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Feuilleton
9/24/08 11:42 AM
Forschung und Lehre
Digitales Gedächtnis
Glücklich ist, wer vergisst, was
nicht mehr zu löschen ist
Von Miloš Vec
23. September 2008 Die Fälle, in denen triviale
Vorkommnisse zu großen Stolpersteinen im Lebenslauf
werden, haben durch das Internet eine bemerkenswerte
Karriere gemacht. Plötzlich finden Personalabteilungen
beim googeln Bilder und Texte, die sie als unpassend für
den Bewerber einstufen, der in seinen Unterlagen noch
ganz korrekt daherkam. Moralismus der Betrachter und
Soll man das Netz das Vergessen
Sichtbarkeit der Daten verhelfen hier mancher
lehren?
Viertelstunde zu jener legendären Berühmtheit, die für die
Dabeigewesenen zu einem Albtraum werden kann.
Manchmal genügt schon eine unvorteilhafte Pose.
Denn wer am digitalen Pranger steht, hat schlechte Karten. Einträge sind leicht gemacht,
sie zum Verschwinden zu bringen, erheblich schwerer. Jugendliche Spaßbilder aus
übermütigen Nachtstunden und zornige Forenbeiträge aus früheren Jahren bleiben auch
dann noch abrufbar, wenn man sie sonst längst vergessen hätte.
Umgekehrte Herausforderung
Wie wir mit dieser Kluft umgehen sollen, beschäftigt den an der Kennedy School of
Government in Harvard lehrenden Medienwissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger. Er
identifiziert drei Ursachen dafür, dass aus dem biologischen Vergessen ein ewiges
Erinnern geworden ist: Erstens die dramatische Zunahme der technischen Speicherdichte,
die sich seit Jahrzehnten parallel zur Prozessorgeschwindigkeit alle achtzehn Monate
verdoppelt. Zweitens wurde die Auffindbarkeit der Daten enorm vereinfacht; während die
Stasi in ihrem weitverzweigten System im Datenwust unterging, ist heute vom Desktop
aus rasch und einfach zu recherchieren. Drittens hat das Internet eine globale
Abrufbarkeit hergestellt.
Zum Thema
Wer erzieht Jugendliche zum
verantwortungsvollen
Umgang mit dem Netz?
Bloggerkonferenz in Berlin:
Sorry, meine Schuhe
quietschen!
Die biologische Normalität, nach der wir stets bemüht
waren, uns dem Vergessen entgegenzustemmen, hat sich
damit zu einer umgekehrten Herausforderung entwickelt.
Wir müssen lernen, Älteres weniger wichtig zu nehmen
oder es gar vollständig zu vergessen, auch wenn die Bilder
und Texte uns in ihrer Präsenz und scheinbaren Frische
kognitiv bedrängen. Daher geht es, so MayerSchönberger, beim ewigen digitalen Erinnern nicht nur um
ein Datenschutzproblem, sondern um das fehlende
gesellschaftliche Einüben zeitlicher Rationalität.
http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc…349C3BF55F7D465DBF8D4~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html
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9/24/08 11:42 AM
Dezentralisierung der Akteure
Die traditionellen Lösungsansätze des frühen Datenschutzes haben freilich eklatante
Schwächen. Rechtliche Normen zur Regulierung der Informationsverarbeitung stehen vor
dem Problem der zunehmenden Dezentralisierung der Akteure. Wo Millionen von
Individuen und Unternehmen am Werk sind, ist dieser Zugriff wenig erfolgversprechend.
Informationelle Betroffenenrechte wiederum könnten zwar gesetzlich verankert werden,
doch die Erfahrung des Datenschutzes zeigt, dass sie in der Praxis kaum in Anspruch
genommen werden. Ebenso verhält es sich mit gesetzlichen Begünstigungen wie
verschuldensunabhängiger Haftung, Beweislastumkehr und Verfahrensbeschleunigung und
Gerichtskostenersatz. Wo kaum geklagt wird, laufen auch sie ins Leere.
