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Da geht was! - Kreisjugendring München-Stadt

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Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
Fotos: Marko Junghänel
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Da geht noch viel mehr, denn auch kleine Schritte führen zum Ziel
Ganztagsbildung in München – eine Zwischenbilanz
Da geht was!
„Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien“, formulierte Oscar Wilde. Und
tatsächlich bewegt sich in München etwas in Sachen Ganztagsbildung. Zwar
langsam und Schritt für Schritt – aber in jedem Fall in die richtige Richtung, bestätigen Dirk Adomat, Leiter der Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung,
und Franz Schnitzlbaumer, Geschäftsführer des Kreisjugendring München-Stadt.
Auf einer Skala von 1 bis 10: Mit welcher
Note würden Sie den Stand der Ganztagsbildung in München beschreiben?
Schnitzlbaumer: Für mich würde sich
die Einschätzung zwischen 5 und 6 – mit
positiver Tendenz – bewegen. Ich glaube,
dass wir in den letzten Jahren viele positive
Ansätze entwickelt haben. Es gibt zwar noch
einige Fragen zu klären, aber wir kommen
voran.
Adomat: Meine Einschätzung ist ähnlich. Wir
haben in der Stadt eine hohe Bandbreite von
Best-Practice-Beispielen, in denen Kooperationen zwischen den verschiedenen Trägern
und Systemen gelingt. Doch es stimmt schon,
dass noch große Herausforderungen vor uns
liegen.
Einigkeit besteht in der Begrifflichkeit.
Sie sprechen beide von Ganztagsbildung …
Schnitzlbaumer: Der Begriff Ganztagsbildung ist gesetzt. Schule und Jugendarbeit
bestätigen, dass Bildung mehr als nur Schule
ist. Die außerschulische Jugendbildung hat
immer für sich in Anspruch genommen, ein
Setting für non-formale Bildung zu schaffen.
Das alles geschieht selbstorganisiert und
freiwillig – wir stellen nur den formalen
Rahmen zur Verfügung, der von Kindern und
Jugendlichen selbst gefüllt wird.
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Adomat: Von diesem Grundverständnis ausgehend, wurde die Münchner Serviceagentur
für Ganztagsbildung gegründet. Alle Kolleginnen und Kollegen, die hier tätig sind, arbeiten an einer Vision, die mehr als eine Kombination aus klassischer Vormittagsschule
und einem additiven Betreuungsangebot am
Nachmittag ist. Ganz praktisch gesehen, beschäftigt uns dabei zunächst die Entzerrung
des Schulalltags durch Rhythmisierung. Die
Lehrerschaft kann diese Aufgabe nicht allein
bewältigen – sie braucht Bildungsakteure und
Partner auf Augenhöhe, um den Schwerpunkt
der Alltagsbildung voranzubringen.
Welches professionelle Grundverständnis
liegt Ihrer Arbeit zugrunde?
Adomat: Das ist eindeutig der Blick auf das
Kind, die Schülerschaft. Vor dem Hintergrund
des gesellschaftlichen Wandels muss es
gelingen, mit Hilfe anderer Lehr- und Lernkulturen Kompetenzen zu vermitteln. Kinder
müssen befähigt werden, die zukünftigen
Anforderungen des täglichen Lebens erfolgreich zu bewältigen. Darüber hinaus sehe ich
die große Aufgabe, Chancengleichheit und
Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder und
Jugendlichen zu schaffen.
Schnitzlbaumer: Der Kreisjugendring verfolgt das Leitbild, dass Kinder und Jugendli-
che in München unter Bedingungen aufwachsen können, die ihnen sichere Perspektiven
für ein selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Leben ermöglichen.
Wenn es in der Umsetzung um Methoden und
Strukturen geht, sind Schule und Jugendarbeit verschieden. Schule arbeitet mit festen
Lehrplänen und Vorgaben. Jugendarbeit orientiert sich fast ausschließlich an dem, was
von den Kindern und Jugendlichen kommt.
Zugegebenermaßen wird es in Großstädten
schwieriger, dieses Postulat einzulösen.
Blicken wir auf die Lebensrealität. Sind
nicht eher die Eltern Treiber für Ganztagsbildung als pädagogische Überlegungen?
Schnitzlbaumer: Die Situation in unserer
Gesellschaft hat sich geradezu stürmisch
verändert. Berufstätigkeit von Männern
und Frauen ist politisch erwünscht und
wirtschaftlich notwendig. Die Bedarfe nach
Ganztagsangeboten werden von den Familien
formuliert. Im Moment hecheln alle Beteiligten dieser Realität hinterher.
Adomat: München hat schon viel getan: im
Betreuungsbereich mit Tagesheimen und
Horten. Im kommunalen Schulbereich –
d.h. an städtischen Schulen – haben wir im
Vergleich zu staatlichen Schulen einen sehr
hohen Anteil an Ganztagsklassen mit differenzierten pädagogischen Konzepten. Vieles
ist aber offen. So gaben in einer Befragung
40 Prozent der Eltern den Wunsch an, ihre
Kinder in gebundenen Ganztagsklassen für
den Grundschulbereich versorgt zu wissen.
Die staatlichen Grundschulen realisieren der-
Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
zeit allerdings nur vier Prozent. Wir müssen
Impulsgeber und Ideenbereiter sein. Und
wir müssen aus sozialpolitischer Sicht ein
verlässliches und hochwertiges Betreuungsangebot schaffen.
Wo liegen bei all den guten Absichten die
Stolpersteine?
Adomat: Wir haben es mit einer vielschichtigen Gemengelage zu tun: Von der StadtStaat-Trägerschaft bis hin zu Schulentwicklungsprozessen. Die Veränderungsprozesse
sollten von den Kollegien getragen werden,
da sich aus meiner Sicht im gelingenden Ganztag das komplette Berufsbild der Lehrkraft
verändert. Beziehungskulturen, Begleitung
und Beratung gewinnen im Verhältnis zur
reinen Wissensvermittlung an Bedeutung.
Das ist aus meiner Sicht wohl die größte Herausforderung. Hinzu kommen die baulichen
Voraussetzungen. Kinder und Jugendliche
sollen sich in den Schulen wohlfühlen. Die
Flurschulen von vor hundert Jahren müssen
zu zeitgemäßen Lern- und Lebensräumen
werden. Schulen müssen sich an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen anpassen,
nicht umgekehrt.
Franz Schnitzlbaumer, Geschäfts­
führer des KJR: „München hat sich
auf einen guten Weg gemacht.“
Schnitzlbaumer: Im KJR werden seit Mitte der
1990er Jahre die Diskussionen um die Nachmittagsbetreuung geführt. Außerschulische
Jugendbildung basiert auf Freiwilligkeit.
Wenn man jetzt ein verlässliches Angebot
machen will, kommt man schnell in Grundsatzdebatten über das Selbstverständnis von
Jugendarbeit. Jugendverbände fragen nach,
wie sie ihre Arbeit durchführen können, wenn
sich Schule in den Nachmittag ausweitet. Auch
das Zuständigkeitsgerangel in der Politik ist
nicht förderlich für den Prozess.
Schule ist Lebensraum. Wie viel Freiheit
hat ein Schulleiter als Gestalter dieses
sozialen Raums?
Adomat: Schule ist natürlich durch eine
Vielzahl von Bestimmungen geprägt – hat
aber auch Spielraum. Es ist zum Beispiel nir-
gendwo niedergeschrieben, wann die Schule
anfangen und aufhören soll, der 45-MinutenTakt ist keine zwingende Vorgabe. Ich sehe
viele Beispiele der Entzerrung des Tages.
Schulen können sich auf den Weg machen
und einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen
– auch schon nach derzeitiger Gesetzeslage.
Schnitzlbaumer: Ein guter Partner, weil
etabliert und im Sozialraum verankert, sind
die Münchner Freizeitstätten. Die Offene
Kinder- und Jugendarbeit bietet strukturelle
und inhaltliche Vernetzungspunkte mit
Schulen. Jugendarbeit soll aber nicht nur in
die Schule rein, Schule soll auch zu den Orten
der Jugendarbeit rauskommen.
Adomat: Derzeit arbeiten wir an einer Bestandsaufnahme der Angebote. Wenn wir
verlässliche Daten haben, wird auch die
Verzahnung der Partner besser gelingen.
Diese Systematisierung hat uns bislang gefehlt und würde die Schulleitungen bei der
Ausgestaltung des Ganztags unterstützen.
Wer soll das alles bezahlen? Wer sind die
künftigen Anbieter von Ganztagsbildung?
Schnitzlbaumer: Mit der staatlichen Finanzierung in diesem Bereich sind wir nicht
zufrieden. Die derzeit laufende Bestandsaufnahme wird übrigens zeigen, das mit
dem Geld vernünftig umgegangen wird und
viel Positives im Sinne von Ganztagsbildung
entstanden ist.
