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1 Ich bin Trinität !? - Was heißt "trinitarische - Katharina Werk

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Ich bin Trinität !? - Was heißt "trinitarische Existenz"?
Exerzitien 2008
Norbert Lepping
Im Namen des Vaters, der uns in unendlicher Liebe erschaffen hat,
und des Sohnes, der uns in unendlicher Liebe erlöst hat,
und des Heiligen Geistes, der uns in unendlicher Liebe heiligen und verherrlichen will
in Ewigkeit.
Mehr ist im Grunde nicht zu sagen.
In diesem Glaubensbekenntnis ist alles zusammen gefasst, was Trinität meint.
„Das höchste Geheimnis ist das dunkelste,“1 schreibt Karl Rahner in einem kleinen Traktat über
die Trinität und ergänzt weiter, der Glaube an die Trinität sei das „Usprungsmysterium des
Christentums“2. Hier nimmt alles seinen Anfang. Hierhin fließt alles zurück.
Hier stehen wir an der Quelle, ohne recht sehen zu können, wo sie entspringt.
Oder doch?
Ein Geheimnis benennt zum Einen die Grenze, die der menschlichen Vernunft gesetzt ist.
Doch ein ursprünglicheres Verständnis von Geheimnis aus der Alten Kirche scheint mir hier
angemessener zu sein.
Geheimnis meint dort vielmehr den Heilsplan Gottes, der Propheten und Prophetinnen,
Mystikern und Mystikerinnen in ihrem Herzen geoffenbart wird.
Geheimnis bedeutet dann nicht die Grenze der Vernunft, sondern deren Grenzenlosigkeit.
Im Geheimnis wird die Vernunft ins Gebet genommen.
Dieses Verständnis von Geheimnis versucht nicht, die Unendlichkeit Gottes erkennen zu
wollen, sondern weitet das Herz und taucht liebend in eine tiefere Dimension ein.
Das Nachdenken über den trinitarischen Gott will Gott nicht erkennen, sondern besser lieben
lernen.
Machen wir uns zunächst einmal klar: Der Glaube an den drei-einen Gott ist kein
Phantasiegebilde, keine Spekulation, nichts, was der Mensch sich selbst ausgedacht hat oder
hat ausdenken können.
Der trinitarische Glaube beruht allein darauf, dass der erhabene, allem menschlichen Denken
und Vorstellen unendlich überlegene Gott sich uns in Freiheit selbst erschlossen und mitgeteilt
hat.
1
2
1
Rahner, 103.
Rahner, 115.
Nur von sich her kann Gott sich eröffnen.
Und nur er selbst kann sagen, wer er ist.
Und er hat es getan.
Bereits die Schöpfung ist eine Weise der Selbsterschließung Gottes.
Es ist seine Stimme, die sich dann jahrhundertelang „gesteigert“ hat - in den Religionsstiftern,
Weisen und Propheten der Menschheitsgeschichte.
Doch am Ende einer langen Reihe von „Modulationen“ (Nikolaus von Kues) hat die eine große
Stimme in Jesus Christus „endlich Menschengestalt angenommen“ (Nikolaus von Kues).
Einen anderen Zugang zum trinitarischen Mysterium als dessen Offenbarung in Jesus
Christus und im Heiligen Geist gibt es nicht!
Damit sind wir also auf das Zeugnis der Heiligen Schrift verwiesen und müssen auf die in der
Heiligen Schrift bezeugte Ur- und Grunderfahrung des neutestamentlichen Glaubens blicken.
Biblisches Zeugnis
Die ältesten trinitarischen Stellen finden wir bei Paulus, der vom Herrn (Kyrios), dem Geist und
Gott (Theos) spricht in der Überzeugung, dass die drei eine Einheit darstellen.
Z. B. Trinitarischer Gruss: „Die Gnade des Kyrios Jesu Christi, die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“. 2 Kor 13,13
Als die wichtigste Schriftstelle für die Offenbarung der Dreifaltigkeit durch Jesus wird sein
Abschiedswort, der so genannte „Taufbefehl“, bei Matthäus angeführt:
„Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Tauft sie auf den
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Mt 28, 19) 3
Diese Formel reflektiert die Taufpraxis der Urgemeinde zur Entstehungszeit des Mt-Ev gegen
das Jahr 85.
Das trinitarische Bekenntnis hat also seinen „Sitz im Leben“ nicht in phantasievollen
Spekulationen von Mönchen und Theologen, sondern im Vorgang des Christ-Werdens, in der
Taufe, die in allen Kirchen „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“
geschieht.
„So ist das Christwerden wie das Christsein unabdingbar (und immer schon!) mit dem
3
2
Diesen Taufbefehl dürfen wir nicht "kolonialistisch" mißverstehen, wie es die Kirche über viele Jahrhunderte auch
unglückselig getan hat. "Mission" wird heute dialogisch verstanden. In einer existentiell herausfordernden
Begegnung muss sich das Christentum in der Begegnung mit den Religionen als sinnstiftend und für den einzelnen
lebensbedeutsam erweisen. Hier entdecke ich erste "trinitarische" Strukturen.
trinitarischen Bekenntnis verbunden.“ 4
Das trinitarische Bekenntnis ist deshalb die Kurzformel des christlichen Glaubens.
Und die Trinitätslehre, wie sie sich in den folgenden Jahrhunderten entwickeln sollte, ist
sozusagen nur die „Grammatik der Doxologie“5.
Dementsprechend „trocken“ fühlt sich dann auch manche Begriffsklärung in der Folgezeit an.
Paulus
1. Röm 8,9
Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist
Gottes in euch wohnt. [...]
Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem
wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserm Geist, dass wir
Kinder Gottes sind.
2. 1 Kor 12, 4-6
Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.
3. 2 Kor 3,3
Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst,
geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes,
nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie auf Tafeln - in Herzen von Fleisch.
4. 2 Kor 3, 17f.
Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.
Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider
und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.
5. 2 Kor 3,13
„Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes, des Vaters, und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“
Immer also, wenn Paulus die ganze Fülle des Heilsgeschehens und der
Heilswirklichkeit ausdrücken will, greift er zu trinitarischen Formulierungen.
Deuteropaulinen
·
Eph 1,3-13
Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns
mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit
Christus im Himmel.
·
4
5
3
Kasper, 286.
Kasper, 370.
Eph 1, 3-14 Loblied auf den Heilsplan Gottes
Denn in ihm (Christus) hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der
Welt [...]
im voraus dazu bestimmt, seine Söhne (Kinder) zu werden durch
Jesus Christus [...]
als Erben vorherbestimmt und eingesetzt [...]
Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der
Erlösung.
Johannes
In der ersten Hälfte des Johannesevangeliums geht es im Grunde immer um das
eine Thema: das Verhältnis des Sohnes zum Vater: „Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. ... Und das Wort ist Fleisch
geworden.“
Im zweiten Teil geht es um die Sendung des Geistes, des Parakleten.
Joh 14,26: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem
Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was
ich euch gesagt habe.“
Den Höhepunkt bildet das so genannte hohepriesterliche Gebet in Joh 17:
„Die trinitarische Doxologie ist die Soteriologie der Welt.“ 6
.
„So gesehen gründet der Glaube an den drei-einen Gott nicht in einigen wenigen Schriftstellen
des Neuen Testamentes, noch ist er Ergebnis von Reflexion und Erfahrung, sondern er stellt die
neutestamentliche Basiserfahrung überhaupt dar!
Das heißt aber – anders gesagt -: Trinität ist ursprünglich keine Glaubensformel, kein
Glaubenssatz, keine Doktrin oder gar Ideologie, sondern ein Ereignis, das man erzählt, eine
Erfahrung, die bezeugt wird. Und zwar – nochmals – ist es die Erfahrung, dass Gott der Vater
durch seinen Sohn Jesus Christus in dem von ihm vermittelten Heiligen Geist auf die Menschen
zugegangen ist, sich ihnen ganz und gar mitgeteilt und sie in sein göttliches Leben
hineingezogen hat.“7
Auseinandersetzungen in der Geschichte
Die griechische Philosophie, mit der das frühe Christentum sich nun auseinandersetzen
musste, stellt eine gewaltige Zerreißprobe für den Glauben an die Trinität dar, denn nun
musste sich der Glaube in einer Sprache artikulieren, die ihm eigentlich fremd war.
