderen
Sparten erfordern stärkere Schwankungen im Schadenverlauf eine erhöhte
Zahlungsbereitschaft und zwingen zur Anlage in leichter verwertbare Titel.
Kommentare zu aktuellen Entwicklungen im Kapitalanlagegeschäft und zur Anpassung
rechtlicher Rahmenbedingungen für Versicherungsunternehmen mit Sitz in Deutschland
bietet wiederum das Jahrbuch des GDV. Dort sind auch marktbezogene statistische
Daten zu Kapitalanlagebestand und Neuanlagen, differenziert nach verschiedenen
Kapitalanlagearten, gelistet. Eine Aufgliederung der Kapitalanlagenstruktur in
Abhängigkeit vom betriebenen Versicherungsgeschäft (Leben, Kranken, Schaden/Unfall
und Rück) ist im Statistische Taschenbuch des GDV enthalten.
15
1.3.2
Versicherungswirtschaft als Arbeitgeber
Ein Blick in die Beschäftigtenstatistik Europas zeigt, dass vor allem in Großbritannien,
Frankreich und Deutschland recht viele Personen in der Versicherungsbranche tätig
sind:
2002 waren in Deutschland insgesamt 312.400 Sozialversicherungspflichtige bei
Versicherungsunternehmen und Versicherungsvermittlern beschäftigt. Diese Zahl ist
infolge der Finanzkrisen seither rückläufig, wobei seitens der Arbeitgeber die natürliche
Fluktuation genutzt wird um Kosten zu sparen.
Als selbständige hauptberufliche Vertreter waren 2008 77.000 Personen, als
Versicherungsmakler 20.000 Personen tätig; die Anzahl nebenberuflicher
Versicherungsvermittler liegt bei etwa 300.000.
Parallel zu den steigenden Anforderungen im Finanzdienstleistungsgeschäft ist die
Akademikerquote seit 1997 von 9,3 auf 12,1 % gestiegen. Vor allem Experten mit
juristischer, wirtschaftswissenschaftlicher und mathematischer Ausbildung, aber auch
Informatiker, Ingenieure, Mediziner werden von der Versicherungswirtschaft gesucht
und finden ein interessantes Aufgabengebiet.
1.3.3
Schadenausgleichsfunktion
Wegen der wirtschaftlichen Verflechtung von Privatpersonen und Betrieben untereinander beschränkt sich ein Schadenereignis in der Regel nicht nur auf den Arbeitsund Lebensbereich des Geschädigten – unter Berücksichtigung von Folgewirkungen
sind viele andere Bereiche betroffen.
Abgebrannte Gebäude, zu Schrott gefahrene Autos, Einkommenseinbußen aufgrund
von Krankheit ... werden entschädigt, d.h. das Versicherungsunternehmen stellt in aller
Regel, bei klarer Sach- und Rechtslage, zügig finanzielle Mittel bereit, mit denen
Gebäude wieder aufgebaut werden können, neue Autos angeschafft oder
Einkommensverluste verringert werden können. Dies ermöglicht eine Fortsetzung der
Wirtschaftsführung und verhindert damit die Unterbrechung des Wirtschaftsprozesses,
und zwar ohne den Einsatz von Steuermitteln, was die gesamte Gesellschaft belasten
würde.
Das im letzten Jahrzehnt ausgebaute Aktive Schadenmanagement geht noch einen
Schritt weiter, indem es anstelle finanzieller Entschädigung konkrete und kompetente
Hilfeleistung im Schadenfall offeriert: die Ersatzbeschaffung oder Reparatur kann vom
Versicherungsunternehmen organisiert und sachkundig abgewickelt werden.
Außerdem besteht schon bei Abschluss von Versicherungsverträgen Gelegenheit, durch
Schadenverhütungsmaßnahmen Prämienrabatte zu erzielen, was die Schadenlast des
Einzelnen, des Versicherers und der Gesamtwirtschaft mindert.
1.3.4
Produktionsfaktorfunktion
Durch Versicherung wird das Risiko kalkulierbar gemacht. Anstatt befürchten zu
müssen, dass irgendwann einmal mit einer Wahrscheinlichkeit, die nicht genau
abschätzbar ist, ein Fabrikgebäude abbrennt und dann Aufräum- und Wiederaufbaukosten in einer Höhe anfallen, die ebenfalls nicht genau abschätzbar sind, kann man
sich entscheiden, regelmäßig einen festen Betrag an das Versicherungsunternehmen zu
16
bezahlen, das dann im Versicherungsfall seinen Anteil am Schaden trägt. Dies reduziert
die Unsicherheit im Hinblick auf die finanziellen Lasten, die mit bestimmten Aktivitäten
verbunden sein können und erhöht somit die Bereitschaft zur Übernahme von Risiken.
