close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Expertenchat im April 2011 Dipl.-Ing. Carsten Ruhe: "DIN-Norm

EinbettenHerunterladen
Expertenchat im April 2011
Dipl.-Ing. Carsten Ruhe: "DIN-Norm 18040 - Was bringt uns das?"
Moderator: ein wenig Geduld, Herr Ruhe ist noch nicht online....
Lili: Guten Abend, Herr Ruhe
Moderator: Carsten, bist du online?
Carsten Ruhe: guten Abend meine Damen und Herren, ich hatte Schwierigkeiten damit, mich
rechtzeitig einzuloggen und bitte herzlich um Entschuldigung. Jetzt bin ich aber da.
Moderator: Ich begrüße ganz herzlich Carsten Ruhe und die Teilnehmer, die schon online sind.
Bitte beachten Sie, dass dieser Chat moderiert wird. Ihre Beiträge werden also erst nach einem
Check dem Experten zugeleitet. Bei hoher Beteiligung kann es etwas länger dauern bis Ihre Frage
beantwortet wird. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.
Carsten Ruhe: Da ich seit längerer Zeit das erste Mal an einem derartigen Chat-Teilnehmer bitte
ich um Nachsicht, wenn einiges nicht so funktionieren sollte wie gewohnt.
Hansi: Guten Abend an alle
Tinka: Guten Abend, Herr Ruhe
Berner: Hallo
Lili: DIN-Norm 18040. Was ist das?
Carsten Ruhe: DIN-Norm DIN 18040 enthält Angaben zum barrierefreien Bauen sowohl für
motorisch eingeschränkte Menschen als auch (neuerdings) für Menschen mit sensorischen
Behinderungen. Sie ist im Bauwesen anzuwenden, vorrangig durch Architekten und
Bauingenieure. Da diese Norm mit Stand vom Oktober 2010 sehr neu ist, ist Ihre Anwendung noch
nicht durchgängig gesichert.
Tinka: Es gibt viele Normen. Was genau beinhaltet die DIN-Norm 18040?
Carsten Ruhe: Hallo Tinka, ich hoffe dass auch diese Frage mit der vorigen Antwort schon
halbwegs beantwortet ist.
Tinka: Wer legt die Normen fest?
Carsten Ruhe: Die Normen werden im so genannten Normenausschuss beim Deutschen Institut
für Normung (DIN) bearbeitet. In solchen Normenausschüssen sitzen bis zu 30 Personen aus
unterschiedlichen Bereichen, sowohl von Behörden als auch aus der Industrie, als auch aus
Behinderten-Verbänden. Der Inhalt einer Norm ist immer ein Abstimmungsergebnis zwischen sehr
vielen. Da muss man sich nicht wundern, dass einiges nicht so geschrieben wird, wie man es gern
hätte. Dazu könnte ich mehrere Beispiele aufführen, aber ich will zunächst versuchen, die
bisherigen Fragen zu beantworten.
Berner: Was ist der Unterschied zwischen DIN 18024-2 und DIN 18040-1?
Carsten Ruhe: Der Unterschied zwischen DIN 18024-2 und DIN 18040-1 liegt darin, dass die erste
Norm von 1996 stammt und inzwischen vom DIN zurückgezogen wurde, weil inzwischen die DIN
18040-1 als Ersatz für die alte Norm veröffentlicht wurde. Die DIN 18024-2 enthielt nur wenige
Anforderungen für sensorbehinderte Menschen, eigentlich nur für blinde und sehgeschädigte.
Lena: Gilt die DIN 18040 nur für öffentliche Gebäude?
Carsten Ruhe: Das ist richtig. DIN 18040-1 gilt für öffentlich zugängliche Gebäude. DIN 18040-2
für Wohnungen ist derzeit noch in der End-Bearbeitung
Lena: Was meint Zweisinnes-Prinzip?
Carsten Ruhe: Das 2-Sinne-Prinzip sagt aus, dass für Menschen, bei denen ein Sinn
eingeschränkt oder total ausgefallen ist, ein anderer Sinn (nämlich der zweite Sinn) die
Informationen liefern muss, die notwendig sind. Wenn jemand nicht sehen kann, dann muss er
sich entweder mit seinen Ohren oder mit seinem Tastsinn orientieren. Wenn jemand nicht (gut)
hören kann, dann ist das Absehen oder das Lesen eine ganz große Hilfe.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 1 / 8
Expertenchat im April 2011
Lena: Was heißt sensorische Behinderung?
