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Forschung und Gesellschaft 12.04.2007 Risiko Was kann

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Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
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Genehmigung
von DeutschlandRadio
/ Funkhaus Berlin
benutzt werden. Kultur benutzt
darf das Manuskript
nur mit Genehmigung
von Deutschlandradio
werden.
Forschung und Gesellschaft 12.04.2007
Risiko
Was kann Sicherheitsforschung wirklich leisten?
Von Peter Kaiser
Deutschlandradio Kultur 2007
ATMO
Roboter OFRO und MOSROW, Ultraschallknacken, Sirren und
Rumpeln, OFRO: „Please identify yourself.“
O-TON
Jens Hanke / Robowatch
Wir haben ja eine neue Bedrohungslage, bedingt durch die
verschiedenen politischen Arrangements, die in den letzten Jahren
entstanden sind.
ATMO
MOSROW: „Bitte identifizieren Sie sich.“
O-TON
Jens Hanke / Robowatch
Da ist der Begriff Aufklärung, man nennt das mittlerweile auch
Homelandsecurity, also Heimatschutz, da möchte man Szenarien
abdecken, wo man keine Menschen mehr irgendwo hinschicken möchte.
SPRECHERIN
Jens Hanke ist Bioinformatiker und Geschäftsführer der Firma
„Robowatch“. Er hat die Überwachungsroboter OFRO und
MOSROW mit konstruiert.
ATMO
Sirren und OFRO: „There is something in my way.“
O-TON
Jens Hanke / Robowatch
Also, wir sprechen mit sehr vielen Menschen, die sich Gedanken
darüber machen, wie schafft man es, Bahnhöfe sicherer zu machen, wie
schafft man es, Flughäfen sicherer zu machen, und es nützt nichts
mehr, überall Videokameras zu installieren, oder Gasmessgeräte,
1
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
sondern man versucht, mobil diese Bedrohungssituationen erfassen zu
können.
SPRECHERIN
Sie könnten Spielzeuge sein, der kettenbetriebende OFRO, der
nur 1,40 Meter hoch und 70 Zentimeter breit ist, oder MOSROW,
der aussieht wie eine Soda-Säule auf Rädern. Doch beide
Roboter könnte man auch als Aufklärungseinheiten bezeichnen,
hocheffektiv und autonom. Ob Alpha-, Beta- oder Gammastrahlen,
ob Nerven-, Blut- und Lungenkampfstoffe, oder auch nur
verdächtige Bewegungen im Radius von zwei Kilometern - OFRO
und MOSROW registrieren ABC-Angriffe, also atomare,
biologische und chemische Attacken, sowie jegliche
Personenannäherungen. Ihre Funk-Meldungen an eine Zentrale
erfolgen in Sekundenbruchteilen.
ATMO
Sirren und OFRO: „There is something in my way.“,
Soundtrack: BLADE RUNNER, 10. Track, „Damask Rose“,
Sirren und MOSROW: „Identifizieren Sie sich.“
SPRECHER
Während der Fußballweltmeisterschaft 2006 patrouillierten 20
dieser Wach-Roboter im Berliner Olympiastadion. Nachts
sondierten sie die VIP- und Garagenebenen, sowie das Gelände
um das Maifeld.
O-TON
Jens Hanke / Robowatch
Also im Großen und Ganzen besteht eigentlich die Idee an dieser
Technologie, dass wir bestehende Sicherheitstechnik mobil gemacht
haben.
MUSIKZÄSUR
SPRECHERIN
Das arabische Wort rizq meint ein von Gottes Gnade abhängiges
Leben.
SPRECHER
Das daraus abgeleitete Wort „Risiko“ ist heute und in unserem
Kulturkreis die Definition für eine kalkulierte Prognose eines
möglichen Schadens, oder, im positiven Fall, eines Nutzens. Doch
2
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
was als Schaden oder Nutzen aufgefasst wird, was als Risiko gilt
und was nicht, hängt von geltenden Wertvorstellungen ab.
SPRECHERIN
Kaum ein Wort ist zum Beginn des 21. Jahrhunderts so wichtig
geworden wie das Wort Risiko. Neue Technologien verändern
unseren Alltag.
SPRECHER
Und vor dem Hintergrund einer globalen Klimaveränderung ist nun
auch die Lebensweise der Menschen „riskant“ geworden.
