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Bibliothek? Oder wie oder was? - H.-Ws Bike

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H.-W.Klemm
Bibliothek?
Oder wie oder was?
- eine wilde Zusammenstellung von
Textauszügen 1996
Tja. Ab und an versuche ich mich in der Kunst, die Buchstaben
auf meiner Rechnertastatur wild durcheinander zu würfeln und
daraus mehr oder weniger sinnvolle Wörter, Sätze oder gar
ganze Geschichten zu bilden. Plötzlich (so nach dem dritten
Glas Wein) hatte ich die verrückte Idee, mal in meinen sämtlichen Geschichten nach dem Begriff "Bibliothek" suchen zu
lassen. Die Festplatte zuckte wild eine halbe Stunde vor sich
hin, der Prozessor tat sein Bestes, der Hauptspeicher füllte und
leerte sich wieder, dann kam das Ergebnis. Die Anzahl der
Fundstellen überraschte mich ganz schön. So viele Szenen hatte
ich nicht erwartet. Eigentlich erschreckend, wie unser Beruf
selbst ins Privatleben hineinwirkt. Und hier kommt jetzt eine
Auswahl von Szenen, die in der Bibliothek von Morgen spielen
(oder spielen könnten). Was die Bibliothek für eine Funktion
hat, habe ich auch noch ergänzt. Viel Spaß damit!
H.-W.Klemm
Wir mußten uns leider darauf beschränken nur ein paar von
H.-W.s Szenen in's Jahrbuch zu bringen. So schwer das auch
fällt, denn sie sind alle klasse. Darum unser Tip, laßt Euch
einfach von H.-W. etwas mit Lektüre versorgen. (Dies vor allem
ein Tip für die Leser, die noch an der HBI sind.) Und eine Bitte
an H.-W.: Schick Deine Werke endlich mal an Verlage, damit
auch die, die die HBI nun verlassen noch etwas von Dir lesen
können.
Die Redaktion
(Dieser Beitrag erschien in seiner Originalform im JAHRBUCH des Jahrgangs ÖB 93/96)
-2-
DIE BIBLIOTHEK ALS HEIMAT...
"Was wollen Sie von mir? Suchen Sie Robert! Das Schiff ist
groß. Sie können jahrelang nach ihm suchen und ihn dann um
einen einzigen Raum verfehlen. Haben Sie eigentlich eine blasse Vorstellung davon, wie gigantisch die TRIDENT ist?"
"Warum helfen Sie mir dann nicht?"
"Ich bin allein auf der TRIDENT."
Tess war am verzweifeln. Sie mußte unbedingt zu etwas
Vertrautem. Etwas, daß sie an zu Hause, an Saramanga erinnerte.
"Wo ist die Bibliothek?"
"Die Bibliothek?"
"Stellen Sie sich nicht so an, Ken. Wo Menschen sind, da
sind auch Bücher!"
"Wo Menschen gewesen waren, da sind auch jetzt noch
Bücher!" korrigierte Ken. "Im Brückenkomplex. Gleich neben
Feb Canadoris Privatgemächern."
Tess ließ Ken Yherva mit seinen Papieren, seinem Computerterminal und seinem Lasagnerest auf dem achteckigen,
schwarzen Teller allein.
(aus: "Homo Singularis", 1990)
-3-
"Theophyllinclearence erhöht bei Kindern, Rauchern, verzögert bei Leberschäden, Herzinsuffizienz und nach Erythromycien, Cimetidin sowie Allopurinol... ", las ich mir laut vor.
Ich konnte von meinem Fensterplatz die Bauten des entfernten Raumhafens sehen und die ab und zu ankommenden und
startenden Raumschiffe beobachten. Eben drehte wieder ein
Passagierraumer mit aufgeblendeten Landescheinwerfern eine
Einflugrunde und ging in einer weiten Schleife auf dem Flugfeld nieder.
"Bronchoplasmolyse besonders im Anfall, bei Langzeittherapie eher schwach wirksam als Bronchodilatator,
ZNS-Erregung mit Atemstimulation, Förderung der Diurese,
Gefäßerweiterung mit Änderung der pulmonalen Durchblutung."
Aha. So war das also. Ich verstand kein Wort.
"Bäh, bäh, bäääh!" trompetete mir jemand lautstark ins Ohr.
Ich zuckte herum.
"Taylor, du Blödmann! Mußt du mich so erschrecken?"
Jet Taylor warf einen Stapel Bücher neben das Computerterminal auf meinen Lesetisch, schaute mich über seine schmale dunkle Sonnenbrille verschwörerisch an:
"Phil, das ist hier ein öffentlicher Platz. Jeder hat hier das
Recht jemand anderen öffentlich zu erschrecken."
Ich schaute mich um. Lange Bücherregalreihen, die von
Arbeitstischen unterbrochen wurden. Studenten, die nach Wissen in elektronischen, papiernen oder sonstwie gearteten Speichern suchten. Und die es dann oft nicht verstanden, wenn sie
es gefunden hatten. So wie ich.
"In der Benutzungsordnung der Universitätsbibliothek steht
bestimmt nichts davon drin."
"Weil sie es einfach vergessen haben, hineinzuschreiben."
Jet baute aus drei Büchern ein Tor und schaute mich durch das
Bauwerk an.
"Was macht Alek?"
"Sie schmerzt vor sich hin. Genau wie mein halbzertrüm-
merter Kiefer."
"Immer noch? Aber es ist doch schon eine volle Woche her,
seit ihr Süßer den großen Abflug gemacht hat."
Ich ließ sein Tor einstürzen.
"Taylor, es soll Menschen geben, die eine Trennung nicht so
schnell verkraften wie du. Immerhin waren die beiden über
zwei Jahre zusammen."
"Natürlich gibt sie dir die Schuld an der Katastrophe?"
"Am Anfang ja. Jetzt nicht mehr."
"Wie dem auch sei. Trotzdem bist du sicher. Ihr könnt euch
nicht mehr ineinander verlieben."
Ich wurde hellhörig.
"Das würde sowieso nie passieren. Wir sind wie Feuer und
Wasser. Wohl eine deiner Beziehungstheorien? Laß' hören!"
Er nahm die Sonnenbrille ab, kaute an einem Bügel.
"Wenn man jemand erst einmal ganz genau kennt -und man
kennt jemand, wenn man mit ihm zusammenlebt-, dann kann
man sich nicht mehr in ihn verlieben. Geht einfach nicht. Man
kennt die Fehler des anderen. Das hemmt, blockiert. Man kann
sich nur ihn jemand verlieben, den man noch nicht so gut kennt.
Verlieben ist nur in den ersten drei Monaten einer Bekanntschaft möglich."
"Aber man lernt ihn doch kennen, wenn mit ihm zusammenzieht", hielt ich argumentativ dagegen.
"Klar. Aber dann ist man ja schon in ihn verliebt und verzeiht seine Fehler. Wenn man es nicht ist, verzeiht man sie viel
schwerer. Das ist die Anti-Verliebe-Mauer."
Hm. Das klang logisch. Vernünftig. Andererseits: Was ist
bei Beziehungen logisch?
"Also kann man sich nur in einem Stadium des Etwas-Kennens verlieben? Dann weißt du auch totsicher eine Methode, um blitzschnell in dieses Stadium zu gelangen?"
Taylor flüsterte nur:
"Eier!"
"Eier?"
"Eier! Du erkennst an der Art, wie dein Gegenüber Eier ißt,
was für ein Menschentyp er ist. Kappt er die Kuppe mit dem
Messer, ist es ein ungeduldiger, tatkräftiger Mensch. Macht er
zwei Eier am gleichen Ende auf, ist er ein Gewohnheitsmensch.
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-5-
DIE BIBLIOTHEK ALS ORT FÜR BEZIEHUNGSPROBLEME UND CHAUVINISTEN...
Pellt er die Schalen langsam und sauber auf, zeugt das von
Geduld und Gründlichkeit. Öffnet er es aber...Scheiße!"
Taylor duckte sich hinter das Computerterminal.
"Wohin geht sie?"
"Wer?"
"Glenda!"
Ich drehte meinen Drehsessel um. Nicht ohne dabei vorzugeben, dabei in meinem PNEUMOLOGIE FÜR DEN EINSTEIGER zu lesen. Glendas Blondschopf glänzte in der Regalgasse. Sie fuhr suchend über die Buchrücken.
"Glenda ist wohl out?" vermutete ich.
"Megaout", kam es hinter dem Bildschirm hervor. "Aber sie
hat es noch nicht begriffen. Was macht sie jetzt?"
"Hat das Buch gefunden. Sie geht zum Buchungsautomat.
Verbucht ihre Bücher und entschwindet durch das Eingangsschott."
Taylor tauchte wieder auf. Gerade als ich die Landung eines
Versorgungsfrachters hatte verfolgen wollen.
"Laß dich nie mit Mäusen ein, die Umwelttechnik studieren.
Die sind die reinsten Kletten. Phelia dagegen ist ein Schatz.
Völlig unkompliziert. Bildhübsche Mediothekarsstudentin. Wie
steht es denn bei dir in Liebesdingen? Das Semester ist jung,
und die Jagdzeit eröffnet."
"Übermorgen kommt mein Großvater."
"Lenk' nicht ab."
Hatte ich ernstere Absichten bei Nica? Darüber war ich mir
selbst noch nicht klar. Taylor deutete mein Schweigen falsch:
"Du mußt dir einen Schlüsselanhänger mit einem beliebigen
Frauennamen besorgen. Die Mädels sehen ihn, denken, du bist
in festen Händen. Und schon kannst du mit ihnen gefahrlos
Kontakt aufnehmen, ohne das sie das Gefühl haben, du wolltest
sie anmachen. Alles eine Frage der taktischen Kriegsführung.
Letzten Endes -wenn man alles Drum und Dran wegläßt, alles
auf das wesentliche reduziert- ist das Verhalten der Leute untereinander nichts anderes als ein Krieg. In Wirklichkeit sind doch
Mann und Frau, die hintereinander her sind, gar keine Freunde,
sondern Feinde, die sich gegeneinander auszuspielen und zu
übertrumpfen versuchen, um daraus Vorteile zu schlagen.
Wenn man also Beziehungskisten oder kommenden Beziehungskisten gleich unter strategischen Gesichtspunkten be-6-
trachtet, kommt man viel weiter."
Ich schüttelte nur den Kopf.
