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Immaterielle Werte in der Bilanz – und wenn ja, was - Firmextra

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Wissen
Immaterielle Werte in der
Bilanz – und wenn ja,
was heißt das?
Über die Bedeutung immaterieller
Werte und der ihnen häufig zugrunde liegenden IP-Rechte für Unternehmen und Wissensgesellschaft
herrscht Einigkeit. Die bilanzielle
Behandlung dieser Werttreiber des
21. Jahrhunderts ist dagegen nicht
nur in Deutschland umstritten: Hier
räumt das neue HGB betreffend den
Ansatz selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des
Anlagevermögens ein Wahlrecht ein
und ermöglicht damit deren Bilanzierung dem Grunde nach.
Konkret betrifft dies die Möglichkeit der Aktivierung der Aufwendungen für die Entwicklung des
immateriellen Vermögensgegenstands, wobei Marken, Kundenlisten und vergleichbare selbst
geschaffene Werte weiterhin dem
Ansatzverbot unterliegen. Ähnliche Aktivierungsnormen finden
sich seit längerem in den internationalen und US-amerikanischen
Rechnungslegungsstandards
IFRS bzw. US-GAAP. Umstritten
ist die bilanzielle Abbildung selbst
geschaffener immaterieller Werte
auch bei den Unternehmen selbst,
wie ein Blick in die internationale
Bilanzierungspraxis zeigt. Gerade
in den Branchen, die häufig als
zukunftsweisend gesehen wer-
32
den, wie Chemie oder Pharma,
verzichten Unternehmen häufig
mit dem Verweis auf die Unsicherheit der Realisierung zukünftiger Ergebnisse auf eine entsprechende Aktivierung.
Bilanzielle
Ungleichbehandlung
Demgegenüber steht die grundsätzliche Ansatzpflicht von immateriellen Vermögenswerten, wenn
sie entgeltlich entweder einzeln
oder im Rahmen von Unternehmenszusammenschlüssen oder
-akquisitionen erworben werden. Aus dieser grundsätzlichen
Ungleichbehandlung von selbst
geschaffenen und erworbenen
immateriellen Werten in der externen Rechnungslegung können
deutliche Unterschiede in den
Bilanzen von Unternehmen der
gleichen Branche resultieren.
Unternehmen, die sich vor allem
durch Zukäufe vergrößern, weisen
in der Regel nicht nur zahlenmäßig mehr sondern auch wertmäßig höhere immaterielle Werte in
ihrer Bilanz aus als Unternehmen,
die stärker organisch gewachsen
sind. Dies schlägt sich nicht nur in
Bilanzkennzahlen und -relationen
nieder, sondern hat klare Konsequenzen für das Benchmarking
mit Wettbewerbern oder die multiplikatorbasierte Unternehmensbewertung. Folgeeffekte für die
Finanzierung oder das Rating sind
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Ergebnis- und Bilanzkennzahlen
aufgezeigt, die sich aus der
kontextbezogenen Behandlung
immaterieller Werte in der Bilanz
ergeben. Die Zusammenfassung
der Möglichkeiten und Grenzen
der bilanziellen Abbildung immaterieller Werte sowie eine Empfehlung beschließen den Beitrag.
„Ansatz oder Nichtansatz, das ist die Frage“
Von zentraler Bedeutung für die
Entscheidung über die bilanzielle Daseinsberechtigung für
immaterielle Ressourcen ist die
Begriffsdefinition des immateriellen Vermögensgegenstands
ebenfalls nicht ausgeschlossen,
da sich Ratings regelmäßig auf
quantitative und qualitative Kriterien stützen.
Die Bilanz eines Unternehmens,
einer
Unternehmensgruppe
oder eines Konzerns vermittelt ein Bild der wirtschaftlichen
und finanziellen Verhältnisse des
Betrachtungsobjekts zu einem
bestimmten Stichtag. Nach dem
Willen des Gesetzgebers soll die
Bilanz unter anderem entscheidungsrelevante Informationen für
Investoren und andere Adressaten
bereithalten. Wie jedes andere
Bild auch kann die Bilanz gelesen und dahingehend interpretiert
werden, was der Bilanzersteller
über die finanzielle Position seines Unternehmens im Allgemeinen und über immaterielle Werte
im Speziellen sagen muss, darf
und will. Daher setzt eine sinnvolle
Interpretation dessen die Kenntnis
der kontextbezogenen Rahmenbedingungen voraus, nach denen
immaterielle Werte bilanziell angesetzt und bewertet werden (dürfen). Den Themen des Ansatzes
und der Bewertung von immateriellen Werten im Fall der Selbsterstellung und des Erwerbs wird
in den folgenden zwei Abschnitten unter Berücksichtigung deutscher, internationaler und USamerikanischer Rechnungslegungsstandards nachgegangen.
