close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Jack McEvoy ahnt, was auf ihn zukommt, als er ins - Random House

EinbettenHerunterladen
Z U M BUCH
Jack McEvoy ahnt, was auf ihn zukommt, als er ins Büro seines Chefs
gerufen wird. Die Kündigungswelle bei der L.A.Times erfasst auch ihn.
Doch statt wie üblich seinen Schreibtisch sofort räumen zu müssen,
gibt man ihm zwei Wochen Zeit, wenn er dafür seine junge Nachfolgerin einarbeitet. Jack willigt ein und plant im Geheimen seinen letzten großen Scoop. Ein schwarzer Jugendlicher wurde wegen brutaler
Folter und Mord an einer Tänzerin festgenommen, Jack aber ist überzeugt, dass der Junge unschuldig ist. Tatsächlich stößt McEvoy bei seiner Recherche auf einen fast identischen Mord in Las Vegas, den der
Junge nicht begangen haben kann. Beide Opfer wurden mit einer Plastiktüte erstickt und anschließend im Kofferraum eines Autos verstaut.
McEvoy ist sicher, dass es sich um ein und denselben Täter handelt.
Er verfolgt diese Spur und kommt dabei dem Mörder gefährlich nah.
Z U M AU TOR
Michael Connelly lebt und arbeitet in Florida. Bereits für seinen Debütroman Schwarzes Echo wurde er mit dem renommierten »Edgar
Award« ausgezeichnet. Zahlreiche Preise und Ehrungen folgten. Neben den Romanen um Detective Harry Bosch wurde er vor allem
durch seine Bestseller Der Poet, Das zweite Herz (verfilmt von und mit
Clint Eastwood), Schwarze Engel, Dunkler als die Nacht, Die Rückkehr des Poeten und Der Mandant (2011 verfilmt mit Matthew McConaughey und Ryan Philippe) bekannt. Zuletzt bei Heyne erschienen: So wahr uns Gott helfe.
Ein ausführliches Werkverzeichnis des Autors findet sich im Anschluss
des Romans.
MICHAEL CONNELLY
SEIN LETZTER
AUFTRAG
THRILLER
Aus dem Amerikanischen
von Sepp Leeb
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe T H E SC A R ECROW
erschien bei Little, Brown and Company, New York
2. Auflage
Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2012
Copyright © 2009 by Hieronymus, Inc.
Copyright © 2011 der deutschen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Werner Wahls
Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für Kommunikationsdesign,
München, Christian Otto unter Verwendung eines Fotos von
©plainpicture/ Millennium/ Davies Marcus
eISBN : 978-3-641-14844-7
www.heyne.de
Für James Crumley,
für Der letzte echte Kuss
eins
Die Farm
Carver ging im Kontrollraum auf und ab und wachte über
die vorderen Vierzig. Die Türme standen in exakt ausgerichteten Reihen vor ihm. Sie summten ruhig und effizient, und trotz allem, was er wusste, musste Carver staunen,
was die Technik zustande gebracht hatte. So viel auf so
engem Raum. Kein Rinnsal, sondern ein wilder, reißender
Datenstrom, der Tag für Tag an ihm vorbeirauschte. In hohen Stahlschloten vor ihm wuchs. Alles, was er tun musste,
war hineinzugreifen, zu schauen und auszuwählen. Es war
wie Goldwaschen.
Nur einfacher.
Er sah auf die Temperaturanzeigen. Im Serverraum lief
alles nach Plan. Er senkte den Blick auf die Monitore auf
den Arbeitsplätzen vor ihm. Seine drei Techniker arbeiteten gemeinsam am aktuellen Projekt. Ein dank Carvers
Können und Wachsamkeit abgewehrter Angriff. Jetzt die
Abrechnung.
Der Möchtegern-Eindringling war nicht durch die Mauern des Farmhauses gekommen, hatte aber überall seine
Fingerabdrücke hinterlassen. Grinsend beobachtete Carver, wie seine Männer die Brotkrumen auflasen, die IP-Adresse durch die Datenverkehrsknotenpunkte aufspürten,
eine Hochgeschwindigkeitsjagd zurück zum Ursprung.
Bald würde Carver wissen, wer der Eindringling war, wel7
cher Firma er angehörte, wonach er gesucht und welchen
Vorteil er sich davon erhofft hatte. Und Carver würde Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, die den glücklosen Kontrahenten vernichten würden. Carver kannte keine Gnade.
Niemals.
Über ihm begann der Alarm der Sicherheitsschleuse zu
summen.
»Monitore«, sagte Carver.
Gleichzeitig gaben die drei jungen Männer an den Arbeitsplätzen Befehle ein, die ihre Arbeit vor den Besuchern
verbargen. Die Tür des Kontrollraums ging auf, und McGinnis kam mit einem Mann herein, den Carver noch nie
gesehen hatte.
»Das ist unser Kontrollraum, und durch die Fenster
dort sehen Sie die ›vorderen Vierzig‹, wie wir sie nennen«,
sagte McGinnis. »Hier sind alle unsere Colocation-Dienste
zusammengefasst. Dort würden die Daten Ihrer Firma
hauptsächlich untergebracht werden. Wir haben da drinnen vierzig Türme, die an die tausend dedizierte Server fassen. Und selbstverständlich ist noch Platz für mehr. Der
Platz wird uns nie ausgehen.«
Der Mann nickte nachdenklich.
»Wegen des Platzes mache ich mir keine Sorgen. Uns
geht es um die Sicherheit.«
»Natürlich, und deswegen sind wir hierhergekommen.
Ich wollte Sie mit Wesley Carver bekanntmachen. Wesley
ist hier unten sozusagen unser Mädchen für alles. Er ist sowohl unser Technology Officer als auch unser leitender Sicherheitsingenieur und nicht zuletzt der Mann, der das Rechenzentrum geplant und entworfen hat. Er kann Ihnen
alle Fragen beantworten, die Sie zur Colocation-Sicherheit
haben.«
8
Die übliche Zirkusnummer. Carver schüttelte dem Mann
die Hand. Er wurde ihm als David Wyeth von der Anwaltskanzlei Mercer & Gissal aus St. Louis vorgestellt. Hörte
sich nach gebügelten weißen Hemden und feinem Tuch an.
Carver sah, dass Wyeth einen Soßenfleck auf der Krawatte
hatte. Wenn Kunden in die Stadt kamen, ging McGinnis
immer in Rosie’s Barbecue mit ihnen essen.
Carver zog seine übliche Nummer ab und erwähnte dabei alles, was der schnieke Anwalt hören wollte. Wyeth würde nach St. Louis zurückkehren und berichten, wie beeindruckt er gewesen war. Er würde den Kollegen erzählen, dass
das die Richtung sei, die sie einschlagen müssten, wenn die
Kanzlei mit den sich ändernden Technologien und Zeiten
Schritt halten wollte.
Und McGinnis würde einen weiteren Auftrag erhalten.
Während er sprach, dachte Carver die ganze Zeit an den
Angreifer, den sie gejagt hatten. Er war irgendwo da draußen und ahnte noch nicht, dass er prompt die Quittung erhalten würde. Carver und seine jungen Schüler würden seine Bankkonten abräumen, seine Identität annehmen und
Fotos von Männern, die sich an achtjährigen Jungen vergingen, auf seinem Bürocomputer verstecken, bevor sie ihn
mit einem Virus lahmlegten. Wenn es dem Angreifer nicht
gelänge, ihn zu entfernen, würde er einen Fachmann hinzuziehen. Die Fotos würden entdeckt und die Polizei verständigt. Der Angreifer wäre unschädlich gemacht. Eine
weitere Bedrohung, die von der Vogelscheuche abgewendet
worden war.
»Wesley?«, sagte McGinnis.
Carver wurde aus seinem Tagtraum gerissen. Der Anzug
hatte eine Frage gestellt. Seinen Namen hatte Carver bereits wieder vergessen.
9
»Ja, bitte?«
»Mr Wyeth wollte wissen, ob das Colocation-Zentrum
jemals geknackt wurde.«
McGinnis lächelte wissend, denn er kannte die Antwort
bereits.
»Nein, Sir, das ist noch niemandem gelungen. Obwohl
es, ehrlich gestanden, schon einige versucht haben. Aber
alle Angriffe sind fehlgeschlagen – mit verheerenden Folgen für diejenigen, die es versucht haben.«
Der Anzug nickte ernst. »Wir vertreten die Crème de la
Crème von St. Louis. Die Unantastbarkeit unserer Akten
und unserer Mandantenliste steht bei allem, was wir tun,
an erster Stelle. Deshalb bin ich persönlich hierhergekommen.«
Deswegen und wegen des Stripklubs, in den dich McGinnis ausgeführt hat, dachte Carver, ohne es zu sagen.
Stattdessen lächelte er, aber in seinem Lächeln war keine
Wärme. Er war froh, dass ihn McGinnis an den Namen des
Anzugs erinnert hatte.
