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Klientenzentriertes Karrierecoaching? Was Coaches von

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Klientenzentriertes Karrierecoaching? Was Coaches von
motivierender Gesprächsführung lernen können
Florian Klonek, Sina Gessnitzer & Prof. Dr. Simone Kauffeld
Vortrag auf dem 48. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Bielefeld 2012
Einleitung: Was ist motivierende Gesprächsführung… und
warum sollte mich das überhaupt interessieren?
Motivierende Gesprächsführung ist eine „klientenzentrierte, direktive Methode zur
Verbesserung der intrinsischen Motivation für eine Veränderung mittels der
Erforschung und Auflösung von Ambivalenz“ (Miller & Rollnick, 2009, S. 47)
Entwicklung der Motivierenden Gesprächsführung
Alkohol- und
Suchtverhalten
(δ = 0.15*, k=68)
Klinische Ψ
* vgl. Lundahl et al., 2010
GesundheitsVerhalten
(δ = 0.21*, k = 11)
Gesundheits-Ψ
Coaching
(δ = n.a., k = 0)
Positive Ψ
Einleitung: Coaching meets Motivational Interviewing?
Passmore (2007):
Wie kann MI im nicht-klinischen Bereich angewendet werden?
Fertigkeiten in MI als möglicher Zusatznutzen für Executive Coaches?
Im MI-Coaching exploriert der Coach die Werte und Motive des Coaches, v.a. wie das
derzeitige Verhalten im Widerspruch zum Wunschverhalten steht.
Ziel: Auflösen von Ambivalenzen.
MI-Techniken sollten den Coachinerfolg positiv beeinflussen.
Entscheidungsbalance
(Janis & Mann, 1977)
Ungünstig: Lösungen vorschlagen bevor der Coachee noch
ambivalent ist und bereit für eine Veränderung.
Überredungsversuche des Coaches über die Dringlichkeit einer
Veränderung oder die Darstellung der Vorteile erhöhen in der
Regel den Widerstand des Coachees (Passmore, 2007).
Versuch doch mal ein
Praktikum!
„Ja, aber …“
Hypothesen:
Passmore (2007):
(1) “(...) The coach uses open questions to encourage the coachee to talk about their situation (…),
what has happened, what they feel and why they feel as they do.“
(2) “A second core skill at (…) is reflective statements. Coaches demonstrate active listening and
empathy to the coachee. This requires the coach to hold back from moving rapidly towards more
directive and action orientated questions (…).“
(3) “Offering affirmations also has an important place in MI. Affirmations facilitate an atmosphere of
acceptance, helping to build confidence to change in the coachee (…)”
Offene Fragen
Zusammenfassen
Aktives Zuhören
Wertschätzen
Klientenzentrierte Gesprächstechniken sollten den Change Talk (Sprache pro oder gegen eine
Veränderung) der Klienten beeinflussen (vgl. klinische Studien: Moyers et al. 2009, Gaume et al.,
2008):
Aktives Zuhören, offene Fragen, Zusammenfassungen und Wertschätzungen sind wie Geburtshelfer,
die den Klienten dabei helfen sich über ihre Wünsche und Ziele klar zu werden.
MI-konsistente Gesprächstechniken sollten es den Klienten erleichtern mehr Interesse an einer
Veränderung zu finden, ihre Eigenverantwortung zu entdecken und leichter zu einer Entscheidung zu
kommen.
Fragestellung
1. Frage: Zu welchem Ausmaß werden im Coaching bereits
Techniken der motivierenden Gesprächsführung genutzt?
“Ich will diesen Job
haben, weil die
Aufgaben mich
erfüllen…”
“.. aber ich weiß nicht,
ob ich den
Anforderungen
gewachsen bin”
Sustian Talk
Change Talk
2. Frage: Wenn ja, zeigen die operationalen Gesprächstechniken
ähnliche Effekte auf die Klientensprache (Change versus Sustain
Talk) wie motivierende Gesprächstechniken bei klinischen
Populationen (cf. Moyers & Martin, 2009)?