Im Anschluss werden beispielhaft
mögliche Auswirkungen auf die
der Wertermittlung geschuldet ist.
Mangels entsprechender gesetzlicher Bestimmungen ist für die
Beurteilung, ob ein immaterieller
Vermögensgegenstand nach HGB
vorliegt, die herrschende Meinung
in Literatur und Rechtsprechung
heranzuziehen. Diese stellt auf die
Einzelverwertbarkeit der Ressource ab. Dieser Begriff beinhaltet
neben der Veräußerbarkeit auch
die eigene Nutzung oder die Nutzungsüberlassung des immateriellen Vermögensgegenstands an
Dritte. Der für die deutsche Konzernrechnungslegung maßgebliche DRS 12 versucht in seiner
Definition eines immateriellen Vermögensgegenstands bereits den
des zukünftigen wirtschaftlichen
Nutzens ab. Was heißt das nun
für den bilanziellen Ansatz immaterieller Werte?
Entgeltlicher Erwerb
immaterieller Werte
Im Fall des Einzelerwerbs nehmen
die Rechnungslegungsstandards
die Einzelverwertbarkeit ebenso
als erfüllt an wie die Ansatzkriterien des wahrscheinlichen Nutzenzuflusses und die verlässliche
Schätzung der Akquisitionskosten. Entgeltlich erworbene Einzelwerte sind daher aktivierungspflichtig. Ihr Ansatz erfolgt nach
HGB, IFRS und US-GAAP grund-
„Ich kann nichts dafür, dass meine Bilder sich nicht verkaufen lassen.
Aber es wird die Zeit kommen, da die Menschen erkennen, dass sie
mehr wert sind als das Geld für die Farbe.“ Vincent van Gogh
und weiterer Ansatzkriterien. Die
Definition eines immateriellen Vermögensgegenstands nach HGB
unterscheidet sich, wie der Begriff
bereits ahnen lässt, von der eines
immateriellen Vermögenswerts
nach IFRS oder US-GAAP. Fraglich ist jedoch, ob die formal sich
unterscheidenden Definitionen
der Rechnungslegungsstandards
zu faktischen Unterschieden bei
der Aktivierung in der Bilanzierungspraxis führen (müssen).
Schließlich lässt sich, so auch die
Schmalenbach-Gesellschaft für
Betriebswirtschaftlehre e.V., die
jüngste Änderung des HGB als
Maßnahme zur Übereinstimmung
von nationaler und internationaler
Rechnungslegung interpretieren.
In der Tat zeigt die Bilanzierungspraxis bei Unternehmenserwerben nach DRS 4, IFRS 3 und
SFAS 141R, dass die Konturen
zwischen „Gegenstand“ und
„Wert“ von einzelnen Ausnahmen
abgesehen verschwimmen, was
letztendlich den weiteren Ansatzkriterien, den Wertansätzen und
Brückenschlag zu IAS 38. Danach
handelt es sich um einen identifizierbaren nicht-monetären Wert
ohne physische Substanz. Als
bilanzierungsfähiger Wert muss
die Verfügungsmacht des bilanzierenden Unternehmens aufgrund
eines Ereignisses der Vergangenheit gegeben und ein zukünftiger
wirtschaftlicher Nutzen messbar
vorhanden sein. Das Identifizierungskriterium nach IAS 38 ist
erfüllt, wenn der Vermögenswert
entweder aus vertraglichen Rechten, rechtlich durchsetzbaren
Ansprüchen wie beispielsweise
gewerblichen Schutzrechten entsteht oder separierbar ist. Separierbarkeit im Sinne des Standards liegt vor, wenn der immaterielle Vermögenswert einzeln
oder in Verbindung mit anderen
Vermögenswerten oder Schulden
veräußert, transferiert, vermietet,
lizenziert oder getauscht werden
kann, also grundsätzlich einzelverwertbar ist. US-GAAP stellt wie
IFRS auf die Identität, die Kontrolle und die verlässliche Schätzung
sätzlich zu Anschaffungskosten.
Liegt ein Unternehmenszusammenschluss im Sinne des DRS
4, IFRS 3 oder SFAS 141R vor,
sind die Anschaffungskosten auf
die erworbenen identifizierbaren
Vermögenswerte und Schulden
zu verteilen. Immaterielle Werte
sind getrennt anzusetzen, wenn
sie das Identifizierungskriterium
erfüllen und ihr beizulegender
Zeitwert zuverlässig ermittelt werden kann. Ist ein immaterieller
Vermögenswert separierbar, der
zukünftige Nutzen jedoch nur in
Verbindung mit anderen Vermögenswerten verlässlich schätzbar,
setzt der Erwerber dieses Wertebündel als einen Vermögenswert
getrennt vom Goodwill an.