Als Beispiel sei der Einsatz neuer Produktionsverfahren oder die Herstellung neuartiger
Produkte genannt, was technische, wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken
begründen kann. Wirtschaftliche Risiken lassen sich, sofern sie über das
unternehmerische Risiko hinausgehen, auf ein Versichertenkollektiv verteilen. Dies
macht sie für das Kollektiv und für den einzelnen Versicherten tragbar. Insofern fördert
Versicherung auch den technischen Fortschritt.
1.3.5
Schutzfunktion
Von großer gesellschaftlicher Bedeutung ist die Schutzfunktion der Versicherung.
Versicherung schützt nämlich den geschädigten Dritten, z.B. in der KraftfahrzeugHaftpflicht-Versicherung. Für bestimmte potentiell gefährdende Tätigkeiten (Auto fahren,
jagen, notarielle Beratung, usw.) besteht deshalb eine gesetzliche Verpflichtung zum
Abschluss einer Haftpflichtversicherung. Doch auch außerhalb dieser Verpflichtung
erleichtert Versicherungsschutz die finanzielle Entschädigung Dritter und schützt damit
auch das Vermögen desjenigen, der einen Schaden verursacht hat.
1.3.6
Risikoforschung
Versicherungsunternehmen erfassen eine Vielzahl von Daten, mit denen sie Schäden
beschreiben, erklären und prognostizieren. Dabei werden nicht nur natürliche,
technische, rechtliche, ethische und andere Auslöser von Schäden erfasst, sondern
auch Merkmale der davon betroffenen Bereiche – seien dies Unternehmen und deren
Supply Chains oder private Wohngebäude. Die nachfolgende, insbesondere von großen
Erst- und Rückversicherungsunternehmen durchgeführte Risikoanalyse und –bewertung
schafft eine wichtige Grundlage für das einzelwirtschaftliche Risikomanagement und
reduziert hierüber auch die Schadenanfälligkeit der Gesamtwirtschaft.
1.3.7
Finanzdienstleistungsfunktion
Versicherungsunternehmen bieten neben einem Risikoausgleich im Kollektiv auch die
Dienstleistung des kollektiven Sparens an. Dies kommt insbesondere in den
Personenversicherungszweigen zum Tragen, wodurch die Versicherungswirtschaft zu
einer wichtigen Säule der privaten Kranken-, Unfall- und Altersvorsorge wird.
Die Anlage der eingezahlten Sparprämien kann mit oder ohne Abstimmung zwischen
den Vertragspartnern erfolgen. Im ersten Fall trägt der Versicherungsnehmer in der
Regel auch einen Teil des Kapitalanlagerisikos; im zweiten Fall verlässt er sich auf das
Anlage-Know-how des Versicherungsunternehmens, das dann aber eine
Mindestverzinsung verspricht.
Auch im gewerblichen Bereich stellen Versicherungsunternehmen ihre Erfahrungen und
Kapazitäten für das Risikomanagement und die Selbstversicherung von Industrie- oder
Finanzdienstleistungskonzernen zur Verfügung und ermöglichen so eine kostengünstige
Deckung kleinerer Risiken.
17
1.4
Risikobegriffe
Für ‚Risiko’ gibt es je nach Disziplin (Wirtschafts-, Ingenieur-, Sozialwissenschaften…)
recht unterschiedliche Konzepte. Auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften
existieren vielfältige Interpretationen des Begriffs.
1.4.1
Reine Risiken - spekulative Risiken
In der Versicherungswissenschaft hat man verschiedene Kriterien der Versicherbarkeit
erarbeitet. Lange galten nur solche Tätigkeiten und Ereignisse als ‘versicherbar’, die
ausschließlich negative Konsequenzen für den Versicherungsnehmer haben können
und die zufällig sind, was heißt, dass der Eintritt des Versicherungsfalls weder vom
Versicherungsunternehmen noch vom Versicherungsnehmer beeinflusst werden kann4.
Solche Risiken werden ’reine Risiken’ genannt. Hier besteht also lediglich eine Verlust-,
aber keine Gewinnmöglichkeit für die Versicherten. Beispielsweise führt die
Beschädigung oder Zerstörung eines Pkw zu einem finanziellen Verlust. Keine
Beschädigung oder Zerstörung führt dagegen nicht zu einem finanziellen Gewinn.
Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille: damit ein Versicherungsunternehmen
überhaupt bereit ist, den Versicherungsnehmer bei Eintritt des vertraglich genau
beschriebenen Versicherungsfalls finanziell zu entschädigen, muss mit dem Risiko auch
eine Chance auf Gewinnerzielung verbunden sein, und zwar für die Anbieter von
Versicherungsschutz. Tatsächlich steckt in der Prämie, die der Versicherungsnehmer zu
zahlen hat, in der Regel auch ein Gewinnzuschlag, insbesondere im Geschäft mit
privaten Haushalten. Für Versicherungsunternehmen haben die übernommenen Risiken
also einen durchaus spekulativen Charakter, d.h. sie bieten Gewinnmöglichkeiten.