Begriffe und geistige Strömungen kamen ins Spiel, die zu einer gedanklichen Präzisierung des
Trinitätsglaubens führen mussten.
Bilder haben die Trinitätslehre immer bestimmt – und präzisierende Begriffe zu Hilfe gerufen.
Die Bilder riefen nach einer begrifflichen Präzisierung, die ihre Vieldeutigkeit und
Missverständlichkeiten begrenzen konnten. Daher rührte das Interesse der Alten Kirche, die
trinitarische Diskussion begrifflich sauber zu klären. 8
·
6
7
8
4
Gnosis
Das Göttliche als das unaussprechliche Andere
Gedanke der „Emanation“: Gott fließt aus
Dualismus von Gott und Welt
Kasper, 302.
Greshake, 16.
Ich kann hier die Begriffe nicht sauber definieren, sondern lediglich kurz antippen.
Materialistisches Verständnis von Gott
Vorstellung von der Teilbarkeit Gottes
Irenäus von Lyon (2. Jh.): Gott ist reiner Geist
·
Tertullian (3. Jh.)
Entwicklung des Substanz-Begriffes: Einheit in der Substanz
Person
·
Origines
Freiheit als „vehiculum“ des gesamten Weltprozesses
Betonung des geschichtlichen Charakters der Schöpfung
Gleichwesentlichkeit des Sohnes mit dem Vater
Der Geist als Motor der Soteriologie
„Der wunderbarste Gedanke: dass Gott sich schenkt, nach der Logik seines
Herzens; dass er uns noch schenkt, sein Geschenk in Freiheit annehmen zu
können, ja überhaupt erst frei zu werden dadurch, dass er uns sein Geschenk seine liebend-erlösende Gegenwart – zugänglich macht.“9
·
Arius
Einfluß der Philosophie und des Platonismus
Christus als Zwischenwesen zwischen Gott und Welt
Die Lehre von der Trinität beginnt langsam, sich zu klären.
Im hellenistischen Milieu zieht die trinitarische Aussageintention nun Begriffe an sich, die dem
biblischen Milieu eigentlich fremd sind: so etwa die Begriffe Person, Natur oder Wesen.
Die Theologie arbeitet nun diese Begrifflichkeit aus, um zum Ausdruck zu bringen, was die
Begriffe vorher gar nicht sagen konnten – und ja auch gar nicht sagen mussten. Davon spricht
z.B. das Dogma von der "Hypostatischen Union" (Konstantinopel 381)): Gott vermag es, im
Menschsein Jesu, des Christus, als er selbst vollkommen da zu sein, in diesem Menschen Er
selbst zu sein. Gott ist im Menschsein Jesu, des Christus, er selbst und als er selbst
gegenwärtig, ohne dass dieses Menschsein in seiner Menschen-Wirklichkeit aufgehoben und
um seine Menschlichkeit gebracht wird.
Die vollkommene Menschenwirklichkeit bleibt zugleich Gottes eigene Wirklichkeit.
Konzil von Nicäa (325): Homousios - Gleichwesentlichkeit von Vater und
Sohn: Jesus ist "wahrer Gott und wahrer Mensch".
Konzil von Konstantinopel (381): Gleiche Würde des Heiligen Geistes mit dem
Vater und dem Sohn Unterscheidung zwischen dem einen Wesen und den drei Hypostasen:
„Wenn jemand nicht bekennt, Vater, Sohn und Heiliger Geist seien einer Natur
(physis, natura) oder Substanz (ousia, substantia), einer Kraft und Macht als
eine gleichwesentliche (homo-ousios, consubstantialis) Trinität, eine Gottheit in
drei Hypostasen (hypostaseis, substantiae) oder Personen (prosopa, personae)
anzubeten, der sei im Banne!“
9
5
Werbick, Gott verbindlich. 538.
Ein langer und mühsamer Weg von der Bibel bis zu den
Bekenntnisformeln!
„In diesen erregten Auseinandersetzungen ging es nicht nur um unnütze
haarspalterische Begriffsklauberei. Es ging um die größtmögliche Treue und
höchstmögliche Genauigkeit in der Interpretation des biblischen Befundes. Er
war so neu und einmalig, dass er alle hergebrachten Begriffe des Denkens
revolutionierte. Es genügte also keineswegs, die Begrifflichkeit der griechischen
Philosophie auf das überlieferte Bekenntnis anzuwenden. Es ging vielmehr
darum, ein einseitiges Wesensdenken in der griechischen Philosophie durch ein
der Schrift entsprechendes personales Denken aufzubrechen.
Theologisch gesehen konnte auf diese Weise die spezifisch christliche Gestalt des
Monotheismus im Unterschied zum Judentum wie zum Heidentum herausgestellt
werden.“10
Schlüsselworte
Natur ist die Wesenheit Gottes unter ihrem dynamischen Aspekt, also das, was Gott Gott sein
läßt und ihn von jedem nur möglichen anderen Sein unterscheidet.
Person ist das, was die Unterschiede in Gott ausmacht. So unterscheidet sich der Vater vom
Sohn, wenn er auch dieselbe Natur hat.
Nach allgemeiner Lehre verstand man unter Person die in sich existierende und von jeder
anderen unterschiedene Individualität. Moderne Autoren haben nun diesen Begriff insofern
vertieft, als sie einen besonderen Aspekt hervorgehoben haben: Person ist zwar In-sich-sein
und besagt infolgedessen eine letzte Individualität. Doch diese Individualität zeichnet sich
dadurch aus, das sie immer offen ist für die anderen. Person ist also ein Knoten von
Beziehungen in alle Richtungen. Person ist ein Sein in Relationen.
Analog dem Dialogprozeß zwischen Ich und Du kann man auch die Trinität verstehen.
Das ICH steht für den Vater. Das Ich läßt ein DU entstehen, das der Sohn ist.
Aber der Sohn ist nicht nur das Wort des Vaters, sondern auch das Wort an den Vater.
Aus dieser Beziehung wächst nun der ewige Dialog.
Vater - ICH und Sohn - DU vereinen sich und offenbaren das WIR, das der Heilige Geist ist.
Relationen sind die Verbindungen zwischen den drei göttlichen Personen. Die Relationen
ermöglichen es, eine Person von der anderen zu unterscheiden.
Perichorese11 meint die Art und Weise, wie sich die drei göttlichen Personen durchdringen.
Vater, Sohn und Geist existieren seit jeher gemeinsam., vereint in Leben, Liebe und ewiger
Gemeinschaft. Der Begriff der Perichorese versucht, zum Verständnis der innergöttlichen
10 Kasper, 317.
11 Mein Lieblingswort zum Verständnis dessen, was "Trinitarische Existenz" meint.
6
Relationen beizutragen.
Die Drei sind gleich zeitig, gleich wertig, gleich mächtig, gleich gewaltig, gleich groß, ...
Was die Einheit der göttlichen Personen ausmacht, ist die ununterbrochene und unendlich
gegenseitige Durchdringung des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Perichorese besagt, dass eine Person in der anderen wohnt, sie durchdringt und von ihnen
durchdrungen wird: absolut und unendlich.
Augustinus: "Jede der göttlichen Personen ist in jeder der anderen, und alle sind in jeder
einzelnen, und jeder einzelne ist in allen, und alle sind in allen, und alle sind ein einziger Gott."
Theologen des 4. Jahrhunderts haben das Leben Gottes als ein "Pulsieren" formuliert, was
dann in den Begriff "Perichorese" mündete.
"Perichorese ist ursprünglich ein Wort, welches aus der Welt des Tanzens (Umtanzen) stammt:
Einer umtanzt den anderen, der andere umtanzt den einen. Auf die Trinität gewendet heißt das
in metaphorischer Sprache: Die drei göttlichen Personen stehen in solcher Gemeinschaft, dass
sie nur als gemeinsame Tänzer in einem gemeinsamen Tanz vorgestellt werden können. [...]
So tanzen sie den einen gemeinsamen Tanz des göttlichen Lebens. [...]