Im Gegenteil – der Trend geht momentan klar in der Masse auf Speicherwut und Lust an
der dauerhaften Verfügbarkeit. Die Nutzer, seien sie staatlich oder privat, wollen weder
das Sammeln beschränken noch die Zweckbindung ernst nehmen, die man ihnen
gesetzlich auferlegt. Löschungsnormen sind in diesem Klima nicht populär, stattdessen
wird unter dem Banner der Transparenz das eigentlich gewünschte Prinzip einer
Informationsökologie weiter torpediert.
Daten mit Ablaufdatum
Auch auf den ersten Blick originelle Alternativvorschläge verwirft Mayer-Schönberger.
Würde man zu den Informationen noch umfassend die „richtigen“ Kontexte nachliefern,
wären wir keineswegs vor Fehlentscheidungen gefeit, sondern würden im Gegenteil die
Überwachung weiter perfektionieren. Der Schutz von persönlichen Informationen durch
technische Systeme, bei denen jeweils die Zustimmung der Rechteinhaber angefragt wird,
wäre nicht minder problematisch: Er ließe sich erstens durch Hacker unterlaufen, und er
würde zweitens wiederum zum Schutz der Privatsphäre erst eine umfassendere
Überwachungsarchitektur erfordern. Von einer kognitiven Revolution, die uns die zur
Technik passenden Bewusstseinsmechanismen verschafft, hält Mayer-Schönberger noch
weniger.
Statt dessen plädiert er für ein „Ablaufdatum für Daten“. Dieses soll in einer Mischung
technischer und juristischer Normen implementiert werden. East Coast Code, also das
juristische Gesetz, und West Coast Code, die Normen der Software, sollen gemeinsam die
Wiedererlangung des Vergessens gewährleisten. Konkret heißt das: Alle
Softwarehersteller sollen verpflichtet sein, in ihre Software eine Funktion einzubauen, die
ein Ablaufdatum vorsieht.
Informationelle Endlichkeit
Mayer-Schönberger erstreckt diese Forderung nicht nur auf Google-Anfragen, bei denen
der Wunsch nach befristeter Speicherung jedem vernünftigen Menschen nachvollziehbar
ist; außer Historikern aus professioneller Altgier heraus vielleicht nicht. Er will es auch auf
Digitalkameras ausweiten und bekundet in unerschrockener Weise sogar, dass auch
niemand unbedingt seine alten Briefentwürfe dauerhaft speichern müsse: Die
informationelle Endlichkeit dürfe auch vor liebgewordenen Word-Dokumenten keinen Halt
machen.
http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc…349C3BF55F7D465DBF8D4~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html
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Das Ablaufdatum dürfe man noch eingeben, so Mayer-Schönbergers Konzession, aber
weitere Verfügungsrechte kommen in seinem Plädoyer für die Wichtigkeit des Vergessens
und ihre technische Umsetzung nicht vor. Was mit dem geistigen Eigentum ist, bleibt
daher auch offen, ebenso das praktische Problem des immerwährenden Familienalbums,
das man zur Dokumentation dynastischer Linien seit je her benötigt. Schlimmstenfalls
muss man vermutlich in der Löschungsgesellschaft einen Hacker beschäftigen, der mit der
Löschung der Funktion beauftragt wird. Oder man steigt selbst mühsam ins Geschäft
einer ständigen Umspeicherung ein. Abschreiben war ja im Mittelalter eine durchaus
angesehene Tätigkeit.
Viktor Mayer-Schönberger: „Nützliches Vergessen“, in: Michael Reiter und Maria Wittmann-Tiwald
(Hg.), Goodbye Privacy - Grundrechte in der digitalen Welt, Linde Verlag Wien 2008.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
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Vergessen, wie sich einige danebenbenehmen? 23. September 2008, 11:56
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F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008
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