Wer künftige die Landschaft der potenziellen
Partner von Schulen bestimmen wird, ist
nicht eindeutig vorauszusagen. Es gibt
zunächst keine Einschränkungen – auch
Privatanbieter interessieren sich für den Bereich. Die derzeit gültigen Qualitätsstandards
für Bildungsangebote über den Unterricht
hinaus müssen allerdings auf den Prüfstand.
Sie sind zu niedrig. Eine Monopolisierung der
Trägerlandschaft sehe ich bislang nicht, eher
einen Wildwuchs.
Adomat: Ich denke, dass qualitativ hochwertige Ganztagsbildung viel Geld kostet.
Bildungspolitisch ist der Ausbau der Ganztagsbildungsangebote gewünscht. Es steckt
allerdings auch schon viel Geld im System.
Ähnlich wie bei dem Flickenteppich von
Kooperationspartnern gibt es auch bei der
Finanzierung eine Reihe unterschiedlicher
Quellen.
Was eine mögliche Monopolisierung der
Anbieter angeht, sehen wir unsere Aufgabe
eher darin, im Rahmen der Schulprogrammarbeit die Schulen in ihrer Entwicklung zu
unterstützen, und keine Listen mit „guten
Partnern“ zu veröffentlichen.
Gehört es zu Ihren Aufgaben, die großen
bildungspolitischen Debatten zuführen?
Adomat: Die positive Tendenz, die Herr
Schnitzlbaumer und ich feststellen, ist
deshalb auszumachen, weil wir konkret
und operativ arbeiten. Wir loten aus, wo
die Gelingensfaktoren liegen. Unterschiede
werden zunächst nicht betont – eher das
Verbindende. Die großen bildungspolitischen
Ziele verfolgen wir in kleinen Schritten – sind
deshalb wohl aber auch erfolgreich.
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Schnitzlbaumer: Die Traditionalisten, die
es auch im Bereich der Jugendarbeit gibt,
fürchten eine Aufgabe der Prinzipien ihres
Arbeitsbereichs. Ich glaube, dass sich die
beiden Systeme nur sukzessive entwickeln
werden. Aber sie müssen beweglich sein.
Wie sehen die nächsten Schritte aus?
Adomat: Wir können nicht gleichzeitig
in der ganzen Stadt beginnen, sondern
setzen Schwerpunkte. Vorhandene Räumlichkeiten, konkrete Bedarfslagen und der
Sozialraumindex einzelner Viertel tragen
zur Entscheidungsfindung bei, wo wir Projekte starten.
Schnitzlbaumer: Es sollen einige Modelle
entstehen, die beispielhaft Lösungen für
gelingende Ganztagsbildung entwickeln. Dabei werden wir die städtische Bildungs- und
Schullandschaft „ganz nebenbei“ kartieren.
Die Frage hinter allem lautet: Wie soll gute
Ganztagsbildung für Kinder und Jugendliche
aussehen?
Also rundum gute Aussichten ..?
Adomat: Die Landeshauptstadt München
muss sich im Vergleich zu anderen Städten
nicht verstecken, wenn es um Ganztagsbildung geht. Trotzdem sind wir immer offen
hinzuzulernen und Impulse aus anderen
Bildungslandschaften aufzugreifen und den
„Münchner Weg“ weiter zu entwickeln.
Schnitzlbaumer: Was wir heute im Bereich
Ganztagsbildung entscheiden und umsetzen,
hat mit Verantwortungsübernahme und
Dirk Adomat, Leiter der Service­
agentur für Ganztagsbildung:
„Wir entwickeln den ‚Münchner
Weg‘ weiter.“
Identitätsbildung für alle Kinder und Jugendlichen zu tun. Vor diesem Hintergrund ist die
Landespolitik gefordert, Veränderungen in
der Schul- und Bildungspolitik einzuleiten.
Aber es stimmt – München hat sich in den
letzten Jahren auf einen guten Weg gemacht.
Interview: Marko Junghänel
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Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
Passen Jugendarbeit und Schule tatsächlich zueinander?
Aus grauer Schulen Mauern …
Die Aufgabe und Funktion von Schule ist
die kulturelle Reproduktion (etwa Beherrschung von Sprache und Schrift), die Qualifikation (Vermittlung von Fertigkeiten und
Kenntnissen zur Ausübung von Arbeit), die
Allokation (über Prüfungen und Zertifikate
hergestellte Zuordnung in Berufslaufbahn
und Berufe) sowie die gesellschaftliche
Integration (Sturzenhecker, 2012, S.1). Bei
dieser zuletzt genannten zentralen gesellschaftlichen Aufgabe hat Schule erheblichen
Nachholbedarf. Die Chancenungleichheit in
den Schulen wächst weiter. Das deutsche
Schulsystem versagt bei der Förderung von
Arbeiter- und Migrantenkindern. Es ist zentrale Aufgabe der Schulpolitik und Schulverwaltung (und nicht etwa der Jugendarbeit),
diese Ungerechtigkeit schnellstmöglich
abzustellen. Die Rolle der Jugendarbeit ist
es, diesen unsäglichen Zustand immer wieder
zu skandalisieren.
Sinnvoll?
Jugendarbeit hat „hingegen die Aufgabe,
Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung
von Selbstbestimmung und gesellschaftlicher
Mitverantwortung (vgl. § 11 SGB VIII) zu
unterstützen“ (Sturzenhecker, ebenda). Im
Gegensatz zu Schule, wo Lehrpläne bestimmen, womit sich junge Menschen beschäftigen „müssen“, ist Jugendarbeit ein Ort der
Selbstbestimmung junger Menschen, der
Förderung von Freiraum und Kreativität, des
politisches Engagements und Verantwortung.
Jugendarbeit muss, „um ihrem Auftrag
nachzukommen, auch in der Kooperation
mit Schule die Förderung der demokratischen
Partizipation der Kinder und Jugendlichen als
ihre vorrangige Aufgabe begreifen“ (Sturzenhecker, ebenda). Jugendarbeit ist wichtiger
Teil der gesellschaftlichen Teilhabe, der demokratischen Mitwirkung junger Menschen.
In der Jugendarbeit bestimmen Jugendliche selbst, was sie tun wollen. Tun sie das
auch in der Schule? Gelingt uns das in der
Schulkooperation? Wie ist all dies möglich
bei Hausaufgabenbetreuung, der Beaufsichtigung am Nachmittag, einem starren Stundenplan, fixen Lehrplänen und vorgefertigtem
Essen? Diese Fragen sollten wir kritisch bei
allen Angeboten der Jugendarbeit an Schule
stellen.
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So wenig einladend wie viele Schulgebäude heute noch schon äußerlich sind,
so wenig einladend ist das System Schule in Sachen echter Partizipation.
Kurz und knapp: Jugendarbeit darf in der
Kooperation mit Schule nicht schulische Aufgaben übernehmen. Die Jugendarbeit muss
nicht missglückte Schulpraxis und verfehlte
Schulpolitik kompensieren. Jugendarbeit
dient der Selbstbestimmung und Partizipation junger Menschen.
Möglich?
Wenn überhaupt, ist Jugendarbeit an Schule nur hauptamtlich zu organisieren: Dazu
zähle ich alle Formen bezahlter Tätigkeit vom
Honorarvertrag bis zur Aufwandsentschädigung. Freiwilliges Engagement, gerade von
jungen Menschen, geht in der Kooperation
mit Schule flächendeckend nicht. Wer hat
schon die Zeit, die Möglichkeit und die Lust,
sich tagsüber zu vorgegebenen Zeiten, im
Rhythmus des Stundenplans und unter dem
Diktat der Schulleitung zu engagieren? Es
gibt daher mit ganz wenigen Ausnahmen
(z. B. Schulsanitätsdienst) keine gelingenden
Formen von dauerhaftem jugendlichen bürgerschaftlichen Engagement von außen
(also aus den Jugendverbänden heraus) an
Schulen.
Die hauptamtlich geleistete Jugendarbeit
an Schulen wird von den Kostenträgern
derzeit finanziell ungenügend entgolten.
Es ist ein schul- und sozialpolitischer Skandal, was aktuell im Bereich der Offenen und
Gebundenen Ganztagsschule passiert. Damit
überhaupt akzeptable Angebote stattfinden
können, ist eine direkte oder indirekte
Subventionierung der Angebote an Schulen
durch die Jugendarbeit notwendig.
Bayernweit gehen die Schülerzahlen zurück. Ich befürchte, dass sich das System
Schule die aktuell eingekauften Angebote
der Jugendarbeit wieder zurückholt und
selbst organisiert. Die Angebote der Schulsozialarbeit, der Offenen und Gebundenen
Ganztagsschule usw. werden in Zukunft
wieder zu den Eigenaufgaben der Schulen
gehören. Was ist beispielsweise aus den
vielen ehrenamtlich organisierten Mittagstischprojekten an Schulen nach Einführung
von Schulkantinen geworden? Sie wurden
vielfach abserviert. Warum sollte Schule mit
Sportvereinen kooperieren, wenn sie genug
Sportlehrer und Sportlehrerinnen hat, um
ein gutes Sportangebot zu gewährleisten?