Nur indem Vater, Sohn und Geist ineinander sind, nichts anderes als gegenseitige Beziehung
und Ineinandersein, ist das eine und selbe und unteilbare göttliche Wesen in ihnen und sind sie
in ihm."12
Das entspricht den Aussagen des Johannesevangeliums:
"Was der Vater tut, tut in gleicher Weise der Sohn." 5,19
"Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein." 17,10
Die Jünger sollen erkennen, "dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin." 10,38
Und nur die Liebe kann überhaupt solche Innigkeit aushalten.
"In und durch die Liebe, die zwischen den göttlichen Personen herrscht, geschieht sowohl
höchste Unterscheidung der Personen (weil Liebe die Unterschiedenheit der Personen fordert)
wie auch höchste Einheit (gegenseitige Durchdringung)."13
Der eine Gott ist das eine Liebes-Spiel, das sich zwischen den drei Personen ereignet: Liebe,
Geliebtwerden, Mitlieben.
L. Boff spricht sogar von einer „kosmischen Perichorese“ und will damit die Interaktion aller
energetischen Prozesse beschreiben: „Alles hat mit allem zu tun, alles bildet eine
Gemeinschaft: der Wind mit dem Felsen, der Fels mit der Erde, die Erde mit der Sonne und die
Sonne mit dem Universum. Alles ist perichorisiert, ist durchdrungen von der Gemeinschaft der
12 Greshake, 31
13 Greshake, 32.
7
Dreifaltigkeit.“14
Ich bin Trinität!
So spiegeln sich die trinitarischen Relationen im Kosmos wider.
Die drei göttlichen Personen öffnen sich nach außen und laden die Menschen und das ganze
Universum ein, sich an ihrer Gemeinschaft und an ihrem Leben zu beteiligen:
"Alle sollen eins sein: Wie Du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein."
(Joh 17,21)
So gibt es im Geheimnis des Sohnes weder Juden noch Heiden, weder Sklaven noch Freie,
weder Männer noch Frauen, sondern alle sind einer (Gal 3,28).
"Sollte es in der Dreifaltigkeit so etwas wie Logik geben, dann die: geben, geben und nochmals
geben. Die drei Personen unterscheiden sich, damit sie sich einander geben können. Und
dieses Sich-Geben ist so vollkommen, dass die drei Personen sich vereinen und ein einziger
Gott sind."15
Der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti hat seine Gedanken über den
trinitarischen Gott so formuliert:
Gottes Sein blüht gesellig ...
als Gemeinschaft,
vibrierend, lebendig,
beziehungsreich ...
Kein einsamer Autokrat jedenfalls,
schon gar nicht Götze oder Tyrann!
Eine Beziehungskommune vielmehr,
einer für den andern,
dreifach spielende Minneflut ...
Mich stellt's jedenfalls auf,
Gott als Beziehungsvielfalt zu denken,
als Mitbestimmung, Geselligkeit,
die teilt, mit teilt, mit anderen teilt:
Die ganze Gottheit spielt
ihr ewig Liebesspiel ...
Zusammengefasst
Der christliche Gott - so hat die alte Kirche definiert - ist gleichursprünglich Differenz und
Communio.
14 Boff, 69. L. Boff geht damit einen großen Schritt weiter als die klassische Theologie.
15 Boff, 76. In dem Buch „Die Antwort der Engel“ heißt es: „Der einzige Weg, auf dem das Licht herab kommt, ist
Geben. Gebt hin, was euer ist.“ Damit wird Hingabe als trinitarischer Prozeß beschrieben, der Gott mit dem
Menschen verbindet.
8
In Gott selbst erscheint eine wirkliche Differenz. In ihm leben wirkliche Unterschiede.
Gott lebt als ein ewiges WIR.
Der christliche Gott ist Dialog (sozusagen von Natur aus).
Der eine und einzige Gott der Christen ist keine einsame Monade oder kompakte Allmacht: Er
ist vielmehr sich ereignende Gemeinschaft – in sich selbst und in seinem Verhältnis zu uns.
Leonardo Boff sagt:
„An die Dreifaltigkeit glauben heißt davon überzeugt sein, dass im Ursprung alles Bestehenden
und Existierenden Bewegung herrscht und ein ewiger Prozess von Leben und
Liebesentäußerung in Gang ist.
An die Dreifaltigkeit glauben heißt davon ausgehen, dass Wahrheit mit Gemeinschaft
einhergeht und nicht mit Ausschluss; dass Konsens besser die Wahrheit zum Ausdruck bringt
als Durchsetzen und dass Mitwirkung und Mitbestimmung vieler besser ist als das Diktat eines
einzelnen.
An die Dreifaltigkeit glauben heißt Ja dazu zu sagen, dass alles mit allem zu tun hat und ein
großes Ganzes bildet und dass die Einheit aus tausend Übereinkünften und nicht bloß aus
einem einzigen Faktor erwächst.“16
Das Ganze der christlichen Heilsökonomie ist also ein einziges Geheimnis, das sich in dem
einen Satz zusammenfassen läßt: Gott ist durch Jesus Christus im Heiligen Geist das Heil der
Menschen.
Die Dreifaltigkeit als ewige Mitteilung von „Leben“
Vielleicht kommen wir der Dreifaltigkeit ein weiteres Stück näher, wenn wir sie in Bezug zum
Geheimnis des Lebens setzen.
„Leben“ heißt immer, dass man in einem prozesshaften Geschehen eine Gemeinschaft mit
einem Gegenüber bildet, mit ihm eine Osmose eingeht, es in sich selbst hereinholt.
„Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ewige Lebendige, die sich dadurch realisieren,das sie sich
einander hingeben. Grundmerkmal einer jeden göttlichen Person ist, das sie für und durch die
anderen, mit und in den anderen ist. Jede der drei lebenden Personen verlebendigt sich ewig,
indem sie die anderen verlebendigt und am Leben der anderen teilhat. Wie jemand nur
glücklich ist, wenn er die anderen glücklich macht, so ähnlich haben wir uns die Trinität
vorzustellen: Jede Person ist in dem Maße lebendig, in dem sie den anderen Leben schenkt
und von den anderen Leben geschenkt bekommt.“17
Die Dreifaltigkeit ist Neuheit wie jedes Leben: immer in Veränderung, aber ohne Zerstreuung.
16 Boff, 15.
17 Boff, 71.
9
Man kann von den göttlichen Personen auch mit Worten wie "offenbaren" und "erkennen"
sprechen.
So offenbart sich der Vater durch den Sohn im Geist.
Der Sohn offenbart den Vater in der Kraft des Geistes.
Der Heilige Geist "geht hervor" aus dem Vater und ruht auf dem Sohn.
So ist der Geist aus dem Vater durch den Sohn, wie der Sohn sich im Vater durch die Liebe des
Geistes erkennt."18
So beschreibt Boff die "Logik der Dreifaltigkeit".
Irenäus von Lyon gebraucht immer wieder das Bild der beiden Hände Gottes:
„... nicht du machst Gott, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk
Gottes bist, dann warte auf die Hand deines Künstlers. Biete ihm dein Herz an,
sensibel und nachgiebig, und bewahre die Gestalt, in der der Künstler dich
gestaltet hat; hab Feuchtigkeit (humus?) in dir, um nicht zu verhärten und die
Spuren seiner Finger zu verlieren. Seine Hand hat die Substanz in dir
geschaffen; sie wird dich von innen und außen mit purem Gold überziehen.“19
Aus dem Pfingsthymnus "Veni Sancte Spiritus":
Veni lumen cordium: Gott der Geist als das "Licht der Herzen"
Gottes Hände, der Logos und das Pneuma, sind von Anfang an – vor allem
Anfang – seine Beziehungswirklichkeiten. Gott ist gleichsam ganz in seinen
Händen. Seine Sorgfalt, sein künstlerisches Genie, seine Allmacht, seine Liebe,
sein vollendendes Handeln sind in seinen Händen.
Das trinitätstheologische Potential dieser Metaphorik ist vielfach gesehen und
ausgedeutet worden.
