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No. 37 / Oktober 2014
zuzzzzzzzz
Berichte, Kommentare, Glossen und Despektierliches
für aufgeklärte, mündige Schichten
Wort des Monats
Haben wir schon als Menschen
die Pflicht, jedermann Gutes zu
tun, so sind wir als Bürger erst
recht gehalten, unsren Landsleuten nach besten Kräften beizustehen. Sie sind uns näher als
fremde Völker, von denen wir
keine oder nur geringe Kenntnis
haben. Wir leben mit unsren
Landsleuten.
Zum Tag der deutschen Einheit
von Friedrich dem Großen
Inhalt
Seite 2: Rapport zum Tage:
Professor Ottes Weltanalyse
Seite 5: Ein Hexenhaus in Falkensee
Seite 6: 120 Jahre Samariterkirche / Wo Eppelmann predigte
Seite 11: Patrioten-Passagen
Seite 12: Preußische Daten –
u. a. Fontane heiratet
Seite 15: Beilage: Tagebuch
eines Weltkrieg-Musketiers
(Folge VIII)
Seite 22: Impressum
 Zuschriften
 Archiv
 Bestellung
 Abbestellung
1
Vorweg…
…zunächst zwei Bitten: Haben Sie Anregungen, Wünsche, Kritiken oder
gar Lobe für die Preußischen Monatsbriefe, dann teilen Sie uns diese
doch bitte mit. Wir stellen uns gern auf Sie ein. Und: Die Ihnen per Mail
zugesandten KOSTENLOSEN Monatsbriefe lassen sich unter dieser Internet-Adresse aufrufen:
www.Preussische-Monatsbriefe.de
Bitte geben Sie diese Adresse an wache Geister weiter. Danke
▼▲▼
Kluge Leute in unserem Land ärgern sich nicht schwarz über das, was ihnen
die Öffentlich-Rechtlichen tagtäglich an Stumpf- und Schwachsinn ins Haus
drücken wollen, um endlich den Grad der Verblödung jenes Volkes zu erreichen, das Europa für einen Hollywood-Filmtitel oder für die Herbst Automarke von General Motors hält. Kluge Leute schalten einfach aus. Oder gar
nicht erst ein. Und denken darüber nach, was die jährliche RundfunkgebührZwangsabgabe von insgesamt 7, 5 Milliarden Euro mit Medienfreiheit,
Wettbewerb und Qualität zu tun hat, da doch der Esel ohnehin unentwegt
goldene Taler – sagen wir – von sich gibt.
Schauspielerin Corinna Harfouch verriss jene TV-Sparte, die ihre Miesprodukte mit immer denselben Mimen, immer denselben Krimis oder Melodramen als „Kultur“ hochstapelt. „Es ist doch fürchterlich.“ Stimmt. Doch
ebenso diese unerträglich langatmigen und unsäglich einseitigen „Nachrichten“, bei denen Übersee-Vorgaben nur so aus dem Bildschirm quellen. Die
Jahrmärkte der Eitel- und Oberflächlichkeiten nennen sie Kalkshows (oder
so). Sonnabend-Abend-Volksbelustigungen scheinen von Insassen für Insassen gemacht worden zu sein. Solche Plattheiten füllen ihre Taschen und
Koffer mit goldenen Talern und die Augen der Betroffenen mit Wut-Tränen.
Wenn das von Öffentlich-Rechtlichen Ausgestrahlte doch ein getreues Abbild unserer Gesellschaft sein sollte, sagen wir uns wie Carl von Clausewitz
los: von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des
Zufalls; von der falschen Resignation eines unterdrückten Geistesvermögens,
von dem unvernünftigen Misstrauen in die uns gegebenen Kräfte und von
der schamlosen Aufopferung aller Ehre des Staates und Volkes, aller persönlichen und Menschenwürde!
Die Schriftleitung
Preußische Monatsbriefe
Rapport zur Lage
Professor Max Otte zur Krise in der Welt:
„Die Gemengelage ist hochexplosiv“
Der Wirtschafts- und Finanzexperte feiert am 7. Oktober seinen 50. Geburtstag
Angesichts weltweit dramatisch zunehmender politisch-geostrategischer, militärischer und damit eng
verzahnt finanz- und ökonomischer Konflikte kommt einem schon der legendäre Ausspruch Adenauers in den Sinn: „Die Lage war noch nie so ernst.“ Benutzte er diesen Warnruf oft auch aus taktischen
Gründen, gilt er heute permanent. Lassen wir Konrad den Warner ruhen und wenden wir uns heutigen Kassandra-Rufen zu. Die wohl trefflichsten kommen von jenem Zeitgenossen, der den uns weiter
quälenden Finanz- und Wirtschaftscrash mit seinem 2006 veröffentlichten Buch „Der Crash kommt“
voraussagte. Seitdem genießt er national und international als messerscharfer Analyst und als ein
vertrauensvoller Wegweiser aus Miseren hohes Ansehen: der Wirtschaftsprofessor und Finanz-Guru
Max Otte.
Max Otte bei Anne Will
Seine Bewertung des Status quo: „Die Gemengelage ist hochexplosiv“. Die Politik der USA habe viele
Krisen zumindest mit verursacht: Etwa den Aufstieg des Islamischen Staats (IS), das Ukraine-Debakel
und damit verbunden der europäische Konjunktureinbruch als Folge des Wirtschafts-und Finanzkrieges gegen Russland. Euro-Krise und Staatsschuldenkrise seien keinesfalls gelöst. In den meisten Industrienationen stiegen die Schulden weiter. Sein kurzgefasstes Resümee entspricht dem Denken,
Fühlen und Befürchten vieler und erschreckt trotzdem: „Es sieht aus wie das Endspiel.“
Im Folgenden haben wir Erklärungen und Statements zu dem brennenden Thema zusammengefasst,
die der Finanz- und Wirtschaftsexperte sowie Börsianer der Jahre 2009, 2010 und 2011 nationalen
wie internationalen Medien und damit Interessierten wie Wissbegierigen gab. Darunter befinden sich
das österreichische Internet-FORMAT, bekannt für unabhängige Berichterstattung vor allem über
Politik und Wirtschaft, die Deutschen Welle und das renommierten Handelsblatt.
„Die Lage ist sehr besorgniserregend. Der Westen geht im Ukraine-Konflikt unglaublich forsch vor.
Das könnte man schon als Aggression bezeichnen. Nun herrscht Wirtschaftskrieg, der mit Sanktionen
gegen Russland eingeleitet wurde. Betroffen sind vor allem Österreich und Deutschland. Die Amerikaner können sich zurücklehnen. Sanktionen können der US-Wirtschaft im Zweifelsfall nur nutzen.“
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Preußische Monatsbriefe
Schlag nach bei Spengler…
Ziel sei es, die Wirtschaftsverbindungen von Mittel- und Westeuropa zu Russland zu kappen und
damit die US-Einflusssphäre zu stärken. Max Otte verwies darauf, dass der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński 1996 in "The Great Chessboard“ den Fahrplan dazu geschrieben hat. Das
transatlantische Freihandelsabkommen solle noch dazu kommen. Damit werde Europa seinen letzten
Politikbereich mit eigenständigen Gestaltungsmöglichkeiten aufgeben und Verfügungsmasse für andere. „So haben sich das die Gründerväter nicht vorgestellt.“
Im Blick auf den russischen Präsidenten Putin, der von den USA als Inkarnation des Bösen eingestuft
und entsprechend – auch von US-hörigen Staaten - behandelt wird, erklärte der Professor: „Sicher ist
Präsident Putin ein Machtmensch. Häufig wird aber übersehen, dass Wladimir Putin jahrelang mit
Engelszungen für mehr Kooperationsbereitschaft in Westeuropa geworben hat. Putin werden nicht
erst jetzt viele Türen vor der Nase zugeschlagen.“ Diese Abgrenzungspolitik schade vor allem Europa.
Auch eine Schwächung Kontinentaleuropas sehe man in Washington vielleicht gar nicht so ungern.