SPRECHERIN
Die neuen Technologien, der Klimawandel, aber auch die
demographische Situation mit ihren Folgen in sozialer,
medizinischer und wirtschaftlicher Hinsicht, alle diese aktuellen
Themen tragen den Begriff Risiko in sich.
SPRECHER
So alt das Wort „Risiko“ selbst auch sein mag, an die Anfänge der
Risikoforschung können sich viele noch erinnern.
O-TON
Helmut Jungermann / TU Berlin
Der Ausgangspunkt war eigentlich die Auseinandersetzung um die
Kernenergie. Ende der 70er Jahre wurde die Auseinandersetzung immer
schärfer. Es kulminierte dann in dem Unfall in Threemiles Island in den
USA. Die Experten wiesen darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit eines
Unfalls, also einer Kernschmelze, ungeheuer gering sei, es gab die Zahl
zehn hoch minus sieben, und man wies darauf hin, dass viel größere
Risiken eigentlich täglich akzeptiert werden in unserer Gesellschaft. Sei
es durch Autounfälle, sei es durch Flugzeugunfälle oder viele andere
Dinge, und dass es eigentlich keinen Grund gibt sich aufzuregen
angesichts einer so geringen Wahrscheinlichkeit, oder angesichts der
Tatsache, dass ja in Threemiles Island niemand zu Schaden gekommen
ist.
SPRECHER
Helmut Jungermann ist Professor für Psychologie und
Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität in Berlin.
Entscheidungs- und Risikoforschung ist sein Fachgebiet.
O-TON
Helmut Jungermann / TU Berlin
Aber die Öffentlichkeit hat sich aufgeregt über Kernkraftwerke, über den
Aufbau der Kernenergie, das wissen wir, es gab eine große Ablehnung
der Kernenergie. Und das war der Ausgangspunkt dafür, dass man
3
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
sagte, das Risikoverständnis der Experten, der Techniker, ist offenbar
ein anderes als das der Öffentlichkeit.
SPRECHERIN
Seit den 70er Jahren hat sich die Schere zwischen dem
Verständnis von Laien und Experten über die Risiken einer Sache,
eines Gerätes oder einer Technologie immer weiter geöffnet.
Hinzu kommt als zweiter Faktor das sogenannte
Katastrophenpotential.
O-TON
Helmut Jungermann / TU-Berlin
Wir finden ein Ereignis, bei dem viele Hunderte oder Tausende von
Menschen gleichzeitig ums Leben kommen, viel schlimmer, und in dem
Sinne die Technologie, die zu diesem Ereignis führt, riskanter als
einzelne Ereignisse, bei denen Menschen ums Leben kommen. Der
einzelne Todesfall durch einen Autounfall interessiert uns gar nicht. Wir
haben in Deutschland 5000 Tote im Jahr durch Verkehrsunfälle. Das
regt keinen auf. Wenn dagegen, das ist der klassische Vergleich, jeden
Tag, jetzt zehn Tage lang, beispielsweise ein Jumbojet herunterfallen
würde, mit 250 Passieren, nun gut, dann hätten wir 2500 Tote. Aber
nach zehn Tagen würde der Flugverkehr eingestellt oder die Maschinen
aus dem Verkehr gezogen. Obwohl es, in Anführung, nur 2500 sind.
SPRECHER
In den 70er Jahren begann die seriöse Risikoforschung. Heute
gibt es Einzelforschungsgebiete in jeweils unterschiedlichen
Disziplinen.
SPRECHERIN
So beschäftigt sich etwa die soziologische Risikoforschung mit
den moralisch-ethischen Dimensionen von Risiken. Die
Risikoethik stellt dabei die grundsätzliche Frage: “Wie sicher ist
sicher?“
SPRECHER
In der Entscheidungstheorie, die zwischen dem soziologischen
und philosophischen Zweig der Risikoforschung angesiedelt ist,
wird die Risikoaversion eines Menschen untersucht, der
Entscheidungen zu treffen hat. Wie verhält er sich, wenn er vor
einer Risikosituation steht? Wird er immer das geringste Risiko
bevorzugen? Mit einem möglichst sicheren Gewinn, auch wenn
dieser nur klein ist? Oder ist er risikofreudig, „risikosympathisch“,
und wagt den hohen Gewinn bei entsprechend proportional
gestiegenem Risiko?
