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Diese Frau hat was! - pfrrh.de

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Predigt zu Matthäus 15, 21-28
12. Oktober 2014
Diese Frau hat was!
Liebe Gemeinde, der für diesen Sonntag vorgeschlagene Evangeliums-Text fasziniert mich immer wieder,
wenn ich auf ihn stoße. Es ist ein seltsamer Text, der nur im Matthäus- und Markus-Evangelium zu finden
ist. Da wird etwas von Jesus erzählt, was so gar nicht in unser Bild passt, das wir uns von Jesus gemacht
haben. Da wird Jesus von einer Frau um Hilfe gebeten, und zunächst reagiert er überhaupt nicht. Und dann,
als die Frau nicht locker lässt, dann sagt er knallhart: „Mit Dir habe ich nichts zu tun.“ Und erst nach einer
längeren Diskussion lässt er sich herab, der Frau zu helfen.
Hören Sie einmal rein in den Text. Er steht in Matthäus 15, die Verse 21 bis 28; ich lese nach Luther. Da
heißt es:
„Jesus zog sich (nach einer nervigen und unerfreulichen Diskussion mit Pharisäern, Schriftgelehrten und
auch seinen Jüngern) zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus
diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem
bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und
sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die
Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Krümeln, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre
Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“
Soweit der Predigttext, der irgendwie so gar nicht dem Jesus- und Gottesbild entspricht, das wir so haben.
Lassen Sie mich versuchen, Ihnen anhand dieser merkwürdigen Begebenheit das deutlich zu machen, was
mir dabei deutlich geworden ist. Wie üblich drei Gedanken dazu.
1.
Der Auftrag Jesu
Darüber müssen wir zunächst reden, denn das ist ja der Grund, warum Jesus erst einmal ablehnt, sich
überhaupt mit dieser Frau zu beschäftigen: „Ich bin“, sagt er, „ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“.
Und dazu gehörte die Frau de facto nicht. Sie war keine Israelitin, also kein Gemeindeglied des Volkes Israel. Sie war Ureinwohnerin des Gebietes Kanaan, in dem die Stämme Israels gesiedelt hatten – eine Heidin
aus der Gegend von Tyrus und Sidon – zwei alte phönizische Handelsstädte an der Ostküste des Mittelmeeres im heutigen Libanon.
In diese Gegend hatte sich Jesus nach seinen Streitgesprächen mit den damaligen Theologen zurückgezogen, und hier begegnet ihm diese Frau, die offenbar von ihm gehört hatte und sich nun – fürbittend für ihre
kranke Tochter – an ihn wendet mit der Bitte um Hilfe: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. – Und Jesus antwortete ihr kein Wort.“
Alles war richtig – die Anrede (Herr, du Sohn Davids), die Bitte um Erbarmen, die Fürbitte für ihre Tochter.
Was offenbar nicht stimmte, war die Frau selbst – genauer gesagt ihre fehlende Gemeinde-Zugehörigkeit
zum Volk Israel.
Hier könnte man viele Fragen stellen: Was kann denn die Frau dafür, dass sie nicht als Israelitin geboren
wurde? Liebt Gott nicht alle Menschen? Warum freut er sich nicht über einen Menschen, der ihn offenbar
als Herrn und Gott erkannt hat und ihn entsprechend anredet? Ist es nicht erklärter Wille Gottes, dass allen
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Predigt zu Matthäus 15, 21-28
12. Oktober 2014
Menschen geholfen wird? Hat auch Jesus sich – wie wir manchmal auch – von unerfreulichen Erlebnissen
vorher so beeinflussen lassen, dass er grob und abweisend wird? Oder gibt es für Jesus so etwas wie eine
Rangordnung, Privilegien, Sonderrechte? Oder musste Jesus gar mit seinen Kräften haushalten – hatte er
nicht genug Kraft für alle?
Solche Überlegungen und Fragen interessieren Jesus überhaupt nicht. Er folgt zunächst strikt dem ihm von
Gott erteilten Auftrag: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“
Liebe Gemeinde, warum Jesus zunächst ausschließlich als Heiland für das Volk Israel beauftragt war, das
weiß ich nicht. Heute wissen wir, dass Jesus für das Heil aller Menschen gekommen ist. „Gehet hin“, sagt
Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt, „gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“
Warum das so ist, können wir nicht erklären. Lassen Sie uns diese Entwicklung im Auftrag Jesu einfach so
zur Kenntnis nehmen und dabei registrieren, dass es Jesus anscheinend sehr wichtig war, zunächst im Rahmen seines ihm von Gott gegebenen Auftrags zu bleiben.
Lassen Sie uns über die Gründe Gottes nicht herum spekulieren, sondern festhalten, dass es auch bei Gott
Zeiten des Schweigens gibt. Auch wir, die wir ja zur Gemeinde Jesu gehören, machen immer wieder die
Erfahrung dieser Frau, dass Gott / dass Jesus [zunächst einmal] schweigt.
