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"Jugend" - was ist das eigentlich? - swimpool

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Bernd Koch
„Jugend“ - was ist das eigentlich?
Zu Recht behaupten die Wissenschaftler, dass unsere Gesellschaft der Jugend und den Jugendlichen einen Vorrang vor anderen Altersgruppen einräumt.
Wir sehen dies an der Werbung, die uns mit überwiegend jugendlichen Schauspielern vorgaukelt, dass nur jung sein schön ist; wir sehen es an dem großen Stellenwert, den Jugendarbeit in
der Politik und auch im Sport einnimmt; wir sehen es aber auch daran, dass es heutzutage in
unserem Wortschatz eine Vielzahl von zusammengesetzten Wörtern gibt, die mit „Jugend“ anfangen oder enden.
Eine erstaunliche Tatsache - denn noch vor ca. 500 Jahren gab es keine europäische Gesellschaft, die eine Altersgruppe der Jugendlichen gekannt hätte.
Vom Kind zum Erwachsenen - innerhalb kürzester Zeit
Aus vorbiblischen Zeiten bis ins späte Mittelalter waren alle Völker lediglich in Kinder und
Erwachsene aufgeteilt. Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen erfolgte in sehr kurzer Zeit
- meist innerhalb einiger Tage - und wurde festlich begangen.
Unsere Vorfahren sind dabei nicht anders verfahren, als es noch heute einige Naturvölker tun:
die Mädchen wurden durch die erste Menstruation zu Erwachsenen, die Jungen durch die Beschneidung.
Andere Völker ließen vor allem die Knaben Mutproben bestehen, ehe sie in die Reihen der
Krieger aufgenommen wurden.
Übereinstimmend ist aber bei allen Gesellschaften, dass neben der Geschlechtsreife noch mindestens ein weiterer Gesichtspunkt für den Übergang vom Kind zum Erwachsenen entscheidend
war: die endgültige Rollenzuteilung.
Rollenzuteilung
Die Männer hatten in aller Regel die Aufgabe, zu jagen, zu beschützen und zu herrschen, die
Frauen kümmerten sich um die Feldarbeit und den Aufwuchs der Kinder. Diese jeweilige Rolle
mussten Junge und Mädchen erfüllen können, um in die Welt der Erwachsenen eintreten zu
dürfen.
Die Kindheit galt damals gar nichts. Manche Völker gaben ihren Kindern überhaupt erst einen
Namen, wenn sie erwachsen wurden, andere - so auch die Indianer - nahmen eine Namensänderung vor.
Selbst im Mittelalter wurde das Kind auch in Europa nicht anders eingeschätzt.
Die Gründe für diese Einstellung der Erwachsenen gegenüber den Kindern sind vielfältig:
• sehr hohe Kindersterblichkeit; man konnte sich starke gefühlsmäßige
Bindungen nicht erlauben
• das Kind war zur Beschaffung von Nahrung, für die Verteidigung und
die Fortpflanzung noch untauglich - es galt daher als unvollkommen und
als Belastung für die Erwachsenen
Jugend - was ist das eigentlich?
Schwimmjugend im Schwimmverband Nordrhein-Westfalen
Seite 1
Ersterstellung: 12/1995, letzte Aktualisierung: 12/1995
• die heute bekannten Ergebnisse aus Pädagogik und Psychologie, dass
die ersten Lebensjahre entscheidend für das ganze weitere Verhalten
eines Menschen sind, waren noch nicht bekannt.
Die Gruppe der Jugendlichen
Wie kam es nun dazu, dass sich zwischen Kinder und Erwachsene die Gruppe der Jugendlichen
schob?
Hierzu waren zwei Entwicklungen ausschlaggebend:
o
der Fortschritt
o
das komplizierter werdende Zusammenleben der Menschen.
Der Fortschritt begann schon mit dem Sesshaftwerden der Menschen, den vielen technischen
Erfindungen und u. a. den Erfolgen der Medizin.
Resultat: die Lebenserwartung der Neugeborenen erhöhte sich und das Wissen der Menschen,
sich die Natur untertan zu machen, nahm ständig zu.
Ein Lernen durch Abgucken wurde durch ein Lernen in der Schule ersetzt. Der gesamte notwendige Wissensstoff war den heranwachsenden Kindern unmöglich bis zur Geschlechtsreife zu vermitteln. Außerdem lebten mittlerweile viel mehr Menschen in Dörfern, Städten, Staaten. Das Zusammenleben wurde schwieriger, die Kinder konnten nicht mehr unbesehen die Ansichten, Meinungen und Lebensweisheiten der Erwachsenen übernehmen.
Die gesamte Gesellschaft änderte sich zu viel und zu schnell
Ein Mensch, der geschlechtsreif und dennoch nicht voll erwachsen war, wurde daher seit einigen
hundert Jahren Jugendlicher genannt.