»Keine Angst, Mr Wyeth«, sagte er. »Auf dieser Farm
wird Ihre Ernte in guten Händen sein.«
Wyeth erwiderte das Lächeln.
»Genau das wollte ich hören.«
10
zwei
Der Samtsarg
Jedes Augenpaar im Newsroom folgte mir, als ich aus Kramers Büro kam. Es wurde ein langer Weg. Die rosa Zettel
wurden immer freitags verteilt, und alle wussten, dass ich
gerade einen erhalten hatte. Nur hießen sie nicht mehr
rosa Zettel. Neuerdings nannte man sie PA-Formulare –
von Personalabbau.
Alle verspürten einen schwachen Schauder der Erleichterung, dass es nicht sie getroffen hatte, und einen schwachen Schauder der Besorgnis, weil ihnen klar war, dass sich
niemand in Sicherheit wiegen konnte. Jeder von ihnen
konnte als Nächster dran sein.
Ich wich allen Blicken aus, bis ich unter dem Lokalredaktionsschild durchging und endlich meine Koje erreichte. Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl sinken, wo
ich wie ein Soldat, der in einem Schützenloch verschwindet, nicht mehr zu sehen war.
Im selben Moment läutete mein Telefon. Auf dem Display sah ich, dass es Larry Bernard war. Er saß nur zwei Abteile weiter, wusste aber, wenn er mich persönlich aufsuchte,
wäre dies für andere in der Redaktion das unmissverständliche Zeichen, sich um mich zu scharen und das Offensichtliche zu fragen. In Rudeln arbeiten Reporter am liebsten.
Ich setzte mein Headset auf und nahm den Anruf entgegen.
11
»Hallo, Jack«, sagte er.
»Hi, Larry«, sagte ich.
»Und?«
»Was und?«
»Was wollte Kramer?«
Er sprach den Namen des leitenden Redakteurs wie
Crammer aus, der Spitzname, den Richard Kramer vor Jahren verpasst bekommen hatte, als er sich als Deskredakteur
mehr für die Quantität als die Qualität der Meldungen, die
er seine Reporter für die Zeitung hatte produzieren lassen,
interessiert hatte. Im Lauf der Zeit waren sein vollständiger
Name oder Teile davon auch noch auf andere Weise verballhornt worden.
»Du weißt doch, was er wollte. Er hat mir gekündigt. Ich
bin raus.«
»Im Ernst? Er hat dich gefeuert?«
»Richtig. Aber wie du weißt, nennt man das jetzt ›Personalabbaumaßnahme‹.«
»Musst du deinen Schreibtisch sofort räumen? Warte,
ich helfe dir.«
»Nein, zwei Wochen habe ich noch. Bis zum zweiundzwanzigsten, dann ist endgültig Schluss.«
»Zwei Wochen noch? Warum zwei Wochen?«
Die meisten PA-Opfer mussten ihren Arbeitsplatz auf
der Stelle räumen. Dazu war man übergegangen, nachdem
einer der ersten Empfänger eines Kündigungsschreibens
noch so lange hatte bleiben dürfen, wie ihm sein Gehalt gezahlt worden war. Daraufhin sahen ihn die Leute in der Redaktion an jedem seiner noch verbleibenden Tage mit einem Tennisball. Er tippte ihn auf, warf ihn hoch, drückte
ihn. Niemandem fiel auf, dass es jeden Tag ein anderer Ball
war. Und jeden Tag spülte er in der Herrentoilette einen
12
Ball hinunter. Etwa eine Woche, nachdem er weg war, verstopfte das Rohr, mit verheerenden Folgen.
»Sie haben mir die zwei Wochen zugestanden, wenn ich
mich bereiterkläre, meinen Nachfolger einzuarbeiten.«
Larry blieb eine Weile still, als er darüber nachdachte,
wie demütigend es war, seinen eigenen Nachfolger anlernen zu müssen. Aber für mich waren zwei Wochen Gehalt
zwei Wochen Gehalt, das ich nicht bekäme, wenn ich mich
nicht darauf einließe. Und außerdem konnte ich diese zwei
Wochen nutzen, um mich von denjenigen in der Redaktion und im Revier, die es verdient hatten, zu verabschieden. Die Alternative, nämlich von einem Security-Mann
mit einer Schachtel mit meinen persönlichen Dingen zum
Ausgang begleitet zu werden, hielt ich für noch demütigender. Ich war mir sicher, dass sie darauf achten würden,
dass ich keine Tennisbälle zur Arbeit mitbrachte, aber in
dieser Hinsicht brauchten sie sich keine Sorgen zu machen.
So etwas war nicht meine Art.
»Und das war alles? Mehr hat er nicht gesagt? Zwei Wochen und dann ist Schluss?«
»Er hat mir die Hand geschüttelt und gesagt, ich würde
doch ganz gut aussehen, ich sollte es beim Fernsehen versuchen.«
»Also echt, Mann. Da steht heute Abend aber ein gewaltiges Besäufnis an.«
»Auf jeden Fall.«
»Das ist einfach nicht in Ordnung, Mann.«
»Die ganze Welt ist nicht in Ordnung, Larry.«
»Wer ist denn dein Nachfolger? Immerhin einer, der
weiß, dass er vorerst nichts zu befürchten hat.«
»Angela Cook.«
»Passt. Die Cops werden begeistert sein.«
13
Larry war ein Freund, aber im Moment war mir nicht danach, über das alles mit ihm zu reden. Ich wollte über meine Alternativen nachdenken. Ich erhob mich ein wenig und
spähte über die 1,20 hohen Wände meiner Koje. Niemand
schaute mehr in meine Richtung. Ich ließ meinen Blick
zu den verglasten Büros der Redaktionsleiter schweifen.
Das von Kramer war ein Eckbüro, er stand hinter der Glasscheibe und schaute in den Newsroom hinaus. Als unsere
Blicke sich plötzlich trafen, wandte er sich schnell ab.
»Was willst du jetzt machen?«, fragte Larry.
Ich ließ mich wieder in meinen Stuhl sinken. »Ich hab
mir noch keine Gedanken gemacht, aber damit werde ich
jetzt anfangen. Wohin gehen wir, ins Big Wang’s oder ins
Short Stop?«
»Ins Short Stop. Im Wang’s war ich erst gestern Abend.«
»Bis dann also.«
Ich wollte gerade auflegen, als Larry mit einer letzten
Frage herausplatzte.
»Noch etwas. Hat er gesagt, welche Nummer du bist?«
Er wollte natürlich wissen, wie seine Chancen standen,
diesen jüngsten betrieblichen Aderlass zu überstehen.
»Als ich zu ihm reinging, fing er an, dass ich es fast geschafft hätte und wie schwer es wäre, die letzten Entscheidungen zu treffen. Er sagte, ich wäre Nummer neunundneunzig.«
Zwei Monate zuvor hatte die Zeitung angekündigt, dass
einhundert Redaktionsstellen gestrichen werden müssten,
um die Kosten zu senken und unsere Firmengötter milde
zu stimmen. Während ich Larry kurz darüber nachdenken
ließ, wer Nummer einhundert sein könnte, schaute ich
wieder zu Kramers Büro. Er stand immer noch hinter der
Glasscheibe.
14
»Wenn du meinen Rat hören willst, Larry, dann zieh mal
lieber den Kopf ein. Der Sensenmann steht am Fenster und
sucht gerade Nummer hundert.«
Ich drückte die Trenntaste, behielt aber das Headset auf.
Das würde hoffentlich jeden in der Redaktion davon abhalten, mich anzusprechen. Mir war klar, dass Larry den
anderen Reportern erzählen würde, dass ich ausgemustert
worden war, und dass sie anrücken würden, um mich zu
bedauern. Ich musste mich allerdings darauf konzentrieren, eine kurze Meldung über die Festnahme eines Verdächtigen in einem Auftragsmord zu Ende zu schreiben,
der von der Robbery Homicide Division des Los Angeles
Police Department aufgedeckt worden war. Dann konnte
ich mich aus der Redaktion verdrücken und in einer Bar
das Ende meiner Laufbahn im journalistischen Tagesgeschäft begießen. Denn das würde es werden. Für einen Polizeireporter über vierzig gab es auf dem gegenwärtigen
Zeitungsmarkt keinen Job mehr. Nicht, wenn ihnen ein
unerschöpflicher Vorrat an billigen Arbeitskräften zur Verfügung stand – Babyreporter wie Angela Cook, von der
USC und Medill und Columbia Jahr für Jahr frisch ausgespuckt, technologisch auf dem neuesten Stand und bereit, praktisch umsonst zu arbeiten. Wie die Papier-undDruckerschwärze-Presse war auch ich ein Auslaufmodell.