4
Peter Kaiser
SPRECHERIN
RISIKO /12.04.2007
In der philosophischen Risikoforschung stehen Themen wie die
Begrenzung der freien Willensentscheidung oder der Begriff der
Freiheit im Mittelpunkt der Untersuchungen. Wirkliche Freiheit,
heißt es, ist nur in nicht festgelegten, also nicht begrenzten
Lebenssituationen möglich, weil dann auch der Ausgang offen
bleibt. Das Wort „Hasard“, Zufall, hat hier eine wichtige Funktion,
weil es den nicht kalkulierten Moment des Individuums bezeichnet.
Hasard ist also der Moment, in dem zum einen eine tatsächliche
freie Willensentscheidung entsteht. Gleichzeitig beginnt damit aber
auch ein tatsächliches Risiko.
SPRECHER
In Wirtschafts- und Versicherungsunternehmen wird Risiko oft als
Wagnis definiert, oder auch als „kalkulatorische Kosten“. So
setzen Existenzrisiken, Entscheidungs- und Planungsrisiken oder
Versicherungsrisiken mitunter komplizierte
Steuerungsmechanismen in Gang. Von zentraler Bedeutung ist
hier das Wort „Sicherheit“.
SPRECHERIN
Betriebswirtschaftlich gesehen ist ein Risiko auf viele Faktoren
verteilt. Die Materialeigenschaften eines Produktes etwa oder das
Tempo von Zulieferungen und die Lagerhaltung, generell alle
Sicherheitsmaßnahmen, finanzielles Zeitmanagement und noch
etliches mehr.
SPRECHER
Techniker sprechen heute in der mathematischen Risikoforschung
von einem Risikomanagementprozess, in dem die Risikoanalyse
zur Risikobewertung, dann zur Risikominimierung führt, um das
Risiko letztlich kontrollieren zu können.
Professor Helmut Jungermann stellt den Stand der derzeitigen
Risikoforschung so dar:
O-TON
Helmut Jungermann / TU-Berlin
Also, die Risikoforschung hat auf der einen Seite einen Punkt erreicht,
wo man sagt, wenn ich von der sozialwissenschaftlichen
Risikoforschung spreche, wo wir wissen, unter welchen Bedingungen
5
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
Menschen welche Techniken oder Technologien oder Risikoquellen als
riskant empfinden, und welche nicht. Und das ist sozusagen etabliert.
Das wahrgenommene Risiko ist gut erforscht nach 20, 30, 40 Jahren.
Das Erstaunliche, was jetzt sich herausstellt, ist, dass damit das
Problem aber nicht erledigt ist. Und zwar deswegen, weil auf der
wissenschaftlichen Seite das Risikokonzept immer problematischer
geworden ist.
SPRECHERIN
Auch wenn der Begriff Risiko hier nun schon oft gefallen ist, was
genau ist damit eigentlich gemeint? Reicht es, damit Gefahr oder
Chance zu assoziieren? Und stimmt es, wenn behauptet wird,
dass wir heute in einer „Risikogesellschaft“ leben?
O-TON
Gerald Mackenthun, Psychotherapeut
Risiko ist aus meiner Sicht eine abstrakte Gefährdung, eine mögliche
Gefahr, aber noch nicht die Gefahr selbst. Es besteht eine gewisse
Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Gefahr. Und vor allen Dingen, Risiko
ist noch lange nicht ein Schaden. Das wäre so der Ablauf: Risiko Gefahr – Schaden.
SPRECHERIN
Gerald Mackenthun ist Psychotherapeut und hat 2001 mit Walter
Krämer ein Buch unter dem Titel „Die Panikmacher“ geschrieben.
In diesem Buch nahmen sich die Autoren etliche Risikoszenarien
vor wie zum Beispiel Handystrahlung, Krebs erzeugende
Substanzen in Lebensmitteln, Gefahren von Zahnfüllungen aus
Amalgam oder Leukämiefälle in der Nähe von Atomkraftwerken.
Besonders hart geht Gerald Mackenthun mit dem Begriff der
Risikogesellschaft ins Gericht.
