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08-18-09-Was ist Liebe.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Was ist Liebe?
Reicher Weißer heiratet Birmesin
Autorin:
Redaktion:
Regie:
Caroline Nokel
Nadja Odeh
Günter Maurer
Sendung:
Wiederholung:
Dienstag, 28.10.08 um 10.05 Uhr in SWR2
Dienstag, 18.08.09 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst
in Baden-Baden für 12,50 € (inkl. Versand) erhältlich.
Bestellungen über Telefon: 07221-929-6030
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01803/929222 (9 ct/Minute), per Post: SWR2 RadioClub, 76522 Baden-Baden
(Stichwort Gratisvorstellung) oder über das Internet: www.swr2.de/radioclub.
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SWR2 Leben können Sie auch als Live-Stream hören im
SWR2 Webradio unter www.SWR2.de
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1
MANUSKRIPT
Michael:
Ich hatte weder ne Vorstellung von Thailand, wo wir waren, auch Kambodscha
haben wir besucht und eben Myanmar, und davon hab ich noch nie gehört. Also
weder Birma - kurz vorher, als ich diese Einladung kriegte, da hab ich kurioserweise
in einem Micky-Maus-Heftchen gelesen, da gab es eine Serie, wo die in Birma
waren, Micky Maus und Goofy, und die haben da Elefantenreiten gemacht und so
was. Aber dat war buchstäblich alles.
Malwan:
Ich hab die Leute aus Deutschland mal kennen gelernt, das heißt Touristen ne, dass
sie so immer Angst im Gesicht haben, nicht so freundlich wie Italiener oder wie
Franzosen, nicht vorkommen. Das hab ich von den Leuten kennen gelernt. Aber
sonst keine Ahnung, wo er wohnt, wo das ist, wie weit das ist. Gar nix
Erzählerin:
Malwan ist in Birma aufgewachsen. Sie kommt aus Mingon, einem kleinen Ort in der
Nähe von Mandalay, der nur mit dem Boot zu erreichen ist. Michael ist in Kleve am
Niederrhein geboren und lebt in Köln. 1999 reiste er zum ersten Mal nach Birma.
Michael:
Als wir da mit dem Boot angelegt haben, da waren üblicherweise so "tourist guides",
Reiseführer, -führerinnen, die sehr schnell sich also um die Touristen scharen. Und
der eigene Reiseleiter warnt auch sofort davor, dass die Geschäfte machen wollen,
eine mangelhafte Kenntnis hätten oder mit den Jahresdaten leichtfertig umgehen.
Aber das war mir nicht so wichtig.
Malwan:
Es war so wie ein Zufall, dass ich ihn kennen lernen. Diesen Tag gab es nicht so
viele Touristen. Da kam ein Boot, spät Nachmittag, glaub ich, mit drei Touristen,
Michael und seine Freunde. Wir waren auch spät dran mit meine Cousine und meine
Freundin.
Michael:
Auf jeden Fall steuerte auf mich die Malwan zu und - naja, ich hab mich dann sofort
von ihr verzaubern lassen, und sie hat mich dann durch Mingon geführt, mir die
einzelnen Sachen gezeigt, erläutert und darauf hingewiesen, dass man die hohe
Kunst der Marionettenschnitzerei da erwerben kann und ist auch mit mir auf diese
Ruine gestiegen, ich glaub 160 Stufen, die man barfuss bewältigen muss, und der
Stein ist aber von der Sonne recht heiß, also eher eine Folter, da hochzusteigen.
Malwan:
Er hat uns auf dem Tempel fotografiert. Also ich hatte damals lange Haar, meine
Mutter hatte diese Morgen meine Haare auf den Kopf gebunden und ich hatte
Tannaka geschmiert, wie Sonnencreme auf Gesicht, ganz weiß, und Blumen auf
dem Kopf getragen.
2
Michael:
Sehr unbekümmert quasselte sie, sag ich mal, drauf los. Deutsch konnte sie nicht,
aber ein bisschen Englisch. Und ich konnte zu dem Zeitpunkt weniger Englisch als
sie. Also es war sehr kompliziert. Und für sie und auch Freundinnen von ihr, die im
Schatten immer mit dabei waren, mitunter sehr amüsant. Ich hab eher geschwitzt
und nach Worten gesucht.
