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1 1. Was heißt Lernen? Was bedeutet Wissenserwerb? Definition

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Lernen Lernschwierigkeiten
Diagnostik der Lernvoraussetzungen
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1. Was heißt Lernen? Was bedeutet Wissenserwerb?
Definition Lernen (Sageder 1996)
Lernen heißt jede aktive, Anstrengungen erfordernde psychische bzw.
psychomotorische Auseinandersetzung eines Menschen mit irgendwelchen Objekten
der Erfahrung. Dabei werden interne Repräsentationen gebildet und modifiziert, die
relativ dauerhafte Veränderungen von Fertigkeiten und Fähigkeiten bewirken.
Um die Vielfalt der Lernprozesse in eine systematische Ordnung zu bringen werden
vier grundlegende Lernformen unterschieden (Edelmann, 62000)
Das Reiz – Reaktionslernen
Aufbau von Verbindungen zwischen Reizen und Reaktionen
Das instrumentelle Lernen
Aufbau von Verbindungen zwischen Verhalten und nachfolgenden
Konsequenzen
Begriffsbildung und Wissenserwerb
Aufbau von Verbindungen zwischen den Elementen von kognitiven Strukturen
Lernen von Handeln und Problemlösen
Aufbau von Verbindungen zwischen Wissen und Aktivität
Dualistische Auffassung von Lernen (Edelmann, 62000)
die Außensteuerung durch Reize spielt eine ausschlaggebende Rolle (heisse
Herdplatte – ich fasse nicht mehr hin)
die Innensteuerung durch subjektive kognitive Strukturierungsprozesse steht
im Vordergrund (Metakognition, Lernstrategien)
Die Kognitionswissenschaft beschäftigt sich mit menschlichem Wissenserwerb und
Denken. Sie bezieht ihre Erkenntnisse aus den Beiträgen der Neuropsychologie, der
Kognitiven Psychologie, Linguistik und Kybernetik.
Unter Kognitionen versteht man die Prozesse, durch die ein Mensch Kenntnis von
seiner Umwelt erlangt. Das sind besonders Wahrnehmung, Vorstellung, Denken,
Urteilen, Sprache. Durch Kognitionen wird Wissen erworben.
Kognitive Prozesse lassen sich von emotionalen (gefühlsmäßigen) und
motivationalen (aktivierenden) Prozessen unterscheiden. Dennoch sind kognitive
Vorgänge eng mit ihnen verbunden.
Durch kognitive Prozesse werden kognitive Strukturen aufgebaut. Es findet
Wissenserwerb statt.
Beim Wissenserwerb gibt es zwei unterschiedliche Ansätze:
1. Informationsverarbeitungsansatz
Kognitive Prozesse lassen sich analysierend in Einzelschritte zergliedern. Diese
Informationen werden im Gehirn verarbeitet und gespeichert. Lernen bezeichnet
hierbei schwerpunktmäßig den Prozess der Aneignung von Informationen,
Gedächtnis bezeichnet den Vorgang der Speicherung und des Abrufens.
2. Ökologischen Ansatz
Kognitive Prozesse sind Reaktionen auf relevante Strukturen in der Umwelt. Die
Analyse der Umweltstrukturen ist bedeutsam.
Der Prozess des Lernens führt zum Neuerwerb oder zu Veränderungen psychischer
Dispositionen, also zur Bereitschaft und Fähigkeit bestimmte seelische oder
körperliche Leistungen zu erbringen.
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Das heißt, es werden Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten erworben. Der
Lerner kann sich nach dem Lernen anders verhalten, anders denken, anders wollen,
anders handeln.
Lernen ist durch relativ überdauernde Veränderungen im Organismus
gekennzeichnet. Es wird Handlungswissen und Sachwissen erworben.
Lernen an sich ist auf keinen Entwicklungsabschnitt beschränkt und bezieht sich
nicht nur auf die gesteuerten, intentionalen Prozesse im Schulunterricht.
