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AKTUELL Editorial - Was uns am Herzen liegt - Theater am Rand

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AKTUELL
(Auszüge aus unserer aktuellen Spielplanbroschüre Herbst/Winter 2014)
Editorial - Was uns am Herzen liegt
Liebe Theaterbesucher,
ungefähr 25000 Menschen besuchen unser Theater jedes Jahr.
Unter ihnen sind viele Stammgäste, die mehrmals im Jahr kommen, manche von ihnen haben das Theater und die Landschaft des
Oderbruchs so schätzen gelernt, dass sie hier ein Landhaus oder
einen Bauernhof gekauft und ihren zweiten Wohnsitz aufs Land
verlegt haben. Wie schön, da es doch sonst eher heißt: die Menschen ziehen weg aus den ländlichen Gebieten, in die Städte. Wenn
Sie also auch mit dem Gedanken spielen sollten, würde ich Ihnen
nur zuraten. Es gibt hier immer noch wunderschöne alte Gehöfte,
umgeben von Nichts als Natur. Allerdings sollten Sie gut gerüstet
sein für ein eigenständiges, autarkes Leben auf dem Lande. Sie müssen wissen, dass inzwischen im Oderbruch die deichnahen Häuser
und Gebäude bei Neubezug oder bei einem neuen Vertrag von den
Versicherungen nicht mehr gegen Elementarschäden wie Hochwasser versichert werden. Es gibt keine Hochwasserversicherung, auch
unsere Versicherung, die Allianz, sieht sich nicht im Stande, unser
Theater dahingehend zu versichern.
Für mich stellt sich die Frage, ob der Staat bzw. die öffentliche Hand
nicht mehr bereit sind, ein Siedeln oder eine Neugründung im Oderbruch gleichermaßen wie in anderen Regionen abzusichern. Dieses
hätte dann direkte Auswirkungen auf jene, die im Oderbruch eine
Lebensperspektive planen oder suchen.
Aus meiner Sicht muss dies auf politischer Ebene grundsätzlich thematisiert werden. Vielleicht ist es sogar ein unausgesprochenes Ziel
der Regierung, Gebiete des Oderbruchs wieder dem Selbstlauf der
Natur zu überlassen. Aber auch das könnte ja ein schöne Herausforderung und ein Grund mehr sein, sich konkret Gedanken über
ein selbstbestimmtes Leben in einer Landschaft, die noch zu den
urwüchsigsten in Europa zählt, zu machen.
Unser erster Biberbruch im Juli war als eine Lockerungsübung zu
verstehen. Noch ohne Biber. Da es einer modernen Gesellschaft
wie der unseren nicht gelingt, mit dem Problem Biber umzugehen,
wollen wir weiter eine treibende Kraft in diesem Prozess sein. Wir
brauchen keine Vorschläge zur Verbesserung des Bibermanagements. Unser Ansatz ist: Der Biber ist Teil der Landschaft und als
solches müssen wir ihn auch bewirtschaften. Wie Fisch oder Wild
betrachten. Dann ist es naheliegend, ihn auch zu essen. Bleiben Sie
also aufmerksam, ab und zu können Sie in unserer Theaterklause
Biberfleisch probieren.
Im September startet nun zum 4. Mal das Kurzfilmfest. Unsere
kleine Jury steht jedes Jahr vor einer größer werdenden Zahl von
Einsendungen, die um einen Platz im Wettbewerb ringen. Unter
ihnen befinden sich zahlreiche internationale Beiträge. Das Besondere für uns ist, dass es vor allem junge Künstler sind, die uns mit
ihrer eigenen Auffassung, mit dem Bewegtbild umzugehen, sehr oft
überraschen. Ungewöhnlich, anders, originell.
Für einen Besuch im Herbst will ich sie ermutigen. Oft sind unsere
Zuschauer nach den Monaten Juli / August und nach einem warmen Spätsommer verunsichert, ob sich der Herbst nun auch noch
für Theaterbesuche eignet. Ja, natürlich! Mit unserer neuen Winterschließung sind wir sehr flexibel. Wir können das Theater in Kürze
öffnen oder schließen und die letzten Sonnenstrahlen des Jahres ins
Haus holen. Wo finden Sie das schon? Und wenn es dann draußen
windet und der Herbst stürmt, sorgt das neue Solarheizsystem für
ein gutes Klima im Zuschauerraum.
