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Essay Matthias Kerkemeyer - Leuphana Universität Lüneburg

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Thema: Brain Food, Gehirndoping, Neuro-Enhancement
– Wer oder was zwingt uns zur Perfektion?
Matthias Kerkemeyer
Leuphana Universität Lüneburg
Student
1. Platz
College
Lee(h)re
von Matthias Kerkemeyer
inwiefern es seine Motivation anregen kann, um eine bessere
Leistung zu erbringen. Indem die Motivation, als Bindeglied
zwischen Gefühl und Ratio, vollkommen ausgeblendet wird
in dem ganzen Prozess, findet eine reine Rationalisierung des
menschlichen Ichs statt. Ritalin führt demnach als Nebenwirkungen Emotions- und Lustlosigkeit, soziale Selbstausgrenzung sowie Kreativitätsverlust und eine verminderte Neugierde mit sich. Wo bleibt dort die Selbstverwirklichung, die ihren
Motor, ihre tiefste und intrinsischste Seite in der Motivation
findet? Der reine Funktionalismus des menschlichen Körpers,
in dem quasi nur Symptombekämpfung des „schwachen“ Fleißes betrieben wird, der seine Mutter eben gerade in Motivation
und einem starken Willen findet, perpetuiert ein Menschenbild
was unwürdiger gar nicht sein könnte. Es gehen Maxime und
Ideale verloren, die auf einer Selbstverwirklichung beruhen,
welche die Glückseligkeit (Eudaimonia) als Grundsatz haben.
So kann ich in Anbetracht der Tatsachen, den Menschen der
künstlichen Leistungssteigerung, die sich an Sachgegenständen wie Geld, als Konsequenz der erhöhten Leistung, orientieren und ihr Selbst hierfür aufgeben, mit Recht ihre eigene
Intelligenz absprechen.
Ritalin und Co – Die Neuro-Enhancer unserer Neuzeit sind ein
Segen für so manchen ADHS-Betroffenen, um eine bessere
Konzentration zu erfahren. Wie kann man jedoch aus ethischer
Perspektive den Gebrauch dieser leistungssteigernden Mittel
bei gesunden Menschen bewerten? Gilt es als verwerflich oder
rühmlich? Tut sich hier eine neue Ära der Leistungsträger in
unserer Gesellschaft auf?
Für mich löst sich der Widerspruch nicht auf, den eine so propagierte leistungsorientierte Gesellschaft aufwirft. Überall
wird als Grundprämisse der Begriff der Leistungssteigerung
angeführt, der als unabdingbares, unangegriffenes und autarkes Dogma über allem steht. Nach dem sich alles hegt
und strebt. Die Maxime aller Maxime bedeutet Leistung und
wir nehmen uns den Anspruch heraus uns als gebildete und
kritische Bürger zu bezeichnen, ohne die Voraussetzungen eines Handlungsideals zu hinterfragen. Doch zunächst gilt es
zu klären, woraus sich die Begrifflichkeit Leistung überhaupt
zusammensetzt.
Leistung setzt sich im Wesentlichen aus Fleiß, Motivation und
nur zu gut einem Drittel aus Intelligenz zusammen. Wo docken nun die Modedrogen der Unis genau an? Mir scheint es
ersichtlich, dass die Komponente Fleiß bzw. Ausdauer modifiziert wird. Die Motivation bleibt als intrinsischstes Merkmal
vorerst unangetastet, sowie auch die Intelligenz. Durch Ritalin
steigern wir unseren Fleiß und unsere Ausdauer, indem sich
unser Fokus auf eine Sache richtet und alle anderen Sachen
ausgeblendet werden.
So lange ich mich Dingen verschreibe, werde ich selbst zu
einem solchen. Nichts ist einzuwenden gegen Fortschritt,
doch sei bedacht, dass uns keiner die Schnelle desselben vorschreibt. Wo ende ich eines Tages, wenn ich nicht mehr der
bin, der ich einmal war? Der, der ich für andere war, welche
mir als letzte Konsequenz den Rücken zukehren und ich mich
von nun an in einer deprimierenden Einsamkeit wiederfinde.
Ich zumindest bin nicht so selbstlos und gebe mein Ich für
ein Es auf.
