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Fünf deutsche Austauschschüler verbringen ein Jahr in Peking. Was

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ERFOLG SCHÜLERAUSTAUSCH
CHINA-PIONIERE, CAMPUS DER
BEIJING NO. 80 HIGH SCHOOL (r.)
Vor dem Tor zur verbotenen Stadt:
Marcel Weyrich, Mercedes
Mersch, Nils Boesel, Ilja Stettler
und Sascha Sommerschuh (v. l.)
JUNGE
PIONIERE
Fünf deutsche Austauschschüler verbringen
ein Jahr in Peking. Was sie in der Schule, in ihren
Gastfamilien, in ihrer Freizeit lernen.
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WIRTSCHAFTSWOCHE I 2.12.2004 I NR. 50
nend, da wollte ich hin. Und für meine Zukunft ist das bestimmt auch ganz gut.“
Ilja ist einer der ersten deutschen Austauschschüler, die den Sprung ins Reich der
Mitte wagen. Alleine ist er nicht. Mit ihm
sind vier weitere Pioniere für ein Jahr nach
Peking umgezogen: Nils Boesel, 17, aus Aurich; Marcel Weyrich, 16, aus Köln; Mercedes Mersch, 15, aus Lüchow und Sascha
Sommerschuh, 16, aus Berlin. Sie sind die
ersten Teilnehmer eines Pilotprojektes: ein
Austauschschuljahr in China.
„China ist für Schüler noch ein weißer
Fleck auf der Landkarte“, sagt Corinna Rodewald vom GLS Sprachenzentrum in Berlin. „Das wird dem Land und seiner Bedeutung für die Welt nicht gerecht.“ Also suchte sie nach chinesischen Partnern und stellte das erste China-Programm für Schüler
auf die Beine. Fünf Pioniere fand sie, die
vier Jungen und ein Mädchen besuchen seit
Anfang des Schuljahres die Pekinger Eliteschule.
Deutsche Unternehmen tasten sich seit
zwei Jahrzehnten auf dem chinesischen
Markt erfolgreich vor. Deutsche Hochschulen knüpfen bereits enge Kontakte zu chinesischen Partneruniversitäten. Da ist es konsequent, wenn nun auch Schüler und ihre
Eltern in China ein lohnendes Weiterbildungsziel erkennen.
Der Auslandstrip bleibt dennoch mutig.
Die Schüler tauchen in eine völlig andere
Kultur, eine andere Sprache ein. Das geht
schon an der Schule los. Fast nichts erinnert
an den deutschen Schulalltag. Keine ausgefransten Jeans, keine T-Shirts. Alles ist
uniform. Unter der Woche schlafen die
deutschen Pioniere im Wohnheim auf dem
Schulgelände. Ein eigenes Zimmer hat
keiner, sie müssen sich mit zehn Quadratmeter großen, weißgetünchten Doppelzimmern arrangieren. Dafür haben die
Räume ein eigenes Bad. Die Einrichtung
ist spartanisch, aber praktisch: Bett,
Schreibtisch, offene Regale. Das alles könnte von Ikea stammen. Auch eine Heizung ist
vorhanden, ohne Thermostat allerdings.
Wenn es zu heiß wird, reißt Mercedes das
Fenster auf.
FOTOS: HE ZI/IMAGINECHINA
D
ie Uniform zwickt noch. Ungewohnt ist das, eng und steif. Zum
Glück müssen auch die anderen
da durch. Dass Ilja Stettler eine
Schuluniform tragen würde, hätte der 17-Jährige nie gedacht. Er mag es lieber leger, mit Jeans, T-Shirt. Sein halblanges
Haar trägt er gern fransig um den Kopf.
Aber jetzt ist er schon froh, dass er wenigstens die Frisur „behalten darf“, sagt Ilja.
„Das ist hier eine Ausnahme.“
Hier – das ist nicht mehr das RouanetGymnasium im brandenburgischen Beeskow. Hier – das ist die Beijing No. 80 High
School in Peking, an der Ilja seit September
zur Schule geht. Für ein Jahr. „Chinesisch ist
die meistgesprochene Sprache der Welt und
China ist eine der interessantesten Kulturen“, sagt der Schüler. „Das fand ich span-
GEWECKT WERDEN SIE MORGENS UM SIEBEN
Uhr nicht vom Wecker, sondern von strammer Marschmusik, die aus Lautsprechern
über das ganze Schulgelände dröhnt. „Aber
das ist okay“, kommentiert Marcel die Weckzeremonie, „man gewöhnt sich an alles.“ Bis
auf die Sperrstunde: Ab 19 Uhr gilt Ausgehverbot, „da ist nix mit Disco“, ärgert sich Ilja.
Dafür schmeckt das Essen. Dreimal am
Tag tafeln die Deutschen mit ihren Mitschülern in der Schulmensa. Mittags und abends
können sie wählen. Das Quintett bevorzugt
meist doppelt gebratenes Rindfleisch oder
Schweinefleisch mit Erdnüssen. Das klingt
zwar wie im Chinarestaurant, doch die Gewürzmischung hat es in sich: eine Prise mehr
Ingwer, Koriander und vor allem Knoblauch
dünstet aus vielen Gerichten. Und, klar, gegessen wird aus runden Aluminiumnäpfchen
ausschließlich mit Bambusstäbchen.
Das Essen bezahlen die Schüler bargeldlos. Jeder hat eine wiederaufladbare Chipkarte. „Die Preise sind fantastisch“,
schwärmt Sascha. „Für wenige Cent kann
man richtig gut essen.“ Nur das Frühstück
kommt nicht so gut an: Statt Marmeladenbrötchen oder Müsli gibt’s Reissuppe mit
eingelegtem Gemüse, Dämpfklöße, Ölstangen und Sojamilch. Für die meisten Deutschen Grund genug, eine halbe Stunde länger zu schlafen.
Mehr als eine halbe Stunde bleibt den
Langschläfern allerdings nicht. Der Lehrplan ist mehr als ehrgeizig. Eigentlich sollten
sie schon nach einer siebentägigen Orientierungsphase und einem vierwöchigen
Sprachkurs zusammen mit chinesischen
Schülern in einer Klasse pauken – ausgenommen die Fächer Literatur und kommunistische Staatsbürgerkunde.
Daraus wurde nichts. Es hapert noch immer an den Sprachkenntnissen. Etwas leichter haben es nur Marcel und Mercedes: „Ich
habe vor zwei Jahren neben der Schule A
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