Methode: Auswertungsverfahren
Re-Analyse einer Elternstudie zum Thema Karriere-Coachings (N = 33, vgl. Gessnitzer &
Kauffeld, 2011). Fokus auf der ersten (von fünf) Sitzungen (vgl. Passmore, 2007).
Die Klienten und Coaches waren Mitte zwanzig (MK+C ~= 25) und überwiegend weiblich (MK
= 29, MC = 32). Die Videodaten wurden mit der Software Interact (Mangold, 2008) codiert
(Fleiss-Κ = .79).
Karriere-Coaching
Codierung der Daten
mit Interact
Konvertierung der
Daten mit ActSds (Bakeman &
Quera, 2008)
Sequentielle Analyse
der Daten mit GSEQ (Bakeman &
Quera, 2011) und ilog3 (Bakeman,
Robinson, & Gnisci, 2000)
Nc = 33
NK= 31
Coach
Klient
Methoden: Beobachtetes Verhalten (Variablen)*
Coach
Techniken der motivierenden
Gesprächsführung:
- Offene Fragen
- Aktives Zuhören (Paraphrasieren +
Konkretisieren)
- Zusammenfassen
- Wertschätzen
klientenzentrierte Gesprächsführung
MI Inkonsistente Techniken:
-Lösungen vorschlagen
Neutrale Techniken:
-Informationen vermitteln (Wissen was)
*Codiersystem: Codes gegenseitig exklusiv (ME),
aber nicht exhaustiv (≠E).
Klient
Sprache pro Veränderung
(Change Talk, cf., Amrhein et al.,
2003):
-Sollentwurf, Wünsche
-Eigenverantwortung betonen
-Interesse an Veränderung
-Lösung
-Gründe-Pro für Lösung
-Entscheidung
-Maßnahmenplanung / Commitment
Sprache gegen Veränderung
(Sustain Talk):
-Kein Interesse an Veränderung
-Jammern
-Schuldigensuche (Widerstand)
-Gründe-Contra Lösung
Analyse-Verfahren: Sequenz-Analyse
Lag 1 = Welches Verhalten folgt unmittelbar auf antezendentes Verhalten?
Die Sequenzanalyse zählt alle
Ereignisse, die dem antezedenten
Verhalten folgen bzw. nicht folgen
und erstellt daraus eine
Kreuztabelle. Darauf aufbauend
Werden Statistische Zusammenhangsmaße berechnet: z.B.
Joint Frequencie, Adjustierte
Residuen und Yule‘s Q.
Alpha-Fehler Kumulierung wurde
durch die Winnowing-Technik
vermieden (cf, Bakemann & Quera,
2011; Bakeman, Robinson & Gnisci,
2010).
C1
R1
Xr1c1
R2
Xr2c1
Ri
Xric1
TOTALS X+c1
C2
Xr1c2
Xr2c2
Xric2
X+c2
Ci
Xr1c1
Xr2c2
Xrici
X+ci
TOTALS
X+r1
X+r2
X+ri
N = X++
Ergebnis I
Wenden die Coaches Techniken der Motivierenden Gesprächsführung an?
MIKompetenzlevel1
MI-Basislevel2
Ist-Werte für KarriereCoaches
Offene Fragen in %
70 %
50%
39%
Aktives Zuhören in %
50%
40%
84%
2:1
1:1
1 : 2,5
(0.39:1)
