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40 Jahre nach dem Konzil - was geworden ist und - Wir sind Kirche

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40 Jahre nach dem Konzil - was geworden ist und was noch fehlt
Referat auf der Tschechischen Christlichen Akademie in Budweis
24. Mai 2003
Helmut Krätzl, Weihbischof in Wien
Am 11. Oktober 1962, also vor etwas mehr als 40 Jahren, wurde das II. Vatikanische Konzil eröffnet. Es
war ein Meilenstein in der Geschichte der Kirche und damit in ihrer Hinwendung zur Moderne. Dahinter
stand ein Papst, Johannes XXIII, der wohl wider alle Erwartung seiner Wähler, aber auch gegen den
Willen des größten Teils der römischen Kurie zu einer Selbstbesinnung der Kirche „ad intra“ und „ ad
extra“ in einem Konzil aufrief. Stand schon dieser Entschluss - wovon er selbst überzeugt war - unter der
Führung des Hl. Geistes, so machte sich das Wirken des Geistes dann spürbar in der Dynamik des
Konzils. Nahezu alle vorbereiteten Dokumente - eher im Geist der überkommenen Theologie konzipiert wurden überarbeitet, holten die Ergebnisse theologische Forschung ein und machten sie für den weiteren
Gang der Kirche verpflichtend. Das Ansehen der Kirche und das öffentliche Interesse an ihr wuchs
erstaunlich. Die röm. katholische Kirche machte sich zum offenen, verlässlichen Gesprächspartner hin zu
den anderen christlichen Kirchen, den anderen Religionen, zur Welt, zum „Irdischen“ mit seiner recht
verstandenen Autonomie.
40 Jahre danach gilt es festzustellen, was das Konzil Neues gebracht hat, wo die Erneuerungen stecken
blieben und dann zu fragen, warum dies wohl so ist, und wie die Kirche im Geiste des Konzils wieder
„flott“ gemacht werden könnte.
1. Die Zeit vor dem II. Vaticanum
Rückblickend erscheint diese Zeit zweigeteilt. Die Kirche war in der Öffentlichkeit und im Erleben der
Katholiken überaus stark. Dennoch haben sich in dieser Zeit schon viele notwendige Reformen angestaut.
Nach Ende des 2. Weltkrieges wuchs der Einfluss der Kirche(n) in Politik und Gesellschaft. Die
Politiker, die Europa so schnell und nachhaltig aufbauten, waren meist praktizierende Katholiken wie in
Deutschland Konrad Adenauer, in Österreich Leopold Figl und Julius Raab, Robert Schuman in
Frankreich, Alcide Degasperi in Italien. Das gab der Kirche ein starkes Image. Es war auch die Zeit, da
die Jugend gerne bei der Kirche war, weil sie sie tonangebend und zukunftsweisend erlebte.
Rückblickend kann man feststellen, dass dies große Begeisterung in und für die Kirche auslöste,
gleichzeitig aber zu einer "Fundamentalisierung des kirchl. Selbstverständnisses" führte
Die
heraufziehende Strömung der Moderne wurde noch kaum wahr genommen
Innerkirchlich aber drängte schon seit der Zwischenkriegszeit vieles nach neuen Lösungen. Im
theologischen Denken bereiteten sich im dt. Sprachraum entscheidende Umbrüche schon seit 1920 vor
(R..Guardini, K.Adam, M.Schmaus, J.A. Jungmann, H.Rahner, P. Parsch; später K.Rahner,
O.Semmelroth, H.U. v. Balthasar), in Frankreich erst wieder seit 1940 in der sog. Nouvelle théologie (
H. de Lubac, J. Danielou, M.D. Chenu, Y. Congar) Neu war die Hinwendung von einem einseitigen
Moralismus und Aszetismus zu einem Leben aus der Hl.Schrift (Bibelbewegung), aus einer passiven
Teilnahme zu einer bewusst gefeierten Liturgie (liturg. Bewegung) , eine Stärkung des Laienapostolates
und Anfänge einer ökumenischen. Bewegung.
