close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

GÜLAY ILHAN Stopp Egal was ich sagen oder - Grundbildung.de

EinbettenHerunterladen
3. Preis
G ÜLAY I LHAN
Grundbildungszentrum Hamburg
Stopp
Egal was ich sagen oder tun wollte, es hieß immer: „Stopp!“ Man sagte
mir: „Du bist zu klein“, oder „Du bist ein Mädchen, deine Meinung
interessiert uns nicht, deine Meinung ist unwichtig, denn du bist ein
Mädchen“. Egal was es war, es hieß immer: „Stopp!“ Oder man machte
mir zunächst Hoffnung und sagte: „Du musst erst noch wachsen, du bist
zu klein“, aber dann kam auch immer: „Vergiss nicht, dass du ein
Mädchen bist. Viel darfst du dir nicht erlauben!“
Mir blieb zunächst nichts anderes übrig, als meinen Mund zu halten und
diejenigen, die ich sehr liebte zu beobachten. Wie sind sie, was sind
deren Aufgaben. Wie verhalten sie sich. Ich studierte ihr Charaktere und
versuchte aufzunehmen, was mir gut tat oder auch nicht. Zum Glück
gelang es mir mehr positive Seiten anzunehmen als negative. Bei den
negativen Seiten habe ich anscheinend mehr weggeschaut, weil ich
mich nicht wohlfühlte.
Am meisten habe ich dabei von meiner Mutter und von meinem Vater
angenommen. Das sind die beiden Mitglieder meiner Familie, die ich am
meisten beobachtet habe, denn sie waren mir nahe, ich spürte, dass sie
mir gut taten. Ich habe mir z.B. von meinem Vater abgeschaut, dass er
täglich zur Arbeit ging und immer wenn er Feierabend hatte und nach
Hause kam, ist er immer gleich in der Garage verschwunden, um dort
weiter an Autos zu basteln oder im Sommer im Garten zu puzzeln bzw.
Gemüse anzubauen. Seine Brotdose, die er immer mit zur Arbeit nahm,
drückte er auf dem Weg zur Garage immer direkt mir in die Hand, denn
meine Eltern wussten, dass mir das Brot meines Vaters besonders gut
schmeckte. Wie alle Eltern haben sie gemerkt, dass ich keine gute
Esserin war. Entweder haben sie mir Taschengeld angeboten „Iss das
Essen auf, dann bekommst du auch 10 Pfennig“. Ich wusste nicht, wie
viel 10 Pfennig sind, aber als ich das Geld sah, sagte ich zu ihnen: „Nein,
ich möchte weißes Geld, damit kann ich mehr kaufen“ und ich habe es
1
bekommen. Das weiße Geld waren 50 Pfennig, die natürlich eigentlich
silberfarben sind. Manchmal habe ich als Alternative die Brotdose
meines Vaters bekommen. Dieses Brot habe ich mit Leidenschaft
gegessen, denn es roch so schön nach Fabrik. Ich liebte diesen Duft des
Brotes. Ich kann es nicht näher beschreiben, aber mir schmeckte es
besonders gut. Vielleicht war es der Geschmack von ehrlich verdientem
Geld? Wer weiß das so genau?
Der zweite Lebensweg ist der meiner geliebten Mutter, die ich nur
anzuschauen brauchte und wusste, dass wir dasselbe fühlten. Das was
sie sagte, hat sich in mir festgesetzt. Zum Glück!
Meine geliebte Mutter hat auch in derselben Fabrik gearbeitet, in der
mein Vater angestellt war, nach einem Arbeitstag von acht Stunden
musste sie schnell etwas zum Essen kochen, und zwar immer genug für
die eigene Familie und etwas mehr, falls Besuch zu erwarten war. Wir
hatten in der Zeit fast täglich Besuch, der musste auch immer bedient
werden. Meine Mutter musste putzen, Wäsche waschen etc. Ich erinnere
mich an einen Tag, an dem mein Vater für meine Mutter eine
Überraschung hatte. Ihr werdet es nicht glauben, aber es ist wirklich so
gewesen. Mein Vater kaufte einen Ofen mit einem integrierten, großen
Kessel. Der Ofen hatte auch einen Wasserhahn. Warum sage ich das?
