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Kunstraub. Sie greifen zu, wir gucken weg, was macht - Heimat.de

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Kunstraub. Sie greifen zu, wir gucken weg, was macht der liebe Gott?
Ein interaktives Ausstellungskonzept der Atelierwerkstatt Daniela Knizia
„Die Schöpfung wie das Verbrechen sind zwar emergente,
plötzliche Akte, entstehen aber weder aus dem Nichts noch
aus einer einzigen Ursache. Die Schuld ist nur ein subjektiver
isolierter Knoten innerhalb einer zu keinem Ende hin
1
verfolgbare Verstrickung.“
1
Botho Strauß: Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie. München: Carl Hanser, 1992. S.
38.
„Kunstraub.“ ist die erste Veranstaltung der Atelierwerkstatt Daniela Knizia, die auf einem
interaktiven Ausstellungskonzept basiert. Hier wird der bewusste Kontakt mit Kunst auf äußerst
prekäre Weise provoziert: Kunst steht hier nicht zum Verkauf sondern zum Klau. Wer eines der
Kunstwerke besitzen will, der muss dieses tatsächlich stehlen. Man sollte jedoch zuvor einen Blick auf
die Preise werfen (die übrigens äußerst zivil bemessen sind), denn wer bei dieser Art von Kunstraub
ertappt wird, der muss das Diebesgut bezahlen und darf es dann selbstverständlich behalten; die
Kunst wird somit zum Raubgut, der Kunde zum Dieb – die Strafe ist keine Strafe mehr sondern dient
der Erfüllung der Sehnsucht nach dem besonders begehrten Objekt. Der Verlust wird dem Künstler
durch die monetäre Sühnezahlung vergolten. Falls jedoch der Diebstahl unbemerkt geschieht, erfährt
das Entwendete durch den Dieb eine Wertsteigerung. Es wird ja schließlich nur gestohlen, was dem
Dieb die Sünde wert ist. Bei dieser provokanten Inszenierung wird eine ganz besondere Beziehung
zwischen Mensch und Kunst ins Rampenlicht gespielt, der in der Kriminalgeschichte der letzten
Jahrhunderte eine ganz besondere Rolle zukam: Die Lust daran ein Kunstwerk zu stehlen.
Kunst berührt Menschen aller Couleur aus allen Kulturen. Sie nimmt Kontakt auf, nicht nur mit
dem heimlichsten Innersten sondern sie erfüllt auch ganz alltägliche Bedürfnisse. Sie ermöglicht das
etwas andere Sehen und Fühlen, das Abstandnehmen von Routine und Alltagsgrau durch die
besondere Berührung, die sich von der einfachen Zustimmung bis hin zur glühenden Begierde
steigern kann. So können Kunstwerke auf Menschen beruhigend harmonisch wirken, durch
ästhetische Struktur aufwühlen, ja gar verstören bis ins Mark. Nichtsdestotrotz bleiben sie immer das
Ziel der Suche nach dem auratischen Moment, der sinnlichen Verschmelzung mit dem Objekt. Man
denke beispielweise an den aufsehenerregenden Diebstahl der Munch-Bilder in Oslo und an viele
andere Werke, die in den letzten 100 Jahren entwendet wurden. Viele der grandiosen Kunstwerke
zeitgenössischer Künstler sind für durchschnittliche Erdenbürger unbezahlbar, die ersehnte Nähe zum
Schönen und Sinnlichen ist bis in alle Ewigkeit ins Reich der Träume verbannt. Oder vielleicht doch
nicht? Was würden wir tun, um das Objekt unserer visuellen Begierden zu erlangen? An dieser Stelle
drängt sich die Frage nach dem tatsächlichen Wert der Kunst auf, die so schwer wenn nicht gar keine
Beantwortung finden kann.