Eine kreuzestheologische Entfaltung des Motivs der beiden ausgestreckten Hände
Gottes bietet in eindrucksvollen Formulierungen Cyrill von Jerusalem: Gott
streckt am Kreuz die Hände aus, um die Welt von dieser Mitte aus heilsam zu
umfassen.
Bei Leonardo Boff bekommt dieses Bild eine befreiungstheologische Dimension:
„Vater, reich uns deine Hand und errette uns aus diesem Elend. Und der Vater,
der das Schreien seiner unterdrückten Söhne und Töchter hörte, streckte seine
beiden Hände aus, um uns zu befreien und liebevoll in seine Arme zu schließen:
den Sohn und den Heiligen Geist.“20
Und Hilde Domin schreibt in ihrem Gedicht Ecce Homo:
Weniger als die Hoffnung auf ihn
das ist der Mensch
einarmig
immer
18 Boff, 84. Und "erkennen" meint im alttestamentlichen Sprachgebrauch, dass Mann und Frau im Akt der sexuellen
Begegnung sich ganz füreinander öffnen.
19 Zit. bei Werbick, 569.
20 Boff, 36. Siehe auch das eindrückliche Bild der ausgestreckten Hand auf Auferstehungsikonen (Der „Griff ans
Handgelenk“) und auf einem Kapitell in Elne, Südfrankreich, wo Gott Eva mit eben diesem Griff erschaffend aus der
Seite des Adam zieht. Immer wirken Gottes Hände schöpferisch und heilsam.
10
Nur der Gekreuzigte
beide Arme
weit offen
der Hier-Bin-ich
Einige Versuche, sich der Trinität in Bildern zu nähern:
Der Vater
·
Geheimnis der Zärtlichkeit
·
Abba - mein lieber Vater
·
Urgrund des Seins
·
Abgrund
·
Ursprungloser Ursprung
·
der verborgene Ursprung, der alles ermöglicht und von dem alles seinen Ausgang nimmt
·
Schöpfer
·
Mütterlicher Vater und väterliche Mutter
·
der Schoß der Schöpfung
·
Quelle ewigen Lebens
·
unauslotbares / unergründliches Geheimnis
·
Fruchtbarkeit, Zeugung und letzter Ursprung alles Existierenden
·
...
Und wer ist der "Vater" für euch?
Schreibt ein paar Bildworte oder Begriffe auf, die das Herz euch jetzt eingibt.
[Stille]
Leonardo Boff schreibt:
„Der Vater ist vor allem deshalb Vater, weil er Schöpfer ist. Doch auch schon vor der
Erschaffung der Welt war er Vater, weil er seit Ewigkeit der Vater des Sohnes ist. Im Sohn
entwarf er uns als seine Söhne und Töchter und darum als Schwestern und Brüder des Sohnes.
Seit jeher waren wir im Herzen des Vaters. Dort haften unsere Wurzeln.“21
Wir sind Trinität!
21 Boff, 38.
11
Der Sohn
·
Geheimnis der Einheit und Differenz
·
der vollendete Ausdruck des Vaters
·
Offenbarung des Geheimnisses der Gemeinschaft, das wir "Dreifaltigkeit" nennen
·
Mittler der uneingeschränkten Befreiung für alle
·
der Löser
·
"der Sohn des Vaters im Geist und unser älterer und besserer Bruder" 22 (Boff)
·
das Wort (Joh)
·
"Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15)
·
Mensch
·
Gottes eingeborener Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
·
auferstanden
·
aufgefahren
·
er wird wiederkommen
·
...
Und wer ist der "Sohn" für euch?
Schreibt ein paar Bildworte oder Begriffe auf, die das Herz euch jetzt eingibt.
[Stille]
Der Geist
·
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht
·
Geheimnis der Liebe
·
Veni Creator Spiritus
·
Freiheit
22 Boff, 105.
12
·
der Unterschied
·
Einheit der Verschiedenheit
·
Gemeinschaft
·
Vielfalt
·
Charisma
·
Energie
·
consubstantialem patri
·
das umgreifende Ereignis der Liebe
·
Atem der Sehnsucht
·
Seufzen der Schöpfung
·
die weibliche Dimension der Trinität
·
Makarios (gest. 334): "Der Geist ist unsere Mutter."
·
die Dynamik und die Ordnung des Kosmos
·
der Sinnzusammenhang des Alls
·
die Entschlossenheit der Erlösung
·
die Kraft der Wahrheit
·
der Aufbruch: "In Prozessen struktureller Veränderung, die in der Regel nicht ohne
Schmerz abgehen, ist der Heilige Geist zugegen. Er ist es, der den neuen Himmel und die
neue Erde schafft. Bildlich könnte man sagen, der Heilige Geist sei die schöpferische
Vorstellungskraft Gottes."23
·
die Heilkraft der Sakramente
·
die Heiligung der Welt
·
das Neue in den Geistlichen Gemeinschaften
Und wer ist der "Heilige Geist" für euch?
Schreibt ein paar Bildworte oder Begriffe auf, die das Herz euch jetzt eingibt.
[Stille]
Einladung zu einem Schreibspiel.
Notiert jetzt die für euch wichtigste Metapher für den Vater, den Sohn und den
Geist.
Bildet aus diesen Wörtern einen Satz.
Dabei dürfen die Wörter ihr grammatisches Geschlecht verändern: Z.B. können
aus Substantiven Adjektive oder Verben werden. Die grammatikalische Struktur
des Satzes ist ganz offen.
Beispiel:
23 Boff, 123.
13
Vater: ursprungloser Ursprung
Sohn: Licht vom Licht
Geist: Atem der Sehnsucht
Mein Satz: Im ursprunglosen Ursprung atmet die Sehnsucht das Licht.
Andere Sätze könnten lauten:
·
Im Schoß der Schöpfung wird das Geheimnis der Liebe Mensch.
·
Im Licht vom Licht gebärt meine Sehnsucht den Atem der Schöpfung.
·
Im Geheimnis der Liebe wird die Entschlossenheit der Erlösung gezeugt.
·
Unergründlich heilt das Charisma die Welt.
·
...24
Gott öffnet sich, damit er zum „Ort“ wird, in dem alle wohnen und ihre Würde finden können.
Gottes Geist atmet in der Sehnsucht der Menschen, im „Seufzen“ der Schöpfung, die sich
danach sehnt, erlöst zu werden.
Die Stimme des Geistes ist das „Gebet“, das nach dem Ort ruft, an dem wir endlich ausruhen
und „zuhause“ sein dürfen.
Leonardo Boff: „Wie oft habe ich mich in schlaflosen Nächten gefragt, wie Gott sei und welcher
Name die Gemeinschaft der göttlichen Drei am besten zum Ausdruck bringe. Doch ich fand
kein Wort, und von nirgendwoher kam mir ein Licht. Da fing ich an, Gott zu loben und zu
preisen. Und mein Herz wurde hell. Das Fragen hatte ein Ende, ich war in die göttliche
Gemeinschaft hinein genommen worden.“ 25
Gottes „Geist-Atmosphäre“ ist den Menschen innerlicher, als sie selbst sich in ihrem Innern
nahe kommen können. „Gott ist sein Pneuma und darin seines Anderen fähig“26.
Leonardo Boff:
„Zeichen für die Gegenwart des Geistes sind: wenn Menschen mit Enthusiasmus an ihrer
Gemeinschaft arbeiten; wenn sie den Mut haben, nach neuen Wegen für neue Probleme zu
suchen; wenn sie gegen jede Form von Unterdrückung Widerstand leisten; wenn sie
entschlossen sind, für die Befreiung zu kämpfen, angefangen mit der Gerechtigkeit für die
Armen; wenn sie Hunger und Durst nach Gott haben und einander mit Milde begegnen.“ 27
en theou einai: in Gott sein
24 So bekommen wir je individuelle Tiefenbeschreibungen des trinitarischen Geheimnisses. Schön wäre es, alle
miteinander teilen zu können.
25 Boff, 30.
26 Werbick, Gott verbindlich. 566.
27 Boff, 43.
14
Enthusiasmus: Ich bin Trinität!
Ein weiterer, anderer Zugang.