Dazu ein zweiter Gedanke:
2.
„Und er antwortete ihr kein Wort.“
Liebe Gemeinde, ich denke, wir kennen das alle – und ich schließe hier einfach mal von meinen Erfahrungen auf Ihre: Da wenden wir uns mit einer Not an unseren Gott und haben das Gefühl, dass unser Gott uns
richtiggehend im Stich lässt: „Und er antwortete ihr kein Wort.“
Wer das Reden Gottes schon erlebt hat, für den ist die Erfahrung seines Schweigens beinahe schmerzhaft.
Sein Schweigen auszuhalten – das gehört zu den schwierigsten Erfahrungen des Glaubens.
Da gibt es Zeiten in unserem Leben, in denen unser Gott uns anscheinend nicht hört und uns schon gar
nicht antwortet: „Und er antwortete ihr kein Wort.“
Wo früher Gottes Wort das Herz erreicht hat, wo man Gottes Nähe und Wärme erlebt hat, ist es auf einmal
so, als ob Gott sich zurückgezogen hat und Kälte einzieht. Er redet einfach nicht mehr. Er erreicht mein Herz
nicht mehr. Ich kann die tröstliche Stimme des „guten Hirten“ nicht mehr verstehen; ich spüre seine Fürsorge nicht mehr.
Auch Jesus hat das Schweigen Gottes erlebt. Am Kreuz schreit er seine Verzweiflung mit Worten aus Psalm
22 heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27, 46).
Und ein Blick in die Psalmen zeigt: Auch die Beter der Bibel wissen um das Schweigen Gottes, um die ganze
Unsicherheit und Einsamkeit. Sie kennen solche Situationen nur zu gut. Deshalb rufen sie: „Wende dich
nicht schweigend von mir ab. Wenn du verstummst, werde ich den Menschen gleich, die in die Grube versinken“ (Ps 28, 1). Oder der verzweifelte Ruf: „Höre mein Gebet, Herr, und vernimm doch mein Schreien,
schweige nicht zu meinen Tränen“ (Ps 39, 13). Oder die dringende Bitte: „Gott, schweige doch nicht! Gott,
bleib nicht so still und ruhig!“ (Ps 83, 2). Der ganze Psalter ist voll von dieser Erfahrung – eine Erfahrung, die
gläubige Menschen über die Jahrtausende hinweg immer wieder gemacht haben.
Da lesen wir unsere Bibel und haben das Gefühl, dass da nun auch gar nichts rüberkommt aus der Wirklichkeit Gottes hinein in unser Leben. Die biblischen Texte erreichen nicht mein Herz. „Und er antwortete ihr
kein Wort.“
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Predigt zu Matthäus 15, 21-28
12. Oktober 2014
Beim Beten habe ich das Gefühl, meine Worte erreichen nur die nächste Wand oder verklingen im endlosen Nichts des Universums. „Und er antwortete ihr kein Wort.“
Da engagiert sich so mancher treu in der Gemeinde und muss erleben, dass das eigene geistliche Leben
immer magerer wird: „Und er antwortete ihr kein Wort.“
Das ist wohl die schlimmste Erfahrung des Glaubens, wenn Gott schweigt. Wenn man das Gefühl hat: Gott
redet nicht mehr mit mir. Der Himmel ist verschlossen. Gott hat sich anscheinend verborgen. Ich fühle mich
von Gott verlassen und allein. Und häufig kommen dann Zweifel: Wo ist Gott denn? Ist er wirklich noch da?
Hat er mich verlassen? Hat er mich verstoßen? Hat er mir den Rücken gekehrt? Und dann macht sich Dunkelheit in uns breit.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber nannte diese Erfahrung „Gottesfinsternis“. Der Mystiker Johannes vom Kreuz bezeichnete sie als „die dunkle Nacht der Seele“, und Martin Luther sprach vom „verborgenen Gott“.
Und es ist beileibe nicht leicht, dieses Schweigen Gottes auszuhalten und trotzdem nicht locker zu lassen,
trotzdem am Glauben fest zu halten, trotzdem Gott in den Ohren zu liegen.
Die Frau in unserem Predigttext tut das und macht schließlich die Erfahrungen, dass Jesus sie letztlich doch
nicht im Stich lässt.
Dazu ein dritter und letzter Gedanke.
3.
Diese Frau hat was …
Liebe Gemeinde, diese Frau ist wirklich hartnäckig in Reinkultur! Sie ruft Jesus an und bleibt auch dann
noch dran, als er sie weder beachtet noch ihr antwortet. Und sie lässt sich auch durch die Jünger Jesu nicht
wegdrängen, die Jesus auffordern, diesen ihre Frömmigkeit störenden Quälgeist doch endlich wegzuschicken. Im Gegenteil: Sie kommt näher, fällt vor Jesus auf die Knie und bittet weiter um Hilfe. Und damit nicht
genug: Auch die ablehnenden und unfreundlichen Worte Jesu halten sie nicht auf – sie beginnt verzweifelt
zu diskutieren.