Die Leistung (Performanz) hängt von momentanen Bedingungen (Müdigkeit,
emotionales Befinden) ab.
Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Manfred Spitzer und Joachim Bauer
Lernen ist ein aktiver Prozess
im Sinne der Informationsaufnahme und Speicherung erfolgt Lernen immer
die Intensität der Verarbeitung hinterlässt Spuren im Gedächtnis
Repräsentationen in Abhängigkeit von der Umwelt werden durch Neuronen im
Gehirn ausgebildet
• neue Informationen sind attraktiv und werden schnell verarbeitet
• Übertragungen von Impulsen von einem Neuron zum anderen erfolgt
an den Synapsen durch einen chemischen Prozess (Transport durch
Neurotransmitter)
Lernen produziert Können und Wissen, aber langsam
vieles kann man, ohne ein bewusstes Wissen darüber zu haben
Können bedarf der Übung
Wissen entsteht durch Extraktion von Regeln aus der gemachten Erfahrung
Lernen einzelner Fakten ist nicht sinnvoll
Das Gehirn ist plastisch, d.h. es passt sich den Bedingungen und Gegebenheiten der
Umgebung zeitlebens an
Fähigkeit zur Anpassung an die Lebenserfahrung durch das
Zentralnervensystem bezeichnet man als Neuroplastizität des Gehirns
Die Großhirnrinde (Kortex) ist geordnet: ähnliche Signale liegen nah
beieinander, häufige Signale nehmen einen großen Raum ein
Es entstehen „Plastische Karten“, die erfahrungsabhängig entstehen und sich
auch je nach Input umorganisieren
Im Schlaf werden neugeknüpfte Verbindungen organisiert und etabliert, d.h.
im Langzeitspeicher repräsentiert
Was Lernen beeinflusst
Aufmerksamkeit
• Vigilanz = Wachheit
• selektive Aufmerksamkeit = die Fähigkeit, sich bestimmten Dingen mit
Wachheit zuzuwenden.
• Die
selektive
Aufmerksamkeit
hat
eine
begrenzte
Informationsverarbeitungskapazität. D.h. Aufmerksamkeit muss sich auf zu
lernende Reize richten, um die Synapsen zu aktivieren, dann findet Lernen
statt.
Emotionen
• Akute emotionale Erregung kann dazu führen, dass man bestimmte Dinge
besser behält. Angst produziert einen bestimmten kognitiven Stil: das
rasche Ausführen einfacher gelernter Routinen. Komplexen Situationen
angemessenes ganzheitliches Denken wird durch Angst behindert.
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•
Verhalten, das zu einem „besser als erwartet“ Ergebnis führt, sorgt für die
Ausschüttung von Dopamin im Hirn, einem Neurotransmitter, der zum
Wohlbefinden beiträgt. Fazit: gelernt wird dann, wenn positive Erfahrungen
gemacht werden im Rahmen positiver Sozialkontakte. Motivation.
Spiegelneuronen
sind Nervenzellen mit dem Programm für Handlungen, die sie aufgrund ihrer
Fähigkeit zu neurobiologischer Resonanz entwickeln und in Gang setzen
•
•
•
•
•
Durch Beobachtung einer anderen Person werden eigene
handlungsplanende Nervenzellen aktiviert
Diese Nervenzellen heißen Spiegelneurone
Spiegelneurone lassen sich durch Beobachtung, Geräusche, Gerüche
aktivieren
Es reicht aus, nur einen Teil der Handlung zu beobachten, um vor
Beendigung des Handlungsablaufs intuitiv das Ergebnis zu kennen
Spiegelneurone stehen in Verbindung mit den Nervenzellen, die für die
Vorstellung von Empfindungen zuständig sind
Theory of Mind
• Vorstellung darüber, was in einem anderen Menschen vorgeht
• Vorstellung darüber wie er empfindet
• Spontane Kommunikation ist möglich
• Das System der Spiegelneurone stellt die neurobiologische Basis dar für
das gegenseitige emotionale Verstehen = Empathie
• Spiegelneurone müssen durch entsprechende Tätigkeiten aktiviert und
eingeübt werden
Konsequenzen für die Schule
• Kinder brauchen Modelle von emotionaler Resonanz
• Spiel und aktives Lernen erlauben es, Erfahrungen zu machen über den
Zusammenhang von Handeln und Fühlen
Kinder mit der Fähigkeit zu emotionaler Resonanz
• können adäquat Kontakt aufnehmen
• sind eher in der Lage soziale Spielregeln zu erkennen und sich daran zu
halten
• sind fähig das Beziehungsangebot der Lehrkraft zu erkennen. Der Effekt
des Gesehen-Werdens steigert die Lernmotivation.