„Gott ist so vollkommen, dass er seines Anderen fähig ist, dass er es nicht von sich
ausschließen muss. [...] In Jesus, dem Christus, realisiert sich diese göttliche Vollkommenheit
mit einzigartiger Konsequenz: Gott wird sein Anderes und bleibt er selbst. Sein Logos wird
Fleisch. Gottes Selbst-Mitteilung wird mitmenschlich Person. Sie geschieht in einem
Menschenleben, als dieses Menschenleben. Das Menschenleben des Messias Jesus ist nun
Gottes Selbst-Mitteilung – und bleibt es.“28
Sein Anderes ist ihm selbst „zuinnerst“.
Er nimmt alle Abgründe des Menschseins in sich hinein, so dass die Menschen in ihm ihren Ort
haben, an dem sie vollkommen aufgehoben sind.
Gedankenfetzen
·
"Der Andere als Offenbarung Gottes" -
·
Trinitarisch leben meint, eines Anderen zuinnerst fähig sein -
·
der Mensch als Teilung, als Mit-Teilung Gottes -
·
Christus der Mensch als die andere Seite Gottes, in der er (erst) zu sich selbst kommt
·
die Menschheit, der Kosmos als die andere Seite Gottes. Im evolutiven Prozeß findet die
Trinität zu sich selbst.
·
...
Das „Antlitz“ des "Anderen" als Schlüsselbegriff trinitarischen Denkens und Liebens
Emmanuel Lévinas wurde am 12. Januar 1906 als Sohn einer jüdischen Familie in der
litauischen Stadt Kaunas, ca. 200 km östlich von Königsberg geboren. [Nach seiner Schulzeit in
Litauen und Rußland begann er 1923 in Straßburg zu studieren. Einer seiner dortigen Lehrer,
Jean Heering, führte ihn in die Phänomenologie ein, die damals in Deutschland vorherrschende
Philosophie. 1928-1929 studierte Lévinas in Freiburg, wo er Martin Heideggers erste und
Edmund Husserls letzte Vorlesung erlebte. Ab 1930 studierte er in Paris an der Sorbonne. Er
erhielt die französische Staatsbürgerschaft und heiratete 1932 in Litauen.]
Als Jugendlicher hat Levinas die Russische Revolution und deren Folgen erlebt; ab 1940 war er
fünf Jahre lang als französischer Kriegsgefangener interniert. Seine Frau und seine Tochter
überlebten in einem christlichen Kloster bei Orléans; seine Eltern und sämtliche Verwandte in
Litauen hingegen wurden durch Deutsche ermordet.
28 Werbick, Gott verbindlich. 565.
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Die unsagbare menschliche Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hatte Levinas, der jüdischer
Herkunft war, veranlasst, auf die Suche nach Gemeinsamkeiten, nach einer untrennbaren
Bande zwischen mir und den mir gegenüber stehenden Anderen zu gehen. Diese Bande sollte
frei von einem vereinnahmenden Denken sein, das den Anderen zur Sache degradieren kann,
die ich für meine Zwecke instrumentalisieren kann und die aus dem Weg geräumt werden darf.
Lévinas, der fast ausschließlich in französischer Sprache publizierte, lehrte seit 1962 als
Professor der Philosophie. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorate. Lévinas
starb am 25. Dezember 1995 in Paris.
Bei Levinas sind mir nun zwei Begriffe begegnet, die mir hochgradig spannend zu sein
scheinen, wenn wir über Trinität nachdenken: Das "Antlitz" und der "Andere" (nicht
geschlechtsspezifisch gemeint, wie die Ausführungen zeigen werden).
E. Levinas: "Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel 29 wachgehalten zu werden."
Einem Menschen begegnen heißt, ihn als Anderen erleben, entdecken, respektieren. Denn der
Andere ist einzig und unverwechselbar; auf der Suche nach dem, was und wer er ist, versagen
die üblichen Kategorien, die Schablonen des Denkens und die gewohnten Strukturen unseres
Verstehens. Erst wenn man den Anderen, wie Levinas erklärt, gleichsam nackt und fremd sein
lässt, bestimmt sich der Andere als Anderer von sich her.
Und dieser Andere begegnet, wie Levinas' Ausdruck dafür lautet, als "Antlitz" (visage), als
Verbot: "Du sollst mich nicht töten", und als Gebot: "Du sollst mich in meinem Sterben nicht
alleine lassen".
(Wir denken den Kontext der Trinität immer mit: Gott ist so vollkommen, das er seines
Anderen fähig ist!)
Auferweckung
Wie geschieht nun Begegnung?
Was meint Beziehung unter Menschen?
Ist nicht der erste Gedanke einer Begegnung das Gesicht?
Menschen haben Gesichter.
Ist nicht diese Stelle des Körpers die nackteste und zugleich verletzlichste?
Und ist sie nicht die bedeutsamste?
Wenn ja, so ist zu fragen, worin diese Bedeutung beruht.
Blicke treffen sich.
29 s. das Nachdenken über den Begriff „Geheimnis“ am Anfang des Vortrags.
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Man erkennt sich, lacht, errötet, schreit sich an, tötet oder blickt weg.
Tod und Leben spielen sich im Gesichtsfeld des Menschen ab.
Levinas fragt sich nun, ob nicht etwa diese alltäglichen Trivialitäten menschlicher Erfahrung
und religiöse jenseitige Vorstellungen menschlicher Kulturentwicklung einen fundamentalen
inneren Zusammenhang besitzen.
Dieser fundamentale Zusammenhang eröffnet sich für Levinas im Begriff des Antlitzes
(visage). Ich habe zwar ein Gesicht, dessen Augen die Augen eines anderen Gesichtes fixieren,
doch habe ich in demselben Sinne ein Antlitz?
Levinas fordert nun:
Ein Antlitz ist der Bereich von Begegnung, den ich zwar zeigen oder erfahren, denn ich aber
nicht haben kann.
Ein Antlitz kann sich nur zeigen. Und: für jemand anderen kann ich zwar mein Antlitz
offenbaren, aber es ist klar, dass ich mir selbst kein Antlitz offenbaren kann (im Spiegel sehe
ich nur mein Gesicht).
Es gibt also jenseits des Bereiches, in dem sich Blicke treffen und Gesichter auf Gesichter
reagieren (erröten, lachen, weinen usw.), und „Ichs“ z.B. „Du“ zueinander sagen, einen
Bereich, der von einer absoluten Differenz umfasst ist: die Tatsache, dass ich – wenn
überhaupt – nur Antlitz sein kann als ein Antlitz für den Anderen und zugleich, dass ich mir
niemals selbst Antlitz sein kann.
„Antlitz“ ist für Levinas ein Beziehungsbegriff.
„Das [Antlitz] bringt sich zum Ausdruck, indem es sich leibhaftig [...] gibt.“
Menschwerdung, Offenbarung
Nur die echte Begegnung, die über das hinausgeht, was ich immer schon vom Anderen zu
wissen glaubte, kann meinen Horizont weiten. Gerade die Andersheit des Anderen, nicht mein
Vor-Urteil qualifiziert deshalb eine echte Begegnung.
Gott als der ganz Andere; Trinität als „Andersheit des Anderen“
Die Begegnung des Anderen im oder als Antlitz geschieht nicht in Form von Erkenntnis oder
sinnlicher Wahrnehmung als solcher (nur mittels ihr), sondern bestimmt sich im „Verhältnis der
Hingabe, des Gebens. Das Antlitz ist immer ein Antlitz als eine ausgestreckte Hand“.
Levinas: Nicht die historische Gegenwart des Christus ist das rätselhafte Zwischen eines
erniedrigten und transzendenten Gottes, sondern das Antlitz des Anderen.
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Das Antlitz des (jedes) Anderen zeigt die Spur des menschgewordenen Gottes.
Levinas will Gott verstehen als die radikale Erschütterung aller Selbstverständlichkeiten der
Welt; als die „unausweichliche Nötigung, im Antlitz des Anderen einen Ortswechsel zu
vollziehen, der jede Komplizenschaft mit den Mächten und Logiken dieser Welt unmöglich
macht.“30
Der/die Andere als der unausweichliche Ort der Gottesbegegnung, als der Ort, an
dem sich Gott im Menschen inkarniert, immer neu.