Ein paar Wege aus diesem Dilemma zeichnen
sich für mich ab.
Für die verbandliche Jugendarbeit …
… oder für die vorwiegend ehrenamtliche
Jugendarbeit. Das Leben ist schön und bietet
viele Abenteuer und Erlebnisse – jugendliche
Selbstorganisation ist in der Abgrenzung zu
Schule und Beruf attraktiv wie nie. Die sich
ausweitende Schule, Hochschule und Arbeit
provoziert geradezu die Lust auf Freiheit
und Selbstbestimmung. Ich höre schon die
nächste Jugendbewegung singen:
„Aus grauer Schulen Mauern
Zieh´n wir durch Wald und Feld.
Wer bleibt, der mag versauern,
Wir fahren in die Welt.“
Wir müssen unseren Blick weg von der
Schule hin auf die selbstbestimmte Freizeit
(die auch am Lebensort stattfinden kann)
richten. Dann hat die verbandliche Jugendarbeit eine strahlende Zukunft.
Für die offene Jugendarbeit …
… oder für vorwiegend hauptamtliche
Jugendarbeit. Die Jugendarbeit an Schulen
muss die Schüler und Schülerinnen bei der
Partizipation und Selbstbestimmung unterstützen. Hier können die Angebote der
Foto: Gerardo Madeo, pixelio.de
Seit gut zehn Jahren führen wir in der
Jugendarbeit (in der offenen wie in der
verbandlichen) eine breite Diskussion
zum Thema Jugendarbeit und Schule.
Die enge Kooperation mit Schule wird
hierbei oft als die einzige Chance betrachtet, Jugendarbeit zukunftsfähig
zu machen. Meiner Meinung nach ist
aber die Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule nur sehr begrenzt
sinnvoll und möglich.
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Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
Offenen Jugendarbeit die Schule von innen
heraus verändern. Die Aufgabe von Jugendarbeit an Schule sollte z. B. sein:
n Bedingungen zu schaffen, damit Schüler
und Schülerinnen über die Gestaltung
ihres schulischen Ganztages verbindlich
mitentscheiden können.
n Die Schulgemeinschaft dort als demokratisches Gemeinwesen zu entwickeln, wo
dies Sinn ergibt (Schulgemeinschaft, Freizeitgestaltung an Schule, Schulhausbau,
Pausenhofgestaltung).
n Stärkung der Selbstorganisation von Schü-
lerinnen und Schülern (Dazu verweise ich
auf meinen Artikel im K3 1/2011 „Eine Aufgabe der Jugendarbeit“ in dessen Rahmen
ich einige Handlungsfelder beschreibe).
Die selbstbestimmte Freizeitgestaltung am
Abend, am Wochenende und in den Ferien
muss dabei die zentrale Aufgabe der Offenen
Jugendarbeit bleiben. Sie sollte jedoch in
diesem Feld moderner und profilierter werden. Alle Kinder und Jugendlichen haben
eine attraktive Alternative zu Schule und
Elternhaus verdient. Durch die aktuelle
Konzentration auf das Feld Schule fehlt uns
die Kraft, die Zeit und das Geld, neue zukunftsfähige außerschulische Jugendarbeit
zu entwickeln. Lasst uns in Zukunft bitte
wieder mehr daran denken!
Gerhard Wagner, Abteilung Jugendarbeit, KJR
Quelle: Sturzenhecker, Benedikt: „Partizi­
pation eröffnen als vorrangige Aufgabe von
Jugendarbeit in der Kooperation mit Schule“
in FORUM für Kinder­ und Jugendarbeit,
Ausgabe 1/2012
Zeitliche Ausdehnung der Schule als Herausforderung für Jugendverbände
Keine Zeit für Jugendarbeit!?
Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit
von neun auf acht Jahre, die Vorverlagerung
der Einschulung sowie die Umstellung auf
Bachelor- und Masterstudiengänge haben
sich für Heranwachsende mit einem höheren
angestrebten Bildungsabschluss die Ausbildungs- und Studienzeiten verkürzt. Diese
Veränderungen im Bildungssystem führen zu
einer „Verdichtung der Jugendphase“ (vgl.
Klemm 2008), die sich neben einer zeitlichen
(Verkürzung der Bildungszeit ohne eine Reduzierung der Bildungsinhalte) auch in einer
inhaltlichen Verdichtung der Jugendphase
ausdrückt. So spüren Jugendliche durch eine
gestiegene Unsicherheit in Bezug auf die
eigene berufliche Zukunft zusätzlich einen
höheren inneren Druck (vgl. Albert 2010).
Ausgangslage: Jugend(-arbeit)
unter Druck
Wenn sich die Bedingungen des Aufwachsens verändern, ist zu klären, inwieweit
diese Veränderungsprozesse Auswirkungen
auf die Jugendorganisationen haben, da für
die Verbandsarbeit das Hineinwachsen in die
Organisationen und das freiwillige gesellschaftliche Engagement von existenzieller
Bedeutung sind.
Befunde der Studie
Diese Frage steht im Mittelpunkt des
Forschungsinteresses der Studie „Keine Zeit
für Jugendarbeit!?“ , die zwischen 2011 und
2013 vom Forschungsverbund Deutsches
Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund unter finanzieller Unterstützung der
Immer schneller – immer mehr, 70 Prozent der Jugendleiterinnen und Jugendleiter
beklagen mangelnde Zeit für ihr Engagement.
Stiftung Deutsche Jugendmarke durchgeführt wurde.
Veränderungen von Teilnahme
und Engagement durch zeitliche
Verdichtung
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf
hin, dass die Veränderungen im Bildungssystem auf verschiedenen Ebenen Auswirkungen auf die Jugendverbandsarbeit zu haben scheinen. So nehmen die ehrenamtlichen
und hauptberuflichen Mitarbeitenden vor
allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die einen hohen Bildungsabschluss
anstreben bzw. besitzen, eine Abnahme der
zeitlichen Ressourcen, die in ehrenamtliches
Engagement investiert werden, wahr. Über
70 Prozent der Befragten beklagen, dass Jugendliche nicht mehr genug Zeit haben, sich
zu engagieren. Dieser Mangel an Zeit wirkt
sich auch auf das tatsächliche Engagement
aus. So geben drei Viertel der Mitarbeitenden
an, dass sich Jugendliche in den letzten fünf
Jahren in einem geringeren zeitlichen Umfang engagieren. Nichtsdestotrotz nehmen
die Mitarbeitenden der Verbände eine hohe
Bereitschaft bei den Jugendlichen wahr, verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen
Foto: DBJR, die projektoren
In den letzten Jahren haben sich die
Bedingungen und Strukturen des Aufwachsens und damit die Anforderungen
an junge Menschen – vor allem bedingt
durch gesellschaftliche Beschleunigungsprozesse (vgl. Rosa 2005) – zum
Teil erheblich verändert. Im Zuge der
Reorganisation des Bildungssystems
ist es zu einer Komprimierung der Bildungsverläufe gekommen (vgl. BMFSFJ
2013).
und Aktivitäten zu leiten.
Jedoch ist nicht ausschließlich ein Rückgang der zeitlichen Ressourcen zu spüren.
Knapp Dreiviertel der ehrenamtlichen und
hauptberuflichen Mitarbeitenden sind der
Meinung, dass das Ausstiegsalter aus dem
ehrenamtlichen Engagement gesunken ist.
Vor allem im letzten Jahr vor dem Ende der
Schulzeit beenden viele Jugendliche ihr
Engagement – unter dem zu erwartenden
Druck der Abschlussprüfungen, so die Wahrnehmung. Eine Strategie der Verbände, mit
diesem Ressourcenmangel umzugehen, liegt
in der Absenkung des Eintrittsalters beim ehrenamtlichen Engagement. Viele Jugendliche
steigen schon mit 14 Jahren als Mitarbeitende in die Jugendverbandsarbeit ein.
Terminstress und
andere Widrigkeiten
In der Wahrnehmung der Verbände haben sich der Bedarf und die Nachfrage von
Jugendlichen hinsichtlich der Aktivitäten
ihres Jugendverbands in den letzten Jahren
verändert: Insbesondere der Wunsch der Jugendlichen nach einer flexiblen Angebotsabstimmung und nach Angeboten mit projekthaftem Charakter ist gestiegen. Aber auch der
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Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
Bedarf an Angeboten an Wochenenden und in
den Abendstunden hat zugenommen. Bereits
jetzt ist eine starke Konzentration der Aktivitäten auf das Wochenende zu beobachten.
Insbesondere der Samstag ist der Tag, „auf
den sich alles konzentriert“.
Termine für gemeinsame Aktivitäten zu
finden, stellt aus Sicht der Befragten ein
großes Problem dar: Acht von zehn Befragten
sind der Ansicht, dass die Terminfindung für
Aktivitäten nicht einfach ist. Wenn man die
Entwicklung der letzten fünf Jahre betrachtet, zeigt sich, dass sogar neun von zehn
Befragten meinen, dass die Terminfindung in
den letzten Jahren schwieriger geworden sei.