Carsten Ruhe: In der Barrierefreiheit unterscheiden wir zwischen motorischen Behinderungen
(zum Beispiel Rollstuhlfahrer oder Rollatoren-Nutzer) und sensorischen Behinderungen (nicht
hören oder nicht sehen können) sowie kognitiven Behinderungen (eingeschränkte geistige
Fähigkeiten).
Tinka: Was bedeutet das für den Architekten? Muss er die Norm in jedem Neubau berücksichtigen
oder ist das eher eine KANN-Leistung?
Carsten Ruhe: Wenn jemand einen Neubau plant, dann muss er die so genannten allgemein
anerkannten Regeln der Technik berücksichtigen. Dazu gehört auch DIN-Norm zum barrierefreien
Bauen. Wenn jemand ein öffentliches Gebäude plant, welches nach den gesetzlichen Vorgaben
barrierefrei herzustellen ist (siehe Behinderten-Gleichstellungsgesetz) dann muss auch die Norm
zum barrierefreien Bauen berücksichtigt werden. In solch einem Fall ist das keine Kann-Vorschrift.
Weil die DIN 18040-1 aber noch sehr neu ist wissen viele Architekten noch nicht richtig damit
umzugehen.
Hansi: Ist diese nun auch richtig offiziell? Wer beachtet die Norm? Kommt jemand vorbei und prüft
das im Gebäude? Wenn ja, wer?
Carsten Ruhe: Diese Frage ist richtig schwierig. Eigentlich müssten die so genannten Bauprüfer
auch die Barrierefreiheit prüfen, wenn sie die Architektenpläne, die Statik und den WärmeschutzNachweis prüfen. Diese Leute haben aber wenig bis keine Ahnung vom Thema. Günstig ist immer,
wenn die Betroffenen rechtzeitig ihre Ansprüche anmelden und/oder wenn der Bauherr die
Barrierefreiheit bereits zur Chefsache gemacht hat. Dann wird er nämlich selbst seine Planer
darauf hinweisen, was sie alles zu erfüllen haben. Das letzte Mittel ist dann immer die Beschwerde
nach Fertigstellung. Das Nachbessern wird dann aber immer sehr teuer. (Wenn überhaupt Geld
dafür vorhanden ist).
Lena: Betrifft das Zweisinne-Prinzip Menschen mit sensorischer Behinderung?
Carsten Ruhe: Ja genau, so habe ich das gemeint. Wenn ein Sinn ausfällt, dann müssen die
beiden anderen helfen (sehen, hören, Tasten)
Hansi: Welche Gebäude sind gemeint?
Carsten Ruhe: Ich weiß nicht, ob ich diese Gebäude jetzt aus dem Gedächtnis (ohne dicke Bücher
wälzen zu müssen) alle richtig aufzählen kann. Generell sind aber solche Gebäude gemeint, die
für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Sie sind im Behinderten-Gleichstellungsgesetz bzw. in den
Landes-Bauordnungen ausdrücklich beschrieben. Dazu gehören zum Beispiel Kirchen, Kinos,
Theater, Arztpraxen und Apotheken, Gaststätten und vieles andere.
Hansi: Was für Normen müssen beachtet werden?
Carsten Ruhe: Beachtet werden müssen zunächst einmal alle solche Normen, die als so genannte
technische Bestimmungsbauaufsicht eingeführt sind. Das sind Normen zum Brandschutz, zur
Standsicherheit, zum Schallschutz, Wärmeschutz, feuchte Schutz, Gesundheit und eben auch die
Normen zum barrierefreien Bauen.
Ganesha: Guten Abend
Lena: Die Behindertenverbände sind beim Deutschen Institut für Normung Mitglied? Hat der DSB
dort in Verbindung der DIN 18040 mitgewirkt?
Carsten Ruhe: Mitglied sind die Behindertenverbände beim DIN nicht. Sie werden als
Sachverständige für das jeweilige Thema hinzugezogen. Ich habe zum Beispiel von 1998 bis jetzt
an der Norm DIN 18040 mitgearbeitet (an einigen anderen Normen auch). Ich durfte in dieser Zeit
nicht nur den DSB sondern auch den DGB vertreten.