Jetzt war das Internet angesagt. Stündliche Uploads in Online-Ausgaben und Blogs. Fernseh-Tie-ins und Twitter-Updates. Jetzt schrieb man Meldungen mit seinem Handy,
anstatt sie mit seiner Hilfe an die Redaktion durchzugeben. Die Tageszeitung hätte sich genauso gut Tägliche Nachbetrachtungen nennen können. Alles, was darin stand, war
schon in der vorangegangenen Nacht ins Netz gestellt
worden.
15
Mein Telefon läutete, und ich war geneigt anzunehmen,
es wäre meine Exfrau, die im Washingtoner Büro bereits
davon gehört hatte, aber auf dem Display stand VELVET
COFFIN. Ich muss zugeben, ich war schockiert. Ich wusste, so schnell konnte Larry es nicht herumerzählt haben.
Gegen mein besseres Wissen ging ich dran. Wie nicht anders zu erwarten, war der Anrufer Don Goodwin, selbsternannter Wachhund und Chronist des Innenlebens der
L. A. Times.
»Hab’s gerade erfahren«, sagte er.
»Wann genau?«
»Jetzt gerade.«
»Und wie? Ich weiß es selbst erst seit fünf Minuten.«
»Jetzt hören Sie mal, Jack, Sie wissen genau, dass ich das
nicht preisgeben darf. Aber ich habe meine Wanzen in Ihrem Laden. Sie sind gerade aus Kramers Büro gekommen.
Sie haben es auf die Dreißigerliste geschafft.«
Die »Dreißigerliste« bezog sich auf all jene, die im Lauf
der Jahre im Zug des Personalabbaus der Zeitung hatten
dran glauben müssen. Dreißig war das traditionelle Pressekürzel für »Ende der Story«. Goodwin stand selbst auf dieser Liste. Auch er hatte bei der Times gearbeitet und war als
Redakteur auf der Überholspur gewesen, bis ein Besitzerwechsel in eine neue Finanzstrategie mündete. Als er sich
weigerte, für weniger mehr zu tun, wurde er kühl abserviert
und nahm schließlich die Abfindung an, die man ihm anbot. Das war noch zu einer Zeit gewesen, als man allen, die
freiwillig ausschieden, einen ordentlichen Batzen Geld
hinterherwarf – und bevor das Medienunternehmen, dem
die Times gehörte, Gläubigerschutz beantragte.
Goodwin nahm seine Abfindung und stieg mit einer
Website und einem Blog ins Geschäft ein, die alles aufdeck16
ten, was sich bei der Times intern abspielte. Zur grimmigen
Erinnerung an das, was die Zeitung einmal gewesen war,
nannte er sie thevelvetcoffin.com: ein Samtsarg, in dem es
sich so angenehm arbeiten ließ, dass man sich einfach hineinlegte und blieb, bis man starb. Infolge des ständigen
Wechsels von Besitzer und Management und wegen des Personalabbaus und des kontinuierlichen Belegschafts- und
Budgetschwunds wurde die Zeitung allerdings mehr und
mehr zu einer Holzkiste. Und Goodwin war da, um jeden
Schritt und Fehltritt ihres Niedergangs zu dokumentieren.
Sein Blog wurde fast täglich aktualisiert und von jedem
in der Redaktion heimlich, aber aufmerksam gelesen. Ich
war nicht sicher, ob sich die Welt außerhalb der dicken,
bombensicheren Mauern der Times groß dafür interessierte. Die Times ging den Weg allen Journalismus, das war
nichts Neues. Sogar die New York Times spürte das Zwicken,
das der Richtungswechsel zum Internet hin verursachte,
den die Gesellschaft in Sachen Nachrichtenwesen und Werbung gerade durchlief. Der Bagatellkram, über den Goodwin berichtete und dessentwegen er mich anrief, kam etwa
einem Umstellen der Deckstühle auf der Titanic gleich.
Aber in zwei Wochen würde mich das alles nicht mehr
groß kümmern. Ich blickte nach vorn und dachte bereits
an den halbherzig angefangenen Roman, den ich in meinem Computer hatte. Sobald ich nach Hause kam, würde
ich dieses Lieblingsprojekt hervorkramen. Ich wusste, ich
konnte noch mindestens ein halbes Jahr lang meine Rücklagen anzapfen, und danach konnte ich mich, wenn nötig,
mit dem Eigenkapitalanteil an meinem Haus über Wasser
halten – je nachdem, was davon nach der Wirtschaftskrise
noch übrig war. Außerdem konnte ich in Sachen Auto
abspecken und Benzinkosten sparen, indem ich mir eine
17
dieser Hybrid-Blechbüchsen zulegte, die seit neuestem jeder in der Stadt fuhr.
Ich begann meinen Schubs zur Tür hinaus bereits als
Chance zu sehen. Im Grunde seines Herzens möchte ja jeder Journalist ein Romanautor sein. Es ist der Unterschied
zwischen Kunst und Handwerk. Jeder Schreiberling will als
Künstler angesehen werden, und jetzt würde ich es darauf
ankommen lassen. Der halbe Roman, der zu Hause auf
mich wartete – ich konnte mich nicht mal mehr richtig an
seinen Plot erinnern –, war mein Einstieg.
»Müssen Sie Ihren Schreibtisch sofort räumen?«, fragte
Goodwin.
»Nein. Wenn ich meinen Nachfolger anlerne, bekomme
ich noch zwei Wochen. Ich habe mich dazu bereiterklärt.«
»Wie nobel von ihnen. Gestehen sie einem jetzt nicht
mal mehr das letzte Restchen Würde zu?«
»Was wollen Sie eigentlich? Es ist auf jeden Fall besser,
als gleich heute mit einer Schachtel abzuziehen. Zwei Wochen Gehalt sind zwei Wochen Gehalt.«
»Aber finden Sie das etwa fair? Wie lang sind Sie jetzt
schon bei denen? Sechs, sieben Jahre, und sie geben Ihnen
zwei Wochen?«
Er versuchte, mir einen verbitterten Kommentar zu entlocken. Ich war Reporter. Ich wusste, wie das lief. Er wollte
eine gesalzene Bemerkung, die er in den Blog stellen konnte. Aber ich biss nicht an. Ich gab Goodwin zu verstehen,
dass ich keinen weiteren Kommentar für Velvet Coffin hätte, jedenfalls nicht, solange ich hier nicht endgültig meine
Zelte abgebrochen hätte. Mit dieser Antwort gab er sich
nicht zufrieden und versuchte weiter, mir einen Kommentar zu entlocken, doch dann ertönte das Anklopfzeichen.
Ich schaute auf die Anrufererkennung, dem XXXXX auf
18
dem Display entnahm ich, dass der Anruf von der Zentrale
durchgestellt worden war und nicht von jemandem kam,
der meine Durchwahl hatte. »Tut mir leid, Don, ich muss
jetzt Schluss machen. Da kommt gerade ein Anruf rein.«
Ich drückte auf die Trenntaste. »Hier Jack McEvoy«, sagte ich nach dem Umschalten.
Stille.
»Hallo, hier spricht Jack McEvoy. Was kann ich für Sie
tun?«
Halten Sie mich meinetwegen für voreingenommen,
aber mir war sofort klar, dass die Person, die schließlich
antwortete, weiblich, schwarz und ungebildet war.
»McEvoy? Wann werden Sie endlich die Wahrheit sagen,
McEvoy?«
»Mit wem spreche ich bitte?«
»Sie verbreiten Lügen, McEvoy, in Ihrer Zeitung.«
Ich wünschte, es wäre meine Zeitung.
»Entschuldigung, Ma’am, aber wenn Sie mir vielleicht
erst mal sagen würden, wer Sie sind und worüber Sie sich
beschweren wollen, werde ich mir das gern anhören. Andernfalls muss ich …«
»Jetzt behaupten Sie auf einmal, Mizo ist schon ein Erwachsener, und das ist ja nun totaler Scheiß. Er hat dieses
Flittchen nicht umgebracht.«
Mir war sofort klar, dass es einer dieser Anrufe war. Einer
dieser Anrufe zur Verteidigung »Unschuldiger«. Die Mutter oder Freundin, die mir unbedingt klarmachen musste,
wie falsch meine Meldung war. Derartige Anrufe bekam
ich ständig, aber nicht mehr allzu lange. Ich fand mich damit ab, diesen Anruf so schnell und höflich wie möglich zu
erledigen.
»Wer ist Mizo?«
19
»Zo. My Zo. Mein Sohn Alonzo. Er hat nichts gemacht,
und er ist noch nicht erwachsen.«
Sie haben nie etwas getan. Niemand ruft einen an, um
einem zu sagen, dass man die Sache richtig sieht oder dass
die Polizei die Sache richtig sieht und dass ihr Sohn oder
Ehemann oder Freund zu Recht angeklagt wird. Niemand
ruft einen aus dem Gefängnis an, um einem zu sagen, dass
er es getan hat. Alle sind unschuldig. Das Einzige an dem
Anruf, was ich nicht verstand, war der Name. Ich hatte über
niemanden etwas geschrieben, der Alonzo hieß – daran
hätte ich mich erinnert.