"Hast du schon einmal daran gedacht, ob du der Univerwaltung Vorlesungen über das Thema anbieten willst? 'Praktische Beziehungspsychologie. Anhand von ausgewählten Beispielen aus der Praxis'. Deine Vorlesungen wären bestimmt
immer bis auf den letzten Platz belegt."
Taylor zog verletzt den Kopf ein.
"Sag' es gleich, wenn du meinen Rat nicht willst, Grünfrosch."
"Seid wann bist du denn so empfindlich, Taylor? Übrigens:
Ich habe morgen ein Frühstück mit Nica. Sie wohnt auch im
W-Block. Aber ich weiß nicht so recht, wie ich die Sache angehen soll."
"Flüstere ihr einfach ins Ohr: Ich möchte meinen Liebespfahl in deine Lustgrotte versenken..."
Ich verzog das Gesicht.
"Worauf ein solcher Überfall wahrscheinlich einen Lachanfall bei ihr auslösen wird. Es muß schon etwas dezenter sein.
Sehr viel dezenter."
Taylor rieb sich das Kinn, stapelte seine Bücher wieder zu
einem Turm, und nahm ihn auf den Arm.
"Na wie wäre es damit: 'Du bist so schön wie die Quelle
eines Bergbachs, die in den ersten Morgenstrahlen der Sonne
glitzert!'"
"Taylor! Ich wußte gar nicht, daß du so feinfühlig sein
kannst. Aber es ist eine Spur zu idealistisch, zu romantisch.
Man spürt einen Hauch Kitsch."
"Kitsch! Wie wäre es dann mit einer humorvolleren Variante? Etwa so: 'Du hast so grüne, dunkle, unergründliche Augen.
Meine dagegen sind so klar, so durchschaubar, daß du ohne
Mühe die Windungen meines Kleinhirn beobachten kannst.'"
Ich gab ihm einen Stoß.
"Bleib' sachlich. Damit kannst selbst du keine Eroberung
machen."
Taylor rückte die Sonnebrille zu Recht.
"Stimmt. Ich gebe es zu. Jetzt habe ich das Richtige. Du
siehst ihr ganz tief in die Augen und sagst: 'Deine blauen Augen sind glasklare Bergseen. Laß' mich darin baden!'"
Ich grinste.
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"Perfekt."
Taylor machte eine schwungvolle Handbewegung und verschwand zwischen den Regalen. Ich blickte wieder in die
PNEUMOLOGIE FÜR DEN EINSTEIGER. Zwar war ich
zwar immer noch auf derselben Seite wie vor zwanzig Minuten,
aber ich war dennoch ungeheuer weitergekommen.
(aus: "Raumnot auf Caparis", 1992)
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DIE BIBLIOTHEK ALS RECHERCHEORT FÜR DEN ERMITTELNDEN...
(Teil 1)
"Ah...jetzt erinnere ich mich wieder. Wissen Sie, ich bin hier
erst seit kurzer Zeit und kenne die meisten Leute noch nicht,
aber an den Professor kann ich mich ganz genau erinnern",
erzählte mir die Frau am Ausgabeschalter der Universitätsbibliothek.
"Wieso?"
"Er war ziemlich klein, dick und hatte einen großen altmodischen Hut auf. Stimmts?"
Verblüfft zog ich die Augenbrauen in die Höhe.
"Sie sind auch ganz sicher, daß das Professor Stromberg
war? Ich meine, es kommen doch sehr viele Leute hierher."
Der Ton der Frau wurde eine Nuance ärgerlicher.
"Ganz sicher. Er hatte auch eine Brille auf."
"Ja, ja. Ich glaube Ihnen... Und welche Bücher hat er aus
geliehen?"
"Darüber darf ich keine Auskunft geben..."
Ich hielt ihr meine gefälschte Polizeimarke entgegen. Wortlos tippte sie eine Anforderung in ihr Computerterminal und
reichte mir anschließend die ausgedruckte Ausgabeliste herüber. Sie deutete mit dem Finger auf die Eintragungen. Sie trugen das Datum von vor drei Wochen. Theo hatte sich Pflanzenbücher ausgeliehen. Gleich sieben Stück.
Ich gab der Frau die Liste zurück.
"Danke."
Ich wandte mich zum gehen.
"Sagen Sie bitte dem Professor, wenn Sie ihn das nächste
Mal sehen, daß er die Bücher abgeben muß. Sonst muß er eine
Nachgebühr bezahlen."
"Das glaube ich nicht", erwiderte ich mit ruhiger Stimme.
"Der Professor ist tot."
Ohne ein weiteres Wort ließ ich die Frau stehen und ging die
Treppe zum Erdgeschoß hinauf. Etwas anderes beschäftigte
mich:
1. Theo interessierte sich zwar für vieles, aber ganz bestimmt nicht für Pflanzen.
2. Er haßte nichts mehr als Hüte.
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Das war der erste Hinweis an diesem Morgen. Wenn ich
auch zugeben mußte, daß damit noch nicht viel anzufangen
war. Aber ich begann ja erst mit meinen Nachforschungen, und
meine Liste war lang.
(aus: "Optimale Überlebensstrategie, 1985)
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DIE BIBLIOTHEK ALS RECHERCHEORT FÜR DEN ERMITTELNDEN...
(Teil 2)
Das Uttak-Steak war butterweich wie immer. Thomas fühlte
sich rundherum wohl. Er ließ sich auf den Drehsessel im Kontrollraum nieder. Der Stationscomputer blinzelte ihm mit seinen
tausend Lichtern freundlich entgegen. Die Monitore zeigten die
schroffen Felswände des Massivs.
Alles war ruhig und friedlich.
Neben den Computerkonsolen stand ein kleines Bücherregal: Thomas Privatbibliothek.
Obwohl im Computer ein paar Millionen Bücher gespeichert
waren, bedeuteten ihm diese wenigen Bücher mehr als all das
Wissen im Computerspeicher. Ein kleines Stück Menschlichkeit in einer volltechnisierten Mikrowelt.
Thomas fuhr spielerisch über ein paar der Buchrücken: Ein
reich bebildertes Buch über die Sagenwelt von T'halogaan. Ein
Reiseführer über den Wasserplaneten Maltek III, auf dem er
letztes Jahr zwei Monate Urlaub gemacht hatte. Ein sehr dickes
Buch: 1000 TAKTIKEN FÜR DEN ERFOLGREICHEN
KAMPF IM WELTRAUM UND AUF PLANETEN. Von Telledos Erugion Q'ulara. Mit der Orginalsignatur seines Vaters.
Ein Geschenk von Farigas T'amuro. Daneben ein etwas dünnerer Band: Der Planet Anoga VII - Das Prinzip eines sozialen
Feindschaftssystems. Von T.E.Quohlfahrt. Thomas hatte es
endlich vor drei Jahren und nach mühevoller Kleinarbeit und
jahrelangen Recherchen abschließen können.
Er nahm es aus dem Regal und begann darin zu blättern:
"Kapitel drei: Das Gesellschaftssystem von Anoga VII. Ja..,
hier ist es: Es existieren sieben verschiedene Volksstämme, die
alle der einzigen intelligenten Rasse auf Anoga VII angehören.
Durch ungeklärte Umstände entstand in der Frühzeit des Planeten ein kompliziertes Feindschaftssystem unter den einzelnen
Stämmen: Die Lobos hassen die Habas, die Gsoks und die Maroks. Die Maroks wiederum sind nur mit den Volos und den
Gaftaner ver- feindet. Die Risoks dagegen vertragen sich nicht
mit den Gaftanern und den Lobos.
Dieses seit jahrtausenden festgefahrene, unauflösliche Sys- 11 -
tem gegenseitiger Feindschaft machte ein besonders System des
Zusammenlebens nötig: Jede Stadt, jedes Gasthaus, das von
alles Stämmen genutzt wird oder werden muß, ist in sieben
Bereiche aufgeteilt.
Schwierigkeiten gibt es vor allem auf dem sogenannten
Marktstraßensystem (siehe Kap. 7), die die einzelne Städte
miteinander verbinden. Natürlich konnte man keine sieben
Straßen bauen. Weil sich die Angehörigen feindlicher Stämme,
die sich näher als dreißig Meter kommen, bekämpfen müssen,
andererseits aber die Marktstraßen, in deren Gasthäuser sich der
gesamte Handel des Planeten abspielt, benutzt werden müssen,
haben die Anoganer einen Verhaltenskodex entwickelt, der das
Verhalten an den Berührungspunkten der Stämme regelt und
der mindestens so kompliziert ist wie dieser Satz.
Alle zehn bis fünfzehn Kilometer -in unübersichtlichem
Gelände auch in kürzerer Distanz- hat man ein Drei-Bahn-System und Warteplätze angelegt. Mittels Zeichen und Fernrohren
wird die Benutzung der Straße geregelt. Diese Zeichen sind
schwierig, aber praktisch. Notwendig und seit Urzeiten erprobt..."
Thomas klappte das Buch zu.
"Und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt mächtigen
Ärger. Wie man heute gesehen hat."
Er hieb sich mit der Hand in die hohle Faust.
"Ein Treffer."
Der Drehsessel schwang um hundertachtzig Grad herum.
"Wann hatten wir den letzten Treffer, Sora?"
"Vor genau sechs Jahren, acht Monaten..."
"Ja, ist gut!" unter brach der Planetenwächter den T-3 ab
winkend. "Spar dir den Rest. Also mal wieder ein Regelverstoß.
Warum sollten ausgerechnet jetzt die Treffer zunehmen? Ich
glaube Togov hat übertrieben. Und das Virus?"
Der Drehsessel schwang wieder herum.
Thomas überflog das Inhaltsverzeichnis, bis er die gesuchte
Stelle gefunden hatte:
"...die die gefährlichste Krankheit für den Anoganer bedeutet. Das Virus, der von der Bevölkerung "Der Vangar" genannt
wird, verursacht grausame Magenschmerzen und veranlaßt die
Magenzellen, sich selbst aufzulösen, so daß der Erkrankte unter
langen Quahlen an Magendurchbruch stirbt.
In früher Zeit waren die Wasserstellen und Brunnen der
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Marktstraßen -natürlich immer sieben an einem Platz- die Quellen und Übertragungsorte des Virus. Durch konsequente Meidung und Schließung ganzer Straßen konnte das Virus so gut
wie ausgerottet werden.
Noch heute aber droht man den Kindern, wenn sie nicht brav
sind: 'Wenn du nicht artig bist, kommt der Vangar und holt
dich..!'"
Thomas stellte das Buch ins Regal zurück.
"Nein. Die Leute wissen, wie man mit dem Vangar umgeht,
falls er wieder auftaucht."