Selbstgeschaffene
immaterielle Werte
Bei selbst geschaffenen immateriellen Werten räumt das neue
HGB ein Wahlrecht zur Aktivierung von Entwicklungskosten ein,
während IFRS ein Ansatzgebot
IP Manager - Journal for the Knowledge Economy
33
Wissen
vorsieht. Der Ansatz des immateriellen Werts erfolgt dabei nicht
erst mit dessen Fertigstellung,
sondern mit Beginn der Entwicklungsphase, die übereinstimmend
als der Zeitraum begriffen wird, in
der Forschungsergebnisse oder
anderes Wissen für die Neuentwicklung von Gütern oder Verfahren angewendet werden. Anders
als IAS 38 kennt das neue HGB
keine zusätzlichen Ansatzkriterien für Entwicklungskosten.
Dennoch dürften sich daraus in
der Praxis kaum Unterschiede
ergeben. Denn nur ausreichend
dokumentierte Herstellungskosten der Entwicklungsphase sind
aktivierungsfähig, und die Entwicklung muss mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem „Wert“
führen, der Eigenschaften eines
Vermögensgegenstands (siehe
oben) aufweist. IFRS fordert formal noch die Absicht der Fertigstellung und die entsprechenden
liquiden Mittel für dessen Fertigstellung. SFAS 2 untersagt zwar
grundsätzlich den Ansatz von
Aufwendungen für Forschung
und Entwicklung, verlangt auf der
anderen Seite die Aktivierung,
wenn ein Vermögenswert einer
anderen Verwendung zugeführt
werden kann.
Für Kosten der Forschungsphase
sowie für Forschungs- und Entwicklungskosten, die nicht verlässlich voneinander abgegrenzt
werden können, besteht auch
nach HGB und IFRS ein Ansatzverbot. Das Manko, die Herstellungskosten von den Aufwendungen verlässlich abzugrenzen,
die auf den selbst geschaffenen
Geschäfts- und Firmenwert entfallen, ist auch der Grund dafür,
dass selbst geschaffene immaterielle Werte wie Marken, Drucktitel, Verlagsrechte, Kundenlisten
oder vergleichbare Werte, die
nicht entgeltlich erworben wur-
34
den, ausdrücklich vom bilanziellen Ansatz ausgeschlossen
sind. Dies gilt auch für Entwicklungs- oder Organisationskosten
mit Bezug auf Mitarbeiter, die in
vielen Unternehmen die zentralen
Ressourcen darstellen, welche
die übrigen immateriellen Werte
erst entwickeln. Der Mitarbeiterstamm stellt nach HGB, IFRS
oder US-GAAP keinen ansatzfähigen Vermögensgegenstand
bzw. -wert dar.
Abschließend bleibt der Hinweis, dass obige Ausführungen
nur einen Überblick über die geltenden Vorschriften verschaffen
immateriellen Vermögenswerten
nach IFRS und US-GAAP wohl
nicht beobachten lassen. Im Vordergrund steht eher die Frage,
wie die bilanzierenden Unternehmen dem Grunde nach mit den
offensichtlichen Spielräumen bei
der Bilanzierung immaterieller
Werte umgehen werden. Bei der
Entscheidung über die Aktivierung selbst geschaffener immaterieller Werte wird der Nutzen
eine Rolle spielen, den sich das
Unternehmen mit der Hebung
entwicklungsbezogener stiller
Reserven verspricht. Die Erfahrung mit IFRS und US-GAAP
bei keinem Sachverhalt scheint
obiges, Warren Buffet zugeschriebenes Zitat mehr Relevanz
zu haben als bei immateriellen
Werten. Denn immaterielle Werte
sind kontextbezogen im eigentlichen Sinne. Während Käufer und
Verkäufer bei Gegenständen des
Sachanlagevermögens Preise
regelmäßig innerhalb einer vergleichsweise kleinen Bandbreite
verhandeln, ist dies bei immateriellen Werten selten der Fall, da
die Wertvorstellungen aufgrund
der intrinsischen Eigenschaften
und sich daraus ergebenden vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten in der Regel sehr weit auseinander fallen.