Kunst stimuliert und inspiriert nicht nur, sie verleiht dem menschlichen Geiste selbst eine Art
materiellen Ausdruck. Ob man durch sie tatsächlich den revolutionären Atem einer Nation zu spüren
vermag gibt sich doch oftmals erst im Nachhinein zu erkennen. Wonach bemisst sich also der
eigentliche Wert der Kunst? Ein Faktor ist die Beurteilung des Künstlers selbst. Der Künstler
berechnet vielleicht nach Materialart, -Auftrag und Arbeitstunde und lässt sich seine Idee und
Handschrift gut bezahlen. Dieser Wert steht jedoch in vielen Fällen in keinem Verhältnis zu dem Preis,
den der Kunde bereit ist zu zahlen, denn dieser ist stets auf der unsicheren Seite, wenn er versucht
das Preis-Leistungsverhältnis zu beurteilen. Dann kommt der Faktor der eventuellen Wertsteigerung
hinzu, auf den die meisten hoffen, die ein Kunstwerk erwerben. Heutzutage fällt es besonders schwer
den Mainstream von der Massenware, das Besondere vom kitschigen Abglanz zu unterscheiden. So
scheint der Wert der Kunst vielmehr in der glücklichen Hand des Verkäufers oder Auktionators zu
liegen, der mit geschickten Händen die Preise der Werke ins Unermessliche zu dirigieren vermag.
Selbst der umstrittene Kauf beim virtuellen „1, 2, 3 Meins“ ist einigen recht und billig genug, um in den
heißersehnten Besitz eines echten Kunstwerks zu kommen. Was nun letztendlich mehr reizt ist nicht
mehr auszumachen – war es das Beschaffen oder ist es das Objekt selbst, das den Preis bestimmt
hat? Oder war es beides?
Vorbei an Einkaufswagen, die bis oben hin gefüllt sind mit Plastebildern in 1000er Auflage aus
dem Möbelmarkt, vergeht einem so richtig der Appetit auf die Moderne; kann man doch in der kleinen
Galerie von nebenan für den selben Preis ein Original erstehen, nur ist der Künstler weder schon tot
noch ein Popstar, der Autogramme vorm Ausstellungssaal verteilt. Welch Hohn ist da die Frage für
das Ohr des Künstlers, ob das Werk denn seinen Preis auch rechtfertigt? Ob dieses denn auch eine
gute Wertanlage sei? So oft verlassen zunächst begeisterte Kunden schweren Herzens ein Atelier,
weil sie sich nicht getraut haben etwas ihnen vom Ansehen Liebgewordenes zu kaufen. Die Angst,
dass man für die Entscheidung ausgelacht werden könne oder sogar dafür keinen Geschmack zu
besitzen oder gar keine Ahnung von Kunst, die versagt einem den Wunsch nach der ersehnten Nähe.
Der materielle und der ideelle Wert der Kunst scheinen sich nicht für jedermann so
offensichtlich im Objekt selbst wiederzufinden. Vielmehr scheinen diese mal wieder nur etwas zu sein,
das sich ‚geheim zwischen Beobachter und Objekt vollzieht’. Selbst streng objektive Kriterien der
Experten fallen oft dem persönlichen Geschmack anheim. Wie man es auch dreht und wendet,
letztendlich ist es immer das Haben-Wollen, das über den Erwerb entscheidet und an dieser Stelle
kann man sich auf eine einfache Formel einigen, die das Problem zu lösen vermag: Hinschauen ist die
Devise. Wenn’s nachhaltig gefällt und die Seele berührt und es die finanziellen Mittel zulassen, dann
ist der Preis auch angebracht. Denn so wie der Literat BOTHO STRAUSS die Sprache als ein Echolot
versteht, das dazu in der Lage sei die Grenze des Menschen zur eisigen Stille zu ermitteln, so sollte
der Blick des Menschen als das Mittel verstanden werden, das den Wert der Kunst bis ins tiefst
Menschliche aufzuspüren vermag. Nur der eigene Blick kann uns offenbaren, wie viel Seele im Werk
enthalten ist. So sollte jeder sich selbst fragen, wie viel er davon beim Schauen aufzuspüren vermag.