Sowohl das Auftreten des Virus, als auch der Treffer mußten
Einzelfälle sein, denn nur in jenem letzten Gasthaus, in dem er
Togov getroffen hatte, hatte er davon gehört.
Sein Blick fiel wieder auf den Reiseführer von Maltek III.
Einen Moment später war er wieder in dem Uboot-Luxuskreuzschiff tief in den endlosen Meeren des Wasserplaneten. In der ganzen Galaxis gab es nur wenige solcher Planeten, und Maltek III war der schönste und artenreichste von
ihnen. Vielleicht würde er wieder einmal dorthin fahren. Vielleicht aber auch nicht. Schließlich gab es noch eine ganze Menge interessanter Welten, die er noch nicht gesehen hatte.
Thomas schwang den Sessel herum und kontrollierte das
Planetenhüllfeldradar.
(aus: "Die Verräter von T'halogaan", 1984)
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DIE BIBLIOTHEK ALS ORT DER ENTHÜLLUNGEN...
DIE BIBLIOTHEK ALS GEGENSTAND
DER SATIRE...
Thomas griff Hansi leicht beim Arm.
"Aber Claudia trägt doch einen Ehering."
"Kommen Sie, wir gehen in die Bibliothek, da sind wir ungestört."
In dem kleinen Raum mit den deckenhohen Bücherregalen
sprach Hansi weiter:
"Ich muß etwas weiter ausholen: Nach Toms Tod traf sie
einen Mann, Dieter Quans. Sie heirateten, aber zu spät merkte
Claudia, daß Quans nichts taugte. Vier Jahre hielt die Ehe. Und
sie war die Hölle für Claudia und die Kleinen. Ich habe vor
langer Zeit einen kleinen Lottogewinn gemacht und dieses
Haus hier gebaut. Nach dem Tod meiner Frau vor sieben Jahren
wurde es mir zu groß, und Claudia und ich taten uns zusammen. Ich hatte mich sowieso schon seit der Geburt der Zwillinge ein wenig um Claudia gekümmert. Schon weil Tom mein
Freund gewesen war. Und ich selbst keine Kinder habe.
Ich habe manche Männer kommen und gehen sehen. Aber jemanden wie Tom hat Claudia nicht wieder getroffen. Den Ring
trägt sie nur als Schutz gegen schnellebige Abenteuer. Ich habe
versucht, Tobias ein Art Ersatzvater zu sein, aber ganz ist es
mir nicht gelungen. Obwohl er mich als einzigen Mann neben
Claudia respektiert und wir unsere Köpfe in unserer Elektronikwerkstatt zusammenstecken. Tobias mißt alle Männer seinem
Vater. Er ist sein großes Vorbild. Ich glaube, er hält ihn für eine
Art Übermensch."
"Hm."
So war das also. Und so schnell hatte Claudia einen anderen
gefunden. So schnell nach seinem vermeindlichen Ableben.
Lisa kam hereingesprungen.
"Na, wie sehe ich aus?"
Sie trug jetzt ein knielanges, rotes Abendkleid mit weißen
Rüschen.
(aus: Die "Verräter von T'halogaan", 1984)
Endlich war es so weit!!!
Die sieben Bibliotheksschwaben stellten sich im Kreis auf
und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Es war vollbracht! Nach langen Jahrhunderten des erbitterten Richtungsund Philosophiestreits unter den Bibliothekaren hatten sie die
Lösung gefunden. Die ideale, vollkommene, ultimative Bibliothek war fertig. Ja, noch mehr. Sie hatten das unmöglich scheinende vollbracht: Die Bibliothekare aller Bibliothekssparten
hatten sich zu guter letzt doch noch in einen einzigen Berufsverband zusammengefunden. Die Bibliothekare verschränkten
die Hände hinter dem Rücken, nickten sich über die Brillenränder zu und gingen von Raum zu Raum. Der erste sagte:
„Großartig! Hier findet der Benutzer alles! Jede mögliche
oder unmögliche Information kann er bei uns auftreiben und
mit nach Hause nehmen.“
Und der zweite nickte dazu, streichelte zärtlich über die
Regale.
„Ja. Und er hat die freie Wahl: Jede Geschichte kann er zum
Lesen, Hören oder Ansehen bekommen.“
Der dritte Bibliothekar klatschte begeistert in die Hände:
„Endlich sind uns nicht mehr die Hände gebunden! Unser
Etat ist so groß, daß wir alle Veranstaltungen machen können,
die wir nur wollen. Und den Platz dazu haben wir auch.“
Der vierte schob die sechs weiter in den nächsten Stock.
„Der Jugendbereich ist uns trefflich gelungen. Endlich ist er
so geworden, daß sich die jungen Leute darin auch wirklich
wohl fühlen.“
Nummer Fünf konnte dem nur zustimmen:
„Überhaupt ist die Architektur perfekt. Das Haus ist der
optimale, gemütliche Mittelweg zwischen einer zu heimeligen
Wohnzimmer- und der zu nüchteneren Amtszimmeratmosphäre
eines öffentlichen Gebäudes. Vielleicht machen das die fensterlosen Wände.“
Und alle anderen Bibliotheksschwaben sagten laut und deutlich:
„Aber ja!!“
„Und kein einziger Katalog ist im ganzen Haus! Unsere
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EDV und das Leitsystem sind perfekt und haben die Kataloge
überflüssig gemacht, freute sich der sechste Bibliothekar. Keine
Katalogkarten mehr, deren Inhalt, kryptographische Zeichen
und Abkürzungen weder die Benutzer noch die Bibliothekare
verstehen!“
Der letzte der Sieben geleitete die kleine Gruppe wieder
zurück in die Eingangshalle
Statt dessen wird unser Haus eine Bibliothek, wo sich jeder
auf Anhieb zu Recht findet. Eine wahrhaft öffentliche Bibliothek, die vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hat.
Und die Bibliothekare waren glücklich und froh, daß ihnen
letztendlich doch noch ihr Werk gelungen war. Sie öffneten die
Eingangstüren......und staunten nicht schlecht: Die Erde war
inzwischen öde und leer, die Benutzer längst ausgestorben. Die
Bibliothekare hatten ein klein wenig zu lange an ihrer idealen
Bibliothek getüftelt.
Written in 1991 by HWK
(aus: "Die ideale Bibliothek", DUODEKALOG, 1983-91)
- 16 -
DIE BIBLIOTHEK ALS EINFÜHRUNGSORT DER PROTAGONISTEN...
Zu dieser späten Tageszeit war im großen Lesesaal der Klosterbibliothek nicht mehr viel Betrieb. Nur noch drei oder vier
andere Reinlichtlampen brannten in dem Raum mit den vielen
tausend Büchern. Die großen Deckenlampen hatte eine von
Tess' Kolleginnen schon vor einer Stunde gelöscht. Tess machte sich ein paar Notizen auf einem Schmierzettel, schrieb sich
die nötigen Angaben für die Eingabe in den Katalogcomputer
auf.
"Du bist wieder einmal viel zu fleißig, Tess!"
Tess schreckte herum.
"Assira! Du sollst mich nicht immer so erschrecken! Habe
ich dir nicht erzählt, daß die häufigste Todesursache von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren Herzinfarkt durch Erschrecken ist, wenn sie oft tief in Bücher versunken sind?"
Assira lachte auf und fiel ihrer Freundin um den Hals.
"Paperlapapp! Das ist doch nur eine platte Ausrede, um
ungestört während der Arbeitszeit sämtliche Lieblingsbücher
lesen zu können!"
Schwester Assira war ein dunkler Typ: Pechschwarzes Haar
und zwei Kohlen als Augen prägten die Frau. Mit Neunundzwanzig Jahren war sie gleich alt wie Tess. Sie trug das gleiche,
capeartige Gewand mit der weitgeschnittenen Kapuze. Wie die
Bibliothekarin lebte sie hier in Saramanga. Und doch bestand
ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Freundinnen: Assira hatte ihr Nonnengelübte abgelegt, während Tess
nur Klosterangestellte und einfache, wenn auch eifrige Anhängerin des Saramanga-Ordens war.
Tess schüttelte Assira ab.
"Alles Unsinn! Es ist Teil meiner Arbeit. Was kann ich dazu,
wenn sich das Nützliche mit dem Angenehmen zu einer unauflösbaren Einheit verflicht?"
"Du hast Recht. Wie meist. He: Wie war es auf der Venus?
Hast du sehr viele interessante Leute auf der Buchmesse getroffen? Du mußt mir alles haarklein berichten!"
"Assira! Ich bin schon wieder eine ganze Woche hier und
habe dir alles er zählt."
"Erzähl' es mir noch einmal. Ich war noch nie auf der Ve- 17 -
nus."
"Morgen vielleicht. Die doppelt so hohe Schwerkraft steckt
mir noch ganz schön in den Knochen."
"Sei froh, daß du nicht auf der Erde warst. Da soll sie noch
höher sein."
Gemeinsam betrachteten sie eine Weile die 'Summa', blätterten schweigend darin herum. Tess zeigte auf eine bebilderte
Seite:
"Da! Das ist die Geschichte vom Heiligen Veit. Alle Welt
wollte, daß der Knabe seinem Gott abschwöre. Sein eigener
Vater, Kaiser Diokletian. Sie versuchten alle möglichen miesen
Tricks: Die Knechte seines Vaters sollten ihn schlagen; man hat
ihn in Ketten gelegt; siedendes Pech sollte ihn verbrennen und
Löwen sollten ihn zerreißen. Schließlich sollte er auf der Folterbank sterben. Aber immer wurde er wundersamerweise von
seinem Gott gerettet. Ist das nicht schön?"
Assira verzog das Gesicht.
"Hast du immer noch deinen Heiligen-Tick?"
"Kann ich etwas dazu, daß sie mir so gut gefallen? Alle
Leute, die leiden, sind mir sympathisch. Und Heilige leiden
immer extrem viel."
"Mir leiden sie etwas zu viel."
"Außerdem schwärme ich heute nicht mehr so für sie wie
noch vor ein paar Jahren. Nicht mehr so sehr, daß ich selbst
eine Heilige werden möchte."
Assira schüttelte ihr schwarzes Haar.
"Bist du sicher, Tess?"