Malwan:
Als wir uns das erste Mal kennen gelernt haben, war er so nervös, also die Hände
haben gezittert. Meine Cousine und meine Freundin sagten: "Er interessiert sich für
dich!" "Mach keinen Quatsch, lass mich in Ruhe!" Sie haben sich die ganze Zeit
lustig über uns gemacht.
Michael:
Ich hab die Malwan gefragt, was sie denn an Geld bekomme oder ob sie irgendwas
zu verkaufen habe. Ja, dann sagte sie, zu meiner großen Überraschung sagte sie,
nein, das wäre, weil sie mich nett fände und aus Freundlichkeit.
Malwan:
Dann hat er uns irgendwie Kugelschreiber und für mich war so kleine
Einkaufstaschen geschenkt, für mich, und Cola oder Cola light, jeder eine Dose,
geschenkt.
Michael:
Ich glaub, ich hab ihr ne Tragetasche von Mayers Buchhandlung dann geschenkt.
Erzählerin:
Malwan war damals siebzehn Jahre alt, Michael Ende vierzig. Zurück in Köln, sparte
Michael Geld für eine zweite Reise nach Birma. Er ist Künstler und setzt sich in
vielen seiner Arbeiten mit dem Thema Religion auseinander. In Birma habe ihn die
lebendige Religion beeindruckt und die "heilige Freundlichkeit" der Menschen.
2001 reiste er wieder hin. In Mingon wollte er dem Mädchen, das damals kein Geld
angenommen hatte, etwas schenken.
Michael:
Als wir dann da in Mingon waren, dass die Malwan mich gar nicht wieder erkannt hat.
Sie hatte mir zwar ihre Adresse aufgeschrieben, aber ich hab makabererweise Name
und Stadt verwechselt. Die Bezirksstadt ist Sagain und sie heißt Malwan. Ich habe
an Sagain geschrieben, die in Malwan wohnt. Und das hat nicht geklappt.
Malwan:
Er hat mich gefragt, ob ich ihn wieder erkenne. "Michel?" sage ich, ne, und er sagt:
"Ja, ich bin Michael.", und er hat sich gefreut. Es war ein Zufall, dass ich einen
Franzosen, der mir alles halbes Jahr Briefe schickte, Postkarten, an Neujahr,
Weihnachten, sein Name ist auch Michel, französisch, und ich habe sie verwechselt.
Michael:
Erst wie sie mir Jahre später gestanden hatte, hatte sie mich nicht wieder erkannt.
Und der pfiffige Taxifahrer, also mein Touristenführer, der hatte ihr zugesteckt, wer
ich sei und dass sie doch bitte so tun soll, als ob sie mich wieder erkenne.
3
Malwan:
Es ist halt selten, dass eine Touristen zurück kommt und mich wieder sehen will oder
andere Menschen.
Erzählerin:
Michaels Reiseleiter - der pfiffige Taxifahrer - sprach mit Malwans Mutter und machte
Michael den Vorschlag, Malwan in Mandalay einen Jadering zu kaufen. Das sei ein
angemessenes Geschenk. Michael stimmte zu.
Malwan:
Er wollte mich nach Mandalay essen einladen. Wir durften nicht als Mädchen oder
junge Frau mitgehen nach Mandalay, darf man heute auch nicht. Dann hab ich
gesagt, ich hab Angst, vielleicht besser, wenn ich meine Mutter mitnehmen darf.
Michael:
Die Mutter war auch zugegen und in einer recht, sagen wir mal, beeindruckenden
Kampfeshaltung. Man konnte ihr ansehen, sie würde bis zum letzten wie eine Löwin
kämpfen für ihre Tochter, und die wird nicht entführt, nicht missbraucht und nicht
über den Tisch gezogen, und auf die Art und Weise war das sehr anstrengend.
Malwan:
Nach zweitem Besuch hab ich mir gedacht, vielleicht interessiert er sich in mich.
Michael:
Da haben wir dann im Kaiserhof in den Gärten, sagen wir mal wenn es gut geht, ne
Viertelstunde alleine sein können mit nach wie vor verheerenden
Englischkenntnissen, aber doch mit der Feststellung, dass wir doch in gewisser
Weise eine Art Wärme oder Liebe oder Nähe verspürten, ne.
Erzählerin:
Zuhause in Köln war Michaels Begeisterung für die junge Birmesin keineswegs
verflogen. Seinem Freund Wolfram erzählte er ...
Wolfram:
... von der großen Liebe, die er empfindet, von der Skepsis, die er hat, weil es
eigentlich unmöglich war, das weiter zu leben und ich glaub, beim ersten Mal war
auch noch nicht der Gedanke da sofort, dass sie hier herkommen muss unbedingt.