Bekräftigt und ergänzt wird Ottes Einschätzung von Arnaud Dubien, Leiter des analytischen Zentrums
l'Observatoire bei der Französisch-Russischen Industrie- und Handelskammer. „Derzeit gibt es Hinweise darauf, dass immer mehr Länder an Effizienz und Zweckmäßigkeit der Sanktionen nicht mehr
glauben. Dazu zählen auch Länder des ‚neuen Europas‘ wie Tschechien und die Slowakei.“ Laut vielen
diplomatischen Quellen habe Kanzlerin Angela Merkel persönlich darauf bestanden, dass die jüngste
Welle der Sanktionen doch zustande kommt. „Das ist von der Partnerschaft mit Berlin übriggeblieben, in die Präsident Wladimir Putin so viele Hoffnungen setzte“, so Dubien weiter. „In Paris begreifen viele: Die Sanktionen schaden französischen Unternehmen, das ist eine Sackgasse für alle – für
die Ukraine, für Russland, für die EU. Nur die USA und China ziehen gewissermaßen Profite.“
Zur griechischen Krise, die vor etwa fünf Jahren die europäische Währungsunion in einen Schock
versetzt und die seitdem 240 Milliarden Euro Notkredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF)
und von der EU sowie 107 Milliarden von Privatgläubigern verschlungen hat, erklärte Ökonom und
Fondsmanager Max Otte: „All das hat wenig geholfen. Heute trägt Athen eine Schuldenlast von rund
320 Milliarden Euro. Das entspricht knapp 180 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung. Die
Schuldenquote ist somit weit höher als vor dem Ausbruch der Krise. Die Schulden könnten nicht
einfach abgeschrieben werden, weil sie Guthaben der Banken und der großen Finanzvermögen sind.
„Die wehren sich natürlich, und die Politik scheint nicht genug Kraft zu haben, so etwas durchzuset-
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Preußische Monatsbriefe
zen." Er gehe davon aus, dass beim nächsten Hilferuf aus Griechenland alles daran gesetzt wird, eine
'Lösung' zu finden, die den gegenwärtigen Zustand verlängert".
Der Professor arbeitet………………………..rockt………………….…………..und sportet
Deflationsängste in Mitteleuropa und der ganzen Welt seien berechtigt. Werde Deflation zur Realität
sei wieder eine große Krise, ein Szenario wie zu Zeiten der großen Depression wahrscheinlich. „Die
Notenbanken können dagegen nichts mehr tun. Die Wirkung ihrer Instrumente ist ausgereizt.“ Man
müsse die ganzen Gefahren mit einer gewissen Portion Gottvertrauen hinnehmen und weiter in Aktien investiert sein. Zusätzlich sollten Investoren Festgeld und Edelmetalle halten.
Auf die Gretchenfrage, „Nun sag, wie hast du’s mit dem eigenen Geld?“, antwortete Faust-Otte
freimütig: „Mehr als die Hälfte steckt in meinen eigenen Unternehmen, wie es sich für einen Mittelständler gehört. Von dem Vermögen, das für Veranlagung zur Verfügung steht, entfallen rund 60
Prozent auf mein Wertpapierdepot. Etwa 30 Prozent halte ich in Immobilien abzüglich Hypothekarkredite. Der Anteil von Veranlagungen in Kunst liegt bei rund fünf Prozent. Ebenso fünf Prozent
halte ich in physischem Gold.
Professor Dr. Max Otte feiert am 7. Oktober seinen fünfzigsten Geburtstag. Wir halten uns an den
alten Brauch, nicht vorher zu gratulieren, aber winken als Preußische Gesellschaft BerlinBrandenburg und Preußische Monatsblätter nach vorn freundlich mit Blumen.
Einige Angaben zur Person
Max Otte kam am 7. Oktober 1964 in Plettenberg/Westfalen als Sohn des Berufsschullehrers Max
Otte (1928 – 1983) und seiner Frau Lore, geborene Hauter, zur Welt. Er hat einen jüngeren Bruder,
den Discjockey Jojo Otte. Den Namen Max nahm er anstelle des Taufnamens Matthias 1989 nach
dem frühen Tod des Vaters an. Er studierte an der Universität zu Köln, der American University
Washington D.C. und der Princeton University. Ab Herbst 1998 fungierte Otte als Assistenzprofessor
an der Boston University und als Professor an der FH Worms. Seit 2011 ist Otte, der auch als Fondsmanager aktiv ist, als Professor an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig.
X
Max Otte trägt – von Medien verliehen – viele Namen: Crash-Prophet (Frankfurter Rundschau), Seher
(Augsburger Allgemeine), Prediger (Frankfurter Allgemeine), 100-Prozent-Aktien-Mann (Der Aktionär), Crash-Prophet, Rocker und Gärtner (Kölner Rundschau) sowie Preußen-Freund und SpenglerKenner (Preußische Monatsbriefe)
X
Otte gehört zahlreichen Gremien als Mitglied an, u. a.:
 Atlantik-Brücke e.V.
 German-American-Business Club Frankfurt e. V.
 Netzwerk recherche e. V.
 Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse e.V.
 Zentrum für Value Investing (wertorientiertes Investieren) e.V.
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Preußische Monatsbriefe

Beirat der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg
X
Max Otte hält jährlich bis zu 70 Vorträge; Referatsorte waren z. B.
 Europa-Forum der Universität Konstanz
 Kölner Vortrag in Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität zu Köln
 Münchner Seminare des ifo-Instituts
 Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg
(Weitere Informationen unter http://www.max-otte.de sowie www.privatinvestor.de)
Peter Mugay
Ein Hexenhaus wie in preußischen Sagen
lädt ein zu Speis und Trank
Man fühlt sich im Poetensteig 88 von Falkensee nahe
Berlin in die sagen- und märchenhafte Kinderzeit zurückversetzt. Doch das 1904 vom Architekten Ludwig
Voigt aus Eisleben errichtete romantische Sommerhaus aus massiven Natursteinen und hölzernen Halbstämmen ist längst Edmonds Literatur-Café, in dem
sich gut träumen, speisen und trinken lässt. Es ist zu
erreichen u. a. über die A 5. Mehr Informationen unter www.Hexenhaus-Falkensee.de
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Preußische Monatsbriefe
Von streitbaren Pastoren
Weihe der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain vor 120 Jahren
Wo einst Rainer Eppelmann als politisierender Pfarrer wirkte
Sie gehört zu den relativ jungen Kirchen, die dem barmherzigen Samariter geweihte im Berliner Bezirk Friedrichshain. Erst seit dem 20. Oktober 1894 rufen ihre drei Glocken in es, g und b die Gemeinde zum Gottesdienst. In einer zeitgenössischen Darstellung der Gegend heißt es: „Bei ihrer Entstehung lag die Kirche auf freiem Felde, etwa zehn Minuten von den nächsten Häusern entfernt, und
noch zwei Jahre später lehnte der Magistrat ein Gesuch um Regulierung dieses Straßenteils ab. Dann
aber setzte die Bebauung der umfangreichen Parochie ... mit Nachdruck ein, und das Häusermeer
verschlang das grüne Laubengelände.“ Dort erfolgte am 7. Mai 1892 die feierliche Grundsteinlegung
für die künftige Samariter-Kirche. In den darauffolgenden knapp zweieinhalb Jahren errichtete der
Großherzoglich-Mecklenburgische Kirchenbaurat Gotthilf Ludwig Möckel mit seinen Bauleuten einen
Sakralbau aus roten Klinkern in der Tradition märkisch geprägter Neugotik. Er ließ niedrige polygonale Anbauten das breite Querschiff säumen und runde Ecktürmchen mit Kegelhelmen den beherrschenden Westturm zieren. Dem segnenden Christus aus weißem Sandstein reservierte er einen
augenfälligen Platz über dem Portal. Darunter brachte er in der Rosette das Lamm Gottes an und
fügte die Umschrift hinzu: „Kommet her zu mir Alle.“ Viele kamen damals, immer weniger heute…
Samariterkirche heute und um 1910
Für das neue Gotteshaus fand ein großherziges – wie wir heute sagen – Sponsoring von Gliedern und
Freunden der Gemeinde statt. Die bunten Fenster stammten aus dem königlichen Institut für Glasmalerei. Das linke – es stellte den barmherzigen Samariter dar - war eine Stiftung der Aktiengesellschaft Berliner Neustadt und des Schlossfreiheitskomitees, das mittlere, Jesus und der dankbare Samariter, war ein Geschenk Ihrer Majestäten (Kaiserin Auguste Viktoria und Prinz Friedrich Leopold),
das rechte, Jesus und die Samariterin im Jakobsbrunnen, spendete der Kirchenälteste Gändrich zum
Andenken an seine Eltern. Den einladenden Christus über dem Hauptportal verdankte die Gemeinde
dem Gartenbaudirektor G. A. Schulz. Der Bauplatz stammte von der Aktiengesellschaft Berliner Neustadt. Die Baukosten betrugen ohne innere Einrichtung 246 000 Mark, mit der inneren Einrichtung
275 000 Mark. Historienmaler Heinrich Saffar aus Cuxhaven besorgte die reiche Ausstattung des Kircheninneren.