Eine Nonne kam aus einem der Arbeitsräume, die sich an
den Leseraum anschlossen. Mutter Sabrin war mehr als doppelt
so alt wie Assira und Tess zusammen und trug die Verantwortung für die Schätze der Klosterbibliothek. Die Falten in ihrem
Gesicht waren so zahlreich wie die Knitter in den uralten Handschriften, über die sie wachte. Gemessenen Schrittes und die
Hände in die gegenüberliegenden Ärmel versenkt wollte sie den
Saal durch das Hauptportal verlassen. Sie überlegte es sich
jedoch anders und kam zu den beiden am Lesetisch. Sie schlug
die Kapuze zurück. Fuhr dann zärtlich mit ihrer runzligen Hand
über das prächtig verzierte Einbandleder.
"Die 'Summa' des Thomas von Aquin. 1478 in Venedig auf
der Erde gedruckt. Fast auf das Jahr neunhundert Jahre alt. Eine
unbezahlbare Bereicherung für Saramanga. Ihr habt eine glückliche Hand bewiesen, als es Euch gelungen ist, es auf der Venus
zu ersteigern, Tess."
"Es war nicht allzu schwer, Mutter Sabrin. Ihr habt mir ja
einen großzügigen Finanzspielraum gelassen. Da kamen die
anderen Auktionäre nicht mehr mit. Ich glaube eher, ich habe
zu viel geboten."
Die alte Nonne winkte ab.
"Ein wenig vielleicht. Saramanga ist reich und wird es verschmerzen. Die Hauptsache ist, daß wir das Buch haben."
"Ja, das Buch ist kein Dummy, sondern ein richtiger Treffer."
Mutter Sabrin und Assira schauten Tess etwas verwirrt an,
und die Bibliotheksleiterin wunderte sich:
"Dummy? Treffer? Was meint Ihr damit, gute Tess?"
Und Assira fragte:
"Wo hast du diese seltsamen Ausdrücke aufgeschnappt?"
Am überraschtesten aber war Tess.
"Ha..? Ich weiß nicht, wo ich sie gehört habe. Sind sie nicht
allgemein gebräuchlich? Ein Treffer ist ein...eine, wenn man
auf eine Goldader stößt, wenn man den Hauptgewinn ergattert.
Und ein Dummy ist ganz einfach eine Niete."
"Du schaust zu viel Holo-Fernsehen", meinte Assira dazu.
Mutter Sabrin räusperte sich.
"Wie dem auch sei. Habt Ihr das Buch schon katalogisiert,
Tess?"
"Ich war gerade dabei, als Schwester Assira kam."
"Dann macht es Morgen. Es ist schon spät. Die Ruhezeit hat
längst begonnen. Schließt das Buch in den Tresor."
"Jawohl, Mutter Sabrin."
Die drei nickten einander zu, und die alte Nonne setzte ihre
Kapuze wieder auf und ging.
"Klaus!" rief Tess mit befehlender, aber gedämpfter Stimme
über die Schulter.
Bald kam der Bibliotheksandroide herangelaufen. Klaus war
ein etwas modifiziertes Modell der T-77-Reihe mit verstärkter
Armmechanik, um besser mit den schweren Büchern hantieren
zu können. Seit nunmehr zwei Jahren versah er seinen Dienst in
Saramanga und nahm den Bibliothekaren lästige Routinearbeit
ab. Tess mochte den Roboter in Menschenform. Er war zwar
ein strohdummer Fachidiot, aber dennoch ein ganz lieber Kerl.
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"Klaus, bring die 'Summa' in den Tresor."
Der Robot nahm sie vorsichtig vom Tisch auf.
"Jawohl. Sonst noch einen Wunsch?" fragte er mit seiner
künstlichen Stimme, die immer die gleiche Klanglage hatte.
"Du hast um Mitternacht die Anzeigen der Klimaregelung
für die Bibliotheksräume kontrolliert? Wie sind die Werte für
Temperatur und Feuchte?"
"Selbstverständlich habe ich sie überprüft. Die Werte sind
alle im grünen Bereich. Sonst noch einen Wunsch?"
Tess schürzte die Lippen, legte den Zeigefinger auf den Mund,
was ihr ein leicht spitzbübisches Aussehen verlieh.
"Wie werde ich am schnellsten eine Heilige, Klaus?"
Der Androide, der sonst immer sofort eine Antwort wußte,
zögerte, meinte aber dann doch:
"Tut mir leid. Darauf bin ich nicht programmiert!"
Assira zog Tess die Kapuze über der Kopf.
"Tess! Wie kannst du dem armen Kerl so eine gemeine Frage stellen? Gleich fängt sein Rechnergehirn an zu rauchen und
zu qualmen. Es gibt keine Antwort."
"Ach? Wirklich nicht? Was hat unser Ordensgründer, der
Heilige Sergio von Taomina zu diesem Thema gesagt?"
"Du scherzt. Es ist ungeklärt, ob er es tatsächlich gesagt hat,
oder ob es ihm nachträglich zugeschrieben wurde."
"Aber was hat er gesagt?" beharrte Tess weiter. "Ich will es
aus deinem Mund hören!"
"Also gut. Sergio soll gesagt haben: Wer die Merkursonne
ohne zu erblinden ertragen kann, der hat Gott schauen dürfen
und soll fortan zu den Heiligen dieser Welt gezählt werden."
"Genau. Gibt es einen schnelleren Weg, heilig zu werden,
Assira?"
Die Nonne wurde mit einem Mal ernst.
"Der Merkur steht dreimal so nahe an der Sonne wie die
Erde. Niemand kann die Intensität der Strahlung ohne Filter
ertragen. Und die Bibliothek hat nur einen sehr kleinen Bestand
an Blindenbüchern."
"Ach was. Es hat nur noch niemand den Versuch gemacht.
Ich wette mit dir um die 'Summa' von Thomas Aquin, daß ich
es schaffe!"
"Wetten? Aber Tess! Das ist verrückt!"
"Wird sich erweisen!"
Und Tess rannte davon. Um die Tische des Lesesaals und
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durch das Hauptportal.
(aus: "Homo Singularis", 1990)
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DIE BIBLIOTHEK ALS ORT UNKONVENTIONELLER HANDLUNGEN...
"Du bist..!"
"Ich werde. Ich werde mich verlieben. Ich spüre es in allen
Knochen. Es ist unvermeidlich - und ich hasse es. Die zwei
letzten Male war der Preis für den Irrtum zu hoch gewesen. Er
war einfach zu hoch."
"Francis? Oder Tess?"
"Bleib bei deinen Triebwerken!"
Konrad hielt den Karren im Verbindungsgang zwischen
Kommandobrücke und Bibliothek an. Sie stiegen aus. Ken ließ
nicht locker:
"Und du brauchst für deinen Eroberungsversuch eine Krankenbahre? Meinst du, der Schock wird so groß für sie sein, daß
es sie gleich von den Füßchen reißt?"
"Laß die Spötterei. Folge mir unauffällig und halte dich im
Hintergrund."
Konrad steuerte die Bibliothek an. Wertvolle, alte Bücher in
raumflugtüchtigen Regalen an den Wänden und mitten im Saal.
Tess als Krönung dieses literarischen Tempels saß in einer der
Lesenischen, die wie winzige Tunnel in die freistehenden Regalreihen eingebaut waren.
"Oha!" machte sie, als sie die beiden erblickte. Sie schielte
über ihre Halbbrille. "Ihr hier? Bestimmt das erste Mal. Ich
habe jedenfalls im Fußbodenstaub keine Spuren gesehen."
Konrad grinste sie an. Tess grinste zurück.
"Neu gestylt? Gefällt mir. Ich liebe weite, weiße Hemden an
Männern im Frühling. Endlich hast du einmal etwas Gescheites
gemacht, Harv."
"Tess. Weißt du eigentlich, daß du die GGP zu mir bist?"
Tess setzte ihre Brille ganz ab. Ken hielt sich im Hintergrund. Wie es ihm aufgetragen war. Was hatte Konrad vor?
"GGP? Was soll das sein?"
"Die Größte Gegensätzliche Person. Abgekürzt GGP."
"Ich dachte, das wäre Prinzessin Yajla?"
"Nicht ganz. Obwohl sie nahe an dich herankommt."
Konrad nahm eins der dicken Bücher in die Hand, die die
Bibliothekarin vor sich aufgetürmt hatte.
"Oh: ´Vom Winde verweht´. Von Magaret Mitchell. Was für
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ein romantischer Klassiker! Ja, ich denke, er ist gut geeignet für
meinen Zweck."
Konrad wog das Buch prüfend in der Hand.
"Hm. Schwer genug ist es auch."
Dann schlug er es Tess Sirrod über den Kopf. Die Bibliothekarin kippte ohne einen Ton von sich zu geben bewußtlos
mit dem Oberkörper auf den Tisch.
Ken wollte eingreifen. Sah aber, daß es zu spät war.
"Konrad! Bist du jetzt total durchgedreht? Du hast eine perverse Art, jemandem deine Gefühle zu zeigen. Nennst du das
etwa Liebeswerben?"
Harvey warf die Mitchell auf den Bücherstoß.
"Durchaus. Wäre Tess mir gleichgültig, hätte ich es nicht
getan. Hilf mir jetzt. Wir müssen sie in die Krankenstation schaffen."
(aus: "Homo Singularis", 1990)
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DIE BIBLIOTHEK ALS ORT DER PERSIFLAGE...
Cindarell von Tysk schwebte die Schloßgänge entlang. Vorbei an den langen Reihen brennender Fackeln. Die blutjunge,
wunderschöne Frau lüpfte ihr federleichtes, über und über mit
feine Spitzen besetztes Nachthemd leicht in die Höhe, während
sie über die dicken, reichbebilderten Teppiche lief.
Cindarell von Tysk, die Tochter des unumschränkten
Herrschers des Planeten Tysk war eine außergewöhnlich hübsche Frau: Das lange Haar fiel wie Goldregen auf ihre zierlichen Schultern. Ihr Gesicht zeichnete sich aus durch gleichmäßige, gefällige Züge und eine vornehme Blässe. Ihre vollen,
doch nicht zu vollen Lippen hatten stets die Form eines sinnlichen Ovals. Ihre großen, himmelblauen Augen mit den langen, samtenen Wimpern blickten allzeit auf der Suche nach
etwas Neuem in der Welt Tysk herum.
So wie in dieser Nacht.
Cindarell konnte nicht schlafen. Also hatte sie sich aus ihrem zehn Quadratmetergroßen Himmelbett geschwungen. Liebevoll hatte sie auf die schlafende Gestalt neben ihr geblickt:
Marque, den sie bald heiraten würde. Seine breite, behaarte
Brust mit der schweren Goldkette hob und senkte sich gleichmäßig.