Ob ästhetisch und einzigartig oder wertloser Plunder und massengefertigt, Kunst ist ein phänomenaler
Stoff, der zu allen Zeiten und in allen Formen und Farben begehrt wird. Die Faszination ernährt die
einfachen wie die hochkomplizierten Gemüter. Jeder vermag etwas in der Kunst zu sehen was einem
anderen ein Leben lang verschlossen bleiben mag.
Innerhalb der Museen und Kunsttempel, in denen das Schöne in Formeln und Floskeln bis ins
Unverständliche theoretisiert wird, ist die Seele der Kunst längst nicht zugänglich für jeden. So fragt
man doch lieber, was denn dies Bild bedeute und was sich der Künstler dabei gedacht haben mag,
bevor man es wagt das Werk mit den eigenen Sinnen zu erforschen. Und so lauschen die Scheuen
den akademischen Ausführungen, Theorien und Codes anstatt sich mutig selbst ein Bild vom Bild zu
machen und einfach zu genießen.
Wie dem auch sei, Menschen umgeben sich gerne mit Kunst und suchen immer wieder die
Nähe zu ihrem zum Teil verborgenen Sinn. Sie sind bereit unter bestimmten Umständen beträchtliche
Summen zu investieren, um Werke zu besitzen und verschulden sich dafür sogar. Sie treffen oft
ähnliche Entscheidungen beim Kauf als würden sie ein Luxusauto oder ein Eigenheim erwerben.
Kunst ist gar ein elitärer Einrichtungsgegenstand geworden. Andere wiederum stehlen sie aus Geldnot
oder aus Lust an ihr. Kein Wunder, das mit der Idee Originale in Discountern anzubieten Wellen der
Entrüstung und der Erleichterung losgetreten wurden. Bei solchen Preisen kann doch die Kunst nicht
mehr als Statussymbol für den „gehobenen Geschmack“ verstanden werden und der gesellschaftliche
Status der kulturbewussten Reichen erfährt eine bittere Inflation. Mit „Kunstraub.“ erreicht diese
Aufweichung der Werte eine andere Dimension. Durch das Ausstellungskonzept wird die Kritik am
pervertierten Konsum ebenfalls von der anderen Seite geäußert: Die bunt gemischte Gruppe von
Aachener Künstlern ist sich darin einig, dass die Beziehung zum eigentlichen Wert der Kunst einer
emotionalen Festigung bedarf – „Kunstraub.“ lädt dazu ein am eigenen Leibe zu erfahren, wie es ist
wenn Kunst die Sinne so seltsam betört, dass man bereit ist sie „mitgehen“ zu lassen. „Kunstraub.“
soll daher auch nicht als zwanghafter Versuch verstanden werden etwas Neues zu machen sondern
als eine Kritik der Kunstschöpfer am kranken Konsumverhalten im modernen Kunstmarkt, die einen
doch ein wenig nachdenklich zurücklässt. Wie viel ist die Kunst tatsächlich wert? Wie kriminell muss
man sein, um ein Kunstwerk verbrecherisch in seinen Besitz bringen zu wollen? Wie interessant ist
dabei die Option des Stehlens? Berechnung und Geld oder Geschicklichkeit können bei „Kunstraub.“
zur Entscheidung führen.
© Susannah Postulka. Susannah.Postulka@gmx.de
Kunstraub. „Sie greifen zu, wir gucken weg, was macht der liebe Gott?“
Interaktive Ausstellung mit Bild-Objekten und Textcollagen:
Gabriele Eichler, Uli Freude, Beate Grübel, Daniela Knizia, Inga Kühl,
Ramonah Lenz, Silvia Szymanski, Karo Schröder
23.09. und 24.09. im Rahmen der Kunstroute Aachen 2006 11h bis 19h
24.09. 18h
Silvia Szymanski: „Wirklichkeitsraub. Künstler sind Verbrecher.“
Lesung und Beweisführung mit Musik von Silvia Szymanski, Fritz Knizia und Gästen
in der
atelierwerkstatt daniela knizia
Krakaustraße 5-9
52064 Aachen
Infos: 0177 78 414 55
www.danielaknizia.com,
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Kunst und Fotos
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