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Einführung AT (II): Die Geschichtsbücher ‣ Was ist Geschichte?
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Was ist Geschichte?
«Konstruiren muss man bekanntlich die Geschichte immer, … der
Unterschied ist nur, ob man gut oder schlecht konstruirt.»
Julius Wellhausen
Geschichte (History)
Die Griechen haben als erste über Geschichtsschreibung nachgedacht
(‣Lektion 4). Von Thukydides und Herodot bis zur Aufklärung war der
Glaube an die Möglichkeit der Geschichtsschreibung ungebrochen. J.G.
Herder stellte in Auch eine Philosophie der Geschichte (1774) dem Glauben
an eine universale Geschichte erstmals die Auffassung von nationalen
Organismen mit je eigenen Wertsystemen gegenüber und antizipierte damit
die spätere Kritik an einer eurozentrischen Geschichtsschreibung. L. Ranke
betonte das Aufschreiben von Fakten gegenüber einer von Philosophie und
Literatur beeinflussten, moralisierenden Geschichtsschreibung
und
unterschied zwischen Primär- und Sekundärquellen. Marx und Engels
entwickelten diese Auffassung zu einer geradezu positivistischnaturwissenschaftlichen Geschichtsauffassung.
W.
Dilthey beharrte
demgegenüber darauf, dass die Geisteswissenschaft auf Imagination
angewiesen bleibe bei der Rekonstruktion menschlicher Gedanken und
Entscheidungen. Die Annalenschule von F. Braudel schließlich legte Wert auf
den Einbezug der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Sie betonte gegenüber
der Ereignisgeschichte (histoire événementielle) die Langzeitgeschichte
(histoire de longue durée). Dazwischen bzw. in ihrem Schnittpunkt liegt die
histoire conjoncturelle.
All diese Geschichtsauffassungen teilen die Ansicht, dass a) Geschichte als
eine Theorie über Personen und Ereignisse verstanden wird, b) menschliche
Handlungen
Folgen
menschlicher
Absichten
sind,
welche
die
Geschichtsschreibung erzählend rekonstruiert, c) ein Ereignis auf das
andere folgt (von Braudel allerdings differenziert).
Geschichten (Stories)
Diese Grundfesten der Geschichtsschreibung wurden in den letzten 40
Jahren durch Theologie, Philosophie, Ethnologie, Linguistik, Literaturwissenschaft usw. in Frage gestellt. Besonders einflussreich waren die
Theorien von Michel Foucault (im Anschluss an Nietzsche), wonach sich
hinter dem Wahrheitsdiskurs ein Ringen um Macht verbirgt. Die aus dieser
postmodernen Kritik resultierende Position behauptet, dass es keinen
wesentlichen Unterschied zwischen Geschichte und Literatur gibt, zwischen
Geschichtserzählung und fiktiver Erzählung. Es gibt nur die Textwelt.
Außerhalb des Textes gibt es nichts. Es gibt kein sicheres Wissen, keine
Wahrheit, nur Ideologie. Der Text selber kann unterschiedlich interpretiert
werden. Niemand kann autoritative Auslegung beanspruchen. Eine «Grosse
Erzählung» mit kollektivem Anspruch gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch
Fragmente und Geschichte von unten.
His- and Her-story: Geschichten zur Geschichte
Die VertreterInnen des «New Historicism» haben die Ideen der
Postmodernen aufgegriffen, kehren aber von der reinen Literatur–
wissenschaft wieder stärker zur Geschichte zurück, indem sie sich
bemühen, Texte historisch zu kontextualisieren. Dabei verstehen sie nicht
nur den Text, sondern alle Daten einer Kultur als Text:
Historizität des Textes >
< Textualität der Historie
Besonderes Augenmerk kommt dabei den Machtstrukturen einer
Gesellschaft zu, insbesondere jenen zwischen den Geschlechtern, Klassen
und Völkern (vgl. Gal 3,28!), und den Ideologien, die in Primär- und
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Einführung AT (II): Die Geschichtsbücher ‣ Was ist Geschichte?
Sekundärquellen zu Tage treten. Dies hat besonders die feministische Kritik
der Geschichtsschreibung verdeutlicht (history ist oft his-story).