Das röm. Lehramt war diesen theol. Ansätzen gegenüber meist kritisch. Die Reaktion Pius XII. (19391958) war zweigeteilt. In der ersten Hälfte des Pontifikates äußerte er sich auch positiv gegenüber neuen
Strömungen, wie in den Enz. "Divino afflante spiritu" 1943 (zur Bibel); "Mystici Corporis" 1943 (Bild der
Kirche); "Mediator Dei" 1947 (Beginn einer Liturgiereform). Seit 1950 zeigten sich vermehrt
restaurative Tendenzen, besonders in der Enz. "Humani generis" 1950, die vor allem gegen die
"Nouvelle. théologie" gerichtet war, mit einer Warnung vor Relativierung der Scholastik, und Betonung
des päpstlichen Lehramtes, was zu Zensuren mancher oben genannter Theologen führte. Gleichzeitig
wuchs eine "marianische Bewegung", besonders gestärkt durch die Dogmatisierung der Aufnahme
Mariens in den Himmel 1950.
Ein Problemstau also und kontroverse theol. Denkrichtungen charakterisierten die Situation vor dem
Konzil und bestimmten dann auch die heftigen Auseinandersetzungen während der Sitzungen. Den
„Problemstau“ sah Joseph Ratzinger aber positiv, wie er es in einem TV- Interview 1991 ausdrückte. Er
sagte: „Das II. Vatikanum war möglich, weil in großen Bewegungen zwischen den Weltkriegen und
hernach eine geistige Ernte gewachsen war.“ Das Konzil hat diesen Stau weitgehend aufgelöst, vieles
legitimiert, was vorher vorbereitend experimentiert worden war, und die vormals zensurierten Theologen
gaben am Konzil maßgeblich den Ton an.
2. Die wichtigsten neuen Ansätze des Konzils und die jeweils noch ausstehende
Verwirklichung.
Das Konzil hat tatsächlich, wie Johannes XXIII es in der Eröffnungsansprache als Ziel gesetzt hatte, einen
„Sprung vorwärts“ gemacht. Später aber verlangsamte sich die Erneuerung, ja sie wurde offensichtlich
auch offiziell „gebremst“.
2.1 Das Konzil entdeckt die Liturgie in ganz neuer Weise.
Die erstrebte Reform der Liturgie ist in das Gesamtprogramm des Konzils hineingestellt. Das Ziel war
dreifach: eine innere Reform der katholischen Kirche, ein Beitrag zur Ökumene und eine Einladung an
die Welt. Und um das zu erreichen hält es das Konzil für seine Pflicht, "sich um Erneuerung und Pflege
der Liturgie zu sorgen.
Für diese Erneuerung gab das Konzil erst die Richtung an, ließ aber die weitere Entwicklung bewusst
offen.
Was war neu?
Liturgie sollte künftig nicht mehr länger eine Gott dargebrachte „Priesterliturgie“ sein, sondern die
Gemeinde selbst ist nun Subjekt der Feier, die Gläubigen werden zur einer „bewussten, tätigen,
gemeinschaftlichen“ Teilnahme aufgerufen. Äußeres sichtbares Zeichen war für viele die Errichtung
eines „Volksaltares“, um den sich nun die Gemeinde mit dem Priester versammelt. Ein neues Missale
wurde in Auftrag gegeben, die Verwendung der Muttersprache ermöglicht, anfänglich vor allem in der
Wortverkündigung, später sogar im Kanon. Alle sieben Sakramente sollten in ihren Ritualien überarbeitet
werden. In weiten Teilen der Welt wurden diese Neuerungen begeistert aufgenommen. In den
deutschsprachigen Ländern war manches nur Legitimierung schon früher geübter Formen, wie sie die
liturgische Bewegung unter Pius Parsch und Odo Casel schon seit Jahren anmahnte. Und doch spürte man,
dass die eingeschlagene Richtung der Erneuerung fortgesetzt gehört, weil sich die Sprache änderte, das
Gefühl für Symbole und Riten, besonders in der Jugend.
Liturgiereform scheint heute eher „gebremst“ zu werden.
Heute, 40 Jahre nach dem Konzil, gehört es in vielen Kirchenkreisen fast zum guten Ton, die
Nüchternheit der erneuerten Liturgie zu beklagen und von der "Mystik" der vorkonziliaren Liturgie zu
schwärmen. Der Trend geht wieder mehr zur „alten“ Liturgie. Die Ausnahmegenehmigung, den sog.
