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1 9.9.2011 Was mache ich nach dem Schlaganfall, wenn ich

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9.9.2011
Was mache ich nach dem Schlaganfall, wenn ich Sprachprobleme habe?
von Dr. Volker Middeldorf, Lindlar
Vielen Betroffenen, die einen Schlaganfall erlitten haben, fällt es schwer, ihre Sprache so zu
gebrauchen wie vor dem Schlaganfall. Sie haben dann Probleme, Sprache zu verstehen oder Wörter
zu finden. Unter Umständen klappen das Lesen und Schreiben auch nicht mehr so wie früher. In
vielen Fällen kommt es zu dezenten, recht unauffälligen, in anderen zu dramatischen
Erscheinungen, die mit dem Fachbegriff „Aphasie“, auf Deutsch „Sprachverlust“ bezeichnet
werden.
Wenn das Großhirn arbeitet [das passiert immer, wenn wir etwas tun], dann schießen durch das
neuronale Netzwerk Millionen und Abermillionen von Nervenimpulsen gleichzeitig zueinander und
miteinander. Das ungestörte Zusammenspiel bestimmter Nervenimpulse ermöglicht unsere
hochkomplizierten Hirnleistungen, die in unseren Handlungen und in jedem Verhalten ihren
Ausdruck finden. Hirnleistungen zeigen sich im Denken, Bewegen, Wahrnehmen, Fühlen,
selbstverständlich auch beim Sprechen, Sprache verstehen, Lesen, Schreiben usw.
Wenn nach Schlaganfall, Hirnblutung oder Schädelhirntrauma bleibende Folgen zu beklagen sind,
dann hat das seinen Grund darin, dass in dem engmaschigen neuronalen Netz von
Hirnnervenleitungen Nervenzellen in einem bestimmten Bereich abgestorben sind. Dadurch
entstand dort quasi ein Loch im Netzwerk, was den Ausfall bestimmter Leistungen zur Folge hat.
Die elektrobiochemischen Impulse bleiben dann am Loch-Rand stecken und erreichen weder ihr
Ziel noch die gewohnte Kooperation mit anderen Impulsen. Sprachstörungen treten dann als
„Sprach-Abrufstörungen“ auf.
Muss man sich mit solchen Funktionsausfällen abfinden ?
Die Betroffenen hoffen auf wirksame Hilfe durch die Medizin und die Pharmazie. Leider gibt es
(noch) keine Sprach-Medikamente, die abgestorbene Hirnnerven wieder zum Leben erwecken und
auf diese Weise Heilung des „Lochs im Netzwerk“ bewirken könnten. Es gibt heute auch keine
Operationen, die Sprachfunktionsverluste ausgleichen könnten. Hirnnerventransplantationen sind
noch Zukunftsideen, die uns heute nicht weiter helfen. So bitter es klingt: Die neurologische
Medizin besitzt zur Zeit für die post-akute Phase (nach der akuten Krankenhaus- und
Erstrehabilitationsbehandlung) zur „Heilung“ der „chronischen“ Folgeschäden eines Schlaganfalls
keine Mittel.
Wohl aber die Neurowissenschaften. Sie geben den Betroffenen eine mutmachende Blickrichtung.
Sie sprechen von der „Plastizität des Gehirns“, was bedeutet, dass jedes Gehirn zu seinem
bestehenden neuronalen Netzwerk neue Nervenfasern hinzuentwickeln kann, so auch – bildlich
gesprochen – um das neuronale Loch herum. Neue Nervenfaserverbindungen wachsen durch
Lernen.
Kann auch das Gehirn nach dem Schlaganfall noch lernen ?
Schlaganfallbetroffene Menschen können lernen. Auch sie besitzen trotz des Schlaganfalls große
Hirnzellen-Reserven. Gehen wir von der in der Fachwelt vorherrschenden Annahme aus, dass wir
im erwachsenen Alter nicht mehr als 30 – 40 % der ca. 50 bis 100 Milliarden Hirnzellen in
Gebrauch haben, was im „gesunden“ Zustand ein Reservepotenzial von 60 bis 70 % bedeutet.
Nehmen wir an, das Gehirn des Betroffenen habe durch den Schlaganfall 10 % seines
Hirnnervenpotenzials verloren. Dann errechnet sich immerhin noch eine Reserve, die unvorstellbar
groß ist.
Wann sollte die Therapie beginnen?
Die Erfahrungen im therapeutischen Lernen lehrt uns, dass Schlaganfallbetroffene mit Aphasie so
schnell wie möglich nach dem Ereignis fachlich logopädische, d.h. sprachtherapeutische Therapie
1
wahrnehmen und das große Reservepotenzial (Rehabilitationspotenzial) intensiv nutzen sollten.
Gerade in der Spontanremissionsphase (bis 6-12 Monate nach dem Ereignis) benötigt das
geschädigte Gehirn gezielte und massive Lernimpulse, Zielsetzungen und Aufklärung, in welche
Richtung es arbeiten (lernen) soll. Auch wenn die Aphasie bereits mehrere Jahre besteht Aphasietherapie bewirkt in intensiver Form deutliche Fortschritte und bietet das Instrumentarium
zur erheblichen Verbesserung der sprachlichen Leistungen.
Können die Folgeschäden des Schlaganfalls „geheilt“ werden ?
Obwohl sich die abgestorbenen Nerven nicht selbst heilen können oder heilen lassen, gibt es einen
anderen Weg der „Heilung“. Das ist der Weg des Neulernens verloren gegangener Funktionen. Der
Patient lernt bestimmte Funktionen neu, die ihm Zugang verschaffen zu den „verschütteten“
Sprachfähigkeiten. Er baut neue Hirnnerven-Leitungen, die ihm „neue“ Zugriffe auf „alte“
Sprachfähigkeiten schaffen.