Die Prinzessin war die langen, stillen Gänge des Schloßes entlang gewandert. Über Treppen und durch verwinkelte Gänge.
Jetzt stand sie der Halle der Dynastiebibliothek. Tausende von
alten, wertvollen handgeschriebenen Büchern standen hier fein
säuberlich in den Regalen aus Hirschknochen. Cindarell nahm
das eine oder andere Buch in ihre zarten, weichen, rosa Händchen, die noch nie etwas körperlich arbeiten mußten.
In der Bibliothek gab es stets etwas zu Entdecken. Cindarell
konnte in letzter Zeit schlecht schlafen. Die bevorstehende
Hochzeit mit ihrem über alles geliebten Marque ließ sie vor
Aufregung keinen Schlaf finden.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Kurz und schnell. Unbeabsichtigt. Sie ruckte herum. Ihr Goldhaar wippte, ihr Nachtgewand, an dem drei Kunsthandwerkerinnen drei Jahre Tag und
Nacht gearbeitet hatten, raschelte leise.
Cindarells kleines Herz fing heftig an zu pochen.
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"Ist da jemand? So melde dich sofort! Ich befehle es dir!"
Die Antwort blieb aus. Die Königstochter beruhigte sich
wieder. Nahm ein dünnes, ledergebundenes Buch aus einem
Regal. Blätterte darin. Bewunderte die farbenprächtigen, leuchtenden Bilder. Blickte nach einer Weile wieder auf...
Und erschrak zu Tode: Am Ende der Regalgasse stand eine
von oben bis unten schwarz vermummte Gestalt. Sie hielt ein
blitzendes Schwert erhoben vor sich in ihrer behandschuhten
Hand. Cindarells Gesicht wurde noch blasser als sonst, hauchte:
"Oh, oh!"
Sie fuhr herum, wollte fliehen. Doch eine weitere schwarze
Gestalt tauchte zwischen den Regalen auf. Und noch eine. Sie
verstellten ihr den Weg. Cindarell rannte durch die Regalgassen, doch die Männer schnitten ihr immer wieder den Weg ab.
Sie konnte kaum mehr atmen. Längst war ihr Gesicht blutrot
vor Furcht. Ihre so zarten Züge waren angstvoll verzerrt, ihre
Augen vor Schreck geweitet.
"Was wollt ihr von mir? Unholde!"
Die Gestalten blieben stumm, sagten nichts. Der erste spaltete mit einem Schwertstreich zwei Dutzend Bücher.
Der Prinzessin blieb der Mund offen stehen. Das war zu viel,
das war einfach zu viel! Sie ballte ihre zarten Händchen zu
Fäusten, stemmte sie in die Hüften. Ihre Haltung änderte sich
radikal. Es gab nicht viel, das sie auf die Palme brachte. Und
dieser schwarze Rüpel hatte soeben eines davon getan.
"Meine Bücher! Ihr könnt ja viel machen, aber laßt bloß
meine Bücher in Ruhe."
Entschlossen packte sie eine Regalstrebe aus Hirschgeweih
und stieß sie dem überraschten Bücherspalter zwischen die
Beine. Der fiel stöhnend auf die Knie.
"Weißt du jetzt, was das für ein Gefühl ist?"
Die beiden anderen waren verblüfft, hatten nicht mit solch
einer Gegenwehr gerechnet. Cindarell raffte ihr Nachtgewand
in die Höhe, verschwand blitzflink im Labyrinth der Bibliothek.
"Uff!" machte der eine Schwarzgewandete und stieß seinen
Kumpan an. "Die entkommt uns nicht. Moraldus wird uns vierteilen, wenn wir mit leeren Händen kommen. Los!"
In langen Reihen standen die Regale. Nur unterbrochen
durch die Stützpfeiler des Gewölbes. Cindarell huschte auf
leisen Sohlen durch die Gänge, schaute zwischen die Lücken
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der Bücherreihen, lugte vorsichtig um die Ecken. Ihr Herz
klopfte immer stärker, doch ihr Verstand war scharf wie die
Klingen ihrer Häscher.
"Hier, hier bin ich. Beim Buchstaben C, wo die Familienchroniken stehen. Aber ihr seid ja doch zu lahm, um mich zu fangen!"
Die beiden Schurken ließen sich nicht von der Cindarells Stimme aus dem Büchermeer verhöhnen, eilten mit gestreckten
Schwertern die Regale entlang. A...B...C... Dann fiel die Regalwand um und begrub die beiden unter einem Berg von dicken
Familienchroniken.
Cindarell kam kopfschüttelnd um die Ecke.
"Und ihr seid auch noch zu dumm dazu. Ich habe nämlich
gelogen und war auf der anderen Seite beim Buchstaben D."
Die Prinzessin lief zurück durch die Burggänge, traf dabei auf
ein paar Wachen, sagte im Vorbeigehen:
"In der Bibliothek liegt Müll, der schleunigst aufgeräumt
werden muß."
Die eine Wache schaute sie verständnislos an.
"Müll, Herrin?"
"Menschlicher Müll."
Und sie murmelte im Gehen vor sich hin:
"Wenn ich das Marque erzähle! Aber der wird es mir natürlich nicht glauben. Ich weiß schon, was er sagen wird:
Geträumt hast du, Cindarell. Das wird er sagen..."
Und drei Wochen später fand die Hochzeit statt. Nach zwei
Jahren starb König Eisenbart, und Cindarell wurde die neue
Herrscherin über Tysk. Marque hatte nicht viel zu sagen bei der
Regentschaft. Und das ist auch gut so, sagte sich Cindarell. Die
Männer hatte Tysk heruntergewirtschaftet. Das muß ein Ende
haben. Und so brach das goldene Zeitalter für den Planeten
Tysk an.
(aus: "Variationen in SF-moll und -dur", 1994)
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DIE BIBLIOTHEK ALS ORT DER ENTSCHEIDUNG...
Tess sprang abermals auf.
"Töten Sie ihn nicht, McNaughter! Ich biete die TRIDENT
für sein Leben."
"Was ist das wieder für eine krummes Geschäft?"
"Ich biete Ihnen eine Codekarte, den Schlüssel für den Abwehrrechner. Sie können die TRIDENT dann ohne Gefahr harpunieren."
Kathleen Gavran blickt sie ungläubig an:
"Sie haben tatsächlich..?"
Skitter wechselte mit McNaughter einen abklärenden Blick.
Dann sagte der Narbengesichtige:
"Wo ist sie?"
Doch ehe die Bibliothekarin antworten konnte, stöhnte Konrad:
"Drüben. In der Bibliothek. In einem Buch..., mit dem Tess
schmerzliche Bekanntschaft geschlossen hat."
McNaughter gab Konrad eine Ohrfeige, daß sein Kopf auf
die andere Seite flog.
"Du, Dummkopf! Warum sollten wir sie uns dann nicht
selbst holen!"
Tess sagte heftig:
"Daran sehe ich, daß Sie Banause noch nie im Leben in einer
Bibliothek gewesen waren. Haben Sie eine Ahnung, wie viele
Bücher Feb Canadori auf seine letzte Reise mitgenommen hat?
Sie würden die Karte ohne meine Hilfe nie finden."
McNaughter nestelte an seiner Tronik herum, sagte dann
unwirsch:
"Also gut! Skitter, Volf, ihr geht mit ihr!"
Skitter atmete ein wenig auf. War es ihm vielleicht lieber so?
Tess streifte sich die schweißfeuchten Hände an ihren
schwarzgrau-karrierten Hosenbeinen ab. Sie hatte schreckliche
Angst.
"Dort geht es entlang. Ich gehe voraus, ja? Ist das recht so,
Skitter?"
"Sicher, Tess."
Sam wollte ihr nachkommen.
"Sam, bleib' hier. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen."
Doch der Collie wollte unbedingt mitkommen. Asea hielt
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ihn am Halsband fest.
"Hör' auf zu ziehen, Hund!"
Mit extra kleinen Schritten ging Tess auf den Brückenausgang zu. Die Gedanken und Fragen in ihrem Pyramidenkopf
überschlugen sich. Was hatte sich Harvey dabei nur gedacht?
Waren die Schmerzen so groß, daß er nicht mehr klar denken
konnte? Ken hatte die Codekarte. Sie war in keinem Buch. Was
sollte sie nur tun?
Wie immer konnte sie sich zu nichts entscheiden. Der Weg
zur Bibliothek war auch viel zu kurz dazu. Skitter und dieser
widerlich fette Tillamouk Volf gingen mit gezogenen Troniks
durch die Regalreihen. Fanden natürlich niemanden.
"Gut. Der Laden ist rein. Wo ist das Buch, Tess?" wollte
Skitter Vandenberg wissen.
"Natürlich ist keine Menschenseele hier. Ken schmust sicherlich mit seinem Lieblingstriebwerk und Francis schläft
noch."
"Tess! Das Buch! McNaughter wird sonst ungemütlich."
Die Bibliothekarin sah den jungen Mann scharf an.
"Noch ungemütlicher als Sie kann er wohl kaum werden,
Skitter. Früher dachte ich einmal, Sie wären ein besserer
Mensch als McNaughter und seine Gesellen. Ich muß aber
einsehen, daß ich mich gründlich geirrt habe."
Skitters Backenmuskeln spannten sich an. Er streckte ihr
fordernd die Hand entgegen:
"Das verstehen Sie doch nicht. Das Buch jetzt!"
"Wie Sie wollen!"
Tess ging die Regale entlang, fuhr mit dem Finger die Rücken schilder der Bücher nach:
"M...Ma....Mi....hier: Mitchell."
Sie zog 'Vom Winde verweht' aus den Bücherreihen. Blätterte es auf. Die rote Codekarte lag darin. Sehr zu ihrer Verblüffung. Hatte die Karte etwa auch zu Harveys gemeinem Selbstmordplan gehört?
"Da haben Sie das dumme Ding."
Skitter und Volf stürzten sich auf die Karte. Tess wollte das
Buch schon wieder zuschlagen, als sie die schwache Schrift
zwischen den Zeilen las. Fast reflexartig wollte sie ihre Halbbrille aufsetzten, die sie fast ständig an einem Brillenband um
den Hals trug. Ließ es aber. Es wäre doch zu auffällig. Also
hielt sie das dicke Buch so zufällig unauffällig wie möglich
nahe an die Spitze ihrer langen Nase. Sie las:
'SCHALTE DAS WEGWEISERGERÄT AN DEINEM
HANDGELENK AUF X-RAY-TRACING. FOLGE DEN RADIOAKTIVEN SPÄNEN, DIE ICH VERTEILT HABE. PFEIFE, WENN ALLES KLAR GEHT. DADURCH WIRD EIN
KLEINES ABLENKUNGSMANÖVER AUSGELÖST.