Hansi: Müssen Sie selbst die DIN-Norm beachten? Sind Sie beim Bau von Gebäuden beteiligt?
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 2 / 8
Expertenchat im April 2011
Carsten Ruhe: Ja, das ist richtig. In meinem Haupt-Beruf arbeite ich als beratender Ingenieur für
Akustik und muss zum Beispiel die Schallschutz-Norm dann immer sehr genau beachten. In
meinem Ehrenamt (als Referats-Leiter für barrierefreies Bauen im DSB) achte nicht nur ich selbst
darauf, die Norm DIN 18040 zu berücksichtigen, sondern auch darauf, dass andere es mir gleich
tun. Das ist nicht immer ganz einfach, insbesondere wenn man mit Elite-Architekten zu tun hat!
Lena: Inwieweit wird sich die DIN 18040-1 und die DIN 18040-2 unterscheiden?
20:44Carsten Ruhe: Da DIN 18040-1 für öffentlich zugängliche Gebäude gilt, DIN 18040-2 aber für
Wohnhäuser gibt es eine ganze Reihe von Unterschieden. Um nur ein Beispiel zu nennen: in
Wohnungen, in denen ein bestimmter Rollstuhlfahrer wohnt, kann man an dessen speziellen
Bedarf alle Einrichtungen anpassen. In öffentlichen Gebäuden, in die viele Rollstuhlfahrer mit
unterschiedlichen Einschränkungen kommen können, muss man sehr viel allgemeiner planen. Ein
anderes Beispiel ist der Brandschutz: die Rauchwarnmelder in der eigenen Wohnung unterliegen
wesentlich einfacheren Anforderungen als Alarmanlagen zum Beispiel in einem Kaufhaus.
Hansi: Sie schreiben Wohnungen?? Das Treppenhaus oder eher die Wohnung selbst? Was
passiert, wenn das nicht beachtet wird?
Carsten Ruhe: Das ist schon wieder eine Frage, die nicht so ganz einfach ist. In einem
Mehrfamilien-Wohnhaus ist das Treppenhaus ein öffentlich zugänglicher Bereich, die eigentliche
Wohnung aber nicht. Deshalb muss zum Beispiel die Klingelanlage eines großen Wohnblocks so
hergestellt sein, dass auch Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen sie erreichen und
nutzen können. Dazu könnt ihr unter http://www.TaubertundRuhe.de im Download-Bereich allerlei
nachlesen.
Martha: Ich wohne als Mieter im 3. Stock bei einer Wohnungsgesellschaft. Da ich in dem Haus
wohne, was absolut überhaupt nicht barrierefrei ist (kein Fahrstuhl, keine Rampe usw.) frage ich
sie, wie es mit den Wohnungsgesellschaften aussieht. Kann man sie zur Pflicht nehmen, dass sie
zu mindestens einen Fahrstuhl einbauen sollen. Falls ja, auf welcher gesetzlichen Grundlage kann
ich es berufen?
Carsten Ruhe: Hier kommt jetzt eine Frage, die ich eigentlich gar nicht aus eigener Kenntnis
beantworten kann. Ich weiß lediglich, dass für Personen, die einen Behindertenausweis haben, die
Möglichkeit besteht, ihre Ansprüche bei der Wohnungsgesellschaft vorzubringen. Wenn hierzu
genauere Antworten notwendig sind, dann müsste ich mich dafür informieren oder die Adressen
von Leuten, die das besser wissen als ich weitergeben. Vielleicht lässt sich das mit einer
anschließenden E-Mail einmal klären.
Lena: Enthält die DIN 18040-1 Norm auch Vorkehrungen für Menschen mit kognitiver
Behinderung?
Carsten Ruhe: Das ist der große Unterschied zwischen DIN 18040-1 und der alten Norm. Während
die alte Norm fast nichts enthielt sind in der neuen Norm immerhin 10 % des Normtextes für
sensorische Behinderungen enthalten. Davon entfällt wiederum etwa ein Viertel auf
Hörbehinderungen, der Rest zum größten Teil auf Sehbehinderungen.