Er würde auch in kauf nehmen, dort zu leben, wenn das irgendwie geht. Auf jeden
Fall mit ihr zusammen sein zu wollen dauerhaft.
Erzählerin:
Michaels Freundin Eva, die mit Wolfram verheiratet ist, hatte …
Eva:
... am Anfang den mütterlichen Blick, als Michael davon erzählte. Und dann eher so
in Solidarität unter Frauen die Frage: "Was macht dieser Kerl mit ihr? Wie verdreht er
ihr auch den Kopf? Mit seinem Geld? Mit seinem Reichtum, wie wir als Europäer
auftreten?" Er ist ja überhaupt nicht so, er ist ein ganz bescheidener Mensch. Aber
das hab ich überlegt. "Wie kommt das an bei Malwan. Bei einem so jungen
Mädchen."
4
Erzählerin:
Ein gestandener Mann trifft auf einer Reise eine junge, charmante
Souvenirverkäuferin, fotografiert sie, verliebt sich in sie und will mit ihr zusammen
leben. Wer würde das ernst nehmen?
Eva:
Ich hab nicht wirklich daran geglaubt, dass das funktioniert, am Anfang. Und deshalb
haben wir seine Schwärmerei am Anfang auch gut aushalten können. Diese Frau
wurde immer großartiger und schöner und immer bedeutsamer. Von Besuch zu
Besuch wuchs Malwan.
Erzählerin:
Denn es blieb nicht bei den zwei Reisen.
Malwan:
Ich war freche Mädchen, damals. Dritte Mal, sein dritter Besuch, also ich hab gesagt,
dass er nicht Tempel fotografieren will, sondern mich besuchen will. Dann hat er
gelacht. Ich denke so, dass er zu mir gekommen ist.
Michael:
Da war aber ja ausschlaggebend, dass sie also zur Begrüßung sagt: "Kommst du
wieder Tempel fotografieren und Buddhaskulpturen?" und ich bestätigte das und sag:
"Ja, sicher." Und da entschied sie ganz deutlich: "Nein, bist du nicht, du kommst
wegen mir." Und das war ja auch richtig.
Eva:
Also ich hab seine Verliebtheit auch in ner guten Erinnerung, auch sehr positiv. Aber
er hat auch ganz viel von dem Elend erzählt und von der Armut und von der
Riesenleistung, die diese junge Frau erbracht hat. Die war ja damals 17 oder 18, als
sie sich kennen gelernt haben. Sie war ja noch ein Kind. Also, ich meine, zwei
unserer Söhne sind älter als Malwan. Ich hatte das Gefühl, Mensch, das ist ’n Kind.
Was will dieser Mann mit diesem Kind? Ich hab auch viel gedacht, er hat ein großes
Herz für soziale Ungerechtigkeit, ohne Frage. Was diese junge Frau da geleistet hat
in der Ernährung der Familie, für andere da sein, wie sie sich durchgebissen hat auf
englisch, und dann war sie ja Souvenirverkäuferin. Sie hat ganz anders gearbeitet,
als Michael gearbeitet hat.
Erzählerin:
Malwan kommt aus einer großen Familie. Sieben Geschwister hatte sie, drei sind
bereits gestorben. Sie ist die mittlere. Ihr Vater starb, als sie elf Jahre alt war. Ihre
Mutter verdiente als Wäscherin nicht ausreichend Geld, um die ganze Familie zu
ernähren. Malwan fasste daher mit elf Jahren den Entschluss, auch Geld zu
verdienen.
Malwan:
Wenn ich nach Hause ging, da ist ja kein Essen. Diese Vorstellung als Kind "wenn
ich Schule mache, ohne Essen geht ja gar nicht." Ich muss was zu essen haben.
Meine Mutter schafft das nicht alleine.
5
Erzählerin:
Zunächst verkauft sie Kerzen für den Tempel. Als Birma 1996 für Touristen geöffnet
wird, verkauft sie Souvenirs und Postkarten und führt Touristen durch ihren
Heimatort.
Malwan:
Erst mal hatte ich Angst, Touristen zu sehen. Fremd für mich, als Kind auch. Manche
Kinder gehen zu den Touristen und fassen die Hände an, weil sie weiße Haut haben
und wir dunkle Haut. Ich hatte Angst. Erst einmal konnte ich gar nicht Touristen
anfangen.