»Ma’am, sind Sie bei mir auch an der richtigen Stelle? Ich
glaube nicht, dass ich etwas über Alonzo geschrieben habe.«
»Klar haben Sie das. Hier steht doch Ihr Name. Sie haben gesagt, er hätte sie in den Kofferraum gepackt, aber das
ist totaler Quatsch.«
Jetzt fiel bei mir der Groschen. Der Kofferraummörder
von letzter Woche. Es war ein Fünfzehn-Zeilen-Kurzbeitrag gewesen, weil sich in der Redaktion niemand groß dafür interessiert hatte. Jugendlicher Drogendealer erwürgt
eine seiner Kundinnen und packt die Leiche in den Kofferraum ihres Autos. Es war zwar eine sogenannte Schwarzgegen-Weiß-Straftat, aber weil das Opfer Drogen genommen hatte, hatte sich in der Redaktion trotzdem niemand
dafür interessiert. Sowohl sie als auch ihr Mörder waren
von der Zeitung marginalisiert worden. Wenn man anfängt, Ausflüge nach South L. A. zu machen, um Heroin
oder Crack zu kaufen, dann kann so etwas schon mal passieren. Da braucht man von der grauhaarigen Lady in der
Spring Street kein Mitgefühl zu erwarten. Für so was ist in
der Zeitung nicht viel Platz. Fünfzehn Zeilen irgendwo im
Innenteil, das ist auch schon alles.
20
Mir wurde klar, dass mir der Name Alonzo deshalb nichts
sagte, weil ich ihn nie erfahren hatte. Der Verdächtige war
sechzehn Jahre alt, und die Namen festgenommener Minderjähriger rückte die Polizei nicht heraus.
Ich wühlte in dem Zeitungsstapel auf meinem Schreibtisch, bis ich den Lokalteil vom Dienstag vor zwei Wochen
fand. Ich blätterte ihn durch und überflog die Meldung.
Sie war nicht lang genug, um unter der Überschrift eine Byline zu haben. Aber immerhin hatte der Redakteur meinen
Namen druntergesetzt. Sonst hätte ich den Anruf nicht erhalten. Ich Glücklicher!
»Alonzo ist also Ihr Sohn«, sagte ich. »Und er wurde
Sonntag vor einer Woche wegen Mordes an Denise Babbit
verhaftet, ist das richtig?«
»Ich hab Ihnen doch gesagt, das ist ausgemachte
Scheiße.«
»Schon, aber das ist die Meldung, über die wir hier reden. Richtig?«
»Richtig. Und wann werden Sie endlich die Wahrheit
schreiben?«
»Die Wahrheit, nehme ich mal an, ist, dass Ihr Sohn unschuldig ist.«
»Allerdings. Das stimmt alles hinten und vorn nicht,
und jetzt heißt es sogar, er wird wie ein Erwachsener behandelt, aber dabei ist er doch erst sechzehn. Wie können
sie einem Jungen so was antun?«
»Wie heißt Alonzo mit Nachnamen?«
»Winslow.«
»Alonzo Winslow. Und Sie sind Mrs Winslow?«
»Nein, bin ich nicht«, sagte sie ungehalten. »Wollen Sie
jetzt etwa auch noch meinen Namen mit einem Haufen
Lügen in die Zeitung bringen?«
21
»Nein, Ma’am. Ich will nur wissen, mit wem ich spreche,
mehr nicht.«
»Wanda Sessums. Ich will nicht, dass mein Name in die
Zeitung kommt. Ich will nur, dass Sie die Wahrheit schreiben, mehr nicht. Sie ruinieren seinen Ruf, wenn Sie ihn einfach so als Mörder hinstellen.«
Ruf war ein Reizwort, wenn es darum ging, Falschmeldungen einer Zeitung auszubügeln, aber ich hätte fast laut
losgelacht, als ich die Meldung überflog, die ich geschrieben hatte.
»Hier steht, dass er wegen Mordes verhaftet wurde, Mrs
Sessums. Das ist keine Lüge. Das ist richtig.«
»Verhaftet wurde er schon, aber getan hat er es nicht.
Der Junge tut keiner Fliege was zuleide.«
»Laut Aussagen der Polizei hat er ein stattliches Vorstrafenregister. Er hat schon mit zwölf Drogen verkauft. Ist das
auch falsch?«
»Er hat immer an den Straßenecken gestanden, das
schon, aber das heißt noch lange nicht, dass er jemanden
umgebracht hat. Die wollen ihm das nur anhängen, und
Sie mischen kräftig dabei mit, dabei haben Sie doch keine
Ahnung.«
»Die Polizei sagt, er hat gestanden, die Frau umgebracht
und ihre Leiche in den Kofferraum gepackt zu haben.«
»Alles erstunken und erlogen! So etwas hätte er nie
getan.«
Mir war nicht klar, ob sie sich damit auf den Mord oder
das Geständnis bezog, aber es spielte auch keine Rolle. Ich
musste sie loswerden. Ich schaute auf den Bildschirm und
stellte fest, dass sechs E-Mails eingegangen waren, seit ich
aus Kramers Büro zurückgekommen war. Ich wollte dieses
Telefonat hinter mich bringen und diese Geschichte und
22
alles andere Angela Cook überlassen. Sollte die sich mit
diesen ganzen verrückten Anrufern herumschlagen. Sollte
die doch die Suppe auslöffeln.
»Also gut, Mrs Winslow, ich …«
»Ich heiße Sessums, habe ich Ihnen doch gesagt! Sehen
Sie jetzt selbst, wie Sie immer alles durcheinanderbringen?«
Da hatte sie nicht ganz Unrecht. Ich überlegte kurz, bevor ich sagte:
»Entschuldigung, Mrs Sessums. Ich habe mir hier alles
notiert und werde mich der Sache annehmen, und wenn es
etwas gibt, worüber ich schreiben kann, werde ich Sie auf
jeden Fall anrufen. Bis dahin alles Gute und …«
»Nein, werden Sie nicht.«
»Was werde ich nicht?«
»Bei mir anrufen.«
»Ich habe doch gerade gesagt, ich rufe Sie an, sobald
ich …«
»Sie haben mich doch gar nicht nach meiner Nummer
gefragt! Es interessiert Sie einen feuchten Dreck. Sie sind
genauso ein mieser Scheißkerl wie alle anderen auch, und
mein Junge kommt für etwas ins Gefängnis, was er gar nicht
getan hat.«
Sie hängte ein. Eine Weile saß ich reglos da und dachte über das nach, was sie über mich gesagt hatte, dann
warf ich den Lokalteil auf den Zeitungsstapel zurück. Ich
schaute auf das Notizbuch vor meiner Tastatur. Natürlich
hatte ich mir keine Notizen gemacht, und auch in diesem
Punkt hatte mich die vermeintlich ignorante Frau durchschaut.
Ich lehnte mich zurück und betrachtete die Einrichtung
meiner Koje. Ein Schreibtisch, ein Computer, ein Telefon
23
und zwei Regale voll mit Akten, Notizbüchern und Zeitungen. Ein rotes ledergebundenes Wörterbuch, so alt und oft
benutzt, dass das Webster’s auf dem Rücken nicht mehr zu
erkennen war. Meine Mutter hatte es mir geschenkt, als ich
ihr gestand, dass ich schreiben wollte.
Das war alles, was mir nach zwanzig Jahren Journalismus geblieben war. Und alles, was mir etwas bedeutete und
was ich nach Ablauf der zwei Wochen mitnehmen würde,
war dieses Wörterbuch.
»Hi, Jack.«
Ich riss mich von meinen Gedanken los und schaute in
das reizende Gesicht von Angela Cook. Ich kannte sie
nicht, aber ich wusste, was sie war: ein Frischling von einer
Eliteschule, ein sogenannter Mojo – ein mobiler Journalist,
für den es die natürlichste Sache der Welt war, seine Berichte
mittels der verfügbaren elektronischen Kommunikationsmittel direkt vor Ort an die Redaktion zu übermitteln: Text
und Fotos für die Website oder die Zeitung, Video- und
Audiomaterial für Fernseh- und Radiopartner. Für das alles war sie ausgebildet, aber in Wirklichkeit war sie noch
total grün hinter den Ohren. Wahrscheinlich bekam sie
fünfhundert Dollar die Woche weniger als ich, und das war
ihr eigentliches Plus. Ungeachtet der Meldungen, die ihr
entgehen würden, weil sie keine Quellen hatte. Ungeachtet
der vielen Male, bei denen sie von der Polizei, die sich keine
Gelegenheit für so etwas entgehen ließ, ausgetrickst und
für ihre Zwecke eingespannt würde.
Außerdem bliebe sie wahrscheinlich nur kurze Zeit bei
der Zeitung. Sie würde ein paar Jahre Erfahrungen und
vorzeigbare Artikel sammeln und sich dann höheren Aufgaben zuwenden, einem Jurastudium oder einer Karriere
in der Politik, vielleicht auch einer Stelle beim Fernsehen.