>15
>10
4.1
< 50%
< 60%
46 %
Verhältnis „Aktives Zuhören
gesamt“ zu „Fragen gesamt“
Rate des Aktives Zuhörens pro
10 Min.
Redeanteil des Interviewers
1 ,2
Bechnmarking Verhaltens-Kennwerte zur Einschätzung der MI-Kompetenze (cf. Miller,
Moyers, Ernst, & Amrhein, 2008)
Ergebnis II: Sequenzanalyse
Klient
(Target)
"CHANGE TALK"
MI inNeutral konsistent
Aktives
Zuhören
MI-Techniken
Coach(Given)
Interesse
an
Eigenverantwortu Veränder
Sollentwurf ng betonen ung
Lösungen
"SUSTAIN TALK"
Lösung
Pro
Maßnahmen- Lösung
Entscheidung plan
Contra
Betonung
authoritä
Kein
Schuldi
rer
Jammer Interesse an genElemente n
Veränderung suche Andere
-0.208
-0.57
2.432*
(YQ =
0.32)
-0.87
-0.673
0.808
-0.485
-0.614
-0.634
-0.579
-0.641
-0.242
-0.274
-0.518
-0.303
-1.992†
-2.285†
-0.721
-0.97
-1.157
-0.233
0.115
-0.172
-0.658
-0.885
0.809
1.319
-0.621
0.389
-0.687
-0.924
-0.259
-0.349
-0.294
-0.395
-0.555
-0.746
-0.325 2.332†
-0.437 2.249†
-0.643
7.547**
(YQ = 0.57) -0.538
-0.635
-0.364
0.503
0.851
-0.785
0.686
-0.868 -12.005†
-0.43
2.251†
2.908**
(YQ = 0.65) -0.392
-0.405
-0.37
2.05*
(YQ = 0.71)
-0.155
-0.175
-0.331
-0.194 -1.479
-0.887
-0.67
-3.837**
(YQ = -0.65) -1.914
-0.175
2.768†
-2.491†
-0.94
-1.066
-0.89
-0.223
7.33†
1.085
-0.553
0.624
-0.799
2.318†
-0.952
1.821
0.243
1.333
-0.129
Konkretisieren
Paraphrasieren
Zusammenfassen
Wertschätzen
Offene Fragen
12.775**
(YQ= 0.58)
0.857
Lösungen
vorschlagen
-0.722
Informationen
vermitteln
-6.393**
(Wissen Was) (YQ = -0.61)
Anderes
Verhalten
-1.024
-1.144
-0.958
-1.032
-1.522
-1.056
2.691†
-0.721
0.975
-0.798
0.576
1.345
-1.109
2.73†
Matrix der Sequensanalyse: Darstellung der adjustierten Residuen
YQ = Yules Q-Wert; ** = p<.01, * = p<.05, † = n.s. durch Winnowing
X²(84, N = 14718) = 355.6, p=<.01; G²(84, N = 14718) = 319.3, p=<.01
Diskussion
1. Nutzen Karriere-Coaches Techniken der motivierenden Gesprächsführung?
Ja, aber...
JA: Es werden MI-Gesprächstechniken (im weitesten Sinne) im Coaching genutzt.
ABER: Die Auszählung der Coach-Verhaltensweisen zeigt, dass die Coaches unterhalb der
Benchmarks bleiben, die ein motivierendes Gespräch (auf Anfänger oder Expertenniveau)
charakterisieren.
≠
=
Die Coaches führen also kein
motivierendes Gespräch
wenden aber in Spuren Techniken
von MI an.
Diskussion
2. Zeigen die operationalen Gesprächstechniken der Coaches ähnliche Effekte auf
die Klientensprache wie motivierenden Gesprächstechniken in klinischen
Populationen (z.B. Moyers & Martin, 2009)?
Einige Basistechniken der klienten-zentrierten
Gesprächsführung (aktives Zuhören, offene
Fragen) werden überzufällig häufig von Change
Talk der Klienten gefolgt werden.
− Techniken, die nicht MI-konsistent sind (z.B.
Lösungen vorschlagen), fördern sowohl Change
Talk (Lösungen vorschlagen)
als auch Widerstand (Lösung Contra).
Aktives
Zuhören
Offene Fragen
Interesse an
Veränderung,
Sollentwurf,
Lösungen
Lösungen
Lösung Contra
? Das Vermitteln von Informationen scheint
Change Talk zu inhibieren.