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Preußische Monatsbriefe
Am 20. Oktober 1894 weihte Generalsuperintendent Faber das Gotteshaus. Die Kaiserin - sie empfahl
den Namen der Kirche - und ein Prinz nahmen daran teil.
Alsbald entsprach die Gemeinde ihrem verpflichtenden Namen. In christlicher Nächstenliebe widmete sie sich besonders der Jugend-, Armen- und Krankenpflege. Eine Diakonissenstation wurde am 1.
August 1896 eröffnet.
„Im goldenen Herbstsonnenschein
stand der Sonntagmorgen wie ein
strahlender Herold, einen leuchtenden Tag verkündend“, Iyrisierte das
Gemeindeblatt im Beitrag zum
30jährigen Kirchenjubiläum im November 1924. „Bald zogen die Abordnungen der zum Fest geladenen Vereine mit ihren bunten Bannern und
prachtvollen Fahnen ins Gotteshaus.
Eine festlich gehobene, andächtige
Stimmung kennzeichnete die Atmosphäre des Gotteshauses, und diese
Stimmung hielt an und steigerte sich
noch während des zwei Stunden langen Gottesdienstes.“ Er habe zu den schönsten gehört, den die Gemeinde je erlebte.
Pfarrer Julius Koch, der erste Pfarrer von Samariter und Mitglied des Preußischen Landtages, hatte
am 16. Februar 1865 in Berlin das Licht der Welt erblickt, besuchte das Graue Kloster und studierte
Theologie in Berlin und Bonn. Als Stadtverordneter veröffentliche er etliche Arbeiten zur Kommunalpolitik. Seine geistliche Laufbahn begann er 1889 als Hilfsprediger an der Zionskirche. Er war auch
beim Gemeindefest am 21. Oktober 1928 zugegen, bei
dem Pfarrer Hachtmann die Predigt hielt. Die Nachfeier
fand am Abend im großen Börsensaal des Zentralviehhofes statt. Mehr als 1 100 Gemeindeglieder und Gäste
pilgerten zum Viehhof, erfreuten sich des Berliner Fanfarenbläserkorps, des Kirchenchores der Gemeinde und der
Turnriege des Evangelischen Vereins Junger Männer. Der
Pfarrer dankte allen Beteiligten für den gelungenen
Abend und für eine Spende von 239,10 Mark, die dem
Denkmalfonds überwiesen werden sollte. Er bedauerte,
dass davon noch 78,55 Mark Steuern abgezweigt werden
müssten.
Eine Zeit schwerer Prüfungen begann 1933 auch für diese
Gemeinde und zugleich für Pfarrer Dr. Wilhelm Harnisch,
der erst über bittere Erfahrungen zur Bekennenden Kirche fand – wie ein großer Teil der Gemeinde.
Beispiele seiner Verirrungen: Auf Veranlassung von Pfarrer Dr. Wilhelm Harnisch und mitunterzeichnet von Pas"Kommet her zu mir alle"
tor Niemöller schickte die Führung des Pfarrernotbundes
am 15. Oktober 1933 ein Telegramm an Hitler, in dem der gerade vorgenommene Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund als „mannhafte Tat“ bezeichnet wurde. Im Namen der 2 500 Notbundpfarrer gelobten die Telegrammabsender „treue Gefolgschaft und fürbittendes Gedenken“.
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Preußische Monatsbriefe
Ärgerlich reagierte Pfarrer Harnisch, weil das Reichspropagandaministerium das Telegramm nicht
umgehend veröffentlichen ließ. Gegenüber dem Reichsinnenminister Frick äußerte er, es sei Absicht
der Pressestelle des Pfarrernotbundes, die er leitete, "dem Ausland die Einheit unseres Volkes vor
Augen zu führen und dagegen einzuschreiten, dass unser innerkirchlicher Kampf, wie immer wieder
von den Deutschen Christen, als ein Kampf gegen Hitler hingestellt wird“. Er erklärte, „dass wir alle,
ganz gleich ob evangelische Christen oder Deutsche Christen, in unerschütterlicher Treue hinter unserem Führer Adolf Hitler stehen mit unserem Gebete und unserer Arbeit“.
Indes hielt die Phase der Irrungen und Wirrungen bei Pfarrer Dr. Harnisch nicht lange an. Er erkannte,
wohin der NS-Staat steuerte, und engagierte sich in der Arbeit der Bekennenden Kirche. Welche Erkenntnisqual mag zu dieser Bekenntniswahl geführt haben? Welche Wandlung! Sie führte zu wütenden Reaktionen der Deutschen Christen und schließlich zur Suspendierung des Pfarrers. Doch er ließ
sich nicht beugen. In seinen Erinnerungen berichtet er, dass einerseits eine üble Hetze in der Gemeinde und bei allen Kirchen- und Staatsbehörden gegen Samariter einsetzte, dies aber andererseits
dazu führte, dass sie Zeichen der Solidarität erhielt und sich erst recht festigte.
Kurz nach ihrem fünfzigsten Kirchweihfest wurde die Samariterkirche im November 1944 von Bomben getroffen. Kirchenfenster, Turm und Dach trugen Schäden davon. Die Gemeinde konnte nach
dem Zweiten Weltkrieg die Toten nicht zählen, die aus den eigenen Reihen zu beklagen waren. Sie
bot jenen Opfern des Krieges, die in den Straßen in Kirchennähe lagen, auf einem kleinen freien Gelände hinter dem Gotteshaus die letzte Ruhestätte. Längst besteht der Notfriedhof nicht mehr. Die
sterblichen Überreste von 294 der hier Bestatteten sind 1994 umgebettet worden. Die SamariterGemeinde konnte manchen Suchenden mit einer Kartei helfen, auf der Namen der hier einst notdürftig Bestatteten stehen.
Um schlimme Not lindern zu helfen, richtete Pfarrer Dr. Harnisch im Jahre 1945 im Gemeindesaal ein
Altenheim für Flüchtlinge ein, und von seiner Pfarrwohnung zweigte er eine Nähstube ab. "Um der
Raumnot Herr zu werden“, schrieb er an Generalsuperintendent Otto Dibelius, „und um trotz des
Kohlemangels die Kirche heizen zu können, habe ich in die große Samariterkirche noch eine kleine
hineingebaut: eine "Ekklesiole in ecclesiam“. Am vierten Advent fand die Einweihungsfeier mit der
Gemeinde statt.
Eine zweite Aufbauphase endete etwa 1960. Danach hatte die Kirche einen neuen Altar, wieder Altarfenster und einen intakten Fußboden.
Nicht selten richtete sich in den achtziger Jahren der Blick von Christen und Nichtchristen aus allen
Teilen Berlins und darüber hinaus auf die Samariterkirche. Dafür sorgte ihr streitbarer Pfarrer Rainer
Eppelmann. Spätestens seit seiner Bekanntschaft mit dem Chemiker, Philosophen und Kommunisten
Robert Havemann, der übrigens skrupellos junge Christen von der Humboldt-Universität relegieren
half, sah er sich durch gewisse Praktiken der DDR-Politik herausgefordert. Er bot Unzufriedenen einen Ort zum Gedankenaustausch. So fanden in der Samariterkirche z. B. Lesungen von jungen Dichtern statt, denen staatliche Einrichtungen verschlossen blieben. Als Verfechter des biblischen Gedankens „Schwerter zu Pflugscharen“ baute er in der Kirche ein Zelt auf, in das man nach simuliertem
Atombomben-Abwurf flüchten konnte.
