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Hören, was der Körper sagt - PatientInnenInitiative zur Mitarbeit und

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Hören, was der Körper sagt
Christine Schnaubelt
Fibromyalgie. Kaum jemand weiß, was das ist. Was es bedeutet, wie es sich anfühlt. Für Laien
beinahe unaussprechlich, für Mediziner oft unergründlich. Kein Röntgenbild und kein Laborwert
kann es erfassen. Und dennoch ist es da. Am einfachsten lassen sich die Symptome so aus
drücken: Alles tut weh. Und: Jeder Handgriff ist sehr anstrengend.
Bis ein Betroffener diese chronische Erkrankung diagnostiziert bekommt, können viele Jahre
verstreichen. So wie bei Christine Schnaubelt. Die heute 54Jährige hat sich nie unterkriegen
lassen, doch ihr Leidensweg war lang. Ein außergewöhnlicher Wachstumsschub im Alter von
15 Jahren läutete ihre Probleme ein. „In einem einzigen Ferienmonat bin ich zehn Zentimeter
gewachsen. Ich konnte mich eine Zeit lang kaum rühren, konnte nicht sitzen, nicht gehen. Mein
Hausarzt stand vor einem Rätsel“, sagt Schnaubelt. Ihr wurde jede Art von Sport verboten. Was
folgte, war für den Teeny auch nicht lustig. Eine Achillessehnenentzündung über zwei Jahre,
gefolgt von Sehnenscheidenentzündungen in beiden Händen über drei Jahre. „Einmal trug ich
einen Gips links, dann rechts, dann sogar auf beiden Seiten.“
Und dann mit 20 Jahren begannen die Probleme in der Wirbelsäule. Die Therapie: Eine steife
Schanzkrawatte für die Halswirbelsäule. Über ein Jahr stützte diese Vorrichtung Hals und Kopf,
mit dem Ergebnis, das sich die Muskulatur in diesem Bereich zurückbildete. „Heute weiß man,
dass Bewegung das Wichtigste ist. Damals hieß das Zauberwort Ruhigstellung“. Kurzfristig
Patientengeschichte
Christine
Schnaubelt
Mehr Infos unter www.geheiltvomschmerz.at
aus
dem
Buch
„Geheilt
vom
Schmerz“
(Thomas
Hartl,
Verlag
Ueberreuter).
verminderte das die Schmerzen, langfristig wurde alles nur noch schlimmer. Mit der Zeit
veränderten sich die Schmerzen. „Sie tauchten einmal links, einmal rechts, dann oben, dann
unten auf. Den Ärzten konnte ich kaum sagen, wo es nun wirklich wehtat.“
Was folgte? Eine endlose Prozedur aus physikalischen Behandlungen, rheumatischen
Medikamenten, Infiltrationen, Infusionen und in den letzten zehn Jahren auch homöopathische
sowie komplementärmedizinische Behandlungen.
Erst im Jahr 2001 erhielt sie die Diagnose: Fibromyalgie! „Da kann man nichts dagegen tun,
sagte mir mein Orthopäde“, so Schnaubelt. Und sie fügt dazu: „Das ist auch der heutige
Wissensstand. Viele sagen, Leute wie ich seien Hypochonder, weil die Wissenschaft nicht weiß,
was da im Körper falsch läuft. Dass Menschen wie ich berufsunfähig sind, wollen auch viele
nicht einsehen. Gutachter, die darüber entscheiden, haben keine Ahnung von dieser Krankheit.