So gesehen ist die „Jugend“ wortwörtlich ein Kind des Fortschritts. Es leuchtet ein, dass in Stämmen, bei denen sich über hunderte von Jahren keine wesentliche Änderung der Lebensgewohnheiten ergab, der Übergang vom Kind zum Erwachsenen wesentlich einfacher war als in unserer
heutigen Gesellschaft, in der die Eltern den Kindern schon nicht mehr bei den Schularbeiten
helfen können.
Kritik und Rebellion der Jugend hat also auch etwas mit der stürmischen Entwicklung einer Gesellschaft zu tun.
Viele Wissenschaftlicher versuchten, den Begriff „Jugend“ einzugrenzen, um damit eine vollständige Erklärung von „Jugend“ zu geben und sie gegenüber den Begriffen „Kind“ und „Erwachsener“ (z. B. altersmäßig) abzugrenzen. Die Tatsache, dass dies bisher noch nicht befriedigend gelungen ist, zeigt uns einmal mehr, wie sehr unsere so festgefügt scheinende Gesellschaftsform in
Wirklichkeit „brodelt“ und einem noch lange nicht abgeschlossenen Wandel unterliegt.
Jugend - was ist das eigentlich?
Schwimmjugend im Schwimmverband Nordrhein-Westfalen
Seite 2
Ersterstellung: 12/1995, letzte Aktualisierung: 12/1995
Empfehlenswerte Bücher zu dieser Thematik:
Alle vier nachfolgenden Bücher sind zwar schon etwas älteren Datums, doch ist das in diesem
Fall kein Mangel. Ob sie noch in der abgebildeten Aufmachung erscheinen, habe ich nicht
geprüft - lieferbar sollen sie (nach Auskunft meines Buchhändlers) aber alle noch sein.
John Gillis geht bei diesem Buch in
erster Linie auf die letzten 200 Jahre
ein; das sind ja auch die wichtigsten.
Ein sehr lesenswertes Buch bei dem
die Thematik „Jugend“ naturgemäß
viel breiter und ausführlicher dargestellt wird als in meinem kleinen
Artikel.
Das Buch ist erschienen im
Beltz Verlag
Weinheim 1980
ISBN 3 407 83023 8
ca. 220 Seiten Text
Wenn es um das Thema „Geschichte der
Kindheit“ geht, ist Ariès d i e Kapazität.
Allerdings muss man schon am Thema interessiert sein, denn rd. 560 Seiten sehr klein
gedruckter Schrift verlangen einem ein gewisses Zeitkontingent ab. Die Fülle der Daten und der flüssige Schreibstil entschädigen
aber voll und ganz.
Das Buch ist erschienen als
dtv Buch Nr. 4320
München 1978
ISBN 3 423 04320 2
Jugend - was ist das eigentlich?
Schwimmjugend im Schwimmverband Nordrhein-Westfalen
Seite 3
Ersterstellung: 12/1995, letzte Aktualisierung: 12/1995
Die schwedische Schriftstellerin Ellen Key
brachte dieses Buch etwa zur Jahrhundertwende heraus und dementsprechend ist vieles an
diesem Buch überholt - ist es das wirklich?
Kindgerechte Erziehung, nicht zu viel und
nicht zu wenig in die Entwicklung des Kindes eingreifen, aber auch falsch verstandene
Frauenemanzipation auf Kosten des Kindes so überholt ist das gar nicht.
Gerade als eine der ersten Streiterinnen für
die Emanzipation der Frau bewies Ellen Key
viel Einfühlungsvermögen, wie sich eine neue
Rolle der Frau auch auf die Erziehung der
Kinder - Jungen wie Mädchen - auswirken
müsse und enormen Weitblick, dass falschverstandene Emanzipation eher schadet als
nützt.
Das Buch ist erschienen im
Athenäum Verlag
Königstein/Ts 1978
ISBN 3 7610 8036 0
ca. 160 Seiten, sehr kleine Schrift
Erna Johansens Buch ist in gewisser Hinsicht eine
Mixtur der beiden Bücher von Gillis und Ariès auf
der vorangegangen Seite; allerdings unter dem besonderen Blickwinkel, dass Kinder schon immer zu
den schwächsten Gruppen der Gesellschaft hörten.
Hier will Johansen aufrütteln und uns bewegen, dies
in Zukunft nicht mehr zuzulassen.
Auch heute gibt es viele Länder mit Kinderarbeit
und Ausbeutung von Kindern.
In u n s e r e r Gesellschaft ist es eher die Vereinsamung der sog. Schlüsselkinder für die (hoffentlich)
manches Mal die Gemeinschaft im Sportverein eine
Alternative zur Straßenbande und zu Kriminalität
und Drogensucht ist.
Das Buch ist erschienen im
Fischer Taschenbuch Verlag, Nr. 6622
Frankfurt 1978
ISBN 3 596 26622 x
ca. 230 Seiten
Jugend - was ist das eigentlich?
Schwimmjugend im Schwimmverband Nordrhein-Westfalen
Seite 4
Ersterstellung: 12/1995, letzte Aktualisierung: 12/1995
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Seele and Geist
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