Seit dem Frühjahr 1982 bestand in der Gemeinde ein Friedenskreis, der Kontakte mit Partnergemeinden Bundesrepublik, in Norwegen, Schweden, in Westberlin, den USA und in den Niederlanden
pflegte. Die ökumenische Arbeit der Samariter-Gemeinde stieß auf erhebliches staatliches Misstrauen. Mit unlauteren Mitteln ist versucht worden, sich darüber Kenntnis zu verschaffen.
Pfarrer Eppelmann engagierte sich in der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“ (DA), zu deren Gründungsmitgliedern er gehört und die ihn in den Vorstand berufen hat. Im Blick auf den bevorstehenden 25. Jahrestag des Mauerfalls und damit des forcierten Weges zum Beitritt der DDR zum
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Preußische Monatsbriefe
Geltungsbereich des Grundgesetzes – kurz: zur Einheit Deutschlands - seien ursprüngliche Vorstellungen und Pläne von DDR-Bürgerbewegten im Demokratischen Aufbruch genannt. Um es vorweg zu
nehmen: Sie wollten – wahrscheinlich im Fahrwasser von Gorbatschows Glasnost und Perestroika –
nicht die Einheit Deutschlands, sondern die DDR zu einem wahren sozialistischen Staat reformieren.
Pastor a. D. Rainer Eppelmann wollte als Chef vom Demokratischen Aufbruch (links) die DDR behalten
und reformieren, kurze Zeit später stampfte er sie wie ein Pastor mit dem Flammenschwert in den
Boden: als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und als Vorsitzender der Bundestags-Enquete-Kommission zur „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SEDDiktatur in Deutschland“.
Zu den Gründungsmitgliedern des DA gehörten neben Eppelmann u. a. Andreas H. Apelt, Daniela
Dahn, Ehrhart Neubert, Hildigund Neubert, Günter Nooke, Rudi Pahnke, Wolfgang Schnur, Friedrich
Schorlemmer, Rolf Schmidt, Sonja Süß, Thomas Sell, Harald Wagner, Thomas Welz und Rosemarie
Zeplin. In dem von ihnen und der gesamten Gründungsversammlung am 29.Oktober 1989 beschlossenen Statut heißt es unmissverständlich: „Die Partei ‚Demokratischer Aufbruch - sozial, ökologisch‘
vereint Menschen sozialistischer, sozialdemokratischer, religiöser, liberaler und ökologischer Prägung, die an einer demokratischen Umgestaltung in der DDR mitarbeiten möchten und für eine Reform des sozialen und politischen Systems eintreten.“
In ihrem Programm vom 17. Dezember 1989 wird hervorgehoben:
„In diesem Sinne will der DA die grundlegenden Menschenrechte auf dem Gebiet der DDR verwirklichen.
Dazu sind notwendige Mittel und Ziele:
•
die demokratische Mitbestimmung auch aller Frauen in den lebenswichtigen Fragen
•
eine Marktwirtschaft, die ökologisch und damit langfristig effektiv produziert
•
eine Gesetzgebung und Politik, die eine Solidargemeinschaft und den Schutz des Einzelnen
sichert
•
die Abrüstung des Staates nach innen und die militärische Abrüstung hin zu einer Friedensordnung der Völker…
Die aus einem christlichen Elternhaus stammende Angela Merkel begann im Dezember 1989 zunächst unentgeltlich als provisorische Systemadministratorin beim Demokratischen Aufbruch (DA) zu
arbeiten, dann ab Februar 1990 hauptberuflich als Sachbearbeiterin in der persönlichen Arbeitsumgebung des Vorsitzenden Wolfgang Schnur in der Ost-Berliner Geschäftsstelle. Sie entwarf Flugblättern und wurde zur Pressesprecherin ernannt. Es folgte ihre Mitgliedschaft im Vorstand des DA.
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Preußische Monatsbriefe
Angela Merkel wechselte als Pressesprecherin und Vorstandsmitglied vom Demokratischen Aufbruch,
der die DDR reformieren wollte, und vollzogenem Übertritt zur Ost-CDU in die Funktion der Stellvertretende Regierungssprecherin der DDR-Regierung de Maizière, die mit der DDR-Volkskammer das
Ländchen auflöste und zum Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des bundesdeutschen Grundgesetzes führte
Pfarrer Rainer Eppelmann als Mitbegründer des DA und Angela Merkel als Sprecherin und Vorstandsmitgliedin waren demzufolge nur wenige Monate vor dem DDR-Beitritt davon überzeugt, der
DDR ein besseres sozialistisches Gesicht geben zu können. Die Einheit Deutschlands stand nicht in
ihrem Programm. Sie lösten sich vom Reformgedanken und nahmen – wie bekannt - höhere und
höchste politische Funktionen im geeinten Deutschland altbundesrepublikanischer Prägung ein.
Peter Clauss
Der letzte Staatsfeiertag der DDR am 7. Oktober 1989…
…und was sich anbahnte:
10
Preußische Monatsbriefe
Patrioten-Passagen
…Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht', die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.
Wach auf, Deutschland, 's ist hohe Zeit, du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse liegt, ob sichs gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilts, ob sie dein fehlet…
Gott warnet täglich für und für, das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür; Deutschland, laß dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit, solange Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen…
(Johann Walter lebte von 1496 bis 1570, er war u. a. Leiter der Hofkapelle in Dresden und
musikalischer Mitarbeiter Luthers bei Kirchenlied und Gottesdienstordnung; 1524 gab er das
erste evangelische Chorbuch heraus)
Preußische Monatsbriefe
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Preußische Daten
1.Oktober 1849 (vor 165 Jahren): Ein Gesetz zur Freigabe der preußischen elektromagnetischen
Telegraphenlinien für den privaten Publikumsverkehr gliedert die Telegraphenbehörde aus der militärischen Verwaltung aus. 100 Wörter werden maximal befördert.
3.Oktober 1614 (400): Lutherische Geistliche und zahlreiche weitere Bürger der Stadt beschimpfen
vor dem Berliner Schloss die Calvinisten. Hintergrund war, dass Kurfürst Johann Sigismund im Berliner Dom vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis übergetreten war. Sein Statthalter forderte
die Lutheraner auf, Lästerungen der Reformierten zu unterlassen.
Karlshorster Rennen 1894
6.Oktober 1894 (120): Auf der nach Plänen der Architekten Johannes Lange (Hochbauten), Rudolph
Jürgens (Landschaftsanlagen) und Martin Haller (sporttechnische Gestaltung) errichteten Galopp-und
späteren Trabrennbahn Karlshorst findet das erste Große Berliner Internationale Jagdrennen statt. Es
siegt Eventail unter Lt. Graf W. Königsmarck.
8.Oktober 1849 (165): An der Zehdenicker Straße (Mitte) wird das Vorstädtische Theater mit der
Komödie „Die Rettichjungen von Lubojatzky“ eröffnet. Es geht aus dem Theater „Lätitia“ hervor, das
von Ernst Litfaß – dem Erfinder der Litfaßsäule – gegründet worden war.
8.Oktober 1874 (140): Das Städtische allgemeine Krankenhaus Friedrichshain - errichtet nach Plänen
von Martin Gropius und Heino Schmieden - wird eröffnet. Eine zweckgebundene Schenkung des Rentiers Jean Jacques Fasquel hatte den Bau des ersten städtischen Krankenhauses ermöglicht.
9.Oktober 1844 (170): Die erste Generalversammlung des „Vereins für das Wohl der unteren Volksklassen“ findet im Hotel du Nord in der Berliner Prachtstraße Unter den Linden 35 statt.
9.Oktober 1874 (140) Das Märkische Provinzial-Museum wird im barocken Palais Podewils im Berliner Klosterviertel gegründet. In der ersten Besucherordnung heißt es: „Der Besuch ist unentgeltlich,
den Aufsehern ist die Annahme von Geschenken verboten“ und „Nur reinlich gekleidete Personen
haben Zutritt“. Die Direktion bittet darum, das Museum mit freiwilligen Spenden „Objecten“ zu unterstützten, „sofern sie culturgeschichtliches Interesse haben“. Seit 1908 befindet sich das inzwischen Märkische Museum am Köllnischen Park.
