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06 Was ist nach ´Linthal 2015ª_!Standard-Seite NZZ - Fridolin

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Donnerstag, 5. September 2013
Seite 6
Viele machen sich schon Gedanken über die Zukunft:
Was ist nach «Linthal 2015»?
«2015 kommt schneller, als man meint.» Dem sind sich alle bewusst, die in den letzten Jahren von der Grossbaustelle
«Linthal 2015» profitierten. Nun werden Pläne für die Zeit danach geschmiedet. Die meisten blicken voller Optimismus
nach vorn.
Aus den Installationsplätzen wird wieder Wiesland: Landwirt Peter Schiesser
kann einen Teil davon pachten und hat so mehr Fläche zum Mähen oder für
das Weiden seiner Kühe.
Rührt noch mit der grossen Kelle an: In der Camp-Kantine reicht Anita Bernard jedem Bauarbeiter seinen Mittagsmenü-Teller, es sind aber nicht mehr so viele wie auch schon.
(Fotos: Dominic Duss)
N
och kommen sie zum Essen,
die Bauarbeiter. «Einige Mineure sind aber schon weg»,
weiss Anita Bernard. Seit Januar
2010 betreibt sie zusammen mit
ihrem Mann Giorgio die Kantine
der ARGE Kraftwerk Limmern
hinten im Tierfehd. Gegen 1000
Mahlzeiten haben die beiden und
ihre 30 Angestellten zu Spitzenzeiten pro Tag herausgegeben.
«Derzeit sind es immer noch rund
200.» Doch Bernards mussten bereits Personal abbauen. Bis auf zwei
Köche leben all ihre Arbeitskräfte
im Kanton. «Wir versuchen, sie
im Glarnerland zu vermitteln und
ihnen so beim Finden eines neuen
Jobs zu helfen.»
Noch wissen Bernards zwar nicht,
wie lange die Tunnelbau-Firma
Marti den Kantinenbetrieb aufrecht
erhalten will. «Der Tag X rückt aber
näher», ist sich Anita Bernard bewusst. «2015 kommt schneller, als
man meint.» Darum mache sie sich
manchmal schon Gedanken über
die Zukunft.
«Wir haben viele verschiedene
Ideen.» Und Alternativen. Derzeit
lässt sich ihr Mann gerade zum
Weinakademiker/Master of Wine
ausbilden.
Und wie geht es mit dem Gasthaus
Bergli weiter? «Das fragt man uns
oft, doch es wird sich noch weisen»,
antwortet sie. Das «Bergli» sei
jedenfalls ein Privileg, ein wunderschöner Ort mit einem heimeligen
Restaurant.
Zuversichtlich in die Zukunft
Nur will das Wirtepaar im Gasthaus am Klausen nicht mehr
«chrampfä», wie bis vor drei Jahren. «Uns schweben andere Öffnungszeiten und vor allem eine
Topküche vor.» Zurzeit bewirten sie
auch nur Gäste-Gesellschaften, die
reservieren.Wie am Klausenrennen
zum Beispiel, dann ist alles ausgebucht. «Trotz allen schönen Stunden, die wir hier in der Kantine erleben durften, gingen die Zeiten hier
auch an die Substanz.» Bernards
haben den Küchenbetrieb im Camp
innert zwei Monaten aufgebaut.
«Es war ein Glücksfall, dass wir angefragt wurden.» Denn so seien sie
nicht vom Wetter abhängig und
auch in der Planung von freien
Tagen viel flexibler gewesen. Nun
wird der Kantinenbetrieb – wohl
bis 2016 (siehe Box) – allmählich
wieder abgebaut. «Was dann
kommt? Vieles ist möglich. Durch
das Studium zum Weinakademiker,
die beste Ausbildung in Sachen
Wein überhaupt, gehen andere
Türen auf, die wir bisher nicht
kannten.» Diese Chancen wollen
Bernards nutzen.
Flexibel wie eh und je
«Wenn die Kantine zu ist, kehren
wohl wieder mehr Gäste zum Essen
bei uns ein», glaubt Ursula Kenel.
Mit ihrem Mann Daniel führt sie das
Hotel Raben in Linthal. Die Gästezimmer liess das Wirtepaar rechtzeitig zum Baustart von «Linthal
2015» modernisieren. Diese Investition habe sich ausbezahlt. «Die
Zimmerauslastung war grösser.»
Dem Ende der Grossbaustelle
blickt die Gastgeberin positiv eingestellt entgegen. «Unser Betrieb
wird auch nachher weiterlaufen,
denn wir haben nicht nur auf ‹Linthal 2015›, sondern weiterhin auf
einheimische Stammgäste gesetzt.»
Zudem werde das Werk bestimmt
auch in Zukunft viele Auswärtige
nach Linthal locken. Da sehen
Kenels bereits neue Einnahmequellen auf sich zukommen.
Auch Werner Marti blickt zuversichtlich nach vorn. Er ist zusammen mit seinem Bruder Hansruedi
Inhaber des Schlosserei-, Spenglerei- und Sanitär-Unternehmens
Marti in Linthal. «Wir haben auch
schon vorher geschäftet und sind
ein flexibler Betrieb», meint Marti
gelassen. Klar habe die Grossbaustelle auch entsprechende Aufträge
gebracht, in Zukunft seien es dann
halt wieder andere. «Es geht weiter.»