Letztendlich versicherbar ist folglich alles, wofür es ein Angebot an Versicherungsschutz
gibt und eine Nachfrage, die sich mit dem Angebot zumindest teilweise deckt. Das ist
unter anderem eine Frage des Preises für den Versicherungsschutz. Die
Versicherungswirtschaft deckt schon seit Langem spekulative Risiken der
Versicherungsnehmer, z.B. über die Betriebsunterbrechungsversicherung.
Der Begriff des Risikos wird deshalb zu eng gefasst, wenn man lediglich die möglichen
negativen Folgen betont. Beispiele für spekulative Risiken sind Kapitalanlagen in Aktien,
Wetten auf Pferderennen oder Unternehmensgründungen. Nur wenn neben der
Verlustmöglichkeit auch die Gewinnchance bzw. der Nutzen aus einer Tätigkeit
berücksichtigt wird, ist es möglich zu beschreiben oder zu erklären,
ƒ -weshalb man überhaupt Risiken eingeht,
ƒ -weshalb Person A bestimmte Risiken leichter trägt als Person B und
ƒ -weshalb eine Gefahr oder Tätigkeit von verschiedenen Personengruppen als
unterschiedlich riskant eingeschätzt wird.
4
Während der letzten ‚weichen’ Marktphase (= Käufermarkt im gewerblichen Geschäft) wurden jedoch
schon erste Überlegungen angestellt, auch unternehmerische Risiken zu versichern. Die Terroranschläge des 11.9.01 rückten die Relevanz von Versicherbarkeitskriterien dann wieder in den
Vordergrund.
18
1.4.2
Betriebswirtschaftlicher Begriff des Unternehmerrisikos
Risiken werden eingegangen, weil die Erwartung eines Gewinns oder eines anderen
Nutzens, der nicht monetär zu sein braucht, dazu motiviert, etwas zu unternehmen.
Entsprechend wird der betriebswirtschaftliche Begriff des Unternehmerrisikos immer
über die Komponenten
- Möglichkeit eines Verlusts und
- Möglichkeit eines Gewinns definiert.
Wegen dieses spekulativen Charakters wurde das unternehmerische Risiko in der
Vergangenheit als grundsätzlich nicht versicherbar angesehen. Aber selbstverständlich
ist es möglich, einzelne Teile davon definitorisch abzugrenzen, auszugliedern und zu
versichern - die Betriebsunterbrechungsversicherung (z.B. im Anschluss an ein
Brandereignis) ist ein Fall, in dem unternehmerisches Risiko mit gedeckt wird. Während
die Feuerversicherung den durch Brand oder Explosion entstandenen Sachschaden
ersetzt und so die Wiederherstellung zerstörter oder beschädigter Betriebsanlagen
ermöglicht, hat die Feuer-Betriebsunterbrechungs-Versicherung den Zweck, auch für
den weiteren Vermögensschaden aufzukommen, der dem Betrieb durch die
unterbrochene Produktion entsteht. Dieser Vermögensschaden umfasst den
entgangenen Geschäftsgewinn und fortlaufende Kosten wie Löhne, Miete, Pacht usw.
1.4.3
Volkswirtschaftlicher Begriff des Risikos als Produktionsfaktor
Aus volkswirtschaftlicher Perspektive kann das Risiko als Produktionsfaktor aufgefasst
werden.
Sinn beispielsweise schreibt 1988 in seinen “Gedanken zur volkswirtschaftlichen
Bedeutung des Versicherungswesens“ (ZVersWiss 1, 1-27) folgendes:
“Wenn niemand bereit wäre, Risiken zu tragen, dann gäbe es keine
Dachdecker, keine Ärzte, die Seuchen bekämpfen und keine
Feuerwehren. Keiner würde es wagen, nach Öl oder anderen
Bodenschätzen zu suchen, und selbst Robinson Crusoe würde es sich
zweimal überlegen, ob er dem Rat Adam Smiths folgen und eine
ungewisse Zeit in das Knüpfen eines Fischernetzes investieren sollte.
Natürlich wäre auch Amerika nicht entdeckt und der Weltraum nicht
betreten worden. “
Die Übernahme von Wagnissen ist produktiv, deshalb sind Risiken produktiv.
1.4.4
Determinanten des Risikos im Entscheidungsprozess
Entscheidungen werden immer im Hinblick auf ein Ziel getroffen das mit verschiedenen
Maßnahmen verfolgt werden kann. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten beschränkt, die
Rahmenbedingungen, unter denen gehandelt werden muss, aktiv zu beeinflussen, zu
kontrollieren und zu verändern.
Eine weitere Komponente des Risikos ist die Unsicherheit darüber, welche Maßnahme
unter den gegebenen Umständen am besten geeignet ist, die gesetzten Ziele zu
verfolgen. Unsicherheit besteht, weil vollkommene Information selten ist. Entweder
stehen nicht alle notwendigen Informationen zur Verfügung, auch wenn sie
19
grundsätzlich beschaffbar wären, oder es liegt der Fall prinzipieller Unbestimmtheit vor,
weil mit zufälligen Einflüssen gerechnet werden muss. Dies generiert Informationsdefizite.