11.Oktober 1854 (160): Anlässlich seiner Silberhochzeit übergibt der frühere Brauereibesitzer und
nunmehrige Rentner Wilhelm Bier der Hauptarmenkasse 100 Taler zu wohltätigen Zwecken.
11.Oktober 1889 (125): Der russische Zar Alexander III. trifft zu einem Staatsbesuch in Berlin ein.
12
Preußische Monatsbriefe
12.Oktober 1804 (210): Die Herstellung von Branntwein aus Roggen wird ab sofort mit einer Geldstrafe belegt.
15.Oktober 1804 (210): Berliner Tierhalter werden angesichts anhaltender Überschwemmungen an
Havel und Spree gewarnt, durch Nässe verdorbenes Gras und Heu zu verfüttern.
15.Oktober 1844 (170): Jacob Hirsch Brandenburg bestimmt testamentarisch ein Legat von 8 000
Talern zur Unterstützung von Armen ohne Beachtung der Religion.
15. Oktober 1884 (130): Der 1882 für die Stadtbahn in Betrieb genommene und in der Zwischenzeit
ausgebaute Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin wird auch als Fernbahnhof genutzt.
16.Oktober 1804 (210): König Friedrich Wilhelm III. besucht die Kunstausstellung in der Königlich
Preußischen Akademie der Künste und Mechanischen Wissenschaften zu Berlin.
Theodor und Emilie Fontane
16.Oktober 1849 (165): Theodor Fontane feiert seine Hochzeit mit Emilie Rouanet-Kummer im
„Georgeschen Garten“, einem Gartenrestaurant an der Ecke Bellevue-/Lennéstraße (Tiergarten).
16.Oktober 1889 (125): Für seinen Bügelstromabnehmer für elektrische Bahnen erhält der Berliner
Ingenieur Walter Reichel (Siemens & Halske) das Patent DRP 53738. Dieser Stromabnehmer wird
erstmalig bei der Lichterfelder Straßenbahn eingesetzt.
17.Oktober 1784 (230): Der Pharmazeut und Chemiker Martin Heinrich Klaproth steigt im Lustgarten
mit einem Heißluftballon auf. Der Vielseitige wird 1810 erster Ordinarius für Chemie an der neuen
Berliner Universität.
17.Oktober 1804 (210): Vor dem Oranienburger Tor wird das Abladen von Schutt und Müll verboten.
18.Oktober 1814 (200): Anlässlich des Jahrestages des Sieges über Napoleon bei Leipzig wird mit
einem Schauturnen auf dem Turnplatz in der Berliner Hasenheide praktisch das erste deutsche Turnfest gefeiert.
18.Oktober 1824 (190): Der Pädagoge Karl Friedrich von Klöden eröffnet im „Fürstenhaus“ die Berlinische Gewerbschule, bei der Mathematik und Naturwissenschaften im Vordergrund stehen.
13
Preußische Monatsbriefe
18.Oktober 1874 (140):Der (umstrittene) evangelische Geistliche Adolf Stoecker wird in sein neues
Amt als Hofprediger am Berliner Dom eingeführt, das er bis zu seiner Entlassung 1890 innehatte.
19.Oktober 1724 (290): Mit einem Edikt geht König Friedrich Wilhelm I. gegen die Wilderei „in den
bei Berlin gelegenen Heiden und Büschen“ vor. Zum Verkauf gelangendes Wildfleisch bedarf einer
Bestätigung, dass es rechtmäßig erworben worden war.
19.Oktober 1844 (170): Ein Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau der am 20. September 1809
abgebrannten St.-Petri- Kirche wird ausgeschrieben. Der erste Preis beträgt 500 Taler in Gold. Das um
1230 erbaute Gotteshaus gehört als Stadtpfarrkirche von Cölln zu den ersten fünf Kirchen der Doppelstadt Berlin-Cölln. Der Grundstein wird am 3. August 1847 gelegt wurde. Baumeister Heinrich
Strack errichtet einen neogotischen Bau mit einem 111 Meter hohen Turm
20.Oktober 1819 (205): Einer drohenden behördlichen Auflösung kommt die Berliner Burschenschaft
geschickt zuvor, indem sie sich pro forma selbst auflöst und unter dem Namen „Conviktorium der
Lesegesellschaft Berliner Studenten“ neu gründet.
20.Oktober 1879 (135): Wilhelmine Bier lässt über den Prediger Belcke 1 200 Mark bei der Hauptstiftungskasse einzahlen. Sie sollen als „Wilhelmine-Biersche Stiftung“ bei der Armendirektion geführt
und zinsbar angelegt werden, um damit Konfirmationsgeschenke für Bedürftige zu bezahlen.
20.Oktober 1889 (125): Mit einem Theaterskandal endet die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns
dramatisches Erstlingswerk „Vor Sonnenaufgang“ im Berliner Lessing-Theater.
21.Oktober 1884 (130): Clara Wortmann später nannte sie sich Claire Waldoff - wird in
Gelsenkirchen geboren. In Berlin trat sie ab
1907 im Kabarett „Roland von Berlin“ und später im „Chat Noir“ und „Lindenkabarett“ als
Diseuse auf. Zu ihren bekannten Lieder gehören „Wer schmeißt denn da mit Lehm“, „Nach
meene Beene is ja janz Berlin verrückt“ und
„Hermann heeßta“.
22.Oktober 1894 (120): Die Große Berliner
Pferdebahngesellschaft eröffnet die Linie
Schönhauser Tor - Weißenburger- (ab 7. Oktober 1947 Kollwitzstraße) - Wörther Platz (ab 7. Oktober 1947 Kollwitzplatz). Noch im gleichen Jahr
wird die Linie bis zur Danziger Straße verlängert.
26.Oktober 1824 (190): Die Literarische Mittwochsgesellschaft – auch Gesellschaft edler Vergnügungen genannt - wird gegründet. Bei den Treffen werden gemeinschaftlich Schauspiele, Gedichte, Musik- oder Gesangstücke sowie Abhandlungen aus allen Teilen des humanen Wissens vorgetragen.
Anschließend nimmt man stets um 20 Uhr ein mäßiges Abendessen zu sich, bevor das Beisammensein mit einem gemeinsam gesungenen Lied beschlossen wird. Zu den bekannten Mitgliedern zählen
unter anderen Henriette Herz, August Wilhelm Iffland, Johann Gottfried Schadow, Friedrich Schlegel,
Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher und Karl Friedrich Zelter.
26.Oktober 1869 (145): Für die Siegessäule in Berlin erfolgt eine zweite Grundsteinlegung nach dem
Sieg von 1866 gegen Österreich. Den ersten Grundstein hatte König Wilhelm I. am 18. April 1865 zum
ersten Jahrestag der Erstürmung der Düppeler Schanzen gelegt. Nach dem Sieg über Frankreich
(1870/71) kam es am 31. Dezember 1871 zur dritten Grundsteinlegung.
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Preußische Monatsbriefe
Beilage „100 Jahre Erster Weltkrieg“ (Teil VIII)
„Ein Soldat muss mit dem Leben
nach außen abgeschlossen haben“
Aus dem einzigartigen Tagebuch eines jungen Musketiers im Ersten Weltkrieg
Robert Johnscher ist einer von 70 Millionen junger Männer, die zwischen 1914 und 1918 in Europa, dem Nahen
Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren unter
Waffen standen, einer von etwa 20 Millionen, die den
Ersten Weltkrieg verwundet überlebten – etwa zehn Millionen blieben „im Felde“. Er hatte sich in Berlin als 18jähriger zu Beginn des zweiten Kriegsjahres freiwillig gemeldet. Der junge Mann ging gesund als Musketier in den
Krieg für Gott, Kaiser und Vaterland und beendete ihn
mit einer Kopfschuss-Verletzung als Zugführer im Range
eines Vizefeldwebels mit Leutnantsbefugnissen. Auskunft
über sein Schicksal in den Jahren des Weltbrandes gibt
sein erhalten gebliebenes Tagebuch. Er führte es vom
ersten bis zum letzten Tag seines Soldatenlebens. Wir
setzen heute den Abdruck von Passagen aus dem Tagebuch von Robert Johnscher fort.
