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Indisch für Anfänger Was ziehe ich am Samstag bloss - laemmlitext

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Indisch für Anfänger
Was ziehe ich am Samstag bloss an? Das
Kleiderchaos, bestehend aus an- und sofort
wieder ausgezogenen, hektisch auf Stuhllehne
oder
Boden
geworfenen
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ist
vorprogrammiert. Genauso der Frust am
nächsten
Tag,
beim
Aufräumen
der
Kleiderhaufen.
Besonders schwierig wird die Kleiderfrage dann,
wenn der Anlass keine herkömmliche Party,
sondern ein Anlass mit Motto ist. „Hollywood be a star“ lautet das Thema. Ich will nichts
Abgedroschenes. Von Marilyn Monroe werden
mindestens drei Exemplare anwesend sein, von
Elvis ebenso – und wer möchte schon gern als
Klon eine Party feiern? Eine originelle Idee muss
her: ausgefallen und trotzdem so plakativ, dass
ich nicht den ganzen Abend lang erklären muss,
wen oder was ich darstelle.
Meine rettende Idee: Bollywood. Indische Filme
sind
im
Trend,
indische
Gewänder
wunderschön. Frech neben dem Thema und
trotzdem passend, nicht?
Ich begebe mich also in einen indischen Laden.
Das knallbunte Schaufenster war mir schon bei
meinem ersten Spaziergang durch die
Bahhofspassage aufgefallen. Ich öffne die
Ladentür und frage mich, ob es pietätlos sei, ein
traditionelles indisches Gewand als Verkleidung
zu missbrauchen. Jetzt ist es sowieso zu spät,
ich stehe im Laden. Es riecht nach Kardamom.
Oder ist es Kümmel? Die Verkäuferin kommt auf
mich zu, wir grüssen uns und ich zeige auf das
Filmposter mit einer Bollywood Schönheit: „Ich
möchte so ein Kleid kaufen.“ Die Verkäuferin
reagiert weder erstaunt noch konsterniert, aber
trotzdem überraschend.
Sie erklärt mir nämlich ganz nüchtern, dass es
sich bei dem Kleid auf dem Bild um einen Sari
handle, und dass ich einen solchen nicht kaufen
könne. „Und warum?“ „Weil Sie den nicht
anziehen können“. Einen Sari anzuziehen,
erklärt sie, sei schwierig, die Wickeltechnik
kompliziert und müsse gelernt und geübt
werden. Sie empfiehlt mir als Ersatz einen
kitschigen, aber unspektakulären Zweiteiler,
den ich ebenso in der Fasnachtsabteilung eines
Grossisten hätte kaufen können. Ich erkläre ihr,
dass es mir ganz wichtig sei, an diesem Fest
traditionell indisch gekleidet zu sein und frage
sie, ob sie mir nicht zeigen könne, wie man ihn
anzieht, den Sari.
Sie zieht ein rosafarbenes Bündel aus einem
Regal und mir scheint, sie schüttle dabei den
Kopf. Als sie das Bündel auseinanderfaltet,
merke ich, dass es sich bei dem Teil um ein
riesiges, rechteckiges Stück Stoff handelt. Jetzt
verstehe ich, was sie meinte. Wie soll aus
diesem Tuch ein figurbetontes, festliches Kleid
werden?
In dem Moment betritt eine ältere Inderin den
Laden. Die Frauen scheinen sich zu kennen, ein
angeregtes Gespräch entsteht. Die jüngere, sie
hat sich mir inzwischen als Diana vorgestellt,
erklärt, gestikuliert, zeigt auf mich. Die ältere
staunt, schüttelt den Kopf, antwortet. Die
beiden beraten sich in ihrer melodischen
Muttersprache, ich verstehe natürlich kein Wort
und fühle mich etwas hilflos.
Plötzlich geht alles ganz schnell. Die beiden
Frauen erklären, dass sie mir jetzt zeigen
werden, wie man den Sari anzieht. Diana nimmt
Mass, zieht ein enges, goldenes Oberteil vom
Stapel und sobald ich dieses angezogen habe,
beginnt die Prozedur:
Die beiden falten, wickeln, ziehen und stecken,
jetzt schweigen sie, nur das wilde Klimpern ihrer
goldenen Armreife ist zu hören. Ich fürchte,
bald eine der Sicherheitsnadeln im Bauch oder
in der Schulter stecken zu haben, aber die
beiden wissen genau, was sie tun: Nach einigen
Minuten stehe ich da, in einem wunderschönen
Gewand und werde bombardiert mit
Anweisungen und Erklärungen. Ich fühle mich
wie eine Puppe und schwitze.
