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"Junge, was du lernst, kann dir niemand mehr wegnehmen."

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Rüdiger Reyhn
Geschäftsführer des Regionalverbands
Südniedersachsen e. V.
"Junge, was du lernst, kann dir niemand mehr
wegnehmen."
Von gleich vier Erwachsenen erzogen zu werden – dieses Glück
hatte ich wie wenige andere meines Jahrgangs (1951). Meine
Eltern und Großeltern lebten in meiner Heimatstadt Braunschweig
während meiner gesamten Schulzeit in einem Haushalt und hatten
eine gemeinsame berufliche Aufgabe: Nämlich den aus Groß- und
Einzelhandel mit Obst, Gemüse und Kartoffeln (ja, dieses dritte
Segment wurde damals nicht ohne Stolz immer besonders hervorgehoben) bestehenden Betrieb
zu sichern und zu entwickeln. Die Bedeutung von Begriffen wie Umsatz und Kosten erfasste ich
Schritt für Schritt und begriff auch sehr früh, wie wichtig es war, Kunden freundlich zu behandeln.
Von Customer Orientation würden Marketingleute heute wohl sprechen.
Viel wichtiger als materielle Werte, die natürlich angesichts der vielen Trümmergrundstücke in
der Nachbarschaft bei uns eine wichtige Rolle spielten, war für meine Oma aber das Thema
Bildung. „Junge, was du lernst, kann dir niemand mehr wegnehmen“, so bleute sie mir immer
wieder ein. Sie hatte zwei Geldentwertungen bewusst erlebt und wusste, wie schnell Vermögen
durch die Finger rinnen kann. Deshalb war Fleiß in der Schule für mich auch eine Verpflichtung,
die ich gegenüber meinen Eltern und Großeltern empfand.
44 Kindern waren wir damals der vierten Volksschulklasse. Zehn oder zwölf nahmen an einer
Prüfungswoche am Gymnasium teil. Ich erinnere mich, dass mir am letzten Tag dieser Woche einem Sonnabend morgens um halb acht - ein Nachbarsjunge noch Tipps zum Umgang mit dem
Dreisatz mit auf den Weg gab. Und genau danach wurde ich zwei Stunden später dann auch
prompt gefragt. Noch heute bin ich überzeugt davon, dass ich ohne diese Hilfe durch die Prüfung
gerauscht wäre. Zu viert wechselten wir dann von der Volksschule auf das Gymnasium. Der
„Normalfall“ blieb die Volksschule, die die meisten meiner früheren Mitschüler dann nach der
achten Klasse verließen. Nur wenige besuchten noch die neunte Klasse.
Dass Lernen nicht nur Lustgewinn bedeutet, war eine Erkenntnis, die in den Folgejahren nicht
ausbleiben konnte. Das Erlernen von Sprachen, das immer tiefere Eindringen in die
Geheimnisse der Nutzen-Kosten-Analyse und der Kurvendiskussionen – all das machte Spaß.
Rechnungswesen und Statistik (wenn ich da nur an die Aufgaben mit vielfarbigen Fischen im
Aquarium denke!!) zählten aber zu den Herausforderungen, die ich nur mit Mühe meisterte. Und
dann manche Vorlesungen in den fensterlosen, überfüllten Hörsälen des Zentralen
Hörsaalgebäude der Uni Göttingen: Wie angenehm, dass heute jeder Besuch dort ein freiwilliger
ist.
Solide volkswirtschaftliche Kenntnisse schützen dann aber doch nicht vor schmerzhaften
Erfahrungen, die ich als selbstständiger Textil-Händler im Nebenjob in der letzten Phase meines
Studiums machte. Mal tauchte bei selbst organisierten Importen aus Marokko völlig unvermittelt
das Problem verschiedener Wechselkurssysteme auf, mal ging ein Kunde in den Konkurs, den
ich mit Unterstützung meiner Frau mühevoll geworben hatte und der mich lehrte, was eine
Forderung manchmal auch ist: Nämlich nichts wert. Schon damals war mir klar: Fehler darf man
machen - aber nicht denselben Fehler mehrmals. Und so machte ich unabhängig vom elterlichen
Betrieb kritisch und selbstkritisch meine eigenen Erfahrungen im Geschäftsleben.
Dass sich das Leben an der Uni von dem in der Wirtschaft ein wenig unterscheidet, lernte ich
auch
als
„Führungsnachwuchs
im
Außendienst“
einer
großen
deutschen
Versicherungsgesellschaft in Cuxhaven, als ich im Schnee-Chaos des Superwinters 1979
frierend von Haus zu Haus stapfte, um Versicherungen zu verkaufen. Klingelleiste rauf,
Klingelleiste runter. Was das heißt, erfährt man nicht durch die Lektüre von Büchern oder durch
Aufmerksamkeit in Vorlesungen. Faktenwissen - in diesem Fall über Versicherungen - ist die
notwendige, aber keine hinreichende Bedingungen, um seinen Platz in der Gesellschaft zu
finden. Bildung bedeutet, Frustrationen zu bestehen und auch als Chance für eine positive
Herausforderung zu werten. Bildung bedeutet für mich auch immer, Neugierig zu sein auf das
Gespräch mit anderen. Diese Neugierde ist auch erforderlich, sich immer wieder in neue
Themenfelder einzuarbeiten. Die Gelegenheit dazu hatte ich eineinhalb Jahrzehnte lang als
Redakteur der örtlichen Tageszeitung in Göttingen. Begreifen durch fragen, nachfragen und noch
mal nachfragen – dieses Motto gilt nicht nur für Journalisten, aber für diese in besonderer Weise.
Mein nächster beruflicher Wechsel erfolgte Mitte der neunziger Jahre, als der Regionalverband
Südniedersachsen gegründet wurde und für die Geschäftsstelle jemanden suchte, der sich von
mangelnder Präzision der Aufgabenstellung nicht abschrecken ließ, sondern genau darin einen
besonderen Reiz sah. So bildete ich mich denn im beruflichen Alltag ständig weiter – die Themen
reichten und reichen vom Öffentlichen Personen-Nahverkehr über das Regionalmarketing und
die regionale Kooperation in der Einzelhandelspolitik bis hin zum Thema Bildung. So ist denn die
„Bildungsregion Göttingen“, die der Regionalverband Südniedersachsen gemeinsam mit drei
Partnerorganisationen seit zwei Jahren gestaltet, für mich eine besondere Herausforderung. Wie
sagte doch meine Oma: „Junge, was du lernst, kann dir niemand mehr wegnehmen“.
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Bildung
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