Gemäß diesen Aussagen ist der beobachtete
Bedarf an flexibler Angebotsabstimmung
nicht verwunderlich. Gleichzeitig ist nur
ein Drittel der befragten Mitarbeitenden
der Meinung, dass es dem Verband gelingt,
Aktivitäten flexibel und kurzfristig zu organisieren.
Nach dem zeitlichen Rahmen des eigenen
Engagements befragt, gaben die Ehrenamtlichen an, durchschnittlich sieben Stunden
pro Woche im Jugendverband aktiv zu sein.
Der zeitliche Umfang des ehrenamtlichen
Engagements hängt stark mit dem Alter
zusammen. So engagieren sich Jugendliche
zwischen 14 und 17 Jahren durchschnittlich
etwa fünf Stunden pro Woche ehrenamtlich
im Verband. Ab dem jungen Erwachsenenalter (22 Jahre und älter) liegt der durchschnittliche Umfang des Engagements nie
mehr unter sieben Stunden. In der eigenen
Wahrnehmung der Ehrenamtlichen ist das
Engagement im Jugendverband grundsätzlich
gut mit anderen Lebensbereichen vereinbar.
Dieser Ansicht sind 75 Prozent der befragten
Ehrenamtlichen. Allerdings sind nur 55 Prozent der Befragten der Auffassung, dass sie
genug Zeit haben, ihre Aktivitäten vor- und
nachzubereiten. Außerdem fühlt sich beinahe jede/r zweite Befragte (45 Prozent) von
ihrer/seiner Tätigkeit im Verband häufiger
gestresst.
Dennoch würden vier von zehn befragten
Ehrenamtlichen gerne noch mehr Zeit als bislang im Verband verbringen. Dieser Wunsch
ist vor allem interessen- oder geselligkeitsorientiert: So wollen viele Ehrenamtliche
(64 Prozent) die zusätzliche Zeit im Verband
nutzen, um Fortbildungen zu besuchen
oder mit Personen aus dem Verband Zeit zu
verbringen.
lich mit der Schule abgestimmt werden oder
Schule als Werbeplattform für Aktivitäten
des Verbandes genutzt wird. Tatsächliche
Angebote im Rahmen von Ganztagsschule
gestaltet nur ein Fünftel der befragten Verbände. Eine inhaltliche Abstimmung geben
nur 16 Prozent als eine Strategie an, die in
ihrem Verband umgesetzt wird. Gerade die
inhaltliche Abstimmung mit Schule kann
für die Jugendverbandsarbeit von großer
Bedeutung sein. So beschreibt eine Mitarbeiterin der Evangelischen Jugend folgende
Problematik:
„Zudem finde ich es, […] ziemlich schwierig, dass in den Ganztagsschulen am Nachmittag im Grunde die Angebote durchgeführt
werden, die wir in der Jugendarbeit seit
vielen Jahren für uns als Alltagsbrot haben. Wenn Jugendliche schon in der Schule
den Erste-Hilfe-Kurs machen, wenn [sie]
in der Schule Babysitter-Einheiten haben,
Geocaching machen, kochen, irgendwelche
Kreativangebote wahrnehmen – ist natürlich
die Chance, dass man das auch nochmal woanders macht, dass man da noch Lust dazu
hat, geringer.“
Reaktionsweisen der Verbände auf
eine zeitliche Verdichtung
Die Veränderungen in der Jugendverbandsarbeit haben zu einer zumindest
gelegentlichen (51 Prozent), häufig auch regelmäßigen (32 Prozent) Thematisierung im
Verband geführt. Jedoch hat bislang nur gut
ein Drittel der Verbände Ideen entwickelt,
um mit daraus entstehenden Problematiken
umzugehen. Nur knapp 14 Prozent der Jugendverbände haben diese Ideen umgesetzt.
Die Mitarbeitenden in der Jugendverbandsarbeit sind vielfach nicht bzw. noch nicht
in der Lage, aktiv und gestalterisch mit
den Veränderungsprozessen umzugehen
und entweder innovative Strategien und
Projekte umzusetzen oder sich auf politischer Ebene präventiv in gesellschaftliche
Prozesse einzumischen. So arbeiten viele
Verbände nur in niederschwelliger Form mit
Schule zusammen, indem Aktivitäten zeit-
Resümee
Die Ergebnisse der Studie „Keine Zeit
für Jugendarbeit!?“ spiegeln deutlich die
Sicht der Jugendverbände wider, nach der
Jugendliche wenig(er) zeitliche Ressourcen
zur Verfügung haben, die sie in ehrenamtliches Engagement investieren (können).
Jugendverbände spüren eine Verdichtung der
Jugendphase – ausgelöst vor allem durch den
Wandel des Schulsystems, Schwierigkeiten
bei der Terminfindung, Veränderungen der
Bedarfslagen Jugendlicher und an gewandelten Strukturen von Ehrenamtlichkeit. Konkrete Ideen oder Strategien, um mit daraus
entstehenden Problematiken umzugehen,
gibt es in den Verbänden allerdings bislang
nur wenige.
Karin Wehmeyer, Mirja Lange,
Technische Universität Dortmund
Die Freiräume werden enger, Jugendarbeit gerät unter (Zeit-)Druck
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Foto: Christian Pohl, pixelio.de
Literatur
n Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/
Quenzel, Gudrun: Jugend 2010. Frankfurt
am Main 2010
n Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend (Hrsg.): 14. Kinderund Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die
Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
in Deutschland. Berlin 2013
n Klemm, Klaus: Bildungszeit: Vom Umgang
mit einem knappen Gut. In: Zeiher, Helga/
Schroeder, Susanne (Hrsg.): Schulzeiten,
Lernzeiten, Lebenszeiten. Pädagogische
Konsequenzen und zeitpolitische Perspektiven schulischer Zeitordnungen.
Weinheim 2008. S. 21-30.
n Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Frankfurt
am Main 2005
Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
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Wie verändert sich Schule in Kooperation mit Jugendarbeit?
Ganz sicher ein Gewinn
Dass sich beide Kooperationspartner
verändern (müssen), wenn Jugendarbeit und Schule zusammenarbeiten, ist
unausweichlich und sinnvoll. Vor allem
die Mitarbeiter/innen beider Institutionen hegen oft Vorbehalte oder gar
Ängste, dass dann nichts mehr sein wird
wie vorher. „Völlig unbegründet, diese
Zurückhaltung“, meint Elsbeth Zeitler,
Konrektorin der Neuaubinger Mittelschule an der Wiesentfelser Straße.
Welche Kooperationen gibt es derzeit an
Ihrer Schule?
Zeitler: Wir unterscheiden zwischen Offener und Gebundener Ganztagsschule. Die
Offene findet nach 13 Uhr (Schulschluss)
von Montag bis Freitag im benachbarten Jugendtreff Neuaubing statt und wird von den
dortigen Sozialpädagog/inn/en geleitet. Es
gibt zudem individuelle Lernhilfen für Kinder
der Jahrgangsstufen vier bis sechs im SOSMütterzentrum.
Die Gebundene Ganztagsschule liegt im
Verantwortungsbereich unserer Schule und
bietet von Montag bis Donnerstag rhythmisierten Unterricht bis 15.30 Uhr. Am Freitag
endet der Unterricht um 13 Uhr. Das Angebot
besteht aus einem Mittagessen, im Anschluss
daran Bewegung und Freizeit – organisiert
durch einen Sportverein, dann wieder Unterrichts- und Übungsphasen.
Manche Kinder wollen in ihrer Pause allerdings einfach nur ausruhen, sich hinsetzen
und Musik hören – das geht bislang noch
nicht, weil wir als Schule eine Aufsichtspflicht haben und alle Kinder zusammenbleiben müssen. Hier arbeiten wir an einer
Lösung. Schön wäre gewesen, in diesem
Bereich den Jugendtreff als Kooperationspartner zu gewinnen. Das geht wegen des
Essens des Offenen Ganztags zur gleichen
Zeit allerdings nicht.
Wir blicken übrigens schon auf 15 Jahre
Erfahrungen im Bereich der Kooperationen
mit dem Jugendtreff zurück.
Wie hat sich in dieser Zeit Ihre Schule
verändert?
Die Zusammenarbeit ist in den Jahren deutlich intensiver geworden. Wir sind eine
vielfältige Schule geworden. Verschiedene
Nationen lernen zusammen – verbringen
aber auch ihre Freizeit gemeinsam. So findet
„ganz nebenbei“ eine Annäherung der Kulturen statt. Der kulturelle Hintergrund ist
an unserer Schule längst keine Barriere mehr
zwischen den Schüler/inne/n. Das strahlt
auch auf die Eltern und den Stadtteil ab.
Gab es Berührungsängste?
Die hat es anfangs natürlich gegeben – auf
beiden Seiten. Dagegen hilft Offenheit, sich
kennenzulernen. Eine wichtige Etappe war die
Etablierung der beiden Stellen für Jugendso-
Das nützt allen Beteiligten – Schule, Jugendtreff, Eltern und Stadtteil profitieren von
der Kooperation.
zialarbeit an unserer Schule. Die Sozialpädagog/inn/en haben ihr Büro hier bei uns und
lernen die Schule aus der Innensicht kennen.