Inkarnation; inkarnatorisch leben
"Was heißt Aufhebung der nationalen Unterschiede, wenn es nicht eine unteilbare Menschheit
ist, die als ganze verantwortlich ist für die Verbrechen und für das Unglück einiger weniger?"
Levinas' radikale Schlußfolgerung lautet, "daß menschliche Verantwortung sich nicht teilen läßt
und daß alle Menschen für alle anderen verantwortlich sind".
Erinnerung an Augustinus: "Jede der göttlichen Personen ist in jeder der anderen, und alle sind
in jeder einzelnen, und jeder einzelne ist in allen, und alle sind in allen, und alle sind ein
einziger Gott."
Perichorese
Dem Anderen wertschätzend als dem ganz Anderen zu begegnen - das habe ich von Lévinas
gelernt.
Lévinas lädt ein, hinzuhören, zuzulassen, den Anderen freizugeben, er selbst zu sein.
Zur Erinnerung:
„Gott ist so vollkommen, dass er seines Anderen fähig ist, dass er es nicht von sich
ausschließen muss. [...] In Jesus, dem Christus, realisiert sich diese göttliche Vollkommenheit
mit einzigartiger Konsequenz: Gott wird sein Anderes und bleibt er selbst. Sein Logos wird
Fleisch. Gottes Selbst-Mitteilung wird mitmenschlich Person. Sie geschieht in einem
Menschenleben, als dieses Menschenleben. Das Menschenleben des Messias Jesus ist nun
Gottes Selbst-Mitteilung – und bleibt es.“31
Wir müssten uns also eine Ikone vorstellen, auf der dargestellt ist, wie sich Gott im Antlitz
seines Sohnes selber erkennt. In der Regel schauen die drei Personen den Menschen an.
Aber auch das ist ja ein Wahrnehmen des Antlitzes: Gott schaut in das Antlitz des Menschen
und der Mensch schaut in das Antlitz Gottes.
Psalm 42, 2-3; 6
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach
30 Werbick, Gott verbindlich. 544.
31 Werbick, Gott verbindlich. 565.
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dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?
Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott;
denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.
Pfingstantiphon zum Psalm 104
"Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu."
Hilde Domin, Es gibt dich32
Es gibt dich
Dein Ort ist
wo Augen dich ansehn.
Wo sich die Augen treffen,
entstehst du.
Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben,
mit der alle rufen.
Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.
Es gibt dich,
weil Augen dich wollen,
dich ansehn und sagen,
dass es dich gibt.
Mensch sein im Bild des drei-einen Gottes: „Gott sandte den Geist seines Sohnes in unser Herz
hinein“ (Gal 4,6).
Auch der aaronitische Segen spricht vom Antlitz Gottes: Der Herr lasse sein Angesicht/Antlitz
über dir leuchten ...
Teilhard de Chardin – die Personalisation des Universums 33
Teilhard hat keine ausgesprochene eigene Trinitätstheologie im klassischen Sinne formuliert.
Aber man findet bei ihm viele gedankliche Ansätze, die sich zu einem Nachdenken über Trinität
zusammenfügen lassen.
Bis hin zu seinem Begriff der Trinitisation, den ich gleich erläutern möchte.
32 Hilde Domin, Gesammelte Gedichte. Frankfurt 1987. 208.
33 Teilhard de Chardin, ein personales Universum, in : Die menschliche Energie, Olten, 1966, 70 -124
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Es beginnt mit dem Nachdenken über den Begriff Person.
Die menschliche Person ist für Teilhard ein Bewusstseinszentrum, das sich unendlich erweitern
kann und mit seinem Wachsen immer mehr in den ganzen Komplex von Personen integriert
wird, der die Menschheit ausmacht.
Wir hören dabei nicht auf, Personen zu sein, sondern wachsen zum vollen persönlichen Sein
heran, das immer eine Form von Beziehung ist.
Die höchste Realität ist die Fülle interpersonalen Seins, die er auch als interpersonales
Bewusstsein bezeichnet.
Die ganze Evolution für Teilhard ist ein Prozess der Personalisierung.
Das letzte Ziel ist eine Gemeinschaft von Personen in Liebe.
Und damit ist auch die höchste Bedeutung der christl. Trinitätslehre benannt, dass die höchste
Realität, die Gottheit, eine Kommunion der Liebe ist’. 34
Vgl. Joh.: „auf dass alle eins seien“ –
Für Teilhard sind Personalität und Universalität keine Gegensätze.
"Der Ozean, in den alle geistigen Ströme des Universums strömen, ist nicht Etwas, sondern
Jemand. Er besitzt ein Antlitz und ein Herz."35
Ein unpersönlicher Gott wäre für Teilhard überhaupt nicht Gott.
"Die Personalität Gottes muss also mit dem tiefsten Anliegen einer in Entwicklung begriffenen
Welt verbunden werden. Gott erscheint in der Konzentration des Stoffes des Universums; nicht
als ein Milieu der Auflösung, sondern als ein Brennpunkt der Personalisation. Er ist Geist. Die
Person ist die geeinte Frucht einer unermesslichen Mühe von Konzentration."
"Gott", sagt Teilhard, ist "brennender Geist, personales und unergründliches Feuer". Und Gott,
die Liebe, kann letztlich auch nur in der Liebe erliebt werden. Die Amorisation ist die Triebkraft
der Evolution.Die Liebe, die der Geist in der Trinität abbildet, ist also diejenige Kraft, die das
Universum zu seiner Erfüllung führt. Für Teilhard ist das Christentum besonders die "Religion
der Person".
Gerade weil Teilhards Gottesbild ganz von der Personalität Gottes gekennzeichnet ist, ,
bedeutet die Botschaft Jesu Christi, der göttliche Person und Mensch zugleich ist, den
34 Bede Griffith, die neue Wirklichkeit, Grafing, 1990
35 Adolf Haas, Teilhard de Chardin-Lexikon, Bd. I, S 361, Herder, 1971
20
Höhepunkt der Offenbarung Gottes.
In Jesus Christus ist Gott selbst als Person uns nahe gekommen: niemand hat Gott gesehen,
nur der Sohn kennt den Vater.
In Christus offenbart Gott sein undurchschaubares, souveränes Geheimnis.
"Die wesentliche Botschaft Christi, könnte man sagen, ist nicht in der Bergpredigt noch in der
Geste des Kreuzes zu suchen. Ihr ganzer Inhalt war die Verkündigung eine göttlichen
Vaterschaft - dass Gott, ein personales Wesen, sich dem Menschen als Endpunkt einer
personalen Einigung darstellt."Teilhard macht deutlich, dass die Schöpfung von Anbeginn
darauf angelegt war, in die trinitarische Wirklichkeit aufgenommen zu werden.
Immer schon wollte Gott-Vater sich den Menschen in seinem Sohn offenbaren.
Christus war immer schon das Ziel der Schöpfung.
"Gott ist das Herz von allem." Und sein Sohn offenbart den Vater in dieser absoluten
Radikalität.
Teilhard gebraucht den Begriff der "Trinitisation". Für Teilhard ist Gott also notwendig
trinitarisch zu denken: "Gott selbst existiert in einem strengen Sinne nur, indem er sich eint."
In Teilhards Deutung der Evolution beruht Seinszuwachs auf Einigung.
Einung und Einigung sind schöpferische Prozesse, die auf Zuwachs und Differenzierung
angelegt sind. In jedem echten Vereinigungsprozess aber werden die Elemente weder
verschmolzen noch vereinheitlicht, sondern sie bleiben erhalten und werden ausdifferenziert.
Nur bei voller Ausprägung der Individuen kann eine Gemeinschaft existieren.
"Die Vereinigung differenziert auf jedem beliebigen Gebiet, ob es sich um Zellen eines Körpers
handelt oder um Glieder einer Gesellschaft oder um Elemente einer geistigen Synthese."
Wird Sein als Einigung verstanden, so muss in Gott als der Urwirklichkeit die Einigung in einer
Weise realisiert sein, die alle in der Welt vorgefundenen Formen der Einigung übersteigt.