Den Ofen gibt es immer noch, weil ich vor sieben Jahren in meiner
Heimat war. Nach 28 Jahren besuchte ich meine Heimat, denn mein
Vater war verstorben. Ich sah tatsächlich denselben Ofen und er
funktionierte immer noch. Meine liebe Mutter, und wie sie sich gefreut
hat. Sie ist meinem Vater um den Hals gefallen. Wegen ihrer großen
Freude und Aufregung hat sie meinem Vater beim Aufbauen geholfen
und den Kessel obendrauf gesetzt. Sie füllte den Gartenschlauch vom
Waschbecken auf. Sie brauchte nicht mehr in einem großen Kochtopf
das Wasser kochen zu lassen, um es ins Badezimmer zu tragen, wo es
mit kaltem Wasser vermischt wurde, damit es lauwarm war und das nicht
nur einmal sondern mindestens sechsmal, weil wir ja eine große Familie
waren. Sie hat sich für ihre Familie aufgeopfert und so vieles ertragen.
Sie hatte eine große Persönlichkeit und war immer hilfsbereit und
freundlich zu jedermann. Sie gab uns immer gute Ratschläge, erzählte
uns eigene Erlebnisse aus ihrer Kindheit. Und sie lehrte uns alte
2
Sprichwörter, obwohl sie nicht lesen und schreiben konnte, weil sie
glaubte, dass alles einen Sinn hätte, alles war wichtig. Sie lehrte uns die
Sprichwörter, weil sie sehr weise waren, denn für sie hatte alles Herz
und Verstand.
Sie hatte ein großes Herz und konnte vieles Mitfühlen, u.a. Hochachtung
und Respekt. So hatte sie ihre eigene Persönlichkeit entwickelt. Wenn
sie traurige Erlebnisse aus ihrem Leben erzählte, brauchte ich sie nicht
anzusehen, um mit ihr zu fühlen, zu trauern und zu weinen. So sind z.B.
drei Kinder in ihren Armen verstorben. Eins aus Hunger und eins an
Krankheit und ein Drittes am Kindstod.
Und wir sechs Kinder, die überlebt hatten, wuchsen mehr und mehr zu
einer großen Familie zusammen, weil jeder von uns einen neuen Partner
und ein bis mehrere Kinder in die Welt setzte. Man kann es sich
vorstellen, sechs Kinder plus neue Partner, plus zweimal ein Kind und
einmal zwei Kinder, einmal drei Kinder und einmal vier Kinder und eine
Schwester ohne Kinder. Viel Spaß beim Rechnen lieber Leser!
Ende 1997 ist meine geliebte Mutter verstorben und gleich danach
brachen meine Geschwister den Kontakt zu mir ab. Sie wollten nicht
mehr mit mir im Kontakt sein, weil ich allein ohne Partner war, kaum
Geld hatte, aber zwei Kinder, denn mit 17 Jahren hatte ich bereits
geheiratet, aber das ist eine andere Geschichte.
Sie hatten wahrscheinlich Angst, dass sie mich hätten unterstützen
müssen. Jedes Mal, wenn ich anrief, hieß es, dass sie keine Zeit hatten,
weil sie Besuch bekämen. Sie hatten immer eine Ausrede. Doch sie
waren nicht verlegen mich zu fragen, ob ich auf ihre Kinder aufpassen
könnte, was ich tat. Als ein paar Jahre später mein Vater starb, kam der
Kontakt langsam wieder. Plötzlich wollten sie mit mir etwas unternehmen
und ich habe mich sehr gefreut, dass meine geliebten Geschwister mich
als erwachsene Frau bzw. erwachsenen Mensch akzeptierten. Doch so
war es nicht………………… Familie hin oder Familie her, langsam
richteten sie sich wieder in meinem Leben ein, in meiner Erziehung.
Plötzlich kam das Wort „Stopp“, sogar dann.