In der Bilanzierung von Unternehmenserwerben wird diese Fragestellung mit dem Wertkonzept des
beizulegenden Zeitwerts („Fair
Value“) beantwortet. Der beizulegende Zeitwert ist der Betrag,
zu dem ein Vermögenswert zwischen sachverständigen vertragswilligen Dritten und von einander
unabhängigen Vertragspartnern
unter marktüblichen Bedingungen
getauscht wird. Die Marktperspektive soll für die Objektivierung
bei Ansatz und Folgebewertung
sorgen: Welchen Wert misst ein
fremder Dritter zu einem bestimmten Zeitpunkt der immateriellen
Ressource im Rahmen seiner derzeitigen Nutzung bei? Die subjektive Meinung des Käufers und des
Verkäufers tritt in den Hintergrund
und damit auch die Frage nach
dem Wertpotential, das die immaterielle Ressource darüber hinaus
oder in einem anderen Nutzungskonzept haben könnte. Der Fair
Value ist eben kein strategischer
Wert, kein subjektiver Nutzungswert und auch nicht der Preis, der
für den immateriellen Vermögenswert tatsächlich gezahlt wurde.
Doch wie lässt sich der Fair Value
ermitteln? Der IAS 38 orientiert
Schematische Darstellung der Aktivierung immaterieller Werte
können. Die Vorschriften zum
Ansatz immaterieller Werte sind
im Sinne der Grundprinzipien des
jeweiligen Bilanzrechts auszulegen. Für bestimmte immaterielle Werte gelten Sonderregeln,
wie z.B. für die Erstellung einer
Website nach SIC 32 oder für
Entwicklung von Software nach
SFAS 86. Nicht nur aufgrund der
Kontextabhängigkeit von immateriellen Werten scheint daher eine
branchenbezogene Behandlung
durchaus sinnvoll.
In vielen Fällen wird sich eine
unterschiedliche Behandlung
von immateriellen Vermögensgegenständen nach HGB sowie von
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zeigt, dass sich branchenspezifische Konventionen herausbilden. Zudem ist die Beurteilung
der Ansatzfähigkeit mit der (Möglichkeit der) Ermittlung der Herstellungs- bzw. Anschaffungskosten eng verwoben. Dies gilt im
Besonderen bei der Bestimmung
des beizulegenden Zeitwerts im
Rahmen von Unternehmenszusammenschlüssen.
“Price is what you pay,
value is what you get“
Es ist wohl die zentrale Frage der
Wissensgesellschaft: Was ist eine
immaterielle Ressource wert? Und
sich an den bestehenden drei Verfahren für Zwecke der Bewertung
von Unternehmen und stellt folgende Hierarchie zwischen diesen
Verfahren auf:
• Die marktpreisorientierten Verfahren ziehen Marktpreise entweder für den zu bewertenden
Gegenstand selbst oder für
vergleichbare Objekte heran,
um unter Verwendung von
Verhältniskennzahlen (Multiplikatoren) den Fair Value über
unternehmensexterne Wertgrößen abzuleiten.
• Nach den kapitalwertorientierten Verfahren ergibt sich der
Fair Value mittels Diskontierung
der zukünftigen Zahlungsüberschüsse, die dem Eigentümer
während der zukünftig verbleibenden wirtschaftlichen Nutzungsdauer des Vermögenswerts zufließen.
• Die kostenorientierten Verfahren stellen auf die Substanz des
Vermögensgegenstands ab, die
sich entweder anhand von historischen Kosten oder Wiederbeschaffungskosten bemisst.
Der Exposure Draft „Fair Value
Measurement“ des IASB, dessen Zielsetzung es ist, einen
Referenzstandard für die Ermittlung von Fair Values zu schaffen,
definiert eine Informations- und
Datenhierarchie, indem er den
Bewertungsparametern bestimmte Verlässlichkeitsgrade zuweist.
Beobachtbare, sich unmittelbar
oder mittelbar aus dem Markt
ergebende Daten erhalten den
Vorzug gegenüber nicht beobachtbaren subjektiven Daten des
Managements. Die marktbetonte
Sichtweise findet sich bereits in
dem gleichnamigen SFAS 157.
Marktpreisorientierte Verfahren
und Daten werden jedoch bei der
Messung von immateriellen Werten nur in Ausnahmefällen zur
Anwendung kommen, da es die-
sen häufig an einem beobachtbaren Preis auf einem aktiven
Markt für das betrachtete Objekt
fehlt. Dessen Einzigartigkeit bzw.
Kontextgebundenheit versperrt
zudem regelmäßig den Weg, Analogien auf Basis beobachtbarer
Transaktionen für ähnliche Werte
herzustellen.