Die Frau ist nicht nur hartnäckig und zielbewusst – sie ist auch nicht auf den Mund gefallen. Fast unverschämt und ohne sich beirren zu lassen, redet sie weiter und gibt nicht auf, bis Jesus ihr ihren Wunsch erfüllt.
Das ganze Geschehen klingt fast so, als ob Jesus ihre Tochter nur deshalb heilt, damit er diese Frau endlich
loswird – weil er endlich Ruhe haben will! Fast menschlich sieht Jesus hier aus – und, liebe Gemeinde, das
ist er ja auch. „Wahrer Gott und wahrer Mensch“ – so haben die ersten Christen ihn zu beschreiben versucht.
Da „nervt“ ein Mensch so lange, bis Gott sich schließlich erweichen lässt. So etwas ist anscheinend möglich
bei unserem Gott! Und das Tollste, liebe Gemeinde, das Tollste kommt überhaupt erst noch: Dieses unbeirrbare, hartnäckige, fast unverschämt anmutende Diskutieren dieser Frau, das nennt Jesus „Glaube“!
„Frau“, sagt er, „dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde“.
Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen! Da ist ein Mensch, der nicht den blassesten Schimmer hat
von Inhalten des christlichen Glaubens. Die Frau war nicht getauft, nie im Konfirmandenunterricht, kannte
eine Kirche höchstens von außen, konnte mit Sicherheit kein Glaubensbekenntnis aufsagen. Und ausgerechnet ihr bestätigt Jesus nicht nur Glauben, sondern großen Glauben! Und nur, weil sie sich in ihrer
Not an Jesus wendet, von ihm Hilfe erhofft und hartnäckig nicht locker lässt! Das soll „Glaube“ sein!?
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Predigt zu Matthäus 15, 21-28
12. Oktober 2014
Ja, liebe Gemeinde, das ist Glaube! Das und nichts anderes. Christlicher Glaube bedeutet ja nicht „etwas
vermuten“, „etwas nicht genau wissen“ – diese Bedeutung hat das Wort „Glaube“ nur in unserer Umgangssprache. Christlicher Glaube ist das nicht.
Christlicher Glaube ist auch nicht das rein intellektuelle Fürwahr-Halten christlicher Glaubensinhalte, das
starre Festhalten an Dogmen und Ordnungen, das Festhalten an überlieferten Traditionen. Und das hat mit
„Glaube“, wie ihn Jesus versteht, überhaupt nichts zu tun. Und beim christlichen Glauben geht es auch
nicht lediglich um ein paar religiöse Gedanken und luftige Gefühle, die das Leben vielleicht irgendwie bereichern könnten. Nein – beim christlichen Glauben geht es um eine bewusste Hinwendung unserer Person
und unseres Lebens zu Gott.
Und genau das hat die kanaanäische Frau getan – sich mit ganzem Einsatz und mit ihrer ganzen Person und
mit ihrer aktuellen Not an den lebendigen Gott gewandt, der ihr da in der Person des Jesus von Nazareth
begegnet ist. Das nennt Jesus „Glaube“. Und weil die Frau so hartnäckig ist und sich auch durch die widrigen Umstände nicht beirren lässt, bescheinigt ihr Jesus: „Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“
Und das, liebe Gemeinde, das möchte Gott uns heute wissen lassen: Wenn Jesus sich schon – trotz seines
zunächst eng umrissenen Auftrags – von dieser Frau erweichen lässt, über seinen Auftrag hinaus zu handeln
– um wie viel mehr wird er handeln, wenn eines seiner Kinder sich an ihn wendet und hartnäckig nicht aufgibt, bis Jesus sich ihm zuwendet und antwortet!
Vielleicht ist es das, was wir heute in unserem Glaubensleben und vor allem während der Erfahrung des
Schweigens Gottes brauchen: mehr Zielstrebigkeit, mit Gott über das zu reden, was uns unter den Nägeln
brennt, mehr Ausdauer im Vertrauen auf die Möglichkeiten Gottes, und mehr Durchhaltevermögen, Gott
mit unseren Problemen in den Ohren zu liegen. Amen.
Ich glaube, liebe Gemeinde, Jesus wünscht sich für uns eine Mischung zwischen Pharisäer und Zöllner –
genauer gesagt: einen Pharisäer mit der Einstellung eines Zöllners. Im Klartext: Jesus wünscht sich Christen,
die nach dem Willen Gottes fragen, sich daran orientieren und sich dabei voll bewusst sind, dass die Gnade
und Annahme Gottes ein pures Geschenk ist und bleibt. Amen.
© Pfr. Rainer Harmßen
r.harmssen@clarenbach-kgm.de
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