Determinanten des Risikos:
Informationsdefizit
Unsicherheit
Zeitpunktbezug
von Entschlüssen
Kontrollierbarkeit der
Rahmenbedingungen
Zielsystem
Abb. 4: Determinanten des Risikos im Entscheidungsprozess
Nach dem Grad der Unsicherheit differenziert man zwischen Entscheidungen unter
-
Sicherheit,
Risiko,
Ungewissheit.
Entscheidungen unter Sicherheit werden getroffen, wenn alle notwendigen Informationen verfügbar sind bzw. wenn man die Rahmenbedingungen, unter denen die
gewählten Aktionen umgesetzt werden, kontrollieren kann und ausreichend Zeit dafür
hat.
Von Entscheidungen unter Risiko spricht man dann, wenn man in der Lage ist, den
Eintritt von Situationen, die für die anstehende Entscheidung relevant sind, mit
Wahrscheinlichkeitsangaben zu beziffern. Diese Angaben können auf
-
subjektiven Schätzungen beruhen und von der Lebenserfahrung abhängig
sein, oder
auf objektiven, aus Häufigkeitstabellen errechneten, Statistiken, z.B. in Form
von Unfallstatistiken.
Wenn überhaupt keine Wahrscheinlichkeiten angegeben werden können, dann liegt
Ungewissheit vor. Das ist aber eine relativ seltene Situation.
Das Informationsdefizit allein konstituiert noch kein Risiko. Erst der Bezug auf Ziele, und
die Gefahr, diese nicht zu erreichen, macht die Wahl zwischen verschiedenen Maßnahmen zu einer Entscheidung unter Unsicherheit. Wenn man vollständige Kontrolle
über die Situation hätte oder aber auch nur lang genug abwarten könnte, um zu wissen,
wie sich die jeweiligen Rahmenbedingungen entwickeln, gäbe es kein Risiko mehr, denn
dann könnte man diejenige Maßnahme ergreifen, welche die insgesamt besten
Ergebnisse liefert. In “Taking Risks“ (1986) führen MacCrimmon und Wehrung deshalb
auch die Zeit als weitere Determinante des Risikos auf. Hat man ausreichend Zeit zur
20
Verfügung, können vermehrt Informationen eingeholt werden, und es besteht die
Möglichkeit, über zusätzliche Handlungsalternativen nachzudenken und deren
Umsetzung vorzubereiten.
Die Zielbezogenheit jedes Handelns ist einer der Gründe, weshalb Risiko subjektbezogen definiert werden sollte. Denn selbst wenn die Rahmenbedingungen einer
Entscheidungssituation, die möglichen Handlungsalternativen und der Informationsstand
mehrerer Personen in Bezug auf eine anstehende Entscheidung identisch sind, stehen
diese Personen nur dann vor derselben Risikosituation, wenn auch ihre Zielsysteme in
allen Ausprägungen identisch sind.
1.4.5
Objektives, subjektives und moralisches Risiko
Versicherungsunternehmen kennen die Ziele ihrer Kunden nur näherungsweise, so dass
sie vom objektiv ermittelbaren Risiko ausgehen müssen.
Die Begriffe ‘objektiv’ und ‘subjektiv’ werden in der Versicherungswirtschaft noch mit
einer etwas anderen Akzentuierung verwendet:
Objektive Risiken sind unter diesem Blickwinkel Sachverhalte, die vom menschlichen
Verhalten unabhängig sind, vor allem Eigenschaften von Sachen (z.B. Bauart von
Gebäuden, technische Merkmale von Kraftfahrzeugen) und Personen (z.B. Geschlecht,
Lebensalter). Auch nicht unmittelbar mit dem versicherten Risiko zusammenhängende
Eigenschaften können objektive Risikomerkmale bilden, z.B. die Rechtsprechung für
Haftpflichtversicherungen usw.
Subjektive Risikomerkmale sind dagegen vom menschlichen Verhalten, darüber hinaus
von menschlichen Fähigkeiten abhängig. Solche Merkmale können bei der Person des
Versicherungsnehmers (z.B. als Halter eines Kraftfahrzeugs), bei versicherten Personen
(z.B. die Fahrer) oder bei Dritten (z.B. Rechnungsaussteller in Werkstätten) vorliegen.
Die Bandbreite der subjektiven Risikomerkmale ist groß; sie sind deshalb auch nur
schwer quantifizierbar.
Unter dem moralischen Risiko versteht man schließlich die Möglichkeit, dass der
Abschluss
eines
Versicherungsvertrages
eine
Verhaltensänderung
des
Versicherungsnehmers, der versicherten Person oder der vom Versicherungsnehmer
beauftragten Person hervorruft und somit die Versicherungsleistungen höher ausfallen
als erwartet. Dies kann sich dadurch äußern, dass die Schadenverhütung vernachlässigt
wird (man schließt das Fahrrad nicht mehr doppelt ab, sondern nur einfach), Autoreparaturwerkstätten großzügigere Rechnungen ausstellen, wenn es sich um einen
versicherten Schaden handelt, oder absichtlich versucht wird, die Versicherung zu
betrügen (z.B. Brille kaputt, Vortäuschen eines Haftpflichtschadens).