„tridentinischen Ritus“ zu gebrauchen, wird weit ausgelegt. Regionale Erneuerungsversuche wurden
untersagt. Der Zentralismus wächst, wie zuletzt die strengen Bestimmungen für die Übersetzung
liturgischer Texte zeigen. . Erzbischof Rembert Weakland nahm dies zum Anlass, in einem Artikel
„Liturgie zwischen Erneuerung und Restauration“ zu zeigen, dass die „restaurativen“ Bemühungen die
Liturgie betreffend zeichenhaft wären für ein „Zurück“ überhaupt nach dem Konzil, eine „Reform der
Reform“ wie es manche bezeichnen. Die eine solche „Gegenreform“ wünschen, fühlen sich von Aussagen
von Kard. Ratzinger in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ bestätigt. Seine Kritik am heutigen Stand
der Liturgiereform lässt eher vermuten , das Konzil habe keine wirkliche Erneuerung gewollt , sondern
nur eine Wiederentdeckung der alten Liturgie. Sie ist für Ratzinger wie ein wertvolles Fresko, das im
Lauf der Jahre übertüncht wurde und nun freigelegt werden soll. Ob das dem Auftrag des Konzils,
Liturgie neu zu ordnen, wie oben aus den Konzilstexten zitiert wurde, aber entspricht?
2.2 Die neue Sicht der Kirche.
Das Konzil hat wieder zur alten Communio-Ekklesiologie zurückgefunden, wie sie im ersten
Jahrtausend durchaus üblich war. Die theologische Begründung von "Communio" kommt aus der
trinitarischen Sicht der Kirche und darf daher nicht vorrangig soziologisch verstanden werden. Das der
Kirche zugrundeliegende Gottesbild hat aber starke Auswirkungen auf das Leben, sogar auf die
Strukturen der Kirche. Der "unitarische" Gott verleitet, so er "Stellvertreter" auf Erden haben soll, zu
autoritärem Gehaben. Der "trinitarische" Gott verweist auf Vielfalt in Einheit, auf ständige
Kommunikation, auf Austausch. Wenn Kirche Abbild dieses Gottes, Ikone der Dreifaltigkeit sein will,
müssen sich ihr "Gesicht", ihr Bild, auch manche Strukturen ändern.
Konkrete Folgen der "Communio-Ekklesiologie"
• Eine einseitig hierarchisch gesehene Kirche wird nun vor allem als Volk Gottes gesehen. "In diesem
Volk gibt es zwar verschiedene Dienstleistungen, aber letztlich nur eine Berufung."
• Communio unter allen Gliedern. Alle Getauften haben also in der Kirche die gleiche Würde unter
denen erst die verschiedenen Ämter (durch Weihe) und Dienste zu sehen sind. Darin ist die
Mitverantwortung der Laien ausgedrückt, die nicht mehr nur "Objekt" kirchlicher Leitung und Pastoral
sind, sondern "Subjekte". Daraus folgt eine Verantwortung, die in Gremien, aber auch im Einbringen
des Glaubenssinns (sensus fidelium) der Gläubigen seinen Ausdruck zu finden hat.
• Communio zwischen dem Papst und dem Bischofskollegium. Das Konzil wollte die Ortskirchen
aufwerten, "in denen und aus denen" die Gesamtkirche besteht Dabei wird klar, dass die Einheit der
Kirche die Vielheit der Kirchen einschließen muss, es also "nie eine absolute Zentralisierung in der
Kirche geben kann"
Defizite heute, oder was nach dem Konzil noch alles fehlt
• Der Zentralismus wächst allenthalben wieder, wohl aus Angst um die Einheit. Dies zeigen römische
Dokumente aus den verschiedenen Kongregationen, die oft einen defensiven Charakter tragen. Sogar
Kardinal Kasper nimmt Anzeichen einer Restauration des römischen Zentralismus wahr und meint,
„das Verhältnis von Orts - und Universalkirche ist aus der Balance geraten.“
• Zusammenschlüsse von Bischöfen haben zu wenig Eigenverantwortung: Bischofskonferenzen sollten
aufgewertet werden, wurden durch das Motu proprio "Apostolos suos" vom 21.Mai 1998 aber eher
wieder eingeengt. - Die römischen Bischofssynoden, die gerade so wichtig wären für die
Weiterentwicklung der vom Konzil aufgeworfenen Fragen, haben in ihren Beschlüssen kaum Neues
gebracht, eher den status quo festgeschrieben.
• Der vom Konzil wieder „entdeckte“ alte Begriff vom „gemeinsamen Priestertum“ wurde in seinen
Konsequenzen nicht weitergedacht, vielmehr wachsen die Spannungen zwischen Laien und
geweihten Amtsträgern. Römische Dokumente bestärkten diese noch, wohl aus Angst um die
Identität der Priester..