„Stopp“, du kannst so nicht deine Kinder erziehen. So nicht! Du bist ja so
zurück geblieben. Was ist zurück geblieben? Ehrlich verdientes Geld?
3
Oder bringt ihr meine Kinder nicht dazu nicht zu lügen und anderen
gegenüber Respekt zu haben?
Auf meinem Lebensweg ging ich einen schmalen und engen Weg. Es
ging mal bergauf und mal bergab. Es gab auch Stationen, wo ich scharfe
Kurven zu überwinden hatte. Bei scharfen Kurven musste ich besonders
aufpassen. Wäre ich vom Abgrund gefallen, würden meine Kinder mit
mir in den Abgrund fallen. Und das, das würde das Erbe neuber Eltern
nicht erlauben.
Ich versuchte alles zu tun, was ich tun konnte, für meine Winzlinge. In
jedem Alter meiner Kinder, habe ich versucht mich anzupassen und für
sie das Beste daraus zu machen. Ich habe meinen Kindern geben
wollen, was ich in meiner Kindheit wollte. Z.B. wollte ich für meine
Tochter hübsche, saubere Kleidung. Im Winter dicke Daunenjacken und
gut gefütterte Stiefel. Dass sie warm eingepackt zur Schule gehen
konnten. Und nicht wie ich mit selbst gestrickten Wolljacken, denn die
hielten nicht warm. Ich habe zwei größere Schwestern und von denen
habe ich Hosen und andere Anziehsachen bekommen, die ihnen zu klein
waren. Das habe ich mit meinen Kindern nicht gemacht. Es zählt nicht,
was man alles für seine geliebten Kinder tut. Dieses sollte nur ein
Beispiel sein. Nun konnte ich meinen Kindern alle Wünsche von den
Augen ablesen. Den einzigen Wunsch, den ich nicht erfüllen konnte, war
ihren Vater wieder aufzunehmen. Sorry, Kinder!
Mal war ich der Vater, mal war ich die Mutter. Mir war immer bewusst,
dass ich beide Rollen übernehmen musste. Ich war auf mich allein
gestellt. Ich musste meinen Kindern Rückhalt geben, sie stärken, denn
sie hatten ja nur mich. Wir sind doch eine kleine Familie, die eigentlich
füreinander da ist. Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir einmal eine
große Familie werden würden. Jeder für jeden da sein kann. In guten wie
in schlechten Zeiten.
Um die Vaterrolle zu erfüllen, habe ich gearbeitet, auch um meine Kinder
zu ernähren. Für meinen Sohn habe ich die Trainerausbildung beim
Fußball gemacht und ihn drei- bis viermal die Woche zum Fußballspielen
gebracht. Warum? Weil er keinen Vater hatte. Kaum waren wir zu
Hause, war ich die Mutter. Ich ging sofort in die Küche, um das Essen
vorzubereiten, zu kochen, zu putzen, zu waschen, Einkäufe zu machen
4
etc. Das waren meine Aufgaben. In der Zeit mussten die Kinder ihre
Hausaufgaben machen und da konnte ich ihnen nicht helfen. Warum?
Weil ich es selbst nicht wusste. Ich kannte es nicht, was lesen und
schreiben bedeutet. Ich habe nie gelernt zu lernen.
Und jetzt, jetzt kann mich niemand mehr aufhalten. Ich lerne lesen und
schreiben und ich werde mehr und mehr dazu lernen. Jetzt sehe ich in
mir das Tageslicht. Wie am anderen Ende des Tunnels Licht ist. Stufe für
Stufe werde ich aufsteigen, um das Beste aus mir rauszuholen und
etwas Gutes von mir zu hinterlassen.
Doch nun erlaube ich mir selbst: „Stopp“ zu sagen, damit meine
Geschichte nicht zu lang wird. Es fällt mir wirklich schwer mit dem
Schreiben aufzuhören, denn es war mein größter Wunsch meine
Gefühle, meinen Schmerz und meine Gedanken in Worte zu fassen und
aufzuschreiben.
5
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
183 KB
Tags
1/--Seiten
melden