21
1.5
Versicherung im Kontext risikopolitischer Mittel
1.5.1
Begriff des Risk Management
Im Risk Management von Unternehmen und Haushalten5 werden Gefahren und
Störungen aus der Umwelt und aus den Tätigkeiten, die der Verfolgung der jeweiligen
Ziele dienen, vor dem Hintergrund dieser Ziele, der verfügbaren Mittel und der
relevanten Rahmenbedingungen
−
−
−
−
identifiziert,
analysiert,
unter Kosten-Nutzen-Aspekten bewertet
und bewältigt.
Risk
Management
Risikoidentifikation
Risikoanalyse
Risikobewertung
Risikobewältigung
Abb. 5: Komponenten des Risk Management
1.5.2
Risikoidentifikation, Risikoanalyse und Risikobewertung
Die Risikoidentifikation ist eine der wichtigsten Phasen im Risk Management-Prozess,
denn man kann sich nur auf solche Gefährdungen vorbereiten, die als Gefährdung
erkannt werden.
Um Risiken zu identifizieren, müssen auf folgende Fragen Antworten gefunden werden:
ƒ Welche Störquellen wirken auf den Risikobereich ein?
ƒ In welchen Bereichen sind Störungen am ehesten zu erwarten?
ƒ Welche Schäden können aus der Einwirkung der Störquellen resultieren?
ƒ Welcher Nutzen ist mit der jeweiligen Tätigkeit oder dem Zustand, den man aufrecht
erhalten möchte, verbunden?
Die identifizierten Risiken werden dann analysiert, d.h. man untersucht ihre qualitativen
und quantitativen Merkmale. Dies bildet die Basis für eine Operationalisierung der
Gefahren- und Chancenpotentiale, also für den Versuch, sie messbar zu machen. Dazu
gehört die Abschätzung
5
Hiermit sind sowohl private als auch öffentliche Haushalte gemeint.
22
ƒ -der Wahrscheinlichkeit des Eintritts möglicher Gewinne und Verluste,
ƒ -des Ausmaßes, das diese Gewinne und Verluste annehmen können,
ƒ -der kombinierten Wirkung aus verschiedenen Risikokomponenten.
Die Gefahren- und Chancenpotentiale müssen schließlich bewertet werden. Als
Maßstab dient das Zielsystem des Entscheiders oder das Zielsystem der Organisation,
für die er entscheidet.
Auch die technischen, rechtlichen, ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen, unter denen Risiken gemanagt werden müssen, werden im Bewertungsprozess berücksichtigt, insbesondere dann, wenn man sie nur begrenzt beeinflussen
und dadurch verändern oder kontrollieren kann.
1.5.3
Risikohandhabung
Durch die Auswahl geeigneter risikopolitischer Maßnahmen soll die eigene Fähigkeit,
unliebsame Überraschungen bewältigen zu können, gestärkt werden. Mit ‘bewältigen’ ist
jedoch nicht gemeint, dass man keine Risiken mehr eingehen oder diese minimieren
soll. Wie sich aus der volkswirtschaftlichen Perspektive des Risikos als Produktionsfaktor ableiten lässt, ist es unsinnig, Risiko gänzlich vermeiden zu wollen, da dann auch
jede produktive Tätigkeit unterlassen werden müsste. Es geht vielmehr darum, geeignete Maßnahmen für die Handhabung - das Management - der ‚richtigen’ Risiken zu
finden und durchzuführen.
Gegenstand des Risk Management ist deshalb auch nicht die isolierte Handhabung
einzelner Gefahren oder Problembereiche. Die Risikosituation eines Unternehmens oder
eines Haushalts muss gesamthaft erfasst und alle Maßnahmen, die zur Bewältigung
dieser Risikosituation ergriffen werden, aufeinander abgestimmt werden.
In der Literatur sind verschiedene Strukturierungen des Risk-Management-Prozesses zu
finden. In der folgenden an Philipp (1967), Helten (1977) und Heilmann (1991) angelehnten Darstellung wird zwischen ursachen- und wirkungsbezogenen Maßnahmen
differenziert:
Risikohandhabung
ursachenbezogen
wirkungsbezogen
Kontrolle der
Risikorealisierung
Finanzierung der
Schadenkosten
Risiko
vermeiden
vermindern
Kosten
teilen
begrenzen
übertragen
tragen
überwälzen
sparen
versichern
Captive
Abb. 6: Ursachen- und wirkungsbezogene Maßnahmen zur Risikohandhabung
23
1.5.3.1
Ursachenbezogen: Kontrolle der Risikorealisierung
Ursachenbezogene Maßnahmen haben die Kontrolle der Risikorealisierung zum Ziel.