Sie bieten Einzelfall- und Gruppenarbeit oder
JADE – das Projekt zur beruflichen Orientierung – an. Sie bilden damit eine Brücke von
der Schule in den Jugendtreff.
Wie nehmen Sie sich mittlerweile gegenseitig in Ihrer Arbeit wahr?
Unsere gemeinsame Basis heißt Ganztagsbildung – bei unterschiedlichen Herangehensweisen. Pädagog/inn/en und Sozialpädagog/
inn/en haben jetzt jeweils einen Einblick in
die Aufgaben des anderen Partners. Dadurch
wächst das Verständnis. Die Sozialpädagog/
inn/en haben beispielsweise gesehen, dass
das System Schule nur in einem engen Rahmen agieren kann. Die beiden Berufsstände
haben sich deutlich angenähert.
Wir profitieren im Gegenzug von den vielfältigen Kontakten des Jugendtreffs zur Stadt
oder hinein in den Sozialraum. Insofern sehe
ich uns als gegenseitige Ergänzung. Grundsätzlich geht es bei allen Beteiligten nicht
mehr um das ‚Ob‘, sondern nur noch um die
Ausgestaltung – das ‚Wie‘.
Wie geht es weiter?
Ich bin sicher, dass der Kontakt noch enger
wird. Uns bleibt gar keine andere Wahl.
Das liegt schon an der räumlichen Situation für Nachmittagsangebote. Da sind wir
als Schule begrenzt – der Jugendtreff ist
da eine wunderbare Lösung – die Kinder
müssen zudem nicht mal über die Straße,
sondern können direkt vom Schulgelände
aus rüber laufen.
Ein Problem werden zunehmend unsere personellen Kapazitäten werden – respektive die
Arbeitszeitregelungen der Kolleginnen und
Kollegen hier und im Jugendtreff.
Unsere Schule darf übrigens als positives
Beispiel in der Frage von Kooperationen
gelten. Wir sind mittlerweile im gesamten
sozialen Nahraum vernetzt – mit dem ESV
Neuaubing, dem SOS-Mütterzentrum, Pro
Familia, diversen Kulturinstitutionen.
Dass wir auf einem guten Weg sind, zeigt
der bayerische Landessieg unserer Schule
beim Bundeswettbewerb „Starke Schulen“.
In den Bewertungskriterien wird unter anderem gefordert, dass die Schule lokale bzw.
regionale Netzwerke nutzt. Das alles gelingt
uns – nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit
mit dem Jugendtreff.
Wir sind jetzt übrigens nach Berlin zum Bundesausscheid dieses Wettbewerbs eingeladen
– drücken Sie also schon mal die Daumen …
Interview: Marko Junghänel
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Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
Schüler für den Arten- und Klimaschutz
Auf Insekten-Tour
Der Landesbund für Vogelschutz (LBV)
in München lädt seit drei Jahren Schulklassen, Jugendgruppen und Jugendzentren ein, um an Projekten zum
Klima- und Artenschutz teilzunehmen.
Die Teilnehmer/innen können die faszinierende Artenvielfalt ihrer Stadt
entdecken. Sie sammeln spannende
Erfahrungen in der Natur und arbeiten
spielerisch an altersgerechten Artenschutzkonzepten.
Wir wollen Kindern und Jugendlichen die
Möglichkeit geben, Spaß in der Natur zu haben. Wir wollen ihnen die Natur zeigen, sie
entdecken lassen, warum sie so wichtig und
schützenswert ist. Die Naturschutzjugend
(NAJU) im LBV in München bietet seit 2006
Naturgruppen an.
Derzeit zählen wir in und um München
etwa 30 Mitglieder in den Naturgruppen.
Leider müssen wir feststellen, dass sehr
viele Kinder, die in höhere Schulen wechseln,
diese Naturgruppen verlassen. Meistens sind
zu viel Unterricht, zu hoher Leistungsdruck
oder andere Hobbies Gründe dafür. In den
Naturgruppen gibt es keine Prüfungen und
es wird kein Leistungsdruck aufgebaut. Die
Wissensvermittlung geschieht spielerisch
durch Aktionen und Erleben. Um Kindern
und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben,
Erlebnisse in der Natur zu sammeln, haben
wir Projekte entwickelt, die sich mit dem
Lehrplan verknüpfen lassen.
Projekt „Biotop-Forscher“
Seit 2011 waren bereits 100 Schulklassen
und Horte mit Teilnehmenden im Alter
zwischen sechs und 17 Jahren in den LBVBiotopen rund um München unterwegs.
Während sich im ersten Jahr die Lehrkräfte
noch skeptisch zeigten, konnten nach dem
ersten Durchführungsjahr alle Befürchtungen zerstreut werden. Das Projekt wird
unter Kolleg/inn/en weiterempfohlen, die
Rückmeldungen der Lehrkräfte sind für uns
Motivation.
Etwas anders lesen sich Rückmeldungen
der teilnehmenden Jugendlichen: „Mich
haben die Ameisen genervt.“, „Ich finde
Insekten eklig.“, „Ich mag Pflanzen nur zum
Essen.“ Mehrheitlich finden die Teilnehmer
aber lobende Worte: „Der Tag draußen hat
mir gut gefallen – die Spiele waren schön.“
„Tatsächlich habe ich Insekten in München
gesehen, die echt spannend sind“. „Um das
Klima und somit die Arten zu schützen,
werde ich meinen Beitrag leisten: Vegetarier
bleiben; und ich werde kein Glätteisen mehr
verwenden.“ Die meisten Teilnehmer/innen
hatten Spaß – und wenn Jugendliche sogar
4|13
Klimaschutz persönlich genommen – denn jede/r kann etwas zur Erhaltung unserer
Umwelt beitragen, zum Beispiel durch Radfahren.
ihr Styling für den Artenschutz umstellen,
hat die Sache wirklich was gebracht.
Projekt „Jugend für eine
globalgerechte Zukunft“
Seit Anfang des Jahres bieten wir ein
weiteres Projekt für ältere Jugendliche an:
„Jugend für eine globalgerechte Zukunft“.
Dabei werden die Zusammenhänge von Klima- und Artenschutz genauer betrachtet,
internationale Vergleiche gezogen und über
die Energiewende diskutiert. Drei halbe Tage
Zeit benötigt eine Gruppe, um erfolgreich
teilzunehmen. Der Ansturm auf das Angebot
hält sich zwar noch in Grenzen. Wir hoffen
jedoch, dass wir genügend Jugendzentren,
Schulen und Jugendgruppen finden werden,
die sich Zeit zur Entwicklung altersgerechter Arten- und Klimaschutzkonzepte
nehmen wollen. Wäre doch schade, wenn
die Jugend nicht selbst ihre Zukunft in die
Hand nähme …
Was passiert im Verband durch die
Zusammenarbeit mit Schulen?
Die Schulen haben den LBV bereits als verlässlichen Partner zur Zusammenarbeit wahrgenommen. Wir unterstützen die Lehrkräfte
dabei, Inhalte der Curricula auch außerhalb
des Schulgebäudes umzusetzen. Der Nutzen?
Vor allem steigt unsere Bekanntheit unter
den Lehrkräften. Es ist jedoch noch nicht
erkennbar, dass durch dieses Angebot die Mitgliederzahlen steigen würden oder Schüler/
innen, die an unseren Projekten teilgenommen haben, in die Gruppen der NAJU drängen.
Entscheidend ist jedoch: Wir bieten Kindern und Jugendlichen aus allen Milieus Er-
lebnisse in der Natur. Wir ermöglichen ihnen
einen Einblick in Bildung zur nachhaltigen
Entwicklung. Wir versuchen, sie zu motivieren, ihre Zukunft nachhaltig zu gestalten und
sich dafür einzusetzen. Vielleicht erinnert
sich der ein oder andere Schüler an uns, wenn
er demnächst wieder mal ein Angebot der
NAJU im LBV sieht, und denkt: „Da will ich
gern noch einmal mitmachen, das war cool,
als die bei uns an der Schule waren.“
Alexandra Baumgarten, Landesbund für
Vogelschutz in Bayern e. V.
Praktikum, FSJ und BFD
beim Kreisjugendring
München-Stadt
Der KJR bietet mit seinen Freizeiteinrichtungen, Kindertageseinrichtungen und in
der Geschäftsstelle vielfältige Möglichkeiten, praktische Erfahrungen zu sammeln.