24
Larry hatte jedenfalls Recht. Sie sah richtig gut aus mit ihrer blonden Mähne, den grünen Augen und vollen Lippen.
Die Cops würden begeistert sein, es würde keine Woche
dauern, bis sie mich vergessen hatten.
»Hallo, Angela.«
»Mr Kramer meinte, ich sollte zu Ihnen kommen.«
Sie verloren wirklich keine Zeit. Keine fünfzehn Minuten war es her, dass ich meine Kündigung erhalten hatte,
und schon klopfte meine Nachfolgerin an die Tür.
»Wissen Sie was, Angela«, sagte ich. »Es ist Freitagnachmittag, und ich wurde gerade gefeuert. So viel Zeit muss
schon noch sein. Setzen wir uns einfach Montagmorgen
zusammen, ja? Wir gehen einen Kaffee trinken, und dann
nehme ich Sie ins Parker Center mit und stelle Sie ein paar
Leuten vor. Einverstanden?«
»Aber sicher, klar. Und, äh, tut mir wirklich leid, ja?«
»Danke, Angela, aber das ist schon okay. Am Ende wird
sich, glaube ich, sowieso herausstellen, dass es das Beste für
mich war. Wenn ich Ihnen aber trotzdem noch leid tue,
könnten Sie heute Abend im Short Stop vorbeischauen
und mir einen ausgeben.«
Sie versuchte, ihre Verlegenheit mit einem Lächeln zu
überspielen, denn wir beide wussten, dass es dazu nicht
kommen würde. Die junge Generation verkehrte mit der
alten weder in der Redaktion noch außerhalb. Und schon
gar nicht mit mir. Ich gehörte zum alten Eisen, und sie hatte weder Zeit noch Lust, sich mit den Ausgemusterten abzugeben. An diesem Abend ins Short Stop zu kommen,
wäre wie ein Besuch in einer Leprastation.
»Na ja, vielleicht ein andermal«, sagte ich rasch. »Dann
also bis Montagmorgen, ja?«
»Montagmorgen. Und der Kaffee geht auf mich.«
25
Sie lächelte, und mir wurde klar, dass sie diejenige war,
die Kramers Rat beherzigen und es beim Fernsehen versuchen sollte.
Sie wandte sich zum Gehen.
»Ach, Angela?«
»Ja?«
»Nennen Sie ihn nicht Mr Kramer. Das hier ist eine Zeitungsredaktion, keine Anwaltskanzlei. Und die meisten
Typen, die hier was zu sagen haben, verdienen es nicht, mit
Mister angesprochen zu werden. Behalten Sie das im Gedächtnis, und Sie kommen hier gut zurecht.«
Sie lächelte wieder und ließ mich allein. Ich zog mir den
Stuhl an den Schreibtisch und öffnete ein neues Dokument. Ich hatte noch eine Mordmeldung fertig zu schreiben, bevor ich die Redaktion verlassen und meinen Kummer in Rotwein ersäufen durfte.
Nur drei andere Reporter erschienen zu meiner Totenwache. Larry Bernard und zwei Typen aus der Sportredaktion,
die allerdings auch unabhängig von mir ins Short Stop gekommen sein könnten. Wäre Angela Cook aufgetaucht,
wäre es peinlich gewesen.
Das Short Stop war am Sunset Boulevard in Echo Park.
Es lag nicht weit vom Dodger Stadium, weshalb sein Name
vermutlich mit der Nähe zum Baseball zusammenhing. Es
war auch nicht weit zur Los Angeles Police Academy, weshalb es ursprünglich eine Polizistenkneipe gewesen war. Es
war die Sorte Bar, wie man sie aus Romanen von Joseph
Wambaugh kennt, in die Cops mit ihresgleichen und mit
den Groupies, die nicht über sie urteilten, kamen. Aber
diese Zeiten waren längst vorbei. Echo Park änderte sich.
Es entwickelte sich in Richtung Hollywood-Chic, und die
26
Cops wurden von den Yuppies, die in die Gegend zogen,
aus dem Short Stop gedrängt. Die Preise gingen rauf, und
die Cops suchten sich andere Kneipen. An den Wänden
hingen zwar immer noch Utensilien aus der Polizeiarbeit,
aber ein Cop hatte sich schon lange nicht mehr hierherverirrt.
Trotzdem mochte ich den Laden, denn er lag nicht weit
von Downtown und auf dem Weg zu meinem Haus in
Hollywood.
Es war noch früh, wir konnten uns die Hocker an der Bar
aussuchen. Wir nahmen die vier direkt vor dem Fernseher;
ich, Larry, dann Shelton und Romano, die zwei Sportreporter. Weil ich die beiden nicht besonders gut kannte, war
es mir nur recht, dass Larry zwischen uns saß. Sie sprachen
die ganze Zeit über ein Gerücht, demzufolge die meisten
Sportressorts neu sortiert werden würden, und sie hofften,
ein Stück vom Dodgers- oder Lakerskuchen abzubekommen, den begehrtesten Ressorts bei der Zeitung, dichtauf
gefolgt von Football und Basketball. Die Kunst der Sportberichterstattung erstaunte mich immer wieder von neuem.
In neun von zehn Fällen kennen die Leser den Ausgang der
Geschichte bereits, wenn sie zu lesen beginnen. Sie wissen,
wer gewonnen hat, und wahrscheinlich haben sie das Spiel
sogar gesehen. Trotzdem lesen sie darüber, und man muss
eine Möglichkeit finden, Einblicke zu vermitteln, die das
Ganze neu und spannend machen.
Ich mochte das Polizeiressort, weil ich hier dem Leser in
der Regel eine Geschichte erzählen konnte, die er nicht
kannte. Ich schrieb über die schlimmen Dinge, die passieren können. Über das Leben in seinen Extremen. Über die
Unterwelt, mit der unsere Leser, die bei Toast und Kaffee
am Frühstückstisch saßen, in der Regel nie etwas zu tun
27
bekamen. Was jedoch nicht hieß, dass sie nicht trotzdem
darüber Bescheid wissen wollten. Das gab mir einen gewissen Kick, und wenn ich abends nach Hause fuhr, fühlte ich
mich wie der Größte.
Und jetzt, wo ich hier über einem Glas billigem Rotwein
saß, wusste ich, dass mir das am meisten fehlen würde.
»Weißt du, was ich gehört habe«, sagte Larry zu mir.
»Nein, was?«
»Dass bei einer dieser Entlassungen in Baltimore ein
Typ seine Abfindung eingestrichen und an seinem letzten
Arbeitstag einen Beitrag abgeliefert hat, der von A bis Z erfunden war. Er hat sich das Ganze einfach ausgedacht.«
»Aber es wurde gedruckt?«
»Klar, das konnten sie ja nicht ahnen, bis am nächsten
Tag massenhaft empörte Anrufe eingingen.«
»Worum ging es?«
»Keine Ahnung. Jedenfalls war das sein ›Leckt mich am
Arsch‹ ans Management.«
Ich nahm einen Schluck Wein und dachte darüber nach.
»Nicht wirklich«, sagte ich schließlich.
»Wieso nicht? Natürlich war es das.«
»Ich glaube eher, im Management haben sie sich darauf
nur beifällig zugenickt und es als Bestätigung gesehen,
dass sie den Richtigen losgeworden sind. Wenn man denen
wirklich ›Leckt mich am Arsch‹ sagen will, sollte man etwas
tun, was ihnen das Gefühl vermittelt, dass es eine Riesendummheit von ihnen war, einen rauszuschmeißen. Etwas, was ihnen klarmacht, dass sie lieber nicht jemand anders hätten einstellen sollen.«
»Ach so. Ist es das, was du vorhast?«
»Nein, Mann, ich werde mich einfach in aller Stille verdrücken. Ich werde einen Roman veröffentlichen. Das wird
28
mein ›Leckt mich am Arsch‹ sein. Das ist übrigens auch der
Arbeitstitel: Leck mich am Arsch, Kramer.«
»Genau!«
Bernard lachte, und wir wechselten das Thema. Doch
während wir uns über andere Dinge unterhielten, dachte
ich weiter über das große »Leckt mich am Arsch« nach. Ich
dachte über den Roman nach, den ich weiterschreiben und
zu Ende bringen würde. Am liebsten wäre ich sofort nach
Hause gefahren, um damit zu beginnen. Ich glaubte, es
würde mir helfen, die nächsten zwei Wochen zu überstehen, wenn mich diese Arbeit jeden Abend zu Hause erwarten würde.
Mein Handy läutete, meine Exfrau. Mir war klar, dass
ich das hinter mich bringen musste. Ich rutschte von meinem Barhocker und ging auf den Parkplatz hinaus, wo es
leiser war.