BLEIB WEG VON DEM REGAL MIT DEN AUTOREN, DIE
MIT 'S' BEGINNEN. KEN.'
Sie widerstand der Versuchung, Skitter zu fragen, was die
Nachricht zu bedeuten habe. So wie es immer war, wenn sie
etwas nicht verstand. Aber es war gar nicht nötig.
Harvey, du bist das hinterlistigste Individuum, das mir jemals untergekommen ist, dachte Tess.
Der Fänger hatte es schamlos ausgenutzt, daß die Kommunikationskanäle immer noch jedes Wort in alle Räume der TRIDENT übertrugen. Ken hatte also alles mitbekommen und die
Karte im Buch versteckt. Dann winzige, schwach radioaktive
Partikel in die Gänge gestreut, denen Tess nur noch zu hinterherlaufen mußte. So wie es Hänsel und Gretel einst mit den
Brotkrumen im Wald getan hatten. Aber Tess' Brotkrümmel
konnten nicht von den Vögeln weggepickt werden. Der ganze
wunderschöne Plan hatte nur einen einzigen Schönheitsfehler.
"In Ordnung. Gehen wir wieder auf die Brücke. Los, Tess",
befahl Skitter.
"He, Moment! Sie brauchen mich nicht mehr. Sie haben die
Karte. Dafür lassen Sie mich und Harv gehen."
Skitter schüttelte den Kopf.
"Falsch. Sie haben doch Roberts Gedanken im Kopf. Sie
müßten es besser wissen: Vertraue niemals einem Asteroiden
fänger. Unter keinen Umständen. Ich kann Konrad nicht am
Leben lassen. Ich will es auch nicht. McNaughter würde es mir
als Schwäche auslegen und ihn selbst erledigen."
"Sie! Ahhh!"
Tess stampfte mit dem Fuß auf den Boden auf, stellte sich
dann vor den Berg Volf.
"Können Sie pfeifen?"
"Warum?"
"Können Sie pfeifen? Dann tun Sie es. Ich kann es nämlich
nicht."
Volf sah Skitter an, doch dessen Gesicht zeigte auch nur
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Verwunderung.
"Volf! Tun Sie es! Der Anfang irgendeines Lieds!"
"Reicht der Refrain von der "Ballade der neun Planeten"?
Anzo Talkinghead kann es aber viel besser als ich."
"Das macht überhaupt nichts."
Und Tillamouk Volf tat es. Im nächsten Augenblick flogen
den YORKianern Bücher und Donnerknall um die Ohren. 'S'
wie Sprengstoff. Tess weinte eine halbe Sekunde den zerfetzten
Büchern nach, hielt die Luft an und sprang durch den fetten
Rauch aus der Bibliothek.
"Wohin jetzt?"
Schon hörte sie Skitter und Volf hinter sich. Sie fluchten und
husteten. Tess schaltete das elektronische Gerät an ihrem dünnen Handgelenk an. Helle Punkte leuchteten auf dem kleinen
Anzeigeschirm auf. Eine unverfehlbare Perlenwegweisspur auf
dem Korridorboden. Sie führte hinunter durch die Säulenschräge in den Hauptrumpf. Tess nahm die Beine in die Hand. Rannte so schnell, daß sie beinahe stolperte.
(aus: "Homo Singularis", 1990)
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DIE BIBLIOTHEK ALS VISION...
Die alte Frau blieb vor dem Achteck der I-Point-Theke stehen. Sie hatte schlohweißes, gelocktes Haar. In ihrem Alter war
sie nicht mehr so gut zu Fuß, und so stützte sie sich auf eine
Krücke. Aber ihre braunen Augen waren die einer Zwanzigjährigen.
„Ich interessiere mich für meine Familiengeschichte. Können Sie mir da weiterhelfen?“
Jake Mirror seufzte ein wenig. Eine einfache Frage, die gar
nicht so einfach zu beantworten war.
„Sie meinen, Sie möchten mehr über Ihre Vorfahren wissen?
Woher sie kamen? Wie sie lebten? Ihr Familienwappen? Die
Herkunft Ihres Namens? Wo entfernte Verwandte leben?“
Die alte Frau interpretierte Mirrors Seufzen falsch.
„Ist das ein Problem? Ich bin extra aus Portland angereist,
weil ich von der Hybrothek hier so viel gehört habe.“
„Oh, nein, natürlich ist es kein Problem. Schließlich ist es
unser Job, alle nur erdenklichen Informationen zu finden, zu
bewerten, aufzubereiten und zu Verfügung zu stellen. Allerdings muss ich dazu wissen, wie schnell Sie die Informationen
benötigen, wie umfangreich sie sein sollen und wieviel Sie
dafür ausgeben möchten.“
Die Frau kräuselte die Stirn.
„Ich dachte nicht, dass das so kompliziert werden würde.“
„Das ist schon alles, was wir brauchen. Der richtig komplizierte Teil, nämlich die Suche der Informationen, liegt bei
uns. Ich erläutere Ihnen einmal...ah!“
Jake zuckte zusammen. Etwas hatte ihn am Fuß gestreift. Er
flüsterte nach unten:
„Wann bist du denn endlich fertig, H.P.?“
Ein Kopf tauchte unter der Theke auf. Die zwei Servicelichtstrahler am Kopfband blitzten auf wie zwei Tigeraugen.
„He, keine Hektik, Mann! Ich mach ja so schnell, wie ich
kann, aber ich muß die ganze Datenleitung austauschen. Und
dazu noch das durchgeknallte Interface in der Zentraleinheit.
Das ist kein Kinderspiel.“
„Ich bekomme jedes Mal einen Schreck und denke...“
„...daß dich eine Ratte streift?“
„Ich hasse Ratten. Und das Datenkabel da unten sieht aus
wie der Schwanz einer Riesenratte.“
„Eine Riesenratte. Haßt du auch Leseratten?“
Jake schob den Kopf sanft unter die Theke.
„Du sollst keine schlechten Witze machen, sondern dich
beeilen. Judy, Ralph und Kuki von der nächsten Schicht werden
nicht begeistert sein, wenn der Rechner nicht funktioniert.“
„Bin ja schon dabei! ...Riesenratte! Am Ende meint er mich
damit. Die Welt ist einfach undankbar...“, brummelte H.P. und
kroch wieder in den Bauch der Theke.
„So“, sagte Jake zu der alten Dame. „Jetzt geht‘s weiter. Wo
war ich stehengeblieben? Ach ja! Also: Wenn wir Informationen zu einem bestimmten Thema suchen, gehen wir stufenweise vor. Dabei wenden wir ein Prinzip an, das wir Integration
der Information nennen. Zuerst nutzen wir die Informationsquellen hier im Hause, also Bücher, Zeitschriften, die Datenbanken in unseren Rechnern. Parallel dazu lassen wir automatische Datensammelroboter aufs Internet los. Bei Bedarf lassen
wir Dokumente, Bücher oder andere Informationsträger auch
aus anderen Bibliotheken und Hybrotheken kommen. Aus den
ganzen USA. Wenn es sein muss, aus der ganzen Welt. Reicht
das immer noch nicht, recherchieren wir gezielt in kostenpflichtigen Datenbanken. Zum Schluß laufen alle Information zusammen, und dann gilt es die Spreu vom Weizen zu trennen
und die wirklich relevanten Informationen herauszufiltern, zu
bündeln und aufzubereiten.“
Die Frau nickte.
„Da klingt ja wahnsinnig schwierig. Machen Ihnen alle Auskünfte so viel Arbeit?“
In diesem Moment kam ein junger Mann an die Theke, fragte über die alte Dame hinweg:
„Wo finde ich die Computerliteratur?“
„Was suchen Sie genau?“
„Word 28.“
Jake schaute auf den Flachmonitor, der Teil der Thekenoberfläche war. Die Kamera des Rechners analysierte dabei die
Bewegung seiner Augen, und so konnte Jake die Literatur mit
vier Augenbewegungen finden. Rasch tippte er noch drei
schnelle Tastenbefehle in die Tastatur vor ihm, und schon lief
eine Leuchtspur aus Hunderten von winzigen Lichtern vom
Information-Point aus den Boden entlang. Schlängelte sie sich
durch die Regalgassen mit den Millionen von papiernen, elektronischen und holographischen Informationsträgern, die in
Themenzonen geordnet zur Auswahl standen.
„81 Bücher, 53 DVDs und 17 Holowürfel sind zur Zeit verfügbar. Dazu noch 327 1a-bewertete Links auf unserer Homepage. Folgen Sie der Leuchtspur. Die wird Sie bis zu der Regalstelle bringen.“
„Danke!“
Und schon verschwand der Mann zwischen den Hunderten
von Besuchern in diesem Stockwerk, die sich zwischen den
Regalen aufhielten, in Büchern stöberten, sich unterhielten oder
an den Rechnern der Media-Points in den hauseigenen Datenbanken recherchierten, im Internet surften, Musik hörten oder
Filme schauten. Oder sich mit einem der überall im Haus verteilten interaktiven Kunstobjekten beschäftigten.
Jake murmelte zu der Dame:
„Nein, nicht alle.“
„Verfluchtes Mistding!“, kam ein unterdrückter Fluch unter
der Theke hervorgequollen. Gleich darauf flog ein Stück Netzkabel und eine elektronische Baugruppe aus dem Dunkel des
Thekeninneren. Und noch ein verschmortes Gehäuseteil kam
hinterher.
Die Dame schaute etwas irritiert.
Jake hob beruhigend die linke Hand.
„Keine Sorge. Das ist nur einer unserer Netzwerkadministratoren. Unsere Hardware hat bisweilen ein recht dynamisches
Eigenleben.“
„Ja, die vielen Rechner hier. Das macht bestimmt viel Arbeit, die am Laufen zu halten... Und wie viel kostet das alles?
Sie sagten, dass es auch davon abhinge, wie schnell ich die
Informationen über meine Familie bräuchte?“
„Allerdings. Unsere Grundserviceangebote sind kostenfrei,
und wir bemühen uns, die Anfragen so schnell wie möglich zu
bearbeiten.“ Jake deutete mit der Linken auf seine beiden
Schichtkolleginnen, die genau wie er eine dunkelblaue Dienstuniform trugen. Kris Sword beriet gerade einen Mann asiatischer Herkunft. Ed Lasinsky gegenüber hatte seine Datenbrille
angelegt und vollführte mit seinem Datenhandschuh Bewegungen, die an Tai Chi erinnerten. Im Cyberspace ordnete er visuell
die gewonnen Daten. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten in
Gröpfchen.