•
Gremien werden ineffizienter , weil rechtlich zurückgedrängt, aus Angst, "demokratische" Elemente
könnten auch über den Glauben entscheiden wollen.
Was ist aus den hoffnungsvollen Ansätzen eines neuen Kirchenbildes geworden?
2. 3 Die neue Sicht von Sexualität und Ehe.
Grund für eine bislang ungewohnt positive Darlegung von Sexualität in der Ehe ist die Anthropologie in
GS. Statt wie früher ausgehend von "Erbsünde" und "gefallenem Menschen" wird nun der Mensch als
Bild Gottes gesehen (GS 12), seine Würde in Vernunft, (15) sittlichem Gewissens (16) und seiner
Freiheit (17) betont. Von dort her wurden erst so weitreichende Aussagen wie im Dekret über die
Religionsfreiheit, des Ökumenismus, vor allem aber auch zu Ehefragen möglich.
Die neue Sicht
• Hauptzweck der Ehe ist nicht mehr ausschließlich die Weitergabe des Lebens, wie in der
traditionelle Lehre bis unter Pius XII sondern Ehe ist ein "Liebesbund", der offen ist für das Leben.
Damit bekommen die ehelichen Akte einen Eigenwert für das Bezeugen der Liebe und als Hilfe zur
Treue.
• Sexualität wird vornehmlich positiv gesehen, als gottgewollt, auch in der verantwortungsvoll erlebten
Lust.
• Verantwortete Elternschaft: Eheleute haben vor Gott selbst die Zahl der Kinder zu verantworten,
wobei sie das eigene Wohl, wie das ihrer Kinder (schon geborener oder zu erwartender) zu beachten
haben, die materiellen und geistigen Verhältnisse der Zeit und ihres Leben erkennen sollen, mit
Rücksicht auf das Wohl der Gesamtfamilie, der weltlichen Gesellschaft und der Kirche. „Dieses Urteil
müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“
Diese Aussagen des Konzils zählen wohl zu jenen, die für das alltägliche Leben vieler Eheleute besonders
bedeutsam und zunächst befreiend gewirkt haben . Damit hat aber die Kirche auch Voraussetzungen
geschaffen, gerade in einer Zeit wachsender sexueller Freizügigkeit, Unersetzliches für die Humanisierung
der Sexualität beitragen zu können. .
Die belastenden Defizite
• Die positive Darlegung von Sexualität ist in der offiziellen Verkündigung kaum durchgedrungen,
wohl aus Angst, sich
sonst mit früheren "leibfeindlichen Tendenzen" der kath. Kirche
auseinandersetzen zu müssen, oder auch , - verkürzt durch die Medien,- nun selbst für übertriebenen
Sexualismus vereinnahmt zu werden.
• Die Methodenfrage zur verantworteten Elternschaft wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes
nicht am Konzil beraten, sondern erst 3 Jahre später in der Enz. "Humanae vitae" auf die sog.
natürliche Methode eingeengt. Die Reaktion auf diese Enzyklika war wohl einmalig in der Kirche :
von außen kam heftige Kritik, auch von durchaus praktizierenden Katholiken, innerkirchlich aber
gaben viele Bischofskonferenzen
ergänzenden "Erklärungen" ab.
22 Bischofskonferenzen
versuchten, für die Gewissenslage der Betroffenen einen Ausweg zu schaffen. Solches taten die
deutschen Bischöfe in der sog. "Königsteiner Erklärung", die österreichischen Bischöfe in einer
"MariaTroster-Erklärung". Der der Einschränkung auf die „natürliche Methode“ zugrundegelegte
Naturbegriff - vielfach kritisiert - wurde später nicht weiterentwickelt, sondern im Apostol. Schreiben
"Familiaris Consortio" 1980 festgeschrieben. Dahinter stand wohl die Angst, die bisherige
Lehrautorität und Lehrkontinuität könnte sonst in Frage gestellt werden, aber auch, nun könnte man
auch der Kirche den Vorwurf machen, sich im Zuge der „sexuellen Revolution“ der 68er Jahre billig
angepasst zu haben.
• Folgen dieser Lehraussage: die Entwicklung in der Gesellschaft zu einer immer freizügigeren
Auffassung von Sexualität konnte nicht, wie beabsichtig, verhindert werden; die Gläubigen kamen
zunächst in schwere Gewissenskonflikte, scheinen nun aber ihre Entscheidungen selbständig getroffen
zu haben. Jedenfalls hat seit 1968 die Lehrautorität der Kirche vor allem durch diesen Entscheid
erheblich gelitten und das Vertrauen in kirchliche Hilfe im Bezug auf Sexualmoral wurde eher
untergraben.