Eva:
Michael ist Denker, Künstler durch und durch. Malwan, die hat richtig gearbeitet.
Davon hat er erzählt, das weiß ich, das hat mich sehr beeindruckt.
Ich hab mich gefragt, ob es nicht einfach ein ganz tiefer Schmerz in seinem Herzen
ist, dass es einfach ungerecht ist, dass ein Mensch so arbeitet. Ob nicht ein Stück
Mitleid für ihn auch genährt wird mit Faszination in Kombination von sicherlich auch
körperlichem Reiz, in Kombination mit wunderschönen Augen, die klimpern können,
das hab ich mir alles gut vorstellen können. Ich hab irgendwie gedacht "Das
Mädchen ist noch viel zu jung für diesen Michael". Was macht die mit dem und was
macht er mit ihr?
Erzählerin:
Zunächst mal verreisen.
Michael:
Ich hab sie dann gefragt, ob sie mitreisen würde. Weil ich es sympathisch fand, dass
sie burmesisch kann und weil ich sie in meiner Nähe haben wollte und weil, das war
so ein Spleen von mir, dass ich ihr vielleicht ihr Land zeigen könnte.
Malwan:
Er hat mich gefragt, dann hab ich überlegt, ob ich mit gehe. Ich war noch nie im
Hotel, ich konnte nicht alleine schlafen.
Michael:
Nachdem wir da zusammen gereist sind, haben wir auch im Verlauf von vierzehn
Tagen festgestellt, ja wir verlieben uns und wir werden uns nicht diesem
Gefühlssturm entkommen. Und da wusste ich auch, dass ich in Anführungszeichen
was veranstaltet hab. Denn man muss ja sagen, dass ich auf der sichereren Seite
war, auch deutlich älter und ich bin ja mehr als doppelt so alt.
Malwan:
Damals hatten wir so gar keine Beziehung zwischen uns. Wir lernen gerade uns
ganz vorsichtig, ich war auch andere Zimmer, er hat Extrazimmer, noch gar nix.
Erzählerin:
Auf einer weiteren Reise, begleitet von Malwans Mutter, fragte Michael Malwan, ob
sie ihn in Deutschland besuchen würde.
6
Malwan:
Ich hab gesagt, wenn ich in Deutschland besuche, was soll ich dann später?
Für uns ist immer schwierig, wenn ein Mädchen in Ausland geht und kommt zurück,
was hat sie dann da zu machen? Oder da zu suchen? Ist sie noch ledig oder
Jungfrau? Das ist immer ein Problem im Dorf. Ich hab gesagt ich besuche dich und
wenn ich zurück komme, was ist das? Was soll ich, was bedeutet das?
Erzählerin:
Einen Freund zu haben war für Malwan nicht denkbar.
Malwan:
Das war damals für mich sehr wichtig, dass ich nicht mit irgendjemandem zusammen
wegfahre. Das ist das schlimmste, wenn du zurückkommst, dann denken die Leute,
was ist das jetzt? Waren sie zusammen oder nicht? Und es ist auch, wenn ich das
gemacht hätte, dass ich hier besuche und dann zurückfahre. Das Problem ist, dass
ich nicht mehr mit jemand, der sich für mich interessiert oder … das ist das
Eheproblem. Du warst weg. Wenn ich einen Burmesen geheiratet hätte, habe ich ein
Problem lebenslang.
Erzählerin:
Die einzige Möglichkeit zusammen zu sein, war also zu heiraten. Aber zunächst
musste ein Pass für Malwan her.
Michael:
Dann hab ich ihr gesagt so, ich geh davon aus, dass das wenigstens zwei Jahre
dauert, bis du diesen Pass hast und bis das realistisch ist. Dann hab ich ihr gesagt,
sei froh, du bist viel zu jung und du brauchst die Zeit für dich. Das ist auszuhalten,
weil du ja eine Perspektive hast. Ich hab damals gesagt, unabhängig von unserer
Liebe mach ich dir das Versprechen, dass ich alles daran setze, dass du nach
Deutschland kommst.
Malwan:
Meine größte Entscheidung: Willst du das, oder willst du jetzt oder niemals? Ich will
auch. Und ja, das war so für mich ohne Erfahrung irgendwo hinzugehen, also keine
Vorstellung von den Sachen. "Ich mach das, wie er sagt". Ich habe gar nicht gedacht,
was passieren kann unterwegs.