1.2 Neue Erkenntnisse aus der Bildungsforschung: Elsbeth Stern
Es gibt reifungsabhängiges Lernen
im Kindesalter vollziehen sich noch grundlegende Änderungen, die eng an
die Hirnentwicklung gekoppelt sind
Kinder haben eine eingeschränkte Arbeitsspeicherkapazität, die ihnen hilft
zu selektieren; das Hirn ist kein „Schwamm“, der alles aufnimmt
Kinder haben vor allem deutliche Defizite in der Handlungs- und
Planungskompetenz
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Gezielte frühe Förderung ist notwendig, um benötigte Kompetenzen für den
heutigen kulturellen Kontext zu entwickeln
die in der Wissensgesellschaft benötigten Kompetenzen entstehen nicht
durch Reifung
Wissenserwerb ist der Schlüssel zum Können, nicht Intelligenz
Vorwissen befördert weiteren Wissenserwerb
Lerngelegenheiten müssen gestaltet werden
Konsequenzen für die Gestaltung von Lerngelegenheiten in Vorschule und
Schule
Gezielte frühe kindgemäße Anbahnung von Vorläuferfähigkeiten für den
Schriftspracherwerb und den mathematischen Unterricht im Kindergarten
Differenzierte
Angebote
für
Kinder
auf
unterschiedlichen
Entwicklungsniveaus
Vermittlung von Lernstrategien und sozialen Kompetenzen nur im
Zusammenhang mit der Vermittlung von Wissensinhalten
Intelligentes Wissen, d.h. nutzbares Wissen wird vom Lernenden
konstruiert, d.h. Lernen findet in nachvollziehbaren, lebensnahen
Lernzusammenhängen statt (Projekte, Lernsequenzen, die übrigen
Mitschülern vorgestellt werden, kooperatives Lernen in einem Rahmen
Thema) – kein Faktenwissen
Automatisierung des Wissens durch Übung
Kritik an der in Deutschland vorherrschenden formalen Bildungstheorie:
Training des Gehirns durch unspezifische Übung (Latein) ist ineffektiv
Fazit: wenn man Rechnen, Schreiben und Lesen lernen will, muss man sich in
sinnvollen Zusammenhängen mit Rechnen, Schreiben, Lesen auseinandersetzen
und es üben.
1.3 Erkenntnisse aus beiden Ansätzen:
Lernen erfolgt durch intensiven Austausch mit der Umgebung:
Wahrnehmungsprozesse
Selektive Aufmerksamkeit ist notwendig, um Lernen zu ermöglichen
Je öfter Eindrücke erfolgen und je eindrucksvoller Reize sind, umso
schneller und tiefer werden sie abgespeichert.
Die Abspeicherung von Wissen geschieht leichter, wenn Wissen in
Netzwerken, Geschichten, Bildern vermittelt wird, nicht als einzelner Fakt.
Wissenserwerb findet statt durch ein gezieltes, anregendes Angebot dessen
was gelernt werden soll.
Wissenserwerb bedarf der Übung.
Wissenserwerb ist grundsätzlich mühsam, wird belohnt, wenn Erkenntnisse
gewonnen werden und Erfolge eintreten. Erfolge führen zu weiterem Lernen.