Pia Gyger schreibt zum Prinzip der „integrierenden Vereinigung“:
„Übertragen in unsere Zeit heißt das: Die Evolution geht im Menschen weiter in dem Maße, wie
wir unsere Angst vor den Mitmenschen, vor dem Anderen und Fremden verlieren, in dem
Maße, wie wir unsere Verschmelzungsängste überwinden und erkennen, dass jede echte
Vereinigung nicht zur Auflösung unserer Identität, sondern zu größerem Bei-Sich-Sein führt. In
dem Maße also, wie wir beziehungsfähiger werden, bewegt sich die Evolution der Erde durch
uns in eine neue Stufe hinein.“36
Ohne es ausdrücklich zu benennen, hat Pia Gyger mit einfachen Worten die Evolution als
36 Pia Gyger, 22.
21
trinitarischen Prozeß formuliert.
Gerade die Unterschiedlichkeit fordert die Liebe heraus. Gott wird sein Anderes und bleibt er
selbst: höchste Liebe in der Integration des „Anderen“.
Teilhards Metaphysik der Vereinigung macht den Trinitätsgedanken unausweichlich.
Die differenzierende Vereinigung der Schöpfung findet in Gott selbst statt.
Gott selber ist differenzierende Einung der drei Personen Vater, Sohn und Geist.
Für die Menschheit bedeutet das: "Das einzige Tor in die Zukunft liegt in Richtung einer
gemeinsamen Leidenschaft, einer Konspiration."
„Kon-Spiration“ heißt so für mich:
·
Zusammen atmen
·
als der Andere verschieden bleiben in der Vereinigung
·
die Unterschiede feiern
·
Den Hauch des Geistes im gesamten Kosmos atmen fühlen
·
Selber den Geist Gottes in den Kosmos einhauchen und im All einatmen
·
Durchatmen als Erlöste der neuen Welt
·
sich mit Maria verbinden, der „Mutter der unerlösten Schöpfung“
·
„Im Einklang der Quelle sind jene, die leben, indem sie Einheit atmen; ihr ich kann ist in
dem von Gott enthalten.“37
Indem wir auf diese Art kon-spirieren, haben wir teil an Gottes dreifaltiger Seinsmacht.
Ich bin Trinität.
Alfred Delp bezeichnet in seinen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis den Geist
als "die Leidenschaft Gottes zu sich selbst, die durch den Geist im Menschen
geschieht"38. Gott findet im Geist der Inkarnation zu sich selbst zurück.
In einem solchen "inkarnatorischen Bewußtsein" finde ich einen neuen Schlüssel
zum Wesensgeheimnis des Christseins.
Der Kerngedanke der "Messe über die Welt" lautet für mich:
Die Welt ist die in Christi Leib zu verwandelnde Hostie.
Auf der Rubeljew-Ikone (1410 in Sagorsk, Russland) können wir sehen, dass sich
die drei göttlichen Personen um die Eucharistie versammelt haben.
Diese beiden Beobachtungen zusammen denkend, kann man vielleicht sagen:
Die Welt ist längst in die Dreifaltigkeit hineingenommen 37 Die Seligpreisungen. Eine Neuübersetzung aus dem Aramäischen In: Neil-Douglas Klotz, Vater unser. München
2000.
38 Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Freiburg 2007. (Im Angesicht des Todes.
Geschrieben zwischen Verhaftung und Hinrichtung 1944-1945.
22
und die Trinität hat kein anderes Interesse, als die Kraft des auferstandenen
Christus in der Welt als ihr eigenes Geheimnis zu feiern.
Und Augustinus schreibt zur Eucharistie: "Nicht du wirst Mich in dich verwandeln
wie die Speise deines Leibes, sondern du wirst in Mich verwandelt", um den
Abstieg Christi (die Kenose: seine "Erniedrigung") zu beschreiben.
Indem ich Gott in der Eucharistie empfange, wird er in Mich verwandelt.
Bild für die immanente und ökonomische Trinität
Beziehung und Geschehen
Vielleicht kann man Teilhards Gedanken zur Trinität in einem Satz zusammenfassen:
"Alles im Kosmos ist für den Geist. Alles im Geist ist für Christus."
Der trinitarische Schoß der Gottheit ist das universelle Zentrum der
menschlichen Entwicklung.
Im kunstgeschichtlichen Typos des "Gnadenstuhls" kann man diesen Gedanken
abgebildet sehen: Der Vater hält oder trägt den gekreuzigten Sohn in seinem
Schoß. Die Auferweckung des Sohnes vollzieht sich im Schoß des Vaters, der
Geist schwebt - dargestellt als Taube - zwischen Vater und Sohn.
Und der Schoß ist natürlich der alttestamentliche Mutterschoß der Gottheit, die
ruach39, die Mutterschößlichkeit, die Barmherzigkeit Gottes.
„Schoß“ kann auch meinen: Rückkehr in die Mitte.
Frei nach Paulus: Das All ist der Tempel des Heiligen Geistes.
Ich bin das All.
Ich bin Tempel des Heiligen Geistes.
Ich lebe trinitarische Existenz.
Und ganz spannend finde ich, dass ein altgedienter Dogmatiker in seinem Buch über die
Dreifaltigkeit ausdrücklich von der „Trinitarisierung der Schöpfung“ spricht.
Der Mensch sei dazu gerufen, was Gott immer schon ist: Communio.
„Das letzte Ziel heißt also Einheit, man könnte besser sagen: Trinitarisierung der ganzen
Wirklichkeit: Was Gott als trinitarischer Gott ist, sollen und dürfen wir werden.“ 40
Unsere trinitarische Existenz ist das Ferment einer neuen Zeit. Der Christ der Zukunft wird aus
einem trinitarischen Bewußtsein leben oder das Geheimnis der Evolution nicht verstehen
können.
Trinitätsglaube als neue Praxis eines interreligiösen Dialogs
Im Himmel lebt eine gleichwertige Differenz, haben wir gesagt.
Folglich dürfen wir als Kinder Gottes ebenfalls das Lob der gleichwertigen Differenz singen.
39
Die Heilige Ruach, die allverbindende Einheit von ICH und DU, trägt Christus stets in ihrem Schoß; das
hebräische Wort "ruach", Geist, hängt sprachlich mit dem Wort für Mutterschoß zusammen, ist mehr weiblich als
männlich.
40 Greshake, 58 ff. Gisbert Greshake ist Prof. für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Freiburg.
23
Damit wird die Intoleranz und Uniformität verabschiedet und die Vielfalt in ihr Recht
eingesetzt.
Wir sind nur dann Bild des drei-einen Gottes, wenn wir mit allen uns zur Verfügung stehenden
Kräften auf einen herrschaftsfreien Dialog auf Augenhöhe hinarbeiten, der kulturelle und
religiöse Differenzen respektiert und als Reichtum akzeptiert.
Es braucht einen Paradigmenwechsel: Religionen können nicht mehr verstanden werden als
System der Abgrenzung, sondern der Ergänzung.
Das trinitarische Verständnis ist ein Dialogprinzip für das gemeinsame Wachstum aller
Menschen in ihren jeweiligen Kulturen, Religionen, Konfessionen und Unterschiedlichkeiten
welcher Art auch immer.
Im Prozeß einer sich selbst bewußt werdenden Menschheit wird der (die, das) Andere als
unerläßliche Ergänzung verstanden werden.
Unsere Transformationsprozesse sind trinitarisch! Als Liebhaber-Innen der Beziehung lebt
unsere Gemeinschaft in/aus einem trinitarischen Bewußtsein. Jetzt kommt es ans Licht.
Können wir dafür Sprache finden?
Gisbert Greshake zitiert einen Theologen mit dem Satz: "Vielleicht werden künftige Historiker
die Periode zwischen Nizäa und dem 20. Jahrhundert als ein frühes Stadium der Trinitätslehre
bezeichnen, wenn die Logos-Perspektive des Christentums sich öffnet für den Apophatismus
des Buddhismus und die vereinende Spiritualität des Hinduismus." 41
Und die Liebe erwirkt die gegenseitige Anerkennung des Andersseins und bewirkt so die ewig
kommunizierende Einheit untereinander.
Und die Ökumene?