Erzählerin:
Was sagten denn die Freunde zuhause zu Michaels Versprechen?
Wolfram:
Liebesgeschichten von Michael hab ich einige mitbekommen in den fast vierzig
Jahren. Und das besondere bei Malwan war so: "Jetzt sucht er nicht mehr, jetzt hat
er jemand gefunden." Das war so mein spontaner Eindruck. Der war so entschlossen
und so entschieden in seiner Zuneigung.
Eva:
Es war fast, dass ich ne Aggression ihm gegenüber hatte, weil ich das Gefühl hab,
dass er da so ne große Verantwortung hat ihr gegenüber. Und wenn er sie
konfrontiert mit seiner Verliebtheit und seinem Chaos. Und ihr sozusagen in Aussicht
stellt, sie nach Deutschland zu holen, sag ich jetzt mal so.
7
Dass ich dachte: "Was tut er der an? Ist er sich dessen bewusst?" Da war ich immer
auf ihrer Seite, also Jahre bevor ich sie kannte. Da dachte ich: "Na, Michael, bist du
da verantwortungsbewusst genug?" Aber das war er.
Erzählerin:
Und wie reagierte Malwans Mutter auf ihren Wunsch auszuwandern?
Malwan:
Meine Mutter, wie hab ich denn geschafft, dass sie mich loslassen kann? Also, ich
habe gesagt, dass ich ihn liebe, wir wollen auch heiraten, ich möchte also auch euch
helfen, ich kann hier nicht so leben. Du kennst ja hier, hier gibt es keine Arbeit,
Touristen kommen einmal im Jahr, im Winter. Ja, ich war so unglücklich, bevor ich
meinen Pass bekommen hab. Ich war jeden Tag traurig. Vielleicht hat sie auch das
gesehen, dass ich nicht mehr glücklich wie früher war.
Erzählerin:
Wie wichtig war die Aussicht auf ein Leben in einem wohlhabenden Land für
Malwans Entscheidung?
Eva:
Ich hatte nicht das Gefühl, dass das jetzt diesem Klischee entspricht, eine Asiatin
sucht einen Europäer, um sich und die Familie dauerhaft zu ernähren. Ne, das hab
ich, als dann diese Entschlossenheit bei Michael kam, hab ich das nicht mehr
geglaubt.
Michael:
Die Malwan, das wäre auch dann ganz vorteilhaft, wenn man sie sehen könnte. Sie
hat scharfe, wache Augen, und sie ist ein ganz außergewöhnlich kritischer,
skeptischer Mensch. Und da würde man sich sicherlich vertun. Dass die Prämisse
"Ich will auf jeden Fall 'n Ausländer und hier weg" ausreichend ist, um einen Weg
einzuschlagen, von dem sie nicht weiß, wohin das führt oder worauf das hinausläuft,
ganz im Gegenteil.
Eva:
Ich wäre jetzt auch irgendwie traurig gewesen, wenn ich das Gefühl gehabt hätte,
dass er jetzt ne Frau an seiner Seite gehabt hätte, die ihn sozusagen heiratet, weil er
der Europäer ist. Das hätte mir sehr, sehr leid getan für Michael.
Erzählerin:
Und der große Altersunterschied? Hat der Malwan jemals gestört?
Malwan:
Meine Mutter hat auch gefragt: "Wie alt ist er eigentlich?" "Ich glaube, so alt wie du
ungefähr". "Er ist älter wie dein Papa." -"Ja, ich habe gesagt, vielleicht deswegen
wollte er Krankenschwester haben, dass ich so jung bin. Wenn er alt wird, vielleicht
muss ich mich um ihn kümmern." Wir haben lustig gemacht. Sie kann nicht fassen,
dass er mich heiraten oder verliebt war.
8
Vielleicht kann das sein, dass er wirklich eine Partnerin braucht, die jünger ist? Und
irgendwann werde ich ihm helfen. Ich weiß, wenn ich 50 Jahre alt werde, wird er 70
oder 80. Aber ich war verliebt,ich bin verliebt.
Erzählerin:
Mit der Entscheidung, Birma zu verlassen, war es noch nicht getan. Malwan brauchte
einen Pass. Michael reiste ein fünftes und sechstes Mal nach Birma und bezahlte die
geforderten Gebühren und Bestechungsgelder. Einen Pass bekam Malwan dennoch
nicht. Schließlich gab er ihr Geld für ein Flugticket und sagte, ein weiteres Mal käme
er nicht wieder.