O-TON
Gerald Mackenthun, Psychotherapeut
Die These von der Risikogesellschaft geht auf den Soziologen Ulrich
Beck zurück. Er hat schon vor über 20 Jahren über dieses Phänomen
geschrieben, meines Erachtens falsch. Wir leben nicht in einer
Risikogesellschaft, allenfalls in dem Sinne, dass immer mehr winzigste
Risiken zu großen Risiken aufgebläht werden, und zwar hauptsächlich
über die Medien. Wenn wir aber ein bisschen mehr in die Historie, in die
Geschichte der Menschheit zurückgucken, so leben wir in der sichersten
aller Welten. Sicher nicht in der besten aller Welten, aber in der
sichersten aller Welten, und der Hauptbeweis dafür ist die steigende
Lebenserwartung. Das gilt natürlich nicht global. Wir müssen immer
gucken, schauen wir auf Deutschland, schauen wir auf Europa, schauen
wir auf die Industrieländer, in vielen Teilen der Welt ist noch viel zu
machen, was die Risikoreduzierung des Lebens angeht, aber wir stehen
absolut an der Spitze der Menschheit.
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Peter Kaiser
SPRECHER
RISIKO /12.04.2007
Und doch empfinden viele Menschen ganz gegensätzlich dazu
diese Zeit, diese Gesellschaft, in der sie leben, die sich
verändernde Umwelt und die kaum noch nachvollziehbare
Technikentwicklung als bedrohlich.
O-TON
Helmut Jungermann / TU Berlin
Deswegen spricht man davon, dass das Risiko ein soziales Konstrukt
ist. Sozial konstruiert insofern, als dass jede Risikodefinition, die Sie
nehmen, jede Risikodefinition ist letztlich eine Konvention, die man teilen
kann, aber nicht teilen muss. Nehmen wir beispielsweise Acrylamit, weil
eine schwedische Studie festgestellt hatte, Knäckebrot, Pommes Frites,
alles Gebratene, Bratkartoffeln, enthält eine gewisse krebsauslösende
Substanz, und alle regten sich auf einmal auf, obwohl keineswegs
bewiesen war, dass dadurch Menschen ums Leben gekommen sind.
Das war zunächst mal ein Verdacht. Trotzdem haben wir uns darüber
aufgeregt. Und das zeigt, es ist nicht die scheinbar sachliche einzige
Größe, nämlich die Anzahl von Schädigungen, Anzahl von Krankheiten,
die eine Rolle spielt, sondern es ist der gesamte Kontext, den wir sozial
als riskant oder weniger riskant empfinden.
MUSIKZÄSUR
SPRECHER
Dass es einen Bedarf an Risikominimierung, beziehungsweise
zunächst einmal an der Erforschung von Risiken des täglichen
Lebens gibt, daran zweifelt auch im Bundesinstitut für
Risikobewertung niemand. Ob Farbstoffe in Textilien,
Lebensmittelinhaltsstoffe oder Tierschutz, etwa 250
Wissenschaftler nehmen Tag für Tag für eine Vielzahl von
Produkten eine wissenschaftliche Risikobewertung vor.
SPRECHERIN
So hat Doktor Rene Zimmer in der Abteilung Risikokommunikation
des Bundesinstitutes viel mit Nanotechnologie, und hier speziell
mit Sonnenschutzcremes zu tun. Denn die neuen NanoSonnenschutzcremes enthalten kleine Spiegel in Form von
Silberpartikeln, die die UV-Strahlen zurückwerfen.
O-TON
Rene Zimmer / Bundesamt für Risikobewertung
Also, diskutiert wird derzeit im Bereich Kosmetik oder überhaupt im
Einsatz von Nanopartikeln der Bereich Silbernanopartikel. Das ist so ein
ganz wichtiges Thema, weil Silberpartikel verstärkt in allen möglichen
Bereichen eingesetzt werden. Sei es diese berühmte
Nanowaschmaschine, seien es die Anti-Stinke-Socken, wo Silberpartikel
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Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
mit eingewebt sind in die Socke, selbst in Nahrungsergänzungsmitteln
oder Wässerchen zum Trinken haben wir schon Silberpartikel mit drin.
Und da ist die Frage, was passiert, wenn jetzt verstärkt durch diese
ganzen Einsatzgebiete Silber ins Grundwasser gelangt und dann auch
letztlich in die Umwelt.
SPRECHERIN
Um solcherart Risiken zu ergründen, haben Industrie, Forschung
und das Bundesinstitut eine neue Verfahrensweise installiert, die
sogenannten „Verbraucherkonferenzen“ oder auch „KonsensusKonferenzen“.