Informationen
vermitteln
Sollentwurf,
Lösungen
Diskussion
Methodische Probleme:
1) Konkurrente Validität von MI-spezifischen Codier-Instrumenten (z.B. dem MITI, MISC
oder MISCOPE) mit den von uns genutzten Kategorien noch nicht geprüft.
?
2) Effekte der MI-Gesprächshaltung (Spirit) wurden nicht überprüft.
„Motivierende Gesprächsführung ist eine differenzierte (klinische) Methode, kein
Baukasten von Techniken, die einfach zu lernen ist. Sie ist mehr als nur eine Sammlung
von Kunstgriffen, um zu therapieren. Sie ist eine Art und Weise mit Menschen
umzugehen (…). Vereinfachte Methoden im Sinne der motivierenden Gesprächsführung
wurden entwickelt (…), diese sollten jedoch nicht als motivierende Gesprächsführung
verstanden werden (Miller & Rollnick, 2009, S. 65-66)
3) Ergebnisse nur für gepoolten Datensatz
Diskussion
Zukünftige Studien:
Zukünftige Studien sollten Coachings untersuchen, bei denen die Coaches explizit vorher ein
Training in MI durchlaufen haben. Darüber hinaus bleibt die Frage, ob MI nur am Anfang
eines Coachings eingesetzt werden sollte oder ob es über den gesamten CoachingProzess hilfreich ist.
Implikation für die Praxis:
Motivierende Gesprächsführung und Coaching sind zwei voneinander (operational)
trennbare Gesprächsmethoden.
Selbst Spuren von MI-Techniken können positive Effekte auf den Change Talk der Klienten
zeigen. Eine Integration von MI Elementen in die Coaching-Praxis kann daher eine sinnvolle
Ergänzung zu Coaching-Ausbildungen darstellen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
Abteilung für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie
Spielmannstr.19
38106 Braunschweig
f.klonek@tu-bs.de
Literatur
Bakeman, R., & Quera, V. (2011). Sequential Analysis and Observational Methods for the Behavioral Sciences.
Cambridge, UK: Cambridge University Press.
Bakeman, R., Robinson, B. F., & Gnisci, A. (2010 (Dec.)). Interactive Log-Linear Analysis and Contingency Table
Manipulation with ILOG 3.0.
Gaume, J., Gmel, G., Faouzi, M., & Daeppen, J.-B. (2008). Counsellor behaviours and patient language during
brief motivational interventions: a sequential analysis of speech. Addiction, 103(11), 1793–1800.
doi:10.1111/j.1360-0443.2008.02337.x
Lundahl, B. W., Kunz, C., Brownell, C., Tollefson, D., & Burke, B. L. (2010). A meta-analysis of motivational
interviewing: Twenty-five years of empirical studies. Research on Social Work Practice, 20(2), 137–160.
doi:10.1177/1049731509347850
Mangold. (2008). INTERACT Quick Start Manual V2.4. Retrieved from www.mangold-international.com
Miller, W. R., Moyers, T. B., Ernst, D., & Amrhein, P. (2008). Manual for the motivational interviewing skill
code (MISC): Version 2.1. Unpublished manual. Retrieved from http://casaa.unm.edu/download/misc.pdf
Miller, W. R., & Rollnick, S. (2002). Motivational interviewing: Preparing people for change. New York: Guilford
Press.
Moyers, T. B., & Martin, T. (2006). Therapist influence on client language during motivational interviewing
sessions. Journal of Substance Abuse Treatment, 30(3), 245–251. doi:10.1016/j.jsat.2005.12.003
Moyers, T. B., Martin, T., Houck, J. M., Christopher, P. J., & Tonigan, J. S. (2009). From in-session behaviors to
drinking outcomes: A causal chain for motivational interviewing. Journal of Consulting and Clinical Psychology,
77(6), 1113–1124. doi:10.1037/a0017189
Passmore, J. (2007). Addressing deficit performance through coaching – using motivational interviewing for
performance improvement at work. International Coaching Psychology Review, 2(2), 265–275.
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