In Washington waren sie uns drei Stunden voraus, bei
ihr war es also fast zehn Uhr. Dennoch war die Nummer im
Display die ihres Büros.
»Keisha, du arbeitest immer noch?«
»Ich hetze gerade der Post mit einer Story hinterher und
warte auf Rückrufe.«
Der Segen und der Fluch, für eine Westküstenzeitung zu
arbeiten, war, dass der letzte Abgabetermin drei Stunden
nach dem Zeitpunkt lag, zu dem die Washington Post und
die New York Times – die schärfsten Konkurrenten – Feierabend machten. Das hieß, dass die L. A. Times immer die
Chance hatte, ihre Knüller zu übernehmen oder sogar zu
toppen. Am Morgen danach konnte die L. A. Times bei einer
wichtigen Meldung mit den aktuellsten und besten Informationen als Sieger aus dem Rennen hervorgehen. Außerdem wurde es in den heiligen Hallen der Regierung, drei29
tausend Meilen von L. A. entfernt, ein Muss, die OnlineAusgabe der L. A. Times zu lesen.
Und als einer der dienstjüngsten Reporter im Washingtoner Büro hatte Keisha Russell die Spätschicht. Häufig
fiel es ihr zu, Meldungen nachzugehen und die neuesten
Einzelheiten und Entwicklungen beizusteuern.
»Ganz schön nervig«, sagte ich.
»Nicht so schlimm wie das, was dir heute passiert ist.«
Ich nickte.
»Ja, ich wurde abgebaut, Keish.«
»Das tut mir wirklich leid, Jack.«
»Ich weiß. Tut es jedem. Danke.«
Mir hätte klar sein müssen, dass ich auf der Abschussliste stand, als sie mich zwei Jahre zuvor nicht mit ihr nach
Washington geschickt hatten, aber das war eine andere Geschichte. Zwischen uns tat sich ein Schweigen auf, und ich
versuchte, daraufzutreten.
»Ich werde meinen Roman wieder rausholen und zu
Ende schreiben«, sagte ich. »Ich habe einige Rücklagen,
und im Haus müsste auch noch Geld stecken. Ich müsste
also noch mindestens ein Jahr über die Runden kommen.
Wahrscheinlich heißt es: jetzt oder nie.«
»Auf jeden Fall«, sagte Keisha mit gespieltem Enthusiasmus. »Das schaffst du bestimmt.«
Ich wusste, dass sie, als wir noch zusammen waren, das
Manuskript eines Tages gefunden und gelesen hatte. Allerdings hatte sie es nie zugegeben, weil sie mir sonst hätte sagen müssen, was sie davon hielt. Sie wäre nicht in
der Lage gewesen, mit ihrer Meinung hinterm Berg zu
halten.
»Wirst du in L. A. bleiben?«, fragte sie.
Das war eine gute Frage. Der Roman spielte in Colorado,
30
wo ich aufgewachsen war, aber ich mochte die Energie von
L. A. und wollte nicht weg.
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich will das
Haus nicht verkaufen. Der Markt ist noch zu schlecht. Lieber nehme ich, wenn nötig, eine Hypothek darauf auf und
bleibe hier. Abgesehen davon möchte ich mich vorerst
noch nicht mit so was beschäftigen. Im Augenblick feiere
ich gerade das Ende.«
»Bist du im Red Wind?«
»Nein, im Short Stop.«
»Wer ist alles da?«
Jetzt war ich blamiert.
»Ach ja, du weißt schon, die üblichen Kandidaten. Larry
und ein paar Typen aus der Lokalredaktion, zwei Sportreporter.«
Es verstrich der Bruchteil einer Sekunde, bevor sie etwas
sagte, und mit diesem Zögern verriet sie, dass sie wusste,
dass ich übertrieb, wenn nicht sogar rundweg log.
»Und du denkst, du kriegst das hin, Jack?«
»Klar, auf jeden Fall. Ich … ich muss mir nur darüber
klarwerden, was …«
»Entschuldige, Jack, da kommt gerade einer meiner
Rückrufe rein.«
Sie hörte sich nervös an. Falls sie den Anruf verpasste,
käme möglicherweise kein zweiter.
»Geh ran!«, sagte ich rasch. »Wir reden später.«
Ich drückte die Trenntaste, froh, dass mir irgendein Politiker in Washington die zusätzliche Peinlichkeit erspart
hatte, über mein Leben mit meiner Exfrau zu sprechen, mit
deren Karriere es Tag für Tag aufwärtsging, während meine gerade den Bach hinunterging. Als ich mein Handy in
die Tasche steckte, fragte ich mich, ob sie den eingehenden
31
Anruf nur vorgeschützt hatte, um der Peinlichkeit auch für
sich ein Ende zu machen.
Ich ging in die Bar zurück und beschloss, Nägel mit
Köpfen zu machen. Ich bestellte einen Irish Car Bomb. Ich
trank ihn rasch, und der Jameson’s brannte auf dem Weg
nach unten wie heißes Fett. Meine Laune sank vollends in
den Keller, als ich mit ansehen musste, wie die Dodgers zu
einem Match gegen die verhassten Giants antraten und
schon im ersten Inning deklassiert wurden.
Romano und Shelton waren die ersten, die das Handtuch warfen, und im dritten Inning hatte sich sogar Larry
Bernard genügend volllaufen und genügend an die düstere Zukunft des Zeitungsgeschäfts erinnern lassen. Er
rutschte von seinem Hocker und legte mir die Hand auf die
Schulter.
»Da geh ich nun, und sei’s auch nur dank Gottes Gnade«, sagte er.
»Was?«
»Es hätte auch mich treffen können. Es hätte jeden in
der Redaktion treffen können. Aber sie haben dich ausgesucht, weil du das dicke Gehalt kassierst. Du bist vor sieben
Jahren zu uns gekommen, Mr Bestseller und Larry King
und was sonst noch alles. Sie mussten dir damals ganz
schön viel zahlen, um dich zu kriegen, und deshalb bist du
jetzt auf die Abschussliste gekommen. Ehrlich gestanden,
wundert es mich, dass du dich überhaupt so lang halten
konntest.«
»Na ja, egal warum. Das macht die Sache nicht einfacher.«
»Ich weiß, aber sagen musste ich es dir trotzdem. Ich
gehe dann mal. Was ist mit dir?«
»Einen genehmige ich mir noch.«
32
»Lieber nicht, Mann, du bist schon mehr als voll.«
»Nur noch einen. Und notfalls nehme ich mir ein Taxi.«
»Lass dich bloß nicht in dem Zustand am Steuer erwischen. Das würde dir jetzt gerade noch fehlen.«
»Was sollen sie schon groß machen? Mich feuern?«
Er nickte, als hätte ich gerade ein schlagendes Argument
vorgebracht, dann klatschte er mir eine Spur zu fest auf
den Rücken und schlurfte aus der Bar. Ich blieb allein sitzen und sah mir weiter das Spiel an. Bei meinem nächsten
Drink sparte ich mir das Guinness und den Bailey’s und
ging zu Jameson’s auf Eis über. Davon trank ich dann statt
dem einen noch zwei oder drei mehr. Und ich dachte darüber nach, dass ich mir das Ende meiner Karriere eigentlich
etwas anders vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, zu diesem
Zeitpunkt Zehntausend-Wörter-Beiträge für Esquire und
Vanity Fair zu schreiben. Ich hatte mir vorgestellt, dass sie
zu mir kommen würden und nicht ich zu ihnen. Dass ich
mir aussuchen könnte, worüber ich schreiben wollte.
Ich bestellte noch einen, und der Barkeeper schlug mir
einen Deal vor. Er wollte mir nur Whiskey auf meine Eiswürfel gießen, wenn ich ihm meinen Autoschlüssel gäbe.
Das hörte sich nach einem guten Geschäft für mich an,
und ich ging darauf ein.
Während dann der Whiskey von unten meine Kopfhaut
ansengte, dachte ich an Larry Bernards Geschichte von
dem Kerl aus Baltimore und dem ultimativen ›Leckt mich
am Arsch‹. Ich glaube, ich nickte mir ein paarmal selbst zu
und prostete der lahmen Ente von Journalist zu, der diese
Nummer abgezogen hatte.
Und dann brannte sich eine andere Idee durch und sengte einen Abdruck in mein Hirn. Eine Variante des Baltimore-›Leckt mich‹. Eine mit einer gewissen Integrität und
33
so unauslöschlich wie ein in einen Glaspokal gravierter
Name. Den Ellbogen auf den Tresen gestützt, hob ich das
Glas erneut. Aber diesmal auf mich selbst.
»Der Tod ist mein Metier«, flüsterte ich. »Davon lebe
ich. Darauf baue ich meinen Ruf als Journalist.«
Worte, die schon zuvor gesprochen worden waren, aber
nicht als meine eigene Grabrede. Ich nickte mir selbst zu
und wusste, wie ich mich verabschieden würde. Ich hatte
im Lauf der Jahre bestimmt tausend Mordstorys geschrieben. Ich würde noch eine mehr schreiben. Eine Story, die
als Grabstein auf meiner Karriere stehen würde. Eine Story,
die sie an mich erinnern würde, wenn ich nicht mehr war.