Die persönliche Rückmeldung des Lehrers zur geleisteten Arbeit und zum
Verhalten ist notwendig, um Schülern zu verdeutlichen an welchem Punkt sie
stehen und weiter zu motivieren
1.4 Konstruktivistische Auffassung von Lernen im Sinne des Wissenserwerbs
Lernen ist mehr als nur ein Informationsverarbeitungsprozess, der Informationen der
Außenwelt 1:1 als innere Repräsentation abbildet. Jeder Mensch konstruiert sein
Wissen auf dem Hintergrund seiner Vorerfahrungen. Lernen ist ein aktiver,
selbstgesteuerter, situativer, emotionaler, konstruktiver und sozialer Prozess. Die
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Gestaltung der Lernsituation ist problemorientiert. Das erworbene Wissen hat einen
Anwendungsbezug, es wird beim Lernen kooperiert.
2. Lernschwierigkeiten / Lernstörungen /Umschriebene Entwicklungsstörungen
2.1 Lernschwierigkeiten
In der anglo-amerikanische Literatur werden sie als learning disabilities oder learning
disorders bezeichnet.
Definition (Zielinski 2002)
Von Lernschwierigkeiten spricht man im Allgemeinen, wenn die Leistungen eines
Schülers unterhalb der tolerierbaren Abweichungen von verbindlichen institutionellen,
sozialen und individuellen Bezugsnormen (Standards, Anforderungen, Erwartungen)
liegen oder wenn das Erreichen von Standards mit Belastungen verbunden ist, die zu
unerwünschten Nebenwirkungen im Verhalten, Erleben oder in der
Persönlichkeitsentwicklung des Lernenden führen.
Lernschwierigkeiten werden hierbei unterschieden hinsichtlich
Ihrer zeitlichen Erstreckung
- vorübergehnd
- chronisch
Ihres Schweregrades
- umfassend (Lernbehinderung)
- partiell
Lernschwierigkeiten werden somit abhängig von der gewählten Bezugsnorm; es gibt
keine eindeutigen Definitionskriterien.
Lernschwierigkeiten sind ein Sammelbegriff für untersuchungsbedürftige Probleme
im Leistungsbereich.
Bei Lehrern und Laien herrschen als Ursachen für Lernschwierigkeiten in der Regel
die Konzepte Begabung und Anstrengung vor. „Er ist dumm, bzw. er strengt sich
nicht genügend an.“
Verursachungsbedingungen:
1. Interne Bedingungen
- 1. Fähigkeit des Schülers Instruktionen zu verstehen
- 2. Aufgabenspezifische Vorkenntnisse
- 3. Lernmotivation des Schülers
2. Externe Bedingungen
- 1. die dem Schüler zugestandene Lernzeit
- 2. die Qualität des Unterrichts
3. Moderierende Bedingungen
- 1. Klima des Unterrichts
- 2. Peer-Group Beziehungen
- 3. Bedingungen des Elternhauses
- 4. Einfluss von Medien
Lernschwierigkeiten auf dem Hintergrund der Kognitionspsychologie:
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Mangelndes Instruktionsverständnis und wenig Vorkenntnisse
bedingen eine wenig effektive Informationsverarbeitung. Man kann sich Dinge dann
merken, wenn sie auf gut strukturiertes Vorwissen treffen und die Aufmerksamkeit
selektiv Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann. Dann können
Informationen strukturiert gespeichert werden.
Kinder mit Lernschwierigkeiten weisen Defizite in Bezug auf kognitive
Strategien auf und haben weniger Wissen über ihre Strategien und ihr
Können (Metakognition). Planvolles, reflektiertes Denken und Handeln findet
wenig statt.
Kinder
mit
Lernschwierigkeiten
haben
häufig
ein
negatives
Fähigkeitsselbstkonzept, wobei sich dies erst durch Misserfolge in der
Schulzeit herausbildet. Die Motivation sinkt, da Erfolge immer weniger für
möglich gehalten werden.