• Die rigorose Auslegung der Empfängnisregelung brachte die katholische Kirche auch im berechtigten
Kampf gegen die Abtreibung in Argumentationsnotstand. Sie musste sich von Politikern vorwerfen
lassen, durch das Verbot der Verhütung
für die Zahl unerwünschter Schwangerschaften
mitverantwortlich zu sein.
2.4. Aufbruch und Stagnation in der Ökumene.
Ohne Zweifel hatte Johannes XXIII von allem Anfang vom Konzil einen wesentlichen Fortschritt in der
christlichen Ökumene erwartet. Es begann auch eine für die Ökumene ganz neue Situation.
Der Fortschritt
• Noch in Enz. „Mystici Corporis“ 1943 wurde die Kirche Jesu Christi als "deckungsgleich" mit der
katholischer Kirche gesehen. In der dogmatischen Konst. „Über die Kirche“ heißt es nun, ecclesia
Christi „subsistit in ecclesia catholica“ Sie "subsistiert" in der kathol. Kirche. Das ermöglicht aber
auch die Annahme, dass es in den anderen christlichen Kirchen kirchenbildende Elemente gibt
• Auch in anderen Kirchen gibt es ohne Zweifel "das Leben der Gnade" und damit Wege zum Heil.
• Gemeinsamkeit in Dialog, Feier, Engagement angemahnt.
früher verboten - , werden nun ausdrücklich
• Als Anlass für die Kirchenspaltung wird die fehlende Reformbereitschaft und Schuld auf allen Seiten
einbekannt; und Voraussetzung für den Prozess der Einigung wäre Treue gegenüber der eigenen
Berufung, aber auch eigene Bekehrung und Demut.
Es brach tatsächlich so etwas wie ein ökumenischer Frühling aus. Man suchte allenthalben zuerst, was uns
eint, nicht gleich was uns trennt. Konsens- und Konvergenzpapiere wurden offiziell erarbeitet. Blieben
sonst viele Fragen des Konzils offen, so wurden gerade jene der Ökumene weltweit weiterentwickelt.
Die Ergebnisse fanden ihren Niederschlag in einem zweitgeteilten Ökumenischen Direktorium 1967 und
1970 und schließlich in einer letzten Fassung 1993. Und das neue Kirchenrechtsbuch 1983 hatte die
notwendigen rechtlichen Normen dafür im Geist des Konzils festgeschrieben. Papst Johannes Paul II.
selbst drängte immer wieder auf verstärkte Bemühungen in der Ökumene. Der Päpstliche Rat zur
Förderung der Einheit der Christen ist unermüdlich - zuletzt unter der Leitung von Kardinal Walter
Kasper - um die Weiterführung der Ökumene bemüht. Ein besonders beeindruckender Höhepunkt war
wohl die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen Rom und dem Lutherischen Weltbund
2000, die in Augsburg unterzeichnet wurde.
Defizite oder Stagnation
Die Gründe dafür sind zahlreich, und im Hinblick auf die Kirchen des Ostens und jener aus der
Reformation unterschiedlich. Theologisch hat man die „leichteren“ Fragen zuerst behandelt, schwerere
sind geblieben. Dazu kommt, dass heute in einer immer säkularisierteren Gesellschaft alle Kirchen
nahezu in eine „Diasporasituation“ gekommen sind, in der man um die eigene Identität mehr bangt, als in
Zeiten der Stärke. Ökumene wird da und dort auch durch Versuche, sich den anderen Kirchen gegenüber
zu „profilieren“, gestört. Man stellt überhaupt heute neu die Frage, was Ökumene eigentlich will, mehr
Konsens oder eher wieder offene theologische Kontroverse. Noch mehr Einheit, oder einfach
Anerkennung des je anderen.