Das Wochenende war ein Nebel aus Alkohol, Wut und Erniedrigung, in dem ich mich mit einer neuen Zukunft herumschlug, die keine war. Am Samstagvormittag öffnete
ich in einer kurzen Ausnüchterungsphase die Datei mit
meinem in Arbeit befindlichen Roman und begann zu lesen. Ich sah bald, was meine Exfrau vor langer Zeit gesehen
hatte. Was ich schon lange hätte sehen sollen. Es war
nichts, und ich machte mir etwas vor, wenn ich glaubte, es
wäre was.
Ich müsste wieder bei Null anfangen, und der Gedanke
daran war lähmend. Als ich mir ein Taxi zurück zum Short
Stop nahm, um meinen Wagen zu holen, endete das damit,
dass ich blieb und den Laden am frühen Sonntagmorgen
als Letzter verließ, zusah, wie die Dodgers erneut verloren,
und im Suff wildfremden Menschen erzählte, wie verrottet
die Times und das ganze Zeitungsgeschäft waren.
Ich brauchte bis Montagvormittag, um mich wieder zu
berappeln. Nachdem ich es endlich geschafft hatte, meinen Wagen im Short Stop abzuholen, trudelte ich 45 Mi34
nuten zu spät zur Arbeit ein, und ich konnte immer noch
den Alkohol riechen, der aus meinen Poren drang.
Angela Cook saß bereits an meinem Schreibtisch, auf
einem Stuhl, den sie sich aus einer der leeren Kojen geholt
hatte. Davon gab es inzwischen einige.
»Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, Angela«, sagte
ich. »Es war gewissermaßen ein verlorenes Wochenende.
Angefangen bei der Party am Freitag. Sie hätten kommen
sollen.«
Sie lächelte zurückhaltend, als wüsste sie, dass es keine
Party gewesen war, sondern eine Ein-Mann-Totenwache.
»Ich habe Ihnen einen Kaffee mitgebracht, aber wahrscheinlich ist er inzwischen kalt«, sagte sie.
»Danke.«
Ich griff nach dem Becher, auf den sie gedeutet hatte,
und er war in der Tat kalt. Aber das Gute an unserer Cafeteria war, dass man kostenlos Nachschub holen konnte –
wenigstens das hatten sie noch nicht abgeschafft.
»Wissen Sie was«, sagte ich. »Ich schau mal kurz bei der
Ressortleitung rein, ob sich irgendwas tut, und wenn nicht,
holen wir uns frischen Kaffee und überlegen uns, wie wir
die Übergabe gestalten.«
Damit ließ ich sie allein und ging zum Schreibtisch des
Ressortchefs. Auf dem Weg dorthin machte ich an der Telefonzentrale halt. Sie stand, erhöht wie ein Wasserwachtausguck, mitten im Newsroom, damit die Telefonistinnen
den ganzen Raum im Blick hatten und sehen konnten, wer
an seinem Platz war und Anrufe entgegennehmen konnte.
Ich blieb seitlich davon stehen, sodass eine der Telefonistinnen nach unten schauen und mich sehen konnte.
Es war Lorene, die am Freitag Dienst gehabt hatte. Sie
hob einen Finger, um mir zu verstehen zu geben, ich solle
35
warten. Sie stellte kurz zwei Anrufe durch, dann zog sie die
linke Seite ihres Headsets von ihrem Ohr.
»Ich habe nichts für Sie, Jack«, sagte sie.
»Ich weiß. Ich habe nur wegen Freitag noch eine Frage.
Sie haben am späten Nachmittag eine Frau zu mir durchgestellt, eine Wanda Sessums. Haben Sie vielleicht noch
ihre Telefonnummer? Ich habe vergessen, sie danach zu
fragen.«
Lorene schob ihr Headset wieder zurück und kümmerte
sich um einen weiteren Anrufer. Dann sagte sie mir, ohne
das Headset wieder abzunehmen, dass sie die Nummer
nicht habe. Sie habe sie nicht notiert, und die Telefonanlage speichere nur die letzten fünfhundert eingegangenen
Anrufe. In der Zentrale würden täglich allerdings an die
tausend Anrufe eingehen. Ob ich es schon bei der Auskunft
versucht hätte.
Ich hatte die Auskunft bereits von zu Hause aus angerufen und wusste, dass es keinen Eintrag für eine Wanda
Sessums gab. Ich dankte ihr und ging zum Tisch der Lokalredaktion weiter.
Im Moment war Dorothy Fowler die Leiterin der Lokalredaktion. Es war einer der unsichersten Posten bei der Zeitung, eine Stellung, die sowohl politische als auch praktische
Komponenten hatte und unausweichlich einen Schleudersitz eingebaut zu haben schien. Fowler war eine enorm
gute Hauptstadtkorrespondentin gewesen und versuchte
sich erst seit acht Monaten darin, die Lokalreportertruppe
zu befehligen. Ich drückte ihr ehrlich die Daumen, wusste
aber auch, dass es angesichts der Budgetkürzungen und
der vielen leeren Kojen in der Redaktion sehr schwer sein
würde, erfolgreich zu arbeiten.
Fowler hatte zwar ein kleines Büro in der Reihe aus Glas,
36
doch normalerweise war sie an einem Schreibtisch an der
Spitze der Formation aus Tischen anzutreffen, an denen
die ganzen Aces saßen, die Assistant City Editors, die stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion.
Alle Reporter der Lokalredaktion waren einem Ace zugeteilt, der ihr nächsthöherer Vorgesetzter in Sachen Richtungsvorgaben und Planung war. Mein Ace war Alan
Prendergast, der für die Polizei- und Gerichtsreporter zuständig war. Aus diesem Grund hatte er eine relativ späte
Schicht und kam in der Regel nicht vor Mittag in die Redaktion, weil die Nachrichten aus dem Polizei- und Justizsektor in den meisten Fällen erst spät am Tag eingingen.
Das hieß, dass ich mich zu Beginn meines Arbeitstags
normalerweise zuerst bei Dorothy Fowler oder ihrem Stellvertreter, Michael Warren, meldete. Ich versuchte immer,
Fowler zu erwischen, weil sie die Ranghöhere war und ich
mit Warren nicht auskam. Lange, bevor ich zur Times gekommen war, hatte ich in Denver bei der Rocky Mountain
News mit Warren um eine interessante Story konkurriert.
Weil er sich damals nicht korrekt verhalten hatte, vertraute
ich ihm nicht mehr.
Dorothys Blick klebte am Bildschirm, und ich musste
sie beim Namen rufen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Weil wir seit meiner Kündigung noch nicht miteinander gesprochen hatten, schaute sie sofort mit einem mitfühlenden Stirnrunzeln zu mir auf, mit dem man sonst
vielleicht jemanden bedächte, von dem man gerade erfahren hatte, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte.
»Kommen Sie kurz zu mir rein, Jack.« Sie stand auf und
ging in ihr selten benutztes Büro. Sie setzte sich an ihren
Schreibtisch, aber ich blieb stehen, denn ich wusste, es würde nicht lang dauern.
37
»Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie uns hier sehr fehlen werden, Jack.«
Ich nickte zum Dank.
»Angela wird meinen Platz sicher problemlos übernehmen.«
»Sie ist sehr gut, und sie ist hoch motiviert, aber sie hat
nicht das nötige Format. Noch nicht jedenfalls, und genau
das ist das Problem. Die Zeitung sollte der Wachhund der
Allgemeinheit sein, und jetzt überlassen wir diese Aufgabe
den Küken. Nehmen Sie doch nur mal die journalistischen
Glanzleistungen, die wir zu unseren Lebzeiten gesehen haben. Die aufgedeckte Korruption, der Nutzen für die Öffentlichkeit. Wer soll das künftig gewährleisten, wenn jede
Zeitung des Landes personell immer mehr gestutzt wird.
Die Regierung? Dass ich nicht lache. Das Fernsehen, die
Blogs? Nie im Leben. Ein Freund von mir, der sich in Florida hat abfinden lassen, unkt schon die ganze Zeit, dass
die Korruption die neue Wachstumsbranche wird, wenn
die Zeitungen nicht mehr nach dem Rechten sehen.«
Sie machte eine Pause, wie um über diese traurigen Zustände nachzudenken.
»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Jack. Ich bin nur
deprimiert. Angela ist super. Sie wird gute Arbeit leisten,
und in drei, vier Jahren wird sie dieses Ressort ausfüllen,
wie Sie es jetzt ausfüllen. Aber die Sache ist doch die: Wie
viele Storys wird sie bis dahin verpassen? Und wie viele davon wären Ihnen nicht entgangen?«
Ich zuckte nur mit den Achseln. Das waren Fragen, die
nur noch sie betrafen, aber nicht mehr mich. In zwölf Tagen stand ich auf der Straße.