Michael:
Man kommt in Situationen, wo man sagt, ich schmeiß das hin. Das ist nicht zu
bewerkstelligen. Das ist auch mit Erpressungen verknüpft. Auch das deutsche
Konsulat stellte sich sehr spröde an und rieten davon ab. Ich hab keine Lust, die zu
verunglimpfen, aber wenn man ernsthaft gefragt wird, warum es denn nicht eine
Thailänderin tut, die doch in sechs Wochen mit klaren Papieren in Deutschland
abzuliefern wäre. Da war jemand, der fragte so jovial, ob es unbedingt eine Burmesin
sein müsste.
Wolfram:
Also ich erinner mich an ne Phase, wo es ihm ziemlich schlecht ging, weil er hier auf
irgendein Zeugnis - er hatte also alles geschafft, was da drüben irgendwie zu
erledigen war, und es ging nur noch darum, für die Ausreise ein, ich glaube, das
heißt Ehefähigkeitszeugnis oder so was zu kriegen, vom Oberlandesgericht. Das hat
ihm viel zu lange gedauert.
Malwan:
Ich hab nach zwei Jahren meinen Pass bekommen und Visum auch. Das hat
ungefähr zwei Jahre gedauert.
Michael:
Eines Tages kriegte ich die Nachricht dann also… Ja, dann kam sie nach Frankfurt,
dann stand sie dann da.
Erzählerin:
Doch damit waren sie noch nicht verheiratet.
Michael:
Das zweite Kapitel war dann, dass hier das Oberlandesgericht sich dagegen
stemmte, das Standesamt. Da war eine Dame, die sagte: "Ich mach das nicht." Sie
weigerte sich, die Ehe vollziehen zu wollen. Die Frau auf dem Standesamt kam mir
ganz eindeutig so vor, dass sie, das darf man der ja auch in jeder Hinsicht nicht
verübeln, dass sie davon ausging, da hat einer ein Mädchen gekauft, die der sich
genehmigt, so.
Erzählerin:
Eine Urlaubsvertretung am Oberlandesgericht stellte dann doch die Bescheinigung
aus und eine andere Standesbeamtin erklärte sich bereit, die Ehe zu schließen zehn Tage vor Malwans Abschiebedatum.
9
Am 20. Juli 2004 heirateten die beiden in Köln, ein Jahr darauf in Birma. Malwan
machte einen Intensiv-Deutschkurs, dann ein Berufsbildungsjahr in einer
internationalen Förderklasse und jetzt eine Ausbildung zur Hotelkauffrau.
Hat sie ihre Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, jemals bereut?
Malwan:
Erste Zeit hier, drei, vier Jahre und später hab ich wieder gewusst, dass es nicht
einfach ist, Freunde zu finden oder Verwandtschaft schon mal gar nicht. Verwandte
gibt es hier nur zwei, ohne Michael. Keine Kinder. Kinder heißt, ich bin als erstes
hierher gekommen, hat mir so komisch, weil wir alleine sind in der Wohnung, ganz
ruhig. Bei mir war immer so, meine Nichten und Neffen, damals gab es nur Nichten.
Immer drumherum. Hier war mir so komisch, erste Jahr, dass ich alleine, manchmal
war Michael weg, dann halte ich nicht aus. Ich weiß nicht wo ich hingehen soll.
Ich konnte keine Sprache, also deutsch, wenn ich spazieren gehen will.
Michael:
Ich hab ihr hier einen riesigen Teddybär geschenkt, und sie hat in gewisser Weise
hier eine Art Kindheit nachgeholt. Eine Unbeschwertheit, die sie gar nicht kannte vor
ihrem Eintreffen hier. So gesehen ist sie hier leichter und fröhlicher und
lebensbejahender geworden. Mal ganz simpel, sie hat 35 kg gewogen, als sie hierher
kam. Jetzt wiegt sie, ich bin der Ansicht, mehr als 45 kg, aber sie sagt nein, aber sie
ist satt! Sie kennt das nicht mehr, dass sie Hunger hat, das ist ja schon ein ganz
großer Unterschied.
Eva:
Das ist das Beste, was dem Michael passieren kann, diese Frau. Ich hoffe, dass es
umgekehrt genauso ist.
Malwan:
Für mich war auch bessere Leben mit ihm, nicht wie ich früher gearbeitet habe, so
hart war, ich sehe so, dass es alles positiv ist.
10
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Seele and Geist
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