(Teil 1 finden Sie in der Märzausgabe der Preußischen
Monatsbriefe).
Robert Johnscher
۩
2. Februar 1917
Gestern Abend erhielt ich ganz unerwartet von Familie Lorenzen ein Weihnachtspaket mit Nüssen,
Bonbons, Chokelade, Rollschinken, Bleistift und Briefpapier. Meine Freude ist unbeschreiblich. Am
meisten freute ich mich über den beigelegten Tannenzweig, der mit silbernem Engelshaar und einer
himmelblauen Schleife geschmückt war. Ferner ganz besonders über die kurzen herzlichen Grüße:
Lieber Robert! Meine lieben Eltern, Jungens und ich wünschen Ihnen ein recht gesundes und
fröhliches Weihnachtsfest. Seien Sie recht herzlich gegrüßt von Ihrer Marga. Gott behüt Sie, lieber
Robert“. Den ganzen Tag klang es mir in den Ohren: Gott behüt Sie, lieber Robert! Zum Dank schrieb
ich sofort an Marga einen längeren Brief, den ich mit den Worten schloss: „Ich weiß ja tief im Herzen,
im blutig wilden Strauß, ich schütz die deutsche Erde und auch mein Glück zu Haus“. Heute erhielt ich
übrigens 38 Mk. Verpflegungsgeld ausbezahlt.
3. Februar 1917
Der Dienst ist wie üblich. Schanzen und immer wieder schanzen. „Ruski“ schießt täglich zu
bestimmten Zeiten mit Granaten und auch Schrapnells, teils nach Voinesti, teils ins Drahtverhau.
6. Februar 1917
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Preußische Monatsbriefe
Plötzlich „Alarm“. – Verdammt, kriegt man denn gar keine Ruhe heute? War es Probealarm? Wir
wussten es noch nicht genau. Leuchtpistolen und Munition wurden verteilt. Sollte der Alarm doch
Ernst sein? – Gottlob nur Probealarm. – Wir schimpften natürlich nicht schlecht, denn es macht
wahrlich kein Vergnügen zwei Stunden im tiefen Schnee „feldmarschmäßig“ herumzustiefeln. Aber
lasst uns nie vergessen: lieber 10 mal Probealarm, als 1 mal ernst. „Doch wie selten ist der Mensch
mit dem Zustande zufrieden in dem er sich befindet. Er wünscht sich immer den seines Nächsten, aus
welchen sich dieser gleichfalls heraus wünscht“ (Goethe).
7. Februar 1917
Am Abend zogen wir wieder mit Sack und Pack nach Latinul. Unsere Inspektion kommt
merkwürdigerweise wieder auf Feldwache. Nachts schindern wir zwei, tags eine Stunde. Der Frost ist
in den letzten Tages strenger als je. Immer trocken Brot! Wenn ich nicht noch Schmalz und etwas
Speck von jener „Requisition“ in Rusetal hätte, dann würde ich auch täglich „trocken Karo“
runterschieben müssen. Ich hätte gern meinen letzten Speck nach Hause geschickt, aber ich kann
absolut keine Freimarken erlangen.
Die Postverbindung ist sehr unregelmäßig. Die drei Weihnachtspakete meiner lieben Eltern sind
immer noch nicht eingetroffen. Margas Paket ist bis jetzt das einzige große Weihnachtspaket, das ich
erhalten habe.
Ich erkenne von Tag zu Tag mehr, wie gut ich mich jetzt mit meinen lieben Eltern verstehe. Der Krieg
hat uns näher gebracht und offenherziger gemacht. Es gibt keine Geheimnisse mehr zwischen uns.
Hoffentlich gehen unsere Wünsche auch in Erfüllung. Gebe es Gott, dass ich, wie mein lieber Vater
schreibt, glücklich aus allen Gefahren, unversehrt und frisch, an Erfahrungen reicher und an
Charakter gefestigt in die Heimat zurückkehren darf, damit sich der Lebensabend meiner guten
Eltern noch zu einem schönen Spätherbst gestaltet.
Ich kann nur immer wiederholen: „Lass von der Heimat Sitte nicht, was Dir auch baut das Glück, bring
eine reine Seele dir ins Vaterhaus zurück“. Mutters Brief, datiert bereits vom 17.12.16., berichtet von
einem Besuch bei Familie Lorenzen. „Frl. Marga war auch gerade anwesend und konnte nicht genug
von dir hören. Sie erzählte, du hättest ihr sehr nett geschrieben und sie hätte dir so schön
geschrieben und ein niedliches Weihnachtspaket zurechtgemacht, ist voll Jammer ob Du’s erhältst,
ich tröstete sie, aber sie war unglücklich.“
Schwere Waffen - schwer zu bewegen im schweren Gelände
11. Februar 1917
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Preußische Monatsbriefe
Gegen 1 Uhr morgens wurden wir plötzlich abgelöst. Nach einem ziemlich anstrengenden Marsch
bezogen wir in Gimenell um ½ 7 Uhr früh Quartier. Die tollsten Gerüchte sind wieder im Umlauf.
Spaßhalber möchte ich einige Latrinenparolen anführen: „Unser Reg. kommt nach dem Westen“,
„Wir kommen 14 Tage in Ruhe“. „Das Batl. kommt nach Schleswig-Holstein“, „Auf nach Bukarest!“
usw. Es sprechen weder Anzeichen für noch gegen. Die meisten glauben, es geht nach „Italien“. Ich
zerbreche mir den Kopf absolut nicht. Sie werden uns schon in irgendeinen „Schlamassel“ stecken.
Die neue Taktik ist folgende: Zur Zeit herrscht Urlaubssperre, teilweise Postsperre, Postzensur,
Angaben über Division, Armee oder Ort dürfen in der Adresse nicht enthalten sein. Der Befehl zum
Abmarsch kommt plötzlich, das Ziel ist stets unbekannt. Die Mannschaften werden durch
anstrengende Märsche zum Stumpfsinn getrieben, so dass ihnen alles „schnurz“ ist. Wir nennen
diese Taktik: „Hindenburg-Taktik“. So versucht man heutzutage, jegliche Spionage zu verhindern.
13. Februar1917
Heute wurde wieder über 20 km getippelt. In Balta-Alba bezogen wir Quartier. Wie wenig auf diesen
Märschen auf die Mannschaften Rücksicht genommen wird bzgl. Tempo und Pausen etc. will ich gar
nicht erst erwähnen. Ist ja doch die alte Leier. „Der elende Kommis!“
22. Februar 1917
Während der letzten 10 Tage hat sich nichts Besonderes ereignet. Den Dienst kann ich kurz
zusammenfassen: Ein Tag = früh 2 ½ Std. Exerzieren, nachmittags 2 Std. Felddienstübung, darauf
Innendienst (Quartierausbau, Turnplatz und Schießstand herrichten), dazu ab und zu Unterricht usw.
Übrigens werden wir ganz von vorn ausgebildet, genau als ob wir im Rekruten-Depot wären.
Außerdem werden „Stoßtruppen“ ausgebildet. Dazu bin ich auch befohlen. Immer stramm. In
Wirklichkeit allerdings ein sehr gefährliches Geschäft.
Unsere Division (217. I.D.) liegt zur Zeit in Ruhe als Armeereserve. Die ganze Front ist von Bulgaren
und Österreichern besetzt. Hier herrscht großes Hallo. Schießstand, Hindernisbahn etc. werden
gebaut. Na, und wenn alles fertig ist, geht’s sicher auf und davon. Urlaub wird auch wieder erteilt.
Wenn alles klappt, kann ich im Juli damit rechnen. Aber bis dahin – O, je! Postzensur ist aufgehoben.
Post und Verpflegung ist schweinemäßig. Immer noch trockenes Brot. Mittags dünne Hirsensuppe. –
Ja, ja Kohldampf und wieder Kohldampf! Unsere Kompanie führt zur Zeit ein österreichischer
Oberleutnant. Kommandostimme hat er absolut nicht. Knapp, dass er deutsch sprechen kann. Wir
haben dadurch natürlich viel Spaß.
