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Hallo zusammen, hier wird die Arbeit langsam zum Alltag, was

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Hallo zusammen,
hier wird die Arbeit langsam zum Alltag, was jedoch auf keinen Fall heißt, dass sie keinen Spaß mehr
macht! Ganz im Gegenteil - je länger wir in den Projekten sind, desto besser lernen wir die Kinder
kennen und desto mehr schenken sie uns ihr Vertrauen. Selbst die Schüchternsten fragen mich
mittlerweile, ob ich ihnen beim Malen helfen kann oder ob ich etwas erklären kann. Und da mein
Spanisch täglich Fortschritte macht, klappt alles immer besser. Auch die Projektleiter vertrauen uns
immer mehr. Beispielsweise musste eine Lehrerin der Apoyo einmal zur Bank und bat uns auf die
Kinder aufzupassen. Und alles hat reibungslos funktioniert, auch weil die Kinder auf uns hören und
ihre Aufgaben erledigen, obwohl ihre eigentliche Lehrerin nicht da ist. Wenn ich da an manche
Vertretungsstunde bei uns in der Schule zurück denke, tun mir die armen Referendare leid, die
teilweise einfach ignoriert worden sind. Zum Glück haben hier die Kinder mehr Respekt vor uns!
Auch in Piñami dürfen wir immer mehr helfen. Frühs heißt das zwar meistens, weil nicht ganz so viele
Kinder da sind, da sie vorwiegend in der Schule sind, Vorbereitungen für Feste zu treffen. Hier ist es
scheinbar Brauch, dass bei jedem Fest kleine Basteleien verschenkt werden. Deswegen basteln wir
des Öfteren - vorzugsweise malen wir Schmetterlinge auf und schneiden diese aus. Manchmal auch
andere Motive, wie Frösche, Teddybären, usw. Aber wir zeichnen auch viele Plakate, die wir oder die
Kinder später ausmalen dürfen. Meist für guten Umgang, gegen Gewalt oder zur Erklärung von
Rechten, besonders Kinderrechte. Auch wenn es manchmal ermüdend ist, alles ganz genau
auszuschneiden, hat es doch irgendwie Sinn. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Kinder über solche
Kleinigkeiten dermaßen freuen, als ob sie gerade eine riesige Trophäe mit heim nehmen dürfen.
Wenn man bedenkt, dass wir siebzig Teilchen gebastelt hatten (dafür haben wir eine ganze Woche
gebraucht) und diese innerhalb kürzester Zeit alle weg waren, dürfen wir uns in den nächsten
Wochen auf viel Bastel-action freuen :) Denn das nächste Fest naht... Nachmittags sind wir leider
nicht so oft in Piñami, weil wir auch die anderen Projekte besuchen wollen. Aber freitags darf ich
mittlerweile abends Englischunterricht geben - natürlich auf Spanisch - was nicht immer ganz einfach
ist, weil man teilweise einfache Englischvokabeln vergisst, da man die ganze Zeit auf Spanisch geeicht
ist. Aber wir fangen von ganz vorne an, dh. Zahlen, Farben, Personalpronomen. Die nächsten Male
einfache Dialoge und Sätze. Jedes Mal freuen sich die Jungs sehr auf den Unterricht. Man merkt
immer ihren Eifer und ihre Neugier, etwas fremdes kennenzulernen. Auch wollen sie alle ziemlich oft
deutsche Wörter lernen. Das ist meist sehr unterhaltsam, weil sie vom Spanischen eine völlig andere
Aussprache gewohnt sind. Zum Beispiel sind "Sch"-Laute oder "ä,ö,ü" für sie ziemlich schwierig und
bis jetzt konnte noch niemand "Streichholzschächtelchen" richtig aussprechen :) Aber wir verstehen
ja auch nicht alles und sprechen bei Leibe nicht alles richtig aus.
Dieses Wochenende war ein etwas anderes hier, nicht alltäglich und mit besonderen Vorschriften.
Was war? Die Wahl! Ich weiß nicht, wie viel in Deutschland davon angekommen ist bzw. wie stark es
in den Medien war. Zuerst die äußeren Umstände und Vorschriften. Am Sonntag, den 12.10., fand
die Wahl des Präsidenten statt. Ab Freitag durfte weder Alkohol verkauft noch getrunken werden.