2.2 Lernstörungen / Umschriebene Entwicklungsstörungen
Lernstörungen werden in der ICD 10 dem Klassifikationskonzept von Krankheiten der
WHO (World Health Organization, 1994) eingeteilt in:
Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
Frühkindlicher Autismus
Asperger Syndrom
Rett Syndrom
Umschriebene
Entwicklungsstörungen:
(Minderleistungen
in
einzelnen
Entwicklungsbereichen ohne Defizite in der allgemeinen Intelligenz)
Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache
F80
• Artikulationsstörung
• Expressive Sprachstörung
• Rezeptive Sprachstörung
• Erworbene Aphasie
Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten F81
• Lese- Rechtschreibstörungen
• Isolierte Rechtschreibstörung
• Rechenstörungen
• Kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten
• Sonstige Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktion
Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörungen
Die umschriebenen Entwicklungsstörungen haben spezifische und deutliche
Beeinträchtigungen im Erlernen des Lesens, Rechtschreibens und Rechnens zur
Folge. Diesen Störungsbildern liegt die Annahme zugrunde, dass es sich im
wesentlichen um zentralnervöse, kognitive Störungen der Informationsverarbeitung
handelt
und
nicht um
eine
allgemeine
Intelligenzminderung,
wobei
Intelligenzminderung in der ICD 10 ab einem IQ < 70 definiert ist.
Lernstörungen führen nicht nur zu Problemen im Lern- und Leistungsbereich,
sondern häufig zu gravierenden Beeinträchtigungen im persönlichen und sozialen
Bereich des Kindes.
Frühe Lernstörungen haben eine Tendenz zur Chronifizierung (Untersuchungen von
Klicpera / Gasteiger-Klicpera 1995 und von Aster 1996). Lernstörungen stellen damit
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ein erhebliches Risiko für die weitere Entwicklung der Kinder dar. Ein Abwarten und
Hoffen, dass sich die Problematik „auswächst“, führt zu einem Teufelskreis leidvoller
Erfahrungen, die das Kind und die Bezugspersonen stark belasten. (Betz /
Breuninger, 1995)
Problematisch an den Definitionen der ICD 10 ist, dass die Ursachen im Kind
gesucht werden. Mangelnder Lernerfolg ist aber immer das Produkt mehrerer
zusammenwirkender Faktoren, wie in der Definition Zielinskis beschrieben. D.h. um
einen Präventions- und Interventionsansatz für den (vor)schulischen Umgang mit
Lernschwierigkeiten zu finden, ist die Definition Zielinskis hilfreicher.
3. Was sind Lernvoraussetzungen?
Eine wesentliche Entwicklungsaufgabe für Kinder nach dem Eintritt in die
Grundschule ist der Erwerb der Schriftsprache und die Entwicklung von
Rechenfertigkeiten. Das Schulkind definiert sich zunehmend über das, was es lernt
und was es kann, d.h. es definiert sich über seine Kompetenzen und entwickelt ein
Fähigkeitsselbstkonzept. Der Erwerb der Kulturtechniken spielt eine zentrale Rolle.
(Barth, 1998)
Nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand wird Lesen-, Schreiben- und
Rechnenlernen als Entwicklungsprozess verstanden, der bereits im Vorschulalter
beginnt. Hier werden spezifische Basiskompetenzen, bzw. Vorläuferfähigkeiten für
Lesen, Schreiben und Rechnen aufgebaut. Zum Zeitpunkt des Schuleintritts sind
diese Vorläuferfähigkeiten bei den Kindern ganz unterschiedlich entwickelt und es ist
erkennbar, ob die ihnen im Eingangsunterricht abverlangten Fähigkeiten vorhanden
sind.
Ziel einer Prävention von Lernschwierigkeiten / Lernstörungen muss es sein, bereits
im Vorschulalter, spätestens zu Schulbeginn, den Entwicklungsstand der Kinder im
Hinblick auf die spezifischen Vorläuferfähigkeiten zu erfassen, die für den Erwerb der
Kulturtechniken erforderlich sind.