Martha: Und wie sieht es für Hörgeschädigte aus? Was schreibt die neue DIN-Norm vor? In jedem
Raum eine Lichtanlage? Oder wie kann man sich das vorstellen?
Carsten Ruhe: Die Norm schreibt zunächst einmal das vor, was für alle einzurichten ist. Bei einem
Mehrfamilien-Wohnhaus geht es also vorrangig um die öffentlich zugänglichen Bereiche. Die
sensorische nutzbare Gegensprechanlage hatte ich vorhin nur angedeutet, wäre aber eines dieser
Themen. Die Ausstattung von Wohnungen mit persönlichen Hilfsmitteln (zum Beispiel LichtsignalAnlagen) gehört nicht zum Bauen sondern eben „nur“ zur Ausstattung. In öffentlich zugänglichen
Gebäuden gehören aber Alarmanlagen nach dem Zweisinne-Prinzip, Anzeigen von Texten
anstelle von Lautsprecherdurchsagen oder auch Höranlagen in Veranstaltungsräumen dazu.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 3 / 8
Expertenchat im April 2011
HerrOhrKneifer: Wenn ich mit dem Auto nicht richtig fahre, bekomme ich Strafe. Werden die
Architekten bestraft, wenn sie gültige Normen missachten?
Carsten Ruhe: Prinzipiell ja, aber dazu ist es natürlich notwendig, dass es ein Gerichtsverfahren
gibt. Die übliche Vorgehensweise ist aber, dass die Architekten zur so genannten Gewährleistung
herangezogen werden. Sie müssen dann ihre Planung nachbessern und auch die Ausführung der
Nachbesserungsmaßnahmen - im Allgemeinen kostenlos - erbringen. Die Kosten der Maßnahmen,
die man eigentlich sowieso hätte machen müssen, fallen dann auch unter die sowieso-Kosten.
Diese hätte der Bauherr ja in jedem Fall zahlen müssen. Sie werden deshalb nicht dem
Architekten angelastet.
Berner: Enthält die DIN 18040-1 Aussagen für Konferenzräume, ob hier z.B. eine Induktionsanlage
für schwerhörige Menschen vorgesehen sein muss?
Carsten Ruhe: Ja das ist richtig, unter der Ziffer 5.2.2 wird gefordert, dass dann, wenn eine
Lautsprecheranlage für guthörende eingebaut wird, auch ein spezielles Beschallungssystem für
Schwerhörige einzubauen ist, welches den gesamten Zuhörerbereich umfassen soll. In einer
Anmerkung wird auch darauf hingewiesen, dass sich dazu am besten induktive Höranlagen
eignen.
Ganesha: Wer kontrolliert letzten Endes, dass die DIN-Norm bei einem Neubau eingehalten
wurde?
Carsten Ruhe: Hier muss man unterscheiden zwischen dem was eigentlich sein sollte und dem
was tatsächlich ist. Die Bauaufsicht als eine Behörde hat früher derartige Prüfungen
vorgenommen. Im Zuge der die Regulierung ist das aber entfallen. Es bleibt also an uns hängen,
immer wieder Beschwerden vorzubringen, wenn etwas nicht eingehalten wurde. Für mich
persönlich besteht glücklicherweise die Möglichkeit, auch im Zuge meiner akustischen Planungen
auf diese Dinge frühzeitig hinzuweisen.
Lena: Die DIN 18040-1 gilt z.B. für Kinos? Aber das sind doch keine öffentlichen Gebäude?
Carsten Ruhe: Doch, Kinos sind öffentlich zugänglich, weil jeder, der sich eine Karte kauft, auch
hinein gelassen werden muss.
Hansi: was genau wird für die Hörgeschädigten getan im Bezug der DIN?
Carsten Ruhe: Ich habe weiter vorne schon geschrieben, dass etwa 10% der Norm für Sensor
beeinträchtigte Menschen geschrieben sind. Das bedeutet immerhin, dass vier DIN A4-Seiten mit
diesen Anforderungen bedruckt sind. Das kann ich hier nicht alles wiedergeben. Bei der Beratung
zu dieser Norm habe ich darauf geachtet, dass für alle drei Prioritätsstufen Anforderungen
enthalten sind: Priorität 1 - Alarm und Notsignale bei Gefahr für Leib und Leben, Priorität 2 Informationen ohne Möglichkeit der Rückfrage, Priorität 3 - Kommunikation mit der Möglichkeit der
Rückfrage. Einiges dazu ist im Schwerhörigen-Netz veröffentlicht.