ƒ Dies kann dadurch geschehen, dass man bestimmte Tätigkeiten - z.B. Drachenfliegen
- gänzlich vermeidet, wodurch man dann aber auch auf den potentiellen Nutzen aus
dieser Tätigkeit verzichten muss.
ƒ Zu den ursachenbezogenen Maßnahmen zählt ferner zum Beispiel die Installation
eines Blitzableiters; dies vermindert die Wahrscheinlichkeit eines Blitzeinschlags mit
anschließendem Feuer.
ƒ Das Risiko, ein gegebenes Darlehen nicht mehr zurückbezahlt zu bekommen, kann
dadurch begrenzt werden, dass man rechtzeitig eine Ausfallbürgschaft verlangt.
ƒ Schließlich kann das Risiko eines totalen Produktions- oder Einkommensausfalls
geteilt werden, wenn man in verschiedenen Werkhallen oder Betrieben produziert bzw.
wenn mehrere Mitglieder eines Privathaushalts berufstätig sind.
1.5.3.2
Wirkungsbezogen: Finanzierung der Schadenkosten
Wirkungsbezogene Maßnahmen dienen der Finanzierung von Schadenkosten, d.h. sie
greifen erst dann, wenn die Störquellen bereits einen Schaden hervorgerufen haben.
ƒ Will man einen Teil dieser potentiellen Schadenkosten selbst tragen, muss man
Reserven dafür anlegen, sei es - im privaten Bereich - auf dem Sparbuch, wodurch
kleinere Schäden vorfinanziert werden können, oder über andere, risikoreichere
Formen der Vermögensbildung.
ƒ Für Großunternehmen bietet sich auch die Gründung einer Captive Insurance
Company an, also eines Versicherers, der die (konzern)eigenen Risiken fachmännisch
verwalten, ausgleichen und auf dem Rückversicherungsmarkt anbieten kann.
ƒ Anstatt Schadenkosten selbst vorzufinanzieren, um sie im Zeitpunkt des Schadenfalls
in der jeweiligen Höhe zu begleichen, kann man die Schadenkostenverteilung auch
ganz oder teilweise auf andere Wirtschaftseinheiten übertragen, und zwar in der Regel
gegen Entgelt oder andere Leistungen.
Im privaten Bereich könnte man sich beispielsweise auf die Unterstützung von
Freunden und Verwandten verlassen; im gewerblichen Bereich kann man seine
Marktmacht, wenn man sie hat, ausnutzen und Haftungsausschlüsse für den Fall
vereinbaren, dass die eigene Leistung durch höhere Gewalt, Zulieferschwierigkeiten
und ähnliches nicht erbracht werden kann.
ƒ Der praktisch bedeutsamste Fall der Übertragung von Schadenkosten ist jedoch der
Abschluss von Versicherungsverträgen. Anstatt zu im Voraus unbekannten Zeitpunkten Schäden in vorab unbekannter Höhe zu begleichen, zahlt der Versicherungsnehmer in regelmäßigen Zeitabständen die vereinbarte Prämie und muss –
abgesehen von einer möglichen Selbstbeteiligung - mit keinen weiteren Ausgaben
rechnen. Versicherung gehört also zu den risikopolitischen Mitteln von privaten
Haushalten und Unternehmen.
Im Risk Management kann man einerseits ursachenbezogen vorgehen und beispielsweise Maßnahmen der Schadenverhütung ergreifen und / oder an der Wirkung
möglicher Schäden ansetzen und versuchen, diese über rechtzeitiges „Sparen“ zu
finanzieren – sei es auf individuelle Weise oder kollektiv bei einer Versicherungsgesellschaft. Auch die Sozialversicherung ist eine Form kollektiver Finanzierung.
24
Individuelle Vorsorge ist nur für kleinere und möglicherweise häufiger auftretende
Schäden sinnvoll. Um größere Schäden zu finanzieren, müsste man unter Umständen
ein ganzes Leben lang sparen. Und es ist ja durchaus möglich, dass ein Schaden
eintritt, noch bevor man die nötigen Mittel angespart hat; so dass die finanzielle Reserve
dann nicht ausreicht. In solchen Fällen kann kollektives Sparen sinnvoller sein. In einem
größeren Kollektiv gleichen sich die früheren und späteren, die seltenen hohen und
häufigen kleinen Schäden aus. Dieses empirische Phänomen wird Ausgleich im
Kollektiv und in der Zeit genannt und bildet die Grundlage der Versicherungsproduktion.
1.6
Versicherung als Mittel der Schadenkostenfinanzierung
1.6.1
Beschreibung des Versicherungsprodukts im Versicherungsvertrag
Sterberegister, Krankengeschichten, Unfallmeldungen und sonstige Berichte über
Schäden sind das Material, aus denen die Versicherungsunternehmen Statistiken
erarbeiten, um Risiken messen zu können. Mit Hilfe risikotheoretischer Modelle wird die
notwendige Höhe der kollektiven Risikoreserve berechnet und auch der Beitrag, den die
Mitglieder des Kollektivs zur Finanzierung dieser Reserve leisten müssen, und zwar
entsprechend den im Versicherungsvertrag vereinbarten Leistungen und
Gegenleistungen der Vertragspartner.