Konkret stehen folgende Fragen an:
•
Kirchenbegriff. Das Konzil hatte unterschieden zwischen „Kirchen“ und damit jene der Ostkirche
gemeint und „kirchlichen Gemeinschaften“, jene aus der Reformation. Die Kommentatoren waren
einig, dass das Konzil mit dieser Unterscheidung keine endgültige Entscheidung treffen wollte. So
sagte Kardinal Jäger: „Die unter den Theologen disputierte Fragen über die Art der Anwendung der
Bezeichnung ‚Kirche’ auf die einzelnen christlichen Bekenntnisse bleibt der weiteren Forschung
Überlassen“. Damit hat das II. Vatikanum in guter konziliarer Tradition eine amtlich nicht
entscheidungsreife Frage der weiteren theologischen Diskussion überlassen. Das römische Dokument
„Dominus Jesus“ aber zitiert wieder nur den Wortlaut des Konzilstextes, ohne auf solche
Überlegungen einzugehen. Das führte zu erheblichen Irritationen in der Ökumene
•
Eucharistiefrage: Sie ist zu lutherischen Kirchen verwoben mit der Amtsfrage, zu den Ostkirchen hin
mit deren anderslaufenden Praxis. Sie pflegen einen selteneren Empfang, intensive Vorbereitung,
sehen Eucharistie als Zeichen eben der Verbundenheit mit einer bestimmten Kirche. Die Frage
zugespitzt hat die Enz. „Ecclesia de Eucharistia“ , die vor allem die unterschiedlichen Haltungen im
Hinblick auf „eucharistische Gastfreundschaft“ verdeutlicht hat.
• Die Frage des Primates oder des Petrusdienstes. Der Papst selbst lud in der Enz. Ut unum sint ein,
über den Primat zu diskutieren, die praktische Ausformung des "Jurisdiktionsprimates" aber geht weit
über das, was nach kathol. Lehre notwendig wäre. Gemeint sind ein wieder wachsender Zentralismus,
die Ausweitung verbindlicher Formen des Lehramtes , die übergroße Zahl von Selig- und
Heiligsprechungen u.a.m.
• Das Verhältnis zur Orthodoxie wird dzt. erschwert durch die Errichtung von 4 Diözesen in Russland
und zuletzt in Kasachstan.
Eine ganz neue Herausforderung zur christlichen Ökumene ist die EU-Erweiterung. Soll das
zusammenwachsende Europa eine „christliche Seele“ bekommen, wie viele wünschen, dann muss das in
einem gemeinsamen Zeugnis der Christen geschehen. Es ist daher bedauerlich, dass der so gut anlaufende
Mitteleuropäische Katholikentag keinerlei ökumenische Feierlichkeiten vorsieht.
2.5 Religionsfreiheit
Bernhard Häring sah im Dokument über die Religionsfreiheit einen "Sprung vorwärts", eine "wirkliche
Bekehrung und nicht bloß eine organische Weiterbildung der kirchlichen Praxis." Die Kirche brach damit
mit einer bislang rigorosen Haltung anderen Religionen gegenüber.
Innerkirchlicher Fortschritt
• Die frühere These war: wo die kath. Kirche die Mehrheit hatte, sollte der Staat die Religionsfreiheit der
Nichtkatholiken einschränken, wo Katholiken in der Minderheit sind, könnte die "Hypothese"
praktiziert werden, dass alle den gleichen Anspruch auf Religionsfreiheit haben.
• Jetzt heißt es: Religionsfreiheit liegt im Wesen der Person und in der Freiheit des Glaubensaktes, zu
dem niemand gegen seinen Willen gezwungen werden kann.
• Religionsfreiheit dient dem Gemeinwohl, fördert nicht gleich den Indifferentismus.
• Grenzen der Religionsfreiheit bestimmen das Recht anderer und Pflichten ihnen gegenüber.
Heutige Defizite:
• Zu weit gehende Versuche einer „pluralistischen Theologie“ mahnen zur Vorsicht.
• Aus Angst vor dem Zusammenstoß mit anderen Religionen, besonders mit dem Islam, wird der
interreligiöse Dialog noch kaum ernst geführt. Dabei hätte gerade die Kirche die Aufgabe, jene Angst
vor fremden Kulturen und Religionen aus dem Glauben heraus zu nehmen..
• Das Angebot eines religiösen "Supermarkts" lässt die eigenen Reihen fester schließen.
• Das Bedrohung durch die Sekten und die schwere Unterscheidung, welche davon dem "Gemeinwohl"
schaden oder nicht.
• Die Frage der Reziprozität jenen Ländern gegenüber, die islamisch dominiert die Ausübung des
Christentums noch immer schwer behindern.
Die große Begegnung mit den Weltreligionen ist nicht zu verhindern. Gerade die Christen hätten die
Aufgabe, hier zu einem versöhnlichen Dialog beizutragen. Freilich ruft das zu einer Vergewisserung der
eigenen Glaubenstradition heraus.
