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Ich sehe etwas, was du so nicht siehst - Angewandte Linguistik

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Ich sehe etwas, was du so nicht siehst (Campus, Studium, NZZ Online)
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18. Januar 2012, 09:30, NZZ Online
Ich sehe etwas, was du so nicht
siehst
Wie Synästhesie das Studium beeinflusst
Welche Farbe fehlt
noch? Die
Synästhesie ist für
Simona wie eine
Eselsbrücke.
(Bild: Dinah Brunner)
Die Neun ist violett, der C-Dur-Akkord schmeckt nach Himbeere und salziges
Essen ist 15 Grad warm. Was sich anhört wie wilde Phantasien und lange Zeit als
Krankheit abgestempelt wurde, ist heute als neurologisches Phänomen
beschrieben: Synästhesie.
Dinah Brunner
Für Simona ist alles etwas anders. Zahlen und Buchstaben haben Farben, ein
Geschlecht und sind sympathisch – oder auch nicht. Mit der graphischen Form nimmt
die 22-Jährige Studentin gleich mehrere Informationen auf. So ist die Eins schwarz, die
Acht hingegen hellgrün gefleckt und zudem eindeutig männlich. Das S ist knallgelb und
sehr freundlich, während G und H eher blass dunkelgrau und überhaupt nicht
sympathisch sind.
Doppelte Erinnerung
Solche synästhetische Wahrnehmungen sind auf allen Sinnesebenen und in den
verschiedensten Kombinationen möglich. Manche nehmen aber auch einen Ton als
Geschmack wahr, andere einen Geschmack als Temperatur und wieder andere eine
http://www.nzz.ch/magazin/campus/studium/ich_sehe_etwas_was_du_so_nicht_siehst... 22.02.2012
Ich sehe etwas, was du so nicht siehst (Campus, Studium, NZZ Online)
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Temperatur als Form. Die häufigste ist die Graphem-Farb-Synästhesie, so wie sie
Simona hat.
Alle Sinnesvermischungen laufen automatisch ab, sind spontan und können nicht
unterdrückt werden. Sie sind bei einer Person ein Leben lang identisch, aber von Person
zu Person unterschiedlich. Schon in der Primarschule hat Simona die Zahlen auf den
Übungsblättern stets mit denselben Farben ausgemalt. Die Eins schwarz, die Zwei
orange, die Drei gelb. Und das war für sie das Normalste der Welt. So gab es keinen
Grund darüber nachzudenken, geschweige denn darüber zu reden.
Schneller auswendig lernen
Die Schuljahre meisterte Simona mit Bravour – ohne viel dafür zu tun.
Auswendiglernen war ein Kinderspiel, konnte sie sich die Zahlen und Wörter doch auf
zweifache Weise einprägen. «Die Synästhesie ist wie eine Eselsbrücke für mich. Ich
merke mir die Farben.» Auch bei der Kaufmännischen Lehre auf der Bank nahm sie das
«Farbensehen» eher unterstützend als störend wahr. «Das Rechnen fällt mir leichter als
anderen und ich kann mir Zahlen sehr schnell merken.»
Wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass die Synästhesie positive Effekte auf
Lernprozesse hat. «Synästheten mit einer Graphem-Farb-Synästhesie können sich
Wörter besser und über einen längeren Zeitraum merken», erklärt Neurobiologe Lutz
Jäncke von der Universität Zürich. Und dies mache durchaus Sinn: «Eine Information
bleibt umso besser haften, je mehr Zusatzinformationen damit gekoppelt sind.»
Wie ein blauer Baum
Manchmal wirken die vermischten Sinne aber auch verwirrend auf die Betroffenen.
Viele verschiedene Reize können die Sinne eines Synästhetikers überfluten und die
Konzentration auf eine Sache erschweren. Ein Durcheinander gibt es vor allem dann,
wenn die synästhetische Wahrnehmung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. «Auf
der Bank hatten wir Kundendossiers nach Farben geordnet», erinnert sich Simona.