„Aber wir bekommen täglich über siebenhundert Anfragen
über alle Kommunikationswege herein, und so dauert es ein
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Weilchen, bis wir die abgearbeitet haben. Trotz unserer elf IPoints im ganzen Haus, die immer mit drei Kollegen rund um
die Uhr besetzt sind. Wenn‘s aber ganz besonders schnell sein
soll, bieten wir einen kostenpflichtigen Express-Service. Dann
haben Sie die ersten aufbereiteten Ergebnisse bereits nach 10
Minuten. Auch ab einer bestimmten Datenmenge gibt‘s einen
Preisaufschlag. Ebenfalls, wenn Sie in der Nacht von 0 bis 6
Uhr eine Recherche haben wollen. Und natürlich für Recherchen in Datenbanken, die uns selbst etwas kosten. Hier auf
diesem Übersichtsblatt sind unsere Tarifstrukturen aufgelistet.“
„Langsam verstehe ich, wie die Hybrothek zu ihrem hervorragenden Ruf kommt.“
„Danke. Können Sie jetzt sagen, welchen Umfang Ihre Recherche haben soll?“
Die alte Dame studierte kurz die Übersicht.
„Ich nehme den Premium-Service.“
„Oh, haben Sie gesehen, was Sie das kosten würde?“
„Soll ich mein Geld mit ins Grab nehmen?“
Jake lächelte.
„Eine weise Einstellung. Mögen Sie hundertfünfzig Jahre alt
werden.“
Fünf Minuten später waren die Formalitäten der Auftrages
erledigt, und die alte Dame würde glücklich nach Portland zurückfliegen.
Kris Sword kam zu Jake herüber. Sie hatte gerade keinen
Kunden.
[...]
„Wer war die alte Lady, mit der du so intensiv geflirtet
hast?“
Jake kratzte mit der Linken seinen rechten Arm, der bewegungsunfähig in der Schlinge hing. Ab und zu juckte er wegen
der ungenügenden Durchblutung höllisch.
„Ein neuer Fan von uns. Sie will einen Premium-Service.“
„Sparte?“
„Genealogie.“
„Das ist Kukis Spezialgebiet.“
In diesem Moment berührte Jake wieder etwas am Bein.
„H.P.!“
Der Netzwerkadministrator kam unter der Theke hervorgekrabbelt. Seine sonst eher fahlen Wangen war von der Anstrengung gerötet. Und auch seine Geheimratsecken, die sich
bis fast in den Nacken zogen, waren deutlich verfärbt.
„Die Kiste läuft wieder.“
„Pünktlich zum Schichtende“, grinste Kris.
„Hab ich jemals eine von diesen Dreckskisten nicht zum
Laufen gebracht?“
Jake und Kris verbeugten sich demutsvoll vor ihm und sagten gleichzeitig:
„Oh Meister, wir stehen tief in deiner Schuld!“
H.P. wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Ihr sollt euch nicht immer über mich lustig machen.“
Ein Trio in eisenblauen Uniformen kam aus dem Aufzug.
„Ah, die Ablösung. Jake, denk an die Besprechung um zwei
Uhr“, erinnerte Kris ihren Kollegen und ging zusammen mit
Ed.
Kuki Jemmy blieb vor Jake stehen, während ihre Schichtkollegen neue Kunden bedienten.
„Hallo Jake. Sehen wir uns beim Essen in der Kantine?“
„Wenn du bis dahin wach bist.“
Kuki zog die Augenlider schlagartig vollkommen in die
Höhe.
„Du weißt ganz genau, daß ich morgens meine Zeit brauche,
bis ich ganz wach bin.“
„Klar weiß ich das. Ich hab einen Genealogie-Fall auf deinem Rechner abgelegt.“
Kuki runzelte ihre Stirn.
„Der siebte in zwei Tagen. Was entwickeln die Leute plötzlich für ein Interesse an ihren Ahnen?“
Jake legte einen Arm um den Netzwerkadministrator und
schob ihn aus dem I-Point.
„Komm, H.P.! Gehen wir. Ich begleite dich ein Stück nach
unten.“
[...]
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- 35 -
***
Die Sonne des Mittelwestens brannte auf sie nieder, während
sie aus der Stadt fuhren. Jake Mirror steuerte den offenen Geländewagen auf den Highway Richtung Westen. Vorbei an dem
riesigen Reklameschild:
Die Hybrothek Reatland - wir können Ihnen das gesamte Wissen der Menschheit besorgen, über das die Menschheit verfügt -
und auch das, über das sie noch gar nicht verfügt.
Und Sekunden später ließen sie auch das Ortsschild hinter
sich:
Reatland. Population 148934. Elevation 3300 feet.
Reatland besass nicht viel. Es war eine gesichtslose Stadt im
Grenzgebiet der Rocky Mountains zu der großen Ebene des Mittelwestens. Ein wenig Landwirtschaft. Ein wenig mittelständische Industrie. Jede Menge uniformer Einfamilienhaussiedlungen. Nichts besonderes. Es war eine hässliche, graue Allerweltsstadt, wie man sie dutzendweise in den USA fand. Ein alter,
erloschener Vulkankegel ragte über die Stadt, die sich in der
Grasebene ausbreitete. Reatland Peak nannte sich der Hausberg
der Stadt. Gut genug für einen Sonntagsspaziergang mit der
Familie. Für mehr aber auch nicht.
Kein Mensch würde diese Stadt kennen, wäre da nicht die
Hybrothek. Sie war ihre Geldquelle, ihre Goldgrube, ihre Zukunft. In den frühen Jahren des jungen Jahrtausend hatten sich
ein paar innovative Bibliothekare und Bibliothekarinnen der
damaligen Public Library zu einem Klausurwochenende auf eine
Berghütte in den Rockys zusammengefunden. Sie hatten den
Türschlüssel in die Schlucht geworfen und beschlossen, die Hütte
erst wieder zu verlassen, wenn sie ein völlig neuartiges Bibliothekskonzept erarbeitet hatten. Ob dies der Wahrheit entspricht,
oder ins Land der Legenden gehört, spielt heute keine Rolle
mehr. Drei Jahre später war die Hybrothek Realität. Sie setzte
sich aus der realen Bibliothek mit ihren Büchern, ihren Räumlichkeiten und ihrem Personal, und der virtuellen Bibliothek,
ihren elektronisch gespeicherten Daten zusammen. Beide Bereiche ergänzten sich, bereicherten sich. Waren zwei Hände eines
einzigen Körpers. Die Hybride Bibliothek, kurz die Hybrothek
war geboren. Ihr Credo war die Integration der Information. Man
verließ sich auf die Hybrothek, und man war bereit, für guten und
schnellen Service zu zahlen. Oberstes Ziel war die Informationsbeschaffung. Egal ob aus Printmedien, aus Offline- oder aus
Online-Datenbanken. Das war der oberste Ehrenkodex der Hybrothekare. Und wenn sie einmal keine Information fanden, kam
das einer Katastrophe gleich, eine Kapitulation ihrer Fähigkei- 36 -
ten.Waterloo war nichts dagegen.
Jake Mirror schielte zu seiner Begleiterin hinüber. Ihr langes
Haar wehte im Fahrtwind wie eine Flagge.
„Darf ich dich mal etwas fragen, Kuki?“
„Nur zu.“
„Warum arbeitest du in der Hybrothek? Soziale Verantwortung? Berufung? Die tägliche Herausforderung, jede Information
zu finden? Der Umgang mit den Menschen? Ihnen zu helfen?
Was ist es?“
Kuki Jemmy nahm ihre Sonnenbrille ab, strich sich eine Strähne aus der Stirn.
„Geld. Ich brauche einfach Dollars zum Leben.“
„Ich wollte eigentlich ein etwas idealistischeres Motiv hören,
wenn ich ehrlich bin.“
„Fehlanzeige. Du weißt doch, dass ich ein Pessimist bin..!“
„...und ich ein gnadenloser Optimist, dem das Leben immer
wieder einen Schlag in Gesicht versetzt? Wie oft hatten wir diese
Diskussion?“
[...]
***
Der gläserne Expresslift hielt im achten Stockwerk an. Der
Blick über den Atriuminnenhof der Hybrothek war fast perfekt
aus diesem Blickwinkel.
„He, eigentlich will ich ja in den dreizehnten.“
Jake hatte als einziger Hybrothekar sein Büro in der dreizehnten und letzten Etage. Hybros sind abergläubische Wesen. Die
Türen schoben sich auseinander, und Kris Sword stieg zu.
„Hi Kris! Gehst du mit in die Kantine?“
Kris winkte mit zwei Bananen. Der Unmut stand ihr auf die
Stirn geschrieben.
„Fünf Termine und noch zwei unvorhergesehene, aber dafür
unaufschiebbare. Keine Mittagpause. Reicht nur für einen kurzen
Vitamineinwurf.“
Jake überlegte kurz, wie er die Laune seiner Kollegin heben
könnte und drückte entschlossen einen Etagenknopf.
„Achte Tiefetage? Was willst du denn da?“
„H.P. besuchen. Das bringt Spaß. Wirst sehen.“
Der Expresslift fiel die Stockwerke hinunter durch den langen
Innenhof, tauchte dann in den Bauch der Hybrothek ein. In den
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neun Tiefetagen waren die Magazine untergebracht.
Der Lift hielt an. Die achte Etage war zweigeteilt. Die eine
Hälfte nahmen Magazinregale mit Tausenden von Büchern ein.
Die andere war durch einen deckenhohen Gitterzaun abgetrennt.
Darin sass H.P. mit dem Rücken zu ihnen an einem Rechner.
Denn dies war das Herzstück der virtuellen Bibliothek: 32 turmhohe Server-Rechner bildeten das Rückgrad der informationstechnischen Infrastruktur. Hier lagerten die Informationen in den
Datenbanken. Jenseits des Sicherheitszaunes lagerten die Daten
in den Büchern. Realer und virtueller Teil der Bibliothek auf
einem Stockwerk vereint. Besser konnte man den hybriden Gedanken nicht veranschaulichen.
Jake schlich sich an. Zog blitzschnell die Gittertür zu.
„Ha! Jetzt sitzt du in der Falle!“
H.P. fuhr herum, kam zum Gitterzaun.