3.1 Wahrnehmungsprozesse – Grundlage des Lernens
Grundlage allen Lernens ist der gelungene informationsverarbeitende Lernprozess.
Das heißt nichts anderes, als dass Reize der Sinnesorgane, je aufmerksamer sie
aufgenommen werden, als neuronale Impulse an das Gehirn weitergeleitet werden.
Dort werden den unterschiedlichen Reizen Bedeutungen zugeordnet. Dieser Prozess
wird
als
Wahrnehmung
bezeichnet.
Zur
Wahrnehmung
und
Wahrnehmungsverarbeitung gehören die Auswahl, die Verknüpfung mit anderen
Informationen aus dem „Speicher“ , die Einordnung und die Deutung der
aufgenommenen Reize. Jede Wahrnehmung, sowie die Integration verschiedener
Wahrnehmungen stellt ein Organisieren des Gehirns dar (Neuronale Netzwerke /
Plastische Karten). Diese Wahrnehmungen stehen nicht isoliert nebeneinander,
sondern werden im Gehirn zusammengeführt, integriert. Alltägliche Handlungen
können nur ausgeführt werden, wenn im Hirn der Prozess der sensorischen
Integration gelingt. Die Fähigkeit zur sensorischen Integration wird durch
Reifeprozesse des Hirns ermöglicht, diese ist bis zum 7. Lebensjahr abgeschlossen.
Sensorische Integration hat nichts mit Intelligenz zu tun, aber mit der Möglichkeit,
diese nutzen zu können.
Folgende Wahrnehmungssinne stehen dem Kind zur Verfügung:
Propriozeptive (kinesthetische) Wahrnehmung = Körpereigenwahrnehmung
Vestibuläre Wahrnehmung = Wahrnehmung von Gleichgewicht
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Taktile Wahrnehmung = Tastempfinden
Viszerale Wahrnehmung = gibt Informationen über innere Organe
Visuelle Wahrnehmung = sehen von Farben, Formen..
Akustische Wahrnehmung = Vermittlung der Frequenz von Luftschwingungen
(Hören)
Olfaktorische Wahrnehmung = Riechen
Gustatorische Wahrnehmung = Schmecken
Störungen in der cerebralen Informationsverarbeitung werden in der Literatur mit den
Begriffen „Teilleistungsstörungen“, „sensorische Integrationsstörungen“ oder
„Wahrnehmungsstörungen“ beschrieben. Neuropsychologische Ansätze (Luria, 1992;
Ayres, 1979, 1984) gehen davon aus, dass die Wahrnehmungsleistungen und deren
Integration grundlegende cerebrale Basisprozesse darstellen, die die Voraussetzung
sind für die Entwicklung komplexer psychischer Funktionen wie Gedächtnis, Motorik,
Sprache,
Intelligenz,
Konzentration
und
Ausdauer,
Emotionalität
und
Selbstvertrauen.
Wahrnehmungsstörungen
stellen
in
diesem
Ansatz
zentral
bedingte
4
Informationsverarbeitungsstörungen dar. (Barth, 2003)
Aufbau des Wahrnehmungssystems (Barth, 42003)
→Nervenbahnen →Verarbeitung im zentralen Nervensystem→ Informationsabgabe/Reaktion
Sprache
Ohr
Hörsinn
Auge
AuditiveWahrnehmung
Aufnahme
Sehsinn
Auswahl
visuelle Wahrnehmung
Nase
Geruchssinn
Olfaktorische Wahrnehmung
Reiz Zunge
Sehnen
Muskeln
Vergleich
Denken
Emotionalität
Koordinierung
Selbstvertrauen
Gustatorische Wahrnehmung
Differenzierung
Motorik
Muskel Tiefenwahrnehmung
Analyse
Ausdauer
Synthese
Erinnern
Vestibuläre Wahrnehmung
Ergänzung
Körperorientierung
Berührungswahrnehmung
Integration
Geschmacksinn
Kinästhetische Wahrnehmung
Innenohr Gleichgewichtswahrnehmung
Haut
Speicherung
Verhalten
Taktile Wahrnehmung
Konzentrationsfähigkeit
Bewegungsplanung
Sensorische Integration
Rückmeldung
Wahrnehmung ist nicht zu verstehen als überwiegend passiver Prozess bei dem
dargebotene Reize wahllos aufgenommen werden. Wahrnehmung ist ein aktiver
Such- und Konstruktionsprozess, bei dem Aufmerksamkeitsprozesse eine
bedeutende Rolle spielen. (Selektive Aufmerksamkeit)
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Die Darstellung dieses individuumzentrierten Ansatzes bedeutet nicht, dass der
sozio-ökologische
Hintergrund
des
Familienund
Schulsystems
die
Lernvoraussetzungen des Kindes mitbeeinflusst.