Pünktlich zum ersten Advent erwarten wir den Winter mit Schnee und
Eis, denn die Vorstellung „Eisfee und Frostfiedler“ nach dem Märchen
„Die Schneekönigin“ erwärmt das Herz um so mehr, wenn man
schon durch eine Winterlandschaft fahren durfte, ehe man im
Theater angekommen ist. Dieser Abend mit Bärbel Röhl und der
Capella Odra liegt uns sehr am Herzen, er gehört mit zu unseren
schönsten musikalischen Inszenierungen.
Sollte Ihnen die nächtliche Rückfahrt zu anstrengend sein, dann
lassen Sie sich einfach eine Übernachtung in unserer Nähe vermit-
teln. Dabei hilft Ihnen unsere Gastgebervermittlung „Schlafplatz
am Rand“. Reservieren Sie sich bald eine Übernachtung, die schönen
Quartiere im Oderbruch sind schnell belegt.Die Arbeit unserer Kollegin Sylvia Blome ist teilweise so umfangreich geworden, dass wir
dringend auf der Suche nach einer Person sind, welche die Gastgebervermittlung vertretungsweise oder bei großem Ansturm unterstützen kann.
Unser neues Bühnenhaus ist im Wesentlichen fertig gestellt. Es fehlen
noch einige Zwischenwände und das Künstlereingangshäuschen. Im
Moment sind wir aber mit dem Bau der Theaterklause beschäftigt.
Wir wollen der Gastronomie einen besseren Platz geben und es so einrichten, dass Sie schon weit vor dem Vorstellungsbeginn und vor allem
auch danach die Angebote vom Theatertresen, von unserer Küche und
unserem Holzbackofen nutzen können.
Meine besonderen Empfehlungen für den Herbst:
20.09. Ruanda Memory - Heiki Ikkola und seine Compagnie waren schon mehrmals bei uns zu Gast, mit herrlichen Inszenierungen
für Kinder und Erwachsene. Für das kommende Jahr streben wir eine
Kooperation mit dieser überaus kreativen Künstlergruppe an.
26.10. Quadro Nuevo - Das Quartett aus Bayern und L‘art de
Passage verbinden ähnliche musikalische Intensionen. Es sind hoch
geschätzte Kollegen, die nun endlich auch einmal nach Zollbrücke
kommen. Ich bin sehr erfreut darüber.
31.10. Die Reise nach Buenos Aires - Thomas Rühmann stellte uns
Monika Lennartz vor und mit dem Kleistschen Monolog „Das Erdbeben
von Chili“ gastierte sie mehrfach hier. Nun steht sie wieder mit einem
eindringlichen und gleichermaßen zarten Monolog auf unserer Bühne.
Einen schönen Herbst wünscht Ihnen Tobias Morgenstern.
Randnotizen
Manchmal überrascht das „Theater am Rand“ selbst seine
Macher. Zum Beispiel am 19. Juli 2014. Wir spielen „Mitten in
Amerika“ von Annie Proulx bei herrlicher Abendsonne, es geht
in die Nacht, die letzten Sätze des Stückes sind gesagt: „Wir
ziehen an die Ränder und lassen eine große Mitte frei“. Atemlose
Stille. Morgensterns sinfonische Musik öffnet die Tore und lässt die
Bisons zu Tausenden ins Oderbruch. Ins Freie. Ins Offene. Dann wird
gesungen: „Wehe großer Wind, komm, feg uns diesen Stern rein...“ Als
hätte er uns gehört, wird der Wind tatsächlich stärker. Das Bühnenlicht verlischt langsam. Nur die Konturen der Spieler sind noch zu
sehen. Wir wiederholen den Refrain „And blow it all down...“, wieder und wieder, öfter als geplant, sehr oft, und dann wird nur noch
musiziert, in F-Dur, Morgenstern improvisiert auf dem Akkordeon,
Bogadtke spielt auf dem Banjo, ich auf der Gitarre, und die Zuschauer
bleiben immer noch still, dann hängen sie sich mit rein, klatschen im
Rhythmus der Musik, immer noch Wind, immer noch Sterne, das
Grün der Bäume, die Spieler wie in Trance, es kann gehüpft werden.
Es wird gehüpft. Als ob der große Traum von Annie Proulx in eine andere Sprache übersetzt ist, in das Glück des Musizierens, in die Bewegung, in den Tanz. Eine Sternstunde. Der Applaus ist länger als sonst.
Der Jubel lautstark. Morgenstern und ich nehmen an den gläsernen
Kassen den Dank vieler Zuschauer entgegen. Eine junge Frau gibt mir
Hand und sagt: „Wenn der Traum doch wahr werden könnte...“.
Thomas Rühmann
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