25.Februar 1917
Ich wurde zum „Maschinen-Gewehrkursus “ befohlen. Infolgedessen scheide ich von der
Sturmgruppe aus. Ist vielleicht besser. In der Ausbildung wird besonders auf Nahkampfmittel Wert
gelegt. Sicher ist es Heeresbefehl, dass in jeder Kompanie mehrere Stoßtrupps ausgebildet werden.
In den letzten Heeresberichten sind an allen Fronten solche Sturmgruppen resp. deren erfolgreiches
Vordringen erwähnt. Jedenfalls ein sehr gefährlicher Dienst. Wie uns Leutnant Ratje sagte, sind dazu
nur die Beherzigsten und Mutigsten bestimmt worden. Die Mannschaften der Stoßtrupps sollen
besondere Abzeichen erhalten? Na, eins kann ich nur machen. Was befohlen wird, muss getan
werden. Freiwillig meldet man sich als „alter Kawaklakrieger“ (Name für Rumänienkämpfer) zu keiner
Sache.
28. Februar 1917
Heute vor einem Jahr weilte ich zum letzten Male als „Zivilist“ zu Hause. Deutlich zieht der ganze Tag
an mir vorüber. Das Wichtigste und Wertvollste: Die Erkenntnis, wie gut es meine lieben Eltern mit
mir meinen. In Zivil waren mir meine Eltern selbstverständlich auch lieb und teuer, aber ich habe die
treue Elternliebe doch nicht recht erkannt, sie ist mir in meinem Soldatenleben so recht vor Augen
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Preußische Monatsbriefe
getreten. Was meine Eltern an mir getan haben, wie sie sich um mich gesorgt haben und noch
sorgen, das kann ich ihnen unmöglich gut machen. Ich kenne jetzt nur noch den Wunsch, recht bald
zu meinen lieben Eltern zurückzukehren, um mit ihnen noch hoffentlich recht glückliche und viele
Jahre zu verbringen.
Ich schrieb in diesem Sinn auch nach Hause, und meiner lieben Mutter und Vater widme ich voller
Dankbarkeit folgendes Gedicht:
Mutter
Denk ich an Dich – trotz allem Streite,
wird mir so warm und weich zu Mut.
Und sehnend schweifen in die Weite
die Wünsche:
Lieb Mütterlein, wie bist Du gut.
Ich denk‘ an Dich, wenn Sonne draußen
auf unsre Gräben friedlich scheint,
wenn Wind und Wetter uns umbrausen
und weiß, dass Mütterlein jetzt weint.
Sich sorgt und grämt um ihre Buben,
von denen zwei im Felde stehn,
sie sehnlich wünscht in warme Stuben –
statt ihrer möcht auf Posten stehn.
Ich spüre Dich, wenn Donnertosen,
Kanonenbrüllen uns umhüllt,
wenn Tod und Leben um uns losen
im Schlachtenwetter graus und wild.
Als ob Du segnend Deine Hände,
zum Schutze über uns gefaltet,
dass sich der Tod von dannen wende,
die Liebe achtend, die hier waltet.
Soll aber dennoch einer scheiden,
o Mutter, lass das Weinen sein
denk doch – wir gehen zu sel’gen Freuden,
zum ew’gen Frieden gehen wir ein.
Wird’s aber hier auf Erden Frieden,
lässt Gott uns heil zur Heimat gehn
lieb Mütterlein – dann soll hienieden
Dein Auge nur noch Sonne sehn.
2. März 1917
Schon seit gestern Abend tobt wieder ein heftiges Schneegestöber. Um unser Haus herum steht eine
ca. 1 ½ bis 2 Meter hohe Schneewand. Die Hauptstraße von Balta-Alba ist total verschneit. Alle 10
Meter hat der heftige Nordostwind einen Meter hohen – oft noch höheren – Berg aufgeweht. Muss
man gegen den Wind anlaufen, so muss man das Gesicht ganz verbergen, der Schnee brennt und
schneidet im Gesicht. Es ist unmöglich, den Kopf hoch zu halten, keine 10 Meter weit kann man
sehen. Pferde, Wagen und Mensch sinken oft bis zu den Hüften in den Schnee hinein.
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Preußische Monatsbriefe
Natürlich wirkt dieses Unwetter wieder auf Post und Verpflegung. Die Züge werden wohl wieder
einschneien, und alles verzögert sich abermals. Da werden die großen Weihnachtspakete wohl
überhaupt nicht ankommen.
Ich habe jetzt wenig freie Zeit, da ich dauernd beim M.G.-Kursus beschäftigt bin. Was es da alles zu
lernen gibt. – Unheimlich. – Nachts träume ich sogar vom M.G. gestern sagte ich im Schlaf halblaut:
„Lauf- und Ausstoßrohr frei!“ – Da kann man ja auch verrückt werden, jeden Tag 4 Stunden
Unterricht
General von Falkenhayn (l.) im Schneegestöber auf dem Weg zur Truppe
und 1 ½ Stunden exerzieren. Von den 9 Teilen lernte ich nur 4 kennen, die andern musste ich selbst
nachholen. Ist halt auch nur halbe Arbeit. Der 1. Kursus dauerte 4 Wochen und unser nur 10 Tage.
Geht viel zu rasch.
Noch eine lustige Episode! Am 1.3. hatten wir Aufstellung zur kommenden Besichtigung des Jägerreg.
durch General v. Falkenhayn. Eine sogenannte Probeaufstellung. Das Wetter war lausig kalt, und ein
schneidender Wind verschärfte die Witterung. 7.10 Uhr stand das Batl. auf dem Platz neben der
Kirche, und alles war bereit, den Bataillonskommandeur zu empfangen. Es war bereits 8.40 Uhr, und
Hauptmann Engels war noch immer nicht da. Wir froren ganz unheimlich.
Um 9 Uhr hieß es auf einmal: „Das Batl. hört auf mein Kommando“. Die Musik stimmt die
Begrüßungshymne an. Oberleutnant Floß schritt die Front ab. Hauptmann Engels. Der Herr
Bataillonskommandeur konnte nicht kommen, da ihn der „Kater“, den er sich bei der Einweihung des
Offizierskasino geholt hatte, nicht „gerade“ stehen ließ. Und wir armen Kerls mussten so lange auf
ihn warten. Zum Hohn wurde Parademarsch befohlen: über holpriges Schneefeld mit mehreren
Granatlöchern. Der Parademarsch hatte dann auch verschiedene Zwischenfälle: der eine fiel nach
hinten über, der andere blieb im Granatloch liegen, ein anderer ließ sogar seine Knarre fallen usw.
Ich habe dabei so toll gelacht, dass mir die Tränen im Auge standen.
Dazu noch unser Kompanieführer. Nie lässt er seine Reitpeitsche aus der Hand, und im gebrochenen
Deutsch gibt er Kommandos ab und bewegt dabei seine Reitpeitsche wie einen Taktstock.
3.März 1917
Das Schneegestöber hat wohl nachgelassen aber unheimliche Schneeberge liegen überall.
Nachmittags wurde das ganze Batl. zum Schneeschaufeln befohlen. Sogar wir M.G.-Leute. Von ½ 2 –
½ 6 Uhr - also volle 4 Stunden – mussten wir in dem Hundswetter draußen stehen. Um ½ 5 Uhr
sollten wir aufhören, aber gerade kurz vorher kam der Herr Batl.-Kommandeur und hatte noch
besondere Wünsche. Aber kein Mensch hat noch was getan. Unerhört in solcher Kälte und bei
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Preußische Monatsbriefe
solcher schlechten Verpflegung. Ich hätte es nie geglaubt, dass auf dieser Chaussee der Schnee 1 ½ m
hoch lag– oft sogar bis zu 3 bis 4 m. So ist hier der Winter.
7.März 1917
Gestern Abend war Beichte und Kommunion. Ist mir ganz neu, dass Soldaten, die im Felde stehen,
vom Gebot der Nüchternheit befreit sind. Von meiner ehemaligen Firma G. u. K. erhielt ich ein
schönes Weihnachtspaket mit 1 Flasche Kirschlikör, 1 Flasche Halbbitter-Likör, 20 Zigaretten, 6
Zigarren, Briefpapier und Bonbons. Die lang erwarteten Weihnachtspakete meiner lieben Eltern vom
9.12.16 sind „wohlbehalten“ wieder in Neukölln – und ich schiebe feste trocken Brot.