Die Wertbestimmung auf einer
kostenorientierten Grundlage ist
nur in den seltenen Fällen geeignet, in denen der Verzehr von Ressourcen den Fair Value des immateriellen Vermögenswerts auch
tatsächlich reflektiert. Vor diesem
Hintergrund dürfte die Bewertungspraxis zu dem Schluss
gelangen wie der an betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten
orientierte IDW Standard: Grundsätze zur Bewertung immaterieller
Vermögenswerte vom 12. Juli 2007
(IDW S 5), der den Bewertungsmethoden den Vorzug einräumt,
die zu den kapitalwertorientierten
Verfahren zählen. Der Marktperspektive wird dabei, sofern möglich, durch die Wahl der Parameter
Rechnung getragen.
Die kapitalwertorientierten Verfahren stellen auf die Vorteilhaftigkeit
ab, die das Unternehmen aufgrund
des Besitzes des immateriellen
Werts erzielen kann. Sie „akzeptieren“, dass der „Wert“ dieser
Ressource von dem zukünftigen
finanziellen Nutzen abhängt, der
erst durch das Zusammenspiel mit
anderen materiellen und immateriellen Ressourcen realisiert werden
kann. Die jeweilige Methode ist
eine Vorgehensweise, nach der
die für die Bewertung des immateriellen Werts heranzuziehenden
Zahlungsströme aus den im Verbund erzielbaren Zahlungsströmen herausgelöst werden.
Wird von dem eindeutigen Fall
abgesehen, dass einem immateriellen Vermögenswert Zahlungsüberschüsse direkt zugeordnet
IP Manager - Journal for the Knowledge Economy
35
Wissen
werden können, wie beispielsweise im Fall der Lizenzierung
an einen fremden Dritten, gibt es
drei methodische Grundformen,
die Mehrgewinnmethode, die
Lizenzpreisanalogiemethode und
die Residualwertmethode (siehe
Kasten). Methodenunabhängig
sind die vermögenswertbezogenen Zahlungsüberschüsse durch
Diskontierung in einen Barwert zu
transformieren. Die anzusetzende
Renditeforderung berücksichtigt
den Zeitwert des Geldes sowie
das Risikomuster der künftigen
Zahlungsüberschüsse. In der
praktischen Umsetzung erfolgt
dies mittels der gewogenen Kapitalkosten (Weighted Average Cost
of Capital oder kurz WACC), die
aus einer Gruppe vergleichbarer Unternehmen („Peer Group“)
des erworbenen Unternehmens
abgeleitet werden. Die Bestimmung der Renditeforderung mittels WACC impliziert, dass die
zugeordneten Zahlungsströme
ein Risikomuster aufweisen, das
dem durchschnittlichen Risikomuster der Zahlungsströme der
Unternehmen der Peer Group entspricht. Um davon abweichende
Risikomuster abzubilden, werden
in der Praxis Zu- und Abschläge
vorgenommen, die regelmäßig auf
Erfahrungswerten basieren.
Bei der Ableitung des Fair Value
nach dem kapitalwertorientierten Verfahren wird der Barwert
des Vorteils aus der steuerlichen
Abschreibung („Tax Amortization
Benefit“ oder kurz „TAB“) des
immateriellen Vermögenswerts
berücksichtigt. Der TAB wird
zum Barwert der Zahlungsströme hinzu addiert und zwar unabhängig von der Strukturierung
36
Durch die Zukunftsbezogenheit
der Analysen und die Unsicherheit, die damit zwangsläufig verbunden ist, erhält die Bewertung
aller Objektivierungen zum Trotz
immer auch einen subjektiven
Bezug. „Absolutheit“ gibt es in
der Welt der immateriellen Werte
nicht. Welche Konsequenzen
haben nun Ansatz und Bewertung
für die Interpretation der Bilanzen
und weiterer Finanzdaten?
Kapitalwertorientierte Methoden
zur Ermittlung des Fair Value
• Die Mehrgewinnmethode schätzt den konkreten Mehrwert, der durch
den immateriellen Vermögenswert generiert wird. Dieser kann sich
durch höhere Preise, höhere Absatzmengen oder Kosteneinsparungen konkretisieren. In der Alternativbetrachtung wird dabei der
vollständige Verzicht auf die Nutzung des konkreten immateriellen
Werts unterstellt. Die Herausforderung in der Anwendung liegt darin,
den Mehrumsatz aus der Verwendung des immateriellen Werts bzw.
die spezifischen Kostenersparnisse von produkt- oder prozessbezogenen Cash Flows zu isolieren. Diese Bewertungsmethode ist
grundsätzlich für die Wertermittlung von Marken, Technologien und
Wettbewerbverboten geeignet.