3. Warum der nachkonziliare Fortschritt ins Stocken geriet.
In den Diözesen setzte sich trotz mancher Auseinandersetzungen doch eine nachkonziliare Erneuerung in
vielen Bereichen des Lebens der Kirche durch. Wieso kam es dann doch zu einem "Rückfall"?
3.1 Enttäuschungen
Einer fast emphatischen Aufnahme der Konzilsbeschlüsse in den 60er und 70er Jahren folgte eine herbe
Ernüchterung. Die zu hoch gesteckten Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Die bedeutenden
Schwierigkeiten, denen sich die Kirche in den 80er Jahren gegenübersah, wie Mitgliederschwund,
Priestermangel, Verlust des Einflusses im öffentlichen Bereich, Abschmelzen des katholischen Milieus,
wurden von nicht wenigen auf das Konzil zurückgeführt und seine Öffnung zur Welt. Mit vielen anderen
aber bin ich der Meinung, dass viele Schwierigkeiten durch den Umbruch in der Gesellschaft an sich
hervorgerufen wurden, dass die Kirche aber ihre neue Position in der "nachchristlichen" Gesellschaft nur
im Geiste des Konzils finden kann.
3.2 Alle berufen sich auf das Konzil, und meinen doch nicht das Gleiche.
In der Tat sind die Konzilstexte mehrdeutig. Man kann sie nicht aus dem Wortlaut allein interpretieren,
sondern nur aus ihrem Werdegang. Zu oft wurde während des Konzils von der "höheren Autorität"
eingegriffen, Diskussionen zu manchen Themen verhindert, wie über Zölibat und Methoden der
Empfängnisverhütung (übrigens blieben diese Themen, weil ungelöst, bis heute "heiße Eisen"!), oder
gravierende Einschübe verlangt, wie durch die "Nota praevia explicativa" zu LG. Dadurch sind
unterschiedliche Auslegungen möglich. Eine oft lähmende Polarisierung in der Kirche heute geht vor
allem auf die unterschiedliche Interpretation der Konzilstexte zurück.
3.3 Die offizielle Aufarbeitung vieler Konzilsansätze steht noch aus.
Das Konzil hat viele theologische Fragen neu aufgegriffen, sie aber nicht ausdiskutiert. Der
Theologenstreit heute 40 Jahre danach hat seinen Grund darin, dass offiziell vieles nicht weitergedacht
wurde. Z.B. was die Lehre über die Kirche anlangt, die Fragen der Kollegialität der Bischöfe, eine
notwendige Ergänzung zur der so einseitigen Lehre über den Primat im I.Vatikanum, die
Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums, die theologische Umschreibung des ständigen
Diakonates, die Stellung der Laien in Kirche und Welt, die so bedeutsamen Fragen betreffend Sexualität
und Ehe.
3.5 Bischofsernennungen lassen restriktiven Kurs vermuten.
Das besondere Engagement für eine Weiterführung konziliarer Erneuerung schien kein besonderes
Kriterium für die Auswahl von Bischofskandidaten (gewesen) zu sein. Verschiedene
Bischofsernennungen sind unter dem Gesichtspunkt zu sehen, in den Diözesen vorandrängende
Gruppierungen "einzubremsen", und Lehrverkündigung wieder auf eine "Einheitstheologie" zu bringen.
Die wohl dahinterstehende Sorge und Taktik ging aber nicht auf, vielmehr wurde die Polarisierung
verstärkt.
4. Was der Kirche wieder auf die "Sprünge" helfen könnte.
Es geht dabei nicht nur um das Schicksal der kathol. Kirche selbst, sondern, dass sie den ihr von Jesus
Christus übertragenen Dienst gerade heute in seinem Geist leisten kann.
4.1 Die Herausforderung der sich verändernden Gesellschaft positiv annehmen.
Die Herausforderungen sind heute vor allem:
• Eine plurale Gesellschaft, in der christliche Werte mit andern konkurrieren müssen.
• Gesellschaft ist säkular geworden. Kirche darf sich weder anbiedern noch verweigern.
• Autoritäten werden in Frage gestellt. Das verlangt mehr Autorität aus der Kraft des Arguments und aus
der Ausstrahlung führender Personen.
• Das Selbstbewusstsein der Menschen ist gestiegen, das fordert Mitsprachemöglichkeiten zu schaffen
und ernst zu nehmen.
• Das Ethos wird privatisiert. Nachdem die soziale Stütze also fehlt, Notwendigkeit, zu persönlicher
Entscheidung (Mündigkeit )zu erziehen.