Was ist das Ziel der Aphasietherapie bei Erwachsenen?
Das ehrgeizige Ziel der Aphasietherapie ist, dass der Patient Sprache wieder verarbeiten und
hervorbringen, seine Gedanken und Gefühle wieder mitteilen und sprachlich-kommunikatives
Verhalten und Können zeigen kann. Jeder lernmotivierte Patient kann – auch Jahre nach dem
Ereignis - von der Aphasietherapie sehr profitieren.
Wie lange dauert eine Aphasietherapie?
Es ist zu beobachten, dass Patienten in intensiven Sprachtherapiephasen, z.B. in 5-wöchigen
Therapiephasen mit täglich 4 Sprachtherapien, deutliche Entwicklungsschübe erzielen.
Wie lange er braucht, um zu einer bestimmten Zielleistung zu gelangen, hängt von zahlreichen
Faktoren ab. Jeder Schlaganfall zeigt bei jedem Patienten ganz individuelle Folgen in Art und Form
sowie in Schwere und Ausmaß der Funktionsstörungen. Daher sind die Funktionsstörungen von
Fall zu Fall ganz unterschiedlich. Es sei noch zu betonen und zu fragen, wie der Patient das
folgenreiche Ereignis psychisch verkraftet und damit umgeht.
Aufgrund der starken Individualität der Schäden gibt es keine Standardwerte zur Länge von
„Wiederherstellungszeiten“ (Restitutionszeiten).
Wie weit kann der Betroffene kommen?
Wie weit der Patient in dem Prozess der Gewinnung von sprachlichen Fähigkeiten kommt, über
welche sprachlichen Leistungen er am Ende einer längeren Therapie-Wegstrecke verfügen wird
oder verfügen will, das hängt einerseits stark von seinem persönlichen Lerneinsatz ab und davon,
wie oft, wie lange, wie konzentriert, wie ausdauernd er lernt. Andererseits hängen seine TherapieErgebnisse auch maßgeblich von dem gewählten Therapieformat (ambulant zu Hause / stationär in
spezialisierter Einrichtung) ab.
Als die zur Zeit effektivste Therapieform gilt die im Logopädischen Behandlungs- und
Rehabilitationszentrum Lindlarer durchgeführte Intensiv-Intervall-Therapie, in der der Patient eine
5-wöchige Intensivtherapie-Phase mit anschließenden ambulanten Therapien zu Hause verknüpft.
Therapieoptimierend ist nach 3 - 6 monatiger Konsolidierung und Anwendung des intensiv
Gelernten eine weitere 4-wöchige Intensiv-Sprachtherapie. Moderne aphasie-therapeutische Studien
weisen aus, dass die hohe Therapiefrequenz (z.B. 9 Therapiesitzungen pro Woche, bei H.Grötzbach,
2004) einer der größten Wirkfaktoren in der Aphasietherapie darstellt. Therapiebegleitende Studien
in Lindlar bestätigen seit 1991 den Wirkfaktor der Therapie-Intensität. In Lindlar führt jeder Patient
wöchentlich 15 – 20 sprachtherapeutische Sitzungen mit gutem Erfolg durch.
Eine im Januar 2011 im Logopädischen Zentrums für Intensive Therapie Lindlar durchgeführte
Studie bestätigt, dass die wissenschaftlich geforderte Kombi-Sprachtherapie (Ambulante Therapie
zu Hause – Intensiv-Sprachtherapie z.B. in Lindlar) deutliche Effektivitäts-Steigerung und
Optimierung der Therapieergebnisse generiert. Von den 102 zufällig ausgewählten sprach-, sprech2
und stimmgestörten ehemaligen Patienten Lindlars beurteilten 78 % Intensive Sprachtherapie mit
täglich 4 logopädischen Therapiesitzungen in Kombination mit anschließender ambulanter
Sprachtherapie zu Hause als bedeutsam bis sehr bedeutsam für ihre aktuelle, verbesserte
Kommunikation.
Welche Faktoren sind in einer Aphasietherapie erfolgsbeeinflussend?
Neben Intensität der Therapie (Sitzungsanzahl pro Woche) und Therapieform (alternierend
ambulant und intensiv-stationär) sind zur Erreichung einer großen Therapieeffizienz die
individuellen, persönlichkeitsspezifischen Faktoren wie persönliches Ziel, Ehrgeiz, Wille,
Ausdauer, Motivation des Patienten und seiner Angehörigen in die Planung und Durchführung der
Therapie mit einzubeziehen.
Dazu kommen die privaten Rahmenbedingungen wie die logopädische Versorgung am Heimatort,
die Möglichkeiten der Mitarbeit des familiären Umfelds, die gute Therapie- und
Therapeutenqualität, das engagierte, partnerschaftliche und individuelle Eingehen der Therapeutin
auf die persönlichen Zielvorstellungen des Betroffenen.
Bei stationären Aufenthalten sollte dem Wohlfühl-Aspekt große Bedeutung beigemessen werden,
denn sehr gute Qualität der therapiebegleitenden, stationären Wohn- und Arbeitssituation wirkt sich
effizienzsteigernd auf das therapeutische Lernen aus.
Weitere Information und Beratung erhalten Sie vom Autor unter
Volker.Middeldorf@logozentrumlindlar.de
Logopädisch-interdisziplinäres Zentrum für Intensive Therapie Lindlar (Behandlungs- und
Rehabilitationszentrum)
Kamperstr. 17-19
D-51789 Lindlar
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