O-TON
Rene Zimmer / Bundesamt für Risikobewertung
Diese Verbraucherkonferenz wird so organisiert, dass wir im Raum
Berlin-Brandenburg uns von Einwohnermeldeämtern insgesamt 6000
Adressen haben heraussuchen lassen, und diese 6000 Leute wurden
dann angeschrieben, um so an Leute heranzukommen, die nicht von
Natur aus immer aktiv sind, sich in Bürgerbewegungen sowieso schon
engagieren, sondern wirklich den Mann auf der Straße, der vorher nichts
mit Nanotechnologie zu tun hatte. Und sich dann an drei Wochenenden,
speziell zu diesem Thema schlau machen kann. Und am Ende dieser
anderthalb Tage hat sich diese Bürgergruppe zurückgezogen, und quasi
über Nacht ihre Stellungnahme, ihr Votum zur Nanotechnologie verfasst,
und es wurde dann am nächsten Morgen, feierlich, der Politik und
anderen Interessenvertretern überreicht.
SPRECHERIN
Nicht zufällig erinnert dieses Verfahren an das amerikanische
Schöffensystem bei Gerichtsprozessen.
O-TON
Rene Zimmer / Bundesamt für Risikobewertung
Genau daran lehnt es sich auch an. Also, von dort ist es ursprünglich
auch gekommen, es wurde erst aufgegriffen in Dänemark, die dann das
unter dem Namen „Konsensus-Konferenzen“ verkauft haben. Und man
hat dort eben wirklich diese Laienjury übertragen aus dem Gericht auf
technische Sachverhalte, auf Umweltsachverhalte, um dort halt ein
Laienurteil zu einer Technologie, zu Risiken einer Technologie zu
bekommen.
SPRECHER
Auch Gerald Mackenthun hält das neue Verfahren für geeignet,
überzogene Risikowahrnehmungen vielleicht schon im Vorfeld
auszubremsen. Dennoch hat er Vorbehalte.
O-TON
Gerald Mackenthun, TU Berlin
Wenn es darum geht, eine neue große industrielle technische Anlage
irgendwo hinzusetzen, dann sollte unbedingt die Bevölkerung der
Umgebung mit einbezogen werden. Das Problem ist, in dem Moment,
wo sie als Firma eine solche Konferenz einberufen und offen über
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Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
Risiken sprechen, passiert nicht das, was sich die Firma vorstellt,
nämlich dass alle beruhigt sind, sondern alle werden vielmehr
beunruhigt. Durch dieses Tal muss man hindurchgehen, also, ich bin
trotzdem dafür, diese Konsenskonferenzen zu machen, um dann auf
lange Sicht, oder mittelfristig in Jahren gerechnet, ein Sicherheitsgefühl
zu verbessern und zu erzeugen. Wenn es darum geht, dass Laien das
Risiko einer Technik beurteilen sollten, dann wäre ich dagegen. Denn
dann werden sich diejenigen zu Wort melden, die einerseits ängstlich
sind und andererseits zusätzlich eloquent sind und darüber sprechen
können. Und dann wird es ganz ganz schwierig, irgendetwas
durchzusetzen, denn diese Gruppierungen, die sich da bilden, die sind
ungeheuer hartnäckig und werden bis zum Ende kämpfen.
MUSIKZÄSUR
O-TON
Astrid Epp / Bundesamt für Risikobewertung
Ich denke, dass wir es in sehr vielen Bereichen einfach mit Dingen zu
tun haben, oder mit Fragestellungen, wo es die Informationen, die wir
brauchen, die gibt es gar nicht. Im Grunde genommen hat man nie
genug Informationen, um ganz sicher zu sein. Und das ist, im Grunde
genommen, das Dilemma. Und dass das heute so heiß diskutiert wird,
hängt damit zusammen, dass man sich dieses Umstandes auch immer
stärker bewusst wird. Dass man im Grunde genommen weiß, was man
alles nicht weiß. Man weiß auch, dass man zwar handeln muss und
Entscheidungen treffen muss, dass es aber immer einen großen Bereich
gibt, der unsicher ist, und wo man nicht einfach sagen kann, da fehlen
uns noch die und die Informationen, sondern wo einfach klar ist, da
werden wir in zehn Jahren noch ganz andere Dinge wissen, die können
wir heute nicht wissen, aber wir können nicht zehn Jahre warten, um zu
handeln. Die Klimaveränderung ist vielleicht grade ein sehr populäres
Beispiel dafür.
SPRECHERIN
Was die Soziologin Astrid Epp vom Bundesamt für
Risikobewertung hier formuliert, ist womöglich eines der
gravierenden Probleme unserer Tage. Am Beispiel des Risikos,
das der Klimawandel beinhaltet, wird die gewaltige
Informationslücke deutlich, die es unmöglich macht, sichere
Vorhersagen über eventuelle Gefahren zu treffen.