«Dossiers von Kunden mit A-Namen waren zum Beispiel grün. Was völlig falsch ist,
denn für mich ist das F ganz klar grün.»
In solchen Situationen entsteht der sogenannte «Stroop-Effekt» bei Synästheten: Die
Diskrepanz zwischen realer Farbe und persönlicher Wahrnehmung verlangsamt die
Reaktionszeit. Für Simona ist ein grünes A etwa genauso verwirrend, wie für andere
Menschen ein blauer Tannenbaum.
Wenn das S gelb ist
Seit einem Jahr studiert Simona Tourismus. Auch im Studium kommt es manchmal zu
verwirrenden Situationen. «Kürzlich diskutierten wir in einer Vorlesung die Verbindung
zwischen Marke und Farbe. Dazu sind wir verschiedene Beispiele durchgegangen.»
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Beim Beispiel SBB war sich die Klasse einig, diese Marke sei Rot. Simonas erster
Gedanke hingegen war: «Gelb, wie das S natürlich!»
Gesagt hat sie das niemandem. «Grundsätzlich erzähle ich niemandem von meiner
Synästhesie. Es ist sehr persönlich und es zu erklären braucht so viel Zeit.» Was
Synästheten fühlen, sehen oder hören ist für sie so normal, dass sie es oft gar nicht
bewusst wahrnehmen. Und wenn doch, dann sprechen sie kaum darüber.
Verlässliche Zahlen, wie häufig das Phänomen vorkommt, gibt es daher nicht.
Schätzungen sprechen von ein bis vier Prozent, Frauen seien öfter betroffen.
Synästhesie-Forscher Jäncke ist da skeptisch: «Ich vermute eher, dass weniger als ein
Prozent der Menschen betroffen ist.» Auch einen Geschlechterunterschied gibt es seiner
Meinung nach nicht. «Frauen sind einfach eher geneigt, sich zu outen.»
Malte Kandinsky Musik?
Synästhesie ist kein neues Phänomen. Bereits im 19. Jahrhundert veröffentlichten
Wissenschaftler erste Berichte über synästhetische Sinnesverbindungen. Und man sagt,
dass schon der Künstler Kandinsky «Musik gemalt» hat und auch Musiker wie Miles
Davis und Jimi Hendrix synästhetische Sinneswahrnehmung gehabt und diese bewusst
zur Kreation von «perfekten» Werken genutzt hätten.
Eine neue Untersuchung hat gezeigt, dass Synästheten häufiger im Kunstbereich
anzutreffen sind. «An den Kunstschulen glauben aber viele auch einfach, sie seien
Synästheten, die gar keine sind», so Jäncke. Eine wirkliche Synästhesie sei es nur dann,
wenn eine enge Beziehung zwischen dem induzierten Reiz und der daraus entstehenden
Wahrnehmung besteht – und das automatisch. «Viele Künstler assoziieren. Das ist ein
kognitiver, also gelernter und somit langsamer Prozess.»
Natürlicher Reflex
Was Synästheten wie Simona haben, ist keine Assoziation, sondern ein Reflex. Das
wusste sie selbst bis vor zwei Jahren noch nicht. Da hatte sie für ihre besondere Art zu
sehen und fühlen noch keinen Namen und keine Begründung. Bis sie an einem Abend
unter Freunden erwähnte, dass sie manchmal die Drei und das S verwechsle, weil beide
gelb seien. Während sie von allen Seiten verständnislos angeschaut wurde, meinte
einer: «Darüber hab ich schon gelesen, das ist was ganz besonderes!» Da hat Simona
zum ersten Mal von der Synästhesie gehört. «Ich war wahnsinnig erleichtert und
glücklich, dass es auch noch andere gibt. Es ist ein gutes Gefühl, nicht allein zu sein.»
Die Autorin dieses Beitrags studiert Journalismus / Organisationskommunikation
(JO) am Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule
für Angewandte Wissenschaften im Bachelor.
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