• Die Lizenzpreisanalogiemethode unterstellt, dass sich der zu bewertende immaterielle Wert im Eigentum eines Dritten befindet. Insofern
werden die Lizenzgebühren ermittelt, die an den Dritten für die Nutzung zu entrichten wären. Zentrale Parameter sind die relevanten
Umsatzerlöse, der Zeitraum über den diese generiert werden und die
Lizenzrate. Letztere wird aus Lizenzraten abgeleitet, die in vergleichbaren Lizenzverträgen zwischen fremden Dritten beobachtet werden.
Somit weist diese Methode grundsätzlich die gleiche Schwäche auf
wie marktpreisorientierte Bewertungsverfahren. Typische Anwendungsfälle sind Marken und Technologien.
• Dagegen unterstellt die Residualwertmethode, dass ein Unternehmen ausschließlich den einen immateriellen Vermögenswert besitzt.
Diese Methode setzt an dem Zahlungsüberschuss aus dem Absatz
von Produkten oder der Erbringung von Dienstleistungen an, der
durch ein Bündel von Vermögenswerten erwirtschaftet wird und
korrigiert diesen um die operativen Kosten und den Einfluss von
unterstützenden Vermögenswerten wie Sachanlagevermögen und
Working Capital oder auch andere immaterielle Werte durch den
Abzug fiktiver Leasingzahlungen (Contributory Asset Charges). Kundenbeziehungen aber auch Technologien und IPR&D werden typischerweise mit dieser Methode bewertet.
der Transaktion als „asset“ oder
„share deal“. Weder der IFRS 3
noch der SFAS 141R oder der
DRS 4 fordern die Berücksichtigung des TAB explizit, gleichwohl hat sich diese bei der
Ermittlung von Fair Values im
Rahmen von Kaufpreisaufteilungen als Konvention etabliert.
IP Manager - Journal for the Knowledge Economy
Auswirkungen auf
Ergebnisse, Cash Flows
und Kennzahlen
Die Auswirkungen der bilanziellen
Behandlung von Entwicklungskosten auf Ergebnis, Cash Flow
und Kennzahlen lassen sich am
besten anhand eines einfachen
Beispiels verdeutlichen. Unternehmen A GmbH und B GmbH
seien für Darstellungszwecke
identisch und unterscheiden sich
ausschließlich in ihrer Bilanzierung. Die Aktivierung der Entwicklungskosten führt zu höheren
Ergebnisgrößen bei A GmbH. Das
Eigenkapital wird gestärkt und in
der Folge alle eigenkapitalbasierten Kennzahlen. Von Vorteil kann
eine Aktivierung für ein Unternehmen sein, das einen anderen Einblick in die Vermögenslage geben
möchte, dessen Kreditkonditionen von eigenkapitalbasierten
Kennzahlen abhängen oder um
gegebenenfalls die bilanzielle
Überschuldung zu vermeiden.
Auswirkungen auf die Höhe des
Cash Flows ergeben sich jedoch
nicht. Aufgrund der Ausschüttungs- und Abführungssperre in
Höhe der aktivierten Entwicklungskosten nach neuem HGB
Die Ermittlung des beizulegenden
Zeitwerts erfordert demnach eine
Einschätzung in Hinblick auf die
Höhe und Dauer der zukünftigen
Zahlungsströme, die der immaterielle Vermögenswert erzielen kann
sowie die mit diesen behafteten
Risiken und zwar aus der Sicht
eines typischen Marktteilnehmers.
Zentrale Parameter und Werttreiber für die typischen immateriellen Vermögenswerte
gibt es auch keine Unterschiede
in der Ausschüttungsfähigkeit.
Insofern können Unternehmen
indifferent in Hinblick auf die Ausübung des Wahlrechts sein.
In den Folgejahren kehrt sich der
Effekt aus der Aktivierung der
Entwicklungskosten um. Das
Ergebnis der A GmbH wird durch
Abschreibungen belastet. Unter
der Annahme, dass A GmbH die
aktivierten T€70 über zwei Jahre
Beispiel zu den Auswirkungen der bilanziellen Behandlung von Entwicklungskosten auf
Ergebnis, Cash Flow und Kennzahlen
IP Manager - Journal for the Knowledge Economy
37
Wissen
Ergebnis der Kaufpreisaufteilung für A GmbH und B GmbH
abschreiben wird, fallen bei diesem
Unternehmen EBITDA, EBIT und
EBT um T€35 geringer aus als bei
B GmbH. Der Effekt aus latenten
Steuern mindert den negativen
Effekt auf das Jahresergebnis um
T€10 per annum. Direkte Cash
Flow-Effekte gibt es in der Folgebewertung nicht.