Das Versicherungsvertragsgesetz, das 1908 erlassen wurde, regelt die vertraglichen
Beziehungen zwischen Versicherungsunternehmen und Versicherungsnehmern. Es
definiert auch viele Begriffe, die zur Beschreibung des Versicherungsprodukts benutzt
werden. Hierzu gehören:
ƒ die ‘versicherten Gefahren’,
ƒ der ‘versicherte Bereich’ und
ƒ die ‘versicherten Schäden’.
Das im Versicherungsvertrag abgegrenzte Risiko lässt sich als Schadenursachensystem
darstellen.
25
versicherte
Gefahren
Störquellen
X 11
Naturgefahren
..
...n
X 1
.
technisch
induzierte
Gefahren
X 21
menschliche
Tätigkeiten
Rechtsprechung,
Ethik usw.
...
X 2n
1
versicherte
Schäden
Risikobereich
Schadenbereich
- Personen
- Sachen
- Interessen
- Kosten
- Art
- Ort
- Menge
- Zeitraum
S1
2
X 31
...
X 3n
versicherter
Bereich
Gewinn& Verlustmöglichkeiten
S2
...
..
..
..
S n-1
3
Höhe
Sn
X 41
...
X 4n
Anzahl
4
Risikohandhabung :
ursachenbezogen
wirkungsbezogen
Abb. 7: Versichertes Risiko als Schadenursachensystem
In die Produktbeschreibung geht das Know-how vieler wissenschaftlicher Disziplinen
ein: So bringen Mediziner Erkenntnisse über Krankheiten und Todesursachen ein,
Geologen und Meteorologen Erfahrungen über Erdbeben, Stürme oder sonstige
Naturgefahren, Ingenieure steuern Wissen über (elektro)technische Systeme bei,
Psychologen und Soziologen ihre Vorstellungen über das Risikoverhalten von Individuen und Gruppen. Juristen sorgen dann für die rechtlich einwandfreie Gestaltung der
Versicherungsverträge, und Mathematiker tarifieren, d.h. sie ermitteln die wesentlichen
Einflussfaktoren, die auf ein Schadenursachensystem einwirken, um sie als
Ausgangsgrößen für die Berechnung der zu erwartenden Schadenzahlen und
Schadenhöhen zu nutzen
1.6.2
Komponenten des Schadenursachensystems
1.6.2.1
Versicherte Gefahren
Versicherte Gefahren sind die im Versicherungsvertrag beschriebenen gedeckten
Gefahren. Unter Gefahr versteht man dabei die Möglichkeit des Eintritts wirtschaftlicher
Nachteile (wie beim Konzept des ‚reinen Risikos’). Diese können durch natürliche
(Sturm) oder technisch induzierte Ereignisse (Produktionsstop) eingeleitet werden oder
Folge menschlichen Verhaltens (Verletzung eines anderen) bzw. bestimmter
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen (Rechtsprechung) sein.
26
Die Beschreibung und Abgrenzung der Gefahr erfolgt entweder durch genaue Aufzählung und Definition (z.B. Schaden infolge von Feuer, wobei Feuer die in den
Versicherungsbedingungen festgehaltenen Merkmale aufweisen muss) oder indem man
alle Gefahren, denen die versicherte Sache oder Person während einer bestimmten
Aktivität oder Dauer ausgesetzt ist, in den Versicherungsschutz einbezieht (sogenannte
Allgefahrendeckung, z.B. in der Seeversicherung). Zwischen diesen Extremen liegt ein
ganzes Spektrum von Abgrenzungsmöglichkeiten.
1.6.2.2
Versicherter Bereich
Der versicherte Bereich wird üblicherweise in ‚versicherte Personen‘, ‚versicherte
Sachen‘ und ‚versicherte Interessen‘ gegliedert.
Versicherte Person ist diejenige Person, auf die sich der Versicherungsschutz bezieht.
Dies kann der Versicherungsnehmer selbst sein, ein Familienangehöriger oder irgendein
Dritter. Versicherte Sachen sind Sachen im rechtlichen Sinn, die über einen
Versicherungsvertrag gegen Schäden gedeckt sind. Hierzu zählen das Haus, der
Hausrat oder auch Tiere. Unter versichertem Interesse versteht man den Wert, den
Sachen, Forderungen oder Anwartschaften für bestimmte Personen haben.
1.6.2.3
Versicherte Schäden
Im Versicherungsvertrag werden Schäden durch Zerstörung, Beschädigung,
Abhandenkommen, Wertminderung und den daraus resultierenden Folgeschäden nach
Art, Ort, nach mengenmäßigem und zeitlichem Umfang und unter Bezug auf
ausführliche Versicherungsbedingungen detailliert beschrieben. Hier wird genauestens
abgegrenzt, was als versicherter Schaden gilt und was nicht.