3.3 Lernvoraussetzungen für den mathematischen Lernprozess (Barth 42003)
1.Taktik-kinesthetische, vestibuläre und visuelle Wahrnehmung sorgt für
Ausbildung des Körperschemas (Rechts-links, vorne – hinten)
Erkennen der Beschaffenheit, Form und Ausdehnung von Gegenständen
Fähigkeit zur Räumlichen Orientierung
Erfassen räumlicher Beziehungen (Ziffern, Stellenwertsystem)
Reihenbildung (klein, groß, größer, am größten...erster, zweiter..)
Fähigkeit zu ordnen und zu klassifizieren (alle kleinen, roten, runden...)
Figur-Grundunterscheidung (Mengenerkennung)
Visuelle Wahrnehmungskonstanz (Wiedererkennen von Grundformen im
Raum)
Auge-Hand-Koordination (Zählabläufe, Zählrhythmus)
Gutes Körperschema und Raumorientierung entwickeln Handlungsplanung
2. Integration visuell-räumlich
Entwicklung der Zahlvorstellung (Gruppenbildungsfähigkeit, Fähigkeit eine
1:1 Beziehung herzustellen, Fähigkeit Reihen zu bilden)
3. Auditive Wahrnehmung
Figur-Grundwahrnehmung (wichtige Signale werden erkannt)
Phonematische Differenzierung (ähnlich klingende Laute in Zahlwörtern
können unterschieden werden)
4. Gedächtnisprozesse:
Ultra-Kurzzeitgedächtnis (UKG) nimmt eine enorme Menge an
Informationen auf aus den verschiedenen Sinneskanälen. Eine
Teilmenge wird ausgewählt für die weitere Speicherung codiert und ins
Kurzzeitgedächtnis (KZG) weitergeleitet. Die Informationsverarbeitung
in dieser Phase ist sehr störanfällig und muss durch spezifische
Weichenstellungsprozesse in Gang gesetzt werden, damit eine
Übertragung ins Langzeitgedächtnis erfolgt. Eine wichtige Struktur hier
ist der Hippocampus (eine Struktur des limbischen Systems).
Das Langzeitgedächtnis (LZG) speichert langfristig Informationen ab.
Dieser Vorgang wird durch biochemische Prozesse bewerkstelligt.
Aus dem Langzeitgedächtnis werden z.B. die Ergebnisse der
automatisierten Grundaufgaben (Einmaleins) in das Arbeitsgedächtnis
geholt, dazu auch das Wissen über die Vorgehensweise für die
jeweilige Rechenart. Die Vorgehensweise wird geplant und die
einzelnen Rechenschritte in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht.