Lena: Weswegen wurden bei der DIN 18024 die sensorischen Behinderungen nicht
berücksichtigt? Hatte das Ursachen?
Carsten Ruhe: Ja, das lag einfach damals daran, dass noch niemand an sensorische
beeinträchtigte Menschen gedacht hatte. Die Rollstuhlfahrer sind uns um mehr als zehn Jahre
voraus. Die Blinden haben dann eher angefangen, sich bemerkbar zu machen. Sie haben ja auch
keine Kommunikation-Behinderung sondern nur eine erschwerte Orientierung.
Deshalb hat man ihnen viel eher zugehört. Die Schwerhörigen sind erst seit 1998 im
Normenausschuss vertreten, als ich damals hinzugekommen bin.
Berner: Gibt es ein Zertifikat für DIN 18040-1?
Carsten Ruhe: Nein, so etwas gibt es bisher nicht. Zertifikate gibt es bisher nur für solche
Bereiche, für die Zielvereinbarungen abgeschlossen worden sind. Das hat zum Beispiel der
Deutsche Hotel- und Gaststättenverband mit den Behindertenverbänden gemacht. Deshalb
können Hotels und Gaststätten jetzt zertifiziert werden.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 4 / 8
Expertenchat im April 2011
Berner: Verstehe ich es richtig die DIN 18040-1 ist für Architekten, die auf Ästhetik Wert legen eher unbeliebt?
Carsten Ruhe: Ja, leider!!!
Hansi: Was machen denn die Leute, wenn man eigentlich gar keinen Fahrstuhl einbauen kann?
Haus abreißen?
Carsten Ruhe: Es gibt genug Menschen, die ein Haus auch bewohnen können, ohne dass ein
Aufzug vorhanden ist. Neubauten mit mehr als vier Geschossen müssen aber seit etlichen Jahren
Aufzüge erhalten. Für Personen, die auf den Aufzug angewiesen sind, bleibt im Allgemeinen nur
die Auswahl eines angepassten Wohnortes in einem anderen Haus. Es gibt allerdings etliche
Bauvorhaben, wo im Zuge der Modernisierung auch Aufzüge eingebaut werden (sehr viele
Plattenbauten sind darunter) dann macht man das aber für alle Bewohner und nicht nur für die
ganz besonderen (nämlich die Behinderten).
Hansi: Ich fände es gut, wenn in jedem Haus ein Fahrstuhl eingebaut wird!
Berner: Die DIN 18040-1 sieht auch Vorkehrungen für Fluchtwege vor, die entsprechend für
Menschen mit sensorischer, mobiler und kognitiver Behinderung Berücksichtigung findet?
Carsten Ruhe: Die Fluchtweg-Thematik war während der ganzen Normungsarbeit ein sehr
spezielles Thema. Wir haben uns bemüht, die heute bekannten Dinge zu beschreiben. Dazu
gehört zum Beispiel für blinde die akustische Fluchtweg-Signalisierung. Sie hilft auch sehenden
Menschen, wenn der Flur verraucht ist und diese Menschen dadurch blind sind. Für Rollstuhlfahrer
wird in öffentlichen Gebäuden ein spezieller Raum in jedem Geschoss gefordert, an dem die
Feuerwehr von außen mit der Leiter herankommen kann.
Hansi: Es wäre toll, wenn in jedem Haus eine Induktionsanlage eingebaut wird, egal ob öffentlich
oder normales Wohnhaus?
Carsten Ruhe: Die Forderung für Induktionsanlagen besteht nur für öffentliche Gebäude. Was
jemand in seiner eigenen Wohnung macht, bleibt ihm selbst überlassen. Wie auch bei den Möbeln
und Vorhängen oder bei Radio und Fernsehen ist auch die private induktive Höranlage reine
Privatsache.
HerrOhrKneifer: Hinweis für Hansi, Induktionsanlagen haben ein Übersprechen. Prima, wenn man
vom Nachbarn alles mithören kann. Feines Fernsehprogramm.