Wer erwischt wurde, musste mit einer Strafe rechnen. Am Tag der Wahl waren wir bei Schwestern
aus Peru zum Mittagessen eingeladen, die übrigens nicht wählen durften, obwohl sie sehr oft hier in
Bolivien sind. Und da haben wir ein Glas Wein getrunken... Uhhhhhh, sind wir Rebellen :D Am
Sonntag durften in ganz Bolivien bis 17Uhr (also bis eine Stunde nach Schließung der Wahllokale)
keine Autos fahren. Keine Truffis, keine Taxen, keine Motorräder. Nur die Polizei durfte fahren.
Außerdem galt für alle Ausgangssperre, dh. jeder musste zu Hause bleiben und durfte dieses nur um
wählen zu gehen verlassen. Abgesehen davon, dass sämtliche Läden und Märkte trotzdem geöffnet
hatten, hielt sich "fast" jeder dran. Und abends war ich dann auch noch auf einen nahegelegenen
Sportplatz und hab mit anderen ein wenig gekickt. Einfach so! Ich hätte es nicht übertreiben dürfen
mit der Ungehorsamkeit gegenüber den Regeln... Aber die Polizei, die direkt am Platz vorbei gefahren
ist, hat sich leider herzlich wenig für diese Missachtung interessiert. Mich hätte eigentlich
interessiert, was sie gesagt hätten. Der Padre, der scheinbar in einem anderem Bezirk wählen
musste, schwang sich mittags aufs Rad... und kam erst am nächsten Tag wieder. Aber da hier
Wahlpflicht gilt und die Menschen sonst eine Strafe von über 100Bs zahlen müssen, musste er den
anscheinend weiten Weg auf sich nehmen. Um die Strafe im Nachhinein einfordern zu können, gab
es strenge Kontrollen und ganz genaue Listen, sodass wir beispielsweise nicht mal in die Nähe der
Urnen gekommen wären. Die Pflicht zu wählen wird teilweise auch ein wenig bemängelt, weil
manche die Älteren und Kranken sowie die Menschen aus den kleinsten, abgelegensten Dörfern vom
Land benachteiligt fühlen. Nicht ganz zu Unrecht, aber jemand hat uns erzählt, dass die Wahl für die
Menschen auf dem Land ein großes Thema ist und sie extra dafür tagelang laufen, nur um ihren Evo
zu unterstützen.
Aber wer ist denn dieser Evo, von dem hier alle reden. Von einem anderen Kandidaten habe ich hier
noch nicht einmal gehört, ganz selten sieht man ein kleines Plakat, während riesige Evo-Schriftzüge
an den Häusern prangen. Einmal ist eine Fahrzeugkolonne mit roten Fahnen vorbei gerollt und
erschreckenderweise wussten die Anwesenden nicht, welche Partei das war! Es hieß nur: "Des sind
die Roten, aber welchen Kandidat die haben... Puhhh". Kein Wunder, dass Evo Morales ein weiteres
Mal mit großem Vorsprung und wahrscheinlich mit über 60% gewonnen hat! Das ist mittlerweile
seine dritte Amtszeit, erlaubt von der Verfassung des Landes sind zwei... Morales stammt aus einer
sehr armen Familie und steht seit jeher für die Indigenen und deren Kultur ein. Er brach die Schule
ab, um zu arbeiten, u.a. beim Cocaanbau. Mit seinem ersten - ebenfalls deutlichem - Wahlerfolg ließ
er Verfassungsänderungen vornehmen, die ihm unter anderem eine dritte Amtszeit durch ein
Hintertürchen zuließ. Bei den Menschen hier im Viertel ist er nicht ganz unumstritten. Padre Javier
hat ihn bestimmt nicht gewählt, aber da es immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen der
Kirche und Evo gibt, war eigentlich auch nichts anderes zu erwarten. Aber auch andere wissen nicht
genau, was sie von ihm halten sollen. Oft heißt es, dass er schon einiges geleistet hat und Dinge
verbessert hat. Beispielsweise erhält jede Familie ein wenig Geld (ca. 30$), wenn ihre Kinder
regelmäßig die Schule besucht. Auch wurde eine, wenn auch sehr geringe Rente eingeführt, die jeder