SPRECHER
Dazu auch Helmut Jungermann von der Technischen Universität
Berlin:
O-TON
Helmut Jungermann / TU Berlin
Das Risiko des Klimawandels ist ja schon kaum quantifizierbar. Man
kann sagen, es wird wohl dazu kommen, und es gibt Szenarien, die den
Klimawandel beschreiben, aber wir haben natürlich dort keine
quantitativen Größen. Also, jedenfalls keine quantitative
9
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
Risikoabschätzung im klassischen Sinne, wie wir das Risiko einschätzen
können, dass durch Röntgen oder durch Mikrowelle oder durch
Rasenmäher jemand zu Schaden kommt. Es gibt andere Bereiche, eben
in der Epidemiologie, wo es immer schwerer wird zu sagen, es gibt eine
bestimmte Wahrscheinlichkeit, mit der ein bestimmter Schaden auftritt.
SPRECHERIN
Astrid Epp, die im Bundesamt in der Fachgruppe
Risikoabschätzung und Folgenbeurteilung arbeitet, bewegt vor
allem die Frage des Umgangs mit Unsicherheit. Warum das Risiko
einmal als Gefahr und ein andermal als nutzbringend definiert
wird, erläutert sie so:
O-TON
Astrid Epp / Bundesamt für Risikobewertung
Es gibt den Gegensatz zwischen Risiko und Gefahr, womit man
klarmachen möchte, dass Risiko nicht nur etwas Negatives ist. Also,
Risiko nicht gleich Gefahr, und deshalb als Gegensatz zu Sicherheit zu
verstehen ist, sondern dass man sagt: Risiko beinhaltet ja auch immer
die Chance. Also, in dem Moment, in dem ich ein Risiko eingehe, habe
ich aber vielleicht auch einen Nutzen, denn deshalb gehe ich ein Risiko
ein.
SPRECHER
Sicherheit als Gegenteil von Risiko, als Antonym, wie die
Soziologen sagen. Ähnlich wie hell und dunkel, wahr und unwahr,
richtig und falsch.
SPRECHERIN
Die Begriffe wahr und unwahr sind auch für die Risikoforschung
von Bedeutung. Doch mittlerweile hat sich die aus der
aristotelischen Logik stammende Struktur erweitert.
SPRECHER
1964 gibt der Philosoph Gotthard Günther dem Norddeutschen
Rundfunk ein Interview. Dabei erläutert er seine mehrwertige
Logik. Sie wird später als „Günther-Logik“ Eingang in die
philosophisch-mathematischen Berechnungssysteme der
Risikoforscher finden. Hier ein erster Ausschnitt aus jenem
Interview.
O-TON
Gotthard Günther / Archiv NDR
Stellen Sie sich das bitte folgendermaßen vor: Sie haben eine Tafel, in
der die Werte WAHR oder FALSCH in senkrechte Kolonnen
angeschrieben sind. Über der ersten Kolonne steht, sagen wir mal, den
Buchstaben P geschrieben. Das heißt, als logische Abkürzung für
10
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
irgendeine Aussage. Nehmen wir mal an, das ist die Aussage, die
Sonne scheint. Und dann, nächst zu P horizontal steht Q. Und das soll
eine Aussage sein, nehmen wir mal an, es ist warm. Und nun haben wir
unter P und Q die Werte wahr und falsch so angeordnet.
SPRECHER
Der 1900 geborene Philosoph verknüpfte verschiedene
Logiksysteme miteinander. So wurde es möglich, neue logische
Strukturen für neue Fragen, etwa nach Identitäten, zu erhalten.
Der Philosoph Peter Sloterdijk entdeckte in unseren Tagen den
lange Jahre vergessenen Gotthard Günther neu.
SPRECHERIN
Ich habe in den letzten Jahren, notiert Sloterdijk, mein zweites
Studium von Gotthard Günthers philosophischem Werk begonnen.
Seither stehe ich unter dem Eindruck, dass es für die Kultur im
ganzen und für die wissenschaftlichen Subkulturen im besonderen
darauf ankommt, die Revolution der mehrwertigen Logik
voranzutreiben, die Gotthard Günther skizziert hat.