Hansi: wird darauf hingearbeitet, dass in jeder Wohnung eine Klingel, aber auch eine Lichtanlage
eingebaut werden muss? Privat bezahlt???
Carsten Ruhe: Derjenige, der ein Mehrfamilien-Wohnhaus baut, muss lediglich dafür sorgen, dass
solche Anlagen angeschlossen werden können. Er weiß ja aber zum Zeitpunkt des Bauens nicht,
ob überhaupt ein Schwerhöriger einzieht und welche Wohnung der nimmt. Vorsichtshalber alle
Wohnungen entsprechend auszustatten macht keinen Sinn.
Hansi: wie sieht es bei der Deutschen Bahn aus? Haben Sie hier auch Einfluss? Warum wird
überall nur wenig getan?
Carsten Ruhe: In der begleitenden Arbeitsgruppe der Deutschen Bahn habe ich etwa fünf Jahre
mitgearbeitet. Seit etwa drei Jahren hat Günter Brommer aus Wiesbaden dieser Arbeit
übernommen, weil die Sitzungen fast immer in Frankfurt stattfinden. Der DSB ist aber bei diesen
Sitzungen regelmäßig vertreten und die Deutsche Bahn hat viele Dinge inzwischen umgesetzt, die
wir seinerzeit gefordert haben. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Fahrtzielanzeiger
hinweisen. Die normale Anzeige ist weiß auf blau, bei besonderen Anlässen wird aber ein weißer
Balken mit schwarzer Laufschrift eingeblendet. Daran kann man schon von weitem erkennen, dass
etwas Besonderes angekündigt wird. Das ist eine von etlichen Maßnahmen, welche die Deutsche
Bahn inzwischen umgesetzt hat. Sie hat ja mehr als 5000 Bahnhöfe zu betreuen und schafft nicht
alles gleichzeitig.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 5 / 8
Expertenchat im April 2011
Lena: Regelt die DIN 18040-1 auch Fragen zur Schalldämpfung?
Carsten Ruhe: Fragen zur Schalldämpfung werden in DIN 18040-1 nicht direkt behandelt. Die
Norm verweist lediglich auf eine parallel geltende Norm mit einer ganz ähnlichen Nummer, nämlich
die Raumakustik-Norm DIN 18041. Auch an dieser Norm habe ich von 1999-2004 mitgearbeitet.
Warum wohl?
Lena: Also „öffentlich“ bedeutet nicht, dass es sich um eine staatliche Einrichtung handeln muss?
Carsten Ruhe: Nein, öffentlich zugänglich heißt nicht staatlich sondern eben für jeden offen
zugänglich. Das für mich anschaulich Beispiel sind Arztpraxen, wo jeder nach freier Arztwahl
hingehen kann. Ich habe allerdings kürzlich erst gehört, dass weniger als ein Viertel aller
Arztpraxen einen rollstuhlgerechten Zugang hat. Somit sieht es also bei der Barrierefreiheit ganz
schlecht aus. Für sensorische beeinträchtigte Menschen haben sich Ärzte bisher noch fast
überhaupt nicht eingerichtet.
Hansi: Haben Sie auch Einfluss darauf, dass in Kinos Untertitel eingesetzt werden?
Carsten Ruhe: Bei Kinos müsste man an den jeweiligen Betreiber herangehen, dass er nur solche
Filme vorführt, die auch schon mit Untertiteln versehen sind. Das liegt aber nur selten in seinem
Einflussbereich, wenn er die neuesten Filme zeigen möchte. Wir haben verschiedentlich versucht,
an die Hersteller von Filmen heranzutreten um dort Untertitel (und auch Audiodeskription für
Blinde) durchzusetzen. Das hat bisher aber noch nicht gut geklappt. Wir haben aber einen dicken
Fuß beim Fernsehen in der Tür (gemeinsam mit den Gehörlosen). Hier wird langsam der NDR in
Hamburg zum Vorreiter, derzeit ist das ZDF aber noch besser. Aber wir arbeiten dran...
Hansi: wer übernimmt dabei die Kosten? Muss eine Firma im öffentlichen Gebäude alles selbst
bezahlen?