Sofern Multiplikatoren zur Bepreisung von Unternehmen herangezogen werden, ist darauf zu achten,
dass der im vorliegenden Beispiel
abgeleitete EBIT-Multiplikator in
Höhe von 4,0 nur bei Unternehmen angewandt werden darf, die
ebenfalls auf eine Aktivierung der
Entwicklungskosten verzichten.
Ansonsten wird das Unternehmen
zu hoch bepreist. Im Folgenden
wird davon ausgegangen, dass
Investoren durch den „Schleier“
der Bilanzierung schauen und die
GmbH-Anteile beider Unternehmen
für jeweils T€900 erwerben; beide
Unternehmen haben die gleiche
erwartete Ertragskraft. Die Bilan-
38
zierung kann und sollte theoretisch
die fundamentale Bewertung der
Unternehmen nicht beeinflussen.
Im Rahmen der Kaufpreisaufteilung,
die vom Erwerber durchzuführen
ist, werden als immaterielle Werte
Marken, Patente und sogenannte
In-Process Research & Development („IPR&D“)-Projekte identifiziert. Unter der Annahme, dass
es keine weiteren stillen Reserven
in den beiden Unternehmen gibt,
stellt sich das Ergebnis der Kaufpreisaufteilung für A GmbH und B
GmbH wie folgt dar (siehe Kasten).
Im Rahmen des Unternehmenserwerbs nach DRS 4, IFRS 3 oder
SFAS 141R sind alle erworbenen
Vermögenswerte und Schulden mit
ihrem beizulegenden Zeitwert in der
Bilanz des Erwerbers anzusetzen.
Etwaig vor Transaktion bestehende bilanzielle Unterschiede werden
durch die Marktperspektive nivelliert.
Die konsolidierte Bilanz des Erwerbers vermittelt von dem Zeitpunkt
IP Manager - Journal for the Knowledge Economy
des Erwerbs an ein gemischtes
Bild: zum einen die fortgeführten Buchwerte des bestehenden
Geschäfts und zum anderen die
beizulegenden Zeitwerte des
erworbenen Geschäfts. Was das
heißt, mag sich der Leser anhand
des Zusammenschlusses von zwei
Pharma-Unternehmen verdeutlichen. Während die MedikamentenPipeline des Käufers entweder gar
nicht oder in Höhe der Entwicklungskosten aktiviert ist, steht die
Pipeline des erworbenen Unternehmens je nach Entwicklungsstufe mit den Zukunftserfolgsgrößen
auf der Basis von Barwerten in den
Büchern.
In der Folge werden die erworbenen Marken und Patente wie alle
anderen Gegenstände des Anlagevermögens über ihre jeweilige
Restnutzungsdauer abgeschrieben und belasten entsprechend
die Unternehmensergebnisse. Die
Nutzungsdauer richtet sich sowohl
nach den rechtlichen als auch wirtschaftlichen Gegebenheiten dieser
gewerblichen Schutzrechte. Ist der
tatsächliche Wertverzehr geringer als die Abschreibung, bilden
sich stille Reserven. Bei IPR&D als
noch nicht in Gebrauch befindliche immaterielle Vermögenswerte
ist bis zu deren Fertigstellung wie
bei immateriellen Vermögenswerten mit unbestimmter Nutzungsdauer sowie Goodwill nach IFRS
jährlich eine Werthaltigkeitsprüfung
durchzuführen. Nach US-GAAP ist
IPR&D dagegen aufwandswirksam
zu erfassen und belastet somit das
Periodenergebnis.
Ansatz von selbst geschaffenen
immateriellen Werten in der Bilanz
auf die Aktivierung von Entwicklungskosten beschränkt. Im Fall
des entgeltlichen Erwerbs besteht
Ansatzpflicht. Das Heben von stillen Reserven wie immateriellen
Werten im Sinne des Bilanzansatzes ist damit nur im Rahmen einer
entgeltlichen Transaktion möglich.
Die Bilanz vermittelt dem Adressaten ein Bild der finanziellen Position des Betrachtungsobjekts zu
einem bestimmten Stichtag. Sie
erzählt die Geschichte von vergangenen Geschäftsvorfällen und
erlaubt nur sehr bedingt einen Blick
in die Zukunft. Für Management,
Investoren und Kapitalgeber zählen jedoch die Höhe, der Zeitpunkt
und das Risiko von zukünftigen
Zahlungsströmen, die das Unternehmen mit seinen Ressourcen
laut Unternehmensplanung erwirtschaften kann. Optimalerweise
richten sich hiernach Mittelallokation und Art der Finanzierung. Die
kapitalwertorientierten Methoden
zur Messung immaterieller Werte
ermöglichen eine Analyse künftiger Zahlungsströme eines Unternehmens dahingehend, ob und in
welchem Umfang sich diese Zahlungsströme selbst geschaffenen
immateriellen Werten wie Marken,
Technologien oder Kundenbeziehungen zuordnen und damit
belastbar, d.h. als im Unternehmen angelegt, begründen lassen.