Zwei Bespiele
•
Mirjam: In Ex 15,20 ist M. eine Prophetin, die Israels Siegeslied anstimmt. In
Mi 6,4 wird sie neben Mose und Aaron als gottgesandte Führerin des Volkes
gewürdigt. Bei den Therapeutriden in Alexandria (1. Jh. n. Chr.) verkörperte
sie als Exodusführerin das weibliche Pendant zu Mose. Demgegenüber wird
in Num 12 M. als Aufrührerin disqualifiziert, wohl mit dem Ziel ihre Qualität
als Prototypin für Frauen in religiösen Autoritätsfunktionen zu schwächen.
Analoges ist im NT mit Maria Magdalena passiert, die zwar apostola
apostolorum ist, jedoch von der kirchlichen Tradition auf ihre Rolle als
Sünderin festgenagelt wird.
•
Von DtrG zu ChrG: Der synoptische Vergleich zwischen den beiden
Geschichtswerken zeigt, dass die an sich bereits misogyne Geschichtsschreibung des DtrG (Polemik gegen Aschera-Kult und gegen aktive
Königinnen wie Isebel und Atalja) im ChrG noch verstärkt wird: Frauenfiguren werden ausgelassen (z.B. Abigail, weise Frauen, Totenbeschwörerin
von En-Dor, Sauls Töchter, Michal, Rizpa, Batscheba, Tamar, einige
Königsmütter) oder ihre negative Charakterisierung wird noch verstärkt (z.B.
Salomons Frauen, Atalja).
Jede Interpretation muss wieder an den Maßstäben ihrer eigenen Kritik
gemessen werden. Kein Text kann für sich beanspruchen, die Wahrheit der
Vergangenheit oder einer unwandelbaren menschlichen Natur gepachtet zu
haben. Die aktuelle Debatte über Geschichte vermag die Methodik zu
präzisieren, macht aber Geschichtsschreibung nicht unmöglich oder
überflüssig. Auch sollte sie nicht vergessen lassen, dass bereits in der
Vergangenheit GeschichtsschreiberInnen teilweise ein Bewusstsein für die
Subjektivität und Begrenztheit ihres Unterfangens entwickelt hatten.
Fazit für die Beschäftigung mit der Bibel
Teile des Ersten und Zweiten Testamentes sind ausdrücklich mit dem
Selbstverständnis verfasst worden, Geschichtsschreibung zu sein.
Beispiele: «Bericht des Nehemia, Sohn Hachaljas: Im Monat Kislew, im zwanzigsten
Jahr des Artaxerxes, war ich in der Festung Susa…» Neh 1,1; «Schon viele haben
unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet
und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferungen derer, die von Anfang
an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich
entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich,
hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben.» Luk 1,1-3.
Dennoch haben diese Quellen für uns zunächst den Status von Geschichten
und Sekundärquellen, deren historischer Gehalt von jeder Generation neu,
in Abgleichung mit den uns zur Verfügung stehenden, durch die
archäologische Tätigkeit stets zunehmenden Primärquellen, zu erwägen ist.
Dies hat im selbstkritischen Bewusstsein zu geschehen, dass unser eigener
Blick auf die Geschichte beschränkt ist, nicht nur durch fehlende Daten,
sondern auch durch den je eigenen Blickwinkel, wie insbesondere die
feministische Geschichtsschreibung mit schlagenden Beispielen (androzen–
trische Autorschaft, androzentrische Bibelübersetzungen, patriarchale
Kanonbildung, androzentrische Bibeldeutung) eindringlich verdeutlicht hat.
✎ In Ergänzung zu KNAUF, Umwelt, 0.3: SCHÜSSLER FIORENZA E., Zu ihrem Gedächtnis.
Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge,
München/Mainz 1988, 125-136. Zum Problem der Frauengeschichte im Hinblick auf
NT-Exegese, aber mit Relevanz auch für AT-Exegese (s. Schroer unten). – EDELMAN,
D. (ed.), The Fabric of History. Text, Artefact and Israel's Past (JSOT Suppl. 127),
Sheffield 1991. – SCHROER, Silvia, Auf dem Weg zu einer feministischen Rekonstruktion der Geschichte Israels, in: Schottroff L./Schroer S./Wacker M.-T., Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen,
Darmstadt 1995, 83-174. – GRABBE, History, chapt. 1 Neuste Literatur!.
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Seele and Geist
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