O-TON
Gotthard Günther / Archiv NDR
Und nun bilden wir den Satz, in dem die logische Konstante UND
vorkommt. Nämlich, die Sonne scheint, das ist P, UND es ist warm. Es
ist ganz klar, dass diese Konstante, diese Verbindung nur in einem
einzigen Falle wahr sein kann, nämlich wenn es sowohl der Fall ist, dass
die Sonne scheint, als auch, dass es warm ist. Wenn die Sonne nicht
scheint und es warm ist, dann ist das UND natürlich nicht gültig. Oder
wenn die Sonne zwar scheint, aber es sehr kalt ist, dann ist es auch
nicht gültig. Und wenn weder die Sonne scheint, noch es warm ist, dann
ist es ebenfalls nicht gültig.
SPRECHERIN
Mehrwertige Logik ist ein Oberbegriff für alle logischen Systeme,
die mehr als zwei Wahrheitswerte verwenden. So bestimmen
beispielsweise die Wahrheitswerte „wahr“, „falsch“ und „möglich“
die dreiwertige Logik.
SPRECHER
Gotthard Günther starb 1984 im Alter von 84 Jahren in Hamburg.
Sein Verdienst besteht darin, dass er die Grenzen der klassischen
Logik erkannt hat und ihr ein neues System zur Seite stellt. Noch
einmal ein Ausschnitt aus dem Interview für den Norddeutschen
Rundfunk 1964.
11
Peter Kaiser
O-TON
RISIKO /12.04.2007
Gotthard Günther / Archiv NDR
Meiner Ansicht nach muss eine philosophische Logik der Zukunft so
umfangreich und so generell sein, dass sie auf der einen Seite eben die
mathematische Logik, so wie sie bis heute entwickelt ist, auf der
anderen Seite die traditionelle aristotelische Logik und die
transzendentale Logik des deutschen Idealismus gleicherweise umfasst.
Und die Methode, das zu tun, ist meiner Ansicht nach, der Übergang
von der zweiwertigen aristotelischen Logik (...) zu einer generell
mehrwertigen Logik.
MUSIKZÄSUR
SPRECHERIN
Am Beispiel des Klimawandels sollte die gewaltige
Informationslücke verdeutlicht werden, die es unmöglich macht,
sichere Vorhersagen zu treffen. Für die Versicherungswirtschaft ist
dieses Problem ein einziges Desaster, eine Art „Risiko-GAU“.
Denn wie lässt sich eine Region versichern, wie etwa Südostasien
oder die amerikanische Ostküste, die immer mehr von
Wirbelstürmen, Flutwellen und anderen extremen Vorfällen
betroffen ist? Wie lässt sich ein Versicherungsrisiko für solche
Ereignisse berechnen?
O-TON
Eberhard Faust / Münchner Rück
Wenn wir von Risiko sprechen, dann geht da einmal ein, dass wir ein
Ensemble von versicherten Werten in irgendeiner Region haben, so was
nennen wir ein Portefeuille. Dieses Ensemble von versicherten Werten
ist dort einer Naturgefahr ausgesetzt. Das kann beispielsweise ein
Hurrikan sein, der sowohl ein Windfeld hat, starke Böen, als auch im
küstennahen Bereich eine Sturmflut auflaufen lässt, und damit auch
Schäden verursacht. Wir haben also ein Ensemble versicherter Werte,
wir haben eine Naturgefahr, und wir haben Schadenempfindlichkeiten
dieser einzelnen versicherten Objekte, die da am Boden stehen. Das
Dach kann wegfliegen, die Fensterscheiben können eingedrückt
werden, der Keller kann voll laufen und dort Werte, Kühlschränke, EDVAnlagen usw. zerstören. Wenn all dieses zusammenkommt, dann steht
der versicherte Wert im Risiko. Er hat ein Schadenpotential. So ist der
Begriff Risiko zu verstehen. Was tun wir jetzt, um mit solchen Risiken
umzugehen, was tun wir in unserem Risikomanagement?
SPRECHERIN
Eberhard Faust leitet bei der Münchner Rück, dem weltweit
größten Rückversicherer, den Fachbereich Klimarisiken.