Beeinträchtigungen der Merkfähigkeit erschwert z.B. auch das
Automatisieren additiver Zusammenhänge im Zahlenraum 20
4. Diagnostik von Lernvoraussetzungen
Schuleingangsdiagnostik zur Bestimmung der Lernvoraussetzungen ist ganzheitlich
an der kindlichen Entwicklung orientiert und beinhaltet die wesentlichen Bereiche:
Überprüfung grundlegender Wahrnehmungsleistungen
Überprüfung der Vorläuferfähigkeiten für den Schriftspracherwerb und die
Entwicklung von Rechenfertigkeiten
Aufmerksamkeit und Konzentration
Feststellung der emotionalen Grundstimmung und des Sozialverhaltens
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Diese Einschätzung der Lernausgangslage ist nach dem BayEUG Art. 2 Abs.1
(„Die sonderpädagogische Förderung ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten Aufgabe
aller Schularten“) Aufgabe der Grundschulen.
Aufgabe der Förderschulen ist es, den sonderpädagogischen Förderbedarf und
den Förderort festzustellen, wenn die Grundschule schriftlich eingeschätzt hat,
dass die aktive Teilnahme des Kindes am Unterricht voraussichtlich nicht möglich
sein wird. Diese Einschätzung muss eine Begründung enthalten, warum die Kriterien
der aktiven Teilnahme nicht erfüllt sind. Die Grundschule kann die Förderschule zur
Erstellung dieser Feststellung beratend hinzuziehen.
Eine Möglichkeit für die Förderschule sich beratend zu beteiligen, ist etwa die
Teilnahme an den Schulspielen, bzw. intensiveren diagnostischen Verfahren bei der
Schuleinschreibung der Sprengelgrundschulen.
Sonderpädagogischer Förderbedarf wird nach Drave/ Rumpler / Wachtel (2000)
definiert als eine „so erhebliche Beeinträchtigung in der Lern- und
Leistungsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen, dass sie auch mit zusätzlichen
Lernhilfen nicht an der allgemeinen Schule entsprechend ihren Möglichkeiten
gefördert werden können.“
Wie kann dieser festgestellt werden?
Auswertung der Schulaufnahmediagnostik der Grundschule bzw. ärztlicher
Gutachten
Gespräche mit den Eltern
Genauere Prüfung der Bereiche:
• Wahrnehmung
• Kognition
• Sprechen und Sprache
• Mathematische Vorläuferfähigkeiten
• Aufmerksamkeit / Motivation
• Emotionale Grundstimmung
Literatur:
Barth, Karlheinz (42003). Lernschwächen früh erkennen. München: Ernst Reinhardt
Bauer, Joachim (102006).Warum ich fühle, was du fühlst. München: Heyne.
Breuer, H. / Weuffen, M. (2004) 5. aktualisierte Aufl. Lernschwierigkeiten am
Schulanfang. Weinheim: Beltz
Edelmann, Walter (62000) Lernen. Weinheim: BeltzPVU
Dilling, Horst Hrsg.(2008) Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD 10.
Kapitel V (F). Bern:Huber.
Drave / Rumpler / Wachtel (2000). Empfehlungen zur sonderpädagogischen
Förderung. Allgemeine Grundlagen und Förderschwerpunkte (KMK) mit
Kommentaren. Würzburg: Edition bentheim
Heimlich, U./ Lotter, M. / März, M.(2005). Diagnose und Förderung im
Förderschwerpunkt Lernen. Donauwörth: Auer.
Ostermann, Anette (22004). Lernvoraussetzungen von Schulanfängern. Horneburg:
Persen
Spitzer, Manfred (2002). Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens.
Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
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Stern, Elsbeth (2003). Lernen – der wichtigste Hebel der geistigen Entwicklung.
Vortrag am Hanse Wissenschaftskolleg. Verfügbar unter: http://stabi.hsbremerhaven.de/lfi/html_fachartikel/2003/-Stern-Vortrag.htm
Stern, Elsbeth / Neubauer, Aljoscha (22008). Lernen macht intelligent. Warum
Begabung gefördert werden muss. München: DVA
Storath / Drechsel / Enders / Lambert (2004). Informelle Schulleistungsdiagnostik III.
Nürnberg: Copyland Druckzentrum
Zielinski, Werner (32002).Lernschwierigkeiten. Ursachen-Diagnostik-Intervention.
Stuttgart: Kohlhammer
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