mit Pass erhalten kann. Allerdings haben die Ärmsten meist keine Dokumente, und selbst wenn,
reicht diese Rente selbst bei den geringen Lebenserhaltungskosten hier bei weitem nicht aus. Die
Schulpflicht wurde mittlerweile auf 12 Jahre angehoben und jeder soll einen Abschluss haben. Auch
sind Aymara oder Quechua Pflichtfächer in der Schule, sodass hier wiederum die indigene Kultur
gestärkt wird und damit die Unterdrückung der Indigenen deutlich zurück geht. Die Gegenargumente
sind seine dritte Amtszeit, die eigentlich verfassungswidrig ist, aber auch die große Abhängigkeit von
ihm und seiner Partei. Es ist ziemlich schwer für Personen, die nicht in der MAS (Evos Partei) sind,
einen Arbeitsplatz zu erlangen. Vor allem wenn es sich um öffentliche Ämter handelt. Korruption und
Bestechung hat sich keineswegs verbessert (das haben wir bei unserem Visum selbst erlebt - "Ne
Flasche Cola wird bei denen nicht reichen...", so die Verantwortliche für unsere Visa! In dem
Gespräch ging es auch um Interpol, aber ich will hier ja niemanden etwas unterstellen...). Auch gibt
es immer wieder Straßensperren und Demonstrationen. Doch immer wenn Schlechtes über Evo
Morales verbreitet wird, kommen plötzlich ganz zufällig die vielen Cocabauern dazu, die wieder viel
Gutes über ihren Evo berichten. Und dann ist die Sache meistens gegessen. Dadurch dass er die
Cocapflanze als heilige Pflanze ansieht, werden die Cocabauern immer unterstützt - egal was sie mit
den Pflanzen, aus denen auch Kokain hergestellt wird, anstellen. Ab und zu fliegt mal eine 8ha (!)
große Plantage voller Marihuana auf, was allerdings auch nur eine Kampagne der Polizei sein kann,
dass sie ja etwas gegen die Drogen im Land tun. Allerdings ist dies womöglich die größte
Einnahmequelle des Landes. Aber ich kenne mich zu wenig mit diesem Thema aus, und kann nur
Berichte weiter erzählen. Auch in die Politik habe ich in dieser kurzen Zeit zu wenig Einblick
bekommen, um mir darüber eine fundierte Meinung bilden zu können. Ich weiß nicht genau, wie ich
über den neuen alten Präsidenten denken soll, dafür habe ich zu wenig Informationen. Aber
vielleicht konnte ich euch ein Bild verschaffen, zu dem allerdings gesagt werden muss, dass alles aus
Berichten von Bolivianern stammt und ich natürlich nicht immer den Wahrheitsgehalt wissen kann.
Soweit zur Wahl. Ansonsten gibt es nicht viel Neues zu erzählen. Mittlerweile ist Kira, eine weitere
Freiwillige für Independencia, angekommen, die ich auch mit vom Flughafen abgeholt habe.
Allerdings haben sich die zwei Mädels schon wieder auf den Weg in ihre Einsatzstelle gemacht und
verbrachten nur wenig Zeit mir uns hier in Cochabamba. Mir gehts gut, dass Klima wird immer
wärmer - es war gerade Frühlingsanfang und es hat schon gefühlt weit über dreißig Grad. Und im
Sommer soll es noch wärmer werden! Mal schauen wie oft wir dann noch am Wochenende zum
Fußball spielen gehen ;)
Viele liebe Grüße in die Heimat, nach Weingarten und an alle anderen Orte, wo auch immer ihr alle
grade steckt :)
Ich hoffe, es geht euch gut und die Uni/Schule/Arbeit ist nicht allzu stressig ;)
Jakob
Wie immer noch ein paar Bilder, um die Vielfältigkeit des Landes zu zeigen, die Lebensweise, unsere
Arbeit und um euch neugierig zu machen ;)
nochmal Eindrücke aus Copacabana und der Fahrt dorthin :
Unser Viertel:
Arbeit in/mit Piñami:
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Seele and Geist
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