O-TON
Eberhard Faust / Münchner Rück
Eines der wichtigsten Instrumente ist, dass wir ein Schadenmodell
haben, das uns in die Lage versetzt, also in diesem Schadenmodel ist
12
Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
die Region präsentiert mit den dort vorhandenen versicherten Werten,
da ist aber auch ein Abbild der Naturgefahr präsent, und es ist ein
funktionaler Zusammenhang in dieses Modell eingebaut, der Auskunft
darüber gibt, bei welcher Stärke des Windes, um mal ein Beispiel zu
nehmen, sich welcher relative Schaden am Objekt, also wie viel Prozent
des versicherten Wertes sich in Schaden umsetzt, der das klärt. All
diese Komponenten brauche ich, dann kann ich mit diesem
Schadenmodell berechnen, wie viel im Mittel ich pro Jahr und pro
Naturgefahr, also Wind, Sturm, ich für dieses Portefeuille an Schaden
bekomme.
SPRECHERIN
Bei einem Rückversicherer gehen Versicherungsunternehmen
eine Zusatzversicherung ein, um mit eventuellen
Schadensforderungen seitens der Versicherungsnehmer nicht
allein dazustehen.
O-TON
Eberhard Faust / Münchner Rück
Ich brauche meteorologische Daten aus der Vergangenheit, wenn ich
mich auf die Gefahr Hurrikan mal beziehen darf, wie im Laufe der letzten
100 Jahre Stürme gezogen sind, welche Windgeschwindigkeiten sie da
längs ihrer Zugbahn erreicht haben. Solche Informationen bekomme ich
von meteorologischen Agenturen. Dann brauche ich auf der anderen
Seite, aus dem Bereich der Versicherung, Informationen darüber,
welche versicherten Werte ich am Boden in der jeweiligen Region, die
ich da betrachte, stehen habe. Eine dritte Information, die ich benötige,
ist, wie im Einzelnen verschiedene Typen von Gebäuden
schadenempfindlich sind gegenüber Wind oder gegenüber Überflutung.
Beides Schaden bestimmende Parameter eines Hurrikans. Und all das
bringe ich in so einem Modell zusammen und bekomme dann die vorhin
skizzierten Ergebnisse.
SPRECHER
Jedes Jahr werden die Wetter- und Schadensrisiken weltweit für
alle Regionen neu definiert. Blickt man auf die zurückliegenden
Jahrzehnte und beachtet dabei die immer dichter werdenden
Strukturen in städtischen Ballungszentren sowie den Anstieg von
Naturgefahren, so besteht Anlass zu großer Sorge, meint
Eberhard Faust.
O-TON
Eberhard Faust / Münchner Rück
Wenn wir die Schäden, die aus Naturgefahren resultieren, das können
sowohl atmosphärische sein, wie die erwähntenStürme, als auch
geophysikalische, die mit Wetter und Klima gar nichts zu tun haben, wie
der Tsunami, wenn wir diese Zeitreihen anschauen, dann stellen wir
tatsächlich fest, dass wir über die Jahrzehnte einen steilen
Anstiegstrend sowohl bei der Anzahl solcher großen Ereignisse,
Naturgefahrenereignisse, als auch bei den Versicherten und
gesamtwirtschaftlichen Schäden aus solchen Ereignissen haben.
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Peter Kaiser
RISIKO /12.04.2007
ATMO
Roboter OFRO und MOSROW, Ultraschallknacken, dann
Sirren und Rumpeln, OFRO: „Please identify yourself.“
SPRECHERIN
Risiken wird es stets geben. Bei allem, was der Mensch tut,
entsteht ein Risiko. Dass die immer komplexer werdende
Risikoforschung sich flankierend mit Situationen auseinandersetzt,
die uns in der Zukunft betreffen können, wird helfen, eine
funktionierende Gefahrenabwehr zu installieren. Doch bei allem
sollte nicht vergessen werden, meint auch Professor Helmut
Jungermann von der Technischen Universität Berlin: Manche
Risiken sind verlockend.
O-TON
Helmut Jungermann / TU-Berlin
Ob Sie unter einer Palme entlanggehen, wissend, dass dort Ihnen eine
Kokosnuss auf den Kopf fallen kann, weil aber auf der anderen Seite ein
schönes Mädchen steht, also, das haben wir immer so getan. Wir sind
immer Risiken eingegangen, um irgendetwas für uns zu gewinnen. Und
deswegen gibt es ja auch diesen trivialen alten Spruch, den man immer
nur zitieren kann: Life ist riskier. Wann immer wir etwas tun, oder wann
immer wir etwas nicht tun, es kann etwas schief gehen.
MUSIKSCHLUSS
ATMO
Roboter: “Ich schalte jetzt ab.“
14
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