Die noch getrennten Kirchen könnten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die jeweilige
Konfessionskirche ein Charisma besonders hervorhebt, das in den anderen Kirchen
unterentwickelt ist.
Die "versöhnte Verschiedenheit" könnte so als ein trinitarisches Grundmodell von Kirche
verstanden werden. Wir sind anders Kirche!
Die versöhnten Kirchen dürften ihre Andersartigkeit und Verschiedenheit weiter pflegen, etwa
in Fragen der kirchenrechtlichen Organisation, der Liturgie, der Pastoral, der Spiritualität und
der Frömmigkeit. Sie könnten sich in Liebe bereichern und sich an der Andersartigkeit des
41 zit. bei Greshake, 115.
24
anderen freuen.
Ein solches Modell läge für mich auf der Linie eines die Differenzierung liebenden trinitarischen
Gottes.
"Gleichwertige Differenz" als Grundierung der Ökumene.
Prof. em. Johannes Brantschen OP (Universität Freiburg) formuliert in diesem Sinne ein
wunderbares Gebet:
"Es ist gut, dass du da bist, meine lutherische Schwester, mein orthodoxer Cousin, mein
moslemischer Bruder, mein buddhistischer Freund, mein sozialistischer Träumer.
Es ist gut, dass du anders bist als ich.
Durch dich wird mein Eigenes reicher.
Ohne dich wäre ich ärmer, es sei denn, ich oder du halten sich für Gott, das heißt im Besitz der
ganzen Wahrheit.
Weil du anders bist als ich, will ich dich nicht bekämpfen wie früher,
will auch nicht bloß schiedlich-friedlich neben dir leben, weil die Machtverhältnisse mir keine
andere Wahl lassen.
Vielmehr wollen wir - ohne unsere Differenzen aufzugeben - als gleichwertige Subjekte in
einen geschwisterlichen Dialog treten zur Ehre der größeren Wahrheit und zu unserer und der
Welt Bereicherung.
Es ist Zeit, das Lied der gleichwertigen Differenzierung zu singen."42
Zum Schluß
"Die Geschichte ist das Theater, in dem das Stück von der möglichen Ehre der Dreifaltigkeit
gespielt wird; in der gegenwärtigen Zeit überlagert von Schatten und Kreuzen; am Ende der
Zeit in der Gestalt uneingeschränkter Offenheit und eines nie endenden Festes.
Das All geht schwanger mit dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit,
so nahe, dass wir es geradezu spüren können,
so transzendent, dass wir es nirgends zu fassen imstande sind,
so innerlich, dass es in der tiefsten Schicht unseres Herzens wohnt,
und so real, dass weder die ganze Sündenmacht noch ihre verhängnisvollen Konsequenzen ihm
etwas anhaben können."43
42 Johannes Brantschen, Welche Relevanz hat das trinitarische Gottesbild für unser Zusammenleben in Kirche und
Gesellschaft? Aufsatz. Quelle unbekannt.
43 Boff 139.
25
Wir sind Trinität!
Und mit dem "Loblied auf die erlöste Schöpfung in der Trinität"44, wie es Leonardo Boff singt,
möchte ich diese kleine Reise durch das trinitarische Bewußtsein Gottes und des Menschen
beschließen.
Ein Stück unserer Geschichte ist schon Geschichte der Dreifaltigkeit geworden. Nun wird auch
die Geschichte in ihrer Gesamtheit trinitarische Geschichte werden. Dann braucht keiner mehr
irgendwelche Zeichen zu deuten; alle Welt wird sich über die unmittelbare und transparente
Gegenwart freuen. Nachdem sich das All Millionen und Abermillionen von Jahren aufwärts
entwickelt und seine verborgenen Möglichkeiten entfaltet und allmählich und schließlich offen
zutage gefördert hat und nachdem es in einer kosmischen Krise von aller Verderbtheit
geläutert worden ist, erreicht es endlich das Reich der Dreieinigkeit. Dank der verändernden
Kraft des Geistes und vermittels des befreienden Wirkens des Sohnes findet das Universum
letztlich zum Vater. Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte der Schöpfung mit ihrem
dreifaltigen Schöpfer. Das Geheimnis der Schöpfung begegnet dem Geheimnis des Vaters.
[..]
Das Fest der Erlösten beginnt.
Der himmlische Tanz der Befreiten fängt an.
[...]
In der trinitarischen Schöpfung werden wir spielen und lobsingen. Lobsingen und lieben
werden wir jede einzelne der göttlichen Personen ebenso wie die Gemeinschaft unter ihnen.
Und sie werden uns einladen, zu lieben und zu loben, zu spielen und zu singen, zu tanzen und
zu anzubeten von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Jetzt endlich wird die wahre Geschichte der Dreifaltigkeit in der Schöpfung und der Schöpfung
in der Dreifaltigkeit beginnen. Was draußen war, wird herein geholt werden; und was drinnen
war, wird auch nach draußen mitgeteilt. Draußen und Drinnen stehen in bleibender
Gemeinschaft – Gemeinschaft, die ja das Geheimnis der Dreieinigkeit ist.
44 Boff, 140 f.
26
Weitere Gedanken
1. Trinitarisches Bewußtsein und „Integrales Bewußtsein“ (Jean Gebser)
2. Ist auch eine "Evolution der Religionen" denkbar?
3. Wer ist Jesus Christus für mich und die anderen?
4. Inwieweit gefährdet die pluralistische Religionstheorie den Gedanken der Trinität?
Literatur
1. Leonardo Boff, Kleine Trinitätslehre. Düsseldorf 2007 (1988).
2. [Leonardo Boff, Der dreieinige Gott. Gott befreit sein Volk. Düsseldorf 1987.]
3. Gisbert Greshake, An den drei-einen Gott glauben. Ein Schlüssel zum Verstehen.
Freiburg 1999 (1996).
4. [Gisbert Greshake, Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie. Freiburg 2007
(1997).]
5. Pia Gyger, Hört die Stimme des Herzens. Werdet Priesterinnen und Priester der
kosmischen Wandlung. München 2006. (bes. S. 38-52)
6. Walter Kasper, Der Gott Jesu Christi. Mainz 1982.
7. Karl Rahner, Bemerkungen zum dogmatischen Traktat „De Trinitate“. In: Ders.,
Schriften zur Theologie. Band IV. Einsiedeln 1955.
8. Rudolf Steiner, Das Geheimnis der Trinität. Der Mensch und sein Verhältnis zur Geistwelt
im Wandel der Zeiten. Dornach 2007 (1922).
9. Jürgen Werbick, Gott verbindlich. Eine theologische Gotteslehre. Freiburg 2007.
Texte
Das nicäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis
Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
27
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen
durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt
unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden
nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn
angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine heilige, christliche und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
28
Impuls
Wie können wir so leben, dass wir den drei-einen Gott verherrlichen?
Wie können wir leben als die, die wir sind; wie können wir unser tiefstes Wesen verwirklichen?
Nimm dies als dein Lebenswort mit: „Ich bin die dreifaltige Herrlichkeit Gottes - Ich bin
Trinität“.
Du bist der Ort, den Gott sich zur Wohnung erwählt hat, und das geistliche Leben besteht
darin, den Raum zu schaffen, in dem Gott wohnen und seine Herrlichkeit sich offenbaren kann.
Jedes Mal, wenn ich die Herrlichkeit Gottes in mir erkenne und ihr Raum gebe, um sich in mir
zu offenbaren, kann ich alles Menschliche zu ihr bringen, und alles wird verwandelt. Gott
selbst, der Heilige Geist, betet in mir und rührt hier und jetzt die ganze Welt mit seiner Liebe
an. (Henri J. M. Nouwen)
Meine trinitarische Existenz ist der Sauerteig im interreligiösen Dialog.
Ich bin Tempel des dreifaltigen Gottes.
Der fremde Andere – das bin ich selbst.
Die dreifaltige Liebe weitet mein Herz und öffnet es für die differenzierenden und
integrierenden Kräfte des Kosmos.
Gesegnet sind, die in ihrem inneren Schoß Gnade gebären. Sie werden sich von ihr umhüllt
fühlen.45
45 Douglas-Klotz, ebda.
29
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Seele and Geist
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