• Ehe und Familien haben starken Wandel durchgemacht. Antwort kann nur gegeben werden, wenn
Ehelehre sowohl aus dem Evangelium, als aus den Erkenntnissen der Humanwissenschaften neu
überdacht wird.
• Frauenfrage schon von Johannes XXIII 1963 als wichtigste "Zeichen der Zeit" erkannt. Die
Frauenfrage wird schließlich zur Schicksalsfrage der Kirche werden.
In dieser tiefgreifenden Veränderung der Gesellschaft hat die Kirche eine unersetzbare Aufgabe. Sie darf
diese nicht als Bedrohung ansehen, sondern soll sie als Herausforderung aufgreifen.
4.2 Spannung zwischen Lehramt und Theologie wieder fruchtbar machen.
Der unerwartete Fortschritt im Konzil war nur möglich durch die in der Geschichte wohl einmalige
Zusammenarbeit von Lehramt und Theologie. Die Bischöfe hatten ihre theologischen Berater, auf die sie
weitgehend hörten. In gleicher Gemeinsamkeit müssten die Konzilstexte neu gelesen werden, aber
natürlich nicht nur im Rückblick, sondern auf dem Hintergrund all dessen, was inzwischen in Gesellschaft
und Kirche weitergegangen ist. Gleichzeitig müsste es aber auch zwischen verschiedenen theologischen
Richtungen in der Kirche, aber auch zwischen den heute so polarisierten Gruppen so etwas wie eine
"versöhnte Verschiedenheit" geben.
4.3 Strukturänderungen sind nicht alles, aber dennoch notwendig.
Es gibt scheinbar zwei widerstreitende Konzepte der Erneuerung, eines das mehr auf Strukturänderungen
und eines, das mehr auf Verinnerlichung, "Bekehrung der Herzen" setzt. Beide schließen einander nicht
aus, sondern bedingen sich. Eine tiefgreifende Erneuerung der Kirche bedarf auch neuer Strukturen. Das
bedeutet keine billige Anpassung an den Zeitgeist, sondern macht die Kirche erst fähig, sich den ganz
neuen Anforderungen zu stellen.
Zusammenfassend kann man sagen dass sich trotz aller Besorgnis, das Konzil habe zu wenig gebracht,
dennoch sehr viel verändert hat. O.H.Pesch, dem deutschen Fachmann für das Konzil und die Ökumene,
ist zuzustimmen, dass vom Konzil eigentlich doch „ungeheuer viel“ rezipiert worden ist. „Freilich, nur
die über 50jährigen können das noch voll ermessen. Den Jüngeren, die sich heute so oft an der Kirche
wund reiben, muss man sagen: Ihr lebt heute als Katholiken, aber auch als Beobachter auf dem Boden
von Selbstverständlichkeiten, die ihr dem Konzil verdankt, das ihr schon verraten wähnt! Freilich, ihr habt
Recht, wenn ihr einklagt, dass es auf der Linie der Konzils weitergehen muss! Denn: Das Konzil ist die
Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert. Eine Alternative dazu gibt es nicht - es sei denn die Großsekte,
der niemand mehr zuhört.“
Was haben wir aus dem Konzil bis jetzt gemacht? Um die Annahme des Konzils geht es, „dieses
großartigen Geschenks des Geistes an die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrtausends“. Zu einer ernsten
Gewissensprüfung diesbezüglich ruft uns nicht irgend ein unverbesserlicher, etwa frustrierter Vorkämpfer
des Konzils von gestern auf, sondern der Papst selbst in Tertio millennio adveniente im Blick auf die
Jahrtausendwende. Und konkret fragt er, ob das Wort Gottes in vollem Ausmaß zur Seele der Theologie
wurde, ob Liturgie als „Quelle und Höhepunkt“ kirchlichen Lebens gelebt wird, ob die CommunioEkklesiologie den Charismen und den verschiedenen Formen der Teilnahme des Gottesvolkes genügend
Raum gibt und ob der „offene, achtungsvolle und herzlichen Dialog“ mit der Welt zur Lebensfrage der
Kirche geworden ist.
Die Umsetzung des Konzils hat erst begonnen. An uns allen wird es liegen, Priestern wie Laien, an
den Ortskirchen, den Bischofskonferenzen und den römischen Dikasterien, ob wir den Hl. Geistes,
der sich im Konzilsgeschehen so sichtbar manifestierte, weiter wirken lassen, für eine Welt, die in
so vielfacher Gefahr ist.
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