Carsten Ruhe: Im allgemeinen Ja. Derjenige der ein Haus baut, muss es auch bezahlen. Das ist
auch der Grund, dass im Normenausschuss der Deutsche Städtetag einige Forderungen nicht in
die Norm hineinlassen wollte (die seine Baumaßnahmen betreffen) weil das ja dann sein Geld
kostet.
Berner: Gilt die DIN 18040-1 eventuell auch für Restaurants?
Carsten Ruhe: Ja, das stimmt. Hier haben sich die Rollstuhlfahrer schon sehr früh darum
gekümmert, dass sie mit ihren Freunden in die Restaurants hinein können. Und auf diesem
Trittbrett können wir jetzt gut mitfahren. Dennoch ist es so, dass auch für solche Räume nur in
wenigen Fällen wirklich hilfreiche Maßnahmen ergriffen werden. Gut ist, dass der Deutsche Hotelund Gaststättenverband eine Zielvereinbarung abgeschlossen hat. Dadurch werden Maßnahmen
nicht nur für Hotels sondern auch für Gaststätten festgelegt, welche sich zertifizieren lassen
wollen.
Moderator: Wir haben noch mehr als zehn unbeantwortete Fragen und nur noch sieben Minuten,
bitte keine weiteren Fragen mehr....
HerrOhrKneifer: Planung von Höranlagen ist prima. Vielleicht ist das Büro Ruhe zu klonen. Wie
sieht aber die Realisierung aus? Welche Firmen realisieren solche Anlagen? Ausschreibungen
spielen auch eine Rolle. Jede ELA Firma kann eine Ausschreibung gewinnen, und dann?
Carsten Ruhe: Es gibt nicht nur das Ingenieurbüro Taubert und Ruhe, sondern mindestens drei
ähnliche Büros. Darüber hinaus gibt es auch Planer für Beschallungsanlagen, welche sich um
dieses Thema kümmern. Wichtig ist, dass solche Anlagen von den Planern sachgerecht
ausgeschrieben werden und wichtig ist darüber hinaus, dass auch Abnahmemessungen
stattfinden. Auch dazu gibt es auf der Homepage unseres Ingenieurbüros einiges zum Nachlesen.
Ganesha: Das bedeutet doch, wenn nicht behördlich kontrolliert wird, dass den Verbänden selbst
überlassen ist, darauf aufmerksam zu machen, wenn man feststellt, dass der Neubau nicht der
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 6 / 8
Expertenchat im April 2011
DIN-Norm entspricht. Man kann doch nicht überall in Deutschland rumfahren und
dementsprechend kontrollieren.
Carsten Ruhe: Prinzipiell ist das leider so. Deswegen hat die Aktion Mensch vor einigen Jahren
das Motto herausgegeben: Gemeinsam sind wir unausstehlich!
HerrOhrKneifer: Die Stärke des DSB als Interessenvertreter ist also mehr denn je gefragt. Es gibt
viel zu tun.
Lena: Warum sind die Rollstuhlfahrer den Schwerhörigen um 10 Jahre voraus? Woran liegt es?
Sind sie braver?
Carsten Ruhe: Nein im Gegenteil, sie haben sich sehr früh lautstark zu Wort gemeldet und etliche
Aktionen gemacht bis hin, dass sie sich an bestimmten Stellen, wo sie nicht hinein konnten,
angekettet haben. Das waren damals sehr spektakulärer Aktionen und dadurch sind sie uns
deutlich voraus. Braver waren sie ganz gewiss nicht. Sie waren eher schon sehr frühzeitig und
unausstehlich.
Berner: Gibt es kein Spannungsfeld zwischen DIN 18040 und dem Denkmalschutz?
Carsten Ruhe: Na klar gibt es das, man denke nur an den Schleswiger Treppenwitz. Das
historische Schleswiger Rathaus hat im Eingang eine einzelne Stufe, bei welcher der
Denkmalpfleger nicht zulassen wollte, dass der Fußboden im Außenbereich um den
entsprechenden Betrag angeschrägt wird. Man sollte anhand dieser Stufe die Herrschaft
erkennen.
Berner: Werden Lichtklingel von der Krankenkasse bezahlt?