„Meinst du? Mach sofort die Tür wieder auf!“
„Sei nicht so! Wir haben dir auch was mitgebracht. Kris, gib
sie mir!“
„Was?“
„Na die Banane!“
Jake hielt sie durch das Gitter.
„Hier! Fass! Fass, du Bestie! Hier ist schließlich kein Schild:
Füttern verboten!“
H.P. stemmte die Hände in die Hüften, zog die linke Augenbraue in die Höhe.
„Pah! Es ist eine Sache des Standpunktes. Beobachtet der
Mensch den Affen im Zoo, oder studiert der Affe den Menschen?
Wer ist der Gefangene? Wer der Freie? Kann man nicht in Freiheit leben und trotzdem Gefangener seiner Umwelt sein? Und
kann man in einem Zoogehege eingesperrt sein und nichtsdestotrotz im Geiste das freieste Wesen sein?“
Kris nahm Jake die Banane ab und warf sie über den Zaun.
H.P. fing sie mühelos auf.
„Gute Gedanken brauchen Nahrung.“
„Ganz deiner Meinung“, entgegnete der Netzwerkadministrator und biß in die Banane. Er machte sich nicht die Mühe,
vorher die Schale zu entfernen.
Kris fuhr fort:
„Man kommt wahrscheinlich automatisch auf philosophische
Gedanken, wenn man so oft und so lange hier unten alleine ist.“
H.P. schüttelte den Kopf.
„Das ja, aber ich bin nicht alleine. Ich bin mit der ganzen Welt
verbunden. Online und nur einen Mausklick entfernt. Alleine?
Ich bin von Wesen umgeben. Was ist schon groß der Unterschied
zwischen einem Rechnern und einem Menschen? Beide verhalten
sich meistens vernünftig, zuweilen aber übellaunig. Ein Rechner
wird eine Zeit lang geleased, dann ist er veraltet und muss ausgetauscht werden. Ist das anders bei Menschen? Die Leasingzeit
geht maximal bis zur Rente. Wenn vorher nicht die Hardware
schlapp macht. Ein Schlaganfall, und der Prozessor im Kopf wird
lahm gelegt. Dann muss die ganze geleasete Komponente komplett ausgetauscht werden. Der Rechner landet auf der Mülldeponie, der Mensch auf dem Friedhof. So einfach ist das.“
Jake schürzte die Lippen.
„Kein Unterschied zwischen Mensch und Maschine?“
„Ah, vielleicht doch: Der Mensch zählt eins-zwo-drei. Der
Rechner zählt null-eins-zwo-drei.“
Kris aß den letzten Bissen ihrer Banane.
„Und als was siehst du dich?“
„Als PC-Söldner. Meine Heimat ist da, wo mein Rechner
steht. Auch ich bin nur eine geleaste Ressource, die seine Dienstleistung gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Wenig Unterschied zu einem der Hewlett-Packard-Server hinter mir. Steht
H.P. nicht vielleicht auch für Hewlett-Packard?“
Jake zog Kris zum Lift.
„H.P., du solltest mal wieder ans Sonnenlicht...“
„Ihr nehmt mich nicht ernst! Ich halte hier unten die Maschinen am Laufen. Ihr da oben benutzt sie nur. Ihr könnt euch keine
Vorstellung davon machen, wie stressig das ist! Kennt ihr einen
Netzwerkadministrator, der älter als vierzig, fünfundvierzig Jahre
ist? Kennt ihr einen einzigen? Nein! Weil sie alle einen Herzinfarkt bekommen und ausgetauscht werden müssen!“
„Du übertreibst maßlos wie immer. Aber genieße deine letzten Jahre trotzdem...“
Und als der Lift anruckte, sagte Kris lächelnd:
„Gute Idee, die achte Etage. Muss ich mir merken.“
[...]
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***
Zwei Jahre später.
Jake betrat die Hybrothek durch eine der sechs bogenförmig
„Ich suche Bücher zu Polymer-Halbleiterspeichern..“
Jake sah den jungen Mann an. Schätzte blitzschnell, welche
Informationsstufe für ihn in Frage kam: Schüler. Braucht Infos
für ein Referat. Profil: Kurzinfos. Möglichst gut aufbereitet.
Nicht zu tiefgehend. Nicht zu oberflächlich.
Der Junge sagte:
„Ich brauche die Daten für ein Referat. Kurzinfos. Möglichst
gut aufbereitet. Nicht zu tiefgehend. Nicht zu oberflächlich.“
Jake lächelte innerlich. Bingo! Er hatte die Daten derweil
schon aufbereitet. Er klappte die Laserspiegeleinheit nach oben
weg. Die Einheit war an das Brillengestell angeklipst und bildete
die relevanten Informationsquellen direkt auf die Netzhaut ab.
Eine perfekte, tragbare Monitoralternative. Jake riss die ausgedruckte Zusammenstellung vom Drucker ab.
„Ich habe hier eine Vorschlagsliste für Informationsquellen...“
„Nein, nein...ich will die Informationen aus Büchern. Ich will
die Dinge, mit denen ich arbeite, auch anfassen können.“
Doch nicht so ein leichter Fall. Der Junge war nicht zufrieden.
Er wollte NUR Bücher. Bitte! Also zeigte Jake ihm die entsprechenden Fachbücher direkt am Regal. Kein Problem. Rief weitere Informationen über die funkangebundene Tastatur ab, die an
seinen Unterarm geschnallt war. Kein Problem. Der Kunde ist
König. Der Kunde ist Kaiser. Der Kunde ist der Maßstab.
[...]
Die Auskunftsschicht verging wie immer im Flug. Kurz vor
der Ablösung kam noch eine Dame mittleren Alters zu ihm.
Stress und Ärger standen ihr in Gesicht geschrieben.
„Sie sind meine letzte Hoffnung! Ich brauche unbedingt den
Roman Die Rosenreiter von Richard Hasenstein.“
Jake brauchte 3 Komma 723 Sekunden, um das Buch zu finden.
„Wir haben das Buch. Und es ist nicht entliehen.“
Das war die gute Nachricht.
Auf dem Gesicht der Frau zeugte sich ein entspanntes Lächeln.
„Das ist ja ganz wunderbar. Wo kann ich es finden?“
Jake lüpfte den Bügel des Laser-Displays. Die schlechte Nachricht zu überbringen bedarf der Diplomatie.
„Das Buch befindet sich in unserem Magazin. Das ist normalerweise kein Problem. Ich schicke eine Mail nach unten, und der
Kollege nimmt das Buch aus dem Regal und legt es in den Lastenaufzug.“
„Fein, dann schicken Sie eine Mail!“
„Unglücklicherweise wird der Lastenaufzug gerade gewartet
und ist erst wieder in zwei Stunden betriebsbereit.“
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Haupteingangstüren. Jetzt um die Mittagszeit war nur wenig los
in der großen Eingangshalle. Ein paar Dutzend Leute standen vor
den Medienverbuchungsautomaten in den Seitenflügeln der Halle, andere ließen sich von den Rolltreppen von Stockwerk zu
Stockwerk fahren. Zu sehen und zu entdecken gab es auf den
zahlreichen Aktionsflächen im Haus mehr als genug.
Jake blieb vor dem Tressen des Empfangs-I-Points stehen.
Judy Garland hatte gerade Dienst. Ihr Uniform-Hut sass ein wenig schief.
„Dein Uniform-Hut sitzt ein wenig schief.“
Die Hybrothekarin schenke ihm ein professionelles Lächeln.
„Das ist die Variation in der Uniformität und somit keine
Nachlässigkeit sondern Absicht, mein Lieber!“
„Etwas anderes hatte ich auch nicht angenommen. Hast du
Kuki zufällig gesehen?“
Sie deutete mit dem Finger siebzig Meter nach oben, wo sich
die Dachkuppel über den palmenbestandenen Atriuminnenhof
wölbte.
„Ist oben auf der Dachterrasse. Macht gerade Mittagspause.
H.P. ist auch dort.“
Jake glaubte sich verhört zu haben.
„H.P.? Auf der Dachterrasse gibt es keinen einzigen Rechner.
Nur jede Menge ultragrüner Vegetation und Vogelvolieren. Was
sollte H.P. da machen?“
„Du tust ihm Unrecht, Jake. Er wollte sich Kukis Rat holen.“
„H.P. braucht Rat?“
„Geh vierzehn Stockwerke höher, da findest du die Antwort.
Stell mir keine spekulativen Fragen, die ich nicht beantworten
kann. Ich bin hier, um konkrete Fragestellungen zu beantworten
und den Leuten Orientierungshilfe im Haus zu geben.“
„Das hast du auch in meinem Fall getan. H.P. braucht Rat?
Das ist es mir glatt wert, meine Mittagspause zu opfern. Bis
später!“
[...]
***
Die gute Laune verschwand vom Gesicht der Frau.
„Zwei Stunden? So lange? Können Sie denn da gar nichts
machen?“
Judy Garland kam zum I-Point. Die Schicht war um. Doch der
Kunde war König.
„Warten Sie kurz. Ich werde eben von meiner Kollegin abgelöst. Ich fahre schnell hinunter und hole Ihnen das Buch.“
„Oh, das ist lieb von Ihnen!“
Der Lift brachte ihn tief unter die Erde. Hier in den Magazinen
war es immer so ruhig, so still. Nach der hektischen Betriebsamkeit oben in den öffentlichen Bereichen der Hybrothek waren die
Magazine eine Erholungsoase für die Sinne. Still. Dunkel. Sicher.
Eine Welt für sich.
Jake schritt durch die langen Regalgassen. Zehntausende von
Geschichten, von Schicksalen, von Erlebnissen, von Daten und
Fakten waren hier auf engstem Raum kondensiert und komprimiert. Hass und Liebe standen einen schmalen Buchrücken auseinander. Mord und Barmherzigkeit waren nur Seiten entfernt.
Die Vielfalt war unfassbar. Könnten die Bücher sprechen, das
babylonische Sprachengewirr wäre im Vergleich dazu eine
Lapalie.
„Ha...Has...Hasen....“
Jake strich mit dem Finger über die Buchrücken.
Bis er plötzlich stockte.
„Hasenstroh. Hasenstroh?“
[...]
(aus:“Die andere Seite des Spiegels“,1999)
(Dieser Beitrag erschien in seiner Originalform im JAHRBUCH des Jahrgangs Öffentliche Bibliotheken 93/96 an der
Hochschule für Bibliothek und Information)
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Seele and Geist
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