Abgesehen von einer grundsätzlichen Dummheit Medikamente
einzunehmen, ohne unabsehbare, noch nicht erforschte Langzeitfolgen zu beachten, spielt noch eine zweite Grundsatzfrage
in die Debatte um Neuro-Enhancement mit rein. Die Verwerfung des eigenen Ichs, des eigenen Selbst und seiner Individualität. Die Verdinglichung und Manipulation der „mechanischen“ Komponente unserer Leistung, des Fleißes, macht uns
selbst zu einem Objekt, welches sich eigentlich fragen sollte,
Zudem bewirkt dies eine Wettbewerbsverzerrung. In der Juristerei würde man dabei von unlauterem Wettbewerb sprechen.
Durch seine eigene künstliche Leistungssteigerung setzt man
seine Kommilitonen unter Druck, es einem nachzumachen, um
den gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden.
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Durch ein Ausgrenzen bzw. Vernachlässigen der Gefühlskomponente wird ein weiterer fataler Fehler begangen. Entscheidungen, die mehr als zwölf Kriterien umfassen, haben erwiesenermaßen eine höhere Erfolgsquote, wenn man sie aus dem
Bauch heraus trifft. Auch wenn wir dieses Unterbewusstsein
nicht unter Kontrolle haben und es uns gelegentlich deswegen verschreckt, so kann man es auch vorteilhaft für sich
nutzen, indem man auf seine Gefühle hört. Große Ideen und
Kreativität kommen aus eben diesem und lassen sich nicht
künstlich hervorlocken. Sie sind der Inbegriff einer zweiten
viel erfolgsversprechenderen Leistungsdefiniton. Leistung bedeutet demnach nicht die Stunden der harten Arbeit, sondern
die Anzahl der kreativen Ideen, die das Schuften bei weitem
in den Schatten stellt. Schade am Menschen ist so oft, dass
ihm die Gelassenheit fehlt, die Dinge auch hinzunehmen, die
eben nicht handfest und greifbar sind, sondern fließend. Ich
schaffe mehr, ich leiste mehr, doch stellen wir uns die Frage,
ob wir dadurch auch glücklicher werden. Lebt der Gedanke der
Erfüllung, der Zufriedenheit nicht auch dadurch sich an der
Größe und Schwere der Aufgaben gemessen zu haben? Welche
Erfüllung erfahre ich, wenn ich mir alles einfacher mache?
Was kommt, wenn alle Menschen nun ihre Leistung gesteigert
haben? Die Ernüchterung, die Zufriedenheit? Ich belüge mich
dadurch nicht nur selbst, sondern auch meine Mitmenschen,
meine Freunde und Verwandten, indem ich nicht der bin, den
sie kannten oder jemanden kennengelernt haben, der ich
nicht bin. So geht doch wahrlich etwas verloren, was sich bei
weitem mit dem Begriff der Leistung messen kann, vielleicht
kann man sogar sagen, äquivalent neben ihr steht. Meine Persönlichkeit, mein Charakter, meine Individualität, die in der
Arbeitswelt ebenso wichtig sind wie die reine Arbeit an sich.
Und schon wieder haben wir den Mensch ein Stück weiter auf
dem Weg in Richtung bedauernswerter Leere gebracht.
Literaturverzeichnis
Peter Felixberger spricht mit Gerhard Roth (09.2008): Schlaue denken wenig
nach. URL: http://www.brandeins.de/archiv/magazin/wieder-was-geschafft/
artikel/schlaue-denken-wenig-nach.html. (Stand: 20. Dezember 2009, 19:02
Die Erforschung und Herstellung solcher Medikamente zur Leidensminderung von Menschen mit Konzentrationsschwächen
steht dabei für mich außer Frage.
Uhr).
Anonym (18.02.2009): Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine.
URL: http://www.zeit.de/campus/2009/02/ritalin. (Stand: 21. Dezember 2009,
19:42 Uhr).
Gehen wir nun ein bisschen weiter und stellen uns vor, jeder
Mensch würde nun leistungssteigernde Medikamente nehmen.
Willenbrock, Harald: Das Geheimnis der guten Wahl. In: Geo (2008), H. 8,
S. 148.
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Seele and Geist
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