• PraktikafürStudierendederSozialen
Arbeit an Fachhochschulen:
Praktisches Studiensemester und alle
weiteren Praxisphasen
• PraktikafürStudierendeanFachakade­
mien für Sozialpädagogik:
Berufspraktikum (Erzieher/innen im
Anerkennungsjahr), Sozialpädagogisches
Seminar (SPS), Block- und Freizeitpraktikum
• PraktikafürangehendeKinderpfleger/
innen in den Kindertageseinrichtungen
• EinsatzstellenfürdasFreiwilligeSoziale
Jahr (FSJ), bzw. das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ)
• EinsatzstellenfürdenBundesfreiwilli­
gendienst
Informationen und aktuelle Praxisstellen:
www.kjr-m.de
Kontakt: praktikum@kjr-m.de
Foto: NAJU
Warum machen wir das?
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Angebote
Die Partner haben ein divergierendes Menschenbild
„Massive Reibungsverluste“
Thorsten Paetzold ist Sozialpädagoge
und Tänzer. Er leitet seit elf Jahren das
Musische Zentrum in der Maxvorstadt.
Von Anfang an ging er auf Schulen zu,
zahllose Schulen kommen für Kunstprojekte dorthin. Ein Gespräch über die
Konflikte zwischen Schule und Offener
Kinder- und Jugendarbeit.
Aber viele Kinder sind immer länger in
der Schule …
Das stimmt. Aber die Nachfrage nach kultureller Bildung ist ungebrochen. Auch jetzt schon
besuchen viele Kinder und Jugendliche aus
Ganztagsklassen, aus schulischer Mittagsbetreuung oder aus dem Hort unsere Kurse. Vielleicht müssen wir die Öffnungszeiten etwas
verändern oder am Wochenende öffnen. Aber
dass uns die Klientel ausgeht, sehe ich nicht.
War die Angst davor nicht der Antrieb für
viele Freizeitstätten, die Kooperation mit
der Schule zu suchen?
Natürlich haben wir uns vor zehn Jahren
auch gefragt, was passiert, wenn Kinder
und Jugendliche nachmittags wegbleiben,
weil sie in der Schule sind. Darauf haben wir
reagiert und Angebote gemacht, die Schule
und Lehrkräfte aus ihrer Struktur und von
ihrer Ausbildung her nicht abdecken, als
Impuls, Ergänzung und Angebot für ihre
eigene Arbeit.
Wie kooperieren Sie mit Schule?
Wir bieten unter anderem Kunstprojekte in
mehreren Kunstsparten an, zum Beispiel
Tanz, Musik und Schauspiel. An einem oder
mehreren Vormittagen kommt die Klasse zu
uns und professionelle Künstler/innen erarbeiten mit den Schüler/inne/n zum Beispiel
eine Tanz-Theater-Performance nach den
Ideen der Kinder. Diese Projektarbeit bedeutet konstruktives Miteinander, Teamwork,
Teilen von kreativen Ideen, gemeinschaftliches Engagement und das Ziel, sein Bestes
für eine aufregende Performance zu geben.
Was davon fehlt der Schule?
Aus meiner Sicht die kulturelle Bildung
selbst. Es fehlt der Schule – wenn Menschen
den ganzen Tag dort verbringen sollen – ein
differenzierter Blick auf die Schülerinnen
und Schüler. Speziell im Ganztag wird es
nicht mehr reichen, nur Wissen und Stoff
zu vermitteln. Die jungen Menschen müssen
auch leben lernen.
„Leben lernen“ als neues Unterrichtsfach?
Nein, aber mit anderem Unterricht, der sehr
Tanz, Musik, Theater – in den Kunstprojekten des Musischen Zentrums lernen
Schulklassen mit Begeisterung.
viel verzahnter und fächerübergreifend ist.
Nehmen wir als Beispiel Tanzstile wie HipHop, Moderner Tanz oder Jazztanz, die ich im
Musischen Zentrum unterrichte. Das ist nicht
nur Sport oder körperliche Ertüchtigung, da
würde ich Tanz auf Bewegung reduzieren.
Es ist die Verbindung von Bewegung, Musik,
Rhythmus und einer eigenen Tanzsprache.
Eine Choreographie zu entwickeln und umzusetzen, ist Auseinandersetzung mit kognitivem Inhalt, mit einer Geschichte und den
Gedanken, die damit verbunden sind, also
auch Auseinandersetzung mit Sprache. In
dieser Komplexität hat das im Sportunterricht meistens keinen Platz.
Bio, Mathe oder Deutsch im Tanzunterricht?
Klar! Musik und Rhythmus haben ja auch
mathematische Komponenten. Wir lesen die
Texte der Songs, zu denen wir tanzen, und
übersetzen sie, um sie zu verstehen. Wenn
Bewegungen schwierig sind, ist es manchmal
sinnvoll, über die Anatomie unseres Körpers
nachzudenken. Wenn die Kinder ein Skelett
vor sich sehen und verstehen, wie der Aufbau
und die Zusammenhänge im Bewegungsapparat sind, wenn sie das dann im Tanz erspüren
und mit ihrem Körper erfahren, dann sind
sie begeistert dabei. Das ist eine der großen
Stärken von kultureller Bildung.
Aber weiterführende Schulen funktionieren nun mal nach Fächerprinzip …
Aber warum muss das immer getrennt sein?
Es wäre doch denkbar, aus der Turnhalle
mal schnell in den Musikraum zu gehen,
sich ans Klavier zu setzen und die Partitur
live zu spielen, um nachzuspüren, wie die
Komposition klingt, damit wir passend dazu
tanzen können. Wenn ich Tanz unterrichte,
lehre ich ja auch nicht nur Tanzschritte oder
Moves. Ich erkläre den Kindern, wie unser
Körper funktioniert – Stichwort Anatomie.
Nicht zuletzt sprechen wir über Tanz, die
Gedanken, die wir dabei haben, reflektieren
unser Tun und beschäftigen uns aus Sicht der
Schule auf diese Weise auch mit Inhalten von
Schulfächern wie Deutsch, Mathe oder Bio.
„Schule hat ein gewaltiges Potenzial. Sie ist die einzige Institution,
die alle Kinder erreicht.“
Foto: KJR München-Stadt
Die Ganztagsschule breitet sich aus. Haben
Sie Angst, arbeitslos zu werden?
Thorsten Paetzold: Nein, überhaupt nicht.
Ich sehe für die Offene Kinder- und Jugendarbeit null Gefahr durch die Ganztagsschule.
Kinder kommen freiwillig in eine Freizeitstätte. Da ist es leichter, sie zu begeistern …
Das sehe ich anders. Natürlich ist es unser
Vorteil, dass Kinder, die zu uns kommen, das
auch selbst wollen. Doch auch in der Schule
sind Kinder neugierig und lernbereit. Schule hat ein gewaltiges Potenzial. Sie ist die
einzige Institution, die alle Kinder erreicht.
Einige ihrer Rahmenbedingungen bremsen das Begeisterungspotenzial – darunter
große Klassen, Leistungsdruck und wenig
Freiräume für individuelle Entwicklung. Ich
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22
Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
bin der Überzeugung, dass es schon jetzt
Arbeitsformen gibt, bei denen auch die oder
der Einzelne mehr Beachtung finden und die
Partizipation von Schülerinnen und Schülern
stärker in den Mittelpunkt der Lernentwicklung gestellt werden kann.
Sie arbeiten seit zehn Jahren mit Schulen
zusammen. Sind diese Kooperationen ein
Erfolg oder nicht?
Für die Schulklassen und Lehrkräfte auf jeden
Fall. Aber daran gemessen, ob sich das Bildungsverständnis der Schule verändert hat,
leider nein. Wir haben viele tolle Lehrerinnen
und Lehrer hier, die die Bedeutung unserer
Kunstprojekte sehen. Sie berichten, dass in
solchen Projekten das Sozialgefüge einer
Klasse neu definiert wird, dass Kinder durch
die Arbeit mit Künstler/inne/n und durch die
Auseinandersetzung mit den Kunstformen
und dem Ziel einer gemeinsamen Performance
neu zusammengeschweißt werden und der
gegenseitige Respekt wächst. Kinder, die
aufgrund ihrer schulischen Leistungen eher
am Rand standen, erfahren durch ihr Engagement und ihre Leistungsfähigkeit im künstlerischen Bereich ganz neue Wertschätzung
in der Klasse. Eben erst hat mir eine Lehrerin
gesagt, solche Kunstprojekte müsste die
Schule von sich aus jedes Schuljahr einmal
durchführen. Alle sehen die Notwendigkeit,
dass Schule sich in diesem Sinne verändert,
aber sie bewegt sich kaum spürbar.
Wo liegt das größte Problem?
Ich sehe einen massiven Dissens im Menschenbild von Schule und dem von Offener
Kinder- und Jugendarbeit. Die Vorstellungen
klaffen so auseinander, dass ohne Vereinbarung darüber, was Bildung und Ausbildung
sein soll und welches Menschenbild dahintersteht, eine Kooperation nicht gut funktionieren kann. Viele Projekte funktionieren, keine
Frage, aber mit massiven Reibungsverlusten.
Weil im Vorfeld über diese Kernpunkte nicht
gesprochen wird.
„Es muss mit der Schule mehr
Einigung und Verständigung geben,
als das derzeit der Fall ist.
Worin unterscheidet sich das Menschenbild von Schule und Jugendarbeit?