Carsten Ruhe: Das ist ein Thema für das Referat Technik, nicht für das Referat Barriere frei.
Beschrieben ist das nach meiner Kenntnis im SGB V.
HerrOhrKneifer: Gut‘s Nächtle zusammen
Lena: Sind öffentliche Gebäuden dazu gehalten die Norm 18041 einzuhalten?
Carsten Ruhe: Die DIN 18041 ist keine von den Normen, welche ich oben aufgezählt habe, die
beachtet werden müssen wie zum Beispiel Brandschutz, Schallschutz, Wärmeschutz und
Feuchteschutz. Wenn man diese Norm nicht einhält, dann besteht zunächst noch keine
Gesundheit-Gefahr. Sie ist aber eine von den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Wenn
ein Architekt sie nicht beachtet, dann läuft er Gefahr wegen eines Planungsfehlers zur
Gewährleistung herangezogen zu werden.
Lena: bye, bye.
Berner: Vielen Dank für den Chat! Ich habe viel gelernt heute Abend!
Hansi: Wünsche allen noch einen schönen Abend und danke Ihnen, Herr Ruhe, für die
ausführlichen Antworten!
Berner: Ist die Deutsche Bahn dazu verpflichtet die DIN 18040 anzuwenden? Sind die Verbände
hierzu aufgefordert? Die Deutsche Bahn daran zu erinnern?
Carsten Ruhe: Die deutsche Bahn (und nicht nur sie sondern auch alle privaten Bahnen) sind
durch ein ergänzendes Gesetz zum Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet, ein so
genanntes Programm zur Barrierefreiheit aufzustellen. Die Deutsche Bahn AG hat ihr Programm
bereits seit fünf Jahren fertig (ich habe oben schon erwähnt, dass ich in dem begleitenden
Ausschuss eine Weile mitgewirkt habe) die Privatbahnen ziehen jetzt langsam nach.
HerrOhrKneifer: Thema Bahn ist abendfüllend. Die Bahn unterscheidet in Neubau, also Stuttgart
21 und Rekonstruktion z.B. Halberstadt. Bei Rekonstruktion bleibt oft nur ein beliebter
Soundshuttle übrig.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 7 / 8
Expertenchat im April 2011
Carsten Ruhe: Dafür braucht man mehr als einen Abend und jetzt habe ich dazu langsam (ehrlich)
auch keine Lust mehr.
Hansi: Lichtanlagen kann man ja auch abstellen bzw. können auch Guthörende das vielleicht
gebrauchen. sicher gibt es da auch hochempfindliche Menschen, die lieber was sehen wollen als
hören...
Lena: Gibt es eine Beschwerdestelle an die man sich wenden kann, wenn ich mich über eine nicht
barrierefreie Arztpraxis beschweren möchte?
Carsten Ruhe: Ich wüsste nicht, dass es dazu etwas Offizielles gibt. Am hilfreichsten ist immer,
seine Beschwerde an der Stelle direkt los zu werden, wo man die Schwierigkeiten erlebt hat. Wenn
sie einem Arzt sagen, zu ihnen kann ich leider nicht kommen weil..., Dann wird er sich schon
überlegen, ob er auf diese Patienten verzichtet oder ob er seine Arztpraxis entsprechend
herrichtet.
HerrOhrKneifer: Was macht denn das Berliner Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit zum Thema
Fernsehen?
Carsten Ruhe: Das ist nach meiner Kenntnis kein Thema, welches das BKB(BundesKompetenzzentrum Barrierefreiheit) bearbeiten soll. Dieses Zentrum wurde dafür eingerichtet, den
Abschluss von Zielvereinbarungen zu unterstützen und zu forcieren. Mit öffentlich-rechtlichen
Anstalten kann man aber keine Zielvereinbarungen abschließen und deshalb ist dies kein
Arbeitsgebiet des BKB.
Moderator: Die Zeit ist leider abgelaufen. Vielen Dank an Carsten Ruhe für die Beantwortung der
Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in
den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen
Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Carsten Ruhe: Jetzt wünsche ich allen Mitlesern noch einen schönen Abend, Carsten Ruhe.
© Deutscher Schwerhörigenbund e.V. - 2011
Seite 8 / 8
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
1
Dateigröße
119 KB
Tags
1/--Seiten
melden