Pension und Pacht
Bei der Bäckerei-Konditorei Spörri
hingegen geht eine jahrzehntelange
Ära zu Ende. «Wir werden pensioniert», verrät Ida Spörri. Die Aufhebung der Grossbaustelle komme
ihnen terminlich gerade gelegen.
«Mit dem Rückbau geht das in etwa
auf», sagt Bäcker und Konditor
Hans Spörri. Die Dorf-Bäckerei
durfte in den letzten Jahren viele
Jetzt sind sie noch da: Im Baustellen-Camp herrscht weiterhin reges Kommen und Gehen, doch am Tag X werden
alle Bauarbeiter wegfahren.
Lieferungen von den ArbeiterCamps entgegennehmen und
konnte so wacker ihre Brötchen
backen.
Ganz anders wirkt sich das Verschwinden der Installationsplätze
im Tierfehd auf Landwirt Peter
Schiesser aus, dessen Hof direkt daneben steht. «Ein Teil des Landes
gehörte uns und wir haben es an die
Axpo verkauft», erklärt er auf der
grünen Wiese. Während der Bauphase konnte Schiesser anderes
Land pachten. Nun kann er nach
an Bauarbeiter mit minimalen Ansprüchen habe vermieten können,
müsse wohl noch über die Bücher.
Fasol beurteilt die Ausgangslage
aber als komfortabel: «Insgesamt
sind wir auf gutem Weg.»
Nun gilt: Nur nicht davon abweichen und gemeinsam weitere
Weichen für die Zukunft stellen,
damit Linthal und dem Grosstal –
ja dem ganzen Glarnerland – nach
der Grossbaustelle grossartige
Entwicklungen ermöglicht werden
können. ●
DD
Stärken sich für den nächsten Einsatz: Die Bautrupps verpflegen sich in der
Kantine – ein Bild, das es in Zukunft auch nicht mehr geben wird.
dem Rückbau einen Grossteil
seiner verkauften Parzellen vom
Stromkonzern pachten. «Das ist bereits so vereinbart.» Allenfalls kann
der Landwirt so seinen Betrieb in
Zukunft gar noch vergrössern.
Weg weitergehen
Auf den Betrieb des Gesundheitszentrums in Linthal hat die Aufhebung der Grossbaustelle keine
grossen Auswirkungen, wie Dr.
med. Ernst Fasol betont. Er leitet
mit Zahnarzt René Heigl die Linthpraxen GmbH, welche zwölf selbstständige Praxen im Linthpark
Glarus Süd vereint. «Bei uns werden im Durchschnitt zwei bis drei
Bauarbeiter pro Tag behandelt.» Sie
suchen das Gesundheitszentrum
nicht nur wegen Unfallfolgen, sondern auch wegen Krankheiten und
Rücken- oder Gelenk-Beschwerden auf.
Aufgrund der jüngsten Entwicklungen in Glarus Süd ist Fasol genauso
überzeugt wie viele andere: «Nicht
nur hier, sondern im ganzen Kanton ist eine positive Dynamik spürbar.» Dass der Siedlungsdruck in
nächster Zeit noch zunehme, werde
der Bevölkerung offenbar zunehmend bewusst. «Chancen werden
erkannt und genutzt.» So spricht
er denn auch jene an, die sich mit
einer touristischen Nutzung des
gigantischen Bauwerks bieten würden. «Darum gilt es jetzt, die Infrastruktur rechtzeitig aufzumöbeln,
damit wir alle für die Zukunft gerüstet sind und kein böses Erwachen erleben.» Mancher Immobilienbesitzer, der in den letzten Jahren eine Wohnung oder ein Zimmer
Nur die Staumauer bleibt
Das Projekt «Linthal 2015»
wird seinem Namen wohl gerecht.
Laut
Axpo-Mediensprecher Erwin Schärer kommen
die Bauarbeiten planmässig voran. «Voraussichtlich Ende 2015
können wir die erste Maschinengruppe des Pumpspeicherwerks
in Betrieb nehmen, die drei
weiteren folgen dann 2016.» Der
Rückbau der Grossbaustelle
werde sicher ein Jahr dauern.
«Bis auf die Staumauer wird
äusserlich nichts mehr zu sehen
sein», so Schärer. Die beiden
Camps – unten im Tal und oben
beim Muttsee – verschwinden
ebenso wie die Installationsplätze. «Am Schluss bleibt neben
der Staumauer noch die SACHütte.» Auch die Seilbahnen für
den Transport von Material und
Personal haben nach vollendeter
Bauphase wohl ausgedient. «Sie
waren dann sieben Jahre fast nonstopp enormer Belastung ausgesetzt», begründet Schärer ihren
aus heutiger Sicht unumgänglichen Rückbau. Auch für das
Hotel Tödi im Tierfehd hat die
Axpo schon ihre Pläne. «Es wird
wohl wieder der Öffentlichkeit
zur Verfügung stehen», gibt
Schärer bekannt. Derzeit ist es
noch in Besitz des Unternehmens
und dient sowohl als Info-Zentrum als auch Unterkunft für
Axpo-Mitarbeiter, Bauleute oder
Baustellen-Besucher. Im Gegensatz zur Camp-Kantine kann im
Hotel Tödi aber jeder einkehren.
Infos zu «Linthal 2015»: www.axpo.com.
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Seele and Geist
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