Schule ist im Moment nur darauf aus, die
Besten zu produzieren. Wer da nicht mithält, hat das Stigma, nicht wichtig zu sein
für die Gesellschaft. Das steht im Gegensatz
zum Menschenbild der Offenen Kinder- und
Jugendarbeit. Wir sind da, um die Rechte der
Kinder und Jugendlichen zu schützen und
hochzuhalten, Wege für eine gelungene Partizipation von Heranwachsenden in unserer
Gesellschaft zu fördern und weiterzuentwickeln und den Kindern und Jugendlichen
eine Stimme zu geben, damit sie – auch
bei schwierigen Themen – gehört werden.
Ich glaube, da muss es mit der Schule mehr
Einigung und Verständigung geben, als das
derzeit der Fall ist.
Glauben Sie, dass Kinder- und Jugendarbeit und Schule da auf einen Nenner
kommen?
Warum denn nicht? Bisher wird meines Erachtens über viele Dinge nur oberflächlich
gesprochen. Schauen wir uns doch mal den
Aspekt der Partizipation an. Das ist bisher nur
rudimentär vorhanden. Schüler/innen haben
heute bei den Schulfesten mitzubestimmen,
nicht aber bei den Bildungsinhalten. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat hier einen
riesigen Erfahrungsschatz. Hier sind wir der
Schule weit voraus. Kooperatives Teilen der
Erkenntnisse wäre da sehr spannend.
Interview: Gecko Wagner,
Öffentlichkeitsarbeit, KJR
Wie sieht die ideale Zusammenarbeit aus?
„Pädagogik funktioniert nicht nach Stechuhr“
Wie sieht für Praktiker/innen des
Arbeitsfeldes eine optimale Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit und
Schule aus? Wo liegen die Stolpersteine – wo sind aber auch Grenzen
der Kooperation definiert? Wir haben
mit Klaus Ludwig, Leiter des Freizeittreffs Lerchenauer, und Clemens Hauck,
Direktor der Toni-Pfülf-Mittelschule,
gesprochen.
Gelingt die Kooperation zwischen dem
Lerchenauer und der Mittelschule?
Hauck: Es gibt sicher Beispiele, in denen
es noch besser funktioniert als es derzeit
zwischen unseren beiden Einrichtungen
läuft. Aber insgesamt halte ich unsere Zusammenarbeit für recht zufriedenstellend. Die
Kooperation reicht bis ins Jahr 2000 zurück.
In der Zwischenzeit haben wir wertvolle Erfahrungen gesammelt und Neues entwickelt.
Ludwig: Das kann ich nur bestätigen.
Wie sieht diese Kooperation genau aus?
Hauck: Im Rahmen der Offenen Ganztagsschule (OGS) gibt es eine vertragliche Kooperation. Ich halte es in diesem Zusammenhang
für einen wichtigen ersten Schritt, dass sich
die Partner gegenseitig wahrnehmen und
schätzen. In unserem Fall ist das einfach, weil
Freizeittreff und Schule räumlich nebeneinanderliegen. Unsere Lehrkräfte wissen, wo
die Schüler/innen am Nachmittag sind. In
den letzten Jahren ist aus dem Wissen ein
4|13
Klaus Ludwig (l.) und Clemens Hauck kennen und schätzen die Arbeit des jeweils
anderen Partners seit vielen Jahren
Handeln geworden – wir laden uns beispielsweise gegenseitig zu Veranstaltungen ein.
Zudem ist vor vier Jahren die Schulsozialarbeit gestartet. Die Kooperation zwischen uns
ist dadurch nochmals intensiver geworden.
Die Kollegin, die diese Aufgabe übernommen
hat, ist beim Kreisjugendring München-Stadt
(KJR) angestellt – hat aber ein eigenes Büro
in der Schule. Dadurch entsteht automatisch
eine engere Verzahnung.
Was bietet das Lerchenauer in diesem
Zusammenhang?
Ludwig: Wir bieten seit 14 Jahren im Lerchenauer die Offene Ganztagsschule – früher
Nachmittagsbetreuung – für die 5. bis 9.
Klassen an. Es gibt bei der OGS eine feste
Gruppe, zu der man sich anmelden muss.
Die OGS ist ja eigentlich ein Angebot der
Schule – ähnlich wie bei der Gebundenen
Ganztagsschule. Unterschied: Die OGS ist
Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
klassenübergreifend und Schule bzw. Freizeittreff setzen den Kooperationsvertrag
nach vorher festgelegten Regeln um. Wegen
der bestehenden Bedarfslage haben wir auch
Grundschüler/innen aufgenommen.
Durch die engagierte Arbeit der zuständigen
Pädagogin haben wir zunehmend mehr Kontakt zu den einzelnen Lehrern und Lehrerinnen aufgebaut. Vor allem jedoch durch die
vor vier Jahren geschaffene JAS-/Jade-Stelle
hat sich der Kontakt zur Schule und dem Kollegium intensiviert. Neben Einzelfallhilfen
und Sozialkompetenztrainings hat unsere
Teamkollegin beispielsweise die Streitschlichter an der Schule eingeführt. Durch die
positive Resonanz wird nun eine weitere
Stelle für Schulsozialarbeit geschaffen.
Wie funktioniert die räumliche Verbindung von Schule und Freizeittreff?
Hauck: Die Kooperation läuft eher pragmatisch. Die Schule arbeitet mit dem Lerchenauer zusammen, das eine Ergänzung und
Unterstützung in unserer Bildungsarbeit
bietet. Bei all der sinnvollen Zusammenarbeit
bleiben beide Institutionen aber eigenständig. Unsere verschiedenen pädagogischen
Ansätze ergänzen sich gut.
Müssten die Entscheidungsspielräume
größer werden?
Hauck: Es ist immer wünschenswert, wenn
Bürokratie abgebaut wird. Aber so sind eben
die Systeme: Schule hat fest umrissene Aufgaben und muss diese erfüllen – aber auch in
der Jugendarbeit geht es nicht ohne Vorgaben
und detaillierte Dokumentation der Arbeit.
Ludwig: Wir haben schon mehr Freiräume
23
ihre Wünsche einbringen, ist das eine andere
Form von Bildung.
Hauck: Bei dieser Frage fällt mir ein, dass
häufig auch Überzeugungsarbeit bei den
Eltern geleistet werden muss. Spielerisches
Lernen, wie ein Tanzprojekt an der Schule
oder eben das Kochen im Freizeittreff werden
von manchen Eltern nicht als sinnvolle und
notwendige Bereicherung der Ganztagsbildung wahrgenommen. Oft ist der Blick nur
auf die Noten in den entscheidenden Vorrückungsfächern gerichtet.
Foto: FZT Lerchenauer
Was wünschen Sie sich?
Hauck: Nötig und sinnvoll wäre die Aufstockung von Ressourcen. Ich denke vor allem
an Personal. Man könnte so kleinere Gruppen
bilden und individueller auf Neigungen einDurchdringt sich die (pädagogische)
gehen. Die liegen im Sport, handwerklichem
Arbeit in Schule und Freizeittreff gegenArbeiten oder beim Musizieren. Dafür fehlen
seitig?
uns oft Fachleute.
Ludwig: Mit der jetzigen LehrerLudwig: Man kommt tatsächschaft hat sich diese Zusammenlich immer wieder auf die Frage
arbeit gut entwickelt. Vor allem
der personellen Ausstattung. Im
bei schwierigen Schüler/inne/n
Moment wird seitens der Jugendkönnen wir uns gegenseitig unarbeit mehr Personal im Schulterstützen.
bereich eingesetzt. Das ist aber
So können schulbezogene Annur ein Schwerpunkt der Offenen
gebote des Lerchenauer besser
Kinder- und Jugendarbeit.
eingebunden werden. Diese MaßMan braucht Infrastruktur, Räunahmen können die Zugangme und Möglichkeiten – angeschancen der Jugendlichen auf
füllt mit geeignetem und einem
dem Ausbildungs- und Arbeitszahlenmäßig adäquaten Persomarkt spürbar verbessern. Der
nalschlüssel. Meine Utopie wären
Organisationsaufwand für beide
große Werkstätten im doppelten
Partner ist dabei allerdings nicht
Sinn des Wortes – Freiräume für
unerheblich. Andererseits sehen
eine freie Entwicklung.
Bewerbungstrainings gehören zu den bewährten Angeboten der
wir diese spezielle Förderung als
Ganztagsschule.
Müssen auch gesetzliche Regeso bedeutsam an, weil wir die
lungen geändert werden?
Jugendlichen damit individuell
Hauck: Ich denke, dass man vor allem flestärken können.
als die Schule. Was sich an zusätzlichem
xiblere Arbeitszeitmodelle für beide Seiten
Verwaltungsaufwand entwickelt hat, muss
Wie kann das Angebot für Schüler/innen
einführen müsste. Pädagogik funktioniert
man wohl hinnehmen.
optimal gestaltet werden?
eben nicht nach Stechuhr.