Zahlungsströme, die auf konkret
definierten immateriellen Werten
gründen, haben ceteris paribus
ein geringeres Risiko als Zahlungsströme, die beispielsweise
mit dem pauschalen Verweis auf
zukünftige Marktanteile begründet
werden und dem Goodwill zuzuordnen sind. Letzterem ist regel-
Quintessenz
Trotz der jüngsten Änderungen in
der Rechnungslegung bleibt der
mäßig ein höheres Risiko inhärent,
das sich in höheren Kapitalkosten
ausdrücken sollte. Insofern liefert
die Rechnungslegung wertvolle Anregungen, wie das Thema
immaterieller Werte für Zwecke
der Unternehmensstrategie und
-steuerung sowie der Finanzierung weiterentwickelt werden
kann – wenn auch außerhalb der
Bilanz.
Weiterführende Literatur:
[1] Adler/Düring/Schmaltz: Rechnungslegung
und Prüfung der Unternehmen. 6. Auflage,
1998, §246.
[2] Ballwieser/Beyer/Zelger (Hrsg.): Unternehmenskauf nach IFRS und US-GAAP. 2. Ausgabe. Schäffer Poeschel 2008.
[3] Castedello: Fair Value Measurement – Der
neue Exposure Draft 2009/5. In: Die Wirtschaftsprüfung, Heft 18/2009, S. 914-917.
[4] Kahle/Haas: Herstellungskosten selbst
geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens. In: Die Wirtschaftsprüfung, Heft 1/2010, S. 34-39.
[5] Laubach/Kraus/Bornhofen: Zur Durchführung der HGB-Modernisierung durch das
BilMoG: Die Bilanzierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände. In:
Der Betrieb, Beilage 5 zu Heft 23/2009, Seite
19-24.
[6] Lev: Sharpening the Intangibles Edge. Harvard Business Review, June 2004, S. 109-116.
[7] Mard/Hitchner/Hyden: Valuation for Financial Reporting – Intangible Assets, Goodwill,
and Impairment Analysis, SFAS 141 and 142.
2. Ausgabe. Wiley 2008.
[8] Schmalenbachgesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.: Leitlinien zur Bilanzierung
selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens nach
dem Regierungsentwurf des BilMoG. In: Der
Betrieb, Heft 34/2008, Seite 1813-1821.
[9] Weikert: The IP-Manager and mergers &
acquisitions: Measuring and accounting for
intangible assets in business combinations. In:
Wurzer (Hrsg.): IP-Manager. Heymanns 2009,
S. 75-79.
Verwendete
standards:
Rechnungs-
Deutscher Rechnungslegungs Standard Nr.
4 (DRS 4) des Deutschen Standardisierungsrates (DSR) „Unternehmenserwerbe im Konzernabschluss“
Deutscher Rechnungslegungs Standard Nr. 12
(DRS 12) des Deutschen Standardisierungsrates (DSR) „Immaterielle Vermögenswerte des
Anlagevermögens“
Entwurf einer Fortsetzung von IDW S 5: Grundsätze zur Bewertung immaterieller Werte (IDW
S 5): Besonderheiten bei der Bewertung von
kundenorientierten immateriellen Werten vom
10. August 2009
Exposure Draft Fair Value Measurement
(ED/2009/5)
IDW Standard: Grundsätze zur Bewertung
immaterieller Vermögenswerte (IDW S 5) vom
12. Juli 2007
International Accounting Standard 36 Impairment of Assets
International Accounting Standard 38 Intangible Assets
International Financial Reporting Standard 3
Business Combinations
Statement of Financial Accounting Standards
No. 141R Business Combinations
Statement of Financial Accounting Standards
No. 142 Goodwill and Other Intangible Assets
Statement of Financial Accounting Standards
No. 157 Fair Value Measurements
Über die Autorin
Dr. Dorit Weikert,
MBA (USA), CFA, ist
Senior Manager bei
KPMG AG WPG in
Düsseldorf/Köln. Die
Schwerpunkte ihrer
Tätigkeit liegen in den
Bereichen Planung,
Unternehmensbewertung und transaktionsorientierte Beratung sowie Bewertung immaterieller Vermögenswerte. Sie ist Lehrbeauftragte am
CEIPI der Universität Strasbourg.
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