Mein Kamerad Nils Matthiesen hat auch das Einjährige. Er läuft zur Zeit von Pontius zu Pilatus, um zu
einem Offizierskursus abkommandiert zu werden. So musste er so genannte Vertrauensmänner
angeben. „Geben Sie Offiziere oder höhere Beamte an, die ein unparteiisches Urteil über die
Vermögenslage Ihres Vaters abgeben können“. U. a. gab er seinen Bruder, Lt. der Res. und
Kompanieführer, an, was sofort als gut bezeichnet wurde. Und da heißt es: Ich kenne keine Parteien
mehr- oder dem Tüchtigen freie Bahn. An Beförderung ist hier im Kaschubenbatl. gar nicht zu
denken. Ich wünschte, ich wäre bei den 99er geblieben. Da wäre ich bestimmt weiter.
12. März 1917
Über das Äußere der rumänischen Bauern möchte ich folgendes bemerken: Im allgemeinen sind die
Rumänen stattliche Männer, eine für uns Deutsche fremdartige Gesichtserscheinung mit ziemlich
aufgedunsenen Backen und Stirnen, breite und formlos verlaufende dunkle Brauen und die Augen
sind verquollen und erscheinen verkniffen.
16. März 1917
Gestern war unter Hauptmann Engels Vorbesichtigung unseres M.G.-Kursus. heute sollte die
eigentliche Besichtigung unter Generalmajor v. Gallwitz stattfinden. Selbige fiel jedoch wegen des
schlechten Wetters aus. Im Bukarester Tageblatt las ich wieder einen teilweise interessanten Artikel
über „Rumänische Volkssitten“. Die Art, wie die Taufe und das Begräbnis vorgenommen werden,
habe ich schon selbst gesehen und beobachtet.
17 .März 1917
Heute hat Marga Lorenzen Geburtstag. Vor zwei Jahren feierten wir diesen Tag gemeinschaftlich in
bester Stimmung. Wie gern wäre ich heute in der Heimat. Aber was nützt das Kopf hängen lassen!
Folgende Zeilen sandte ich an Marga: „Liebe Marga! Heute, an Ihrem Ehrentage, gedenke ich Ihrer.
Meine Glückwünsche werden Sie hoffentlich in bester Gesundheit erhalten haben. – Ich hätte heute
gern eine Flasche Wein auf Ihr Wohl geleert, aber – die Kantine hat leider gerade ausverkauft. So
rauche ich feste die guten Zigaretten, die ich gestern Abend erhielt und stelle mir im Qualm der
Zigaretten vor, was Sie heute wohl treiben. Gern wäre ich gerade heute in der lieben Heimat. Aber
die Pflicht hält mich zurück. Denn schon Dichter Arndt sagte: „Tue was du musst, siege oder stirb und
überlass Gott die Entscheidung“.
21. März.1917
Nach einem 1 ½ stündlichem Marsch erreichten wir Balta-Alba-West. ¾ 9 Uhr standen unsere
Kompanie und die dritte in Zugkolonne auf dem freien Platze neben Balta-Alba-West. Nicht lange
dauerte es, da erschien Oberst Vogel (unser Brigadier-18. Landwehr-Brigade 22er), dem Major v. d.
Gröben, stellvertretender Regiments-Kommandeur, unsere 2. Kompanie meldete. Unter den Klängen
des Präsentiermarsches schritt Oberst Vogel die Front ab. Unsere Kompanie musste Griffe und
Bewegungen machen.
20
Preußische Monatsbriefe
Die oft seltsam klingenden Kommandos unseres K.u.K. Oberleutnants Roth brachten sogar Oberst
Vogel zum Lachen. So z.B. folgende Kommandos: „Marschieren, Richtung, dieselbe Kompanie ohne
Tritt, Marsch!“ Uns mit „Gewehr über“ rühren zu lassen, ist nichts Ungewöhnliches. Beim Ausrichten
springt er uns oft an den Hals. Bei jeder Gelegenheit spricht er mit seiner krächzenden Stimme: „Hab
ich Sie noch nicht niedergeritten? Ich reit Sie sofort nieder. Gemeinerei!“ Bei jedem Ton schnappt
seine Stimme um. Trotzdem will ich betonen, dass sich unser Oberleutnant Mühe gibt. Oberst Vogel
hatte gerade begonnen, die 3. Kompanie zu besichtigen, als Generalmajor v. Gallwitz (unser
Divisionär) auf dem Platze erschien. Letzterer nahm dann den Parademarsch ab.
22. März 1917
General v. Falkenhayn besichtigte heute die ganze Division in Balta-Alba-West. Von seiner markigen
Ansprache verstand man leider nur wenig. Ich hörte nur: „Beim Donauübergang errang sich das
Jägerregiment unsterblichen Ruhm – Neue Pflichten rufen - Ich werde euch demnächst von neuem
dem Feinde gegenüberstellen.“ Es folgte der Vorbeimarsch!
General von Falkenhayn in lässiger Haltung
Artillerie-General von Gallwitz
Na, da haben wir den Salat. Es dauert wohl keine Tage mehr, und dann geht’s wieder rein in den
Schlamassel – viele meinen, wir kommen nach den Karpaten. Andere sprachen von Focsani hoffentlich erspart uns die russische Revolution weitere Kämpfe.
26. März 1917
Jetzt sind die Zustände der Zivilbevölkerung direkt anekelnd. Dreckige und verwahrloste Männer und
Weiber. Absolut nichts Anziehendes. Für uns eben eine ganz fremdartige Erscheinung. Umsonst
nennen wir dieses Land nicht „Kaschubenland“ – jedenfalls eines ist sicher: Deutsche Frauen, Mütter
oder Bräute brauchen keine Angst zu haben, dass sich einer ihrer Lieben in die „rumänischen
Schönheiten“ vergafft. In Friedenszeiten mag es hier allerdings schöner sein. Heute wurden wir in
Gradistea entlaust.
31. März 1917
Noch sind wir hier in Balta-Alba. Erst in 8 Tagen soll es losgehen. Unsere künftige Stellung soll in der
Nähe von Focsani liegen, und zwar 100 m über dem Meeresspiegel. Sie soll gut ausgebaut und ruhig
sein.
Gestern Abend machte ich mit Palm und Rößner einen kleinen Spaziergang nach dem See hinunter.
Alles grünt und sprosst. Das Ufer fällt schroff und steil ab. Wildromantische Partien. Im Westen
schimmern die Ausläufer der Transilvanischen Alpen im herrlichen Abendrot. Drei Höhenzüge
vermag ich zu unterscheiden, von denen der hintere violett, der mittlere hellblau – fast grau und der
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Preußische Monatsbriefe
vordere dunkelgrün schillert. Das ganze Bild umgibt ein wunderbarer Rahmen, den im Vordergrund
der dunkelblaue See und im Hintergrund das rote Firmament bildet. Der Maler des farbenreichen
Bildes – der feuerrote Sonnenball – hat sich selbst in die linke obere Ecke gezeichnet.
Ein wunderbarer Abend, ein herrliches Naturbild. Sinnend sitze ich am hohen Ufer. Heimatbilder
tauchen vor mir auf, die schönen Tage in Flensburg und mancher Sonntagsausflug mit meinem Vater
und Bruder Ernst ziehen im Geiste an mir vorüber.
Begeistert und überwältigt von dem schönen und genussreichen Abend rufe ich die Worte aus: „Ach
wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet, wenn dein Glanz hernieder fällt, und den
Staub mit Schimmer malet, und das Licht, das in der Wolke blinkt, in mein stilles Fenster sinkt“.
Wahrlich, der erste Tag der mir hier in Rumänien Naturschönheiten bot.
(Wird fortgesetzt)
IMPRESSUM:
CHEFREFDAKTEUR (V.I.S.D.P.): PETER MUGAY; info@preussische-monatsbriefe.de;
( 0173 7089448 ); www.preussische-monatsbriefe.de
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Preußische Monatsbriefe
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Seele and Geist
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