Die Geldgeber machen natürlich Vorgaben
Hauck: Der Bedarf an Angeboten über den
– alles muss penibel dokumentiert werden.
Wie ist dieses Thema in die professionelle
Unterricht hinaus ist für die Kinder in
Wenn hier mehr Spielräume möglich wären,
Ausbildung beider Partner eingebunden?
unseren Regelklassen wichtig. Die Kinder
würde das unserer Zielgruppe nutzen. Unter
Hauck: Heute werden künftige Schulleiter/
in unseren gebundenen Ganztagsklassen
dem Schirm der Schulsozialarbeit könnte man
innen als Manager/innen gezielt ausgebilbleiben länger in der Schule – können dann
dann verschiedene Aspekte unterbringen.
det. In ihren Kursen werden sie auch auf das
vielleicht nicht mehr ins Lerchenauer gehen.
Etwa neben Einzelfallhilfen für bestimmte
Feld „Kooperation mit externen Partnern“
Angebote wie das Bewerbungstraining im LerKinder und Familien auch Bildungsangebote
vorbereitet.
chenauer für 8. Klassen sowie Lerngruppen
oder präventive Maßnahmen, die momentan
Ludwig: Die Absolventen des Studiengangs
und Quali-Intensivkurs für 9. Klassen können
in diesen Programmen eher nicht so gern
Soziale Arbeit haben gelernt, gemeinsam
dann zum Bindeglied werden. Die Schüler/
gesehen werden.
Konzepte zu erarbeiten. Diese Qualifikation
innen nehmen damit das Lerchenauer nicht
können wir nutzen – ich denke, dass den
mehr ausschließlich als Freizeitstätte wahr.
Wie soll es weitergehen?
Schulen dazu aber manchmal das spielerische
Ludwig: Für einzelne Schüler/innen ist dies
Hauck: Die Selbständigkeit der Systeme
Element fehlt – wohl auch aufgrund mantatsächlich das erste Mal, dass sie ins Lerchenwird bleiben. Wenn die Schüler/innen ins
gelnder Kapazitäten. Solche Aushandlungsauer kommen und nebenbei die Angebote nutLerchenauer kommen, sind sie eben dort
prozesse würde ich als Bereicherung unserer
zen können. Beim Bewerbungstraining, einem
zu Gast. Es wäre denkbar, dass Mitarbeiter/
Kooperationen sehen.
Planspiel, kommen so ganze Schulklassen am
innen des Freizeittreffs Angebote in der
Und ein letzter Wunsch: Die Kombination
Vormittag zu uns. In den letzten Jahren hat
Schule machen. Die bisherige Trennung liegt
von Schule und Freizeittreff sollte sich noch
dies auch vorrangig die Kollegin der JAS-/
wohl darin begründet, dass die Kinder das
stärker im Sozialraum vernetzen. Wie Herr
Jade-Stelle übernommen, die unmittelbar mit
Lerchenauer bislang mit Freizeit und die
Hauck schon erwähnt hat – der Anfang erfolgden Lehrkräften an der Schule zusammenarSchule mit Lernen verbinden.
reicher Kooperationen ist das gegenseitige
beitet – eine gute Verknüpfung.
Ludwig: Wir machen natürlich auch BildungWahrnehmen und Wertschätzen.
Hauck: Diese Sozialpädagogin ist übrigens
sangebote – die Kinder würden das aber nicht
auch Mitglied in unserem Kollegium. Sie
als Bildung ansehen. Wenn die Schüler/innen
Interview: Marko Junghänel
nimmt zum Beispiel an unseren Konferenzen
gemeinsam ein Essen zubereiten, in der Theateil.
tergruppe mitspielen oder teilhabeorientiert
4|13
24
Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule
„Wo begann Ihre politische Karriere?“ – „In der SMV!“
Chance Schülervertretung
Heinrich Bedford-Strohm ist seit November 2011 evangelischer Landesbischof in
Bayern. Er wuchs in der oberfränkischen
Kleinstadt Coburg auf und besuchte dort das
Gymnasium Casimirianum. Ab der 11. bis zur
13. Klasse war er Schülersprecher. Auf unsere
Frage nach dem „Warum SMV?“ antwortet er:
„Ich habe sehr lebendige Erinnerungen an
meine Zeit als Schülersprecher. Das Schönste
daran war, einen Beitrag zur Stärkung des
Gemeinschaftslebens leisten zu können.
Insbesondere die Jüngeren konnten die
Schule auf diese Weise auch als Ort des
Lebens und Feierns erleben und nicht nur
als Ort des Lernens. Es ist schön, wenn man
in diesem Amt merkt, dass das eigene Wir-
... wird Mitbestimmung für die Zukunft
erprobt.
4|13
ken einen Unterschied machen kann.
Noch heute sprechen mich ehemalige
Schüler/innen auf das damals von
uns als SMV gestaltete Schulfest oder
den neu eingeführten Unterstufenfasching an. Aber auch politische
Verhandlungserfahrung kann man in
diesem Amt sammeln. Wenn ich heute
an meiner früheren Schule vorbeigehe, freue ich mich an dem Mofa- und
Motorradparkplatz davor, den ich als
Schülersprecher vor 35 Jahren mit der
Stadt Coburg ausgehandelt habe. Das
war eigentlich ganz einfach. Meine
Erfahrung ist, dass viele Politiker/
innen dankbar sind, wenn Schüler/
innen sich engagieren. Ich kann nur
empfehlen, sich in der SMV zu engagieren. Man hat selbst unheimlich
viel davon.“
Manchmal frustrierend,
immer sinnvoll
Benedikt Lang wurde in München
geboren und macht derzeit Abitur am
Ludwigs-Gymnasium. Nach mehreren
Jahren als Schülersprecher und Bezirksschülersprecher für OberbayernWest ist er derzeit im Münchner
Schülerbüro aktiv und engagiert
sich in der StadtschülerInnenvertretung München bzw. der
LandesSchülerInnenVereinigung
Bayern. Dort setzt er sich für
Auf Schülerkongressen wie basis12 ...
umfassende Reformen in der
bayerischen Bildungspolitik ein.
Seine Antwort auf unsere Fragen nach
Bildung, wie sie gedacht ist
dem „Warum SMV?“: „Meine Motivation, in die SMV zu gehen, ist schnell
Alle Schüler/innen-Vertreter/innen vererklärt. Selbstverwirklichung, Anerfolgen dieses Ziel: Schule für Schüler/innen
kennung – eine coole Unterstufenparty
besser zu machen. Leider haben 60 Jahre
organisieren und beim Motto für den
immer gleichen Regierungshandelns tiefProjekttag mitreden können. Ich habe
greifende Reformen verhindert und Resiallerdings schnell gemerkt, dass sich
gnation bei den engagiertesten Schüler/
niemand wirklich für meine Meinung
innen-Vertreter/inne/n hervorgerufen. Doch
interessiert. Um Anerkennung bei den
es bewegt sich etwas – wir befinden uns in
Lehrkräften und der Schulleitung habe
Zeiten des Wandels. Immer mehr Bildungsich mehr als ein Schuljahr lang kämpinitiativen entstehen: Aktion Gute Schule,
fen müssen. Zu lange, um in meiner
Bildungsflash, Wir sind viele, Funkenflug,
ersten Amtszeit wirklich nachhaltige
usw. Es ist wichtiger denn je, dass wir SchüVeränderungen innerhalb der Schule
ler/innen selbst entscheiden dürfen, was
anstoßen zu können.
wir für unsere Schulen wollen. Wir wollen
Trotzdem bin ich von der Bedeudarüber entscheiden, wo wir lernen, was wir
tung unseres Engagements überzeugt,
lernen, und wie wir das tun.
gerade wenn Schüler/innen einen
Wir müssen uns auf die Grundlagen unseres
immer größeren Teil ihres Lebens in
Bildungsverständnisses besinnen: Die Verder Schule verbringen. Wir haben das
mittlung von Wissen und Können sowie die
Recht, gehört zu werden! Wir wollen
Bildung von Geist, Körper, Herz und Charakuns nicht länger passiv belehren laster (vgl. BayEUG § 1 Art.1). Schüler/innen,
sen, sondern anfangen, eigenständig
die über ihr Schulleben selbst entscheiden,
zu lernen. Damit die Schüler/innen
könnten das tun.
der Zukunft genau das erleben, setze
ich mich für die Rechte und Interessen
Nathan Bedford­Strohm,
von Schüler/innen ein.“
Schüler am Luitpold­Gymnasium München
Fotos: basis12
In der Schülermitverantwortung (SMV)
hat das politische Leben erstaunlich
vieler Politiker/innen und Lobbyist/
inn/en begonnen. Nicht nur in der
Politik finden sich zahlreiche ehemalige Schülersprecher/innen, sondern
auch in Unternehmen, in den Medien
und sogar in der Kirche. Da stellt sich
die Frage: Wieso waren so viele Führungskräfte von heute früher in der
Schülervertretung aktiv? Was treibt die
heutigen Schülervertreter/innen an?
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