Sie wissen nicht, dass selbst das morgendliche Zähne putzen zur unüberwindbaren Hürde
werden kann, weil statt Kraft nur Schmerz da ist. Es ist auch keine psychische Erkrankung, wie
manche behaupten. Depressionen bekommt man höchstens wegen der Schmerzen und weil
man nicht ernst genommen wird.“
Wie sich ein Leben ganz ohne Schmerzen anfühlen könnte, das kann die einstige
Bankangestellte kaum mehr erahnen. Aber sie hat nie resigniert, nie aufgehört, nach
Möglichkeiten zu suchen, die ihr das Leben lebenswert machen. Und sie hat einiges gefunden,
das ihr gut tut. Das Wichtigste: Am Morgen in den Körper hören. Was hat er zu erzählen? Wie
viel ist mir heute erlaubt? Was kann ich tun, was muss ich lassen? „Meine Kraft reicht für zwei
Stunden Aktivität am Tag. Diese zwei Stunden muss ich mir gut einteilen, und immer wieder
Pausen einlegen. In dieser Zeit kann ich Hausarbeiten machen, einkaufen, telefonieren oder
mich sportlich bewegen.“
Schnaubelt betont, dass jeder für sich finden muss, was ihm gut tut. Generell lässt sich nicht
beantworten, was einem an Fibromyalgie Erkrankten hilft. „Ich mache viel Bewegung, achte auf
eine Ernähung, die mir gut tut, versuche auch meine sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten.
Wichtig ist auch eine Umwelt, die akzeptiert, dass man eben oft nicht so kann, wie man will.“
Am meisten hilft ihr, mit ihrem Körper zu kommunizieren. Sie hört auf ihn, hört, was er will und
richtet sich danach. „Tue ich das nicht, dann muss ich mit einem Schmerzschub rechnen, der
dann nur mit starken Schmerzmitteln in den Griff zu bekommen ist.“ In der Zeit zwischen diesen
Patientengeschichte
Christine
Schnaubelt
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aus
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„Geheilt
vom
Schmerz“
(Thomas
Hartl,
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Schüben lebt sie ganz gut mit ihrer Erkrankung. „Der Schmerz ist zwar immer präsent, aber ich
habe gelernt, ihn zu akzeptieren, ihn anzunehmen und damit umzugehen.“
Christine Schnaubelt ist Präsidentin der Rheuma Hilfe Österreich und Obfrau in der
PatientInnenInitiative zur Mitarbeit und Mitgestaltung im Gesundheitswesen in Wien (Adresse
siehe unter Adressen und Verzeichnisse am Buchende).
Fibromyalgie
Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die durch generalisierte Schmerzen der
Muskulatur, des Bindegewebes und der Knochen geprägt ist. Kennzeichnend sind „tender
points", das sind druckempfindliche Punkte. Drückt man diese, empfindet der Betroffene
Schmerzen. Man findet diese Punkte am Nacken, oberhalb der Schulterblätter, bei den
Schlüsselbeinen, in der Kreuzbeingegend, an den äußeren Oberschenkeln, in den Kniekehlen
und an den Ellbögen.
Weitere mögliche Beschwerden:
Man fühlt sich krank, müde und ausgelaugt, hat Schmerzen am ganzen Körper („Alles tut
weh."), oft auch Schlafstörungen, morgendliches Steifheitsgefühl, vermehrte Muskelschmerzen
bei körperlicher Betätigung, neurologische Störungen, Konzentrationsstörung, erheblich
verringerte Leistungsfähigkeit. Körperliche, geistige, aber auch emotionale Belastungen
erfordern unnatürlich lange Erholungsphasen. Während für gewisse Fibromyalgie-Patienten vor
allem die Schmerzen im Vordergrund stehen, klagen andere Patienten hauptsächlich über
Müdigkeit, Verspannungen und Konzentrationsstörungen.
Am häufigsten betroffen sind Frauen im mittleren Lebensalter. In seltenen Fällen können aber
auch Männer oder Kinder daran erkranken. Die Ursache der Krankheit ist bislang unbekannt.
Behandlungskonzepte beruhen darauf, schwer beeinträchtigende Symptome wie Schmerz,
Müdigkeit oder Schlafstörungen zu bekämpfen, wobei man gute Ergebnisse mit ganzheitlichen
Konzepten erreicht. Die konventionelle Therapie arbeitet mit Medikamenten, Physiotherapie,
lokaler Schmerztherapie und Psychotherapie. Alternative Therapien verwenden Heilpflanzen
und Nahrungsergänzungen, Ernährungsprogramme, Homöopathie, Chiropraktik, Traditionelle
Chinesische Medizin (TCM) und Antistress-Programme.
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„Geheilt
vom
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