»Tja«, sagte sie nach längerem Schweigen. »Es tut mir
wirklich leid. Ich habe immer gern mit Ihnen gearbeitet.«
38
»Ein bisschen Zeit bleibt mir ja noch. Vielleicht stoße ich
ja zum Abschied noch auf was richtig Gutes.«
Sie lächelte strahlend.
»Das wäre super!«
»War heute schon irgendwas?«
»Nichts Weltbewegendes«, sagte Dorothy. »Auf dem
Overnote habe ich gerade gesehen, dass sich der Polizeichef
mit Schwarzenführern trifft, um wieder über rassisch begründete Kriminalität zu sprechen. Aber das haben wir
schon zu Tode geritten.«
»Dann werde ich Angela ins Parker Center mitnehmen
und sehen, ob sich dort etwas ergibt.«
»Gut.«
Wenige Minuten später füllten Angela Cook und ich unsere Kaffeebecher nach und setzten uns in der Cafeteria an
einen Tisch. Sie befand sich im Erdgeschoss, dort, wo sich
jahrzehntelang die alten Rotationsmaschinen gedreht hatten, bevor die Herstellung ausgelagert worden war. Die Unterhaltung mit Angela war steif. Ich hatte sie nur flüchtig
kennengelernt, als sie vor sechs Monaten eingestellt worden war und Fowler sie in der Redaktion herumgeführt
hatte. Seitdem hatte ich mit ihr weder an einem Beitrag gearbeitet noch zu Mittag gegessen oder Kaffee getrunken
oder sie in einer der Bars gesehen, die von den älteren Redaktionsmitgliedern frequentiert wurden.
»Woher kommen Sie ursprünglich, Angela?«
»Aus Tampa. Ich habe an der University of Florida studiert.«
»Gute Uni. Journalismus?«
»Ja, den Master.«
»Haben Sie schon mal als Polizeireporterin gearbeitet?«
»Bevor ich auf die Uni zurück bin, um meinen Master zu
39
machen, habe ich zwei Jahre in St. Pete gearbeitet. Eines davon im Polizeiressort.«
Ich nahm einen Schluck Kaffee, und ich brauchte ihn.
Mein Magen war leer, denn ich hatte vierundzwanzig Stunden lang nichts bei mir behalten können.
»In St. Petersburg? Wie muss man sich das vorstellen?
Ein paar Dutzend Morde im Jahr?«
»Mit viel Glück.«
Sie lächelte angesichts der Ironie. Ein Polizeireporter
wünscht sich immer einen guten Mord, über den er schreiben kann. Das Glück des Reporters ist jemand anderes
Pech.
»Tja«, sagte ich. »Wenn es hier in L. A. unter vierhundert
sind, sprechen wir von einem guten Jahr. Einem wirklich
guten. Los Angeles ist die Stadt, wenn man als Polizeireporter arbeiten will. Wenn man Mordstorys erzählen will.
Wenn Sie das allerdings nur als Übergangslösung betrachten, bis Sie das nächste Ressort zugeteilt bekommen, wird
es Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich spekuliere nicht auf das nächste Ressort. Ich will
das und nichts anderes machen. Ich will Mordstorys schreiben. Ich will Bücher über das alles schreiben.«
Sie hörte sich aufrichtig an. Sie hörte sich an wie ich –
vor langer Zeit.
»Gut«, sagte ich. »Dann nehme ich Sie jetzt mal ins Parker Center mit und stelle Sie dort ein paar Leuten vor.
Hauptsächlich Detectives. Sie werden Ihnen helfen, aber
nur, wenn sie Ihnen trauen. Wenn sie Ihnen nicht trauen,
bekommen Sie nichts als die Presseerklärungen.«
»Wie stelle ich das an, Jack? Wie bringe ich sie dazu, mir
zu trauen?«
40
»Ganz einfach. Seien Sie fair, seien Sie genau. Sie wissen,
was Sie zu tun haben. Vertrauen fußt auf Leistung. Was Sie
vor allem beachten müssen, ist, dass die Cops in dieser
Stadt über ein erstaunliches Netzwerk verfügen. Die Einschätzung eines Reporters spricht sich schnell herum.
Wenn Sie fair sind, werden es alle schnell erfahren. Wenn
Sie einen von ihnen linken, werden es ebenfalls alle erfahren und Sie überall außen vor lassen.«
Meine Direktheit schien ihr peinlich zu sein. Wenn sie
mit Cops zu tun hatte, würde sie sich daran gewöhnen
müssen.
»Und noch etwas«, fuhr ich fort. »Sie haben eine verborgene innere Würde. Natürlich nur die guten. Wenn Sie das
in Ihren Storys berücksichtigen, bringen Sie sie auf jeden
Fall auf Ihre Seite. Halten Sie also nach den entsprechenden Hinweisen Ausschau, nach den kurzen Momenten, in
denen diese Würde aufblitzt.«
»Okay, Jack, das werde ich.«
»Dann werden Sie gut fahren.«
Als wir im Polizeipräsidium im Parker Center unsere Runde machten, schnappten wir in der Abteilung Offen-Ungelöst eine nette kleine Mordstory auf. Die zwanzig Jahre zurückliegende Vergewaltigung und Ermordung einer älteren
Frau war aufgeklärt worden, nachdem DNA-Spuren, die
1989 am Opfer gefunden worden waren, im Archiv ausgegraben und in die nationale Datenbank für Sexualverbrechen eingegeben worden waren. So eine Übereinstimmung
nannte man einen kalten Treffer. Die am Opfer gefundene
DNA stammte von einem Mann, der wegen versuchter Vergewaltigung in Pelican Bay einsaß. Die Ermittler in dem
kalten Fall würden die nötigen Beweise zusammentragen
41
und Anklage erheben, bevor der Kerl auf eine vorzeitige
Entlassung plädieren konnte. Weil der Übeltäter bereits
hinter Gittern saß, war das Ganze nicht so wahnsinnig aufregend, aber einen Dreißigzeiler gäbe es schon her. Die
Leute lesen gern Meldungen, die ihnen das Gefühl vermitteln, dass böse Menschen nicht auf ewig ungestraft davonkommen. Vor allem in wirtschaftlich schlechten Zeiten,
wenn es so einfach ist, zynisch zu sein.
Als wir in die Redaktion zurückkamen, bat ich Angela,
die Meldung zu schreiben – ihren ersten Beitrag im neuen
Ressort. Währenddessen versuchte ich, Wanda Sessums
ausfindig zu machen, meine aufgebrachte Anruferin vom
vergangenen Freitag.
Weil ihr Anruf bei der Times nicht registriert worden war
und eine Anfrage bei der Auskunft ergeben hatte, dass es in
ganz L. A. keinen Eintrag auf eine Wanda Sessums gab, rief
ich Detective Gilbert Walker vom Santa Monica Police Department an. Er leitete die Ermittlungen im Mordfall Denise Babbit, die zur Verhaftung Alonzo Winslows geführt
hatten. Es war eine Art ›kalter‹ Anruf, denn ich hatte keine
Beziehung zu Walker. Santa Monica, eine relativ sichere
Küstengemeinde zwischen Venice und Malibu, tauchte auf
meinem Nachrichtenradar nicht allzu oft auf. Es gab dort
sehr viele Obdachlose, aber kaum Morde. Die Polizei ermittelte jedes Jahr lediglich in einer Handvoll Mordfällen,
von denen die meisten wenig oder gar keinen Nachrichtenwert hatten. Oft handelte es sich dabei um Leichenbeseitigungen wie bei Denise Babbit. Der Mord wurde irgendwo
anders begangen – zum Beispiel in South L. A. –, und die
Strand-Cops durften die Sauerei dann wegmachen.
Mein Anruf erreichte Walker an seinem Schreibtisch.
Seine Stimme hörte sich durchaus freundlich an, bis ich
42
UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE
Michael Connelly
Sein letzter Auftrag
Roman
eBook
ISBN: 978-3-641-14844-7
Heyne
Erscheinungstermin: Mai 2014
Nach dem Welterfolg „Der Poet“ ein neuer packender Thriller um den Polizeireporter Jack
McEvoy
Nach zwanzig Jahren wird Jack McEvoy als Polizeireporter aus den Diensten der L.A. Times
entlassen. Er erhält eine Frist von zwei Wochen, wenn er seine Nachfolgerin einarbeitet. So
demütigend das Angebot ist, McEvoy geht darauf ein. Er will seine letzte große Story schreiben:
ein unschuldig unter Mordverdacht stehender Jugendlicher, der als Bauernopfer herhalten soll.
McEvoy will seine neue Kollegin aus der Recherche heraushalten, doch diese will sich profilieren
und bringt damit beide in tödliche Gefahr.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
9
Dateigröße
549 KB
Tags
1/--Seiten
melden