1.6.3
Wissenschaftliche Definitionen von ‘Versicherung’
Die folgende Auswahl an Definitionen zeigt das breite Spektrum, das Versicherung aus
Sicht von Versicherungswissenschaftlern einnimmt. Hierbei werden Elemente des
genossenschaftlichen Prinzips von Versicherung aufgegriffen (Manes, Möller), Kriterien
der Versicherbarkeit formuliert (Manes, Möller, Hax), oder das Konzept der
Versicherungsleistung präzisiert: Dieses reicht von selbständigen Rechtsansprüchen auf
wechselseitige Bedarfsdeckung (Möller) über die Deckung eines Geldbedarfs (Hax) bis
zum Konzept des abstrakten Dauerschutzversprechens von Farny; Müller wiederum
hebt auf die Reduktion des Informationsdefizits des Versicherungsnehmers ab und
Schwebler auf die Rolle von Versicherung als risikopolitisches Mittel.
Alfred Manes (1877-1963)
Direktor des Versicherungsseminars
Versicherung ist gegenseitige Deckung zufälligen
an der Handelshochschule Berlin,
schätzbaren Geldbedarfs zahlreicher gleichartig
erster Generalsekretär des Deutschen Bedrohter
Vereins für
Versicherungswissenschaft
27
Hans Möller (1907-1979)
Professor für Bürgerliches, Handelsund Versicherungsrecht einschl.
Sozialversicherung in Hamburg
Versicherung im Rechtssinne ist eine Gemeinschaft
gleichartig Gefährdeter, also eine Gefahrengemeinschaft mit selbständigen Rechtsansprüchen
auf wechselseitige Bedarfsdeckung.
Versicherung ist Deckung eines im einzelnen
Karl Hax (1901-1978)
ungewissen, insgesamt aber schätzbaren GeldProfessor für Betriebswirtschaftslehre
bedarfs auf der Grundlage eines durch
an der Universität Frankfurt
Zusammenfassung einer genügend großen Anzahl
von Einzelwirtschaften herbeigeführten Risikoausgleichs, oder kürzer: auf der Grundlage eines
zwischenwirtschaftlichen Risikoausgleichs.
Dieter Farny (geb. 1934)
em. Professor für Versicherungswissenschaft an der Universität zu
Köln, Verfasser grundlegender
Arbeiten zur Versicherungsbetriebslehre
Die Leistung des Versicherers ist das abstrakte
Schutzversprechen, die ständige Bereitschaft, beim
Eintritt des Versicherungsfalles eine Geldleistung
zu zahlen, kurz, die Gewährung von
Versicherungsschutz. Diese Leistung ist nicht auf
den Fall des Schadeneintritts beschränkt, sondern
eine davon unabhängige Dauerleistung.
Wolfgang Müller: (1936-1993)
Professor für Versicherungswissenschaft an der Universität
Frankfurt
Der Versicherer überlässt dem Entscheider ganz
bestimmte Arten von Informationen, die sein
Informationsdefizit reduzieren und ihm dadurch
zuverlässigere Erwartungen über den künftigen
Zustand des versicherten Gegenstands
ermöglichen
Robert Schwebler: (geb. 1926)
Vorsitzender des Deutschen Vereins
für Versicherungswissenschaft a.D., Versicherung ist Risikotransfer gegen Entgelt
Honorarprofessor an der Universität
Karlsruhe (TH)
28
Literaturangaben:
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (Hrsg.): Statistisches Taschenbuch der
Versicherungswirtschaft, download von http://www.gdv.de
Gesamtverband
der
Deutschen
Versicherungswirtschaft
(Hrsg.)
Die
Versicherungswirtschaft. Jahrbuch 20xx, download von http://www.gdv.de
deutsche
Heilmann, W.-R. (1991): Risk Management, Versicherung und Schadenverhütung, in:
Versicherung in Europa heute und morgen, hrsg. v. F. W. Hopp u. G. Mehl, Karlsruhe,
501-511
Helten, E. (1977): Risk Management und Versicherung, Mannheimer Vorträge zur Versicherungswissenschaft, Karlsruhe
MacCrimmon, K. R. / Wehrung, D. A. (1988): Taking Risks, New York - London
Philipp, F. (1967): Risiko und Risikopolitik, Stuttgart
Sinn, H. W. (1988): Gedanken zur volkswirtschaftlichen Bedeutung des Versicherungswesens,
ZVersWiss 1, 1-27
Literatur zur Vertiefung:
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (Hrsg., 1998): Verantwortung:
Gesellschaft und Versicherungen im Wandel der Zeit. 50 Jahre Versicherungswirtschaft in
Deutschland, Karlsruhe
Koch, P. (2005): Versicherungswirtschaft. Ein einführender Überblick, 6. Aufl., Karlsruhe 2005
Prölls, E. / Kollhosser, H. (2005): Kommentar zum Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG), 11.
Aufl., München
Prölls, E. / Martin, A.. (2009): Versicherungsvertragsgesetz: VVG-Kommentar, 28. Aufl.,
München
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