Die beiden drapieren den Stoff immer wieder
neu und zeigen mir diverse Varianten: Junge
Frauen tragen das Teil am Bauch weiter unten,
die Schulterpartie kann in die Hand genommen
werden, am Po muss es eng sein. Ich schwitze
und erkläre, dass ich wohl auf den Unterrock
verzichten werde, im August sei es dafür zu
heiss. Das hätte ich besser nicht gesagt. Die
Frauen erklären mir mit einer gewissen
Vehemenz, dass der Unterrock fester
Bestandteil des Sari sei und dass ich auf keinen
Fall ohne gehen könne.
Ich bitte darum, es nun alleine versuchen zu
dürfen, mache den ersten Schwung um die
Hüften und schon beginnen beide erneut, an
mir und dem Stoff zu zupfen und zu referieren.
Sie tun es mit soviel Hingabe, dass ich ehrlich
berührt bin.
Nach der dritten Wiederholung der ganzen
Wickel- und Steckprozedur zeigt mir die ältere
Frau, wie die schräge Vorderpartie über der
Brust effektvoll in Falten gelegt werden muss,
damit die Goldbordüre richtig zur Geltung
kommt. Noch währenddem sie zupft und zieht,
schüttelt sie plötzlich den Kopf und meint, wie
schade es sei, dass ich kaum Brüste habe, ich
müsse da unbedingt mit Stopfmaterial arbeiten.
Gleichzeitig greift sie mir an den Busen, gerade
so, also ob sie Mass nehme und so, als ob es die
natürlichste Sache der Welt sei. Ist es in diesem
Moment auch. Ich fühle mich weder begrabscht
noch belästigt, aber die ungewohnte Direktheit
erstaunt mich. „Ich habe zuhause einen Pushup-BH“, stammle ich. Die beiden scheinen
erleichtert und vertrauen mir grinsend an, dass
auch indische Frauen mit ihrer Oberweite
mogeln.
Danach üben wir gemeinsam ein viertes Mal
und ich denke, ich könnte es jetzt alleine
hinbekommen.
An der Kasse wählen wir die passenden
Accessoires aus: Goldene Armreifen, eine
Halskette, Ohrringe, Bindis für die Stirn, Henna
Tattoos für die Hände und Strass fürs Gesicht.
Ich bekomme auch jetzt alles ganz genau erklärt
und erfahre nebenbei, wie alt Dianas Töchter
sind, was diese an Festen anziehen und welchen
Schmuck sie am liebsten tragen.
Ganz besonders schön finde ich die goldenen
Ketten mit Gehänge, die in den Haaren befestigt
werden und auf die Stirn hinunterhängen. Auf
die muss ich leider verzichten. In meinem feinen
Haar hält so etwas nicht. Dazu meint die ältere
der beiden: „Schade, dass du nur so wenig
Haare hast, eigentlich wärst du eine hübsche
Frau.“
Diana packt mir meine Schätze in eine
Plastiktüte und schreibt
ihre private
Telefonnummer auf eine Visitenkarte. „Wenn es
nicht klappt, ruf mich an. Dann komme ich ins
Geschäft und helfe dir beim Anziehen.“ Ich
müsse aber unbedingt vorher anrufen, denn am
Samstag sei normalerweise nur ihr Mann im
Laden.
Das ist zu viel. Diese unglaubliche Hilfsbereitschaft rührt mich und ich verdrücke eine
Träne. Ich erkläre, dass ich leider keine Zeit
habe, am Samstag vor dem Fest in Ihre Stadt zu
fahren, denn ich wohne in einer anderen. „Kein
Problem“, sagt Diana und schreibt mir die
Handynummer einer Cousine auf, die in meiner
Stadt wohnt. „Für den Notfall“, meint sie.
Ich freue mich auf die Party diesen Samstag und
bin entspannt, wie selten vor so einem Anlass.
Denn auf die Frage - Was soll ich heute bloss
anziehen? - habe ich die Antwort.
Eine andere Frage bleibt aber: Werde ich es
schaffen, mich anzuziehen?
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Seele and Geist
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